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Kees Doorik

Georges Eekhoud: Kees Doorik - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorGeorges Eekhoud
titleKees Doorik
publisherInsel-Verlag Leipzig
year1981
illustratorUlrike Triebel
firstpub1918
translatorTony Kellen
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140423
projectid54a7be6a
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Pütte liegt mitten auf der Grenze und besteht aus drei Weilern, von denen zwei belgisch sind – der eine gehört zur Cappellener, der andere zur Stabroecker Gemeinde –, während der dritte holländisch ist. Die Landstraße von Bergen-op-Zoom bildet die Hauptstraße des Dorfes. Man bemerkt fast nicht, daß nahe bei der Kirche und dem belgischen Zollamt ein farbiger Pfahl steht, der die Grenze zwischen den beiden Ländern bezeichnet. Man ist schon auf holländischem Boden, und man findet noch keinen Unterschied. Dort wie hier sind die Häuser überall niedrig und sauber; die Sprache und die Ausdrucksweise ist dieselbe. Auch die Typen sind nicht verschieden. Es sind die gewöhnlichen Physiognomien aus der Gegend der Unterscheide, die starken, ziegelfarbigen Gesichter, das eckige Kinn, die träumerischen Augen, der langsame, gemessene Gang. Die holländischen Frauen kleiden sich wie die in den Kempen. Bei den Männern fangen die Hosen aus Baumwollsammet an, sich oben zu erweitern, und blau ist auch die Lieblingsfarbe der holländischen Brabanter, während die nördlichen Antwerpener die schimmernden braunen Töne, kastanienbraun und braunrot, vorziehen.

Gegenüber der holländischen katholischen Kirche, die zweihundert Meter von der Grenze entfernt liegt und ebenso häßlich ist wie die des belgischen Pütte, erhebt sich auf dem Platz eine eherne Büste, eine strahlende, blühende Figur von energischem Ausdruck. Der Untersatz schließt einen Grabstein ein, der mehrere Jahrhunderte älter ist als das Denkmal. Es ist die Büste und das Grab Jakob Jordaens'. Dieser Künstler war – ein Opfer der religiösen Verfolgung – unter der spanischen Herrschaft verbannt worden und später bis zur Grenze seines Vaterlandes zurückgekehrt, um dort zu sterben. Da die katholische Intoleranz ihn noch nach dem Tode verfolgte, so wurden die Überreste des Lutheraners aus dem geweihten Feld verwiesen und am Rand des Kirchhofs begraben.

Heute ruhen die Gebeine des Verworfenen noch immer außerhalb des gesegneten Raumes. Aber was kümmert den meisterhaften Maler der Bambocciaden, den flämischen Freund der Kirmessen, den Bewunderer des üppigen Kults der Materie, den Sänger der dicken Bäuche, der mächtigen Fässer und der roten, freudigen Gesichter der Biertrinker dieser Ostrazismus! An dem Ort, wo seine langhaarige Büste thront, die von Jef Lambeaux, dem jordaenesken Bildhauer, so nervig gemodelt wurde, findet Jordaens einmal im Jahr den kühnen, ungezwungenen Ausdruck des ländlichen Lebens wieder und wohnt noch einmal den Trink- und Eßgelagen bei, aus denen vor dreihundert Jahren sein Pinsel lebendige Kraft schöpfte.

Die Pütter Kirmes, die letzte des Jahres in der Antwerpener Provinz, ist eher noch als das St. Dionysiusfest, an dem der orthodoxe Patron des Fleckens gefeiert wird, eine massenhafte Pilgerfahrt, die zu Ehren des glorreichen Ketzers veranstaltet wird.

Sowohl der holländische als auch der belgische Teil des Dorfes lebt das ganze Jahr hindurch ruhig in den Tag hinein. Ein Schmuggler, der von den Zollwächtern festgenommen wird, Landstreicher, die über die Grenze kommen, der Durchritt von Gendarmen, die Wilddiebe oder ausgewiesene Vagabunden verfolgen, eine Bande Zigeuner, Kesselflicker oder Bärenführer, die an die Grenze zurückgeführt werden, oder, was allerdings noch seltener ist, ein Messerstreit zwischen Flamen und Holländern, das sind die einzigen Ereignisse, die den regelmäßigen Lebenslauf der Fuhrleute, Holzhändler, Handwerker und der wenigen Pächter, welche die Bevölkerung dieses Ortes bilden, unterbrechen. Sobald aber die Kirmes kommt, wird dieser verlorene, traurige Winkel während dreier Tage, vom Sonntag bis zum Mittwoch, der Schauplatz eines ausgelassenen Karnevals und der Sammelort von tausend Kirmesgecken aus den Städten und Dörfern im Umkreis von fünf Stunden.

Die Ankommenden können nur mit Mühe auf der Straße, auf der die Messe aufgeschlagen ist, vorwärts dringen. Zwischen zwei Reihen von Baracken und Krambuden wogt und drängt und tummelt sich eine bunte Menge, die durch den weiten Gang und das viele Essen und Trinken aufgeregt ist. Die Wagen sind gezwungen, am Eingang des Dorfes auszuspannen, obschon die wilden Insassen dem Kutscher das Recht bezahlt zu haben glauben, einige Fußgänger zu überfahren.

Man wird ganz betäubt von dem Höllenlärm, den die wimmelnde Menge macht. Und dazu ertönen noch Trommeln, Gongongs, Klingeln, Tamburine, Schnarren und alle möglichen Instrumente. Hanswurst paradiert, wobei er sein mit Mehl gefärbtes Gesicht den Ohrfeigen und das Hinterteil den Fußtritten darhält. Eine gelbe Lenormand, knochig wie eine Mumie, erklärt mit ihrer prophetischen Rute die außen auf ihrem Häuschen gemalten Symbole. Ein Mann, der Moritaten feilhält, kreischt vor einem Plakat, das die wichtigsten Szenen eines sensationellen Verbrechens darstellt. Die Karussells mit ihren gesprenkelten Pferden, auf denen eine ganze Menge sitzt, drehen sich in schwindelnder Eile.

Die Baracken, die zur Straße hin geöffnet sind, enthalten eine Reihe von Tischen, an denen die Fresser ganze Schüsseln voll Muscheln verzehren, wobei sie das Löwener Bier nicht vergessen. Anderwärts werden Heringe, Küchlein, Waffeln oder Kartoffeln gebraten. Manche machen sich über die Schellfische her, die noch nach Meerwasser riechen, sie hauen gefräßig mit den Zähnen hinein und verzehren das zähe Fleisch bis zur Gräte. Wenn sie dann nichts anderes mehr zu tun haben, kaufen sie sich Haselnüsse, stecken ganze Hände voll davon in die Tasche, um sie während des Herumbummelns zu knabbern oder die Schalen den ihnen bekannten Mädchen ins Gesicht zu werfen. Die Städter kaufen gewöhnlich holländische Lebkuchen, die mit Orangenschalen und Fruchtstücken besetzt sind. Die gescheiteren von den Bauern kaufen sich nützliche Sachen und bleiben vor den Läden mit Messingwaren, Handwerkssachen, Ackerwerkzeugen, Kleidern oder Schuhen stehen. Kittel, Westen, alte Röcke, abgenützte Uniformen und allerlei andere Kleider baumeln dort an den Stangen. Die Kittel sind aufgeblasen, als steckte der dicke Rücken ihres zukünftigen Besitzers schon darin. Die Sammethosen erinnern an die soliden Glieder und die freien Bewegungen des Feldarbeiters, der sie vielleicht schon bald anziehen wird.

Aus dem wimmelnden Ameisenhaufen erhebt sich ein warmer Geruch, den die feuchte Luft nicht mehr auflösen kann und der durch das Aneinanderstoßen der hin und her Gehenden nur noch vermehrt wird. Ganze Banden von lustigen Zechern jagen in einer Reihe durch die Menge hindurch, wobei sie die Hände auf die Schulter des Vorhergehenden legen oder Arm in Arm die ganze Breite der Straße einnehmen, um mit den anderen Leuten zusammenzustoßen oder wohl auch während des Tumults einem Mädchen einen Kuß geben zu können.

In den Schenken führen die Kupferinstrumente unharmonische Luren auf, nach denen die Bauernpaare schwerfällig herumspringen. Diese scheinbare Schwerfälligkeit wird bald zu wildem Rausche erwachen, denn bei Einbruch der Nacht lassen all die sinnlichen Gelüste sich weniger leicht bezähmen, und von den gesalzenen Fischen und dem geräucherten Fleisch wendet sich der Appetit nach den frischen lebenden Gliedern.

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