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Katharina von Medici

Honoré de Balzac: Katharina von Medici - Kapitel 8
Quellenangabe
typenovelette
authorHonoré de Balzac
titleKatharina von Medici
publisherDiogenes
yearo.J.
isbn3257204809
translatorPaul Hansmann
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Pardaillan, welcher dem wachhabenden Offizier in der Schloßvogtei den Befehl geben wollte, den Gesellen des Kürschners der Königin passieren zu lassen, fand Christoph mit offenem Munde vor der Vorhalle stehen, wo er damit beschäftigt war, die Fassade, welche man dem guten König Ludwig dem Zwölften zu verdanken hat, zu betrachten. Dort befanden sich damals in viel größerer Anzahl als heute – wenn man nach dem wenigen schließen darf, was heute davon übrig ist – drollige Skulpturen. So erblicken die Neugierigen dort eine Frauenfigur, die in das Kapitell einer der Säulen der Tür gehauen ist und mit zurückgestreiftem Kleide spöttisch, was Brunel der Marphisa zeigte, einen dicken Mönch sehen ließ, der auf dem Kapitell der mit dem anderen Türpfosten des Gesimses dieser Tür korrespondierenden Säule niederhockte; über dieser stand damals das Standbild Ludwigs des Zwölften. Mehrere in diesem Geschmack gearbeitete Fenster, die leider zerstört worden sind, belustigten oder schienen Christoph zu belustigen. Die Arkebusiere der Wache ließen bereits ihre Spaße auf, ihn niederprasseln.

»Der würde sich gerne da einquartieren«, sagte der Gefreite, indem er die Ladungen der Hakenbüchse liebkoste, die alle in Form von Zuckerbrot hergestellt waren und an seinem Wehrgehänge bammelten.

»He, Pariser!« sagte ein Soldat, »so etwas hast du wohl noch nie gesehen?«

»Er erkennt den guten König Ludwig den Zwölften wieder«, äußerte ein anderer.

Christoph tat, als hörte er nicht, und suchte sein Erstaunen noch zu übertreiben, so daß seine törichte Haltung vor der Wächterschar in Pardaillans Augen ein ausgezeichneter Freibrief wurde.

»Die Königin ist noch nicht aufgestanden,« erklärte der junge Hauptmann, »komm und erwarte sie im Saal der Garden.«

Christoph folgte Pardaillan ziemlich langsam. Eigens bewunderte er die hübsche als Arkade ausgeschnittene Galerie, wo unter Ludwigs des Zwölften Herrschaft die Höflinge auf die Empfangsstunde im Trocknen warteten, wenn es schlechtes Wetter war. Nun hielten sich hier einige den Guisen anhängende Edelleute auf, denn die in unseren Tagen so gut erhaltene Treppe, die zu ihren Gemächern führte, befindet sich am Ende dieser Galerie in einem Turme, dessen Architektur sich der Bewunderung der Neugierigen empfiehlt.

»Nun, bist du etwa gekommen, um Bildhauerstudien zu machen?« rief Pardaillan, als er sah, wie Lecamus vor den hübschen Skulpturen der äußeren Galerien stehen blieb, welche die Säulen jeder Arkade voneinander trennen oder, wenn man will, miteinander vereinigen.

Christoph folgte dem jungen Hauptmann nach der Ehrentreppe, nicht ohne diesen fast maurischen Turm mit einem entzückten Blicke gemustert zu haben.

An diesem schönen Morgen stand der Hof voller Ordonnanzhauptmänner und Edelleute, die in Gruppen plauderten und deren prächtige Anzüge diesen Ort belebten, welchen die über seine noch neue Fassade verstreuten Wunder der Architektur bereits so glänzend machten.

»Tritt da ein«, sagte Pardaillan zu Lecamus, indem er ihm ein Zeichen gab, ihm durch die holzgeschnitzte Türe des zweiten Stockwerks zu folgen. Pardaillan erkennend, öffnete sie ein Türhüter.

Jedweder kann sich eine Vorstellung von Christophs Verwunderung machen, als er in diesen damals so weiten Saal der Wachen eintrat. Heute hat ihn militärische Genialität durch eine Zwischenwand in zwei Teile geteilt, um zwei Korporalschaftsstuben zu gewinnen. Tatsächlich nimmt er in der zweiten Etage beim König, wie in der ersten bei der Königin-Mutter ein Drittel der Fassade nach dem Hofe zu ein, denn er bekommt von zwei Fenstern zur rechten und zwei Fenstern zur linken Seite des Turmes Licht, in welchem sich die berühmte Treppe entfaltet. Der junge Hauptmann schritt nach der Zimmertür des Königs und der Königin, die in diesen weiten Saal führte und sagte zu einem der beiden diensthabenden Pagen, er solle Madame Dayelle, einer der Kammerfrauen der Königin, melden, daß der Kürschner mit seinen Schauben im Saale wäre.

Auf eine Handbewegung Pardaillans hin stellte Christoph sich in der Nähe eines auf einem Schemel sitzenden Offizieres auf. Der saß in der Ecke bei einem Kamin, welcher so groß war wie seines Vaters Laden und sich an einem der Enden des riesigen Saales gegenüber einem absolut gleichen Kamin am anderen Ende befand. Während er immerfort mit diesem Leutenant schwätzte, gelang es ihm, diesen zu interessieren, indem er ihm die Nöte des Handels auseinandersetzte. Christoph schien so wahrhaft ein Kaufmann zu sein, daß der Offizier diese Meinung auch dem Hauptmann der Schottländerwache beibrachte, der vom Hofe her kam, um Christoph auszufragen, indem er ihn heimlich und mit aller Sorgfalt prüfte.

Wie sehr Christoph Lecamus auch vorbereitet war, er konnte die kalte Wildheit der Interessen, in welche Chaudieu ihn unvermerkt verwickelt hatte, doch nicht begreifen. Für einen Beobachtenden, der das Geheimnis dieser Szene erkannt hätte, wie es der Historiker heute kennt, wäre Grund genug zum Zittern vorhanden gewesen angesichts dieses jungen Mannes, der Hoffnung zweier Familien, welcher sich zwischen diese beiden mächtigen und mitleidlosen Maschinen: Katharina und die Guisen gewagt hatte. Gibt's aber viele mutige Leute, welche die Spannweite der Gefahren ermessen? Nachdem Christoph gesehen hatte, auf welche Weise Stadt, Schloß und Hafen von Blois bewacht wurden, war er sich gewärtig, überall Fallen und Spione zu finden; entschlossen hatte er sich daher die Schwere seiner Sendung und sein geistiges Angespanntsein unter der scheinbaren Albernheit eines Nur-Kaufmanns zu verbergen. So hatte er sich eben vor des jungen Pardaillans, des Wachtoffiziers und des Hauptmanns Augen gezeigt.

Die Aufregung, die in einem königlichen Schlosse die Leverstunde begleitet, hub an sich kundzutun. Die großen Herren, deren Pferde und Pagen oder Knappen im äußeren Schloßhofe zurückblieben – denn außer dem Könige und der Königin hatte niemand das Recht, den inneren Hof hoch zu Roß zu betreten –, stiegen in Gruppen die herrliche Treppe hinan und überschwemmten den großen Saal der Garden mit den beiden Kaminen. Heutzutage sind seine starken Balken bar ihres Schmuckes, und elende kleine rote Klinker ersetzen die erfindungsreichen Mosaiken der Dielen; die Gobelins der Krone aber verbargen damals die heute mit Kalk beworfenen starken Mauern, und um die Wette strahlten dort die Künste dieser in den Jahrbüchern der Menschheit einzig dastehenden Epoche.

Reformierte wie Katholiken kamen ebensosehr, Neuigkeiten zu erfahren und die Gesichter zu prüfen, als um dem König den Hof zu machen. Franz' des Zweiten maßlose Liebe zu Maria Stuart, der sich weder die Guisen noch die Königin-Mutter widersetzten, und die politische Gefälligkeit, mit der Maria Stuart ihr entgegenkam, nahmen dem Könige jegliche Macht. Wiewohl er siebzehn Jahre alt war, kannte er vom Königtum nur die Vergnügungen und von der Ehe nur die Wollüste erster Leidenschaft. In Wirklichkeit machte jedweder der Königin Maria, ihrem Onkel, dem Kardinal von Lothringen, und dem Großmeister den Hof. Ein Hin und Her entfaltete sich vor Christoph, welcher die Ankunft jeder Persönlichkeit mit einer sehr natürlichen Neugier studierte. Ein prachtvoller Vorhang – auf jeder Seite von ihm standen zwei diensttuende Pagen und zwei Wächter der schottischen Kompagnie – zeigte ihm den Eintritt in jenes königliche Gemach an, welches dem Sohne des augenblicklichen Großmeisters, dem zweiten Balafré, so verhängnisvoll werden sollte; starb er doch zu Füßen des Bettes, worinnen damals Maria Stuart und Franz der Erste lagen. Die Ehrendamen der Königin hielten sich an dem Kamine auf, der dem, an welchem Christoph mit dem Hauptmann der Wache plauderte, gegenüber lag. Seiner Lage nach war dieser zweite Kamin der Ehrenkamin, denn er war in die dicke Mauer des Beratungssaales zwischen der Tür des königlichen Gemaches und der des Beratungssaales eingebaut worden, so daß die Fräulein und die Edelleute, die sich ihrer Berechtigung nach da aufhielten, sich dort, befanden, wo der König und die Königinnen vorbeikommen mußten. Die Höflinge gingen sicher, Katharinen zu sehen, denn ihre Hofdamen kamen aus dem unteren Stockwerk herauf. Wie der ganze Hof waren sie in Trauer gekleidet und wurden von der Gräfin von Fiesco geführt; sie nahmen ihren Platz zur Seite des Beratungssaales ein, gegenüber den Ehrenfräulein der jungen Königin, die von der Herzogin von Guise geleitet wurden. Die hielten sich in der entgegengesetzten Ecke zur Seite des Königsgemaches auf. Zwischen diesen jungen Mädchen, welche den ersten Familien des Königreiches angehörten, ließen die Höflinge den Raum von einigen Schritten, den zu überschreiten nur die allervornehmsten Edelmänner das Recht hatten. Die Gräfin von Fiesco und die Herzogin von Guise saßen, dem Rechte ihrer Chargen entsprechend, inmitten dieser edlen Jungfrauen, die alle stehend verharrten.

Einer der ersten, die sich zwischen diese beiden gefährlichen Schwadronen mischte, war der Herzog von Orleans, des Königs Bruder, welcher in Begleitung von Herrn von Cypierre, seinem Hofmeister, aus seinen darüberliegenden Räumen herunterkam. Der jugendliche Prinz, welcher vor Jahresende noch unter dem Namen Karl der Neunte zur Regierung kommen sollte, war damals zehn Jahre alt und maßlos schüchtern. Der Herzog von Anjou und der Herzog von Alençon, seine beiden Brüder, ebenso wie die Prinzessin Margarete, die Heinrichs des Vierten Weib wurde, waren noch zu jung, um an den Hof zu kommen, und blieben unter Aufsicht ihrer Mutter in ihren Gemächern. Sehr kostbar der Zeitmode entsprechend war der Herzog von Orleans gekleidet: er trug seidene Kniehosen, einen Knierock aus einem mit schwarzen Blumen durchwebten Goldbrokat und einen kleinen gestickten Sammetmantel; alles war schwarz gehalten, denn er trug noch Trauer um den König, seinen Vater. Er grüßte die beiden Oberhofmeisterinnen und blieb bei den Damen seiner Mutter. Bereits voller Abneigung gegen die Anhänger des Hauses Guise, antwortete er kühl auf die Worte der Herzogin und stützte seinen Arm auf die Rückenlehne des hohen Stuhles der Gräfin von Fiesco. Sein Hofmeister, einer der schönsten Charaktere dieser Zeit, Herr von Cypierre, blieb wie ein Schemen hinter ihm. Amyot in einfacher Abbésoutane begleitete den Prinzen ebenfalls; er war bereits sein wie auch der drei anderen Prinzen Lehrer; ihre Zuneigung sollte ihm so zum Nutzen gereichen. Zwischen dem Ehrenkamin und dem, um welchen sich am anderen Saalende die Garden, ihr Hauptmann, einige Höflinge und der mit seinem Karton beladene Christoph gruppierten, ging der Kanzler Olivier, l'Hôpitals Beschirmer und Vorgänger, gekleidet, wie es von alters her Frankreichs Kanzler stets gewesen sind, mit dem Kardinal von Tournon auf und nieder. Der war jüngst aus Rom zurückgekehrt. Dann und wann flüsterten sie sich einige Phrasen ins Ohr inmitten der allgemeinen Aufmerksamkeit, welche ihnen die Herrenschar schenkte, die längs der Mauer aufgereiht war, die den Saal von dem Königsgemache trennt. Die wirkte wie ein lebendiger Gobelin vor dem reichen echten Gobelin mit seinen Tausenden von Menschen. Trotz der ernsten Umstände zeigte der Hof das Bild, welches alle Höfe in allen Ländern, zu allen Zeiten und in den größten Fährnissen zeigen: Höflinge, die stets von gleichgültigem Zeug plaudern, wobei sie an ernsthafte Dinge denken, die scherzen und dabei die Gesichter studieren und sich inmitten der blutigsten Katastrophen mit Liebesdingen und Heiraten mit reichen Erbinnen befassen.

»Was sagt Ihr zum gestrigen Feste?« fragte Bourdeilles, Edelherr von Brantôme, sich Fräulein von Piennes, einem Hoffräulein der Königin-Mutter, nähernd.

»Die Herren du Baif und du Bellay haben wirklich nur schöne Ideen gehabt«, sagte sie, auf die beiden Festordner hinweisend, die einige Schritte entfernt dastanden. – »Schrecklich geschmacklos fand ich's«, fügte sie mit leiser Stimme hinzu.

»Euch war keine Rolle anvertraut worden?« fragte Fräulein von Lewiston von der anderen Seite.

»Was lest Ihr da, Madame?« fragte Amyot Frau von Fiesco.

»Den Amadis von Gallien vom edlen Herrn des Essarts, gewöhnlichen Bevollmächtigten des Geschützwesens des Königs.«

»Ein reizendes Werk«, sagte das schöne Mädchen, das später, als sie Ehrendame der Königin Margarete Navarra ward, unter dem Namen Fosseuse so berühmt werden sollte.

»Der Stil ist neuartig«, sagte Amyot. »Würdet Ihr Euch auch mit solchen Barbarismen vertraut machen?« fügte er, Brantôme ansehend hinzu.

»Ja, was wollt Ihr? Er gefällt den Damen«, rief Brantôme, welcher hinging und Frau von Guise begrüßte, die Boccaccios ›Berühmte Damen‹ in der Hand hielt.

»Darunter müssen sich Frauen eures Hauses befinden, Madame«, sagte er; »traurig ist's aber, daß Ehren-Boccaccio nicht unserer Zeit angehört, reiche Themen würde er jetzt finden, um seine Bände zu vermehren . . .«

»Wie geschickt dieser Herr von Brantôme ist«, sagte das schöne Fräulein von Limeuil zur Gräfin von Fiesco. »Erst ist er zu uns gekommen, jetzt aber wird er im Guisenviertel bleiben.«

»Pst!« sagte Frau von Fiesco, die schöne Limeuil anblickend. »Kümmert Euch um das, was Euch angeht . . .«

Das junge Mädchen wandte ihre Augen nach der Türe. Sie wartete auf Sardini, einen edlen Italiener, mit welchem die Königin-Mutter, ihre Verwandte, sie später nach dem Zwischenfalle verheiratete, der ihr in Katharinas Ankleideraume zustieß und ihr die Ehre einbrachte, eine Königin als Hebamme zu haben.

»Beim heiligen Alipantin, Fräulein Davila wird scheint's jeden Tag hübscher«, sagte Herr von Robertet, der Staatssekretär, die Gruppe der Königin-Mutter begrüßend. Die Ankunft des Staatssekretärs, der indessen genau das war, was heute ein Minister ist, erregte keinerlei Aufsehn.

»Wenn dem so ist, mein Herr, so leihet mir doch das gegen die Herrn von Guise geschriebene Pasquill; ich weiß, man hat's Euch gegeben«, sagte Fräulein Davila zu Robertet.

»Ich hab's nicht mehr«, antwortete der Staatssekretär, indem er hinging, um Frau von Guise zu begrüßen.

»Ich hab es«, sagte der Graf von Grammont zu Fräulein Davila; »doch geb ich's Euch nur unter einer Bedingung . . .«

»Unter Bedingungen? . . . pfui!« rief Frau von Fiesco.

»Ihr wißt ja noch gar nicht, was ich verlange«, antwortete Grammont.

»Oh, das errät man«, sagte die Limeuil.

Der italienische Brauch, die Damen so zu nennen, wie die Bauern ihre Frauen: die Soundso, war damals am französischen Hofe Mode.

»Ihr irrt Euch,« entgegnete der Graf lebhaft, »es handelt sich darum, Fräulein von Matha, einer der Damen vom anderen Ufer, einen Brief meines Vetters Jarnac einzuhändigen.«

»Stellt mir meine Mädchen nicht bloß,« sagte die Gräfin von Fiesco, »ich will ihn ihr selber übergeben.«

»Wisset Ihr Neuigkeiten über die Vorgänge in Flandern?« fragte Frau von Fiesco den Kardinal von Tournon. »Herr von Egmont scheint auf etwas ganz Neues zu verfallen?«

»Er und der Prinz von Oranien«, erwiderte Herr von Cypierre, mit einer bezeichnenden Achselbewegung.

»Der Herzog von Alba und der Kardinal Granvella sind dahin abgegangen, nicht wahr, mein Herr?« sagte Amyot zum Kardinal von Tournon, der nach seiner Unterhaltung mit dem Kanzler sich düster und unruhig zwischen den beiden Gruppen hielt.

»Glücklicherweise sind wir ruhig und haben die Ketzerei nur auf dem Theater zu besiegen«, sagte der junge Herzog von Orleans, auf die Rolle anspielend, die er am Vorabend dargestellt, wo er einen Ritter gespielt hatte, welcher eine Hydra bändigte, auf deren Stirne das Wort Reformation geschrieben stand.

Im Einverständnis mit ihrer Schwiegertochter hatte Katharina von Medici einen Theaterraum aus dem riesigen Saale machen lassen, der später für die Stände in Blois hergerichtet ward, wo, wie bereits gesagt, das Schloß von Franz dem Ersten mit dem Ludwigs des Zwölften zusammenstieß.

Der Kardinal antwortete nichts und nahm seinen Gang durch den Saal wieder auf, indem er mit leiser Stimme mit Herrn von Robertet und dem Kanzler plauderte. Viele Leute wissen nicht, mit welchen Schwierigkeiten die später Ministerien gewordenen Staatssekretariate bei ihrer Einrichtung zu kämpfen hatten und welche Mühen es den Königen von Frankreich machte, sie zu schaffen. Zu jener Epoche war ein Staatssekretär wie Robertet einfach und ganz simpel ein Schreiber und ward kaum mit zu den Prinzen und Großen gerechnet, welche die Staatsgeschäfte entschieden. Es gab damals noch keine anderen ministeriellen Funktionen als die des Oberintendanten der Finanzen, des Kanzlers und des Großsiegelbewahrers.

Einen Platz in ihrem Staatsrat räumten die Könige durch Bestallungsschreiben denen ihrer Untertanen ein, deren Ansichten ihnen für die Leitung der öffentlichen Angelegenheiten nützlich erschienen. Zutritt zum Staatsrat gab man einem Präsidenten der Parlamentskammer, einem Bischof, einem titellosen Höfling. War der Untertan einmal zum Staatsrate zugelassen, so befestigte er seine Stellung dort, indem er sich mit Chargen der Krone bekleiden ließ, denen Befugnisse zugestanden wurden. Da gab es Statthalterschaften, den Degen des Kronfeldherrn, das Großmeistertum der Artillerie, den Marschallstab, den Generaloberstenposten eines Militärkorps, die Großadmiralschaft, das Generalkapitanat der Galeeren oder häufig auch eine Hofcharge wie die des Großmeisters des königlichen Hauses, welche damals der Herzog von Guise innehatte.

»Glaubt Ihr, der Herzog von Nemours heiratet Françoise?« fragte Frau von Guise des Herzogs von Orleans Lehrer.

»Ach, Madame,« antwortete der, »ich verstehe mich nur aufs Lateinische.«

Diese Antwort brachte alle zum Lachen, die in Hörweite standen.

In diesem Momente war die Verführung der Françoise von Rohan durch den Herzog von Nemours Gegenstand aller Unterhaltungen. Da der Herzog von Nemours aber Franz des Zweiten Vater und durch seine Mutter in doppelter Weise mit dem Hause Valois verknüpft war, betrachteten ihn die Guisen mehr als verführt denn als Verführer. Nichtsdestoweniger war der Einfluß des Hauses Rohan ein derartiger, daß nach Franz des Zweiten Regierung der Herzog von Nemours gezwungen wurde, Frankreich auf Grund des Prozesses zu verlassen, den die Rohans wider ihn anstrengten und der nur auf Einfluß der Guisen hin mit einem Vergleiche endigte. Seine Heirat mit der Herzogin von Guise nach Poltrots Mordtat vermag die Frage zu erklären, welche die Herzogin an Amyot richtete, indem sie die Nebenbuhlerschaft enthüllte, welche zwischen Fräulein von Rohan und der Herzogin bestehen mußte.

»Aber schaut doch ein bißchen auf die Gruppe der Unzufriedenen da unten«, sagte der Graf von Grammont, indem er auf die Herren von Coligny, den Kardinal von Châtillon, Danville, Thoré, Moret und mehrere andere Edelleute wies, die verdächtigt wurden, mit der Reformation zu schaffen haben. Alle standen sie zwischen zwei Fenstern der anderen Kaminseite.

»Die Hugenotten rühren sich«, sagte Cypierre. »Wir wissen, daß Theodor von Béza in Nérac ist, um bei der Königin von Navarra durchzusetzen, daß sie sich für die Reformierten erklärt, indem sie öffentlich abschwört«, fügte er hinzu, den Bailli von Orleans dabei anschauend, der obendrein auch Kanzler der Königin von Navarra war und den Hof bespähte.

»Sie wird es tun!« antwortete der Bailli von Orleans trocken.

Diese Persönlichkeit, der orleanesische Jacques Coeur, das heißt ein großer Finanzmann, einer der reichsten Bürgerlichen dieser Zeit, hieß Groslot und besorgte Johanna d'Albrets Angelegenheiten am französischen Hofe.

»Glaubt Ihr es?« fragte der Kanzler von Frankreich den Kanzler von Navarra, indem er die Tragweite der Groslotschen Versicherung abwog.

»Wisset Ihr denn nicht,« entgegnete der reiche Orleanese, »daß die Königin von der Frau nur die Merkmale des Geschlechts besitzt? Voll beschäftigt ist sie mit männlichen Dingen, für große Angelegenheiten besitzt sie den weitschauenden Geist und großen Gegnerschaften gegenüber das unbesiegliche Herz.«

»Herr Kardinal«, sagte der Kanzler Olivier zu Herrn von Tournon, welcher Groslot zugehört hatte, »was deucht Euch von solchem Mute?«

»Gut tat die Königin von Navarra daran, einen Mann zu ihrem Kanzler auszuersehen, bei dem das Haus Lothringen Anleihen machen kann, und der dem König seine Wohnung anbietet, wenn von einer Reise nach Orleans die Rede ist«, antwortete der Kardinal.

Kanzler und Kardinal schauten sich daraufhin an, ohne es zu wagen, sich ihre Gedanken mitzuteilen; Robertet aber verlieh ihnen Ausdruck, da er es für nötig hielt, sich den Guisen ergebener zu zeigen als diese großen Persönlichkeiten, zumal er ja tiefer stand als sie.

»Ein großes Unglück ist es, daß das Haus Navarra, anstatt dem Glauben seiner Väter abzuschwören, nicht den Geiste der Rache und des Aufruhrs abschwört, den ihm der Kronfeldherr von Bourbon einflößte. Die Reibereien der Armagnacs und Burgunder werden wir wieder aufleben sehen.«

»Nein,« sagte Groslot, »denn in dem Kardinal von Lothringen steckt etwas vom Geiste Ludwigs des Elften.«

»Und auch in der Königin Katharina«, antwortete Robertet

In diesem Momente durchquerte Madame Dayelle, die Lieblingskammerfrau der Königin Maria Stuart, den Saal und ging nach der Königin Zimmer. Das Kommen der Kammerfrau verursachte einige Bewegung.

»Wir werden bald hineingehen«, sagte Frau von Fiesco.

»Ich glaube es nicht«, antwortete Frau von Guise; »Ihre Majestäten werden ausgehen, denn man beabsichtigt einen großen Staatsrat abzuhalten.«

Die Dayelle glitt in das königliche Zimmer, nachdem sie an der Türe gekratzt hatte. Das war eine von Katharina von Medici erfundene Form des Respektes, die am Hofe von Frankreich zur Anwendung kam.

»Was für Wetter haben wir, meine liebe Dayelle?« fragte die Königin Maria, ihr weißes und frisches Gesicht außerhalb des Bettes zeigend, indem sie die Vorhänge teilte.

»Ach, Madame . . .«

»Was hast du, meine Dayelle? man möchte meinen, dir folgten die Häscher auf den Fersen.«

»Oh, Madame, schläft der König noch?«

»Ja.«

»Wir werden das Schloß verlassen, und der Herr Kardinal hat mich gebeten, es Euch zu sagen, damit Ihr den König dahinbringt, daß er seine Einwilligung dazu gibt.«

»Weißt du, warum, meine gute Dayelle?«

»Die Reformierten wollen Euch entführen.«

»Ach, will mir diese neue Religion denn keine Ruhe lassen? Heute nacht hab ich geträumt, ich säße im Gefängnis, ich, die ich die Kronen der drei schönsten Königreiche der Welt vereinigen soll.«

»Es ist ja auch nur ein Traum, Madame.«

»Entführen? . . . das wäre ja recht hübsch; doch wenn es der Religion wegen und von Ketzern geschieht, ist es etwas Gräßliches.«

Die Königin sprang aus dem Bette und setzte sich in einen großen, mit rotem Sammet bezogenen Sessel vor den Kamin, nachdem Dayelle ihr einen schwarzsamtenen Schlafrock gereicht hatte, den sie mit einer Seidenschnur in der Taille leicht zusammenraffte. Dayelle zündete das Feuer an, denn Maimorgen an der Loire Ufer sind ziemlich frisch.

»Meine Oheime haben diese Nachrichten also während der Nacht erhalten?« fragte die Königin Dayelle, mit der sie sehr vertraulich umsprang.

»Seit heute früh promenieren die Herren von Guise auf der Terrasse, um von niemandem gehört zu werden, und haben dort Boten empfangen, die in aller Hast aus verschiedenen Gegenden des Königreiches, wo die Reformierten sich rühren, herbeigeeilt sind. Die Frau Königin-Mutter war auch dort mit ihren italienischen Herren und hoffte, um Rat gefragt zu werden, hat aber an dieser kleinen Beratung nicht teilgenommen.«

»Sie muß wütend sein.«

»Um so mehr, als sie noch Zorn von gestern herunterzuschlucken hatte«, antwortete Dayelle. »Sie sei, heißt es, nicht froh gewesen, als sie Eure Majestät in Ihrer Robe aus gezwirntem Gold mit dem hübschen lohfarbenen Kreppschleier erscheinen sah . . .«

»Laß uns allein, meine gute Dayelle; der König wacht auf. Niemand belästige uns, selbst die kleinen Entrées fallen fort. Es handelt sich um Staatsgeschäfte, und meine Ohme werden uns nicht stören.«

»Nun, meine liebe Marie, hast du das Bett denn schon verlassen? Ist es heller Tag?« sagte der erwachende junge König.

»Während wir schlafen, mein liebes Herz, wachen die Bösen und wollen uns zwingen diese schöne Besitzung zu verlassen.«

»Was redest du da von bösen Leuten, mein Liebchen? Haben wir gestern abend nicht das hübscheste Fest von der Welt gehabt? Waren das nicht lateinische Worte, die jene Herren in unser liebes Französisch umgegossen haben?«

»Ach,« sagte Maria, »diese Sprache ist sehr geschmackvoll, und Rabelais hat sie bereits in helles Licht gesetzt.«

»Du bist eine Gelehrte, und ich bin recht ärgerlich, dich nicht in Versen feiern zu können; wenn ich nicht König wäre, würde ich meinem Bruder Meister Amyot wieder wegnehmen; der macht ihn so gelehrt . . .«

»Beneidet Euren Bruder doch um nichts; der macht Gedichte, zeigt sie mir und bittet mich, ihm meine zu zeigen. Geht, Ihr seid der beste von den Vieren und werdet auch ein ebenso guter König sein, als Ihr ein höfischer Liebster seid. Auch ist es vielleicht deswegen, daß Eure Mutter Euch so wenig liebt. Doch sei still. Ich, mein liebes Herz, werd' dich für die ganze Welt lieben . . .«

»Ich bin nicht so verdienstvoll, daß ich eine so vollkommene Königin lieben dürfte«, sagte der kleine König. »Ich weiß nicht, was mich zurückhielt, dich gestern vor dem ganzen Hofe zu umarmen, als du den Fackeltanz tanztest. Deutlich hab' ich gemerkt, daß alle Frauen neben dir aussehen, als ob sie Dienstmägde wären, meine schöne Marie . . .«

»Dafür, daß Ihr nur in Prosa redet, sprecht Ihr hinreißend, mein Liebling; dafür ist's auch die Liebe, die aus Euch spricht. Und Ihr, Ihr wißt es genau, daß ich, wenn Ihr auch nur ein kleiner Page wäret, Euch ebenso heiß lieben würde, als ich es so tue. Und dennoch gibt es nichts Süßeres, als sich sagen zu können: ›Mein Liebster ist König!‹«

»Oh, der hübsche Arm. Warum müssen wir uns anziehn? Viel lieber will ich mit meinen Fingern durch deine weichen Haare fahren, um ihre blonden Ringel zu verwirren . . . Ach ja, mein Lieb, laß deine Frauen nicht mehr deinen weißen Hals und diesen hübschen Rücken küssen; leid es nicht mehr! Schon zuviel ist's, daß die Nebel Schottlands darüber hingestrichen sind.«

»Wollt Ihr Euch mein liebes Land nicht ansehen? Die Schotten werden Euch lieben, und dort wirds keinen Aufruhr geben wie hier.«

»Wer stiftet Aufruhr in unserem Königreiche?« fragte Franz von Valois, sein Gewand übereinanderschlagend und Maria Stuart auf sein Knie ziehend.

»Oh, das alles ist sicherlich sehr hübsch«, sagte sie, ihre Wange vom Könige wegkehrend; »doch habt Ihr zu regieren, wenn's Euch gefällig ist, mein süßer Sire.«

»Was redest du von regieren, ich will heute morgen . . .«

»Muß man, wenn man alles kann, sagen, ich will? Das heißt weder wie ein König noch wie ein Liebhaber reden. Aber nicht darum handelt es sich, laß das; wir haben ein wichtiges Geschäft.«

»Oh,« sagte der König, »lang ist's her, daß wir etwas zu tun gehabt haben. Ist es unterhaltend?«

»Nein,« sagte Maria, »es handelt sich darum, umzuziehen.«

»Ich wette, mein Liebchen, Ihr habt einen Eurer Ohme gesehen, welche alles so gut ordnen, daß ich mit meinen siebzehn Jahren den Schattenkönig spiele. Ich weiß wahrlich nicht, warum ich nach dem ersten Staatsrate fortgefahren habe, ihm weiterhin beizuwohnen. Sie könnten die Dinge da ebensogut erledigen, wenn sie eine Krone auf meinen Sessel legen; alles sehe ich mit ihren Augen an und entscheide blind darauf los.«

»Oh, mein Herr«, rief die Königin, von des Königs Knien aufspringend und eine leicht ärgerliche Miene aufsetzend, »es war abgemacht worden, daß Ihr mir in dieser Beziehung nicht die mindeste Not machen solltet . . . Und meine Oheime sollten zu Eures Volkes Wohlergehn die königliche Macht ausüben. Höflich ist's, dein Volk, und wenn du es regieren wolltest, du allein, würde es dich wie eine Erdbeere verschlucken. Es hat Kriegsleute nötig, bedarf eines rauhen Herren und eisenbewehrter Fäuste; während du ein Herzchen bist, das ich so liebe, daß ich nicht anders würde lieben können; versteht Ihr, mein Herr?« sagte sie, dies Kind auf die Stirne küssend. Das schien sich wider die Rede empören zu wollen, die Zärtlichkeit aber besänftigte es.

»Oh, wenn sie nicht Eure Oheime wären!« schrie Franz der Zweite. »Dieser Kardinal mißfällt mir aufs Äußerste, und wenn er seine fuchsschwänzige Miene aufsteckt und seine Untertänigkeitsbezeigungen heuchelt, um mir, sich verneigend, zu sagen: Sire, es handelt sich hier um die Ehre Eurer Krone und um Eurer Väter Glauben; Eure Majestät dürfen nicht dulden . . . und dies und das, bin ich sicher, daß er nur für sein verfluchtes Haus Lothringen arbeitet.«

»Wie gut du ihn nachgemacht hast«, sagte die Königin. »Warum aber benutzt Ihr diese Lothringer nicht, um Euch über alles, was vorgeht, zu unterrichten, damit Ihr selber in einiger Zeit regieren könnt, wenn Ihr erst völlig mündig seid? Ich bin Euer Weib, und Eure ist meine Ehre. Wir wollen regieren, warte nur, mein Liebling! Bis zu dem Augenblicke, wo wir nach unserm Willen handeln können, werden wir nicht immer auf Rosen gebettet sein. Nichts Schwierigeres gibt's für einen König als das Regieren. Bin ich zum Beispiel nicht eine Königin? Wißt Ihr, daß Eure Mutter mir alles, was meine Oheime Gutes für Eures Thrones Glanz tun, übel auslegt? Und doch welch ein Unterschied besteht da! Meine Oheime sind große Fürsten, Abkömmlinge von Karl dem Großen, voller Aufmerksamkeiten, und würden das Leben für Euch lassen, während diese Arzt- oder Kaufmannstochter, die der Zufall zur Königin Frankreichs machte, bösartig ist wie eine Bürgerin, welche über ihren Haushalt nicht allein bestimmt. Mißvergnügt, weil sie hier nicht alles entzweien kann, zeigt diese Italienerin mir jedweden Augenblick ihr bleiches und ernstes Gesicht, und ihrem zusammengekniffenen Munde entringt sich dann ein: ›Meine Tochter, Ihr seid die Königin, und ich bin nur mehr die zweite Frau im Königreiche. (Außer sich ist sie vor Wut, begreifst du, mein Herz?) Doch wenn ich an Eurer Stelle wäre, würd' ich keinen Scharlachsammet tragen, während der Hof in Trauer ist. Ich würde nicht vor der Öffentlichkeit mit schlichtem Haar und ohne Geschmeide erscheinen; denn wenn es sich schon für eine einfache Dame nicht schickt, schickt es sich für eine Königin noch viel weniger. Auch würde ich für meine Person nicht tanzen, würde mich begnügen, dem Tanze zuzuschauen!‹ Seht das alles sagt sie zu mir.«

»Oh, mein Gott, ich vermeinte sie zu hören. Gott, wenn sie wüßte . . .«

»Oh, Ihr zittert noch vor ihr? Sie langweilt dich, sag an? Wir wollen sie zurückschicken. Meiner Treu, dich täuschen, geht noch an, die gute Frau stammt aus Florenz, aber dich langweilen . . .«

»In des Himmels Namen, Marie, schweig still!« sagte Franz unruhig und zufrieden zugleich; »ich möchte nicht, daß du ihre Freundschaft verlörest.«

»Habt keine Sorge, daß sie sich je mit mir entzweit, die ich die drei schönsten Kronen der Welt tragen werde, mein lieber kleiner König«, sagte Maria Stuart. »Wiewohl sie mich aus tausenderlei Gründen haßt, liebkost sie mich, um mich von meinen Oheimen loszureißen.«

»Dich hassen! . . .«

»Ja, mein Engel, und wenn ich nicht tausend jener Beweise an Hand hätte, die sich Frauen untereinander von diesem Gefühle geben und deren Bösartigkeit nur von ihnen selbst verstanden wird, würde mir einzig und allein ihr Widerstand gegen unserer Liebe süße Freuden genügen. Ist es mein Fehl, wenn dein Vater Fräulein von Medici nie hat ausstehen können? Kurz, sie liebt mich so wenig, daß Ihr eigentlich in Zorn geraten müßtet, weil wir nicht jeder unser Gemach für uns haben, hier und in Saint-Germain. Sie behauptet, das sei so gebräuchlich bei den Königen und Königinnen von Frankreich . . . Gebräuchlich war es bei Eurem Vater so, dafür gibt's eine Erklärung. Und was Euren Großvater Franz anlangt, so hatte der Gevatter diesen Brauch um der Bequemlichkeit seiner Liebschaften willen eingeführt. Also wacht auch gut darüber, daß wir, wenn wir hier fortgehn, nicht vom Großmeister getrennt werden.«

»Wenn wir fort von hier gehn, Maria? Aber ich will dies hübsche Schloß nicht verlassen; wir sehen die Loire und das Land, eine Stadt liegt zu unsern Füßen, und der hübscheste Himmel der Erde spannt sich über unsere Häupter; und dann die herrlichen Gärten. Wenn ich fort von hier gehe, geschieht's nur, um mit dir nach Italien zu reisen, um Raffaels Gemälde und Sankt Peter zu sehen.«

»Und die Orangenhaine? Oh, mein süßer König, wenn du wüßtest, welche Lust deine Marie hat, sich unter blühenden und zugleich fruchttragenden Orangenbäumen zu ergehen! Oh, unter diesen in Duft getauchten Bäumen, am Bord des blauen Meeres, unter blauem Himmel ein italienisches Lied zu hören und uns so umschlungen zu halten!«

»Brechen wir gleich auf«, sagte der König.

»Aufbrechen«, rief der Großmeister eintretend. »Ja, Sire, es handelt sich darum Blois zu verlassen; verzeiht meine Kühnheit, doch die Umstände sind stärker als die Etikette; und ich bitte Euch flehentlich, Staatsrat zu halten.«

Hastig hatten Marie und Franz sich getrennt, als sie sich überrascht sahen, und ihr Antlitz zeigte den nämlichen Ausdruck beleidigter königlicher Majestät.

»Ein allzu großer Herr seid Ihr, Herr von Guise«, sagte der junge König, seinen Zorn bezähmend.

»Zum Teufel mit den Verliebten«, murmelte der Kardinal Katharinen ins Ohr.

»Mein Sohn,« antwortete die Königin-Mutter, welche sich hinter dem Kardinal zeigte, »es handelt sich um Eure Person und um Eures Reiches Sicherheit.«

»Die Ketzerei wacht, während Ihr schlaft, Sire«, erklärte der Kardinal.

»Zieht Euch in den Saal zurück, wir werden dann Staatsrat halten.«

»Madame,« sagte der Großmeister zur Königin, »der Sohn Eures Kürschners bringt Euch Eure Pelze, die für die Reise ersprießlich sind, denn wahrscheinlich werden wir die Loire entlang fahren . . . Doch auch Euch, Madame,« sagte er, sich an die Königin-Mutter wendend, »will er sprechen. Während der König sich ankleidet, möget Ihr und die Frau Königin ihn sofort abfertigen, damit wir uns durch diese Bagatelle nicht ablenken lassen.«

»Gern«, sagte Katharina, indem sie bei sich selber hinzufügte: »Wenn er sich meiner durch solche Listen zu entledigen gedenkt, kennt er mich schlecht.«

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