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Katharina von Medici

Honoré de Balzac: Katharina von Medici - Kapitel 7
Quellenangabe
typenovelette
authorHonoré de Balzac
titleKatharina von Medici
publisherDiogenes
yearo.J.
isbn3257204809
translatorPaul Hansmann
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Die Königin-Mutter, die eine heiße Zuneigung zu den Guisen heuchelte, hatte um Mitteilung der Neuigkeiten gebeten, welche die aus den verschiedenen Enden des Königreichs anlangenden drei Edelleute mitbrachten. Doch mußte sie den tödlichen Verdruß erleben, von dem Kardinal höflich verabschiedet zu werden. Sie lustwandelte an dem äußersten Ende der Parterre auf der Loireseite, wo sie für ihren Astrologen Ruggieri ein Observatorium erbaute, welches man noch dort sieht, und von wo aus man über die Landschaft dieses wundervollen Tales hinwegschaut. Die beiden lothringischen Fürsten waren auf der entgegengesetzten Seite, die auf die Vendômer Landschaft geht und von wo aus man den oberen Teil der Stadt, die Hühnerleiter der Bretonen und die Ausfallpforte des Schlosses erblickt.

Katharina hatte die beiden Brüder getäuscht und durch ein gespieltes Mißvergnügen überlistet, denn sie war sehr glücklich, mit einem der in aller Eile eingetroffenen Edelleute, ihrem heimlichen Vertrauten, reden zu können, der keck ein doppeltes Spiel spielte, dafür aber sicherlich reich belohnt ward. Dieser Edelmann war Chiverni, scheinbar des Kardinals von Lothringen mit Leib und Seele ergebener Höfling, in Wirklichkeit aber Katharinas Diener. Katharina besaß in den beiden Gondi, ihren Kreaturen, noch zwei ergebene Edelleute; diese beiden Florentiner aber waren den Guisen zu verdächtig, als daß sie sie nach außerhalb schicken konnte. So behielt sie sie denn bei Hofe, wo jeder ihrer Schritte und jedes ihrer Worte bespäht wurde, wo sie aber in gleicher Weise die Guisen bespähten und Katharinen mit Rat und Tat beistanden. Diese beiden Florentiner führten der Partei der Königin-Mutter einen anderen Italiener, Birago, zu, einen geschickten Piemontesen, welcher wie Chiverni scheinbar der Königin-Mutter abtrünnig geworden war, um sich zu den Guisen zu schlagen, die er in ihren Unternehmungen ermutigte, indem er sie auf Katharinas Rechnung ausspionierte.

Chiverni kam aus Écouen und Paris. Der zuletzt Eingetroffene, Saint-André, war Marschall von Frankreich und wurde eine so einflußreiche Persönlichkeit, daß die Guisen, deren Kreatur er war, ihn zum dritten Manne in dem Triumvirate machten, das sie im folgenden Jahre gegen Katharina bildeten. Vor ihnen war Vieilleville, der Erbauer des Schlosses von Duretal, der seiner Ergebenheit zu den Guisen wegen auch zum Marschall ernannt ward, heimlich gelandet und noch heimlicher wieder abgereist, ohne daß irgend jemand das Geheimnis der Mission durchdrungen hatte, die ihm vom Großmeister anvertraut worden war. Was Saint-André anlangt, so hatte er militärische Maßnahmen treffen müssen, um alle Reformierten bewaffnet nach Amboise zu locken, was in einer stattgehabten Beratung zwischen dem Kardinal von Lothringen, dem Herzog von Guise, Birago, Chiverni, Vieilleville und Saint-André beschlossen worden war. Wenn die beiden Häupter des Hauses Lothringen sich Biragos bedienten, steht zu glauben, daß sie durchaus auf ihre Kräfte bauten, denn sie wußten, daß er der Königin-Mutter treu ergeben war; vielleicht aber behielten sie ihn bei sich, um die geheimen Pläne ihrer Rivalin zu durchdringen, wie diese ihn gleichermaßen bei ihnen beließ. In jener seltsamen Zeit war die Doppelrolle einiger Politiker beiden Parteien, die sie benutzten, bekannt; sie waren gleichsam wie die Karten in der Spieler Händen: gewonnen ward die Partie von der gewitztesten. Während dieser Beratung waren die beiden Brüder von einer undurchdringlichen Verschwiegenheit gewesen. Katharinas Unterhaltung mit ihren Freunden wird den Gegenstand der von den Guisen unter freiem Himmel gepflogenen Beratung erklären; fand sie doch bei Tagesanbruch in jenen hängenden Gärten statt, wie wenn alle Angst hätten, zwischen den Mauern des Schlosses von Blois miteinander zu sprechen.

Die Königin-Mutter erging sich an diesem Morgen in aller Frühe mit den beiden Gondis unter dem Vorwande, das Observatorium, das sie für ihren Astrologen erbauen ließ, besichtigen zu wollen, und beobachtete mit besorgter und neugieriger Miene die feindliche Gruppe. Da stieß Chiverni zu ihr. Sie stand an der Terrassenecke gegenüber der Sankt Nikolauskirche, und dort brauchte sie keinerlei Indiskretion zu befürchten. Die Mauer reichte da bis zur Turmhöhe hinauf, und die Guisen berieten sich immer noch in der anderen Terrassenecke, unten an dem begonnenen Turm, indem sie von der Hühnerleiter der Bretonen nach der Galerie über die Brücke, welche das Parterre, die Galerie und die Hühnerleiter miteinander verband, kamen und gingen.

Chiverni ergriff der Königin-Mutter Hand, um sie zu küssen, und ließ ein kleines Briefchen von Hand zu Hand gleiten, ohne daß die beiden Italiener es gesehen hätten. Katharina wandte sich lebhaft um, trat in die Ecke der Brüstung und las folgendes:

›Ihr seid, mächtig genug, um das Gleichgewicht zwischen den Großen herzustellen und sie, wenn es Euch zum Vorteil gereicht und beliebt, einander bekämpfen zu lassen. Ihr habt Euer Haus voller Könige und braucht weder die Bourbonen noch die Guisen zu befürchten, wenn Ihr die einen den andern entgegenstellt; denn die einen wie die anderen wollen Euren Kindern die Krone rauben. Seid Herrin, nicht Sklavin Eurer Ratgeber, haltet die einen mit den anderen in Schach, sonst wird das Königreich vom Schlimmen zum Schlimmsten gelangen und schwere Kriege werden es durchtoben.

L'Hôpital.‹

Die Königin schob die Zeilen in die Höhlung ihres Mieders und nahm sich fest vor, sie zu verbrennen, sobald sie allein sei.

»Wann habt Ihr ihn gesehen?« fragte sie Chiverni.

»Als ich vom Konnetabel zurückkehrte, in Melun, wo er mit der Herzogin von Berry durchkam, die er nach Savoyen bringen wollte, voller Ungeduld, hierher zurückzukehren und den Kanzler Olivier aufzuklären, der übrigens von den Lothringern an der Nase herumgeführt wird. Herr de L'Hôpital entschließt sich, Eure Interessen für die seinigen anzusehen, wenn er das Ziel erkennt, wonach die Herren von Guise trachten. Auch will er sich nach aller Möglichkeit mit seiner Rückkehr beeilen, damit er Euch seine Stimme im Rate gibt.«

»Ist er aufrichtig?« fragte Katharina. »Wenn die Lothringer ihn in den Rat eintreten ließen, so geschah es, um sie dort herrschen zu lassen; das wißt Ihr ja.«

»L'Hôpital ist ein Franzose von zu altem Schrot und Korn, um nicht aufrichtig zu sein«, sagte Chiverni; »überdies verpflichtet ihn sein Briefchen doch sehr stark.«

»Wie lautet des Kronfeldherrn Antwort an die Lothringer?«

»Er nennt sich des Königs Diener und wird seine Befehle erwarten. Um jeden Widerstand zu vermeiden, wird der Kardinal auf diese Antwort hin seines Bruders Ernennung zum Reichsverweser vorschlagen.«

»Schon?« fragte Katharina schreckensstarr. »Nun gut, hat Herr von L'Hôpital Euch irgendwelchen andern Rat für mich gegeben?«

»Er hat mir gesagt, daß Ihr, Madame, allein Euch zwischen die Krone und die Herrn von Guise stellen könntet.«

»Meint er denn aber, ich könnte mich der Reformierten als spanischer Reiter bedienen?«

»Ach, Madame,« rief Chiverni, von solcher Scharfsinnigkeit hingerissen, »nicht geträumt haben wir davon, Euch in solche Schwierigkeiten zu stürzen.«

»Wußte er, in welcher Lage ich bin?« fragte sie mit ruhiger Miene.

»Beinahe. Seiner Meinung nach seid Ihr die Betrogene gewesen, als Ihr nach des seligen Königs Ableben Eurerseits die Brocken aus Madame Dianas Ruin fischtet. Die Herren von Guise glaubten der Königin gegenüber quitt zu sein, wenn sie die Frau befriedigten.«

»Ja,« sagte die Königin, die beiden Gondis anschauend, »damals hab ich einen großen Fehler begangen.«

»Einen Fehler, wie ihn die Götter begehn«, erwiderte Karl von Gondi.

»Meine Herren,« sagte die Königin, »wenn ich mich offen zu den Reformierten schlage, werde ich Sklavin einer Partei.«

»Madame,« erwiderte Chiverni lebhaft, »ich billige Euren Entschluß durchaus. Doch muß man sich ihrer bedienen, nicht ihnen dienen.«

»Wenn für den Augenblick dort auch Euer Schutz liegen mag,« sagte Karl von Gondi, »so wollen wir uns doch nur ja nicht verheimlichen, daß Erfolg und Niederlage in gleicher Weise gefährlich sind.«

»Das weiß ich!« sagte die Königin. »Einen falschen Schritt werden die Guisen sofort als Vorwand nehmen, um sich meiner zu entledigen.«

»Die Papstnichte, die Mutter von vier Valois, eine Königin von Frankreich, des hitzigsten Hugenottenverfolgers Witwe, eine italienische Katholikin, Leos des Zehnten Tante könnte mit der Reformation gemeinsame Sache machen?« fragte Karl von Gondi.

»Heißt nicht aber die Guisen unterstützen,« antwortete ihm Albert, »zu einer Usurpation die Hände reichen? Mit einer Familie haben wir zu schaffen, die in dem Streite zwischen Katholizismus und Reformation die Gelegenheit sieht, eine Krone zu erraffen. Man kann sich auf die Reformierten stützen, ohne abzuschwören. Denket daran, Madame, daß Euer Haus, welches dem Könige von Frankreich in jeder Weise ergeben sein müßte, in diesem Augenblick des Spanierkönigs Diener ist«, sagte Chiverni. »Morgen würde es für die Reformation eintreten, wenn die Reformation den Herzog von Florenz zum König ernennen könnte.«

»Schon bin ich in vieler Hinsicht geneigt, den Hugenotten für einen Augenblick die Hand zu reichen,« sagte Katharina, »und wäre es auch nur, um mich an jenem Soldaten, jenem Priester und jenem Weibe zu rächen!«

Mit einem Italienerinnenblicke wies sie der Reihe nach auf den Herzog, den Kardinal und das Stockwerk des Schlosses hin, wo sich ihres Sohnes und Maria Stuarts Gemächer befanden.

»Aus den Händen hat mir dies Trio die Staatszügel gerissen, auf die ich so lange wartete und die jenes alte Weib so lang an meiner Statt hielt«, erwiderte sie.

Sie schüttelte das Haupt, indem sie nach Chenonceaux hinwies, auf das Schloß, das sie eben mit Diana von Poitiers gegen Chaumont vertauscht hatte.

»Ma,« sagte sie italienisch, »jene Herren Beffchenträger aus Genf scheinen nicht Verstand genug zu besitzen, sich an mich zu wenden! . . . Bei meinem Gewissen, zu ihnen kann ich nicht gehen. Nicht einmal einer von euch dürfte es wagen, ihnen ein Wörtchen zu überbringen.«

Sie stampfte mit dem Fuße auf.

»Ich hoffte, Ihr hättet in Écouen dem Buckligen begegnen können, er hat Verstand.«

»Er war dort, Madame,« antwortete Chiverni, »doch hat er den Konnetabel nicht bestimmen können, sich mit ihm zu verbinden. Herr von Montmorency will die Guisen, die seine Ungnade verschuldet haben, sehr gern stürzen, niemals aber der Ketzerei helfen.«

»Wer, meine Herren, wird all die Einzelwillen brechen, die das Königreich belästigen? Man müßte, weiß Gott, diese Großen vernichten, die einen durch die anderen, wie es Ludwig der Elfte, der größte Eurer Könige, getan. Vier oder fünf Parteien gibt's in diesem Königreiche, und die schwächste ist die meiner Kinder.«

»Die Reformation ist eine Idee,« erklärte Karl von Gondi, »und die Parteien, die Ludwig der Elfte gebrochen hat, waren nur Interessen.«

»Hinter den Interessen stehen immer Ideen«, sagte Chiverni. »Unter Ludwig dem Elften hießen die Ideen: große Lehen . . .«

»Macht die Ketzerei zum Beil,« äußerte Albert von Gondi, »das Odium der Martern würde dann nicht auf Euch fallen.«

»Ach,« rief die Königin, »ich kenne jener Leute Kräfte und Pläne nicht, kann mich mit ihnen nicht durch einen sicheren Vermittler auseinandersetzen. Würde ich bei einer Machination solcher Art überrumpelt, sei es durch die Königin, die mich mit ihren Augen wie ein Wiegenkind behütet, sei es durch ihre beiden Schergen, welche keinen Menschen in das Schloß hineinlassen, würde ich aus dem Königreich verbannt und unter einer schrecklichen, von einigen eingefleischten Guiseanhängern befehligten Bedeckung nach Florenz zurückgebracht werden! Dafür danke ich, meine Freunde! Oh, meine Schwiegertochter, ich wünschte Euch, daß Ihr eines Tages in Eurem Hause gefangen säßet, dann würdet Ihr wissen, was Ihr mich leiden laßt!«

»Großmeister und Kardinal kennen ihre Pläne,« brach Chiverni aus, »die beiden Schlaufüchse sagen sie aber niemandem. Laßt sie Euch mitteilen, Madame, und ich will mich für Euch aufopfern und mich mit den Prinzen von Condé ins Benehmen setzen.«

»Welche ihrer Entschließungen konnten sie nicht vor Euch geheimhalten?« fragte die Königin, auf die beiden Brüder zeigend.

»Herr von Vieilleville und Herr von Saint-André haben eben Befehle erhalten, die uns unbekannt sind; es scheint aber, daß der Großmeister seine besten Truppen auf dem linken Flußufer konzentriert. In wenigen Tagen werdet Ihr in Amboise sein. Der Großmeister kam auf diese Terrasse, um die Lage zu prüfen, und findet Blois für seine geheimen Pläne durchaus nicht geeignet. Nun, was will er denn noch?« sagte Chiverni, auf die Abstürze hinweisend, die das Schloß umgeben. »Auf welchem Platze könnte der Hof sicherer sein vor einem Handstreiche, wenn er's nicht hier ist?«

»Dankt ab oder regiert«, flüsterte Albert der Königin ins Ohr, die nachdenklich dastand.

Ein schrecklicher Ausdruck innerer Wut glitt über das schöne Elfenbeinantlitz der Königin, die noch keine vierzig Jahre alt war und seit sechsundzwanzig Jahren ohne irgendwelche Macht am französischen Hofe lebte, sie, die bei ihrer Ankunft dort die erste Rolle zu spielen gedachte. In Dantes Muttersprache kam folgende schreckliche Phrase über die Lippen:

»Nichts, solange dieser Sohn leben wird . . . Seine kleine Frau verzaubert ihn«, fügte sie nach einer Pause hinzu.

Katharinas Exklamation war durch die seltsame Vorhersage eingegeben worden, die ihr wenige Tage zuvor im Schlosse zu Chaumont auf der entgegengesetzten Loireseite verkündigt wurde. Dahin war sie von Ruggieri, ihrem Astrologen, geführt worden, um über das Leben ihrer vier Kinder eine berühmte Zauberin um Rat zu fragen, die von Nostradamus, dem Haupte der Ärzte, heimlich dorthin gebracht war. In diesem großen sechzehnten Jahrhundert hingen Ärzte wie die Ruggieri, wie die Cardan, wie die Paracelsus und so viele andere den okkulten Wissenschaften an. Dieses Weib, dessen Leben der Geschichte entgangen ist, hatte Franz' des Zweiten Herrschaft nur ein Jahr Dauer gegeben.

»Und Eure Meinung über dies alles?« fragte Katharina Chiverni.

»Wir werden eine Schlacht haben«, antwortete der vorsichtige Edelmann. »Der König von Navarra . . .«

»Oh, sagt lieber die Königin«, entgegnete Katharina.

»Wahrlich die Königin«, sagte Chiverni lächelnd, »hat den Reformierten als Anführer den Prinzen von Condé gegeben, der in der Eigenschaft eines jüngeren Sohnes alles wagen kann; auch spricht der Herr Kardinal davon, ihn hierher zu beordern.«

»Möge er kommen,« schrie die Königin, »und ich bin gerettet!«

Also hatten die Häupter der großen Bewegung der Reformation in Frankreich in Katharina mit Recht eine Verbündete erraten.

»Etwas Belustigendes liegt darin,« rief die Königin, »daß die Bourbonen die Hugenotten an der Nase herumführen, und daß die Ehren Calvin, de Béza und andere den Bourbonen ein Schnippchen schlagen. Werden wir aber stark genug sein, um die Hugenotten, die Bourbonen und Guisen hinters Licht zu führen? Angesichts dieser drei Feinde sollte man sich doch den Puls fühlen lassen!«

»Sie haben den König nicht für sich«, antwortete Albert ihr; »und Ihr werdet immer triumphieren, da Ihr den König auf Eurer Seite habt.«

»Maladetta Maria!« zischelte Katharina zwischen den Zähnen.

»Die Lothringer sinnen bereits stark darauf, Euch der Bürgerschaft Zuneigung zu nehmen«, sagte Birago.

Die Hoffnung, die Krone zu erhalten, war bei den beiden Häuptern der rührigen Familie der Guisen nicht das Ergebnis eines vorbedachten Planes; nichts rechtfertigte Plan oder Hoffnung. Die Umstände machten ihnen Mut. Die beiden Kardinäle und die beiden Balafrés waren zufällig vier ehrgeizige Männer, die allen sie umgebenden Politikern an Talenten überlegen waren. Auch ward diese Familie nur von Heinrich dem Vierten niedergeworfen, der als Aufrührer in jener großen Schule aufgezogen war, deren Lehrer Katharina und die Guisen waren. Aus allen ihren Lehren zog er Gewinn.

In diesem Momente aber waren die beiden Männer Schiedsrichter der größten seit der von Heinrich dem Achten in England versuchten Revolution. Diese war die Konsequenz der Entdeckung der Buchdruckerkunst. Als Widersacher der Reformation hielten sie die Macht in ihren Händen und wollten die Ketzerei ersticken, doch wenn er auch weniger berühmt war als Luther, so war Calvin, ihr Gegner, doch stärker als Luther. Calvin sah damals die Herrschaft da, wo Luther nur das Dogma gesehen hatte. Dort wo der fette Bierzecher, der verliebte Deutsche sich mit dem Teufel herumzankte und ihm sein Tintenfaß an den Kopf warf, schmiedete der leidende Hagestolz Feldzugspläne, lenkte Schlachten, bewaffnete Fürsten und wiegelte ganze Völker auf, indem er die republikanischen Doktrinen in die Herzen des Bürgertums säte, um seine ständigen Niederlagen auf den Schlachtfeldern durch neue Fortschritte im Geiste der Nationen wettzumachen.

Der Kardinal von Lothringen und der Herzog von Guise wußten ebensogut wie Philipp der Zweite und der Herzog von Alba, daß es auf die Monarchie abgesehen war und welch enger Bund zwischen Katholizismus und Königtum bestand.

Karl der Fünfte, der trunken war, weil er zu tief in Karls des Großen Becher hineingeschaut hatte und zu sehr an die Macht seiner Monarchie glaubte, indem er die Welt mit Soliman teilen zu können vermeinte, hatte anfangs gar nicht mal gefühlt, daß sein Kopf auf dem Spiele stand, und dankte ab, als der Kardinal Granvella ihn die Größe der Wunde sehen ließ. Die Guisen wurden von einem einzigen Gedanken, dem nämlich beseelt, die Ketzerei auf einen Hieb niederzuschlagen. Diesen Schlag versuchten sie dann zum ersten Male zu Amboise und ließen ihn ein zweites Mal in der Sankt Bartholomäusnacht versuchen, damals im Einverständnis mit Katharina von Medici, die erleuchtet worden war von den Flammen eines zwölfjährigen Krieges, erleuchtet vor allem durch das bezeichnende Wort: Republik, das später von den Schriftstellern der Reformation erfunden und gedruckt, aber bereits von Lecamus, diesem Typ der Pariser Bourgeoisie, vorhergefühlt ward.

Im Augenblick, wo die beiden Fürsten einen mörderischen Hieb nach dem Herzen des Adels führten, um ihn von Anbeginn an von einer religiösen Partei zu trennen, bei deren Triumphe er alles verlor, und miteinander ins reine kommen wollten, wie sie dem Könige den Staatsstreich entdecken könnten, plauderte Katharina mit ihren vier Ratgebern.

»Johanna d'Albret hat genau gewußt, was sie tat, als sie sich zur Beschützerin der Hugenotten aufwarf. In der Reformation besitzt sie einen Sturmbock, mit dem sie gut umzugehen versteht«, sagte der Großmeister, der die tiefgreifenden Pläne der Königin von Navarra verstand.

Johanna d'Albret war tatsächlich einer der klügsten Köpfe ihrer Zeit.

»Theodor von Béza ist in Nérac, nachdem er Calvins Befehle eingeholt hat.«

»Welche Männer diese Bürger zu finden wissen!« rief der Großmeister.

»Ach, nicht einen Menschen haben wir vom Schlage eines la Renaudie,« schrie der Kardinal, »er ist ein leibhaftiger Catilina.«

»Solche Männer arbeiten immer nur für sich selber«, antwortete der Herzog. »Hatte ich la Renaudie nicht erraten? Mit Gunstbeweisen hab' ich ihn überschüttet, hab' ihn nach seiner Verurteilung durchs burgundische Parlament entwischen lassen, ließ ihn wieder ins Königreich zurückkehren, indem ich die Revision seines Prozesses durchsetzte und gedachte alles für ihn zu tun, während er eine teuflische Konspiration wider uns anzettelte. Der Schuft hat die Protestanten Deutschlands mit Frankreichs Ketzern vereinigt, indem er die Schwierigkeiten, die hinsichtlich des Dogmas zwischen Luther und Calvin entstanden, beiseite schob. Er hat die mißvergnügten großen Herren mit der Reformpartei vereinigt, ohne sie den Katholizismus offen abschwören zu lassen. Seit dem letzten Jahre hat er dreißig Hauptleute für sich! Überall war er zugleich, in Lyon, in Languedoc, in Nantes! Endlich hat er jenes Gutachten herausgeben lassen, das in ganz Deutschland zirkulierte, worin die Theologen erklären, daß man seine Zuflucht zur Macht nehmen könne, um den König unserer Herrschaft zu entziehen. Von Stadt zu Stadt hat man das weiter verbreitet. Und wenn man ihn auch überall sucht, nirgends findet man ihn. Und doch hab' ich ihm nur Gutes getan! Wie einen Hund müßte man ihn niederknallen oder ihm eine goldene Brücke zu bauen versuchen, damit er in unseren Dienst tritt.«

»Die Bretagne, die Languedoc, das ganze Königreich ist bearbeitet worden, um uns einen Todesstoß zu versetzen«, sagte der Kardinal. »Nach dem gestrigen Feste hab' ich den Rest der Nacht damit verbracht, alle Aufzeichnungen durchzulesen, die mir meine Mönche schickten. Kompromittiert aber haben sich nur arme Edelleute, Handwerker und Männer, bei denen es gleichgültig ist, ob man sie hängt oder laufen läßt. Die Coligny, die Condé treten da noch nicht in Erscheinung, wiewohl sie die Fäden dieser Verschwörung in Händen halten.«

»Auch habe ich,« sagte der Herzog, »so wie jener Advokat, jener Avenelles, die Lunte verkaufte, Braguelonne befohlen, er solle die Verschwörer bis zum Ziele gehen lassen. Sie sind ohne Mißtrauen, sie glauben uns zu überraschen; vielleicht zeigen sich ihre Anführer dann. Meine Ansicht würde dahin gehen, uns für achtundvierzig Stunden besiegen zu lassen . . .«

»Eine halbe Stunde würde schon zu lange sein«, sagte der Kardinal erschreckt.

»Da sieht man, wie tapfer du bist«, antwortete der Balafré.

Ohne sich zu erregen, entgegnete der Kardinal:

»Ob der Prinz von Condé sich bloßstellt oder nicht, wenn wir sicher gehen, daß er der Anführer ist, schlagen wir seinen Kopf herunter und werden dann unsere Ruhe kriegen. Für dies Geschäft haben wir nicht so sehr Soldaten als Richter nötig, und an Richtern wird's uns niemals fehlen. Der Sieg ist immer sicherer im Parlament als auf dem Schlachtfelde und kostet auch weniger Geld.«

»Gern willige ich darein«, antwortete der Herzog; »glaubst du aber, daß der Prinz von Condé mächtig genug ist, um denen, die uns diesen ersten Ansturm, liefern sollen, soviel Mut einzuflößen? Gibt's da nicht . . .«

»Den König von Navarra«, sagte der Kardinal.

»Ein Tropf, der den Hut in der Hand mit mir redet«, antwortete der Herzog. »Sollten dir der Florentinerin Koketterien denn etwa den Blick verdunkeln? . . .«

»Oh, ich habe bereits daran gedacht«, erklärte der Priester. »Wenn ich mich in einen Liebeshandel mit ihr verwickelt sehen möchte, so geschieht es, um in ihrem Herzensgrunde zu lesen.«

»Sie besitzt kein Herz,« äußerte der Herzog lebhaft, »noch ehrgeiziger ist sie, als wir es sind.«

»Du bist ein tapferer Hauptmann,« sagte der Kardinal zu seinem Bruder, »doch glaube mir, unser beider Häute sind einander ganz gleich. Und ich habe sie durch Maria überwachen lassen, bevor du daran dachtest, sie zu beargwöhnen. Katharina ist weniger religiös als mein Schuh. Wenn sie nicht die Seele der Verschwörung bildet, so liegt es nicht daran, daß sie es nicht wünscht. Doch wollen wir sie in ihrem Elemente beurteilen und sehen, wie sie uns unterstützen wird. Bis heute hatte ich die Gewißheit, daß sie mit den Ketzern nicht in der geringsten Verbindung steht.«

»Es ist an der Zeit, dem Könige und der Königin-Mutter alles zu entdecken; von nichts weiß sie etwas«, sagte der Herzog; »und das ist der einzige Beweis ihrer Unschuld; vielleicht wartet man noch auf einen letzten Augenblick, um sie durch die Möglichkeiten eines Erfolges zu blenden. La Renaudie kann durch meine Anordnungen erfahren haben, daß wir benachrichtigt wurden. Heute nacht hat Nemours den Abteilungen der Reformierten, die auf Schleichwegen anlangten, folgen müssen, und die Verschworenen werden gezwungen sein uns in Amboise anzugreifen, das ich sie alle betreten lassen will. Hier«, sagte er, indem er, wie es Chiverni eben getan, auf die drei Felswände, auf denen das Schloß von Blois steht, hinwies, »würden wir einen ergebnislosen Ansturm haben, die Hugenotten würden ganz nach ihrem Belieben kommen und gehen. Blois ist ein Saal mit vier Türen, während Amboise ein Sack ist.«

»Ich werde die Florentinerin nicht verlassen«, sagte der Kardinal.

»Einen Fehler haben wir begangen,« fing der Herzog wieder an, indem er sich damit belustigte, seinen Dolch in die Luft zu werfen und ihn mit dem Stichblatt wieder aufzufangen, »ihr gegenüber hätte man sich wie den Reformierten gegenüber benehmen müssen, man hätte ihr Handelsfreiheit lassen und sie bei der Tat überrumpeln sollen.«

Einen Augenblick sah der Kardinal seinen Bruder kopfschüttelnd an.

»Was will Pardaillan von uns?« sagte der Großmeister, als er jenen jungen Edelmann auf die Terrasse kommen sah, der durch seinen Zusammenstoß mit la Renaudie und durch ihren beiderseitigen Tod so berühmt ward.

»Gnädiger Herr, ein junger, vom Kürschner der Königin abgesandter Mann ist vor dem Tor und behauptet ihr einen Hermelinputz abliefern zu sollen; darf man ihn einlassen?«

»Nun ja; eine Schaube, von der sie gestern sprach«, entgegnete der Kardinal; »lasset den Ladenschwengel passieren, sie wird so etwas gebrauchen können, wenn wir die Loire entlang reisen.«

»Woher ist er denn gekommen, daß man ihn nicht am Schloßtor festgehalten hat?« fragte der Großmeister.

»Das weiß ich nicht«, antwortete Pardaillan.

»Danach werd' ich ihn bei der Königin fragen«, sagte sich der Balafré; »er soll das Lever im Wachensaale abwarten. Doch, . . . Pardillan, ist er jung?«

»Jawohl, gnädiger Herr; er gibt sich für den Sohn des Lecamus aus.«

»Lecamus ist ein guter Christ,« erklärte der Kardinal, welcher ebenso wie der Großmeister mit Caesars Gedächtnis ausgestattet war. »Der Pfarrer von Sankt Peter zu den Ochsen zählt auf ihn, denn er ist Viertelsmeister der Gerichtshausgegend. Laß nichtsdestoweniger den Sohn mit dem Hauptmann der Schottländergarde reden«, sagte der Großmeister, der dies Verbum betonte, indem er ihm einen leicht zu verstehenden Sinn gab. »Aber Ambrosius ist ja im Schlosse; durch ihn werden wir erfahren, ob es auch Lecamus' Sohn ist; ist er dem Vater doch von einstmals sehr verpflichtet. Bitte Ambrosius Paré her.«

In diesem Augenblicke trat die Königin Katharina allein vor die beiden Brüder hin, die sich beeilten ihr entgegenzugehen, indem sie ihr eine Ehrfurcht bezeigten, worin die Italienerin nur ständigen Hohn sah.

Sie sagte:

»Meine Herren, wollet Ihr geruhen, mir anzuvertrauen, was sich vorbereitet? Sollte Eures ehemaligen Gebieters Witwe in Eurer Schätzung den Herren von Vieilleville, Birago und Chiverni nachstehen?«

»Madame,« sagte der Kardinal in seinem galanten Tone, »der Politikerpflicht geht die Mannespflicht vor, und nach der soll man Damen nicht durch falsche Gerüchte erschrecken. Heute früh aber muß eine Konferenz über Staatsgeschäfte stattfinden. Ihr werdet meinen Bruder entschuldigen, weil er damit begonnen hat rein militärische Befehle zu erteilen, die Euch fremd anmuten dürften: wichtige Dinge sind zu entscheiden. Wenn Ihr es für gut befindet, wollen wir zum Lever des Königs und der Königin gehen. Die Stunde ist da.«

»Was geht vor, Herr Großmeister?« fragte Katharina, die Erschreckte spielend.

»Die Reformation, Madame, ist keine Ketzerei mehr, sondern eine Partei, die bewaffnet herkommen und Euch den König entreißen will.«

Katharina, der Kardinal, der Herzog und die Edelleute wandten sich dann der Treppe zu durch die Galerie, wo sich die Höflinge drängten, welche nicht das Recht auf den Eintritt in die königlichen Gemächer besaßen. Sie bildeten Spalier.

Während Katharina mit den beiden lothringischen Fürsten redete, hatte Gondi sie bespäht und sagte nun der Königin-Mutter folgende Worte ins Ohr: »Odiate e aspettate!« (Hasset und wartet!)

Sie wurden sprichwörtlich und erklären einen der Züge dieses großen königlichen Charakters.

 

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