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Katharina von Medici

Honoré de Balzac: Katharina von Medici - Kapitel 5
Quellenangabe
typenovelette
authorHonoré de Balzac
titleKatharina von Medici
publisherDiogenes
yearo.J.
isbn3257204809
translatorPaul Hansmann
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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»Nun also«, sagte Chaudieu im Augenblicke, da der junge Lecamus seinen Satz beendigte; »dieser Fährmann ist la Renaudie; und hier der gnädige Herr, der Prinz von Condé«, fügte er, auf den kleinen Buckligen weisend, hinzu.

So repräsentieren diese vier Männer des Volkes Glauben, die Klugheit des Wortes, des Soldaten Hand und das im Dunkel verborgene Königtum.

»Ihr sollt wissen, was wir von Euch erwarten«, fuhr der Prediger fort, nachdem er eine kleine Pause für das Erstaunen des jungen Lecamus gelassen hatte. »Damit Ihr keinen Irrtum begeht, sehen wir uns genötigt, Euch in die wichtigsten Geheimnisse der Reformation einzuweihen.«

Der Prinz und la Renaudie setzten des Predigers Wort durch eine Geste fort. Der aber hatte geschwiegen, um den Prinzen, wenn er wollte, selber reden zu lassen. Wie alle großen Herren, die sich in Komplotte eingelassen haben und deren System darin besteht, sich erst im entscheidenden Augenblicke zu zeigen, wahrte der Prinz Schweigen, nicht aus Feigheit: in solcher Lage der Dinge war er die Seele der Verschwörung, schreckte vor keiner Gefahr zurück und setzte sein Haupt aufs Spiel. Doch einer Art königlicher Würde zufolge überließ er die Erklärung dieses Unternehmens dem Prediger und begnügte sich damit, das neue Instrument, dessen man sich bedienen mußte, zu studieren.

»Mein Kind,« sagte Chaudieu in der Sprache der Hugenotten, »wir wollen der römischen Hure eine erste Schlacht liefern. In einigen Tagen werden unsere Streiter auf den Blutgerüsten sterben oder die Guisen haben zu leben aufgehört. Bald also werden der König und die beiden Königinnen sich in unserer Macht befinden. Das ist das erste zu den Waffen Greifen unserer Religion in Frankreich, und Frankreich wird die Waffen erst niederlegen, wenn es völlig besiegt worden ist: es handelt sich um die Nation, müßt Ihr verstehn, und nicht um das Königtum. Die meisten Großen des Königreichs sehen es in dem Kardinal von Lothringen und dem Herzoge, seinem Bruder, oder wollen, daß sie es erlangen. Unter dem Vorwande, die katholische Religion zu verteidigen, will das Haus Lothringen die Krone Frankreichs als sein Erbteil reklamieren. Auf die Kirche sich stützend, hat es sie zu einem furchtbaren Verbündeten gemacht, es hat die Mönche als Stützen, als Helfershelfer, als Spione. Als Vormund des Hauses Valois, welches es zu vernichten gedenkt, wirft es sich zum Schützer des Thrones auf, den es sich anmaßen will. Wenn wir uns entschließen, die Waffen zu ergreifen, so geschieht es, weil es sich zur nämlichen Zeit um die in gleicher Weise bedrohten Freiheiten des Volkes und Interessen des Adels handelt. Ersticken wir in seinen Anfängen einen ebenso verhaßten Aufstand wie den der Bourguignonen, die ehedem Paris und Frankreich in Feuer und Blut tauchten. Eines Ludwigs des Elften bedurfte es, um dem Streite der Bourguignonen und der Krone ein Ende zu bereiten; heute aber wird ein Prinz von Condé die Lothringer zu verhindern wissen, einen ähnlichen heraufzubeschwören. Es ist kein Bürgerkrieg, sondern ein Zweikampf zwischen den Guisen und der Reformation, ein Kampf auf Leben und Tod: wir werden ihre Köpfe herunterschlagen, oder sie werden unsere abmähen.«

»Wohl gesprochen!« rief der Prinz.

»Unter sotanen Umständen, Christoph,« fügte la Renaudie hinzu, »wollen wir nichts versäumen, um unsere Partei zu stärken; denn es gibt eine Partei in der Reformation, die Partei der verletzten Interessen, der den Lothringern aufgeopferten Adligen, der alten Hauptleute. Übel hat man denen in Fontainebleau mitgespielt: der Kardinal verbannte sie, indem er Galgen errichten ließ, um die daran aufzuhängen, welche vom Könige Geld für ihre Musterung und den rückständigen Sold verlangten.«

»Das, mein Kind,« fuhr Chaudieu fort, als er ein gewisses Entsetzen bei Christoph bemerkte, »verpflichtet uns, mit den Waffen anstatt durch Überzeugung und Martyrium zu kämpfen. Die Königin-Mutter steht im Begriff auf unsere Pläne einzugehen; nicht daß sie abschwören will, so weit ist sie noch nicht, wird aber vielleicht durch unseren Triumph dazu gezwungen werden. Wie immer dem auch sein möge, gedemütigt und verzweifelt wie sie ist, die Macht, die sie nach des Königs Tode auszuüben hoffte, in der Guisen Hände übergehen zu sehen, erschreckt über den Einfluß, welchen die junge Königin Maria, der Guisen Nichte und Bundesgenossin, erringt, muß die Königin Katharina geneigt sein, ihre Hilfe den Fürsten und edlen Männern angedeihen zu lassen, die, um sie zu befreien, einen Handstreich wagen wollen. Wiewohl sie anscheinend den Guisen in diesem Momente ergeben ist, haßt sie sie, wünscht sie ihr Verderben und wird sich unserer wider sie bedienen; der gnädige Herr aber wird sich ihrer wider uns bedienen. Die Königin-Mutter wird ihre Einwilligung zu unseren Plänen geben. Für uns werden wir den Konnetabel haben, den der gnädige Herr eben in Chantilly getroffen hat, der sich aber nur auf seiner Herren Befehl rühren will. Da er des gnädigen Herrn Oheim ist, wird er ihn niemals in der Klemme sitzen lassen, und der edle Prinz will sich ungesäumt in die Gefahr stürzen, damit Anne von Montmorency sich entscheidet. Alles ist bereit, und wir haben ein Auge auf Euch geworfen, um der Königin Katharina unseren Bündnisvertrag, die geplanten Edikte und die Basen der neuen Regierung mitzuteilen. Der Hof ist in Blois. Viele der Unsrigen sind gleichfalls dort; die aber sind unsere künftigen Häupter und dürfen wie der gnädige Herr«, sagte er, auf den Prinzen zeigend, »niemals beargwöhnt werden. Wir alle müssen uns für sie opfern. Die Königin-Mutter und unsere Freunde sind Gegenstand einer so genauen Überwachung, daß man unmöglich eine bekannte oder einigermaßen gewichtige Persönlichkeit als Mittelsmann benutzen kann. Sofort würde sie in Verdacht geraten und sich nicht mit Frau Katharina in Verbindung setzen können. Gott schuldet uns in diesem Augenblick den Hirten David und seine Schleuder, um Goliath von Guise anzugreifen. Euer Vater – zu seinem Unglück ist er ein guter Katholik – ist Kürschner der beiden Königinnen und hat ihnen immer irgendwelchen Putz abzuliefern. Setzt es durch, daß er Euch an den Hof schickt. Ihr werdet keinen Argwohn erwecken und die Königin Katharina in keiner Weise bloßstellen. Mit ihrem Kopfe könnten alle unsere Führer eine Unvorsichtigkeit bezahlen, die glauben ließe, daß die Königin-Mutter mit ihnen unter einer Decke stecke. Da wo die Großen, einmal ertappt, die Aufmerksamkeit auf sich lenken, hat das für einen Kleinen wie Euch gar keine Folgen. Seht, die Guisen haben so viele Spione, daß wir nur den Fluß für uns hatten, um furchtlos miteinander plaudern zu können. Ihr nun, mein Sohn, seid wie die Schildwache verpflichtet, auf Eurem Posten zu sterben. Wisset: wenn Ihr überrumpelt werdet, lassen wir alle Euch im Stich; wenn es sein muß, wollen wir Schimpf und Schande auf Euch werfen. Im Notfalle werden wir sagen, Ihr wäret eine Kreatur der Guisen, welche Euch diese Rolle spielen ließen, um uns zu verderben. Also fordern wir ein gänzliches Opfer.«

»Wenn Ihr umkommen solltet,« sagte der Prinz von Condé, »wird Eure Familie – dafür verpfände ich Euch mein Edelmannswort – dem Hause Navarra heilig sein, ich werde sie in meinem Herzen tragen und ihr in jeder Sache dienen.«

»Dies Wort, mein Prinz, genügt bereits«, antwortete Christoph, ohne daran zu denken, daß dieser Aufwiegler ein Gaskogner war. »Wir leben in Zeiten, wo jedweder, Fürst oder Bürgersmann, seine Schuldigkeit tun muß.«

»So spricht ein echter Hugenott. Wenn alle unsere Männer so wären,« sagte la Renaudie, ein Hand auf Christophs Schulter legend, »würden wir morgen die Herren sein.«

»Junger Mann,« fuhr der Prinz fort, »ich hab' Euch zeigen wollen, daß, wenn Chaudieu predigt, wenn der Edelmann sich waffnet, der Fürst losschlägt. Alle Einsätze sind also bei dieser heißen Partie gleich.«

»Hört,« sagte la Renaudie, »ich werd' Euch die Papiere erst in Beaugency geben, man darf sie während der ganzen Reise nicht gefährden. Finden sollt Ihr mich am Hafen: mein Gesicht, meine Stimme, meine Kleider werden so verändert sein, daß Ihr mich nicht wiedererkennen sollt. Doch werd' ich zu Euch sagen: Seid Ihr ein flinker Mensch? Und Ihr sollt mir antworten: Zu dienen bereit. Was die Ausführung anlangt, so sind hier die Mittel und Wege. Im ›schäumenden Schoppen‹, nahe bei Saint-Germain l'Auxerrois, werdet Ihr ein Pferd finden. Dort sollt Ihr nach Johann dem Bretonen fragen, der Euch in den Stall führen und Euch einen meiner Klepper geben wird, die dafür bekannt sind, daß sie ihre dreißig Meilen in acht Stunden machen. Geht durch das Bussytor hinaus, der Bretone hat einen Paß für mich, nehmt ihn für Euch und macht zu und beseht Euch die Städte von allen Seiten. In der Dämmerung könnt Ihr so nach Orleans kommen.«

»Und das Pferd?« fragte der junge Lecamus.

»Vor Orleans wird es nicht krepieren«, antwortete la Renaudie. »Laßt es beim Eingang in die Vorstadt Bannier zurück, denn die Tore sind gut bewacht, man soll keinen Argwohn erwecken. Euch, mein Freund, liegt's ob, Eure Rolle gut zu spielen. Ihr werdet eine Fabel erfinden, welche Euch am tauglichsten zu sein scheint, um nach dem dritten Hause linker Hand, wenn man Orleans betritt, zu gelangen. Es gehört einem gewissen Tourillon, einem Handschuhmacher. Dreimal sollt Ihr an die Tür pochen mit dem Rufe: Dienst der Herrn von Guise! Dem Anscheine nach ist der Mann ein wütender Guisenanhänger, doch nur wir vier wissen, daß er einer der Unsrigen ist. Er wird Euch einen ergebenen Fährmann bringen, einen anderen Guisenfreund, von seinem Schlage, wohl verstanden. Geht sofort zum Hafen hinunter. Dort sollt Ihr Euch in einem grüngestrichenen und weißbordierten Fahrzeuge einschiffen. Morgen früh, so um die Mittagszeit, werdet Ihr zweifelsohne in Beaugency anlegen. Dort will ich Euch eine Barke vorfinden lassen, in welcher Ihr ohne Gefahr zu laufen nach Blois fahrt. Unsere Feinde, die Guisen, bewachen nicht die Loire, sondern nur die Tore. Also werdet Ihr die Königin noch an dem Tage oder am anderen Morgen sehen können.«

»Eure Worte sind hier eingemeißelt«, sagte Christoph, auf seine Stirn weisend.

Chaudieu umarmte sein Kind, auf das er stolz war, mit einer merkwürdigen religiösen Wärme.

»Gott wache über dir!« sagte er, auf den Sonnenuntergang hindeutend, welcher die alten schindelbedeckten Dächer rot färbte und seine Strahlen durch den Wald von Pfahlwerk schickte, wo die Gewässer glucksten.

»Ihr seid vom Stamme des alten Jacques Bonhomme; der die aufrührerischen Bauern führte«, sagte la Renaudie zu Christoph. Er drückte ihm fest die Hand.

»Wir werden uns wiedersehen, mein Herr«, sagte der Prinz zu ihm. Er machte eine unendlich anmutige Handbewegung, worin etwas fast Freundschaftliches lag.

Ein Ruderstoß und la Renaudie setzte den jungen Verschwörer bei einer Treppenstufe, die ins Haus führte, ab. Die Barke verschwand sofort unter den Bögen der Wechslerbrücke.

Christoph rüttelte an dem Eisengitter, welches die Treppe nach der Flußseite hin absperrte, und rief. Mademoiselle Lecamus hörte ihn, öffnete eines der Fenster im Hinterladen und fragte ihn, wie er dorthin käme. Christoph erwiderte, ihn fröre und man solle ihn zuerst einmal einlassen.

»Herr,« sagte die Burgundermagd, »durch die Straßentüre seid Ihr fortgegangen und kehrt durch die Wasserpforte zurück? Euer Vater wird sich schön ärgern.«

Betäubt durch eine vertrauliche Beratung, die ihn mit dem Prinzen Condé, la Renaudie und Chaudieu in Beziehung gebracht hatte, und noch mehr bewegt von dem Schauspiel des bevorstehenden Bürgerkrieges, antwortete Christoph nichts. Schnell ging er aus der Küche in den Hinterladen hinauf. Als aber seine Mutter, eine alteingefleischte Katholikin, ihn sah, konnte sie ihren Zorn nicht zurückhalten.

»Ich wette, die drei Männer, mit denen du plaudertest, waren Ref . . .?« fragte sie.

»Schweig doch still, Frau«, sagte der kluge Greis mit weißen Haaren, welcher in einem dicken Buche blätterte . . . . »Ihr großen Nichtstuer,« fuhr er fort, sich an drei junge Burschen wendend, die schon lange mit dem Abendessen fertig waren, »was wartet ihr noch, um schlafen zu gehen? Es ist acht Uhr, ihr müßt um fünf in der Frühe aufstehn. Übrigens habt ihr dem Präsidenten von Thou noch Mütze und Mantel hinzubringen. Geht alle drei hin und nehmt eure Stöcke und eure Rapiere mit. Wenn ihr Windbeuteln gleich euch begegnet, seid ihr wenigstens in der Übermacht.«

»Muß nicht auch die Hermelinschaube fortgebracht werden, welche die junge Königin heischte? Sie soll im Hotel de Soissons abgegeben werden, von wo aus ein Expreß nach Blois an die Königin-Mutter geht!« fragte der Gehilfen einer.

»Nein«, sagte der Syndikus. »Die Rechnung der Königin Katharina beläuft sich auf dreitausend Taler; schließlich müßte man sie doch kriegen; ich gedenke nach Blois zu reisen.«

»Lieber Vater, ich werd' nicht leiden, daß Ihr bei Eurem Alter und bei dem jetzt herrschenden Wetter Euch den Fährnissen der Wege aussetzt. Ich bin zweiundzwanzig Jahre alt, Ihr könnt mich dazu gebrauchen«; sagte Christoph, die Schachtel beäugend, worinnen die Schaube sein mußte.

»Seid ihr an der Bank festgelötet«, rief der Alte den Lehrlingen zu, die schnell nach ihren Rapieren, ihren Mänteln und Herrn von Thous Pelzwerk griffen.

Folgenden Morgens erhielt nämlich im Palais das Parlament diesen berühmten Mann als seinen Präsidenten, der, nachdem er das Todesurteil des Rates du Bourg unterzeichnet hatte, ehe das Jahr zur Neige ging, dem Prinzen von Condé das Urteil sprechen sollte.

»Burgunderin, geht,« sagte der Alte, »und fragt meinen Gevatter Lallier, ob er mit uns zu Abend essen will. Er mag für den Wein sorgen, wir wollen die Speisen liefern. Sagt ihm vor allen Dingen, er solle seine Tochter mitbringen.«

Der Syndikus der Kürschnerzunft war ein schöner sechzigjähriger Greis mit weißen Haaren und breiter offener Stirn. Da er seit vierzig Jahren Hofkürschner war, hatte er alle Revolutionen der Regierung Franz' des Ersten erlebt und sich trotz der Weiberrivalitäten in seinem königlichen Patente gehalten. Zeuge war er gewesen von der Ankunft der jungen Katharina von Medici bei Hofe, kaum fünfzehnjährig war die damals gewesen. Gesehen hatte er, wie sie hinter der Herzogin von Éstampes, ihres Schwiegervaters Geliebten, zurückstehen mußte; zurückstehen mußte sie hinter der Herzogin von Valentinois, ihres Gatten, des verstorbenen Königs, Geliebten. Mit Anstand aber hatte der Kürschner sich aus den verschiedenen Phasen herausgezogen, in welchen die Kaufleute des Hofes so häufig die Ungnade der Geliebten auf sich luden. Seine Klugheit glich seinem Glück. Er verharrte in einer grenzenlosen Demut. Niemals hatte die Hoffart ihn in ihren Schlingen verstrickt. Dieser Kaufherr machte sich so klein, so sanftmütig, so gefällig, so arm bei Hofe, vor den Prinzessinnen, den Königinnen und den Favoritinnen, daß seine Bescheidenheit und Biederkeit ihm das Schild seines Hauses bewahrt hatten. Eine derartige Politik bewies zur Genüge den schlauen und scharfsinnigen Mann. So bescheiden er draußen schien, so despotisch war er zu Hause; bei sich war er absolut. Sehr verehrt wurde er von seinen Berufsgenossen, und da er seit langem den ersten Platz in seinem Handelszweige einnahm, war er natürlich sehr angesehen. Übrigens leistete er gern gute Dienste, und unter denen, die er geleistet, ist unstreitig einer der auffälligsten die Unterstützung, die er über lange Zeit dem berühmtesten Chirurgen des fünfzehnten Jahrhunderts, Ambrosius Paré, gewährte. Ihm hatte der es zu verdanken, daß er sich seinen Studien widmen konnte. Bei allen Schwierigkeiten, die unter Kaufleuten eintraten, zeigte Lecamus sich konziliant. Auch befestigte die allgemeine Schätzung seine Stellung unter seinesgleichen, wie sein scheinbarer Charakter ihm des Hofes Gunst bewahrte. Nachdem er aus Politik in seiner Pfarrei nach den Ehren des Kirchenvorstandes gehascht hatte, tat er das Notwendige, um im guten Geruch der Heiligkeit bei dem Pfarrer von Saint-Pierre aux Boeufs zu bleiben, der ihn für einen Mann hielt, der sich der katholischen Religion mit Leib und Seele verschrieben hatte. Auch ward er zur Zeit der Einberufung der Generalstände dank dem Einflusse der Pariser Pfarrer, welcher zu der Zeit unbeschreiblich groß war, einstimmig zum Repräsentanten des dritten Standes gewählt. Dieser Greis war einer jener heimlichen und kraß ehrgeizigen Männer, die sich zwanzig Jahre lang vor jedem bücken, indem sie von Posten zu Posten gleiten, ohne daß man eigentlich weiß, wie sie dazu gekommen sind; die dann aber ruhig an einem Ziele dasitzen, auf das selbst der kühnste nicht zu Beginn des Lebens ein Augenmerk zu richten wagen würde: so groß war die Entfernung, so viele Abgründe waren zu überschreiten, in die man doch hineinfallen konnte! Lecamus, der heimlich ein riesiges Vermögen besaß, wollte keine Gefahr laufen und bereitete seinem Sohn eine glänzende Zukunft vor. Statt jenen persönlichen Ehrgeiz zu besitzen, welcher die Zukunft so häufig der Gegenwart opfert, besaß er den Familienehrgeiz – ein heute abhanden gekommenes Gefühl, da es durch die törichte Verfügung unserer Gesetze über die Erbschaft erstickt worden ist. Als ersten Präsidenten sah Lecamus sich im Pariser Parlament in der Person seines Enkels.

Christoph, dem Patenkind des berühmten Historikers Thou, war die solideste Erziehung zuteil geworden. Doch hatte sie ihn zum Zweifel und zur Prüfung geführt, die bei den Studenten und den Fakultäten der Universität um sich griffen.

In diesem Augenblick lag Christoph seinen Studien ob, um als Advokat zu debütieren und damit die erste Stufe des Richterstandes zu erklimmen. Der alte Kürschner spielte hinsichtlich seines Sohnes den Unschlüssigen; bald wollte er Christoph allem Anscheine nach zu seinem Nachfolger machen, bald sollte er Advokat werden. Im Ernste zielte sein Ehrgeiz danach, diesem Sohne eine Ratstelle im Parlament zu verschaffen. Der Kaufherr wollte die Familie Lecamus zu dem Range jener alten und berühmten Pariser Bürgerfamilien erheben, aus welchen die Pasquier, die Molé, die Miron, die Sequier, Lamoingnon, du Tillet, Lecoigneux, die Goix, die Arnauld, die berühmten Schöffen und die großen Vorsteher der Kaufmannschaft hervorgegangen sind, unter denen der Thron so viele warme Verteidiger fand. Damit Christoph seinen Rang eines schönes Tages auch behaupten könne, wollte er ihn mit der Tochter des reichsten Goldschmieds der Altstadt, seines Gevatters Lallier, verheiraten, dessen Neffe Heinrich dem Vierten die Schlüssel von Paris darreichen sollte. Der Plan, welchen dieser Bürger in seines verschwiegenen Herzens geheimstem Kämmerchen hätschelte, ging darauf hinaus, die Hälfte seines und die Hälfte von des Goldschmieds Vermögen für den Erwerb einer großen und schönen adligen Besitzung zu verausgaben, was zu jenen Zeiten eine schwierige und lange Zeit in Anspruch nehmende Angelegenheit war. Dieser tiefe Politiker kannte aber seine Zeit zu gut, als daß er nicht um die großen sich vorbereitenden Bewegungen gewußt hätte. Er sah gut und sah richtig, indem er die Spaltung des Königreichs in zwei Feldlager vorausahnte. Die zwecklosen Hinrichtungen auf dem Wippgalgenplatze, die Tötung des Schneiders Heinrichs des Zweiten, die des Rates Anne du Bourg, welche noch neueren Datums war, das augenblickliche Einverständnis der großen Herren, das einer Favoritin unter Franz' des Ersten Herrschaft mit den Reformierten waren schreckliche Anzeichen. Was immer auch kommen sollte, der Kürschner war fest entschlossen, katholisch, königstreu und Parlamentsmitglied zu bleiben. Ganz im stillen paßte es ihm aber, daß sein Sohn der Reformation angehörte. Er wußte sich reich genug, um Christoph loszukaufen, wenn er sich allzusehr bloßstellen sollte. Wenn Frankreich dann aber calvinistisch werden sollte, konnte sein Sohn seine Familie bei einem jener furchtbaren Pariser Aufstände retten, deren Erinnerung in dem Bürgertume lebte, das sie während vier Regierungen immer wieder neu anzetteln sollte. Ebenso wie Ludwig der Elfte teilte der alte Kürschner diese Gedanken aber nur sich selber mit; seine Unergründlichkeit ging so weit, daß er sogar sein Weib und seinen Sohn täuschte. Diese ernste Persönlichkeit war seit langem das Oberhaupt des reichsten und bevölkertsten Pariser Stadtteiles, des Zentrums, unter dem Titel eines Viertelsmeisters, welcher fünfzehn Jahre später so berühmt werden sollte. Wie alle vorsichtigen Bürgersleute, die den Gesetzen gegen den Aufwand gehorsamten, in Tuch gekleidet, trug Ehren Lecamus – er legte Wert auf diesen Titel, welchen Karl der Fünfte den Pariser Bürgern gewährt hatte und der ihnen erlaubte, Adelherrschaften zu kaufen und ihren Frauen den schönen Titel Demoiselle beizulegen – weder eine Goldkette noch Seide, sondern ein derbes Wams mit dicken angelaufenen Silberknöpfen, Wollhosen, die bis an die Knie reichten, und lederne Spangenschuhe. Sein feines Leinenhemd bauschte sich üppig der Zeitmode entsprechend aus seiner halboffenen Weste und seinen Kniehosen heraus.

Wiewohl des Greises schönes und schmales Antlitz alle Helligkeit der Lampe empfing, war es Christoph doch unmöglich, die Gedanken zu erraten, welche unter der kräftigen holländischen Hautfarbe seines alten Vaters begraben lagen; nichtsdestoweniger begriff er, daß der Alte jeden Vorteil aus seiner Liebe zu der hübschen Babette Lallier ziehen wollte. Als Mensch, der seinen Entschluß gefaßt hat, lächelte Christoph bitter, als er seine Zukünftige eingeladen werden hörte.

Als die Burgunderin mit den Lehrlingen abgezogen war, schaute der alte Lecamus sein Weib an, nun seinem ganzen festen und absoluten Charakter Ausdruck verleihend.

»Nicht eher wirst du zufrieden sein, als bis du das Kind mit deiner verdammten Zunge an den Galgen gebracht hast«, sagte er mit strenger Stimme zu ihr.

»Ich möchte ihn lieber gerichtet, aber gerettet, als lebendig und hugenottisch sehen«, erklärte sie mit düsterer Miene. »Kann man es sich denn nur denken, daß ein Kind, das neun Monate in meinem Schoße hauste, kein guter Katholik ist und von Nickels Kuh frißtVolkstümlicher Ausdruck für protestantisch sein. und für alle Ewigkeiten im Höllenpfuhle schmachten wird?«

Sie hub zu weinen an.

»Alte Närrin,« sagte der Kürschner zu ihr, »laß ihn doch leben, und wär's auch nur, um ihn zu bekehren! Vor unseren Lehrlingen hast du ein Wort geäußert, das Feuer an unser Haus zu legen vermag; wir können dann allgesamt wie Flöhe in Strohsäcken braten.«

Die Mutter schlug ein Kreuz, setzte sich und schwieg. »Nun denn, du,« sagte der Biedermann, seinem Sohne einen Richterblick zuwerfend, »erkläre mir doch, was du auf dem Wasser tatest mit . . . . Komm hierher, daß ich mit dir spreche«, sagte er, seinen Sohn beim Arme greifend und ihn an sich heranziehend, . . . mit dem Prinzen von Condé«, flüsterte er dem bebenden Christoph ins Ohr. »Glaubst du etwa des Hofes Kürschner kenne nicht alle seine Gesichter? Und meinst du etwa, ich wüßte nicht, was vorgeht? Der Herr Großmeister hat den Befehl erteilt, Truppen nach Amboise zu bringen. Aus Paris die Truppen zurückziehen und sie nach Amboise senden, wenn der Hof in Blois ist, und sie dann über Chartres und Vendôme gehen anstatt die Orleanser Straße ziehen zu lassen, da liegt's doch auf der Hand, daß es Trubel geben soll. Wenn die Königinnen ihre Schauben haben wollen, werden sie sie sich holen lassen. Der Prinz von Condé hat vielleicht beschlossen, die Herren von Guise über den Degen springen zu lassen; die ihrerseits hoffen sich seiner vielleicht zu entledigen. Um sich zu verteidigen, wird der Prinz sich der Hugenotten bedienen. Wozu würde ein Kürschnersohn in diesem Handel taugen? Wenn du erst verheiratet, wenn du erst Parlamentsadvokat bist, wirst du ebenso vorsichtig sein wie dein Vater. Um der neuen Religion anzugehören, muß ein Kürschnersohn warten, bis jedermann ihr anhängt. Ich verurteile die Reformatoren nicht, das ist nicht meines Amtes; aber der Hof ist katholisch, die beiden Königinnen sind katholisch, das Parlament ist katholisch; all die versorgen wir mit Ware, ergo müssen auch wir katholisch sein. Du wirst nicht von hier weggehn, Christoph, oder ich stecke dich zu deinem Paten, dem Präsidenten Thou; Tag und Nacht wird der dich bei sich behalten und dich gar viel Papier schwärzen lassen. Dann wird deine Seele schon nicht in der Küche jener verdammten Genfer schwarz werden.«

»Mein Vater«, sagte Christoph, sich auf die Lehne des Stuhles stützend, in welchem sein Vater saß; »schickt mich doch nach Blois, laßt mich der Königin Maria die Schaube bringen und bei der Königin-Mutter unser Geld eintreiben; sonst bin ich ja verloren. Und Ihr hängt doch an mir . . .«

»Verloren?« antwortete der Greis, ohne das geringste Erstaunen zu zeigen. »Wenn du hierbleibst, wirst du nicht verloren sein; immer werd' ich dich wiederfinden.«

»Man wird mich töten . . .«

»Wie?«

»Die glühendsten Hugenotten haben ein Auge auf mich geworfen, um sich meiner in irgendwelcher Sache zu bedienen. Wenn ich nicht tue, was ich eben versprach, werden sie mich am hellichten Tage, auf der Straße hier, umbringen, wie man Minard getötet hat. Wenn Ihr mich aber in Euren Angelegenheiten an den Hof sendet, könnt' ich mich wohl in gleicher Weise nach zwei Seiten hin rechtfertigen. Entweder werde ich Erfolg haben, ohne irgendeine Gefahr gelaufen zu sein, und mir so eine schöne Stellung in der Partei erwerben, oder wenn die Gefahr zu groß ist, werd' ich nur Eure Angelegenheit betreiben.«

Der Vater sprang auf, wie wenn sein Sessel aus glühendem Eisen gewesen wäre. »Liebe Frau,« sagte er, »verlaß uns und wache darüber, daß wir ganz allein sind, Christoph und ich.«

Als Mademoiselle Lecamus hinausgegangen war, faßte der Kürschner seinen Sohn bei einem Rockknopfe und führte ihn in die Zimmerecke, welche in die Brücke hineinsprang.

»Christoph«, flüsterte er ihm in die Ohrmuschel, wie vorhin, als er von dem Prinzen von Condé gesprochen hatte, »sei ein Hugenott, wenn du dem Laster fröhnst, aber sei es mit Vorsicht, in der Tiefe des Herzens und nicht so, daß man im Stadtviertel mit den Fingern auf dich zeigt. Was du mir eben anvertrautest, beweist mir, welch Vertrauen die Häupter in dich setzen. Was sollst du denn bei Hofe tun?«

»Ich wüßte es Euch nicht zu sagen,« antwortete Christoph, »weiß ich's ja doch selber noch nicht.«

»Hm, hm«, machte der Greis, seinen Sohn anschauend. »Der Schelm will seinen Vater duppen, da kennt er mich aber schlecht. – Nun denn,« fuhr er mit leiser Stimme fort, »du gehst nicht an den Hof, um den Herren von Guise oder dem kleinen König, unserm Gebieter, oder der kleinen Königin Maria irgend etwas Gutes zuzustecken. All' diese Herzen sind katholisch; doch möcht ich drauf schwören, daß die Italienerin der Schottländerin oder den Lothringern etwas am Zeuge flicken will; ich kenne sie. Sie hat eine rasende Lust, die Hand überall im Spiele zu haben. Der selige König fürchtete sie so sehr, daß er tat, wie die Uhrmacher tun; er entkräftete den Diamanten durch den Diamanten, ein Weib durch das andere. Daher stammt der Haß der Königin Katharina gegen die arme Herzogin von Valentinois, der sie das schöne Schloß von Chenonceaux abnahm. Ohne den Herrn Konnetabel würde die Herzogin zum mindesten erdrosselt worden sein . . . . Achtung, mein Sohn, begib dich nicht in die Hände dieser Italienerin, deren Liebe nur im Gehirne sitzt: ein schlechtes Stück von einem Weibe. Ja, was man dich am Hofe tun lassen will, wird dir vielleicht tüchtige Kopfschmerzen bereiten«, rief der Vater, als er sah, daß Christoph nahe daran war zu antworten. »Mein Kind, ich habe Pläne für deine Zukunft, du würdest sie nicht stören, wenn du dich der Königin Katharina nützlich machtest; doch, bei Jesus Christus, setz deinen Kopf nicht aufs Spiel. Jene Herren von Guise würden ihn dir heruntersäbeln, wie unsere Burgunderin eine Kohlrübe abschneidet, denn die Leute, die dich benutzen, werden dich in jeder Weise verleugnen.«

»Das weiß ich, mein Vater«, sagte Christoph.

»Und doch machst du dich stark dazu? Du weißt es und wagst es!«

»Ja, mein Vater.«

»Alle Wetter,« schrie der Vater, der seinen Sohn in seine Arme preßte, »wir können uns verständigen; du bist deines Vaters würdig. Mein Kind, du wirst die Ehre der Familie werden, und ich sehe, daß dein alter Vater sich mit dir aussprechen kann. Solltest du aber nicht hugenottischer sein als die Herren von Coligny? Zieh nicht den Degen, du sollst ein Mann der Feder sein, verharre in deiner zukünftigen Juristenrolle. Nun denn, sag mir also nichts vor dem glücklichen Ausgange. Wenn du mich vier Tage nach deiner Ankunft in Blois nichts hast wissen lassen, soll dies Schweigen mir sagen, daß du in Gefahr schwebst. Der Alte wird dann den Jungen retten. Zweiunddreißig Jahre lang hab' ich Pelze verkauft, da kenne ich die Kehrseite der Hofkleider gut. Auch werde ich wohl etwas haben, um mir Türen und Tore öffnen zu lassen.«

Christoph riß seine Augen weit auf, als er seinen Vater also reden hörte; doch fürchtete er eine väterliche Schlinge und wahrte Schweigen.

»Nun also, macht die Rechnung fertig, schreibt einen Brief an die Königin; ich will sofort abreisen. Würde mir doch sonst das größte Unheil widerfahren.«

»Abreisen? Aber wie denn?«

»Ich werde mir ein Pferd kaufen . . . Schreibt, um Gottes willen!«

»He, Mutter! Geld für deinen Sohn!« rief der Alte seinem Weibe zu.

Die Mutter kam herein, eilte an ihre Truhe und reichte Christoph, der sie ganz gerührt umarmte, eine Börse.

»Die Rechnung lag schon fertig da,« sagte der Vater, »hier hast du sie. Ich will denn noch den Brief schreiben.«

Christoph nahm die Rechnung und steckte sie in seine Tasche.

»Aber du sollst wenigstens mit uns zu Abend essen«, sagte der Biedermann. »In solch verzweiflungsvoller Lage müßt ihr eure Ringe wechseln, Lalliers Tochter und du.«

»Schön also, da will ich sie holen gehen«, rief Christoph.

Der junge Mann fühlte sich seines Vaters nicht ganz sicher, da er dessen Charakter noch nicht zur Genüge kannte. Er stieg in sein Zimmer hinauf, kleidete sich um, nahm ein Felleisen, schlich sich auf den Zehenspitzen herunter und legte es unter einen Ladentisch, seinen Degen und seinen Mantel ebenfalls.

»Was zum Teufel tust du da?« fragte sein Vater, als er ihn hörte.

»Ich will nicht, daß man meine Reisevorbereitungen sieht; hab' alles unter einen Tisch gesteckt«, flüsterte er ihm ins Ohr.

»Da ist der Brief«, sagte der Vater.

Christoph nahm das Papier und ging hinaus, wie wenn er die junge Nachbarin holen wollte.

Einige Augenblicke nach Christophs Abreise langten der Gevatter Lallier und seine Tochter an. Vor ihnen her ging eine Magd, welche drei Flaschen alten Weines trug.

»Nun, und wo ist Christoph?« fragten die beiden alten Leute.

»Christoph?« rief Babette, »wir haben ihn nicht gesehen.«

»Mein Sohn ist doch ein kecker Wicht! Täuscht mich, wie wenn ich noch bartlos wäre. Mein Gevatter, was wirds jetzt geben? Zu Zeiten leben wir, wo die Kinder mehr Grips haben als ihre Väter.«

»Seit langem schon erzählt sich das ganze Viertel, daß auch er ›von Nickels Kuh fräße‹«, sagte Lallier.

»In dem Punkte müßt Ihr ihn in Schutz nehmen, Gevatter«, erwiderte der Kürschner dem Goldarbeiter. »Die Jugend ist närrisch, allem Neuen läuft sie nach. Babette aber wird ihn schon zur Ruhe bringen, sie ist noch neuer als Calvin.«

Babette lächelte. Sie liebte Christoph und nahm alles übel, was man gegen ihn sagte. Sie war ein Mädchen vom alten Bürgerschlage und unter den Augen ihrer Mutter aufgewachsen, die sie nicht verlassen hatte. Ihr Gehaben war sanft und korrekt wie ihr Gesicht. Gekleidet war sie in Wollstoffe von grauen und harmonischen Farben; ihr einfach gefälteter Halskragen stach seiner Weiße wegen grell von ihren Gewändern ab. Sie trug ein braunes Sammethäubchen, das große Ähnlichkeit mit einem Kindermützchen hatte, aber mit Rüschen und Zäckchen aus lohfarbener Gaze verziert war, die an jeder Seite des Gesichtes herunter hingen. Wiewohl sie blond und weiß war wie eine Blondine, schien sie schlau und listig zu sein, indem sie ihre Schalkheit immerhin unter der Miene eines ehrbar erzogenen jungen Mädchens zu verbergen suchte. Solange die beiden Mägde kamen und gingen, um das Tischtuch aufzudecken, die Bratspieße, die großen Zinnplatten und die Teller hinzustellen, blieben der Goldschmied und seine Tochter, der Kürschner und sein Weib vor dem hohen Kamin mit den rotzitzenen Vorhängen, die mit schwarzen Fransen besetzt waren, und redeten nichtiges Zeug. Babette mochte noch so schön fragen, wo Christoph sein könnte, Vater und Mutter des jungen Hugenotten gaben ausweichende Antworten. Als aber die beiden Familien zu Tische saßen und die beiden Dienerinnen in der Küche waren, sagte Lecamus zu seiner künftigen Schwiegertochter:

»Christoph ist an den Hof gereist.«

»Nach Blois! Eine solche Reise zu machen, ohne mir Lebewohl zu sagen!« rief sie.

»Die Sache war eilig«, erwiderte die Mutter.

»Lieber Gevatter,« sagte der Kürschner, die aufgegebene Unterhaltung wieder aufgreifend, »Geraufe werden wir jetzt in Frankreich haben: die Reformierten rühren sich. Wenn sie triumphieren sollten, wird's doch erst nach großen Kriegen, bösen Kriegen sein.«

»Und währenddem wird's dem Handel schlecht gehen«, sagte Lallier, der nicht imstande war sich über die kommerzielle Sphäre hinaus zu erheben.

»Mein Vater, der das Ende der Kriege zwischen den Burgundern und Armagnacs miterlebte, sagte mir, daß unsere Familie nicht heil aus ihm herausgekommen sein würde, wenn nicht einer seiner Großväter, der Mutter Vater, ein Goix, einer jener berühmten Schlächter der Markthalle gewesen wäre, die zu den Burgundern hielten, während der andere, ein Lecamus, der Partei der Armagnacs angehörte. Vor der Welt schienen sie sich das Fell vom Leibe reißen zu wollen, im Familienkreise aber verstanden sie sich gut. Versuchen wir also Christoph zu retten; vielleicht wird er uns bei Gelegenheit retten.«

»Ihr seid mir ein gerissener Kunde, Gevatter!« sagte der Goldschmied.

»Nein«, antwortete Lecamus. »Die Bürgerschaft muß an sich denken, Volk und Adel wollen ihr in gleicher Weise was am Zeuge flicken. Zu Befürchtungen gibt die Pariser Bürgerschaft jedem Manne außer dem König Veranlassung; und der weiß, daß sie seine Freundin ist.«

»Wollet Ihr, der Ihr so weise seid und so viele Dinge gesehen habt,« bat Babette schüchtern, »mir doch erklären, was die Reformierten wünschen.«

»Sagt Ihr uns das, Gevatter?« rief der Goldschmied. »Ich kannte des seligen Königs Schneider und hielt ihn für einen Mann von einfachen Sitten, der keinen außergewöhnlichen Verstand besaß. Er war fast wie Ihr, man hätte nicht geglaubt, daß er ein Wässerchen trüben könnte, und doch hatte er's vielleicht faustdick hinter den Ohren, denn er ließ sich auf diese neue Religion ein, er, dessen beide Ohren einige hunderttausend Taler wert waren. Da mußte es doch Geheimnisse zu enthüllen geben, haben denn nicht der König und die Herzogin von Valentinois seiner Marter beigewohnt?«

»Und zwar schreckliche!« sagte der Kürschner. »Die Reformation, liebe Freunde,« fuhr er mit gedämpfter Stimme fort, »würde die Kirchengüter unter die Bürgerschaft gelangen lassen. Wenn die geistlichen Privilegien erst unterdrückt sind, wollen die Reformierten darauf dringen, daß die Adligen und Bürgerlichen hinsichtlich der Steuern gleich sind und daß nur der König über jedermann steht, wenn man überhaupt noch einen König im Staate gelten läßt.«

»Den Thron unterdrücken!« schrie der Goldschmied.

»He, Gevatter,« sagte Lecamus, »in den Niederlanden regieren die Bürger sich selber durch Schöffen, die ihresgleichen sind und sich selber ein zeitliches Oberhaupt wählen.«

»Bei Gottes Leibe, Gevatter, man müßte all die schönen Dinge tun und doch katholisch bleiben«, rief der Goldschmied.

»Wir sind zu alt, um den Triumph des Bürgertums in Paris zu erleben; triumphieren wird's aber, Gevatter, die Zeit wird auch schon kommen. Ach, der König wird sich schon auf die Bürgerschaft stützen müssen, um Widerstand zu leisten, und wir haben ihm unsere Stütze immer gut verkauft. Beim letzten Male sind alle Bürgerlichen geadelt worden und ihnen war erlaubt, sich herrschaftliche Besitzungen zu kaufen und deren Namen zu führen, ohne daß man der Bestallungsbriefe des Königs bedurfte. Ihr wie ich, der Enkel der Goix von der Frauenseite her, gelten wir nicht ebensoviel wie die Edelleute?«

Dies Wort erschreckte den Goldschmied und die beiden Frauen so sehr, daß ihm ein tiefes Schweigen folgte. Die Gärstoffe von anno 1789 tobten bereits in Lecamus' Blute; er war noch nicht alt genug, um die bürgerlichen Kühnheiten der Liga nicht noch mitzuerleben.

»Und trotz solcher Unordnungen verkauft Ihr doch gut?« fragte Lallier die Lecamus.

»Das läßt immer etwas zu wünschen übrig«, antwortete die.

»Darum hab ich auch eine große Lust einen Advokaten aus meinem Sohne zu machen«, sagte Lecamus, »denn Rechtshändel gibt's immer.«

Die Unterhaltung verharrte dann auf dem Gebiete der Gemeinplätze; zur großen Zufriedenheit des Goldarbeiters, welcher weder politische Wirren noch kühne Gedanken liebte.

 

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