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Katharina von Medici

Honoré de Balzac: Katharina von Medici - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
authorHonoré de Balzac
titleKatharina von Medici
publisherDiogenes
yearo.J.
isbn3257204809
translatorPaul Hansmann
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Katharina erfuhr, daß ihre Barmitgift hunderttausend Dukaten betrug. Der Dukate war damals ein Goldstück von der Größe der alten französischen Louisdor, aber nur halb so dick. Hunderttausend Dukaten jener Zeit stellen heute also, wenn man dem hohen Geldwerte Rechnung trägt, sechs Millionen vor. Man kann die Bedeutung des Bankhauses beurteilen, das Philipp Strozzi in Lyon besaß, da es seinem Geschäftsführer in dieser Stadt obliegen sollte, diese zwölfhunderttausend Livres in Gold zu liefern. Die Grafschaften Auvergne und Lauraguais brachte Katharina außerdem mit. Papst Clemens schenkte ihr weitere hunderttausend Dukaten an Geschmeiden, kostbaren Steinen und anderen Hochzeitsgeschenken, zu denen Herzog Alexander ebenfalls beisteuerte.

Bei ihrer Ankunft in Livorno mußte die noch so junge Katharina sehr geschmeichelt sein von dem maßlosen Prunk, den der damalige Chef des Hauses Medici, Papst Clemens, »ihr Oheim bei Unserer lieben Frau«, entfaltete, um den französischen Hof zu verblüffen. Er war bereits auf einer seiner Galeeren eingetroffen, die völlig mit karmoisinrotem Atlas ausgeschlagen, mit Goldfransen verziert und mit einem Zelt aus Goldbrokat bedeckt war. Diese Galeere, die fast zwanzigtausend Dukaten kostete, enthielt mehrere für Heinrich von Frankreichs Zukünftige bestimmte Gemächer, die alle mit den reichsten Raritäten, welche die Medici zu sammeln vermocht hatten, ausgeschmückt worden waren. Die herrlich gekleideten Ruderknechte und die Besatzung hatten einen Prior des Rhodeser Ritterordens zum Kapitän. Des Papstes Gefolgschaft war in drei anderen Galeeren untergebracht. Die Galeeren des Herzogs von Albany, die bei denen Clemens des Siebenten ankerten, bildeten mit ihnen eine ziemlich ansehnliche Flottille. Herzog Alexander stellte die Beamten von Katharinas Hause dem Papste vor, mit dem er sich insgeheim beriet, wobei er ihm wahrscheinlich den Grafen Sebastian von Montecuculi, der, wie es hieß, eben etwas plötzlich aus des Kaisers Dienst getreten war, und seine beiden Generäle Anton von Lêves und Ferdinand von Gonzaga vorstellte. Ward da zwischen den beiden Bastarden, Clemens und Alexander, im voraus beschlossen, den Herzog von Orleans zum Dauphin zu machen? Welche Belohnung ward dem Grafen Sebastian von Montecuculi versprochen, welcher, ehe er in Karls des Fünften Dienste getreten, Medizin studiert hatte? Über diesen Gegenstand schweigt sich die Geschichte aus. Wir werden übrigens sehen, in welche Nebel dies Geschehnis eingehüllt ist. Die Dunkelheit ist ja so groß, daß kürzlich ernste und gewissenhafte Historiker Montecuculis Unschuld anzunehmen vermochten.

Offiziell erfuhr Katharina aus des Papstes Munde nun, welchen Ehebund sie eingehen sollte. Nur mit großer Mühe hatte der Herzog von Albany es durchsetzen können, daß der König von Frankreich sein Versprechen, Katharinen seines zweiten Sohnes Hand zu geben, hielt. Auch war Clemens' Ungeduld so groß, er hatte eine solche Angst, seine Pläne, sei es durch eine kaiserliche Intrige, sei es durch die Verachtung Frankreichs, wo die Großen des Reiches mit schelem Auge auf diese Heirat blickten, durchkreuzt werden zu sehen, daß er sich auf der Stelle einschiffte und nach Marseille wandte. Um zu zeigen, bis zu welcher Höhe diese Bankiers ihren Luxus hinaufschraubten, möge die Bemerkung dienen, daß die vom Papste in die Hochzeitsbörse gesteckten zwölf Goldstücke in Medaillen von unschätzbarem historischen Werte bestanden, unschätzbar, weil sie damals schon Unika waren. Franz der Erste aber, der Glanz und Feste liebte, ließ sich bei dieser Gelegenheit auch nicht lumpen. Heinrichs von Valois und Katharinas Hochzeit dauerte vierunddreißig Tage. Völlig zwecklos ist es, die aus allen Provencer und Marseiller Geschichten bekannten Einzelheiten über die berühmte Papstbegegnung mit dem französischen Könige zu wiederholen; eingeleitet ward sie mit dem Scherz des Herzogs von Albany über die Fastenpflicht; ein komisches Quiproquo, von dem Brantôme erzählte, an welchem sich der Hof sehr delektierte und das den Ton der Sitten zu jener Zeit zeigt. Obwohl Heinrich von Valois nur zwanzig Tage älter war als Katharina von Medici, verlangte der Papst, daß die beiden Kinder noch am Hochzeitstage die Ehe vollzögen, so sehr fürchtete er die Ausflüchte der Politik und die zu jenen Zeiten üblichen Listen. Clemens, der, wie die Geschichte meldet, die Beweise des Ehevollzuges haben wollte, blieb ausdrücklich vierunddreißig Tage in Marseille, da er hoffte, seine junge Verwandte würde sichtliche Zeichen davontragen: denn mit vierzehn Jahren war Katharina mannbar. Als er die Neuvermählte vor seiner Abreise ausfragte, war sicherlich er es, der, sie zu trösten, die berühmten, Katharinas Vater zugeschriebenen Worte, sprach: A figlia d'inganno, non manca mai la figliuolanza.

Die merkwürdigsten Mutmaßungen sind über Katharinas Sterilität, die zehn Jahre währte, angestellt worden. Wenige Menschen wissen heute, daß mehrere medizinische Traktate, die auf diese Eigentümlichkeit Bezug nehmen, so unanständige Voraussetzungen enthalten, daß sie nicht wiedererzählt werden können. Übrigens kann man sie im Bayle beim Artikel Fernel nachlesen. Der zeigt den Maßstab für die seltsamen Verleumdungen, die noch auf dieser Königin lasten, deren sämtliche Handlungen entstellt worden sind. Die Ursache ihrer Sterilität war einzig und allein bei Heinrich dem Zweiten zu suchen. Es genüge der Hinweis, daß zu einer Zeit, wo es keinem Fürsten etwas ausmachte, Bastarde zu haben, Diana von Poitiers, die in viel höherer Gunst als die legitime Ehefrau stand, ebenfalls keine Kinder hatte. In der chirurgischen Medizin ist nichts bekannter als der Körperfehler Heinrichs des Zweiten, welcher übrigens durch den Scherz der Hofdamen erklärt wird, die ihn zum Abbé von Saint-Victor zu einer Zeit machen konnten, wo die französische Sprache die nämlichen Privilegien wie die lateinische besaß. Nachdem sich der Fürst einer Operation unterzogen, hatte Katharina elf Schwangerschaften und zehn Kinder. Es ist ein Glück für Frankreich, daß Heinrich der Zweite so lange gewartet hat. Wenn er von Diana Kinder gehabt haben würde, hätte sich die Politik seltsam verwickelt. Als diese Operation vorgenommen ward, stand die Herzogin von Valentinois in ihrer zweiten Frauenjugend. Diese eine Bemerkung beweist, daß Katharinas Geschichte noch von Anfang bis zu Ende zu schreiben ist, und daß nach einem sehr tiefen Worte Napoleons die französische Geschichte nur einen Band oder ihrer tausend umfassen muß.

Wenn man Karls des Fünften Benehmen mit dem des französischen Königs vergleicht, verleiht Papst Clemens des Siebenten Aufenthalt in Marseille wie in allen Dingen übrigens dem Könige eine riesige Überlegenheit dem Kaiser gegenüber. Folgenden kurzen Überblick über die Begegnung verdanken wir einem Zeitgenossen: ›Nachdem Seine Heiligkeit der Papst bis nach dem Palast geführt worden war, welcher, wie erwähnt, jenseits des Hafens für ihn eingerichtet wurde, zog jedweder sich in sein Quartier zurück bis zum folgenden Morgen, wo Seine Heiligkeit sich vorbereitete, seinen Einzug zu halten. Mit großem Pomp und großer Pracht ging dies vor sich; er saß auf einem Stuhl, der von zwei Männern geschultert ward und trug seine Pontifexgewänder außer der Tiara. Vor ihm ging ein weißer Zelter, auf dem das Sakrament des Altars ruhte; und es ward besagter Zelter von zwei Männern zu Fuß geführt und war in gar guter Ausrüstung, und die Zügel waren aus weißer Seide. Hinterdrein schritten alle Kardinäle in ihren Festgewändern und saßen auf ihren pontifikalen Maultieren, und die Frau Herzogin von Urbino folgte in großer Pracht, begleitet von einer stattlichen Anzahl Damen und Edelleuten, sowohl französischen als auch italienischen. Als der Heilige Vater in dieser Gesellschaft an den für seine Unterkunft vorbereiteten Ort kam, zog sich jedweder zurück, und alles dies ward befohlen und ausgeführt ohne irgendwelche Unordnung oder Tumult. Während nun der Papst seinen Einzug hielt, fuhr der König übers Wasser in einer Fregatte und bezog den Ort, von welchem der Papst ausgezogen war, um von diesem Orte aus als sehr christlicher König am folgenden Tage dem Heiligen Vater seinen Gehorsam zu bezeigen . . .

Nachdem der König sich vorbereitet hatte, brach er auf, um nach dem Palaste zu kommen, wo der Papst war, begleitet von den Prinzen seines Geblüts, wie dem gnädigen Herrn Herzog von Vendosmois, (Vater des Vizedoms von Chartres) dem Grafen von Saint-Pol, den Herren von Montpensier und de la Roche-sur-Yon, dem Herzoge von Nemours, Bruder des Herzogs von Savoyen, welcher an besagtem Orte starb, dem Herzoge von Albany und mehreren anderen, so Grafen, Baronen wie Edelleuten. Und immer war bei dem Könige der edle Herr von Montmorency, sein Großmeister. Als der König im Palaste angelangt war, wurde er vom Papst und von dem ganzen Kardinalskollegium, das im Konsistorium versammelt war, sehr leutselig empfangen. Als dies geschehen, zog sich jedweder an den ihm befohlenen Ort zurück, und der König führte mit sich mehrere Kardinäle, um sie zu feiern, und unter diesen den Kardinal von Medici, des Papstes Neffen, einen sehr prächtigen und gut begleiteten Herrn. Am folgenden Morgen begannen sich die von Seiner Heiligkeit und die von dem Könige Befohlenen zu versammeln, um die Dinge zu behandeln, wegen welcher die Zusammenkunft statthatte. Zuerst ward die Sache des Glaubens behandelt und ward eine Bulle gepredigt, um die Ketzereien zu unterdrücken und zu verhindern, daß die Dinge in größeren Brand gerieten als schon geschehen. Dann wurde die Ehe des Herzogs von Orleans, zweiten Sohnes des Königs, mit Katharina von Medici, Herzogin von Urbino, Seiner Heiligkeit Nichte, geschlossen unter solchen oder ähnlichen Bedingungen, wie sie vorher dem Herzoge von Albany vorgeschlagen worden waren. Besagte Heirat wurde in großer Pracht vollzogen, und es vermählte der Heilige Vater das Paar. Diese Ehe wurde also in großer Pracht vollzogen, und der Heilige Vater hielt ein Konsistorium, bei welchem er vier Kardinäle schuf aus Ehrerbietung vor dem Könige: als da ist der Kardinal Le Veneur, vorher Bischof von Lisieux und Großalmosenier, der Kardinal von Boulogne aus dem Hause de la Chambre, mütterlicher Bruder des Herzogs von Albany, der Kardinal von Châtillon aus dem Hause Coligny, Neffe des Herrn von Montmorency, und der Kardinal von Givry.‹

Als Strozzi die Mitgift in Anwesenheit des Hofes überlieferte, bemerkte er einiges Erstaunen bei den französischen Edelleuten: die da ziemlich laut sagten, daß das für eine Mesallianz ein bißchen wenig sei (was würden sie heute gesagt haben?). Der Kardinal Hippolytus antwortete:

»Über eures Königs Geheimnisse seid ihr also schlecht unterrichtet. Seine Heiligkeit verpflichtet sich Frankreich drei Perlen von unschätzbarem Werte zu schenken: Genua, Mailand und Neapel.«

Der Papst ließ den Grafen Sebastian Montecuculi sich selber dem französischen Hofe vorstellen; der bot dort seine Dienste an, indem er sich über Anton von Lêves und Ferdinand von Gonzaga beschwerte, was die Ursache war, daß man ihn gnädig annahm. Montecuculi gehörte nicht zu Katharinas Gefolgschaft, welche gänzlich aus Franzosen und Französinnen zusammengesetzt wurde; denn einem Gesetze der Monarchie zufolge, dessen Durchführung vom Papste mit dem größten Vergnügen beobachtet wurde, ward Katharina vor der Ehe durch Patente naturalisiert. Montecuculi ward anfangs dem Hause der Königin, Karls des Fünften Schwester, zugezählt. Dann ging er einige Zeit später in der Eigenschaft eines Mundschenks in des Dauphins Dienst über.

Gänzlich verloren fühlte sich die Herzogin von Orleans an Franz des Zweiten Hofe. Ihr junger Gatte war in Diana von Poitiers verliebt, die, was Geburt anlangte, mit Katharinen wahrlich rivalisieren konnte und sich für eine viel größere Dame als sie hielt. Den Vorrang vor der Medicitochter hatte die Königin Eleonore, Karl des Fünften Schwester, und die Herzogin von Estampes, die durch ihre Heirat mit dem Haupte des Hauses de Brosse eines der mächtigsten Weiber und eine der höchsten Standespersonen Frankreichs war. Ihre Tante, die Herzogin von Albany, die Königin von Navarra, die Herzogin von Guise, die Herzogin von Vendôme, die Kronfeldherrin, mehrere andere ebenso angesehene Frauen verdunkelten durch ihre Geburt und Rechte ebensosehr wie durch ihre Macht an dem prächtigsten Hofe, dem, ohne Ludwig den Vierzehnten auszunehmen, ein französischer König vorgestanden hat, die Florentiner Krämertochter, die viel erlauchter, viel reicher durch das Haus de la Tour de Boulogne als durch ihr eigenes Haus Medici war.

Seiner Nichte Stellung war so schlecht und so schwierig, daß Philipp Strozzi sie, da er in keiner Weise fähig war, sie inmitten so entgegengesetzter Interessen zu leiten, im ersten Jahre verließ; er ward überdies durch Clemens des Siebenten Tod nach Italien zurückgerufen. Katharinas Aufführung war, wenn man sich klar macht, daß sie kaum fünfzehnjährig war, von musterhafter Klugheit. Aufs engste schloß sie sich dem Könige, ihrem Schwiegervater, an, den sie so wenig wie möglich verließ. Hoch zu Roß folgte sie ihm auf die Jagd und in den Krieg. Ihre abgöttische Liebe zu Franz dem Ersten rettete das Haus Medici bei des Dauphins Vergiftung vor jedem Verdacht. Ebenso wie der Herzog von Orleans befand sich Katharina damals in des Königs Quartier in der Provence, denn Frankreich wurde bald durch Karl den Fünften, des Königs Schwager, mit Krieg überzogen. Der ganze Hof blieb auf dem Schauplatze der Hochzeitvergnügen, welcher bald der eines der grausamsten Kriege werden sollte. Im Augenblick, wo der in die Flucht geschlagene Karl der Fünfte die Gebeine seiner Armee in der Provence ließ, kehrte der Dauphin auf der Rhone nach Lyon zurück. Zum Schlafen machte er in Tournon halt und stellte dort zum Zeitvertreib einige gewaltsame Übungen an, worin seines und seines Bruders Erziehung, ihrer Gefangenschaft als Geiseln zufolge, fast ausschließlich bestanden hatte. Der Prinz besaß die Unklugheit, da er sehr erhitzt war, im Augustmonate um ein Glas Wasser zu bitten, welches ihm Montecuculi mit Eis servierte. Der Dauphin starb beinahe sofort. Franz der Erste vergötterte seinen Sohn. Allen Historikern nach war der Dauphin ein vollkommener Fürst. Der verzweifelte Vater gab dem gegen Montecuculi eingeleiteten Prozesse die größte Bedeutung; die weisesten Richter seiner Zeit wurden mit ihm betraut. Nachdem er die ersten Torturen heldenhaft überstanden hatte, ließ sich der Graf zu Geständnissen herbei, in die er immer wieder den Kaiser und seine beiden Generäle, Anton von Lêves und Ferdinand von Gonzaga, hineinzog.

Dieser Prozeß befriedigte Franz den Ersten nicht. Keine Angelegenheit ward feierlicher durchgefochten als diese. Nach eines Augenzeugen Schilderung tat der König folgendes:

›Der König aber ließ zu Lyon alle die Fürsten seines Blutes und alle Ritter seines Ordens und andere hohe Persönlichkeiten seines Reiches sich versammeln; der Legat und der Nuntius des Papstes, die Kardinäle, die sich am Hofe befanden, auch die Gesandten Englands, Schottlands, Portugals, Venedigs, Ferraras und andere waren zugegen. Es versammelten sich alle fremden Fürsten und großen Herren, sowohl die italienischen wie die deutschen, welche zu jener Zeit an seinem Hofe lebten, wie der Herzog von Württemberg, ein Deutscher, die Herzöge von Somma, Arianna und Atria; der Prinz von Melphi (er hatte Katharina heiraten wollen) und von Stilliano, ein Neapolitaner; der edle Herr Dom Hippolytus von Este, der Marquis von Vigeve aus dem Hause Trivulci, ein Mailänder; der edle Herr Johann Paul von Cere, ein Römer; der edle Herr Cäsar Fregosi, Genevoi (ein Genuese aus Genua), der edle Herr Hannibal von Gonzaga, ein Mantuaner, und andere in sehr großer Zahl. Als die versammelt waren, ließ er in ihrer Gegenwart, von einem Ende bis zum anderen, den Prozeß des unglücklichen Menschen, welcher den hochseligen Herrn Dauphin vergiftet hatte, mit den Verhören, Geständnissen, Konfrontationen und anderen Formalitäten, die bei Kriminalprozessen üblich sind, verlesen, da er nicht wollte, daß das Urteil vollzogen würde, ohne daß alle Anwesenden ihre Meinung über diesen ungeheuerlichen und kläglichen Fall kundgetan.‹

Des Grafen Montecuculi Treue, Aufopferung und Geschicklichkeit können in einer Zeit allgemeiner Unverschwiegenheit als außergewöhnlich erscheinen, wo jedermann, selbst die Minister, über das kleinste Ereignis redeten, an das man Hand gelegt hatte. Aber die Fürsten fanden dazumal ergebene Diener oder wußten sie zu wählen. Man begegnete damals monarchistischen Moreys, weil es Treue gab. Verlangt niemals etwas Großes von den Interessen, weil die Interessen wechseln können, erwartet aber alles von den Gefühlen und der religiösen, monarchistischen und patriotischen Treue. Diese drei Glaubenssätze allein bringen die Berthereau in Genf, die Sidney, die Strafford in England, die Mörder des Thomas Becket wie die Montecuculi, die Jacob Coeur und die Johanna d'Arc wie die Richelieu und Danton, die Bonchamps, die Talmont und ebenso die Clement und die Chabot usw. hervor. Karl der Fünfte bediente sich der höchsten Persönlichkeiten, um den Mord an drei Gesandten Franz des Zweiten auszuführen. Ein Jahr später ermordete Lorenzino, Katharinas leiblicher Vetter, den Herzog Alexander, nachdem er drei Jahre lang sich verstellt hatte und unter Umständen, die ihm den Beinamen: Florentiner Brutus eintrugen. Vor dem Range der Persönlichkeiten schreckten die Unternehmungen so wenig zurück, daß weder Leos des Zehnten noch Clemens des Siebenten Tod als natürlich erschienen sind. Mariana, Philipps des Zweiten Geschichtsschreiber, scherzt fast bei der Todesanzeige der Königin von Spanien, einer französischen Königstochter, indem er erklärt, daß zum Ruhme des spanischen Thrones Gott die Blindheit der Ärzte zuließ, welche die Königin auf Wassersucht hin behandelten. (Sie war schwanger.) Als König Heinrich der Zweite sich eine Verleumdung herausnahm, die einen Degenhieb verdiente, fand er la Châtaignerie, um ihn entgegenzunehmen.

Zu jener Zeit servierte man Fürsten und Fürstinnen ihr Essen in verschlossenen Gefäßen, deren Schlüssel sie selber verwahrten. Daher stammt »das Schlüsselrecht«, eine Ehre, die unter Ludwig dem Vierzehnten aufhörte.

Der Dauphin starb auf die nämliche Weise und vielleicht durch das nämliche Gift, dessen man sich unter Ludwig dem Vierzehnten Madame Henriette von England gegenüber bediente. Papst Clemens der Siebente war seit zwei Jahren tot; der Herzog Alexander war seinen Ausschweifungen verfallen und schien kein Interesse an des Herzogs von Orleans Erhöhung zu haben. Die siebzehnjährige Katharina, die voller Bewunderung für ihren Schwiegervater war, weilte zur Zeit des Ereignisses bei diesem; Karl der Fünfte allein schien Interesse an jenem Tode zu haben, denn Franz der Erste sparte seinen Sohn für einen Bund auf, welcher Frankreich vergrößern sollte. Des Grafen Geständnisse waren also sehr geschickt auf Leidenschaften und auf die Politik des Augenblicks basiert: Karl der Fünfte floh, nachdem er gesehen hatte, daß seine Heere mit seinem Glück, seinem Rufe und seinen Herrschaftshoffnungen in der Provence begraben lagen. Man achte darauf, daß Franz der Erste, wenn die Tortur einem Unschuldigen Geständnisse entrissen hatte, diesem die Freiheit einräumte, inmitten einer imposanten Versammlung und in Gegenwart von Leuten zu sprechen, vor welchen die Unschuld einige Aussicht auf Triumph hatte. Der König wollte die Wahrheit und suchte sie ohne Arglist.

Trotz ihrer glänzenden Zukunft wechselte Katharinas Lage bei des Dauphins Tode nicht; ihre Unfruchtbarkeit ließ im Falle, daß ihr Gatte den Thron besteigen würde, eine Scheidung voraussehn. Der Dauphin stand in Diana von Poitiers Bann. Diana wagte mit Madame d'Estampes zu rivalisieren. So verdoppelte Katharina denn ihre Sorgfalt und Aufmerksamkeiten ihrem Schwiegervater gegenüber, da sie begriff, daß sie nur an ihm einen Halt besäße. Katharinas erste zehn Jahre waren von dem immer wiederkehrenden Kummer durchsetzt, welchen ihr ihre stets sofort wieder zerstörten Mutterschaftshoffnungen bereiteten; dazu kam der Verdruß über die Rivalität mit Diana. Man kann sich ausmalen, wie das Leben einer Fürstin verlaufen mußte, die ständig überwacht wurde von einer eifersüchtigen Geliebten, welche von einer großen Partei, der katholischen, durch zwei beträchtliche Verbindungen gestützt ward. Die aber hatte die Seneschallin bewerkstelligt, indem sie ihre beiden Töchter, die eine mit Robert de la Mark, Herzog von Bouillon, Fürsten von Sedan, und die andere mit Claudius von Lothringen, Herzog von Aumale, verheiratete. Wie verloren stand Katharina zwischen Madame d'Estampes Partei und der Partei der Seneschallin, – das war während Franz des Zweiten Regierung Dianas Titel – welche Hof und Politik zwischen diese beiden Todfeindinnen teilten, und sie versuchte gleichzeitig der Herzogin von Estampes und der Diana von Poitiers Freundin zu sein. Die eine so große Königin sein sollte, spielte die Dienerinnenrolle. So machte sie die Lehrzeit jener zweigesichtigen Politik durch, welche ihres Lebens Geheimnis war. Die Königin befand sich später zwischen den Katholiken und Calvinisten, wie das Weib zehn Jahre lang zwischen Madame d'Estampes und Madame de Poitiers gestanden hatte. Sie studierte die Widersprüche der französischen Politik: Franz der Erste unterstützte Calvin und die Lutheraner, um Karl den Fünften in Verlegenheit zu setzen. Dann, nachdem er heimlich und geduldig die Reformation in Deutschland beschützt, nachdem er Calvins Aufenthalt am Hofe von Navarra geduldet hatte, wütete er mit maßloser Strenge gegen sie. Katharina sah also, wie dieser Hof und dieses Hofes Frauen mit dem Feuer der Ketzerei spielten; Diana stand mit den Guisen zusammen an der Spitze der katholischen Partei einzig aus dem Grunde, weil die Herzogin von Estampes Calvin und die Protestanten stützte. Das war die politische Erziehung der Königin, die an dem Kabinette des Königs von Frankreich die Irrwege des Hauses Medici wiedererlebte. Der Dauphin arbeitete seinem Vater in jeder Beziehung entgegen; er war ein schlechter Sohn. Er vergaß die grausamste, aber auch wahrste Maxime des Königtums, daß nämlich Throne solidarisch sind und daß der Sohn, der während seines Vaters Lebzeiten etwa Opposition schürt, wenn er den Thron besteigt, dessen Politik betreiben muß. Spinoza, welcher ein nicht minder tiefer Politiker als großer Philosoph war, hat für den Fall, daß ein König einem anderen durch Empörung oder Attentat folgt, gesagt: Wenn der neue König seinen Thron sichern und sein Leben schützen will, muß er solchen Eifer zeigen, seines Vorgängers Tod zu rächen, daß jedwedem Menschen die Lust vergeht, ein ähnliches Verbrechen zu begehen. Um ihn aber würdig zu rächen, genügt es nicht, seiner Untertanen Blut zu vergießen, er muß die Maximen desjenigen billigen, den er ersetzt hat, und die nämliche Route in der Regierung beibehalten. Die Anwendung dieser Maxime verschaffte den Medici Florenz. Kosmus der Erste, Herzog Alexanders Nachfolger, ließ nach elf Jahren den Florentiner Brutus in Venedig ermorden und verfolgte, wie wir bereits gesagt haben, unaufhörlich die Strozzi. Das Außerachtlassen dieser Maxime war Ludwigs des Sechzehnten Verderben. Dieser König handelte gegen alle Prinzipien der Regierung, indem er die Parlamente wieder herstellte, die von seinem Großvater unterdrückt worden waren. Ludwig der Fünfzehnte hatte ganz recht gesehen: die Parlamente, besonders das Pariser, waren zur Hälfte an den Wirren beteiligt, welche die Berufung der Generalstände notwendig machten. Ludwig des Fünfzehnten Fehler bestand darin, daß er, nachdem er die Schranke, welche den Thron vom Volke trennte, niedergerissen, sie nicht durch eine festere ersetzt hatte; kurz, an Stelle der Parlamente hätte er eine starke Konstitution der Provinz errichten müssen. Dort war das Heilmittel für die Übel der Monarchie, dort befand sich das Votum der Steuern, ihre Regulierung und eine allmähliche Billigung der für das Regime der Monarchie notwendigen Reformen.

Heinrichs des Zweiten erste Handlung war sein Vertrauen dem Konnetabel von Montmorency zu schenken, den in Ungnade zu lassen sein Vater ihm ausdrücklich anbefohlen hatte. Der Konnetabel von Montmorency ward mit Diana von Poitiers, mit der er sich eng zusammengetan, des Staates Herr. Als sie Königin von Frankreich ward, war Katharina also noch weniger glücklich und noch weniger mächtig, als sie es als Dauphine gewesen. Erst hatte sie von 1543 an zehn Jahre lang alljährlich ein Kind und war während dieser ganzen Periode, welche die letzten Regierungsjahre Franz' des Ersten und die ersten Jahre von Heinrichs des Zweiten Herrschaft umfaßt, mit Mutterpflichten beschäftigt. Unbedingt muß man in diesem ständigen Schwangersein den Einfluß einer Nebenbuhlerin sehen, welche sich das legitime Weib auf diese Weise vom Halse schaffen wollte. Solche Barbarei weiblicher Politik muß Katharina Dianen zum schweren Vorwurf gemacht haben. So von den Staatsgeschäften ausgeschlossen, verbrachte diese überlegene Frau ihre Zeit damit, die Interessen aller Leute des Hofes und all der Parteien zu beobachten, die sich dort bildeten. Die Italiener, die ihr gefolgt waren, forderten den schwersten Argwohn heraus. Nach Montecuculis Hinrichtung waren der Kronfeldherr von Montmorency, Diana und die meisten der schlauen Hofpolitiker wie besessen vor Argwohn wider die Medici; Franz der Erste aber wies sie immer zurück. Auch waren die Gondi, die Birago, die Strozzi, die Ruggieri, die Sardini kurz alle, welche man »die Italiener« nannte und die als Katharinas Gefolge gekommen waren, in die Notlage versetzt, ungeheure Hilfsmittel des Geistes, schlauer Politik und des Mutes zu entfalten, um sich unter dem Gewicht der Ungnade, die auf ihnen lastete, am Hofe zu halten. Während Diana von Poitiers Herrschaft ging Katharinas Willfährigkeit ihr gegenüber so weit, daß kluge Menschen jene tiefe Heuchelei erkannt haben würden, die zu entfalten, Menschen, Ereignisse und Heinrichs des Zweiten Benehmen Katharinen zwangen. Mit der Behauptung, daß sie weder als Gattin noch als Königin ihre Rechte reklamierte, ist man zu weit gegangen. Das Gefühl ihrer Würde, welches Katharina im höchsten Maße besaß, untersagte ihr das zu beanspruchen, was Historiker die Rechte der Ehefrau nennen. Katharinas elf Schwangerschaften und zehn Kinder erklären Heinrichs des Zweiten Benehmen genugsam; die Schwangerschaften seiner Frau gaben ihm die Freiheit, seine Zeit mit Dianen von Poitiers zu verbringen. Aber der König ließ es wahrlich nicht an dem fehlen, was er sich selber schuldig war, er ließ die Königin bei ihrer Krönung einen Einzug halten, welcher aller derer würdig war, die bislang stattgefunden hatten. Die Register des Parlaments und die des Rechnungshofes zeigen an, daß diese beiden Körperschaften Katharinen außerhalb von Paris bis Saint-Lazare entgegenzogen. Hier ist übrigens die du Tilletsche Schilderung im Auszuge:

›Zu Saint-Lazaire hatte man eine Tribüne errichtet, worauf ein Thron stand. Darauf nahm Katharina Platz. Gekleidet war sie in eine Schaube oder eine Art kleinen Mantel aus Hermelin, welcher mit Edelsteinen besät war, in ein Unterkleid mit dem Königsmantel, und trug auf dem Haupte eine Krone, mit Perlen und Diamanten verziert. Beistand leistete ihr die Marschallin de la Mark, ihre Ehrendame. Um sie herum waren aufrecht stehend die Prinzen von Geblüt und andere reich gekleidete Fürsten und Edelleute mit dem Kanzler von Frankreich, der in ein Gewand aus karmoisinrotem Stoff mit Goldbrokatmustern gekleidet war. Vor der Königin und auf derselben Tribüne saßen in zwei Reihen zwölf Herzoginnen und Gräfinnen, gekleidet in Hermelinschauben, Untergewänder, Mäntel und Reifen, das heißt Herzoginnen- oder Gräfinnenkronen. Es waren die Herzoginnen von Estouteville, Montpensier, die ältere und jüngere, die Prinzessin de la Roche-sur-Yon; die Herzoginnen von Guise, von Nivernois, Aumale, Valentinois (Diana von Poitiers), die legitime Bastardin von Frankreich (das war der Titel der Tochter des Königs) Diana, welche Herzogin von Castro-Farnese, dann Herzogin von Montmorency-Damville wurde, die Kronfeldherrin und Fräulein von Nemours, ohne der anderen Fräulein zu gedenken, denen dort kein Platz zustand. Die vier Gerichtspräsidenten mit dem Barett, einige andere Mitglieder des Gerichtshofes und der Schreiber du Tillet stiegen auf die Tribüne, machten ihre Reverenzen und, nachdem er sich auf ein Knie niedergelassen, hielt der erste Präsident Lizet eine feierliche Ansprache an die Königin. Der Kanzler beugte gleichfalls das Knie und antwortete.

Sie hielt um drei Uhr nachmittags ihren Einzug in einer offenen Sänfte. Madame Margarete von Frankreich saß ihr gegenüber und zu Seiten ihrer Sänfte schritten die Kardinäle von Amboise, von Châtillon, von Boulogne und von Lenoncourt im Chorhemd mit langen Ärmeln. Sie stieg vor Unserer Lieben Frauen Kirche ab und ward dort vom Klerus empfangen. Nach ihrem Gebete führte man sie durch die Rue de la Calandre nach dem Palais, wo im großen Saale das königliche Mahl hergerichtet war. Sie saß dort in der Mitte am Marmortisch und unter einem Sammetbaldachin, der mit goldenen Lilienblüten übersät war.«

Hier ist Ort und Stelle, eine jener irrigen volkstümlichen Meinungen zu zerstören, welche, nach Sauval übrigens, manche Leute wiederholen. Man hat behauptet, daß Heinrich die Schicklichkeit soweit außer acht ließ, daß er die Anfangsbuchstaben seiner Geliebten auf den Gebäuden anbrachte, welche er auf Katharinas Rat hin mit soviel Pracht weiterführte oder begann. Die Doppelchiffre aber, die man am Louvre sieht, straft alle Tage die Lügen, die so wenig scharfsinnig sind, jenen Albernheiten Bestand zu geben, welche unsere Könige und Königinnen ohne allen Grund entehren. Das H von Heinrich und die angefügten beiden Cs von Catharine scheinen auch zwei Ds für Diana zu bilden. Dies Zusammentreffen hat Heinrich dem Zweiten gefallen müssen; es ist darum aber nicht weniger wahr, daß die königliche Chiffre offiziell des Königs Buchstaben und den der Königin enthielt. Und das ist gewißlich wahr, denn diese Chiffre existiert auch noch auf der Säule der Getreidehalle, welche von Katharina allein erbaut wurde. Man kann übrigens die nämliche Chiffre noch in den Gewölben von Saint-Denis auf dem Grabmal sehen, das Katharina sich selbst zu Lebzeiten an Heinrichs des Zweiten Seite errichten ließ, auf welchem sie vom Bildhauer, für den sie Modell saß, nach der Natur dargestellt ward. Bei einer feierlichen Gelegenheit, im Augenblick, da er zu seinem deutschen Zuge aufbrach, ernannte Heinrich der Zweite Katharina für die Zeit seiner Abwesenheit zur Regentin, ebenso auch im Falle des Todes am 25. März 1552.

Katharinas grausamster Feind, der Verfasser der »vortrefflichen Abhandlung über den schlechten Wandel der Katharina von Medici« gibt zu, daß sie diese Regierung zum allgemeinen Lobe durchführte und daß der König von ihrer Verwaltung hoch befriedigt war. Heinrich der Zweite bekam zur rechten Zeit Geld und Mannschaften. Kurz, nach dem verhängnisvollen Tage von Saint-Quentin erhielt Katharina von den Parisern beträchtliche Geldsummen, die sie nach Compiègne sandte, wo der König sich befand.

In politicis machte Katharina unerhörte Anstrengungen, um ein wenig Einfluß zu erhalten. Sie war geschickt genug, den unter Heinrich dem Zweiten allmächtigen Kronfeldherrn für sich zu gewinnen. Man kennt die schreckliche Antwort, die der von Montmorency gequälte König gab. Diese Antwort war das Ergebnis der guten Ratschläge, welche Katharina dem Könige in den wenigen Augenblicken erteilte, wo sie sich allein mit ihm befand und ihm die Florentiner Politik auseinandersetzte, die darin bestand, die Großen des Königreichs gegeneinander auszuspielen und die königliche Autorität auf deren Ruinen zu errichten. Das war Ludwigs des Elften System, welches später von ihr und Richelieu fortgeführt ward. Heinrich der Zweite, der nur mit Dianas und des Konnetabels Augen sah, war ein durchaus feudaler König und Freund der großen Häuser seines Reiches.

Nach dem vom Konnetabel vergeblich zu ihren Gunsten unternommenen Versuche, den man ins Jahr 1556 zurückversetzen muß, umschmeichelte Katharina die Guisen und bildete den Plan, sie von Dianas Partei loszureißen, um sie dem Konnetabel entgegenzusetzen. Leider aber waren Diana und der Konnetabel ebenso wie die Guisen Gegner der Protestanten. In ihrem Wettstreite also konnte die religiöse Frage keine Erbitterung erzeugen. Übrigens vereitelte Diana der Königin Pläne, indem sie mit den Guisen schöntat und dem Herzoge von Aumale ihre Tochter gab. Soweit ging sie, daß bestimmte Autoren behaupten, sie habe dem galanten Kardinal von Lothringen mehr als ihre Gewogenheit bezeigt. Die Satiriker jener Zeit haben über diesen Gegenstand folgenden Vierzeiler auf Heinrich den Zweiten gemacht:

Diana wills, Karl wünschts, der freche Dachs,
Nach ihrem Pfiff sollt Ihr Euch drehn und tanzen,
Beherrschend Euch, wolln sie Euch nur kuranzen,
In ihrer Hand seid Ihr dann, Sire, wie Wachs.
(Karl ist der Kardinal Karl von Lothringen.)

Unmöglich konnte man Katharinas Zeichen des Schmerzes und Zurschautragen ihres Kummers bei Heinrichs des Zweiten Tode für aufrichtig halten. Gerade deswegen, weil der König mit unwandelbarer Leidenschaft an Diana von Poitiers hing, mußte Katharina die Rolle des verschmähten Weibes spielen, das seinen Gatten anbetet; wie alle starrsinnigen Frauen aber verharrte sie in ihrer Heuchelei und hörte nicht auf, voller Zärtlichkeit von Heinrich dem Zweiten zu reden. Wie man weiß, trug Diana ihr ganzes Leben lang Trauer um Herrn von Brézé, ihren Gatten. Ihre Farben waren weiß und schwarz, und der König trug sie beim Turnier, als er starb. Zweifelsohne ahmte Katharina ihre Nebenbuhlerin nach und behielt die Trauer um Heinrich den Zweiten ihr ganzes Leben lang bei. Diana von Poitiers gegenüber war sie von vollendeter Perfidie, der die Historiker nicht genügend Aufmerksamkeit schenken. Beim Tode des Königs geriet die Herzogin von Valentinois in Ungnade und ward von dem Konnetabel, einem Manne, der durchaus unter seinem Rufe stand, in unanständigster Weise in Stich gelassen. Diana ließ der Königin ihren Besitz und Schloß Chenonceaux anbieten. In Gegenwart von Zeugen sagte Katharina hingegen: »Ich kann nicht vergessen, daß sie meines Heinrichs Wonne war, ich schäme mich das anzunehmen, ohne ihr als Tausch eine Besitzung zu geben und schlage ihr Chaumont an der Loire vor.« Tatsächlich wurde der Tauschakt 1559 zu Blois festgemacht. Diana, deren Schwiegersöhne der Herzog von Aumale und der Herzog von Bouillon – ein damals souverainer Fürst – waren, behielt all ihr Vermögen und starb 1566 siebzigjährig. Sie war also neunzehn Jahre älter als Heinrich der Zweite. Diese, ihrem Epitaph entnommenen Daten, welche der Historiker, der sich gegen Ende des letzten Jahrhunderts mit ihr beschäftigte, von ihrem Grabmal abschrieb, klären viele historische Irrtümer auf; denn viele Historiker geben ihr bei ihres Vaters Verurteilung anno 1523 vierzig, andere sechzehn Jahre. Sie war damals vierundzwanzig Jahre alt. Nachdem wir alles gelesen haben, was für und wider ihr Benehmen Franz dem Ersten gegenüber im Augenblicke, als das Haus Poitiers eine so große Gefahr lief, geschrieben ward, wollen wir weder etwas bekräftigen, noch Einwendungen dagegen erheben. Das ist eine jener Stellen in der Geschichte, die immer dunkel bleiben werden. An dem, was zu unseren Tagen geschieht, können wir erkennen, daß die Historie selbst im Augenblicke, wo sie vor sich geht, gefälscht wird. Katharina, die große Hoffnungen auf ihrer Rivalin Alter gründete, hat sie mehrere Male zu stürzen versucht. Das war ein stiller und schrecklicher Kampf. Eines Tages war Katharina nahe daran, ihre Hoffnungen mit Erfolg gekrönt zu sehen. Als Madame Diana 1554 krank war, bat sie den König, während sie sich erholen wollte, nach Saint-Germain zu gehen. Die Erzkokette wollte weder inmitten des für die Medizin notwendigen Apparates noch ohne den Glanz der Toilette gesehen werden. Um den König bei seiner Rückkehr zu empfangen, ließ Katharina ein prächtiges Ballett aufführen, worin ihm sechs junge Mädchen ein Stück in Versen deklamierten. Zu diesen jungen Mädchen hatte sie Miß Fleming erwählt, eine Verwandte ihres Oheims, des Herzogs von Albany, die schönste Person, die man sich vorstellen konnte, blond und weiß; dann eine ihrer Verwandten, Klarissa Strozzi, eine wundervolle Italienerin mit herrlichen schwarzen Haaren und Händen von seltener Schönheit; dann Fräulein Lewiston, Maria Stuarts Ehrendame, Maria Stuart selber, Madame Elisabeth von Frankreich, die nachmals so unglückliche Spanierkönigin, und Madame Claudia. Elisabeth war neun, Claudia acht, Maria Stuart elf Jahre alt. Augenscheinlich wollte die Königin Klarissa Strozzi und Miß Fleming zur Schau stellen und sie ohne Rivalinnen dem König zur Auswahl anbieten. Der König widerstand nicht: er verliebte sich in Miß Fleming und hatte ein natürliches Kind von ihr, Heinrich von Valois, den Grafen von Angoulême und Großprior von Frankreich. Dianas Kredit und Einfluß aber waren noch nicht erschüttert. Wie es später bei Frau von Pompadour und Ludwig dem Fünfzehnten der Fall war, verzieh die Herzogin von Valentinois. Auf welche Liebe aber läßt dieser Versuch bei Katharina schließen? Ist das Macht- oder Gattenliebe? Die Frauen mögen entscheiden.

Man spricht heute viel von der Freiheit der Presse; man kann sich aber keinen Begriff davon machen, bis zu welchem Punkte sie beim Anbeginn der Presse getrieben wurde. Wohl weiß man, daß Aretino, der Voltaire seiner Zeit, die Könige und Karl den Fünften an der Spitze zittern machte. Aber man weiß vielleicht nicht, wie weit der Mut der Pamphletisten reichte.

Jenes Schloß zu Chenonceaux ward Dianen aufgedrungen, nicht geschenkt; kniefällig wurde sie gebeten es anzunehmen, um eine der schrecklichsten Publikationen vergessen zu machen, die je gegen eine Frau vom Stapel gelassen wurde und die beweist, welch ungestümer Krieg zwischen Madame d'Estampes und ihr wütete. Anno 1537, als sie achtunddreißig Jahre alt war, veröffentlichte ein Dichter aus der Champagne namens Johann Voûté eine Sammlung lateinischer Gedichte, worin sich drei Epigramme gegen sie befanden. Man muß annehmen, daß der Dichter eines hohen Schutzes versichert worden war, denn vor seiner Sammlung steht eine von Salmon Macrin, erstem Kammerdiener des Königs, verfertigte Lobrede auf ihn. Hier die einzige heute zitierbare Stelle aus diesen Epigrammen, welche den Titel führen: In Pictaviam, anum aulicam. (Gegen die Poitiers, ein altes Hofweib.)

›. . . Non trahit esca ficta praedam.‹

›Gemalte Reize fangen kein Wild mehr ein‹, sagte der Dichter, nachdem er ihr erklärt hat, daß sie sich ihr Gesicht male, daß sie ihre Zähne und Haare kaufe. ›Und du könntest,‹ fügte er hinzu, ›das Superfeinste von dem kaufen, was das Weib ausmacht, ohne daß du das erlangen würdest, was du von deinem Liebsten willst, denn du müßtest am Leben sein, bist aber tot.‹

Diese bei Simon von Colines gedruckte Sammlung war . . . einem Bischof! . . . Franz Bohier gewidmet, dem Bruder desjenigen, der um seinen Kredit bei Hofe zu retten und sein Verbrechen wieder gutzumachen, Heinrich dem Zweiten bei seiner Thronbesteigung das Schloß zu Chenonceaux anbot, das von seinem Vater, Thomas Bohier, erbaut worden, der unter vier Königen: Ludwig dem Elften, Karl dem Achten, Ludwig dem Zwölften und Franz dem Ersten Staatsrat gewesen war. Was waren die gegen Madame de Pompadour und gegen Marie-Antoinette veröffentlichten Pamphlete im Vergleich zu diesen Versen, von denen man behaupten könnte, daß Martial sie geschrieben habe. Dieser Voûté mußte schlecht enden. So kosteten Land und Schloß von Chenonceaux Dianen nur die Verzeihung einer Beleidigung, die ohnehin vom Evangelium anbefohlen war. Weil sie von keiner Jury dekretiert wurden, waren die der Presse auferlegten Bußen ein wenig härter als die heutigen.

Waren die französischen Königinnen Witwen geworden, mußten sie vierzig Tage lang in des Königs Gemache bleiben, ohne anderes als Kerzenlicht zu sehen. Sie verließen es erst nach des Königs Beisetzung. Dieser unverletzliche Brauch war Katharinen sehr zuwider, da sie Kabalen befürchtete: sie fand Mittel und Wege, ihn zu umgehen. Und zwar so: Als der Kardinal von Lothringen am hellichten Tage (zu jener Zeit und in solchem Augenblick!) die schöne Römerin verließ, eine berühmte Kurtisane der Zeit Heinrichs des Zweiten, welche in der Rue Culture-Sainte-Catherine wohnte, ward er von einem Trupp Liederjahne verprügelt. Weswegen Seine baß erstaunte Heiligkeit, sagt Heinrich Estienne, verbreiten ließ, daß die Ketzer ihm auflauerten . . . Und um deswillen ging der Hof von Paris nach Saint-Germain. Die Königin wollte den König, ihren Sohn, nicht verlassen und siedelte auch dorthin über.

Franz' des Zweiten Regierungsantritt – eine Zeit, zu welcher Katharina die Macht meinte an sich reißen zu können, – war ein Augenblick der Enttäuschung, welcher den sechsundzwanzig Schmerzensjahren, die sie bereits am Hofe von Frankreich zugebracht hatte, in grausamster Weise die Krone aufsetzte. Mit unglaublichem Mute bemächtigten sich die Guisen damals der Macht: der Herzog von Guise ward an die Spitze der Armee gestellt, und der Konnetabel fiel in Ungnade, der Kardinal hatte die Finanzen und den Klerus hinter sich. Ihre politische Laufbahn begann Katharina mit einem jener Dramen, das, wenn es auch nicht so augenfällig gewesen ist wie andere, doch wohl das grausamste war und sie zweifelsohne an die gräßlichen Aufregungen ihres Lebens gewöhnte. Indem sie scheinbar ein Herz und eine Seele mit den Guisen war, versuchte sie ihren Triumph zu sichern, indem sie sich auf das Haus Bourbon stützte. Sei es, daß Katharina, nachdem sie vergebens die gefährlichsten Minen hatte springen lassen, jetzt die Eifersucht benutzen wollte, um den König wieder an sich zu ziehen, sei es, daß es sie, als sie die zweite Jugend erreichte, grausam dünkte, die Liebe nicht zu kennen: sie hatte das lebhafteste Interesse für einen Edelmann aus königlichem Geblüte, für Franz von Vendôme, Sohn von Ludwig von Vendôme (eine Familie, der das Haus Bourbon entstammte) und Vizedom von Chartres gezeigt, unter welchem Namen er in der Geschichte bekannt ist. Der heimliche Haß, welchen Katharina wider Dianen nährte, offenbarte sich in vielen Umständen, denen die von politischen Interessen voreingenommenen Historiker keinerlei Aufmerksamkeit schenken. Katharinas Zuneigung zu dem Vizedom war die Folge einer Insulte, die sich der junge Mann der Favoritin gegenüber herausgenommen hatte. Diana wünschte die besten Verbindungen für ihre Töchter, die übrigens zum höchsten Adel des Reiches gehörten. Vor allem erstrebte sie die Ehre einer Heirat in das Haus von Frankreich: von ihrer Seite aus schlug man ihrer zweiten Tochter Hand, die später Herzogin von Aumale wurde, dem Vizedom vor, den Franz' des Ersten sehr weise Politik in Armut hielt. Als der Vizedom von Chartres und der Prinz von Condé an den Hof kamen, gab Franz der Erste ihnen tatsächlich, was? Eine einfache Kammerherrncharge mit zwölfhundert Talern Pension, die er simplen Edelleuten verlieh. Obwohl Diana von Poitiers immense Reichtümer, ein schönes Amt der Krone und des Königs Gunst bot, lehnte der Vizedom ab. Dann heiratete dieser schon aufrührerische Bourbone Johanna, des Barons von Estissac Tochter, von der er keine Kinder hatte. Dieser stolze Zug empfahl den Vizedom natürlich Katharinen, die ihn mit auffälliger Gunst an sich zog und ihn sich zu einem ergebenen Freunde machte. Die Historiker haben den letzten zu Toulouse enthaupteten Herzog von Montmorency seiner Kunst zu gefallen, seines Verdienstes und Talentes wegen mit dem Vizedom von Chartres verglichen. Heinrich der Zweite bezeigte sich nicht eifersüchtig und schien nicht anzunehmen, daß eine Königin von Frankreich es an dem fehlen ließe, was sie sich selber schuldig war, oder daß eine Medici vergäße, welche Ehre ihr ein Valois erwiesen. Im Augenblick, als die Königin mit dem Vizedom, wie es heißt, kokettierte, war sie seit der Geburt ihres letzten Kindes vom Könige fast aufgegeben. Dieser Versuch diente also zu nichts, denn mit Diana von Poitiers' Farben geschmückt starb der Fürst.

Bei des Königs Tode sah sich Katharina also in einen galanten Handel mit dem Vizedom von Chartres verwickelt, eine Situation, die den Sitten der Zeit angemessen war, wo die Liebe zugleich so ritterlich und so frech war, daß die schönsten Handlungen in ihr ebenso natürlich waren wie die tadelnswertesten; nur haben die Historiker wie stets den Fehler begangen, die Ausnahme für die Regel zu halten. Von den vier Söhnen Heinrichs des Zweiten verbesserte keiner die Lage der Bourbonen, die alle maßlos arm waren und unter der Geringschätzung litten, welche des Konnetabels Verrat trotz der Gründe, die ihn zwangen das Königreich zu verlassen, über sie brachte. Der Vizedom von Chartres, welcher für den ersten Prinzen von Condé das war, was Richelieu für Mazarin bedeutete: sein Vater in politicis, sein Vorbild und überdies sein Meister in der Galanterie, verbarg den maßlosen Ehrgeiz seines Hauses unter den Äußerlichkeiten des Leichtsinns. Da er außerstande war, mit den Guisen, den Montmorencys, den Fürsten aus Schottland, den Kardinälen, den Bouillons zu kämpfen, zeichnete er sich durch seine Verbindlichkeit, durch Manieren und Geist aus, was ihm die Gunst der reizendsten Frauen und das Herz derer einbrachte, an die er nicht dachte. Er war ein privilegierter Mann, dessen Verführungen unwiderstehlich waren und der der Liebe die Mittel verdankte, seinen Rang behaupten zu können. Die Bourbonen würden sich nicht wie Jarnac über la Châtaigneraies Schmähsucht geärgert haben; sehr gern nahmen sie Ländereien und Schlösser von ihren Geliebten an; Beweis dafür ist der Prinz von Condé, der sich von der Frau Marschallin von Saint-André die Besitzung Saint-Valery schenken ließ.

Bei Heinrichs des Zweiten Tode, während der ersten zwanzig Trauertage änderte sich des Vizedoms Lage völlig. Da er ein Gegenstand der Aufmerksamkeit der Königin-Mutter war, der er den Hof machte, wie man ihn der Königin machen konnte, nämlich sehr verschwiegen, schien er dazu bestimmt, eine Rolle zu spielen, und Katharina war tatsächlich entschlossen, sich seiner zu bedienen. Der Fürst empfing von ihr Briefe für den Prinzen von Condé, worin sie die Notwendigkeit dartat, sich wider die Guisen zu verbünden. Von dieser Intrige unterrichtet, drangen die Guisen in der Königin Gemach, um ihr den Befehl abzuringen, den Vizedom in die Bastille zu sperren, und Katharina befand sich in der bittren Notwendigkeit, gehorchen zu müssen. Nach einigen Monden Gefangenschaft starb der Vizedom an dem Tage, an welchem er, einige Zeit vor der Amboiser Verschwörung, das Gefängnis verließ. Das war das Ende der ersten und einzigen Liebschaft, die Katharina von Medici hatte. Die protestantischen Schriftsteller haben erklärt, daß die Königin den Vizedom vergiften ließ, um das Geheimnis ihrer Galanterien dem Grabe anzuvertrauen . . .

So verlief für diese Frau die Lehrzeit der königlichen Macht.

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