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Katharina von Medici

Honoré de Balzac: Katharina von Medici - Kapitel 22
Quellenangabe
typenovelette
authorHonoré de Balzac
titleKatharina von Medici
publisherDiogenes
yearo.J.
isbn3257204809
translatorPaul Hansmann
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Der König lächelte, einer herben Verachtung Ausdruck verleihend; er fand sein materielles Königtum klein vor dem ungeheuren intellektuellen Königtume des alten Lorenz Ruggieri. Karl der Neunte konnte kaum Frankreich regieren, der Großmeister der Rosenkreuzer gebot einer intellektuellen und unterwürfigen Welt.

»Seid freimütig, ich verpfände Euch mein Edelmannswort, daß Eure Antwort, falls sie das Geständnis fürchterlicher Verbrechen sein möchte, sein soll, wie wenn sie niemals gegeben wurde«, fuhr der König fort. »Ihr befaßt Euch mit Giften?«

»Um kennenzulernen, was Leben verleiht, muß man wohl wissen, was sterben läßt.«

»Ihr besitzt das Geheimnis vieler Gifte?«

»Ja, Sire, aber nur durch die Theorie, nicht durch die Praxis. Wir kennen sie, ohne Gebrauch davon zu machen.«

»Hat meine Mutter Euch um welche gebeten?« fragte der König, keuchend.

»Sire,« entgegnete Lorenz, »die Königin Katharina ist zu geschickt, als daß sie sich solcher Mittel bedienen müßte. Sie weiß, daß der Herrscher, der zu Giften greift, durch Gift umkommt. Die Borgias, ebenso wie Bianka, die Großherzogin von Toskana, bilden ein berühmtes Beispiel für die Gefahren, welche solch elende Hilfsmittel mit sich bringen. Bei Hofe spricht sich alles herum. Einen armen Teufel könnt Ihr töten, welchen Zweck hätte es, ihn zu vergiften? Wenn man aber vornehme Leute damit angreifen wollte, gäbe es da irgendeine Möglichkeit, daß es geheim bliebe? Auf Coligny zielen konntet nur Ihr, die Königin oder die Guisen. Niemand hat sich darin getäuscht. Glaubt mir, nicht zweimal bedient man sich ungestraft des Gifts in der Politik. Fürsten haben immer Nachfolger. Was die Kleinen anlangt, wenn sie, wie Luther, durch die Macht der Ideen Souveraine werden, so tötet man ihre Lehren nicht, wenn man sich auch ihrer Person entledigt. Die Königin stammt aus Florenz und weiß, daß Gift nur die Waffe persönlicher Rachegedanken sein kann. Mein Bruder, der sie seit ihrem Eintreffen in Frankreich nicht verließ, weiß, welchen Kummer ihr Madame Diana bereitete; nie hat sie daran gedacht sie zu vergiften. Sie hätte es gekonnt. Was aber würde der König, Euer Vater, gesagt haben? Nie war ein Weib mehr in ihrem Rechte, nie der Straflosigkeit sicherer. Frau von Valentinois lebt noch heute.«

»Und die Behexungen?« fuhr der König fort.

»Sire,« sagte Kosmus, »solche Sachen sind wahrlich so harmlos, daß wir uns, um blinde Leidenschaften zu befriedigen, dazu hergeben, wie Ärzte, die Pillen aus Brotkrumen Leuten reichen, die sich einbilden, krank zu sein. Eine Frau glaubt, auf des Treulosen Haupt ein Unglück heraufzubeschwören, wenn sie das Herz seiner Wachsbilder durchbohrt. Was wollt Ihr? Das sind unsere Steuern.«

»Der Papst verkauft Ablaß«, sagte Lorenz Ruggieri lächelnd.

»Hat meine Mutter mit Behexungen gearbeitet?«

»Wozu taugen jemandem, der alles vermag, wirkungslose Mittel?«

»Könnte die Königin Katharina Euch in diesem Augenblicke retten?« fragte der König mit finsterer Miene.

»Aber wir schweben ja in keinerlei Gefahr, Sire«, antwortete Lorenz Ruggieri ruhig. »Bevor ich dies Haus betrat, wußte ich, daß ich es heil und gesund verlassen würde, ebenso wie ich weiß, welch böse Gesinnung der König in ein paar Tagen meinem Bruder gegenüber hegen wird; doch, wenn er irgendwie Gefahr läuft, wird er über sie triumphieren. Wenn der König mit dem Degen regiert, regiert er auch durch die Gerechtigkeit!« fügte er hinzu, auf die berühmte Devise einer für Karl den Neunten geprägten Medaille anspielend.

»Ihr wißt alles. So werde ich bald sterben, und es ist gut so«, fuhr der König fort, der seinen Zorn hinter einer fieberhaften Ungeduld verbarg. »Wie aber wird mein Bruder enden, der Eurer Voraussage gemäß König Heinrich der Dritte sein muß?«

»Eines gewaltsamen Todes.«

»Und Herr von Alençon?«

»Wird nicht regieren.«

»Heinrich von Bourbon wird also herrschen?«

»Ja, Sire.«

»Und wie wird er enden?«

»Eines gewaltsamen Todes.«

»Und was wird, wenn ich tot bin, aus Madame?« fragte der König, auf Marie Touchet hindeutend.

»Frau von Belleville wird sich verheiraten, Sire.«

»Lügner seid Ihr! Schickt sie fort, Sire!« rief Marie Touchet.

»Aber, mein Liebchen, die Ruggieri haben mein Edelmannswort«, entgegnete der König lachend. »Wird Marie Kinder haben?«

»Ja, Sire; die gnädige Frau wird mehr als achtzig Jahre leben.«

»Soll man sie festnehmen lassen?« sagte Karl der Neunte zu seiner Geliebten.

»Und mein Sohn, der Graf von Auvergne?« fragte Karl der Neunte; er ging fort, um ihn herbei zu holen.

»Warum habt Ihr ihm gesagt, daß ich mich verheiraten würde?« sagte Marie Touchet zu den beiden Brüdern in dem Moment, wo sie allein waren.

»Madame,« antwortete Lorenz würdig, »der König hat uns befohlen, die Wahrheit zu sagen, also sagen wir sie.«

»Ist es also wahr?« forschte sie.

»Ebensosehr wie es auf Wahrheit beruht, daß der Gouverneur von Orleans bis über beide Ohren in Euch verliebt ist.«

»Aber ich liebe ihn doch nicht«, rief sie.

»Das stimmt, gnädige Frau«, erklärte Lorenz; »doch bestätigt Euer Thema, daß Ihr den Mann heiraten werdet, der Euch in diesem Augenblicke liebt.«

»Könntet Ihr nicht ein bißchen für mich lügen?« meinte sie lächelnd; »denn wenn der König gar an Eure Vorhersagungen glaubte! . . .«

»Ist es nicht auch notwendig, daß er an unsere Unschuld glaubt?« sagte Kosmus, der Favoritin einen Blick voller Feinheit zuwerfend. »Die vom Könige uns gegenüber getroffenen Vorsichtsmaßnahmen haben uns all die Zeit über, die wir in Eurem hübschen Kerker verbrachten, zu der Annahme Anlaß gegeben, daß die okkulten Wissenschaften ihm gegenüber verleumdet worden sind.«

»Seid ruhig,« antwortete Marie, »ich kenne ihn, all sein Mißtrauen ist zerstreut.«

»Wir sind unschuldig«, erwiderte stolz der hohe Greis.

»Desto besser,« sagte Marie, »denn der König läßt in diesem Augenblicke Euer Laboratorium durchforschen; eure Öfen und Fiolen werden von erfahrenen Männern untersucht.«

Die beiden Brüder blickten sich lächelnd an.

Dies Lächeln, welches soviel bedeuten sollte wie: ›Arme Tröpfe, glaubt ihr, wenn wir Gifte herzustellen vermögen, wissen wir nicht, wie wir sie verstecken müssen?‹ hielt Marie Touchet für einen Spott der Unschuld.

»Wo sind des Königs Leute?« fragte Kosmus.

»Bei René«, antwortete Marie.

Kosmus und Lorenz warfen sich einen Blick zu, durch den sie einunddenselben Gedanken wechselten: ›Das Hotel von Soissons ist unverletzlich!‹

Der König hatte seine Verdachtgründe so gut vergessen, daß, als er seinen Sohn holte und Jakob ihn dabei aufhielt, um ihm ein von Chapelain gesandtes Billett einzuhändigen, er es mit der Gewißheit öffnete, daß sein Arzt ihm hinsichtlich der Untersuchung der Offizin darin mitteile, alles dort Vorgefundene diene einzig und allein alchimistischen Forschungen.

»Wird er glücklich leben?« fragte der König, den beiden Alchimisten seinen Sohn zeigend.

Kosmus nahm des kleinen Kindes Hand und betrachtete sie voller Aufmerksamkeit.

»Herr,« sagte Karl der Neunte zu dem Greise, »wenn Ihr den Geist verneinen müßt, um an Eures Unterfangens Möglichkeit zu glauben, erklärt mir doch, wie Ihr an dem zweifeln könnt, was Eure Macht bedeutet. Der Gedanke, den Ihr vernichten wollt, ist die Leuchte, die Euren Nachforschungen Licht spendet. Ach, ach, heißt das nicht sich bewegen und die Bewegung leugnen?« rief der König, der, befriedigt, dies Argument gefunden zu haben, seine Geliebte triumphierend anblickte.

»Der Gedanke,« antwortete Lorenz Ruggieri, »ist die Ausübung eines inneren Sinnes, so wie die Fähigkeit, mehrere Gegenstände zu sehen und ihre Dimensionen und Farben wahrzunehmen, eine Wirkung unseres Gesichtes ist. Das hat nichts mit dem zu schaffen, was man von einem anderen Leben verlangt. Der Gedanke ist eine Fähigkeit, die selbst zu unseren Lebzeiten mit den Kräften, die sie produzieren, aufhört.«

»Ihr seid konsequent«, warf der König überrascht ein. »Doch ist die Alchimie eine atheistische Wissenschaft.«

»Eine materialistische, Sire, was ein großer Unterschied ist. Der Materialismus ist die Konsequenz der indischen Lehren, die durch die Isismysterien nach Chaldäa und Ägypten übertragen und von Pythagoras nach Griechenland gebracht wurden. Pythagoras ist einer der Halbgötter der Menschheit: seine Lehre der Verwandlung ist die Mathematik des Materialismus, das lebendige Gesetz ihrer Phasen. Jeder der verschiedenen Schöpfungen, aus denen die irdische Schöpfung sich zusammensetzt, ist die Macht zu eigen, die Bewegung, die sie in eine andere drängt, zu verzögern.«

»Die Alchimie ist also die Wissenschaft der Wissenschaften!« rief Karl der Neunte begeistert. »Mich verlangt Euch bei der Arbeit zu sehen . . .«

»Immer, wenn Ihr wollt, Sire; Ihr werdet nicht ungeduldiger sein als die Königin, Eure Mutter . . .«

»Ach, darum hat sie Euch so lieb!« schrie der König.

»Heimlich beschützt das Haus Medici unsere Nachforschungen seit fast einem Jahrhundert.«

»Sire,« sagte Kosmus, »dies Kind wird fast hundert Jahre alt. Wechselfälle wird es erleben, wird aber glücklich und geehrt sein, da der Valois Blut in seinen Adern pulst . . .«

»Ich will Euch besuchen, meine Herren«, erklärte der König, der wieder guter Laune geworden war. »Ihr könnt gehen.«

Die beiden Brüder grüßten Marie und Karl den Neunten und zogen sich zurück. Ernst stiegen sie die Stufen hinunter, ohne sich umzusehen und ohne zu sprechen. Sie drehten sich nicht einmal nach den Fenstern um, als sie auf dem Hofe waren, da sie zuversichtlich wußten, daß des Königs Auge sie bespähte. Tatsächlich erblickten sie Karl den Neunten am Fenster, als sie zur Seite einbogen, um durch das Straßentor zu gehen.

Als Alchimist und Astrolog auf der Rue de l'Autruche waren, blickten sie vor und hinter sich, um zu sehen, ob man ihnen auflauere oder sie verfolge. Bis an die Louvregräben gingen sie, ohne ein Wort zu äußern; als sie sich dort aber allein befanden, sagte Lorenz zu Kosmus in dem Florentiner Dialekte jener Zeit: »Affè d'Iddio! como le abbiamo infinocchiato! (Potzblitz, den haben wir schön eingewickelt!)«

»Gran mercès! a lui sta di spartojarsi . . . (Mag's ihm gut bekommen! Er soll zusehen, wie er sich da heraushilft)«, antwortete Kosmus. »Mag mir die Königin Gleiches mit Gleichem vergelten, wir haben ihr einen großen Dienst geleistet.«

Einige Tage nach dieser Szene, die auf Marie Touchet ebenso stark wie auf den König wirkte, rief Marie in einem jener Augenblicke, wo der Geist durch das Übermaß der Wonne in irgendwelcher Weise vom Körper losgelöst ist: »Lorenz Ruggieri ist mir wohl verständlich geworden, Karl, Kosmus aber hat nichts geäußert.«

»Das ist wahr«, versetzte der König, von dieser plötzlichen Erleuchtung überrascht. »In ihren Reden lag ebensoviel Wahrheit wie Falschheit. Geschmeidig sind diese Italiener wie die Seide, die sie herstellen.«

Solcher Argwohn erklärt den Haß, den der König Kosmus gegenüber an den Tag legte, als la Moles und Coconnas Verschwörung vors Gericht kam: da er in ihm einen der Anzettler dieser Angelegenheit erkannte, glaubte er von den beiden Italienern an der Nase herumgeführt worden zu sein, denn ihm wurde bewiesen, daß seiner Mutter Astrolog sich nicht ausschließlich mit den Sternen, mit Projektionspulver und dem reinen Atome beschäftige.

Trotz des geringen Glaubens, den viele Leute diesen Dingen schenken, bestätigten die Ereignisse, welche dieser Szene folgten, die von den Ruggieri gegebenen Orakel. Der König starb drei Monate später.

Der Graf von Gondi folgte Karl dem Neunten ins Grab, wie es ihm sein Bruder, der Marschall von Retz, der Ruggieri Freund, prophezeit hatte. Er glaubte an ihre Weissagungen.

Marie Touchet heiratete Karl von Balzac, Marquis von Entragues, Gouverneur von Orleans, von welchem sie zwei Töchter hatte. Die berühmteste dieser Töchter, des Grafen von Auvergne Stiefschwester, war Heinrichs des Vierten Geliebte und wollte bei der Bironschen Verschwörung ihren Bruder auf den französischen Thron setzen, indem sie das Haus Bourbon von ihm vertrieb.

Der Herzog von Angoulême gewordene Graf von Auvergne erlebte Ludwigs des Vierzehnten Regierung. Er prägte Geld auf seinen Gütern und verschlechterte dabei den Feingehalt des Goldes; Ludwig der Vierzehnte aber ließ ihn unbehelligt, soviel Ehrfurcht hatte er vor dem Blute der Valois.

Kosmus Ruggieri lebte bis zur Zeit der Regierung Ludwigs des Dreizehnten. Er sah den Sturz des Hauses Medici in Frankreich und den Sturz der Concini. Die Geschichte hat dafür Sorge getragen zu konstatieren, daß er als Atheist, das heißt als Materialist starb.

Die Marquise von Entragues wurde über achtzig Jahre alt.

Lorenz und Kosmus hatten als Schüler den berühmten Grafen von Saint-Germain, welcher unter Ludwig dem Fünfzehnten solches Aufsehen erregte. Dieser berühmte Alchimist wurde nicht weniger als hundertdreißig Jahre alt, das Alter, welches gewisse Biographen der Marion de Lorme geben. Von den Ruggieri etwa konnte der Graf die Anekdoten über die Bartholomäusnacht und über die Regierung der Valois erfahren haben, in welchen er sich gefiel eine Rolle zu spielen, indem er sie in der Ichform erzählte. Der Graf von Saint-Germain hat als letzter der Alchimisten diese Wissenschaft in der besten Weise erklärt; jedoch hat er nichts geschrieben. Die in dieser Novelle dargelegte kabbalistische Lehre rührt von eben dieser geheimnisvollen Persönlichkeit her.

Es ist etwas Merkwürdiges; drei Menschenexistenzen, die des Greises, von dem diese Aufzeichnungen herrühren, die des Grafen von Saint-Germain und die des Kosmus Ruggieri genügen, um die Geschichte Europas von Franz dem Ersten bis Napoleon zu erfassen. Nur fünfzig ihresgleichen würden genügen, um bis auf die erste bekannte Periode der Welt zurückgehen zu können. ›Was bedeuten fünfzig Generationen, wenn man des Lebens Geheimnisse studiert?‹ sagt der Graf von Saint-Germain irgendwo.

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