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Katharina von Medici

Honoré de Balzac: Katharina von Medici - Kapitel 21
Quellenangabe
typenovelette
authorHonoré de Balzac
titleKatharina von Medici
publisherDiogenes
yearo.J.
isbn3257204809
translatorPaul Hansmann
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Ehe sie sich meinem Befehle fügten, befragten die beiden Florentiner einander mit einem feinen Blicke, und Lorenz Ruggieri sagte mir, ich dürfte sicher sein, daß keine Todesqual ihnen ihre Geheimnisse entreißen werde. Trotz ihrer anscheinenden Schwäche hätten weder Schmerz noch andere menschliche Gefühle Macht über sie; Vertrauen allein könnte ihren Mund entsiegeln. Ich dürfte mich nicht wundern, daß sie sich in diesem Augenblicke mit einem Könige, der nur Gott über sich kenne, auf gleichen Fuß stellten, denn ihr Gedanke sei gleichfalls nur Gott lehnspflichtig. Sie forderten also von mir ebensoviel Vertrauen, als sie mir gewährten. Bevor sie sich verpflichteten mir ohne Hintergedanken zu antworten, baten sie mich, meine linke Hand in die des jungen Mädchens, das dort lag, und die Rechte in der Alten Hand zu legen. Da ich ihnen keinen Anlaß zu dem Gedanken geben wollte, ich fürchte irgendwelches Zauberwerk, streckte ich meine Hände hin. Lorenz nahm die rechte, Kosmus die linke und jeder von ihnen brachte sie in der Hand eines Weibes unter, so daß ich mich wie Christus zwischen seinen beiden Schächern befand. All die Zeit über prüften die beiden Zauberinnen meine Hände. Kosmus hielt mir einen Spiegel mit der Bitte vor, mich darinnen zu betrachten, und sein Bruder sprach in einer unbekannten Sprache mit den beiden Frauen. Weder Tavannes noch ich konnten den Sinn irgendeiner Phrase verstehen. Ehe wir die Leute hierherführten, haben wir Siegel auf allen Eingängen in diese Offizin angebracht. Tavannes hat den Auftrag, sie bis zu dem Momente zu bewachen, wo auf mein ausdrückliches Geheiß Bernhard Palissy und Chaplain, mein Arzt, sich dorthin begeben haben, um eine genaue Untersuchung aller Drogen, die sich dort vorfinden und hergestellt werden, vorzunehmen. Damit sie nichts von den Nachforschungen, die in ihrer Küche angestellt werden, merken und um sie daran zu hindern, sich außerhalb, mit wem es auch sein möge, in Verbindung zu setzen, hab' ich die beiden Teufel heimlich bei dir untergebracht und lasse sie von Solerns Deutschen bewachen, welche die stärksten Kerkermauern aufwiegen. René ist von Solerns Knappen in seinem Zimmer bewacht worden und die beiden Zauberinnen desgleichen. Nun, mein geliebtes Leben, wo ich die Häupter der Kabbala, die Könige Alleswisser, die Anführer der Zauberei, die Fürsten der Zigeuner, die Herren der Zukunft und die Erben aller berühmten Wahrsager festhabe, will ich in dir lesen, dein Herz kennenlernen, kurz, wir wollen wissen, was aus uns wird.«

»Ich wäre sehr glücklich, wenn sie mein Herz nackt zeigen könnten«, sagte Marie, ohne irgendwelche Furcht durchschimmern zu lassen.

»Ich weiß auch, warum dich keine Zauberer schrecken: du, auch du kannst behexen.«

»Wollt Ihr nicht einen von diesen Pfirsichen?« antwortete sie, ihm schöne Früchte auf einem hochroten Teller anbietend. »Seht die Trauben, die Birnen hier, alle hab' ich selber in Vincennes gepflückt.«

»Ich werde also davon essen, denn kein ander Gift ist an ihnen zu finden als die Liebestränke, die aus deinen Händen hervorgehen.«

»Stets solltest du viel Obst essen, Karl, da würdest du dein Blut erfrischen, das du mit so viel Gewaltmitteln verbrennst.«

»Sollt' ich dich nicht auch weniger lieben?«

»Vielleicht . . .« sagte sie. »Wenn die Dinge, die du lieb hast, dir schadeten . . . und ich hab es fast geglaubt! . . . würde ich aus meiner Liebe die Kraft schöpfen, sie dir zu verweigern. Karl bete ich noch mehr an, als ich den König liebe, und ich will, daß der Mann ohne jene Qualen lebe, die ihn traurig und nachdenklich machen.«

»Das Königsein verdirbt mich . . .«

»Ja gewiß«, entgegnete sie. »Wenn du nur ein armer Fürst wie dein Schwager wärest, der König von Navarra, dieser kleine Schürzenjäger, der weder Heller noch Pfennig hat, der nur ein elendes Königreich in Spanien, in das er nie den Fuß setzen wird, und das Béarn in Frankreich besitzt, das ihm kaum etwas zu leben gibt, würde ich glücklich, viel glücklicher sein, als wenn ich wirklich Königin von Frankreich wäre.«

»Bist du denn aber nicht mehr als die Königin? Sie hat den König Karl nur zum Wohle des Königsreichs, denn gehört die Königin nicht auch zur Politik?«

Marie lächelte und zog ein schiefes Mäulchen; dann sagte sie:

»Das weiß man, Sire. Und ist mein Sonett fertig?«

»Liebe Kleine, Verse lassen sich ebenso schwer machen wie Friedensedikte; deine werd' ich bald vollenden. Mein Gott, das Leben ist mir so leicht hier, und ich möchte gar nicht wieder fortgehen. Und doch müssen wir die beiden Florentiner vernehmen. Haupt Gottes voller Reliquien! Ich fand, daß wir gerade genug hatten an einem Ruggieri im Reiche, und nun findet man wahrlich ihrer zweie. Hör, mein liebes Herz, dir fehlt's nicht an Verstand, du würdest einen prächtigen Polizeileutnant abgeben, denn du kommst hinter alles . . .«

»Aber, Sire, wir vermuten alles, was wir fürchten, und für uns ist das Wahrscheinliche das Wahre: das ist in zwei Worten unsere ganze Schlauheit.«

»Nun gut, hilf mir also die beiden Männer sondieren. Jetzt im Moment hängen alle meine Entschließungen von diesem Verhör ab. Sind sie unschuldig? Sind sie schuldig? Meine Mutter steht hinter ihnen.«

»Ich höre Jakobs Stimme auf der Wendeltreppe«, sagte Marie.

Jakob war des Königs Lieblingsdiener, der ihn bei allen seinen Lustpartien begleitete; er wollte nachfragen, ob es in seines Herrn Absicht stünde, mit den beiden Gefangenen zu sprechen.

Auf ein bejahendes Zeichen hin erteilte die Dame des Hauses einige Befehle.

»Jakob,« sagte sie, »laßt jedermann im Hause das Feld räumen außer der Amme und dem gnädigen Herrn von Auvergne, die bleiben können. Was Euch anlangt, so haltet Euch im Parterresaal; vor allem aber macht die Fenster zu, zieht die Vorhänge vor im Salon und zündet die Kerzen an!«

Des Königs Ungeduld war so groß, daß er sich während dieser Vorbereitungen in der Ecke bei einem hohen weißen Marmorkamin, in welchem ein helles Feuer brannte, auf einen Stuhl setzte, bei dem sich seine hübsche Geliebte niederließ. Des Königs Bild hing in einem roten Sammetrahmen an Stelle eines Spiegels dort. Karl der Neunte stützte den Ellbogen auf die Stuhllehne, um die beiden Florentiner besser betrachten zu können.

Als die Fensterflügel geschlossen, die Vorhänge heruntergelassen waren, zündete Jakob die Kerzen in einem Leuchter, einer Art silbergetriebenem Kandelaber, an und stellte ihn auf den Tisch, wo sich die beiden Florentiner niedersetzen mußten, welche Benvenuto Cellinis, ihres Landsmanns, Arbeit erkennen konnten. Die Reichtümer dieses Saales, der in Karls des Neunten Geschmack ausgestattet war, schimmerten hell. Besser als bei lichtem Tage sah man das Braunrot der Tapisserien. Die kostbar gearbeiteten Möbel reflektierten in den Kehlungen ihres Ebenholzes Kerzenlicht und Kaminfeuer. Die sparsam verteilten Vergoldungen glänzten da und dort wie Augen und belebten die braune Farbe, die in diesem Liebesneste vorherrschte.

Jakob pochte zweimal, und auf ein Wort hin ließ er die beiden Florentiner eintreten. Sofort ward Marie Touchet von der Größe betroffen, die Lorenz Hoch und Niedrig beachtenswert machte. Dieser Greis, dessen Silberbart noch durch einen schwarzsamtnen Mantel gehoben ward, hatte eine Stirn ähnlich einer Marmorkuppel. Sein strenges Antlitz, in welchem zwei schwarze Augen stechende Flammen sprühten, ließ das Fluidum eines Genies, das aus seiner tiefen Einsamkeit herausgerissen, um so tiefer wirkt, als seine Kraft durch die Berührung mit den Menschen nicht stumpf wurde, auf die Anwesenden übergehen. Man möchte es das Eisen einer Klinge nennen, die noch nicht gebraucht wurde.

Was Kosmus Ruggieri anlangt, so trug er das Höflingsgewand der Epoche.

Marie machte dem König ein Zeichen, ihm zu sagen, daß er bei seiner Schilderung nicht übertrieben habe, und um ihm zu danken, ihr diese außergewöhnlichen Männer gezeigt zu haben.

»Auch die Zauberinnen würde ich gern sehen«, flüsterte sie dem König ins Ohr.

Karl der Neunte war wieder nachdenklich geworden und antwortete nicht. Besorgt schnippte er einige Brotkrümchen fort, die auf seinem Wams und den Beinkleidern lagen.

»Eure Wissenschaften vermögen weder etwas über den Himmel noch können sie Sonnenschein erzwingen, meine Herren aus Florenz«, sagte der König auf die Vorhänge deutend, die man der grauen Pariser Atmosphäre wegen heruntergelassen hatte. »Der Tag geht zur Neige.«

»Unsere Wissenschaft kann uns einen Himmel nach unserer Phantasie herzaubern, Sire«, erklärte Lorenz Ruggieri. »Für den, der in einem Laboratorium am Schmelzofen arbeitet, ist das Wetter immer schön.«

»Das stimmt«, erwiderte der König. – »Nun, mein Vater,« sagte er, sich eines Ausdrucks bedienend, der ihm alten Leuten gegenüber geläufig war, »wollt Ihr mir den Gegenstand Eurer Studien aufs genaueste erklären?«

»Wer garantiert uns die Straflosigkeit?«

»Des Königs Wort«, antwortete Karl der Neunte, dessen Neugier durch diese Frage lebhaft gereizt wurde.

Lorenz Ruggieri schien zu zaudern. Karl der Neunte rief:

»Was hält Euch auf? Wir sind allein.«

»Ist der König von Frankreich hier?« fragte der hochgewachsene Greis.

Karl der Neunte überlegte einen Augenblick und antwortete:

»Nein!«

»Wird er auch nicht kommen?« fragte Lorenz abermals.

»Nein«, antwortete Karl der Neunte, eine Zornesregung unterdrückend.

Der imposante Greis zog einen Stuhl heran und setzte sich. Der ob solcher Kühnheit erstaunte Kosmus wagte seinen Bruder nicht nachzuahmen.

Karl der Neunte sagte voll tiefer Ironie:

»Der König ist nicht anwesend, mein Herr; doch seid Ihr bei einer Dame, deren Aufforderung Ihr hättet abwarten müssen.«

»Der, den Ihr hier vor Euch seht, Madame, steht ebenso hoch über den Königen, als Könige über ihren Untertanen stehn. Und wenn Ihr meine Macht erst kennt, werdet Ihr mich höflich genug finden.«

Als sie diese mit italienischer Emphase geäußerten kühnen Worte vernahmen, schauten Karl und Marie sich an und blickten auf Kosmus, der, die Augen auf seinen Bruder geheftet, zu sagen schien: »Wie wird er sich aus unserer bösen Lage herauswinden?«

Tatsächlich konnte nur eine einzige Person die Größe und Feinheit des Lorenz Ruggierischen Eingangswortes begreifen; weder auf den König noch auf seine junge Geliebte, wohl aber auf den verschmitzten Kosmus Ruggieri vermochte der Greis mit dem Zauber seines Mutes zu wirken. Wiewohl er den geschicktesten Hofleuten und vielleicht auch Katharinen von Medici, seiner Beschützerin, geistig überlegen war, so erkannte der Astrolog seinen Bruder Lorenz doch als seinen Meister an. Dieser alte, in Einsamkeit begrabene Gelehrte hatte die Herrscher begriffen, die fast alle durch die ständige Aufregung der Politik, deren Krisen zu jener Zeit so plötzlich, lebhaft, so hitzig und unvorhergesehen waren, abgestumpft wurden; er kannte ihre Langeweile, ihre Müdigkeit Dingen gegenüber, wußte mit welchem Eifer sie das Fremde, Neue und Krause verfolgten und wie sehr sie es vor allem liebten, sich in der intellektuellen Region zu bewegen, um zu vermeiden, sich stets nur mit Menschen und Ereignissen herumzuschlagen. Denen, die die Politik erschöpft haben, bleibt nur mehr der reine Gedanke übrig; Karl der Fünfte hat das durch seine Abdankung bewiesen. Karl der Neunte, welcher Sonette und Degen schmiedete, um sich den aufreibenden Angelegenheiten eines Jahrhunderts zu entziehen, in welchem der Thron nicht minder in Frage stand als der König, und der vom Königtum nur die Sorgen spürte, ohne seiner Freuden froh zu werden, mußte durch die kühne Verneinung seiner Macht, die Lorenz sich eben herausgenommen hatte, lebhaft aufgerüttelt werden. Gottlosigkeiten überraschten wahrlich nicht mehr zu einer Zeit, wo der Katholizismus so auf Herz und Nieren geprüft wurde; daß man die Zerstörung der Religion als Basis für wahnsinnige Versuche einer geheimnisvollen Kunst nahm, mußte den König lebhaft treffen und ihn aus seiner düsteren Zerstreutheit reißen. Denn eine Eroberung, bei der es sich um den ganzen Menschen handelte, war ein Unterfangen, das in des Ruggieri Augen jedes andere Interesse als klein erscheinen lassen mußte. Von dem Begriff, den man dem Könige beibringen wollte, hing eine wichtige Freisprechung ab, welche die beiden Brüder nicht erbitten konnten und die man erringen mußte! Das Wesentliche war, Karl den Neunten seinen Argwohn vergessen zu machen, indem man ihn auf irgendeine Idee losgehen ließ.

Die beiden Italiener wußten nicht, daß der Einsatz bei dieser seltsamen Partie ihr eigenes Leben war. Die zugleich demütigen und stolzen Blicke, die sie mit Maries und des Königs scharfsinnigen und argwöhnischen austauschten, bildeten bereits eine Szene für sich.

»Sire,« sagte Lorenz Ruggieri, »Ihr habt mir die Wahrheit abverlangt; um sie aber in ihrer ganzen Nacktheit zu zeigen, muß ich Euch den angeblichen Brunnen, den Abgrund sondieren lassen, aus dem sie hervorgeht. Der Edelmann, der Dichter möge uns die Worte verzeihen, welche der Kirche ältester Sohn für Blasphemien halten könnte! Ich glaube nicht, daß Gott sich mit der Menschen Dinge beschäftigt . . .«

Wiewohl er fest entschlossen war, eine königliche Unbeweglichkeit zu wahren, vermochte Karl der Neunte eine überraschte Bewegung nicht zu unterdrücken

»Ohne diese Überzeugung würde ich keinen Glauben an das wunderbare Werk haben, dem ich mich geweiht. Um ihm nachzugehen, muß ich daran glauben. Wenn der Finger Gottes jedwedes Ding leitet, bin ich ein Narr. Möge es der König denn wissen: es handelt sich darum, einen Sieg über den aktuellen Gang der menschlichen Natur davonzutragen. Ich bin Alchimist, Sire. Denkt aber nicht wie das gemeine Volk, daß ich Gold zu machen suche! Die Herstellung des Goldes ist nicht der Zweck, sondern ein Zufall unserer Nachforschungen, sonst würde sich unser Versuch ja nicht das große Werk nennen! Das große Werk ist etwas Kühneres als das. Wenn ich also heute Gottes Gegenwart in der Materie zuließe, würde die Flamme der seit Jahrhunderten brennenden Schmelzöfen morgen auf ein Wort von mir hin verlöschen. Gottes direktes Handeln leugnen, heißt nicht Gott leugnen; täuscht Euch darin nicht. Wir stellen den Urheber jedweden Dinges noch viel höher als ihn die Religionen herabwürdigen. Zeiht nicht die des Atheismus, welche doch die Unsterblichkeit wollen. Nach Luzifers Beispiel sind wir eifersüchtig auf Gott, und solche Eifersucht zeugt von einer heißen Liebe! Obwohl diese Doktrin die Basis für unsere Arbeiten bildet, sind nicht alle Adepten voll von ihr. Kosmus,« sagte der Greis auf seinen Bruder zeigend, »Kosmus ist frommer Katholik; er bezahlt Messen für unseres Vaters Seelenheil und hört sie an. Eurer Mutter Astrolog glaubt an die Göttlichkeit Christi, an die unbefleckte Empfängnis und an die Transsubstantiation; er glaubt an den Ablaß des Papstes und die Hölle, glaubt an die Unendlichkeit der Dinge. . . . Seine Stunde ist noch nicht gekommen. Denn ich habe sein Horoskop gestellt, er wird beinahe hundertjährig sterben: noch zwei Regierungen muß er erleben und sehen, wie zwei Könige Frankreichs ermordet werden . . .«

»Die werden sein? . . .« fragte der König.

»Der letzte der Valois und der erste der Bourbonen«, antwortete Lorenz. »Kosmus aber wird meine Meinungen teilen. Tatsächlich kann man unmöglich Alchimist und Katholik sein, an den Despotismus des Menschen der Materie gegenüber und an die Oberherrschaft des Geistes glauben.«

»Kosmus wird als Hundertjähriger sterben?« sagte der König, der sich bis zu seinem schrecklichen Runzeln der Brauen hinreißen ließ.

»Ja, Sire,« antwortete Lorenz voller Autorität, »in Frieden wird er in seinem Bette sterben.«

»Wenn Ihr die Macht besitzt den Augenblick Eures Todes vorherzusehen, warum wißt Ihr nicht, zu welchen Ergebnissen Eure Nachforschungen führen werden?«

Karl der Neunte hub an mit triumphierender Miene zu lächeln. Er blickte auf Marie Touchet.

Die beiden Brüder wechselten einen schnellen freudigen Blick.

›Er interessiert sich für die Alchimie,‹ dachten sie, ›wir sind gerettet!‹

»Unsere Vorhersagungen stützen sich auf den augenblicklichen Zustand der Beziehungen, die zwischen Mensch und Natur bestehen; doch handelt es sich gerade darum, diese Beziehungen gänzlich zu verändern«, antwortete Lorenz.

Der König blieb nachdenklich.

»Wenn ihr aber gewiß seid zu sterben, so seid ihr auch eurer Niederlage sicher«, erwiderte Karl der Neunte.

»Wie es unsere Vorgänger waren!« antwortete Lorenz, die Hand erhebend, um sie mit einer emphatischen und feierlichen Geste, die dem Fluge seines Gedankens entsprach, zurückfallen zu lassen. »Wenn Euer Geist aber, Sire, dereinst am Ende der Strecke angelangt ist, muß er zu uns umkehren. Wenn Ihr nicht den Boden kenntet, worauf unser Gebäude aufgeführt ist, könntet Ihr uns sagen, er wankte, und die von den Größten unter den Menschen von Jahrhundert zu Jahrhundert gepflegte Wissenschaft beurteilen, wie sie der Gemeine beurteilt.«

Der König nickte zustimmend.

»Ich denke also, daß die Erde hier dem Menschen gehört, daß er ihr Herr ist und sich all ihre Kräfte, all ihre Substanz zu eigen machen kann. Der Mensch ist keine Schöpfung, die unmittelbar aus Gottes Händen hervorgegangen ist, sondern eine Konsequenz des in die Unendlichkeit des Äthers gesäten Prinzips, in dem sich Tausende von Kreaturen produzieren, von welchen sich keine von Stern zu Stern gleicht, weil die Lebensbedingungen überall verschieden sind. Ja, Sire, das subtile Räderwerk, welches wir Leben nennen, nimmt seinen Ursprung jenseits der sichtbaren Welten; die Schöpfungen zerlegen es sich nach Belieben der Umgebung, in der sie sich befinden, und die geringsten Wesen nehmen teil daran, indem sie, soviel wie sie nur können, auf eigene Gefahr und Kosten davon aufnehmen: bei ihnen steht es, sich wider den Tod zu verteidigen. Die Alchimie ist völlig hierin enthalten. Wenn der Mensch, das vollkommenste Tier dieses Globus, in sich selber einen Teil Gottes trüge, würde er nicht umkommen, und er kommt um. Um über diese Schwierigkeit hinwegzugelangen, haben Sokrates und seine Schule die Seele erfunden. Ich, der Nachfolger so vieler unbekannter großer Könige, welche diese Materie beherrschten, bin für die alten Theorien gegen die neuen; ich bin für die Umwandlung der Materie, die ich sehe, und gegen die unmögliche Ewigkeit einer Seele, die ich nicht sehe. Die Welt der Seele erkenne ich nicht an. Wenn jene Welt vorhanden wäre, würden die Substanzen, deren prächtige Vereinigung Euren Körper hervorbringt, und die bei Madame so in die Augen springend sind, sich nicht nach Eurem Tode sublimieren, um jedes getrennt in seine Abteilung, das Wasser zum Wasser, das Feuer zum Feuer, das Metall zum Metall zurückzukehren, wie, wenn meine Kohle verbrannt ist, ihre Elemente in ihre ursprünglichen Moleküle zurückversetzt worden sind. Wenn Ihr behauptet, daß irgend etwas uns überlebt, so sind das nicht wir; denn alles, was mein augenblickliches Ich ist, stirbt. Und dies augenblickliche Ich will ich nun über den für sein Leben bestimmten Termin fortsetzen; der augenblicklichen Umbildung will ich eine größere Dauer verschaffen. Wie! Die Bäume leben jahrhundertelang und die Menschen sollten nur Jahre leben, während die einen aktiv und die anderen passiv sind, wo die einen unbeweglich und ohne Stimme sind und die anderen sprechen und gehen! Keine Schöpfung soll hinieden unserer an Macht oder Dauer überlegen sein. Schon haben wir unsere Sinne erweitert, wir sehen in die Welt der Gestirne hinein. Wir müssen unser Leben verlängern können! Über Macht stelle ich Leben. Was nutzt die Macht, wenn uns das Leben entgleitet? Ein vernünftiger Mensch kann ja gar keine andere Beschäftigung haben als suchen, nicht ob es ein anderes Leben gibt, sondern das Geheimnis, auf welchem seine augenblickliche Form beruht, um es nach seinem Belieben fortzusetzen! Der sehnsüchtige Wunsch hat mir das Haar gebleicht, aber ich schreite unerschrocken durch die Finsternisse, indem ich die Intelligenz, die meinen Glauben teilt, in solchem Kampfe anführe. Eines Tages wird das Leben uns gehören.«

»Aber wie?« schrie der König, jäh aufspringend.

»Da die erste Bedingung unseres Glaubens ist, daran festzuhalten, daß die Welt dem Menschen gehörte, muß man mir diesen Punkt bewilligen«, sagte Lorenz.

»Schön, sei's!« antwortete der ungeduldige Karl von Valois bereits fasziniert.

»Nun gut, Sire, wenn man Gott von dieser Welt wegnimmt, was bleibt dann? Der Mensch! Prüfen wir also unsere Domaine. Die materielle Welt ist zusammengesetzt aus Elementen, diese Elemente selber sind Prinzipien. Diese Prinzipien lösen sich in ein einziges auf, das mit Bewegung begabt ist. Die Zahl drei ist die Formel der Schöpfung: Materie, Bewegung, Produkt!«

»Der Beweis? Nicht weiter!« rief der König.

»Seht Ihr ihn nicht an den Wirkungen?« antwortete Lorenz. »Auf die Probe stellten wir die Eichel, aus der eine Eiche hervorgehen muß, desgleichen auch den Embryo, aus welchem ein Mensch entstehen muß, aus diesem bißchen Substanz resultiert ein reines Prinzip, mit dem sich eine Kraft, irgendeine Bewegung verbinden muß. Muß dies Prinzip in Ermangelung eines Schöpfers nicht selber die aufeinandergeschichteten Formen annehmen, die unsere Welt bilden? Denn überall ist dies Lebensphänomen das gleiche. Ja, für Metalle wie für Lebewesen, für Pflanzen wie für Menschen beginnt das Leben mit einem nicht wahrnehmbaren Embryo, der sich von selbst entwickelt. Es gibt ein primitives Prinzip! Überraschen wir es auf dem Punkte, wo es auf sich selbst einwirkt, wo es eins ist, wo es Prinzip ist, ehe es Geschöpf wird, Ursache ist, ehe es Wirkung wird; dann werden wir es absolut erkennen, formlos, so wie es fähig ist, alle Formen anzunehmen, die wir es annehmen sehen. Wenn wir diesen atomistischen Teilchen gegenüber stehen und seine Bewegung an seinem Ausgangspunkt erfaßt haben, kennen wir seine Gesetze. Von dem Augenblicke an können wir als die Herren ihm die Form gebieten, die uns von allen denen, die wir sehen, gefällt. Wir werden Gold besitzen, um die Welt zu erlangen, und uns Lebensjahrhunderte schaffen, um uns ihrer zu erfreuen. Das ist es, was wir, mein Volk und ich, suchen. All unsere Kräfte, all unsere Gedanken sind dieser Nachforschung gewidmet; nichts zieht uns davon ab. Eine mit einer anderen Leidenschaft vergeudete Stunde würde uns als ein Raub an ihrer Größe erscheinen! Wie Ihr gewißlich niemals Eurer Hunde einen überraschtet, der Tier- und Jägerrecht vergaß, so habe ich niemals einen meiner geduldigen Untertanen gefunden, der sich durch ein Weib oder habsüchtiges Interesse hätte abziehen lassen. Wenn der Adept Gold und Macht ersehnt, rührt dieser Durst von der Stärke unserer Bedürfnisse her; er hascht, wie der abgehetzte Hund im Laufe etwas Wasser aufleckt, nach einem Vermögen, weil seine Öfen einen Diamanten zum Schmelzen oder einen Goldbarren verlangen, der pulverisiert werden muß. Jedwedem seine Arbeit! Der sucht das Geheimnis der Natur der Pflanzen, beobachtet ihr langsames Leben, nimmt die Parität der Bewegung in allen Spezies und die Parität der Ernährung ad notam, findet, daß überall Sonne, Luft und Wasser zur Befruchtung und Nahrung nötig sind. Ein anderer durchforscht das Blut der Tiere. Wieder ein anderer studiert die Gesetze der allgemeinen Bewegung und ihre Zusammenhänge mit den Revolutionen des Himmelzeltes. Fast alle quälen sich damit ab, die unzugängliche Natur des Metalls zu bekämpfen, denn wenn wir in allen Dingen mehrere Prinzipien erkennen, finden wir alle Metalle in ihren geringsten Teilen einander ähnlich. Von daher stammt der allgemeine Irrtum über unsere Arbeiten. Seht Euch all diese Dulder, diese unermüdlichen Ringer an, die, immer besiegt, doch immer zum Kampfe zurückkehren! Die Menschheit, Sire, steht hinter uns, wie der Pikör hinter Eurer Meute steht. Sie schreit uns zu: Beeilt euch! Vergeßt nichts! Opfert alles, selbst einen Menschen, ihr, die ihr euch selber opfert! Beeilt euch! Schlagt dem Tod, meinem Feinde, Arm und Kopf ab! Ja, Sire, wir sind von einem Gefühle beseelt, welches der künftigen Generationen Glück umspannt. Eine große Zahl Menschen, und was für Menschen, die über der Verfolgung dieses Zieles gestorben sind, haben wir begraben. Wenn wir den Fuß in ihre Stapfen setzen, arbeiten wir nicht für uns selber und können sterben, ohne das Geheimnis jemals gefunden zu haben. Und welchen Todes stirbt ein Mensch, der an kein anderes Leben glaubt! Ruhmreiche Märtyrer sind wir; wir hegen den Egoismus der ganzen Rasse in unseren Herzen, leben in unseren Nachfolgern. Indem wir immer vorwärtsschreiten, entdecken wir Geheimnisse, mit welchen wir die mechanischen und freien Künste begaben. Von unseren Schmelzöfen gehen Erleuchtungen aus, welche die Gesellschaft mit der vollkommensten Industrie versorgen. Das Pulver ist aus unseren Retorten hervorgegangen, wir werden den Blitz erobern. Unsere ständigen Nachtwachen haben politische Umwälzungen zur Folge.«

»Sollte das also möglich sein?« rief der König, der sich von neuem in seinem Stuhle aufrichtete.

»Warum nicht?« sagte der Großmeister der neuen Templer. »Tradidit mundum disputationibus! Gott hat uns die Welt ausgeliefert. Nochmals, hört es gut: der Mensch ist Herr hienieden, und die Materie gehört ihm. Alle Kräfte, alle Mittel stehen ihm zur Verfügung. Wer hat uns erschaffen? Eine Bewegung. Welche Macht unterhält das Leben in uns? Eine Bewegung. Warum sollte die Wissenschaft sich nicht dieser Bewegung bemächtigen? Nichts hienieden geht verloren, nichts kann unserem Planeten entrinnen, um anderswo hinzufliegen. Sonst würden ja die Gestirne aufeinanderfallen. Auch die Gewässer der Sintflut befinden sich innerhalb der Prinzipien, ohne daß ein einziger Tropfen ihnen abhanden kommt. Um uns her, unter uns, über uns befinden sich also Elemente, woraus die unzähligen Millionen von Menschen hervorgegangen sind, welche die Erde vor und nach der Sintflut bewohnten. Worum handelt es sich denn? Die trennende Kraft zu überraschen; dagegen überraschen wir die, welche vereinigt. Wir sind das Ergebnis einer sichtbaren Industrie. Als die Gewässer unseren Globus bedeckten, sind Menschen daraus hervorgegangen, die ihre Lebenselemente in der Erdhülle, in der Luft und in ihrer Nahrung fanden. Erde und Luft besitzen also das Prinzip der menschlichen Umwandlungen, sie gehen vor unseren Augen und an dem vor sich, was uns vor Augen liegt; wir können das Geheimnis also ergründen, wenn wir die Anstrengung dieser Nachforschung nicht auf einen Menschen beschränken, sondern wenn sie der Materie, an die ich glaube und die ich, des Ordens Großmeister, durchdringen will. Christoph Kolumbus hat dem Könige von Spanien eine Welt gegeben, ich aber suche ein ewiges Volk für den König von Frankreich. Voran an die fernste Grenze gestellt, die uns von der Kenntnis der Dinge trennt, als Beobachter der Atome, zerstöre ich die Formen, verunreinige ich die Bestandteile jedweder Kombination, forme den Tod nach, um das Leben nachformen zu können! Kurz, unaufhörlich klopfe ich an das Tor der Schöpfung und werde bis zu meiner letzten Stunde daran klopfen. Wenn ich tot bin, wird mein Klöppel in andere, gleichfalls unermüdliche Hände gelangen, die gleichfalls ebenso unermüdlich sind, wie jene unbekannten Riesen, die ihn mir überließen. Fabelhafte, unverstandene Menschenkinder wie etwa Prometheus, Ixion, Adonis, Pan und so fort, die zu den religiösen Glaubenslehren in jedem Lande, zu jeder Zeit gehören, künden uns an, daß diese Hoffnung mit den Menschengeschlechtern geboren ward. Chaldäa, Indien, Persien, Ägypten, Griechenland, die Mauren haben den Magismus, die höchste Wissenschaft unter den okkulten Wissenschaften, welche die Frucht der Nachtwachen jedweder Generation in Verwahrung hält, fortgepflanzt. Dort war der Ausgangspunkt der großen und majestätischen Institution des Templerordens; als einer Eurer Vorfahren, Sire, die Templer verbrannte, hat er nur Menschen verbrannt, die Geheimnisse sind uns verblieben. Der Wiederaufbau des Tempels (des Wohnsitzes der Tempelherrn) ist das Losungswort einer unbekannten Nation, der Stämme unerschrockener Sucher, die sich alle dem Orient des Lebens zuwenden, alle Brüder, die unzertrennlich durch eine Idee vereinigt und mit dem Stempel der Arbeit gezeichnet sind. Ich bin der Herrscher dieses Volkes, Anführer durch Wahl und nicht durch Geburt. Ich lenke sie alle der Substanz des Lebens zu. Als Großmeister, Rosenkreuzer, Gefährten, Adepten jagen wir alle dem unsichtbaren Moleküle nach, das unsere Schmelzöfen flieht, wie es unsere Augen immer noch flieht. Aber wir werden uns noch bessere Augen verschaffen als die uns von der Natur mitgegebenen, und werden das atomistische Element, das so unerschrocken von allen Gelehrten gesucht ward, die uns auf dieser erhabenen Jagd vorangegangen sind, erreichen. Sire, wenn ein Mensch zu Pferde über solchen Abgrund sprengt und ebenso kühne Taucher befehligt, als es meine Brüder sind, erscheinen andere menschliche Interessen recht klein daneben. Auch sind sie uns nicht gefährlich. Religiöse Dispute und politische Zänkereien liegen weit hinter uns, hoch stehen wir über ihnen. Wenn man mit der Natur streitet, erniedrigt man sich nicht irgendwelche Menschen beim Kragen zu fassen. Übrigens ist jedes Ergebnis in unserer Wissenschaft abschätzbar, wir können alle Wirkungen ermessen und vorhersagen; während bei den Kombinationen, auf die sich Menschen mit ihren Interessen einlassen, alles schwankend ist. Wir wollen die Diamanten in unserem Tiegel prüfen, wir werden Diamanten, werden Gold machen lernen! Wie es einer der unsrigen zu Barcelona tat, werden wir Schiffe mit etwas Feuer und Wasser zum Fahren bringen. Wir wollen des Windes entraten, werden uns selber den Wind machen, werden Licht erzeugen und der Reiche Gesicht durch neue Industrien ummodeln. Niemals aber werden wir uns dazu herablassen, einen Thron zu besteigen, um dort von Völkern gequält zu werden!«

Trotz seines lebhaften Wunsches, sich nicht durch Florentiner Listen überrumpeln zu lassen, war der König, ebenso wie seine Geliebte, bereits gepackt und von den Umschweifen und Repliken dieser pompösen Charlatanberedsamkeit eingewickelt worden. Die Augen der beiden Liebenden bewiesen bereits, wie geblendet sie angesichts der vor ihnen ausgebreiteten mysteriösen Reichtümer waren; sie sahen etwas wie eine Flucht von unterirdischen Räumen voller arbeitender Gnomen. Die Ungeduld der Neugierde zerstreute das Mißtrauen des Verdachts.

»Dann aber,« rief der König, »seid ihr große Politiker, die uns aufklären können.«

»Nein, Sire«, antwortete Lorenz unbefangen.

»Warum nicht?« fragte der König.

»Sire, es ist niemandem gegeben vorauszusehen, was einer Ansammlung von einigen tausend Menschen geschehen wird. Sagen können wir, was ein Mensch tun, wie lange Zeit er leben, ob er glücklich oder unglücklich sein wird; nicht aber sagen können wir, wie mehrere vereinigte Willen operieren werden, und die Berechnung der oszillatorischen Bewegungen ihrer Interessen sind noch schwieriger, denn Interessen sind Menschen plus Dinge. Einzig in der Einsamkeit können wir die Zukunft im großen Ganzen erblicken. Der Protestantismus, der Euch verschlingt, wird seinerseits von seinen materiellen Konsequenzen verschlungen werden, welche zu ihrer Zeit als Theorien aufstehen werden. Europa hat es heute auf die Religion abgesehen, morgen wird es das Königtum angreifen.«

»So stellte die Bartholomäusnacht also etwas Großes vor?«

»Ja, Sire, wenn das Volk triumphiert, will es seine Bartholomäusnacht haben! Wenn Religion und Königtum niedergekämpft sind, wird das Volk es auf die Großen absehen, nach den Großen wird es sich an die Reichen heranmachen. Endlich, wenn Europa nur mehr ein Haufe konsistenzloser Menschen sein wird – konsistenzlos, weil es der Anführer entbehrt – wird es von ungeschliffenen Eroberern verschluckt werden. Zwanzigmal hat die Welt schon dies Schauspiel dargestellt und Europa führt es von neuem auf. Ideen verschlingen Jahrhunderte, wie Menschen von ihren Leidenschaften verschlungen werden. Wenn der Mensch geheilt wird; kann die Menschheit vielleicht gesunden. Die Wissenschaft ist der Menschheit Seele, wir sind ihre Oberpriester; und wer sich mit Seele befaßt, der beunruhigt sich wenig um des Leibes willen.«

»Worauf wollt Ihr hinaus?« fragte der König.

»Wir marschieren langsam, verlieren aber keine einmal gemachte Eroberung.«

»Also seid Ihr der König der Zauberer?« sagte der König, der gereizt war, angesichts dieses Mannes so wenig vorzustellen.

Der imposante Großmeister warf Karl dem Neunten einen Blick zu, der ihn zu Boden schmetterte. »Ihr seid der Menschen König, ich bin der König der Ideen«, antwortete der Großmeister. »Wenn es übrigens wirkliche Zauberer gäbe, würdet Ihr sie nicht verbrannt haben«, antwortete er ironischen Tones. »Auch wir haben unsere Märtyrer.«

»Durch welche Mittel aber könnt Ihr die Nativität stellen«, fuhr der König fort. »Wie konntet Ihr gestern wissen, daß der vor Eurem Fenster stehende Mann der französische König war? Welche Macht hat einem der Eurigen meiner Mutter ihrer drei Söhne Schicksal vorauszusagen erlaubt? Könnt Ihr, Großmeister des Ordens, der die Welt kneten will, könnt Ihr mir sagen, was die Königin, meine Mutter, in diesem Augenblicke denkt?«

»Ja, Sire.«

Diese Antwort ward erteilt, ehe Kosmus seinen Bruder am Mantel zupfen konnte, um ihm Schweigen aufzuerlegen.

»Ihr wißt, warum mein Bruder, der König von Polen, zurückkehrt?«

»Ja, Sire.«

»Warum?«

»Um Euren Platz einzunehmen.«

»Unsere Nächsten sind unsere grausamsten Feinde!« schrie der König, der rasend aufsprang und den Saal mit großen Schritten durchmaß. »Könige haben weder Brüder, Söhne noch Mutter. Coligny hatte recht: meine Henker sitzen nicht in der Predigt, sie sind im Louvre. Ihr seid Lügner oder Königsmörder. Jakob, ruft Solern.«

»Sire,« fiel Marie Touchet ein, »die Ruggieri haben Euer Edelmannswort. Ihr wolltet vom Baume der Erkenntnis essen, beklagt Euch nicht, daß es bitter schmeckt.«

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