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Katharina von Medici

Honoré de Balzac: Katharina von Medici - Kapitel 20
Quellenangabe
typenovelette
authorHonoré de Balzac
titleKatharina von Medici
publisherDiogenes
yearo.J.
isbn3257204809
translatorPaul Hansmann
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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modified20180223
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Erstaunt kniete Marie nieder, um ihres königlichen Herrn Antlitz genau zu studieren, und entdeckte dann auf seinen Zügen die Spuren einer schrecklichen Ermüdung und einer Melancholie, die viel verzehrender schien als alle Melancholien, welche sie bereits verscheucht hatte. Eine Träne hielt sie zurück und wahrte Schweigen, um nicht durch unvorsichtige Worte Schmerzen zu reizen, die sie noch nicht kannte.

Sie tat, was liebende Frauen bei solchen Gelegenheiten tun: sie küßte die von vorzeitigen Falten durchfurchte Stirne, die entstellten Wangen, indem sie dieser sorgenden Seele Frische ihrer Seele zu verleihen und sein Gemüt durch sanfte Liebkosungen, die keinen Erfolg hatten, auf andere Gedanken zu bringen suchte. Sie hob ihren Kopf bis zur Höhe des königlichen, den sie sanft mit ihren zärtlichen Armen umschlang, und schmiegte ihr Gesicht an seine schmerzende Brust, indem sie auf den günstigen Augenblick wartete, um den niedergeschlagenen Kranken zu fragen.

»Mein kleiner Karl, wollt Ihr Eurer armen beunruhigten Freundin nicht die Gedanken sagen, die Eure geliebte Stirn verdüstern, die Eure schönen roten Lippen bleich machen?«

»Mit Ausnahme von Karl dem Großen,« sagte er mit dumpfer und hohler Stimme, »haben alle Könige Frankreichs des Namens Karl elend geendet.«

»Bah,« sagte sie, »und Karl der Achte?«

»In der Blüte seiner Jahre,« fuhr der König fort, »hat dieser arme Fürst sich an einer zu niedrigen Tür des Schlosses zu Amboise, das er verschönerte, den Kopf eingerannt und ist unter gräßlichen Qualen gestorben. Sein Tod brachte unserem Hause die Krone zu.«

»Karl der Siebente hat sein Reich wiedererobert.«

»Kleine (der König senkte seine Stimme), er ist Hungers gestorben, da er fürchtete, vom Dauphin vergiftet zu werden, der bereits seine schöne Agnes hatte sterben lassen. Der Vater fürchtete seinen Sohn, heute fürchtet der Sohn seine Mutter.«

»Warum durchstöbert Ihr so die Vergangenheit?« sagte sie. Sie gedachte Karls des Sechsten schrecklichen Lebens.

»Was willst du, mein Herzblatt! Ohne zu Zauberern zu gehen, können Könige das Los, das ihrer harrt, erraten, nur die Geschichte brauchen sie zu befragen. In diesem Augenblicke bin ich damit beschäftigt, dem Lose Karls des Einfältigen zu entgehn, der seiner Krone beraubt ward und nach siebenjähriger Gefangenschaft im Kerker starb.«

»Karl der Fünfte hat die Engländer verjagt«, erklärte sie triumphierend.

»Nicht er, sondern du Guesclin; denn er ward von Karl von Navarra vergiftet und hat sich durch sieche Jahre mühselig hingeschleppt.«

»Aber Karl der Vierte?« fragte sie.

»Hat sich dreimal verheiratet, ohne Erben bekommen zu können trotz der männlichen Schönheit, die Philipps des Schönen Kinder auszeichnete. Mit ihm endigten die ersten Valois; die neuen werden ebenso enden. Die Königin hat mir nur eine Tochter geschenkt, und ich werde sterben, ohne sie schwanger zurückzulassen; denn eine Minderjährigkeit würde das größte Unglück bedeuten, von dem das Reich überfallen werden könnte. Wird mein Sohn übrigens leben? Der Name Karl ist von furchtbarer Vorbedeutung, Karl der Große hat alles Glück erschöpft. Wenn ich wieder König von Frankreich werden sollte, würde ich davor zurückschrecken mich ›Karl den Zehnten‹ zu nennen.«

»Wer will dir denn deine Krone nehmen?«

»Mein Bruder Alençon konspiriert gegen mich. Überall sehe ich Feinde . . .«

»Monsieur,« sagte Marie, ein Mäulchen ziehend, »erzählt mir heitere Geschichten.«

»Mein liebes Täubchen,« erwiderte der König lebhaft, »rede mich nie Monsieur an, nicht einmal lächelnd. Du erinnerst mich an meine Mutter, die mich in einem fort mit diesem Worte verletzt, mit dem sie mir meine Krone wegzunehmen scheint. Zum Herzoge von Anjou, das heißt zum Polenkönig, sagt sie: ›mein Sohn.‹«

»Sire,« erklärte Marie, die Hände faltend, wie wenn sie zu Gott beten wollte, »ein Königreich gibt's, wo Ihr angebetet seid; Eure Majestät hat es mit seinem Ruhm und seiner Kraft angefüllt; und dort will das Wort Monsieur soviel wie: mein vielgeliebter Herr und Gebieter heißen.«

Sie entfaltete ihre Hände und mit reizender Geste deutete sie mit dem Finger auf ihr Herz. Diese Worte waren so in Musik getaucht – um ein Wort jener Zeit zu gebrauchen, welches die Melodien der Liebe ausmalt – daß Karl der Neunte Marie um die Hüften faßte, sie mit jener nervösen Kraft, die ihn auszeichnete, aufhob, sie auf seine Knie setzte und sich sanft die Stirne an den Haarlocken rieb, die seine Geliebte so kokett geordnet hatte.

Marie hielt den Augenblick für günstig, sie wagte einige Küsse, die Karl mehr litt als hinnahm; dann zwischen zwei Küssen, sagte sie zu ihm:

»Wenn meine Leute nicht gelogen haben, bist du heute nacht in Paris herumgelaufen wie zu jenen Zeiten, wo du wie ein richtiges Familiennesthäkchen dumme Streiche machtest.«

»Ja«, sagte der König, der in seinen Gedanken verloren verharrte.

»Hast du nicht die Wache verprügelt und einige gute Bürger geplündert? Was sind das denn für Leute, die man mir zur Bewachung gegeben hat und die so strafbar sind, daß Ihr verboten habt, auch nur die kleinste Verbindung mit ihnen anzuknüpfen? Niemals ist ein Mädchen mit größerer Strenge hinter Schloß und Riegel gehalten worden als diese Leute, die weder zu essen noch zu trinken bekommen. Solerns Deutsche haben niemanden sich dem Zimmer nähern lassen, in das Ihr sie eingesperrt. Ist's ein Scherz? Ist es eine ernsthafte Angelegenheit?«

»Ja, gestern abend,« sagte der König, aus seiner Träumerei auffahrend, »lief ich einmal wieder mit Tavannes und den Gondis über die Dächer; ich suchte die Gefährten meiner alten Streiche, doch die Beine sind nicht mehr die gleichen: wir haben nicht gewagt über die Straßen zu springen. Indessen haben wir zwei Höfe überstiegen, indem wir uns von einem Dache zum anderen schwangen. Beim letzten First angelangt, zwei Schritte von hier, uns an einen Kaminschlot pressend, haben wir, Tavannes und ich, uns gesagt, daß wir zu solcherlei Vergnügungen kein Recht mehr haben. Wenn jeder von uns allein gewesen wäre, würde keiner den Sprung getan haben.«

»Du bist als erster gesprungen?«

Der König lächelte.

»Ich weiß, warum du dein Leben also aufs Spiel setzest.«

»Oh, wie fein du erraten kannst!«

»Du bist des Lebens müde.«

»Der vielen Zauberer wegen. Ich werde von ihnen verfolgt«, sagte der König, eine ernste Miene annehmend.

»Meine Zauberei ist die Liebe,« entgegnete sie lächelnd. »Hab' ich nicht, seit dem glückseligen Tage, an dem Ihr mich liebgewannet, all Eure Gedanken erraten? Und, wenn Ihr mir heute erlauben wollt, Euch die Wahrheit zu sagen: die Gedanken, die Euch heute quälen, sind eines Königs nicht würdig.«

»Bin ich König?« fragte er voll Bitterkeit.

»Könntet Ihr es nicht sein? Was tat Karl der Siebente, dessen Namen Ihr tragt? Er hörte auf seine Geliebte, gnädiger Herr, und eroberte sein Königreich wieder, das von den englischen Feinden verwüstet worden war, was Eures nicht von denen der Religion ist. Euer letzter Staatsstreich hat Euch den Weg vorgezeichnet, den Ihr verfolgen müßt. Rottet die Ketzerei aus.«

»Du tadeltest die Kriegslist,« sagte Karl, »und heute . . .«

»Ist sie ausgeführt,« antwortete sie; »ich bin Madame Katharinas Ansicht, es taugt mehr, sich selber ihrer zu bedienen, als die Guisen sich ihrer bedienen zu lassen.«

»Karl der Siebente hatte nur Menschen zu bekämpfen, mir aber stehen Ideen gegenüber«, entgegnete der König. »Menschen tötet man, Worte vermag man nicht zu töten! Der Kaiser Karl der Fünfte hat darauf verzichtet, sein Sohn Don Philipp erschöpft seine Kräfte dabei, wir gehen alle daran zugrunde, wir anderen Könige. Auf wen kann ich mich stützen? Zur Rechten, bei den Katholischen, find' ich die Guisen, die mich bedrohen; zur Linken die Calvinisten, die mir meines armen Vaters Coligny Tod niemals verzeihen werden, das Augustblutbad ebensowenig; und überdies wollen sie unsereinen unterdrücken. Und über mir endlich habe ich meine Mutter . . .«

»Verhaftet sie, herrscht allein«, sagte Marie mit leiser Stimme und dem König ins Ohr.

»Das wollte ich gestern und will es heute nicht mehr. Du hast gut reden.«

»Zwischen einer Apothekers- und einer Arzttochter ist der Unterschied nicht so groß«, erwiderte Marie Touchet, die gern über den falschen Ursprung scherzte, den man ihr gab.

Der König runzelte die Brauen.

»Marie, keine solche Freiheiten! Katharina von Medici ist meine Mutter, und du müßtest zittern . . .«

»Und was fürchtet Ihr?«

»Das Gift!« sagte endlich der König außer sich.

»Armes Kind!« schrie Marie, ihre Tränen zurückhaltend, denn soviel Kraft, die sich mit soviel Schwäche paarte, bewegte sie tief.

»Ach,« fuhr sie fort, »sehr verhaßt macht Ihr mir Madame Katharina, die mir so gut schien und deren Guttaten mir jetzt Perfidien zu sein scheinen. Warum tut sie mir so viel Gutes und Euch so viel Schlechtes? Während meines Aufenthalts in der Dauphiné hab ich über Euren Regierungsanfang sehr viel Gutes gehört, das Ihr mir verheimlicht hattet, und die Königin, Eure Mutter, hat scheint's all Euer Unglück verursacht.«

»Wie?« fragte der König, der lebhaft vor sich hin sann.

»Frauen, deren Seele und Absichten rein sind, bedienen sich der Tugenden, um Männer, die sie lieben, zu beherrschen; Frauen aber, die ihnen übel wollen, beherrschen sie, indem sie sie bei ihren schlechten Neigungen der Stütze berauben. Die Königin nun hat viele schöne Eigenschaften an Euch in Laster verwandelt und Euch glauben lassen, Eure schlechten Seiten wären Tugenden. War das die Rolle einer Mutter? Seid ein Tyrann in der Art Ludwigs des Elften, flößt tiefen Schrecken ein, ahmt Don Philipp nach, verbannt die Italiener, überlaßt die Jagd den Guisen und zieht der Calvinisten Besitztümer ein; in solcher Einsamkeit werdet Ihr Euch erheben und den Thron retten. Der Augenblick ist günstig, Euer Bruder ist in Polen.«

»In Politicis sind wir beide Kinder,« sagte Karl voller Bitterkeit, »wir verstehen nichts als lieben. Ach, mein Liebchen, gestern dachte ich an das alles, und große Dinge wollt' ich vollbringen. Bah, meine Mutter hat meine Kartenhäuser umgeblasen! Von weitem heben sich die Forderungen klar ab wie Gebirgsketten, und jedweder meint: Ich werde mit dem Calvinismus fertig werden, die Herrn von Guise zur Vernunft bringen, ich werde mich von der römischen Kurie lossagen, will mich auf mein Volk, auf das Bürgertum stützen – kurz, von weitem sieht alles einfach aus. Wenn man aber die Berge erklimmen will, werden die Schwierigkeiten, je näher man kommt, desto größer. Der Calvinismus an sich ist der Parteihäupter letzte Sorge, und die Herren von Guise, diese katholischen Eiferer, würden verzweifelt sein, wenn sie die Calvinisten bezwungen sähen. Jedweder gehorcht seinen Interessen vor allem, und mit religiösen Meinungen wird unersättlicher Ehrgeiz zugedeckt. Karls des Neunten Partei ist die allerschwächste. Die des Königs von Navarra, des Polenkönigs, des Herzogs von Alençon, die der Condé und der Guisen verbinden sich mit denen meiner Mutter und lassen mich selbst in meinem Conseil allein. Inmitten so vieler aufrührerischer Elemente ist meine Mutter die Stärkste. Eben hat sie mir meiner Pläne Eitelkeit bewiesen. Von Untertanen sind wir umgeben, die die Justiz verhöhnen. Ludwigs des Elften Beil, von dem du sprichst, fehlt uns. Das Parlament würde weder die Guisen, noch den König von Navarra, weder die Condés, noch meine Brüder verurteilen; es würde das Königreich in Brand zu stecken glauben. Man müßte den Mut haben, den der Mord verlangt; dahin wird der Thron bei solchen Unverschämtheiten, welche die Justiz unterdrückt haben, noch gelangen. Wo aber soll man tapfere Arme dazu finden? Die heut morgen abgehaltene Sitzung hat mir alles zum Ekel gemacht: überall Verrat, überall Interessenwirtschaft, alles steht gegeneinander. Ich bin es müde, meine Krone zu tragen, nur noch in Frieden sterben will ich.«

Und er versank wieder in ein finsteres Brüten.

»Von allem angeekelt!« wiederholte Marie Touchet schmerzlich, ihres Geliebten tiefe Erstarrung schonend.

Tatsächlich war Karl einer vollkommenen Entkräftung des Körpers und Geistes verfallen, die hervorgerufen durch die Überspannung aller Fähigkeiten und durch die Entmutigung vermehrt worden war. Welche Anhäufung des Unglücks, die Unmöglichkeit eines Triumphes über die Wirren einzusehen, oder der Anblick so vielfacher Schwierigkeiten, daß selbst das Genie davor zurückschreckt! Die Niedergeschlagenheit stand im gleichen Verhältnis zur Höhe, zu der sein Mut und seine Hoffnung sich seit ein paar Monden aufgeschwungen hatten. Danach hatte ihn ein Anfall nervöser Melancholie, welche durch die Krankheit selber hervorgerufen ward, am Ende der langen Ratssitzung befallen, die er in seinem Kabinette abgehalten. Marie sah, daß er einer jener Krisen unterworfen war, in denen alles, selbst die Liebe, schmerzlich und lästig ist. Sie verharrte daher kniend, den Kopf in des Königs Schoß, welcher seine Hand in seiner Geliebten Haar vergraben ließ, ohne sich zu bewegen, ohne ein Wort zu sagen, ohne selbst zu seufzen. Auch sie verharrte so. Karl der Neunte war in der Lethargie der Ohnmacht versunken und Marie in die Betäubung der Verzweiflung des liebenden Weibes, das die Grenzen sieht, die der Liebesmacht gezogen sind.

Eine lange Zeit über verharrten die beiden Liebenden in tiefstem Schweigen. Während einer Stunde blieben sie so, in der jedes Nachdenken eine Wunde schlägt, in der Wolken eines inneren Sturms alles bis auf die Glückserinnerungen verschleiern. Marie hielt sich in etwas für schuldig an dieser beunruhigenden Niedergeschlagenheit.

Nicht ohne zu erschrecken, fragte sie sich, ob die maßlosen Freuden, womit der König sie überfallen hatte, ob die hitzige Liebe, die zu bekämpfen sie nicht die Kraft in sich fühlte, nicht Karls des Neunten Körper und Geist so schwächten.

Im Augenblick, wo sie ihre Augen, die wie ihr Antlitz in Tränen gebadet waren, zu ihrem Geliebten erhob, sah sie in denen des Königs und auf seinen farblosen Wangen gleichfalls Tränen. Solches Einverständnis, das sie bis in den Schmerz hinein vereinigte, bewegte Karl den Neunten so stark, daß er wie ein gepeitschtes Pferd aus seiner Erstarrung auffuhr; er faßte Marie um die Hüften und, ehe sie seinen Gedanken hatte erraten können, hatte er sie auf das Ruhebett niedergelegt.

»Ich will nicht mehr König sein,« sagte er, »nur noch dein Liebster und in Wonne alles vergessen! Glücklich will ich sterben und nicht von des Thrones Sorgen verzehrt.«

Der Ton dieser Worte und das Feuer, welches in Karls des Neunten eben noch erloschenen Augen glühte, bereiteten Marien, statt ihr zu gefallen, fürchterliche Pein. In diesem Augenblicke klagte sie ihre Liebe der Mitschuld an der Krankheit an, an welcher der König starb.

»Ihr vergeßt Eure Gefangenen«, sagte sie, sich jäh erhebend.

»Was kümmern mich diese Menschen? Ich erlaube ihnen, mich zu töten.«

»Wie? Mörder?« fragte sie.

»Sorg dich nicht darum, wir haben sie, liebes Kind! Beschäftige dich nicht mit ihnen, nur mit mir; liebst du mich denn nicht?«

»Sire!« schrie sie.

»Sire?« wiederholte er; Funken sprühten aus seinen Augen. So heftig war die erste Regung des Zorns, den seiner Geliebten unzeitiger Respekt heraufbeschwor. »Du steckst mit meiner Mutter unter einer Decke!«

»Mein Gott!« schrie Marie. Sie blickte auf das Gemälde über ihrem Betschemel, den sie zu erreichen strebte, um dort einige Gebete zu sprechen; »gib, daß er mich versteht!«

»Ach,« fuhr der König mit finsterer Miene fort, »solltest du dir denn etwas vorzuwerfen haben?«

Dann, sie in seinen Armen betrachtend, tauchte er seine Augen in die seiner Geliebten.

»Reden hörte ich von der wahnwitzigen Leidenschaft eines gewissen Entragues zu dir,« sagte er mit verstörter Miene, »und seitdem der Hauptmann Balzac, ihr Großvater, eine Visconti in Mailand geheiratet hat, schrecken die Schufte vor nichts zurück.«

Marie blickte den König mit einer so stolzen Miene an, daß er sich schämte. In diesem Augenblicke ließ sich das Schreien des kleinen Karls von Valois, der gerade aufgewacht war und den seine Amme zweifellos brachte, in dem Nebenzimmer hören.

»Kommt herein, Burgunderin,« sagte Marie, der Amme ihr Kind abnehmend und es dem Könige bringend. – »Ihr seid noch kindischer als er«, erklärte sie halb zornig, halb beruhigt.

»Sehr schön ist er«, sagte Karl der Neunte, seinen Sohn hinnehmend.

»Ich allein weiß, wie sehr er dir gleicht,« sagte Marie, »er hat bereits deine Gesten und dein Lächeln . . .«

»In solch zartem Alter schon?« fragte lächelnd der König.

»So etwas wollen die Männer nie glauben,« erwiderte sie; »aber, mein Karl, nimm ihn hin, spiel mit ihm und sieh ihn dir an! Schau doch, hab' ich nicht recht?«

»Es stimmt!« rief der König, überrascht von einer Bewegung des Kindes, welche ihm wie eine seiner Gesten in Miniatur erschien.

»Das reizende Blümchen!« sagte die Mutter. »Nie soll er mich verlassen. Er wird mir keinen Kummer bereiten.«

Der König spielte mit seinem Sohne, ließ ihn tanzen, küßte ihn voller Überschwang und sagte ihm jene närrischen und vagen Worte, hübsche Wörtchen, die Mütter und Ammen durch Schallnachahmung zu bilden wissen. Er redete ganz kindlich; endlich hellte sich seine Stirn auf, Freude stand wieder auf seinem betrübten Antlitz zu lesen, und als Marie sah, daß ihr Geliebter alles vergaß, legte sie den Kopf an seine Schulter und flüsterte ihm die Worte ins Ohr: »Wollt Ihr mir nicht sagen, mein Karl, warum Ihr mir Mörder zu bewachen gebt, wer jene Männer sind, und was Ihr mit ihnen vorhabt? Kurz, wohin geht Ihr über die Dächer? Hoffentlich handelt es sich um keine Frau?«

»Immer gleich bleibt deine süße Liebe«, sagte der König überrascht von dem klaren Strahle eines jener fragenden Blicke, welche Frauen so geschickt zu werfen wissen.

»Ihr habt an mir zweifeln können?« erwiderte sie. Zwischen ihren schönen frischen Augenlidern perlten Tränen.

»Frauen kommen auch bei meinen Abenteuern vor, doch sind's Zauberinnen! Wie weit war ich gekommen?«

»Ihr wäret zwei Schritte von hier auf dem First eines Hauses,« sagte Marie; »in welcher Straße?«

»In der Sankt Honoriusstraße, mein Lieb«, entgegnete der König. Er schien sich erholt zu haben und wollte, seine Gedanken wieder aufnehmend, seine Geliebte auf die Szene vorbereiten, die sich bei ihr abspielen sollte.

»Als wir die gestern abend durchquerten, um herumzustreunen, wurden meine Augen von einer lebhaften Helligkeit angezogen, die von dem Speicher des Hauses ausging, worinnen René, der Parfümeur und Handschuhmacher meiner Mutter, der deinige und des Hofes, wohnt. Starke Zweifel über das, was bei diesem Menschen vor sich gehen möchte, sind in mir aufgestiegen, und wenn ich vergiftet worden bin, ist dort das Gift bereitet.«

»Von morgen an kaufe ich nicht mehr bei ihm«, sagte Marie.

»Ach, du bist noch bei ihm geblieben, als ich ihn aufgegeben hatte?« schrie der König. »Hier lebte ich,« fuhr er mit finsterer Miene fort, »und hier hat man mir sonder Zweifel den Tod gegeben.«

»Aber liebes Kind, eben komme ich mit unserem Jungen aus der Dauphiné zurück,« sagte sie lächelnd, »und seit der Königin von Navarra Tode hat René mir doch nichts geliefert . . . Fahr fort, du bist also auf das Renésche Haus geklettert?«

»Ja«, erwiderte der König. »Im Nu gelangte ich, von Tavannes gefolgt, an eine Stelle, von wo aus ich, ohne gesehen zu werden, das Innere der Teufelsküche habe überschauen und Dinge dort bemerken können, die mich zu meinen Maßnahmen veranlaßten . . . Hast du niemals die Speicher geprüft, in welche des verfluchten Florentiners Haus ausläuft? Die Fenster nach der Straße zu sind stets geschlossen, mit Ausnahme des letzten, von wo aus man das Hotel von Soissons und die Säule sieht, die meine Mutter für ihren Astrologen Kosmus Ruggieri hat bauen lassen. In diesen Speicherräumen befindet sich eine Wohnung oder eine Galerie, die ihr Licht nur von der Hofseite bekommt, so daß man, um zu sehen, was dort vor sich geht, dorthinauf klettern muß, wohin zu steigen keinem Menschen einfallen wird, nämlich auf die Kappe einer hohen Mauer, die an die Dächer des Renéschen Hauses stößt. Die Leute, die ihre Öfen dort einrichteten, worinnen sie den Tod destillieren, rechneten, um nicht gesehen zu werden, wohl mit der Feigheit der Pariser, nicht aber mit ihrem Karl von Valois. In der Dachrinne hab ich mich bis an ein Fenster vorgewagt, gegen dessen Pfosten ich mich aufrecht stehend preßte, indem ich meinen Arm um den Affen schlang, der seinen Schmuck bildet.«

»Und was habt Ihr gesehen, mein Herz?« fragte Marie erschreckt.

»Ein Versteck, wo die Werke der Finsternis hergestellt werden«, antwortete der König. »Der erste Gegenstand, worauf mein Blick fiel, war ein hoher, auf einem Stuhle sitzender Greis. Einen prächtigen weißen Bart trug der wie der alte l'Hôpital, und bekleidet war er wie der mit einem schwarzen Sammetgewande. Auf seine hohe weiße Stirn, in die tiefe Falten eingegraben waren, auf den Kranz seiner gebleichten Haare, auf sein ruhiges und aufmerksames Gesicht, das bleich von Nachtwachen und Arbeiten war, fielen die konzentrierten Strahlen einer Lampe, die lebhaftes Licht spendete. Er teilte seine Aufmerksamkeit zwischen einem alten Manuskripte, dessen Pergament mehrere Jahrhunderte alt sein mußte, und zwei angefachten Öfen, worinnen ketzerische Substanzen kochten. Weder oben noch unten sah man die Täfelung des Laboratoriums, so viele aufgehängte Tiere, Skelette, getrocknete Pflanzen, Mineralien und Ingredientien waren da aufgehängt mit denen auch alle Ecken vollgepfropft waren. Da gab's Bücher, Destillationsinstrumente, mit astrologischen – und Zaubergeräten vollgestopfte Truhen, dort Nativitätsthemen, Phiolen, behexte Wachsfiguren und vielleicht die Gifte, mit denen er René versorgt, um Gastfreundschaft und Schutz zu bezahlen, den meiner Mutter Handschuhmacher ihm gewährt. Tavannes und ich – das versichere ich dir – sind durch den Anblick des Teufelsarsenals mächtig gepackt worden; denn allein vom Sehen schon steht man wie unter einem Bann, und wäre ich meinem Metier nach nicht König von Frankreich, ich hätte Bange gehabt. ›Zittre du für uns beide‹, hab' ich zu Tavannes gesagt. Tavannes Augen aber waren durch das geheimnisvollste der Schauspiele verführt. Auf einem Ruhebette, zu des Greisen Seiten, lag ein Mädchen von außergewöhnlicher Schönheit ausgestreckt. Schmal, zart und lang war sie wie eine Natter, weiß wie ein Hermelin, bleich wie eine Tote und unbeweglich wie eine Statue. Vielleicht ist's ein frisch aus dem Grabe geholtes Weib, das zu irgendwelchem Experimente dienen sollte; denn sie schien uns noch in ihrem Leichentuch zu sein, ihre Augen waren unbeweglich und atmen sah ich sie auch nicht. Der alte Schelm schenkte ihr nicht die geringste Aufmerksamkeit. Ich betrachtete ihn so neugierig, daß sein Geist, glaub' ich, in mich übergangen ist. Dank allem Studieren mußte man schließlich diesen so lebhaften, tiefen, trotz des Eises der Jahre so kühnen Blick und den Mund bewundern, der von den strömenden Gedanken eines heißen einzigartigen Verlangens bewegt ward, das auf seiner Stirn in tausend Falten eingegraben blieb. Alles an diesem Menschen deutete auf Hoffnung hin, die nichts entmutigt, nichts aufhält. Seine Haltung, schauerlich in ihrer Unbeweglichkeit, diese von so sublimer Leidenschaft, welche die Arbeit eines Bildhauermeißels leistet, so sehr durchwühlten Umrisse, der durch einen verbrecherischen oder wissenschaftlichen Versuch in die Enge getriebene Geist, die in den Spuren der Natur forschende Intelligenz, von ihr besiegt und niedergebeugt, ohne unter der Last ihres Mutes, auf den sie nicht verzichtet, zusammengebrochen zu sein, die Schöpfung mit dem Feuer bedrohend, das sie von ihr erhält . . . all das hat mich einen Augenblick lang fasziniert. Ich fand diesen Greis königlicher als mich, denn sein Blick umspannte die Welt und beherrschte sie. Entschlossen hab' ich mich, keinen Degen mehr zu schmieden, über Abgründen verlangt es mich zu kreisen, wie es dieser Greis tut. Sein Wissen ist mir wie ein sicheres Königreich vorgekommen. Kurz, ich glaube an die okkulten Wissenschaften.«

»Ihr, der heiligen katholischen, apostolischen und römischen Kirche ältester Sohn und Rächer?« rief Marie.

»Ich!«

»Was ist Euch denn geschehen? Fahrt fort, Furcht muß ich für Euch haben; habt Ihr Mut für mich!«

»Auf seine Uhr sehend, stand der Greis auf,« fuhr der König fort, »und ging hinaus, wohin, weiß ich nicht; aber ich hörte ihn ein Fenster auf der Seite der Sankt Honoriusstraße öffnen. Bald erglänzte ein Licht, dann sah ich auf der Säule des Hotels von Soissons ein anderes Licht, das auf das des Greises antwortete und uns Kosmus Ruggieri oben auf der Säule zu sehen erlaubte. ›Ah, sie verständigen sich‹, hab' ich zu Tavannes gesagt, der fortan alles schrecklich verdächtig fand. Er teilte meine Ansicht, uns dieser beiden Männer zu bemächtigen und sie unverzüglich in ihrem grauenhaften Arbeitsraume verhören zu lassen. Ehe wir aber zur allgemeinen Verhaftung schritten, wollten wir sehen, was vor sich gehen würde. Nach Verlauf von einer Viertelstunde ward die Laboratoriumstür geöffnet und Kosmus Ruggieri, meiner Mutter Ratgeber, der bodenlose Brunnen, von welchem alle Hofgeheimnisse verschluckt werden, den die Frauen um Hilfe wider ihre Ehemänner und wider ihre Liebhaber bitten, den die Liebhaber und Ehemänner um Hilfe wider ihre Untreuen angehen, welcher mit der Zukunft ebensowohl wie mit der Vergangenheit schachert, indem er aus allen Händen empfängt, der Horoskope verkauft und dafür durchgeht, alles zu wissen, dieser halbe Dämon ist eingetreten, indem er zu dem Greise: ›Guten Abend, mein Bruder!‹ sagte. Mit sich brachte er eine schreckliche, zahnlose, bucklige, schiefe kleine Alte, die gekrümmt war wie ein phantastisches Götzenbild, nur noch furchtbarer. Schrumplig war sie wie ein alter Apfel, ihre Haut war von Safranfarbe, ihr Kinn bohrte sich in ihre Nase, der Mund war eine kaum angedeutete Linie, ihre Augen glichen den schwarzen Punkten eines Würfels, auf ihrer Stirne drückte sich Bitterkeit aus, und ihre Haare hingen in grauen Strähnen unter einer schmierigen Haube hervor. Sie ging auf eine Krücke gestützt. Sie roch nach Scheiterhaufen und Zauberei und flößte uns Angst ein. Denn weder Tavannes noch ich hielten sie für ein natürliches Weib; so etwas Entsetzliches wie sie kann Gott nicht geschaffen haben. Sie hockte sich auf einen Schemel nieder bei der hübschen weißen Natter, in die Tavannes sich sterblich verliebte. Die beiden Brüder schenkten weder der Alten noch der Jungen, die beieinander ein gräßliches Paar bildeten, irgendwelche Aufmerksamkeit. Auf der einen Seite das Leben im Tode, auf der andern der Tod im Leben . . .«

»Mein liebenswürdiger Dichter«, rief Marie, den König küssend.

. . . ›Guten Tag, Kosmus‹, antwortete der alte Alchemist seinem Bruder.

Und beide blickten sie in den Ofen.

›Welche Kraft besitzt der Mond heute?‹ fragte der Greis den Kosmus.

›Aber, caro Lorenzo,‹ antwortete meiner Mutter Astrologe, ›die Septemberflut ist noch nicht beendigt, bei solcher Unordnung kann man nichts wissen.‹

›Was sagt uns der Orient heute abend?‹

Antwortete Kosmus:

›Eben hat er eine schöpferische Kraft in der Luft entdeckt, die der Erde alles wiedergibt, was sie ihr nimmt; wie wir schließt er daraus, daß alles hienieden Produkt einer langsamen Umwandlung ist, daß aber alle Verschiedenheiten nur Formen ein und derselben Substanz bilden.‹

›Das dachte mein Vorgänger,‹ antwortete Lorenz. ›Heute morgen sagte mir Bernhard Palissy, daß Metalle das Ergebnis einer Kompression seien, und daß das Feuer, das alles trenne, auch alles vereinige. Das Feuer besitze ebensowohl die Kraft zu komprimieren als auch zu trennen. Der Biedermann ist ein genialer Kerl.‹

Obwohl ich so stand, daß ich nicht gesehen werden konnte, sagte Kosmus, der jungen Toten Hand ergreifend:

›Es ist jemand bei uns!‹

›Wer ist es?‹ fragte er.

›Der König!‹ sagte sie.

An die Scheibe klopfend, habe ich mich gezeigt; Ruggieri hat mir das Fenster aufgemacht und von Tavannes gefolgt, bin ich in die Teufelsküche gesprungen.

›Ja, der König,‹ sagte ich zu den beiden Florentinern, die uns von Schrecken gepackt erschienen. ›Trotz Eurer Öfen und Eurer Bücher, Eurer Hexen und Eurer Wissenschaft habt ihr meinen Besuch nicht erraten können. Froh bin ich, jenen Lorenz Ruggieri zu sehen, von dem die Königin, meine Mutter, in so geheimnisvoller Weise redet‹, sagte ich zu dem Greise, der sich erhob und verneigte. ›Ohne meine Genehmigung seid Ihr im Königreiche, Biedermann . . . Für wen arbeitet ihr hier, ihr, die ihr vom Vater auf Sohn im Schoße des Hauses Medici lebt? Hört mich an! Ihr greift in so viele Beutel, daß habgierige Leute seit langem schon von Gold gesättigt wären; zu listige Leute seid ihr, um unklugerweise sträfliche Wege zu gehen, aber ihr dürftet euch auch nicht mehr wie Leichtfüße in diese Küche stürzen; ihr, die ihr weder durch Gold noch durch Macht zu befriedigen seid, habt also geheime Pläne? Wem dient ihr, Gott oder dem Teufel? Was braut ihr hier? Volle Wahrheit will ich und wahrlich bin Manns genug, sie zu hören und das Geheimnis eurer Unternehmungen, wie tadelnswert sie auch sein mögen, zu wahren. Also sagt mir alles ohne Heuchelei. Wenn ihr mich täuscht, wird streng mit euch verfahren werden. Ob ihr Heiden oder Christen, Calvinisten oder Mohammedaner seid, ihr habt mein königliches Wort, ungestraft das Reich zu verlassen, falls ihr euch einige kleine Sünden zum Vorwurfe machen müßt. Kurz, ich lasse euch den Rest dieser Nacht und den Morgen des kommenden Tages, um euer Gewissen zu befragen, denn ihr seid meine Gefangenen und sollt mir an einen Ort folgen, wo ihr wie Schätze bewacht werdet.

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