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Katharina von Medici

Honoré de Balzac: Katharina von Medici - Kapitel 16
Quellenangabe
typenovelette
authorHonoré de Balzac
titleKatharina von Medici
publisherDiogenes
yearo.J.
isbn3257204809
translatorPaul Hansmann
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Der Bucklige verließ seine Anhänger, um zu einem Stelldichein zu eilen. Der große Prinz von Condé, dies Parteihaupt, war einer der glücklichsten Galane des Hofes. Die beiden schönsten Frauen der Zeit machten sich ihn mit einer solchen Erbitterung streitig, daß die Marschallin von Saint-André, die Frau eines künftigen Triumvirs, ihm ihr schönes Besitztum Saint-Valéry schenkte, um über die Herzogin von Guise, das Weib des Mannes obzusiegen, der unlängst seinen Kopf auf einem Schafotte herunterhauen lassen wollte. Da sie den Herzog von Nemours nicht von seiner Liebschaft mit Fräulein von Rohan abbringen konnte, liebte sie währenddessen der Reformierten Anführer.

»Ganz anders sind die Menschen hier als in Genf«, sagte Chaudieu auf der kleinen Louvrebrücke zu Theodor von Béza.

»Die hier sind munterer, drum kann ich mir nicht erklären, warum sie so verräterisch sind«, antwortete ihm Theodor von Béza.

»Verräterisch, verräterisch und zwar ganz gehörig«, flüsterte Chaudieu Theodor ins Ohr. »Ich habe in Paris Heilige, auf die ich mich verlassen kann. Und Calvin will ich zum Propheten machen. Christoph soll uns von dem gefährlichsten Feinde befreien.«

»Die Königin-Mutter, für welche der arme Teufel die peinliche Frage erlitten, hat ihn bereits ohne irgendwelche Schwierigkeiten zum Parlamentsadvokaten ernennen lassen, und Advokaten sind verräterischer als Mörder. Denkt an Avenelles, der die Geheimnisse unseres ersten Zu-den-Waffen-Greifens verkaufte.«

»Christoph kenn ich«, sagte Chaudieu mit überzeugter Miene, den Gesandten Genfs verlassend.

Einige Tage nach dem Empfange der heimlichen Gesandten Calvins bei Katharina gegen Ende des nämlichen Jahres, denn damals begann zu Ostern das Jahr – der heutige Kalender ward erst unter Karls des Neunten Regierung eingeführt – ruhte Christoph noch in einem Sessel in der Kaminecke, von wo aus er den Fluß überblicken konnte, in jenem großen, für das Familienleben bestimmten Saale, in welchem dies Drama begann. Seine Füße hatte er auf einen Schemel gelegt. Mademoiselle Lecamus und Babette Lallier hatten gerade die Umschläge erneuert, die mit einer von Ambrosius gebrachten Flüssigkeit getränkt wurden. Dem war Christophs Pflege von Katharinen anbefohlen. Als der Jüngling einmal von seiner Familie zurückerobert worden war, ward er Gegenstand aufopferndster Sorgfalt. In ihres Vaters Auftrage erschien Babette allmorgendlich und verließ das Haus Lecamus erst am Abend. Vor Christoph erstarben die Lehrlinge in Bewunderung. Geschichten, die ihn mit geheimnisvoller Poesie umgaben, machten über ihn im ganzen Stadtviertel die Runde. Er hatte die Marter erlitten, und der berühmte Ambrosius Paré wandte seine ganze Kunst auf, um ihn zu retten. Was hatte er getan, um solcher sorgsamer Behandlung teilhaftig zu werden? Weder Christoph noch sein Vater ließen auch nur ein Wörtchen darüber verlauten. Die damals allmächtige Katharina hatte ein Interesse daran, zu schweigen, der Prinz von Condé desgleichen. Ambrosius', des Königs und des Hauses Guise Chirurgen, Besuche, dem die Königin-Mutter und die Guisen die Pflege eines im stillen der Ketzerei beschuldigten jungen Burschen erlaubten, verwirrten diese geheimnisvolle Angelegenheit, in der niemand klar sah, in seltsamster Weise. Der Pfarrer von Sankt Peter zu den Ochsen endlich besuchte seines Kirchenvorstehers Sohn zu wiederholten Malen, und solche Besuche machten die Gründe des Zustandes, worin Christoph sich befand, noch unerklärlicher.

Der alte Syndikus, der seinen Plan hatte, antwortete seinen Zunftbrüdern, den Kaufleuten, die ihn auf seinen Sohn hin anredeten, ausweichend: »Ich bin allzu glücklich, lieber Gevatter, ihn gerettet zu haben! – Ja, was wollt Ihr, niemals soll man seinen Finger zwischen Tür und Angel stecken. Mein Sohn hat die Hand an den Scheiterhaufen gelegt und etwas davon heruntergerissen, das mein ganzes Haus in Brand stecken konnte! – Seine Jugend hat man mißbraucht, und uns Bürgerlichen erwächst nur Schimpf und Schande daraus, wenn wir mit den Großen des Umgangs pflegen. – Das bestimmt mich, meinen Jungen zum Justizmann zu machen, das Gericht wird ihn lehren, seine Handlungen und Worte abzuwägen. – Die junge Königin, die jetzt in Schottland ist, hat viel dazu beigetragen; vielleicht aber ist mein Sohn auch allzu unklug gewesen. – Grausamen Kummer hab ich durchgemacht. – Das wird vielleicht der Anstoß sein, daß ich das Geschäft aufgebe; nie wieder will ich an den Hof gehen. Mein Junge hat jetzt genug von der Reformation, Arme und Beine hat sie ihm zerbrochen. Ja, wenn ich Ambrosius nicht hätte! . . .«

Dank solchen Reden und dank so klugem Benehmen verbreitete sich im Viertel die Kunde, daß Christoph nicht mehr »von Nickels Kuh fräße«. Jeder fand es natürlich, daß der alte Syndikus seinen Sohn ins Parlament hineinzubringen versuchte, und des Pfarrers Besuche nahm man als ganz natürlich hin. Indem man des Syndikus' Unglücksfälle bedachte, vergaß man seinen Ehrgeiz, der sonst als ungeheuerlich erschienen wäre. Der junge Advokat, der neunzig Tage im Bette gelegen, das man in dem alten Saale aufgeschlagen hatte, konnte erst seit einer Woche wieder aufstehen und hatte noch zwei Krücken zum Gehen nötig. Babettes Liebe und seiner Mutter Zärtlichkeit rührten Christoph tief; als ihn die beiden Frauen still im Bette liegen hatten, lasen sie ihm streng die Leviten über den Artikel Religion. Der Präsident von Thou machte seinem Patenkinde einen Besuch, wobei er ihn sehr väterlich ermahnte. Als Parlamentsadvokat mußte Christoph Katholik sein, dazu war er durch Schwur verpflichtet; der Präsident aber, der seines Patenkindes Orthodoxie nicht in Zweifel zog, fügte ernst folgende Worte hinzu:

»Du bist grausam geprüft worden, mein Sohn. Ich selber weiß nicht, welche Gründe die Herren von Guise hatten, um dich so zu behandeln; ich fordere dich auf, fortan ruhig zu leben, ohne dich in die Wirrnisse zu mengen, denn der Königin und des Königs Gunst wird sich nie und nimmer auf Anzettler von Unruhen erstrecken. Du bist nicht vornehm genug, um deinem Könige, wie es die Herrn von Guise tun, den Stuhl vor die Tür zu setzen. Wenn du eines schönen Tages Parlamentsrat sein willst, wirst du diese noble Stellung nur durch ernste Anhänglichkeit an die königliche Sache erringen.«

Nichtsdestoweniger hatten weder des Präsidenten von Thou Besuch, noch Babettes Verführungskünste, noch Mademoiselle Lecamus, seiner Mutter, inständige Bitten den Glauben des Märtyrers der Reformation ins Wanken gebracht. Christoph hing um so mehr an seiner Religion, als er viel für sie gelitten hatte.

»Nie wird mein Vater dulden, daß ich einen Ketzer heirate«, flüsterte ihm Babette ins Ohr.

Christoph antwortete nur mit Tränen, die das hübsche Mädchen stumm und nachdenklich machten.

Der alte Lecamus wahrte seine väterliche und syndikale Würde; er beobachtete den Sohn und sprach wenig. Nachdem er seinen lieben Christoph zurückerobert hatte, war der Greis fast unzufrieden mit sich selber; er bereute, all seine Zärtlichkeit für diesen einzigen Sohn gezeigt zu haben, bewunderte ihn aber im stillen. Zu keiner Zeit seines Lebens ließ der Syndikus mehr Minen springen, um zu seinem Ziele zu gelangen; denn er sah das Korn des so mühsam Gesäten reif und gedachte alles zu ernten.

Einige Tage vor diesem Morgen war er einmal allein mit Christoph und hatte eine lange Unterredung mit ihm, um hinter das Geheimnis des söhnlichen Widerstandes zu kommen. Christoph, der des Ehrgeizes nicht ermangelte, vertraute auf den Prinzen von Condé. Des Prinzen edelmütiges Wort – der ganz einfach nach seiner Fürstenpflicht gehandelt, – stand in seinem Herzen eingeschrieben; aber er wußte nicht, daß Condé ihn im Augenblicke, wo er ihm durch das vergitterte Gefängnisfenster sein rührendes Lebewohl zunickte, damals in Orleans, zu allen Teufeln geschickt hatte. Christoph sagte sich:

›Ein Gascogner wird mich verstanden haben.‹

Neben diesem Bewunderungsgefühl für den Prinzen hegte Christoph aber auch die tiefste Ehrfurcht vor der großen Königin Katharina, die ihm mit einem Blicke ihre Notlage, und daß sie ihn opfern müßte, gezeigt. Und doch hatte sie ihm bei seiner Höllenpein mit einem anderen Blick ein grenzenloses Versprechen durch jene stille, schnellversiegte Träne gegeben. In dem tiefen Schweigen der neunzig Tage und Nächte, die er zu seiner Heilung brauchte, ließ der neue Advokat die Ereignisse von Blois und Orleans an sich vorüberziehen. Wider seinen Willen sozusagen wog er die beiden Versprechen ab: er schwankte zwischen der Königin und dem Prinzen hin und her. Wahrlich hatte er der Königin mehr gedient als der Reformation, und bei einem jungen Manne mußten Herz und Verstand, weniger um dieses Unterschiedes als ihrer Eigenschaft als Frau willen, der Königin zuneigen. Bei ähnlichen Gelegenheiten wird ein Mann immer mehr von einer Frau als von einem Manne erhoffen.

›Ich habe mich für sie geopfert, was wird sie für mich tun?‹

Diese Frage stellte er sich schier unwillkürlich, indem er sich des Tonfalls erinnerte, womit sie: Povero mio! gesagt hatte. Man möchte nicht glauben, bis zu welchem Grade ein Mann, der einsam und krank in seinem Bette liegt, egoistisch wird. Alles, bis auf die ausschließliche Sorgfalt, als deren Gegenstand er sich fühlte, treibt ihn an, nur an sich zu denken. Wenn er über des Prinzen von Condé Verpflichtungen ihm gegenüber nachgrübelte, war Christoph sich gewärtig, mit irgendeinem Hofamte in Navarra bekleidet zu werden. Dies in politicis noch unerfahrene Kind vergaß um so mehr die Sorgen, die Parteihäupter beherrschen und wie schnell sie über Menschen und Ereignisse hinwegeilen, als er in diesem alten dunkelgebräunten Saale sich wie geborgen vorkam. Jede Partei ist notgedrungen undankbar, wenn sie streitet; zu viele Menschen sind zu belohnen, als daß man noch dankbar sein könnte. Soldaten finden sich mit solcher Undankbarkeit ab; Anführer aber kehren sich wider den neuen Herrn, dem sie so lange an Rang gleich waren. Christoph, der einzige, welcher sich seiner Leiden erinnerte, rechnete sich, indem er sich für einen ihrer Märtyrer hielt, schon zu den Häuptern der Reformation. Lecamus, dieser alte kaufmännische Schlaufuchs, der so verschlagen und scharfsinnig war, hatte seines Sohnes geheimsten Gedanken schließlich erraten. Alle seine Manöver stützten sich denn auch auf jenen natürlichen Zustand des Schwankens, dem Christoph ausgeliefert war.

»Wär' es nicht schön«, sagte er am Vorabend im Familienkreise zu Babette, »eines Parlamentsrats Weib zu sein? Man würde Euch Madame nennen.«

»Närrisch seid Ihr, Gevatter«, entgegnete Lallier.

»Woher wolltet Ihr denn schließlich zehntausend Taler Renten in Bodenbesitz nehmen, die ein Rat haben muß; und von wem gedächtet Ihr eine Charge zu kaufen? Die Königin-Mutter und Regentin müßte ja nur darauf versessen sein, Euren Sohn ins Parlament einzuschmuggeln, und er huldigt doch ein bißchen zu ketzerischen Meinungen, als daß man ihn dort unterbringen könnte.«

»Was würdet Ihr drum geben, wenn Ihr Eure Tochter als Frau eines Rates sehen könntet?«

»Ihr wollt meinem Geldbeutel auf den Grund gucken, Ihr alter Schlauberger Ihr«, sagte Lallier.

Parlamentsrat! Dies Wort stiftete Verheerungen in Christophs Hirne an.

Lange nach diesem Gespräche betrachtete Christoph eines Morgens den Fluß, der ihn an die Szene, mit welcher diese Geschichte anhebt, und den Prinzen von Condé, an la Renaudie und Chaudieu, die Reise nach Blois, kurz an all seine Hoffnungen erinnerte, als der Syndikus sich an seines Sohnes Seite setzte, indem er eine frohe Miene schlecht unter jenem geheuchelten Ernst verbarg. »Mein Sohn,« sagte er, »nach allem, was zwischen dir und den Häuptern des Amboiser Tumultes vor sich gegangen ist, schulden sie dir genugsam, und das Haus Navarra dürfte sich wohl um deine Zukunft kümmern.«

»Ja«, entgegnete Christoph.

»Nun also,« fuhr der Vater fort, »ich habe positive Schritte getan und für dich um die Erlaubnis gebeten, in Béarn ein Justizamt zu kaufen. Unser guter Freund Paré war so freundlich, die Briefe zu übermitteln, die ich in deinem Namen an den Prinzen von Condé und die Königin Johanna geschrieben habe. Hier lies die Antwort des Herrn von Pibrac, des Vizekanzlers von Navarra:

›An Ehren Lecamus, Syndikus der Kürschnergilde. Der allergnädigste Prinz von Condé beauftragt mich, Euch sein Bedauern auszudrücken, nichts für seinen Gefährten im Saint-Aignanturme tun zu können. Doch denkt er oft an ihn und bietet ihm eine Gendarmstelle in seiner Kompagnie an, in welcher er Gelegenheit haben dürfte, seinen Weg als herzhafter Mann, der er ist, zu machen. Die Königin von Navarra wartet auf die Gelegenheit, Ehren Christoph zu belohnen, und daran wird es nicht fehlen.

Inzwischen bitten wir Gott, Herr Syndikus, uns in seine Obhut zu nehmen.

Nérac

Pibrac            
Kanzler von Navarra.‹

»Nérac, Pibrac, krack!« sagte Babette. »Von Gascognern darf man nichts erwarten, die denken nur an sich.« Der alte Lecamus blickte seinen Sohn mit spöttischer Miene an.

»Einem armen Kinde, dessen Knie und Knöchel seinetwegen zerbrochen wurden, schlägt er vor, ein Pferd zu besteigen«, rief Mademoiselle Lecamus. »Welch grausamer Scherz!«

»Ich sehe dich nicht gerade als Rat in Navarra«, erklärte der Syndikus der Kürschner.

»Ich möchte wohl wissen, was die Königin Katharina für mich tun würde, wenn ich meine Zuflucht zu ihr nähme«, sagte der niedergeschmetterte Christoph.

»Sie hat dir nichts versprochen,« erwiderte der alte Kaufmann; »sicher aber bin ich, daß sie sich nicht über dich lustig machen, hingegen sich deiner Leiden erinnern würde. Könnte sie aber einen protestantischen Bürgerlichen zum Parlamentsrat ernennen?«

»Christoph hat ja nicht abgeschworen!« schrie Babette. »Seine religiösen Meinungen kann er doch wohl für sich behalten.«

»Einem Pariser Parlamentsrat gegenüber würde der Prinz von Condé wohl weniger von oben herab sein«, sagte Lecamus.

»Parlamentsrat, mein Vater, ist das möglich?«

»Ja, wenn Ihr das nicht ummodelt, was ich für Euch tun will. Hier, mein Gevatter Lallier wird gern seine zweihunderttausend Livres geben, wenn ich ebensoviel für die Erwerbung eines schönen Herrensitzes unter der Bedingung verausgabe, daß er sich von Sohn auf Sohn forterbt. Den wollten wir euch als Mitgift geben.«

»Und ich würde noch eine Kleinigkeit für ein Haus in Paris hinzufügen«, sagte Lallier.

»Nun, Christoph?« fragte Babette.

»Ihr plant ohne die Königin«, antwortete der junge Advokat.

Einige Tage nach dieser ziemlich herben Enttäuschung übermittelte ein Lehrling Christoph folgendes lakonische Briefchen:

»Chaudieu wünscht sein Kind zu sehen.«

»Er soll hereinkommen«, rief Christoph.

»O mein heiliger Märtyrer!« sagte der Prediger, den Advokaten umarmend, »du bist deiner Schmerzen ledig?«

»Ja, dank Paré.«

»Dank Gott, der die Kraft dir verlieh, den Martern standzuhalten! Aber was hab' ich gehört? Du hast dich zum Advokaten ernennen lassen, den Treueid geleistet, die Hure, die katholische, apostolische und römische Kirche wieder anerkannt? . . .«

»Mein Vater hat's gewollt.«

»Müssen wir denn nicht von unseren Vätern, unseren Kindern, unseren Frauen lassen, all das um der heiligen Sache des Calvinismus willen, und alles erleiden? . . .«

»Ach, Christoph, der große Calvin, die ganze Partei, die Welt, die Zukunft zählen auf deinen Mut und deine Seelengröße. Dein Leben haben wir nötig.«

Bemerkenswert ist, daß der Geist des Menschen, selbst des aufopferndsten, gerade wenn er sich ganz aufopfert, in den gefährlichsten Krisen sich stets noch einen Hoffnungsroman zimmert. So rechnete Christoph, als ihn auf dem Wasser unter der Wechslerbrücke der Prinz, der Soldat und der Prediger gebeten hatten, der Königin Katharina jenen Vertrag zu bringen, welcher ihm, wurde er überrascht, den Kopf kosten mußte, mit seinem Verstande, dem Zufall, mit seiner Klugheit und hatte sich kühn zwischen jene beiden schrecklichen Parteien, die Guisen und Katharina, gewagt, wo er beinahe zermalmt worden wäre. Noch während der peinlichen Frage sagte er sich immer wieder:

›Ich werde mich herauswinden. Nur die Schmerzen sind zu ertragen . . .‹

Bei der brutalen Forderung: Stirb!, die an einen jungen Burschen gestellt ward, der noch gebrechlich, kaum von der Tortur wiederhergestellt und um so mehr am Leben hing, als er den Tod aus nächster Nähe gesehen hatte, konnte er sich aber unmöglich noch Illusionen machen.

Christoph antwortete ruhig:

»Worum handelt es sich?«

»Wie Stuart auf Minard tapfer einen Pistolenschuß abfeuern.«

»Auf wen?«

»Auf den Herzog von Guise.«

»Ein Mord?«

»Eine Rache! Vergissest du die hundert Edelleute, die auf dem nämlichen Schafott zu Amboise hingemordet wurden? Ein Kind, der kleine d'Abigné, erklärte, als er diese Metzelei sah: Sie haben Frankreich zerfetzt.«

»Ihr müßt alle Schläge hinnehmen und keine austeilen, das ist die Religion des Evangeliums«, antwortete Christoph. »Wenn man die Katholiken nachahmen will, wozu taugt es dann, die Kirche zu reformieren?«

»Oh, Christoph, einen Advokaten haben sie aus dir gemacht, und du vernünftelst«, sagte Chaudieu.

»Nein, nein, mein Freund«, antwortete der Advokat.

»Doch die Prinzipien sind zu undankbar, und Ihr und Euresgleichen werdet der Bourbonen Spielbälle sein. Die Bourbonen sind die Handschuhe, wir die Hand.«

»Leset!« sagte Christoph, dem Prediger Pibracs Antwort reichend.

»Oh, mein Kind, du bist ehrgeizig . . . vermagst dich nicht mehr aufzuopfern . . . Ich beklage dich! . . .«

Nach diesem schönen Worte eilte Chaudieu hinaus.

Einige Tage nach dieser Szene waren Christoph, die Familie Lallier und die Familie Lecamus Christophs und Babettes Verlobung zu Ehren in dem altersgebräunten Saale vereinigt, wo Christoph nun nicht mehr lag; denn er konnte jetzt die Treppen hinaufsteigen und fing an, sich ohne Krücken fortzubewegen. Es war neun Uhr abends, man erwartete Ambrosius Paré. Der Notar der Familie saß vor einem mit Kontrakten bedeckten Tische. Der Kürschner verkaufte sein Haus und seine kaufmännischen Geschäfte an seinen ersten Gehilfen, welcher das Haus sofort mit vierzigtausend Livres bezahlte und das Haus für die Bezahlung der Kaufmannsgüter, für die er bereits zwanzigtausend Livres anzahlte, verpfändete.

Lecamus erwarb für seinen Sohn ein wundervolles, von Philibert de l'Orme in Stein gebautes Haus, das in der Sankt Peter zu den Ochsen-Straße lag; er gab es ihm als Mitgift. Außerdem nahm der Syndikus zweihundertfünfzigtausend Livres von seinem Vermögen, und Lallier gab ebensoviel für die Erwerbung eines schönen in der Picardie gelegenen Herrensitzes, für den man fünfhunderttausend Livres verlangt hatte. Da diese Besitzung zur Lehensfolge der Krone gehörte, hatte man außer der Bezahlung von beträchtlichen Kauf- und Verkaufsgebühren auch noch sogenannte Reskriptionspatente nötig, die vom Könige gewährt wurden.

Die Eheschließung war denn auch bis nach Erlangung dieser königlichen Gunst verschoben worden. Wenn die Pariser Bürger sich das Recht erkämpft hatten, Herrengüter zu kaufen, so hatte die Weisheit des Privatconseils gewisse Einschränkungen hinsichtlich der Ländereien gemacht, die der Krone lehnbar waren; und die Besitzung, die Lecamus seit einem Dutzend Jahren im Auge hatte, gehörte zu dieser Ausnahme. Ambrosius hatte sich stark gemacht, die Kabinettesordre noch am nämlichen Abend zu überbringen. Der alte Lecamus ging zwischen Saal und Tür mit einer Ungeduld auf und ab, die da zeigte, wie groß sein Ehrgeiz war. Endlich traf Ambrosius ein.

»Mein alter Freund,« sagte der Chirurg ziemlich aufgeregt und den Abendtisch überschauend, »können sich deine Tischtücher sehen lassen? Gut. So setzt Wachskerzen auf. Eilt Euch, eilt! Sucht das Schönste her, was Ihr besitzt!«

»Was gibt's denn?« fragte der Pfarrer von Sankt Peter zu den Ochsen.

»Die Königin-Mutter und der junge König wollen mit Euch zu Abend speisen«, erwiderte der Leibchirurg. »Die Königin und der König erwarten einen alten Rat, dessen Charge Christoph verkauft werden soll, und Herrn von Thou, der den Handel abgeschlossen hat. Tut, wie wenn Ihr nicht benachrichtigt worden wäret, ich habe mich aus dem Louvre fortgeschlichen.«

In einem Nu waren beide Familien auf den Beinen. Christophs Mutter und Babettes Tante gingen und kamen mit der fieberhaften Eile überraschter Hausfrauen. Trotz der Verwirrung, welche diese Nachricht in der Familienversammlung anrichtete, geschahen die Vorbereitungen mit einer Schnelligkeit, die an Wunder grenzte. Christoph, erstaunt, überrascht und bestürzt ob solcher Gunst, saß wortlos da und sah alles ganz mechanisch geschehen.

»Die Königin und der König unter unserem Dache!« sagte die alte Mutter.

»Die Königin!« wiederholte Babette, »was soll man da sagen, was tun?«

Am Ende einer Stunde war alles verändert; der alte Saal geschmückt und der Tisch schimmerte. Dann hörte man Pferdegetrappel in der Straße. Der Glanz der von den Eskortereitern getragenen Fackeln sorgte dafür, daß die Bürger des Viertels die Nase aus dem Fenster steckten. Das alles ging ganz schnell. Der Tumult ließ nach, unter den Laubengängen blieben nur die Königin mit ihrem Sohne, dem König Karl dem Neunten, der zum Großmeister der fürstlichen Kleiderkammer und zum Gouverneur des Königs ernannte Karl von Gondi, Herr von Thou, der alte Rat, der Staatssekretär Pinard und zwei Pagen zurück.

»Wackere Leute,« sagte die Königin beim Eintreten, »wir, der König, mein Sohn, und ich wollen den Heiratsvertrag des Sohnes unseres Kürschners unterzeichnen; Bedingung aber ist, daß er katholisch bleibt. Um ins Parlament zu kommen, muß man katholisch sein, katholisch muß man sein, um Ländereien zu besitzen, die von der Krone abhängen, katholisch muß man sein, um sich an des Königs Tisch zu setzen, nicht wahr, Pinard?«

Der Staatssekretär erschien und wies die Patentbriefe vor.

»Wenn wir nicht alle hier Katholiken sind,« sagte der kleine König, »wird Pinard alles ins Feuer werfen; aber wir alle sind doch wohl Katholiken?« fuhr er, mit ziemlich stolzem Blick die ganze Versammlung messend, fort.

»Ja, Sire«, antwortete Christoph Lecamus, nicht ohne Mühe das Knie beugend und des jungen Königs Hand küssend, die der ihm hinstreckte.

Die Königin Katharina, die ebenfalls Christoph die Hand reichte, zog ihn jäh auf, führte ihn einige Schritte beiseite und sagte zu ihm:

»Nun, mein Junge, keine Schlaubergereien, nicht wahr? Wir spielen offenes Spiel.«

»Ja, gnädige Frau«, erwiderte er, hingerissen von der glänzenden Belohnung und der Ehre, die ihm die dankbare Königin erwies.

»Nun, Mosjö Lecamus, der König, mein Sohn und ich, gestatten Euch des Biedermanns Groslay Charge zu erwerben, des Parlamentsrats hier«, erklärte die Königin. »Dabei werdet Ihr, hoffe ich, in die Fußtapfen des Herrn Vorgesetzten treten.«

Thou trat näher und sagte:

»Ich stehe für ihn ein, gnädige Frau.«

»Schön, protokolliert, Notare«, äußerte Pinard.

»Da der König, unser Herr, uns die Gunst erweist, meiner Tochter Kontrakt zu unterzeichnen, bezahle ich den ganzen Preis des Herrensitzes«, rief Lallier.

»Die Damen können sich setzen«, sagte der junge König in anmutigster Weise.

»Als Hochzeitsgabe für die Braut leiste ich mit Einwilligung meiner Mutter auf meine Rechte Verzicht.«

Der alte Lecamus und Lallier fielen auf die Knie und küßten des jungen Königs Hand.

»Potzblitz, Sire, wieviel Geld diese Bürger besitzen«, flüsterte Gondi ihm ins Ohr.

Der junge König hub zu lachen an.

»Da Eure Gnaden bei guter Laune sind,« sagte der alte Lecamus, »wollet mir erlauben, Euch meinen Nachfolger mit der Bitte vorzustellen, ihm das königliche Patent der Versorgung Eurer Häuser weiter zu belassen.«

»Wir wollen ihn sehen«, erwiderte der König.

Lecamus ließ seinen Nachfolger vortreten; der wurde ganz bleich.

»Wenn meine liebe Mutter es erlaubt, setzen wir uns alle zu Tisch«, erklärte der junge König.

Der alte Lecamus besaß die Aufmerksamkeit, dem jungen Könige einen Silberbecher zu schenken, den er von Benvenuto Cellini während seines Aufenthaltes im Hotel de Nesle zu Paris erhalten hatte; nicht weniger als zweitausend Taler hatte der gekostet.

»Oh, meine Mutter, welch schöne Arbeit!« rief der junge König, den Becher beim Fuße erhebend.

»Der stammt aus Florenz«, antwortete Katharina.

»Verzeiht mir, gnädige Frau,« sagte Lecamus, »er ist in Frankreich von einem Florentiner gearbeitet worden. Was aus Florenz stammt, würde der Königin gehören; was aber in Frankreich geschaffen ward, gebührt dem Könige.«

»Ich nehme ihn an, Biedermann,« rief Karl der Neunte, »und fortan soll er mein Mundbecher sein!«

»Er ist schön genug,« erklärte die Königin, das Meisterwerk prüfend, »um ihn den Kronschätzen zuzufügen.«

»Nun, Meister Ambrosius,« flüsterte die Königin ihrem Chirurgen, auf Christoph hindeutend, ins Ohr, »habt Ihr ihn gut gepflegt? Wird er gehen können?«

»Fliegen wird er«, antwortete lächelnd der Chirurg. »Ach, sehr schlau habt Ihr ihn uns abtrünnig gemacht.«

»Wenn es an Mönchen mangelt, feiert die Abtei doch nicht«, antwortete die Königin mit jener Leichtfertigkeit, die man ihr zum Vorwurf machte und die doch nur an der Oberfläche lag.

Das Abendessen war heiter, die Königin fand Babette hübsch, und als große Königin – und als solche zeigte sie sich stets, – steckte sie ihr einen ihrer Diamanten an den Finger, um den Verlust wettzumachen, welchen der Becher bei Lecamus verursachte.

Der König Karl der Neunte, der später vielleicht allzuviel Geschmack an solcher Art Überfällen bei seinen Bürgern fand, speiste mit gutem Appetit; dann veranlaßte er auf ein Wort seines neuen Gouverneurs hin, der, wie es heißt, den Auftrag hatte, ihn alle guten Weisungen des Herrn von Cypierre vergessen zu lassen, den ersten Präsidenten, den alten demissionierenden Rat, den Staatssekretär, den Pfarrer, den Notar und die Bürger so zu trinken, daß die Königin Katharina im Augenblicke aufbrach, wo sie sah, daß die Fröhlichkeit allzu heiß wurde.

Im Moment, wo die Königin-Mutter sich erhob, nahmen Christoph, sein Vater und die beiden Frauen Armleuchter und geleiteten sie bis auf die Ladenschwelle. Dort wagte Christoph die Königin an ihrem langen Ärmel zu zupfen und machte ihr ein Zeichen geheimen Einverständnisse. Katharina blieb stehen, schickte Ehren Lecamus und die beiden Frauen mit einer Handbewegung fort und sagte zu Christoph:

»Was gibt's?«

»Wenn Ihr einen Vorteil daraus ziehen könnt, Madame, so wisset,« sagte er, der Königin ins Ohr flüsternd, »daß der Herzog von Guise von Mördern aufs Korn genommen wird . . .«

»Du bist ein treuer Untertan,« erklärte Katharina lächelnd, »und nie werd' ich dich vergessen.«

Sie streckte ihm die Hand hin, die ihrer Schönheit wegen so berühmt war, indem sie vorher aber den Handschuh auszog, was für einen Gunstbeweis gelten konnte. Auch ward Christoph, als er diese anbetungswürdige Hand küßte, überzeugter Royalist.

›Diesen alten Haudegen werden sie mir also vom Halse schaffen, ohne daß ich das geringste damit zu tun habe‹, dachte sie, ihren Handschuh wieder überstreifend.

Sie stieg auf ihren Maulesel und ritt mit ihren beiden Pagen in den Louvre zurück.

Immer weiter trinkend blieb Christoph doch finster, Ambrosius strenges Gesicht warf ihm seine Abtrünnigkeit vor; die vorhergehenden Ereignisse aber gaben dem alten Syndikus gewonnenes Spiel.

Als Calvinist wäre Christoph den Metzeleien der Sankt Bartholomäusnacht sicherlich nicht entronnen, seine Reichtümer und sein Besitz würden die Mörder auf ihn aufmerksam gemacht haben.

Die Historie hat das grausame Los der Frau des Lallierschen Nachfolgers aufgezeichnet, die ein schönes Geschöpf war. Ihr nackter Leichnam blieb drei Tage über an den Haaren an einen der Stützbalken der Wechslerbrücke aufgeknüpft hängen. Babette zitterte damals, als sie dachte, daß es ihr ähnlich hätte ergehen können, wenn Christoph Calvinist – denn so wurden die Reformierten bald genannt – geblieben wäre. Calvins Ehrgeiz ward also befriedigt, doch erst nach seinem Tode.

Das war der Ursprung des berühmten Parlamentarierhauses der Lecamus. Tallemant des Réaux beging einen Fehler, als er sie aus der Picardie stammen ließ. Die Lecamussche Familie hatte später ein Interesse daran, ihr Bestehen von dem Erwerb ihrer in jenem Lande gelegenen Hauptbesitzung an zu rechnen. Christophs Sohn, welcher ihm unter Ludwig dem Dreizehnten nachfolgte, ward der Vater jenes reichen Präsidenten Lecamus, der unter Ludwig dem Vierzehnten das prachtvolle Hotel erbaute, das dem Hotel Lambert, welches doch wahrlich eines der schönsten Bauwerke von Paris ist, die Bewunderung der Pariser und der Fremden streitig machte. Das Hotel Lecamus existiert noch in der Rue de Thorigny, obwohl es zu Beginn der Revolution, da es Herrn von Juigné, dem Erzbischof von Paris, gehörte, ausgeplündert ward. Damals sind alle Gemälde dort vernichtet worden, und seitdem haben ihm die Pensionate, die darinnen untergebracht sind, starken Schaden zugefügt. Dieser Palast, der in der alten Kürschnerstraße verdient wurde, ist auch ein Denkmal der schönen Ergebnisse, die einstmals Familiensinn erzielte. Man darf berechtigten Zweifel daran hegen, ob der moderne Individualismus, der durch die gleiche Erbteilung erzeugt wurde, ähnliche Bauwerke aufführen wird.

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