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Katharina von Medici

Honoré de Balzac: Katharina von Medici - Kapitel 15
Quellenangabe
typenovelette
authorHonoré de Balzac
titleKatharina von Medici
publisherDiogenes
yearo.J.
isbn3257204809
translatorPaul Hansmann
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Die Blasenschmerzen waren völlig vom Feuer dieses Zornes gebändigt worden. Die Gicht schwieg vor solch schrecklicher Erregung. Wie ein Himmel bei Sturm war Calvins Antlitz purpurgeflammt. Seine rote Stirn glänzte, seine Augen sprühten Feuergarben. Er war sich nicht mehr ähnlich. Er überließ sich jener gewissen epileptischen Wut, die ihm zu eigen war. Vom Schweigen seiner beiden Zuhörer aber ergriffen und Chaudieu bemerkend, der Béza etwas vom feurigen Busch zu Horeb zuflüsterte, setzte sich der Pfarrer nieder, schwieg und bedeckte sich das Gesicht mit seinen beiden, von Gichtknoten entstellten Händen, die trotz ihrer Dicke krampfhaft zuckten.

Einige Augenblicke später, noch den letzten Erschütterungen des durch sein keusches Leben erzeugten jähen Wutschauers als Beute ausgeliefert, sagte er mit bewegter Stimme zu ihnen:

»Meine Fehler, die zahlreich sind, zu bändigen, kostet mich weniger Kraft, als meine Ungeduld zu zähmen. O, wütiges Tier, werd ich dich niemals besiegen?« fügte er, sich vor die Brust schlagend, hinzu.

»Mein lieber Meister,« sagte Béza mit einschmeichelnder Stimme, Calvins Hand ergreifend und küssend, »Jupiter donnert, weiß aber auch zu lächeln.«

Calvin betrachtete seinen Schüler mit besänftigtem Auge und sagte zu ihm:

»Versteht mich recht, meine Freunde.«

»Ich verstehe, daß der Völker Hirten schreckliche Bürden zu tragen haben«, antwortete Theodor. »Ihr tragt eine Welt auf Euren Schultern.«

»Ich habe,« erklärte Chaudieu, den des Meisters heftiger Verweis stutzig gemacht hatte, »ich habe drei Märtyrer, auf die wir rechnen können. Stuart, der den Präsidenten tötete, ist frei . . .«

»Ein Irrtum«, sagte Calvin sanft und lächelnd, wie alle großen Menschen, die auf trübes heitres Wetter auf ihrem Gesichte folgen lassen, wie wenn sie sich schämten, daß dort Sturm geherrscht. »Ich kenne die Menschen. Einen Präsidenten tötet man, nicht aber ihrer zwei.«

»Ist es denn durchaus notwendig?« fragte Béza.

»Schon wieder?« entgegnete Calvin, seine Nüstern blähend. »Haltet ein; laßt mich, Ihr versetzt mich wieder in Wut. Geht mit meinem Bescheid. Du, Chaudieu, gehe deines Weges und halte deine Pariser Herde in Schach. Gott möge Euch leiten! Dinah! . . . leuchtet meinen Freunden.«

»Erlaubt Ihr mir nicht, Euch zu umarmen?« sagte Theodor gerührt. »Wer von uns kann wissen, was ihm morgen zustößt? Trotz aller Geleitsbriefe können wir festgenommen werden . . .«

»Und du willst sie schonen?« sagte Calvin, Béza umarmend.

Er nahm Chaudieus Hand und sagte zu ihm:

»Vor allem keine Hugenotten, keine Reformierten, werdet Calvinisten! Sprecht nur vom Calvinismus! . . . Ach, kein Ehrgeiz ist das, denn ich sterbe . . . . aber von Luther muß man alles zerstören bis auf den Namen Lutheraner und Luthertum.«

»Aber göttlicher Mann,« rief Chaudieu, »solche Ehren verdienet Ihr wahrlich!«

»Haltet fest an der Gleichförmigkeit der Lehre und laßt nichts mehr prüfen oder umarbeiten. Verloren sind wir, wenn aus unserem Schoße neue Sekten hervorgehen.«

Den Ereignissen dieser Novelle vorausgreifend, und um mit Theodor von Béza zu Ende zu kommen, der mit Chaudieu nach Paris ging, muß man bemerken, daß Poltrot, der achtzehn Monde später einen Pistolenschuß auf den Herzog von Guise abfeuerte, auf der Folter angab, von Theodor von Béza zu diesem Verbrechen angestiftet worden zu sein; nichtsdestoweniger zog er dies Geständnis bei späteren Folterungen zurück. Auch Bossuet, der alle historischen Überlegungen genau abwog, hat nicht geglaubt, den Gedanken an dies Verbrechen Theodor von Béza zuschreiben zu müssen. Nach Bossuet aber hat eine anscheinend leichtfertige Abhandlung, die über ein berühmtes Lied geschrieben ward, einen Kompilator des achtzehnten Jahrhunderts zu dem Beweise verleitet, daß das Lied auf den Herzog von Guise, welches von den Hugenotten in ganz Frankreich gesungen wurde, Theodor von Bézas Werk sei. Ebenso ward auch bewiesen, das berühmte Bänkelsängerlied auf Marlborough sei ein Plagiat von dem Theodor von Bézaschen.

Am Tage, da Theodor von Béza und Chaudieu in Paris anlangten, war der Hof aus Reims dorthin zurückgekehrt, wo Karl der Neunte gesalbt worden war. Dank dieser Zeremonie, die Katharina sehr glänzend gestaltete und die Anlaß zu rauschenden Festen gab, konnte die Königin-Mutter alle Parteihäupter um sich scharen. Nachdem sie alle Interessen und Parteien sondiert hatte, stand es bei ihr, zwischen folgenden Alternative zu wählen: entweder alles wieder um den Thron zu sammeln oder die einen den anderen entgegenzustellen. Als Katholik par excellence tadelte der Kronfeldherr von Montmorency, dessen Neffe, der Prinz von Condé, Haupt der Reformation war und dessen Söhne dieser Religion zuneigten, der Königin-Mutter Bund mit den Reformierten sehr. Die Guisen ihrerseits arbeiteten darauf hin, Anton von Bourbon, einen charakterlosen Fürsten, für sich zu gewinnen und ihn in ihre Partei zu ziehen, was sein Weib, die Königin von Navarra, die von Béza davon in Kenntnis gesetzt worden war, geschehen ließ. Diese Schwierigkeiten machten Katharinen, deren aufkeimende Autorität einiger Ruhezeit bedurfte, stutzig; so wartete sie denn ungeduldig auf die Antwort Calvins, an welchen der Prinz von Condé, der König von Navarra, Coligny, d'Andelot und der Kardinal von Châtillon Béza und Chaudieu gesandt hatten. Währenddem aber war die Königin-Mutter ihrem Versprechen dem Prinzen von Condé gegenüber getreu. Der Kanzler machte dem Verfahren gegen Condé ein Ende und brachte die Angelegenheit vor das Pariser Parlament, welches das Urteil der Kommission kassierte, indem es des weiteren erklärte, daß es nicht in deren Macht stünde, einen Prinzen von Geblüt zu richten. Auf der Guisen und der Königin-Mutter Betreiben nahm das Parlament den Prozeß wieder auf. La Sagnes Papiere waren Katharinen eingehändigt worden; sie verbrannte sie. Dieses Nachgeben war das erste Pfand, welches der Königin-Mutter ganz zwecklos von den Guisen gegeben ward. Als das Parlament diese entscheidenden Beweise nicht mehr vorfand, setzte es den Prinzen wieder in alle seine Rechte, Güter und Ehren ein. Christoph war schon bei dem Tumulte anläßlich des Ablebens des Königs befreit worden, das Verfahren gegen ihn wurde niedergeschlagen und auf Herrn von Thous Betreiben ward er, um für seine Leiden entschädigt zu werden, zum Parlamentsadvokaten ernannt.

Das Triumvirat, jene künftige Koalition der durch Katharinas erste Handlungen bedrohten Interessen, bereitete sich also unter ihren Augen vor. Ebenso wie in der Chemie die feindlichen Substanzen sich schließlich beim ersten Stoße, der ihren erzwungenen Bund trübt, trennen, ebenso sind in der Politik Bündnisse entgegengesetzter Interessen von kurzem Bestand. Katharina begriff sehr wohl, daß sie früher oder später auf die Guisen und den Konnetabel zurückkommen müßte, um den Hugenotten eine Schlacht zu liefern.

Dies Kolloquium, welches der Eigenliebe der Redner jedweder Partei schmeichelte, das der Salbung eine imposante Zeremonie nachfolgen lassen und den blutigen Teppich dieses begonnenen Religionskrieges erheitern sollte, war in der Guisen sowohl wie in Katharinas Augen völlig zwecklos. Die Katholiken verloren dabei, denn unter dem Vorwande zu konferieren, proklamierten die Hugenotten vor dem Angesichte Frankreichs unter dem Schutze des Königs und seiner Mutter ihre Lehre. Der Kardinal von Lothringen, dem Katharina geschmeichelt hatte, daß die Ketzer dabei durch der Kirchenfürsten Beredsamkeit geschlagen werden würden, ließ seinen Bruder die Einwilligung dazu geben. Für die Königin-Mutter bedeutete das mehr als sechs Friedensmonde.

Ein kleines Ereignis sollte diese Macht, die Katharina so mühselig errichtete, in Frage stellen. Folgende von der Geschichte überlieferte Szene spielte sich am nämlichen Tage ab, wo Genfs Gesandte im Hotel Coligny in der Rue Béthisy anlangten. Bei der Salbung ernannte Karl der Neunte seinen Lehrer Amyot, den er sehr liebte, zum Großalmosenier von Frankreich. In gleicher Weise wurde diese Freundschaft von dem Herzoge von Anjou, Heinrich dem Dritten, Amyots anderem Schüler, geteilt. Während der Reise von Reims nach Paris hörte Katharina diese Neuigkeit von den beiden Gondis.

Sie rechnete mit diesem Amte der Krone, um sich in der Kirche eine Stütze zu verschaffen und um jemanden zu haben, den sie dem Kardinal von Lothringen entgegenstellen könnte, und wollte den Kardinal von Tournon damit bekleiden, um an ihm wie an L'Hôpital eine zweite »Krücke« – dieses Wortes bediente sie sich – zu erhalten. Bei ihrer Ankunft im Louvre ließ sie den Lehrer vor sich kommen. Als sie das Mißgeschick sah, welches ihre Politik durch den Ehrgeiz dieses emporgekommenen Schustersohnes traf, war ihr Zorn so groß, daß sie ihm folgende seltsamen Worte sagte, die von einigen Memoirenschreibern wiederholt worden sind:

»Was, ich treibe die Guisen, die Coligny, die Kronfeldherren, das Haus Navarra und den Prinzen von Condé aus dem Bau und sollte nicht mit einem Pfäfflein, wie du eines bist, das nicht genug hat am Bistum Auxerre, fertig werden?«

Amyot entschuldigte sich. Tatsächlich hatte er nichts erbeten, der König bekleidete ihn nach seinem eigenen Gefallen mit diesem Amte, dessen er, ein armer Schulmeister, sich nicht für würdig hielt.

»Sei versichert, Meister,« antwortete Katharina ihm, (so nannten die Könige Karl der Neunte und Heinrich der Dritte diesen großen Schriftsteller) »keine vierundzwanzig Stunden wirst du mehr auf deinen Beinen einherlaufen, wenn du deinen Schüler nicht von seinem Vorhaben abbringst.«

Zwischen dem so unverhüllt angekündigten Tode und dem Verzicht auf das höchste geistliche Amt der Krone entschloß sich der sehr lüstern gewordene Schustersohn, der vielleicht voller Ehrgeiz nach einem Kardinalshut trachtete, sich aufs Hinauszögern zu verlegen; er verbarg sich in der Abtei von Saint-Germain. Als Karl der Neunte bei seinem ersten Mahle Amyot nicht sah, fragte er nach ihm. Irgendein Guisenfreund unterrichtete den König zweifelsohne von allem, was sich zwischen Amyot und der Königin-Mutter zugetragen hatte.

»Was, weil ich ihn zum Großalmosenier ernannt habe, hat man ihn verschwinden lassen?«

In dem heftigen Unwillen, der Kinder überkommt, wenn einer ihrer Launen widersprochen ward, eilte er zu seiner Mutter:

»Madame«, sagt er beim Eintreten, »habe ich nicht in gefälliger Weise die Erklärung signiert, um welche Ihr mich für das Parlament batet, und kraft der Ihr mein Königreich regiert? Habt Ihr mir, als Ihr es mir zeigtet, nicht versprochen, daß mein Wille Eurer sein würde? Und schon erweckt die einzige Gunst, die ich zu verschenken beabsichtige, Eure Eifersucht. Der Kanzler spricht davon, mich mit vierzehn Jahren, also in drei Jahren, für großjährig zu erklären, und Ihr wollt mich wie ein Kind behandeln . . . Ich werde, bei Gott, König, wie mein Vater und mein Großvater Könige waren!«

An dem Tone und der Art und Weise, wie diese Worte geäußert wurden, offenbarte sich Katharinen ihres Sohnes wahrer Charakter. Es war wie ein Dolchstich in ihren Busen.

›Zu mir spricht er so, zu mir, die ich ihn zum König gemacht habe!‹ dachte sie.

»Gnädiger Herr«, antwortete sie ihm, »in den jetzigen Zeitläuften ist der Königsberuf recht schwierig, und Ihr kennt die Herren noch nicht, mit denen Ihr es zu tun habt. Niemals werdet Ihr einen Freund haben, der aufrichtiger und zuverlässiger ist als Eure Mutter, niemals treuere Diener als die, welche sie seit langem an sich gefesselt hat und ohne deren Dienste Ihr heute vielleicht nicht da stündet, wo Ihr steht. Die Guisen wollen Euch sowohl Eure Krone wie Euer Leben rauben; wisset das. Wenn sie mich in einen Sack nähen und in den Fluß dort«, sagte sie, auf die Seine hinweisend, »werfen könnten, würde es heute abend geschehen. Diese Lothringer fühlen, daß ich die Löwin bin, die ihre Jungen verteidigt, die ihre kecken, nach der Krone greifenden Hände zurückstößt. An wem, an was hängt Euer Lehrer; wo sind seine Verbindungen? Welches Ansehen besitzt er? Welche Dienste wird er Euch leisten? Wie gewichtig wird sein Wort sein? . . . Anstatt Eure Macht zu stützen, habt Ihr sie geschwächt. Der Kardinal von Lothringen bedroht Euch, er spielt den König und behält vor dem ersten Prinzen von Geblüt den Hut auf dem Kopfe. Wäre es also nicht dringend notwendig, ihm einen anderen Kardinal entgegenzustellen, der mit einer der seinigen überlegenen Autorität versehen ist? Ist Amyot, dieser Schuster, imstande, ihm, der ihm Trotz bieten wird, die Schuhbänder zu lösen? Kurz, Ihr liebt Amyot, habt ihn ernannt. Mag Euch Euer erster Wille durchgehen, mein Herr! Ehe Ihr aber etwas wünscht, fragt mich in aller Freundschaft um Rat. Gebt der Staatsräson nach, und Euer gesunder Kinderverstand wird sich vielleicht mit meiner alten Erfahrung in Einklang bringen lassen, um zu entscheiden, wenn Ihr erst die Schwierigkeiten kennenlernt.«

»Ihr sollt mir meinen Meister wiedergeben!« sagte der junge König, ohne allzusehr auf seine Mutter zu hören, da er nichts als Vorwürfe aus ihrer Antwort herauslas.

»Ja, Ihr sollt ihn haben,« antwortete sie. »Aber weder er, noch etwa gar der rohe Cypierre sollen Euch das Regieren lehren.«

»Das werdet Ihr tun, meine liebe Mutter«, sagte er, durch seinen Triumph zufriedengestellt, und steckte eine andere Miene auf als jene drohende und heimtückische, die seiner Physiognomie von Natur aufgeprägt war.

Katharina ließ den neuen Großalmosenier durch Gondi suchen. Als der Florentiner Amyots Zufluchtstätte entdeckte und man dem Bischof sagte, daß der Höfling von der Königin-Mutter abgesandt worden sei, ward er von Schrecken gepackt und wollte die Abtei nicht verlassen. In solcher Verlegenheit sah sich Katharina genötigt, selber an den Lehrer in solchen Ausdrücken zu schreiben, daß er zurückkam und von ihr die Zusicherung ihres Schutzes erhielt, jedoch nur unter der Bedingung, daß er ihr blindlings bei Karl dem Neunten diene.

Nachdem dieser kleine häusliche Sturm sich gelegt, beriet Katharina, die nach einer mehr als jährlichen Abwesenheit in den Louvre zurückgekehrt war, mit ihren Intimen, wie sie sich dem Könige gegenüber, den Cypierre zu seiner Festigkeit beglückwünscht hatte, verhalten solle.

»Was soll ich machen?« sagte sie zu den beiden Gondis, zu Ruggieri, Birago und zu Chiverni, welcher des Herzogs von Anjou Gouverneur und Kanzler geworden war.

»Vor allem«, sagte Birago, »schickt Cypierre fort. Der ist kein Hofmann, wird sich niemals Euren Ansichten anbequemen und sein Amt zu erfüllen glauben, wenn er Euch entgegenarbeitet.«

»Auf wen soll ich mich verlassen?« rief die Königin.

»Auf einen von uns«, entgegnete Birago.

»Meiner Treu,« erwiderte Gondi, »ich verspreche Euch den König ebenso nachgiebig zu machen wie den Navarresen.«

»Den seligen König habt Ihr umkommen lassen, um Eure anderen Kinder zu retten; nun also, tut, was die großen Herrn in Konstantinopel tun: macht die Zornausbrüche und Launen dieses Kindes zunichte«, sagte Albert von Gondi. »Er liebt die Künste, die Dichtung, die Jagd und ein kleines Mädchen, das er zu Orleans gesehen. Das ist wahrlich genug, um ihn zu beschäftigen.«

»Ihr wollt also des Königs Gouverneur werden?« fragte Katharina den fähigeren der beiden Gondis.

»Wenn Ihr mir die für einen Gouverneur notwendige Autorität verleihen wollt; vielleicht muß man mich zum Marschall von Frankreich und zum Herzoge machen. Cypierre ist in keiner Weise Manns genug, um dieses Amt weiterhin zu bekleiden. In Zukunft muß des Königs von Frankreich Gouverneur etwa ein Marschall und Herzog sein.«

»Er hat Recht,« sagte Birago.

»Poet und Jäger«, sagte Katharina mit dem Tone der Träumerei.

»Wir werden jagen und lieben«, rief Gondi.

»Übrigens seid Ihr Amyots sicher«, erklärte Chiverni, »im Falle des Ungehorsams wird er immer Angst vor einem Gifttränklein haben, und mit Gondi werdet Ihr den König in Schach halten.«

»Ihr habt Euch darein gefunden, ein Kind zu verlieren, um Eure drei Söhne und die Krone zu retten. Da müßt Ihr auch den Mut haben, dieses ›zu beschäftigen‹, um das Königreich, vielleicht auch Euch selber zu retten«, sagte Ruggieri.

»Eben hat er mich schwer beleidigt«, äußerte Katharina von Medici.

»Er weiß nicht, was alles er Euch verdankt; und wenn er's wüßte, würdet Ihr in Gefahr geraten«, antwortete Birago, auf seine Worte Nachdruck legend, ernst.

»Abgemacht,« erwiderte Katharina, in der diese Antwort eine heftige Wirkung erzeugte, »Ihr sollt des Königs Gouverneur werden. Der König muß mir für einen der Meinigen die Gunst gewähren, auf die ich gerade dieses plattfüßigen Bischofs wegen ein Anrecht erlangte. Der Schelm hat sich eben um den Kardinalshut gebracht; ja, solange ich lebe, werde ich dawider sein, wenn der Papst ihm einen verleihen will. Wenn wir den Kardinal von Tournon für uns gehabt hätten, wären wir sehr stark gewesen. Welch ein Trio: der Großalmosenier, L'Hôpital und Thou! Was die Pariser Bourgeoisie anlangt, so denke ich sie durch meinen Sohn verhätscheln, zu lassen, dann können wir uns auf sie stützen . . .«

Und tatsächlich ward Gondi Marschall, wurde zum Herzog von Retz und einige Tage später zu des Königs Gouverneur ernannt.

Im Augenblick, wo diese kleine Beratung endigte, meldete der Kardinal von Tournon der Königin Calvins Sendboten an; um ihnen Respekt zu verschaffen, begleitete sie der Admiral Coligny. Sofort scharte die Königin ihre gefährlichen Ehrendamen um sich und schritt in jenen, von ihrem Gatten erbauten Empfangssaal, welcher im heutigen Louvre nicht mehr vorhanden ist.

Zu jenen Zeiten befand sich die Louvretreppe im Uhrenturm. Katharinas Gemächer lagen in den alten Baulichkeiten, die teilweise im Museumshofe fortbestehen. Die heutige Museumstreppe ist auf dem Platze des Ballettsaals erbaut worden. Ein Ballett war damals eine Art dramatischer Lustbarkeit, das vom ganzen Hofe dargestellt wurde. Die revolutionären Leidenschaften haben hinsichtlich des Louvre den lächerlichsten Irrtum über Karl den Neunten in Umlauf gebracht. Während der Revolution hat ein diesem Könige feindlich gesinnter Glaube – sein Charakter ist so wie so travestiert worden – ein Ungeheuer aus ihm gemacht. Cheniers Tragödie wurde unter dem Einflusse einer Inschrift verfaßt, die unter dem Fenster jenes vorgelagerten Gebäudeteils angebracht ist, der auf den Quai hinaus geht. Man liest dort folgende Worte: »Aus diesem Fenster hat Karl der Neunte verruchten Angedenkens auf französische Bürger gezielt.« Es geziemt sich, künftigen Historikern und ernsten Leuten mitzuteilen, daß dieser ganze Louvretrakt, welcher heute der alte Louvre genannt wird, der in den Quai hineingreift und den Saal mit dem Louvre durch die sogenannte Apollogalerie und den Louvre mit den Tuilerien durch die Museumssäle verbindet, niemals unter Karl dem Neunten existiert hat. Der größte Teil des Platzes, wo die Quaifassade sich erhebt oder wo sich der sogenannte Infantinnengarten hinzieht, ward vom Hotel Bourbon eingenommen, welches damals ja noch dem Hause Navarra gehörte. Rein technisch war es Karl dem Neunten unmöglich, vom Louvre Heinrichs des Zweiten aus auf eine mit Hugenotten angefüllte Barke, welche den Fluß durchquerte, zu schießen, wiewohl er die Seine von den heute vermauerten Fenstern dieses Louvreteils aus sehen konnte. Wiewohl sogar die Gelehrten und die Bibliotheken keine Karten besitzen, worauf der Louvre unter Karl dem Neunten vollkommen angegeben ist, weist das Monument selber die Widerlegung dieses Irrtums auf. Alle Könige, welche an diesem ungeheuren Werke mitgeholfen, haben es niemals unterlassen, ihre Anfangsbuchstaben oder irgendein Anagramm dort anzubringen. Dieser ehrwürdige und heute ganz schwarze Teil des Louvre, der auf den sogenannten Infantinnengarten blickt und sich dem Quai nähert, trägt Heinrichs des Dritten und Heinrichs des Vierten Initialen, die sehr verschieden von denen Heinrichs des Zweiten sind, der sein H mit den beiden C von Catharina verband, indem er ein D daraus machte, welches oberflächliche Leute täuscht. Heinrich der Vierte konnte sein Hotel Bourbon mit seinen Gärten und Nebengebäuden mit dem Louvrebereich vereinigen. Er hatte als erster den Gedanken, Katharina von Medicis Palast mit dem Louvre durch jene unvollendeten Galerien, deren kostbare Skulpturen sehr vernachlässigt sind, zu verbinden. Wenn auch weder ein Plan von Paris unter Karl dem Neunten, noch Heinrichs des Dritten und Vierten Initialen, existierten, würde doch der Architekturunterschied allein diese Verleumdung grausam Lügen strafen. Die Bogenrundungen mit kleinen gewundenen Verzierungen des Hotels de la Force und dieses Louvreteils zeigen aufs deutlichste den Übergang der sogenannten Renaissancearchitektur zur Architektur unter Heinrich dem Dritten, Heinrich dem Vierten und Ludwig dem Dreizehnten. Diese archäologische Abschweifung, die übrigens im Einklange steht mit den Gemälden, die diese Novelle eröffnen, erlaubt einem die wahre Physiognomie jenes anderen Pariser Winkels zu erkennen, von welchem nur mehr dieser Louvreteil vorhanden ist, dessen wundervolle Basreliefs von Tag zu Tage ihrem Untergange mehr entgegengehen.

Als der Hof hörte, daß die Königin den vom Admiral Coligny vorgestellten Theodor von Béza und Chaudieu eine Audienz erteilen wollte, eilten alle Höflinge, die ein Recht hatten, den Audienzsaal zu betreten, dorthin, um Zeugen dieser Zusammenkunft zu sein. Es war gegen sechs Uhr abends. Der Admiral hatte gerade gespeist und stocherte in seinen Zähnen herum, als er zwischen beiden Reformierten die Louvretreppen hinanstieg. Die Benutzung des Zahnstochers war beim Admiral zur unfreiwilligen Gewohnheit geworden; er säuberte sein Gebiß selbst inmitten einer Schlacht, wenn er einen Rückzug anzutreten gedachte. »Mißtraut des Admirals Zahnstocher, dem Nein des Konnetabels und Katharinas Ja«, war ein Sprichwort zu jenen Zeiten bei Hofe. Während der Bartholomäusnacht machte der Pariser Mob auf Colignys Leiche, die man drei Tage über auf dem Galgenberge hängen ließ, ein grausiges Epigramm, indem er ihr einen riesigen Zahnstocher in den Mund steckte. Die Chronisten haben diesen grausamen Scherz aufgezeichnet. Solch kleines Geschehnis inmitten einer großen Katastrophe ist übrigens bezeichnend für den Pariser, welcher der scherzhaften Travestie des Boileauschen Verses durchaus würdig ist:

Böse, wie er geboren, erschuf der Franzose das Fallbeil.

Zu allen Zeiten hat der Pariser vor, während und nach den gräßlichsten Revolutionen Späße gerissen.

Theodor von Béza war wie ein Höfling gekleidet: er trug schwarzseidene Beinkleider, durchbrochene Schuhe, ein schwarzseidenes Schlitzenwams und einen kleinen schwarzen Sammetmantel, von welchem eine schöne weiße Röhrenkrause sich lebhaft abhob, trug einen Schnurrbart und eine kleine Fliege, führte den Degen an der Seite und hielt einen Stock in der Hand. Jedweder, der die Versailler Galerien oder die Odieuvresche Sammlung besieht, erkennt sein rundes, fast joviales Gesicht mit den lebhaften Augen, das gekrönt wird von jener durch ihre Breite bemerkenswerte Stirne, welche Schriftsteller und Dichter jener Zeit charakterisiert. Béza besaß, was ihm sehr nützte, eine verbindliche Miene. Er kontrastierte stark mit Colignys Erscheinung, dessen finsteres Aussehen allgemein bekannt ist, und dem rauhen und galligen Chaudieu, der die Predigertracht und die calvinistischen Beffchen beibehielt. Was zu unseren Zeiten in der Deputiertenkammer vor sich geht und was zweifelsohne im Konvent vor sich ging, kann es einem verständlich machen, wie an diesem Hofe und zu dieser Epoche sich Leute, die sich sechs Monde später bis aufs Messer befehden und blutig bekriegen sollten, begegnen, höfisch miteinander reden und scherzen konnten. Als Coligny den Saal betrat, kamen Birago, der kaltherzig zur Sankt Bartholomäusnacht raten sollte, und der Kardinal von Lothringen, der seinem Diener Besme den Befehl zu erteilen vermochte, den Admiral ja nicht zu verfehlen, ihm entgegen, und der Piemontese sagte lächelnd zu ihm:

»Nun, mein lieber Admiral, Ihr nehmt es also auf Euch, die Genfer Herren hier vorzustellen?«

»Mir macht Ihr vielleicht ein Verbrechen daraus,« antwortete scherzend der Admiral, »während, wenn man es Euch aufgetragen hätte, Ihr Euch ein Verdienst draus machen würdet.«

»Ehren-Calvin, heißt es, sei sehr krank«, fragte der Kardinal von Lothringen Theodor von Béza. »Hoffentlich verdächtigt man uns nicht, ihm Gift beigebracht zu haben?«

»Oh, gnädiger Herr, Ihr würdet zuviel dabei verlieren!« antwortete Béza fein.

Der Herzog von Guise, der Chaudieu mit den Augen maß, blickte seinen Bruder und Birago fest an; beide waren überrascht durch dies Wort.

»Weiß Gott,« rief der Kardinal, »in kluger Politik seid Ihr keine Ketzer!«

Um jeder Schwierigkeit aus dem Wege zu gehen, hatte die Königin, die in diesem Augenblicke angemeldet ward, sich entschlossen, nicht Platz zu nehmen. Sie hub an mit dem Kronfeldherrn zu plaudern, der lebhaft von dem Skandale sprach, Calvins Abgesandte zu empfangen.

»Wie Ihr seht, lieber Konnetabel, empfangen wir sie ohne jede Förmlichkeit.«

»Madame,« sagte der Admiral, auf die Königin zutretend, »hier sind die beiden Doktoren der neuen Religion, die sich mit Calvin ins Einvernehmen gesetzt haben. Sie erhielten seine Weisungen hinsichtlich einer Konferenz, auf der die französischen Kirchen ihre verschiedenen Standpunkte ausgleichen könnten.«

»Hier ist Herr Theodor von Béza, den meine Frau liebt«, äußerte der König von Navarra, herzutretend und Theodor von Béza bei der Hand greifend.

»Und das hier ist Chaudieu«, rief der Prinz von Condé. »Mein ›Freund‹, der Herzog von Guise, kennt den Hauptmann,« sagte er, den Balafré anblickend, »vielleicht freut's ihn, den Prediger kennenzulernen.«

Dieser Gascognerstreich machte den ganzen Hof lachen; selbst Katharina lachte.

»Meiner Treu,« antwortete der Herzog von Guise, »entzückt bin ich, einen Mann zu sehen, der die Menschen so wohl zu wählen und in ihrer Sphäre anzuwenden weiß. Einer der Euren«, sagte er zu dem Prediger, »hat, ohne zu sterben und ohne irgend etwas einzugestehen, die außergewöhnliche peinliche Frage ausgehalten. Für einen leidlich tapfern Mann halte ich mich, weiß aber nicht, ob ich sie ebensogut ertragen würde . . .«

»Hm,« machte Ambrosius Paré, »Ihr habt auch nichts gesagt, als ich Euch zu Calais den Wurfspieß aus dem Gesichte zog.«

Inmitten des Halbkreises, der links und rechts von ihren Ehrendamen und Höflingen gebildet wurde, wahrte Katharina tiefes Schweigen. Indem sie die beiden berühmten Reformierten musterte, suchte sie sie mit ihrem schönen, schwarzen und klugen Blicke zu durchdringen. Sie studierte sie.

»Der eine scheint mir die Scheide, der andere die Klinge zu sein«, flüsterte Albert von Gondi ihr ins Ohr.

»Nun, meine Herren,« sagte Katharina, die ein Lächeln nicht zurückzuhalten vermochte, »Euer Meister hat Euch also die Erlaubnis gegeben, eine öffentliche Konferenz abzuhalten, wobei Ihr Euch bei dem Worte neuer Kirchenväter, die unseres Staates Ruhm bilden, bekehren könntet?«

»Wir haben keinen anderen Herrn als unseren Heiland«, sagte Chaudieu.

»Ach, ein bißchen Autorität meßt Ihr doch wohl dem Könige von Frankreich bei?« erwiderte lächelnd Katharina, den Prediger unterbrechend.

»Und viel sogar der Königin«, erklärte Béza, sich verneigend.

»Ihr sollt sehen,« antwortete sie, »meine ergebensten Untertanen werden die Ketzer sein.«

»Ach, gnädige Frau,« rief Coligny, »welch schönes Königreich würden wir Euch schaffen! Europa nutzt unseren Zwiespalt toll zu seinem Vorteile aus. Seit fünfzig Jahren sah es stets die eine Hälfte Frankreich wider die andere stehen.«

»Aber sind wir denn hier, um Wechselgesänge zum Ruhme der Ketzer singen zu hören?« sagte der Kronfeldherr grob.

»Nein, aber um ihre Sinnesänderung herbeizuführen,« flüsterte ihm der Kardinal von Lothringen ins Ohr, »und versuchen wollen wir, sie mit einiger Sanftmut an uns zu ziehen.«

»Wißt Ihr, was ich unter des Königs Vater getan haben würde?« sagte Anne von Montmorency. »Den Profoß hätt' ich gerufen, um diese beiden Plattfüße ohne weiteres am Louvrefirst aufknüpfen zu lassen.«

»Nun, meine Herren, welche Gelehrten wollt Ihr den unsrigen gegenüberstellen?« fragte die Königin, dem Konnetabel mit einem Blicke Schweigen gebietend.

»Duplessis-Mornay und Theodor von Béza sind unsere Anführer«, erklärte Chaudieu.

»Der Hof wird zweifelsohne nach dem Schlosse von Saint-Germain übersiedeln und, da es unschicklich sein möchte, wenn dies Kolloquium in der königlichen Residenz stattfände, wollen wir es in der kleinen Stadt Poissy abhalten«, antwortete Katharina.

»Werden wir dort in aller Sicherheit sein, Madame?« fragte Chaudieu.

»Ach,« entgegnete die Königin mit gespielter Naivität, »Ihr wißt Eure Vorsichtsmaßregeln gut zu treffen. Der Herr Admiral wird sich über diesen Gegenstand mit meinen Vettern Guise und Montmorency ins Einvernehmen setzen.«

»Den Henker!« erklärte der Kronfeldherr, »ich will nichts damit zu schaffen haben.«

»Wie fangt Ihr es an, daß Eure Sekretäre so charakterfest sind?« sagte die Königin, Chaudieu einige Schritte beiseite führend. »Meines Kürschners Sohn hat sich als erhaben bewiesen . . .«

»Wir haben den Glauben«, sagte Chaudieu.

In diesem Augenblick zeigte der Saal das Bild belebter Gruppen, in welchen die Frage dieser Versammlung behandelt wurde, die nach der Königin Worte bereits den Namen Kolloquium von Poissy angenommen hatte. Katharina blickte Chaudieu an und vermochte ihm zu sagen:

»Ja, ein neuer Glaube!«

»Ach, gnädige Frau, wenn Ihr nicht verblendet wäret durch Eure Verbindungen mit der römischen Kurie, würdet Ihr sehen, daß wir zur wahren Lehre Jesu Christi zurückgreifen, welche uns allen, da sie die Seelengleichheit weiht, gleiche Rechte auf Erden gibt.«

»Ihr haltet Euch für Calvins gleichen?« fragte die Königin fein. »Geht, nur vor der Kirche sind wir alle gleich. Doch, wahrlich die Bande zwischen Volk und Thronen auflösen? Nicht nur Ketzer seid Ihr, Ihr empört Euch auch wider den dem Könige gebührenden Gehorsam, indem Ihr Euch von dem dem Papste zukommenden frei macht.«

Sie verließ ihn jählings und kehrte zu Theodor von Béza zurück.

»Ich zähle auf Euch, mein Herr,« sagte sie zu ihm, »für dies Kolloquium der Gewissen. Laßt Euch alle Zeit.«

»Ich glaubte,« sagte Chaudieu zum Prinzen von Condé, zum Könige von Navarra und dem Admiral von Coligny, »Staatsgeschäfte würden ernsthafter betrieben.«

»Oh, wir alle wissen ganz genau, was wir wollen«, erklärte der Prinz von Condé, der einen feinen Blick mit Theodor von Béza wechselte.

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