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Katharina von Medici

Honoré de Balzac: Katharina von Medici - Kapitel 13
Quellenangabe
typenovelette
authorHonoré de Balzac
titleKatharina von Medici
publisherDiogenes
yearo.J.
isbn3257204809
translatorPaul Hansmann
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Lecamus ahnte nichts von der furchtbaren Szene, die sich am königlichen Bette abspielte und den Befehl zur Folge hatte, des Prinzen Blutgerüst zu errichten, dessen Verurteilung durch ein Kontumazurteil sozusagen verkündigt worden war. Seine Vollstreckung war der Krankheit des Königs wegen verschoben worden. Es befanden sich in dem Saale, auf den Treppen und im Hofe der Ballei nur Leute, die durchaus zum Dienste gehörten. Die Menge der Höflinge belagerte das Haus des Königs von Navarra, dem nach den Reichsgesetzen die Regentschaft zustand. Der überdies durch die Kühnheit der Guisen erschreckte französische Adel empfand das Bedürfnis, sich um das Haupt des jüngeren Hauses zu scharen, da er in der Königin-Mutter eine Sklavin der Guisen sah und deren Italienerinnenpolitik auch nicht verstand. Seiner geheimen Abmachung mit Katharina getreu mußte Anton von Bourbon zu ihren Gunsten in dem Momente auf die Regentschaft verzichten, wo die Stände sich zu dieser Frage äußern würden. Die tiefe Einsamkeit hatte sehr auf den Großmeister gewirkt; bei der Rückkehr von einer vorsichtshalber durch die Stadt gemachten Runde fand er beim Könige nämlich nur die mit seinem Glücke verbundenen Freunde vor. Das Zimmer, in welchem man Franz des Zweiten Bett aufgestellt hatte, stieß an den großen Balleisaal. Er war damals mit Eichenholz getäfelt. Die Decke, aus kleinen länglichen, geschickt aneinandergepaßten und bemalten Brettern zusammengesetzt, zeigte blaue Arabesken auf Goldgrund, von denen ein Teil, der vor bald fünfzig Jahren heruntergenommen ward, von einem Altertumsliebhaber gesammelt worden ist. Dies mit Gobelins verkleidete Zimmer, auf dessen Fußboden sich Teppiche breiteten, war so düster, daß ihm die angezündeten Fackeln auch nur wenig Helligkeit zu spenden vermochten. Das breite Bett mit vier Säulen und seidenen Vorhängen glich einer Gruft. Auf einer Seite dieses Lagers, am Kopfende, saßen die Königin Maria und der Kardinal von Lothringen; Katharina saß in einem Sessel. Der berühmte Johann Chapelain, der diensttuende Arzt, welcher später Karls des Neunten Leibarzt war, stand aufrecht am Kamin. Tiefstes Schweigen herrschte. Der abgemagerte, bleiche König lag wie verloren in seinen Leintüchern und ließ auf dem Kopfpfühle kaum sein schmales verzerrtes Antlitz sehen. Die auf einem Schemel sitzende Herzogin von Guise stand der jungen Königin Maria bei, und neben Katharina, von einer Fensternische aus, bespähte Frau von Fiesco der Königin-Mutter Gebärden und Blicke, denn sie wußte ja, wie gefährlich deren Lage war.

Im Saale nahm trotz der vorgerückten Abendstunde Herr von Cypierre, des Herzogs von Orleans Hofmeister, der ja auch Stadtkommandant war, eine Kaminecke mit den beiden Gondis ein. Der Kardinal von Tournon, welcher sich bei dieser Krise für der Königin-Mutter Interessen einsetzte, da er sich vom Kardinal von Lothringen wie ein Untergebener behandelt fühlte, dem er doch vom kirchlichen Standpunkte aus durchaus gleichgestellt war, plauderte leise mit den Gondis. Die Marschälle von Vieilleville und Saint-André und der Großsiegelverwahrer, der den Ständen vorsaß, unterhielten sich mit leiser Stimme über die Gefahren, denen die Guisen ausgesetzt waren.

Der Reichsverweser durchquerte den Saal, den er mit einem schnellen Blicke überflog, und begrüßte den Herzog von Orleans, welchen er dort erblickte.

»Gnädiger Herr,« sagte er, »jetzt könnt Ihr die Menschen kennenlernen: der katholische Adel des Königreichs weilt bei einem ketzerischen Fürsten, da er annimmt, daß die Stände den Erben des Verräters, der Euren erlauchten Großvater solange im Kerker zurückhalten ließ, die Regentschaft zusprechen werden!«

Diese Worte sollten einen tiefen Eindruck in des Prinzen Herzen hinterlassen. – Dann ging er in das Gemach, wo der junge König lag. Der war mehr in dumpfe Schlaffheit versunken, als daß er schlief. Gewöhnlich wußte der Herzog von Guise den finstern Anblick seines benarbten Antlitzes unter einer sehr liebenswürdigen Miene zu verbergen; in diesem Momente aber, als er das Werkzeug seiner Macht zerbrechen sah, besaß er nicht die Kraft zu lächeln. Der Kardinal, welcher ebensoviel Zivilistenmut als sein Bruder Soldatenmut besaß, tat zwei Schritte und kam dem Reichsverweser entgegen.

»Robertet glaubt, der kleine Pinard sei von der Königin-Mutter gekauft worden,« flüsterte er ihm ins Ohr, indem er ihn in den Saal führte, »man hat sich seiner bedient, um die Ständemitglieder zu bearbeiten.«

»Ach, was macht's, daß wir von einem Schreiber verraten werden, wenn uns alles verrät!« schrie der Reichsverweser. »Die Stadt ist für die Reformation, und wir stehen am Vorabend einer Revolte. Ja, die Wespentiere sind mißvergnügt,« fuhr er, den Leuten von Orleans ihren Spitznamen gebend, fort, »und wenn Paré nicht den König rettet, werden wir einen schrecklichen Aufstand erleben. Vor kurzem noch hätten wir Orleans belagern können, das ein hugenottisches Krötenloch ist.«

»Seit einem Augenblick«, entgegnete der Kardinal, »beobachte ich die Italienerin, die da in tiefer Gefühllosigkeit verharrt; sie belauert ihres Sohnes Tod. Gott verzeihe ihr! Und ich frage mich, ob wir nicht besser täten, sie wie den König von Navarra zu verhaften.«

»Es ist schon zu viel, daß wir den Prinzen von Condé im Gefängnis sitzen haben«, antwortete der Herzog.

Der Lärm eines mit verhängten Zügeln herbeisprengenden Reiters hallte vor dem Tore der Ballei wieder. Die beiden lothringischen Fürsten traten ans Fenster und beim Scheine der immer unter dem Torgange brennenden Fackeln des Türhüters und der Wache erkannte der Herzog am Hute jenes berühmte lothringische Kreuz, welches der Kardinal seine Parteigänger gerade zu tragen geheißen hatte. Er schickte einen der Arkebusiere, die im Vorzimmer standen, hinaus, um dem Ankömmling sagen zu lassen, daß er eintreten solle; gefolgt von seinem Bruder ging er ihm selber bis auf den Treppenabsatz entgegen.

»Was gibt's, mein lieber Simeuse?« fragte der Herzog in der liebenswürdigen Art, die er Kriegsleuten gegenüber entfaltete, als er den Kommandanten von Gien sah.

»Der Kronfeldherr reitet in Pithiviers ein; er hat Écouen mit fünfzehnhundert Meldereitern und hundert Edelleuten verlassen . . .«

»Sind sie in Begleitung?« fragte der Herzog.

»Ja, gnädiger Herr,« antwortete Simeuse, »alles in allem sinds ihrer zweitausendsechshundert. Wie einige sagen, bildet Thore mit einem Streifkorps Infanterie den Nachtrab. Wenn der Konnetabel sich aufhält, um seinen Sohn zu erwarten, habt Ihr Zeit, ihn abzutun.«

»Weiter wißt Ihr nichts? Sind die Gründe dieses Zu-den-Waffen-Greifens bekannt? Anne spricht ebensowenig, als er schreibt. Geht ihm entgegen, mein Bruder, während ich ihn mit seines Neffen Kopf begrüßen will«, sagte der Kardinal, der den Befehl erteilte, Robertet zu holen.

»Vieilleville,« rief der Herzog dem herankommenden Marschall entgegen, »der Kronfeldherr besitzt den Mut, sich in Waffen zu zeigen; steht Ihr mir dafür ein, daß Ihr die Stadt in Schach haltet, wenn ich ihm entgegenziehe?«

»Sobald Ihr hinausgeht, werden die Bürger zu den Waffen greifen. Und wer kann wissen, wie eine Affäre zwischen Rittern und Bürgern in diesen engen Straßen ausläuft?« antwortete der Marschall.

»Gnädiger Herr,« sagte Robertet, der die Treppe heraufgestürzt kam, »der Kanzler steht vor den Toren, soll man ihm aufmachen?«

»Öffnet«, antwortete der Kardinal von Lothringen. »Konnetabel und Kanzler zusammen würden zu gefährlich sein, man muß sie trennen. Bei L'Hôpitals Wahl für dies Amt sind wir böse von der Königin-Mutter genasführt worden.«

Mit dem Kopfe gab Robertet einem Hauptmann, der unten an der Treppe auf eine Antwort wartete, ein Zeichen. Und dann wandte er sich schnell um, des Kardinals Befehlen harrend.

»Ich nehme mir die Freiheit, gnädiger Herr,« sagte er, noch eine Anstrengung machend, »Euch vorzustellen, daß das Urteil vom Könige und seinem Rat gebilligt werden muß. Wenn Ihr für einen Prinzen von Geblüt das Gesetz verletzt, wird man es weder einem Kardinal noch einem Herzog von Guise gegenüber respektieren.«

»Pinard hat dich verwirrt, Robertet«, sagte der Kardinal streng. »Weißt du nicht, daß der König das Urteil unterfertigte am Tage, wo er aus der Stadt zog, um es uns vollstrecken zu lassen?«

»Obwohl Ihr mir schier meinen Kopf abverlangt, indem Ihr mich mit diesem Dienste betraut, der übrigens von dem Profoß der Stadt vollzogen werden wird, will ich es tun, gnädiger Herr.«

Der Großmeister hörte dies Gespräch an, ohne mit der Wimper zu zucken; aber er ergriff seinen Bruder beim Arme und führte ihn in eine Ecke des Saales.

»Gewiß«, sagte er zu ihm, »haben Karls des Großen Erben das Recht, eine Krone wieder an sich zu reißen, die ihrem Hause von Hugo Capet abgenommen wurde; aber können sie es? Die Frucht ist noch nicht reif. Unser Neffe stirbt und der ganze Hof harrt beim Könige von Navarra.«

»Des Königs Herz ist schwach geworden. Wäre es anders, hätte der Béarnaise den Daggert zwischen den Rippen,« entgegnete der Kardinal, »und mit all den Kindern würden wir leichtes Spiel haben.«

»Der Platz hier ist nicht günstig für uns«, sagte der Herzog. »Der Aufstand der Stadt würde von den Ständen unterstützt werden. L'Hôpital, den wir so sehr beschützten und dessen Ernennung sich die Königin Katharina so lebhaft widersetzte, ist heute gegen uns; und wir bedürfen der Justiz. Die Königin-Mutter hat heute zu viele Leute hinter sich, als daß wir sie nach Hause schicken könnten . . . Überdies noch drei Prinzen!«

»Sie ist nicht mehr Mutter, nur mehr Königin«, sagte der Kardinal; »meines Ermessens wäre jetzt der rechte Augenblick, um einmal mit ihr Schluß zu machen. Energie und nochmals Energie: das ist mein Rezept.«

Nach diesem Wort ging der Kardinal in des Königs Gemach zurück. Der Herzog folgte. Der Priester trat auf Katharina zu.

»In La Sagnes Papieren, der des Prinzen von Condé Sekretär ist, hat man Euch einsehen lassen; Ihr wißt, daß die Bourbonen Eure Kinder entthronen wollen?« sagte er zu ihr.

»All das weiß ich«, entgegnete die Italienerin.

»Nun denn, wollt Ihr den König von Navarra verhaften lassen?«

»Es gibt ja einen Reichsverweser«, erwiderte sie.

In diesem Augenblick beklagte Franz der Zweite sich über heftige Ohrenschmerzen. In jämmerlichem Tone hub er zu greinen an. Der Arzt verließ den Kamin, an dem er sich wärmte, und untersuchte den Zustand des Kopfes.

»Nun, Herr?« fragte der Großmeister, sich an den Leibarzt wendend.

»Ich wage es auf mich zu nehmen, einen Breiumschlag anzuwenden, um die Säfte anzuziehen. Meister Ambrosius hat versprochen, den König durch eine Operation zu retten, ich würde dagegen sein.«

»Verschieben wir das auf morgen,« sagte Katharina kalt, »und alle Ärzte sollen dabei sein. Ihr wißt ja zu welchen Verleumdungen der Fürsten Tod Anlaß gibt.«

Sie küßte ihrem Sohn die Hände und zog sich zurück.

»Mit welcher Seelenruhe diese kecke Kaufmannstochter von des Dauphins Tode spricht. Von Montecuculi, einem Florentiner ihres Gefolges, ward er vergiftet!« rief die Königin Maria.

»Maria,« schrie der kleine König, »mein Großvater hat ihre Unschuld niemals angezweifelt . . .«

»Kann man es verhindern, daß dies Weib morgen kommt?« fragte die Königin ihre Oheime mit leiser Stimme.

»Was wird aus uns, wenn der König sterben sollte?« antwortete der Kardinal, »Katharina würde uns alle in sein Grab sinken lassen.«

So ward in dieser Nacht zwischen Katharina von Medici und dem Hause Lothringen klar und deutlich die Frage gestellt. Des Kanzlers und des Konnetabels Ankunft deuteten auf eine Revolte hin. Am Morgen des folgenden Tages mußte es sich also entscheiden.

Am kommenden Morgen erschien die Königin-Mutter als erste. In ihres Sohnes Gemach traf sie nur die Königin Maria Stuart an; bleich war die und übermüdet, sie hatte betend die Nacht am Bette zugebracht. Die Herzogin von Guise hatte der Königin Gesellschaft geleistet, und die Hofdamen hatten sich wieder eingefunden. Der junge König schlief. Weder der Herzog noch der Kardinal waren bislang erschienen. Der Priester, kühner als der Soldat, hatte, hieß es, in der vergangenen Nacht alle seine Energie entfaltet, ohne den Herzog jedoch soweit zu bringen, daß er sich zum König machte. Angesichts der versammelten Generalstände und der drohenden Schlacht, die er dem Kronfeldherrn von Montmorency liefern mußte, fand der Balafré die Umstände nicht günstig. Er weigerte sich, den König von Navarra, die Königin-Mutter, den Kanzler, den Kardinal von Tournon, die Gondis, Ruggieri und Birago festzunehmen, indem er auf den Aufstand hinwies, der solchen Gewaltmaßnahmen folgen würde. Seines Bruders Pläne machte er von Franz des Zweiten Leben abhängig.

Tiefstes Schweigen herrschte im Königsgemach. In Begleitung von Frau von Fiesco trat Katharina an den Rand des Bettes und betrachtete ihren Sohn mit wunderbar gespielter Schmerzensmiene. Sie hielt ihr Taschentuch vor die Augen und setzte sich in die Fensternische, wohin Frau von Fiesco ihr einen Sessel rückte. Von dort aus irrten ihre Augen über den Hof.

Zwischen Katharina und dem Kardinal von Tournon war abgemacht worden, daß der Kardinal, wenn der Konnetabel glücklich in die Stadt eindränge, in Begleitung der beiden Gondis kommen sollte. Falls ein Unglück geschähe, sollte er allein erscheinen. Um neun Uhr morgens kamen die beiden lothringischen Fürsten in Begleitung ihrer Edelleute, die im Wohngemach zurückblieben, zum König herauf. Der diensttuende Hauptmann hatte ihnen gemeldet, daß Ambrosius Paré eben mit Chapelain und drei anderen, von Katharina bearbeiteten Ärzten angelangt sei; die alle haßten Ambrosius.

In wenigen Augenblicken bot der große Balleisaal den nämlichen Anblick wie der Wachensaal zu Blois am Tage, wo der Herzog von Guise zum Reichsverweser ernannt und Christoph auf die Folter gespannt ward, mit dem Unterschied freilich, daß damals Liebe und Freude das Königsgemach erfüllten, daß die Guisen triumphierten, während heute dort Trauer und Tod herrschten und die Lothringer die Macht ihren Händen entgleiten fühlten.

Die Hoffräulein beider Königinnen befanden sich in zwei Lagern je in einer Ecke des Kamins, in welchem ein tüchtiges Feuer brannte. Der Saal war mit Höflingen angefüllt. Die Kunde hatte sich verbreitet – durch wen weiß man nicht –, daß Ambrosius eine kühne Operation vornehmen wolle, um dem König das Leben zu retten, und diese Neuigkeit hatte alle Edelleute herbeigelockt, die das Recht besaßen, bei Hof zu erscheinen. Die äußere Balleitreppe und der Hof standen voller unruhiger Gruppen. Das gegenüber dem Rekollektenkloster für den Prinzen von Condé errichtete Blutgerüst setzte den ganzen Adel in Erstaunen. Man plauderte mit leiser Stimme und die Gespräche zeigten wie in Blois den nämlichen Mischmasch von ernsthaften und frivolen, von leichtfertigen und tiefen Dingen. Man hub an, sich an die Wirren, an jähe Revolutionen, das Zu-den-Waffen-Greifen, an Rebellion und die plötzlichen großen Ereignisse zu gewöhnen, die sich wie ein roter Faden durch die lange Periode hinzogen, in welcher trotz aller Anstrengungen der Königin Katharina das Haus Valois erlosch.

Ein tiefes Schweigen herrschte bis zu einer gewissen Entfernung des königlichen Gemaches um die Tür herum, die von zwei Hellebardenträgern, zwei Pagen und dem Hauptmanne der Schottländergarde bewacht wurde. Anton von Bourbon, der in seinem Hotel gefangen gehalten ward, hörte dort, als er sich allein sah, von den Hoffnungen des Hofes und wurde durch die Nachricht von den in der Nacht für seines Bruders Hinrichtung getroffenen Anstalten schwer niedergedrückt.

Vor dem Kamin der Ballei stand eine der schönsten und größten Männergestalten jener Zeit: der Kanzler de L'Hôpital in seinem roten hermelinverbrämten Talare. Dem Privilegium seines Amtes gemäß war sein Haupt mit der mörserförmigen Mütze bedeckt. Als er in seinen Wohltätern Aufrührer sah, hatte der mutige Mann die Interessen seiner Könige, die von der Königin-Mutter repräsentiert wurden, zu seinen eigenen gemacht. Auf die Gefahr hin, um seinen Kopf zu kommen, war er nach Écouen gegangen, um sich mit dem Kronfeldherrn zu beraten. Niemand wagte ihn in dem Nachdenken, in das er versunken war, zu stören. Robertet, der Staatssekretär, zwei Marschälle von Frankreich, Vieilleville und Saint-André, und der Großsiegelverwahrer bildeten vor dem Kanzler eine Gruppe. Die Höflinge lachten nicht gerade, führten aber immerhin boshafte Redensarten im Munde, und besonders die, welche nicht zu den Guisen hielten.

Endlich hatte der Kardinal den Schotten Stuart, des Präsidenten von Minard Mörder, erwischt und ließ ihm gerade in Tours den Prozeß machen. Ebenfalls hatte er in den Schlössern von Blois und Tours eine ziemlich stattliche Anzahl von Edelleuten, die sich kompromittiert hatten, festgesetzt, um dem Adel einen gewissen Schrecken einzujagen; doch der ließ sich durch nichts einschüchtern und fand in der Reformation einen Rückhalt für seine Vorliebe zu Revolten, welche durch das Gefühl seiner ursprünglichen Gleichheit mit dem Könige bedingt wurde.

Die Gefangenen in Blois nun hatten Mittel und Wege zur Flucht gefunden, und ein merkwürdiges Verhängnis wollte, daß die Gefangenen von Tours die von Blois nachahmten.

»Gnädige Frau,« sagte der Kardinal von Châtillon zu Frau von Fiesco, »wenn sich irgendwer für die Gefangenen von Tours interessiert: sie schweben in einer großen Gefahr.«

Als der Kanzler diese Phrase hörte, wandte er den Kopf einer Gruppe von der Königin-Mutter Hoffräulein zu.

»Ja, der junge Desvaux, des Prinzen von Condé Junker, den man in Tours zurückhielt, fügte seiner Flucht einen bittren Spott hinzu. Er hat, heißt es, den Herren von Guise folgendes Wörtchen geschrieben:

›Wir haben von dem Entweichen Eurer Gefangenen in Blois gehört, das hat uns so verdrossen, daß wir ihnen flugs nachgejagt sind. Haben wir sie erst gepackt, bringen wir sie Euch zurück.‹«

Obwohl ihm der Spaß gefiel, blickte der Kanzler Herrn von Châtillon mit strenger Miene an. In diesem Moment erhoben sich in des Königs Gemach Stimmen. Robertet und der Kanzler, desgleichen die beiden Marschälle traten näher zusammen, handelte es sich doch nicht nur für den König um Leben und Tod; der ganze Hof wußte, welche Gefahr der Kanzler, Katharina und ihre Anhänger liefen. Das Schweigen, das nun entstand, war denn auch tief.

Ambrosius hatte den König untersucht, der Augenblick schien ihm günstig für seine Operation; wenn sie jetzt nicht sofort vorgenommen wurde, konnte Franz der Zweite von Minute zu Minute sterben. Sobald die Herren von Guise hereingekommen waren, hatte er die Ursachen von des Königs Krankheit auseinandergesetzt, hatte bewiesen, daß er äußersten Falls trepanieren müsse, und erwartete den Befehl der Ärzte.

»Meines Sohnes Kopf wie ein Brett durchbohren und das mit diesem furchtbaren Instrumente!« schrie Katharina von Medici, »Meister Ambrosius, das werde ich nie und nimmer zugeben.«

Die Ärzte berieten untereinander; Katharinas Worte aber wurden so laut geäußert, daß sie, ihrer Absicht entsprechend, auch vor der Türe gehört wurden.

»Aber, Madame, wenn es nur mehr dies einzige Rettungsmittel gibt?« sagte Maria Stuart weinend.

»Ambrosius,« schrie Katharina, »denkt daran; daß Ihr mir mit Eurem für des Königs Kopf haftet!«

»Wir widersetzen uns dem Mittel, das Meister Ambrosius zum Vorschlag bringt«, sagten die drei Ärzte. »Man kann den König retten, indem man in des Königs Ohr ein Heilmittel träufelt, das die schlechten Säfte durch den natürlichen Kanal hinausbefördert.«

Der Großmeister, der Katharinas Gesicht studiert hatte, ging plötzlich zu ihr und führte sie in die Fensternische.

»Madame,« sagte er zu ihr, »Ihr wollt Eures Kindes Tod, Ihr stimmt mit unseren Feinden überein und das seit Blois. Heute morgen hat der Rat Viole dem Sohne Eures Kürschners gesagt, daß dem Prinzen von Condé der Kopf heruntergehauen würde. Der junge Mann, der während seiner peinlichen Frage jede Verbindung mit dem Prinzen von Condé abgeleugnet hatte, hat ihm ein Lebewohlzeichen zugewinkt, als er vor seinem Gefängnisfenster vorüberging. Mit königlicher Gefühllosigkeit habt Ihr Eurem unglücklichen Mitwisser bei der peinlichen Frage ins Auge geschaut. Heute wollt Ihr Euch der Errettung Eures ältesten Sohnes widersetzen. Ihr macht uns glauben, daß des Dauphins Tod, dem der verstorbene König die Krone aufs Haupt setzte, kein natürlicher gewesen ist und daß Montecuculi Euer . . .«

»Herr Kanzler«, schrie Katharina, auf deren Zeichen hin Frau von Fiesco beide Flügel der Türe aufriß.

Die Anwesenden sahen nun das Schauspiel im Königsgemach: der kleine König lag fahl da, sein Gesicht war erloschen, die Augen glanzlos, aber er lallte das Wort Maria und hielt der weinenden jungen Königin Hand. Erschrocken über Katharinas Kühnheit war die Herzogin von Guise aufgesprungen. Die beiden lothringischen Prinzen, in gleicher Weise beunruhigt, standen zu Seiten der Königin-Mutter und waren entschlossen, sie von Maillé-Brezé verhaften zu lassen. Der große Ambrosius Paré endlich, dem des Königs Arzt Beistand leistete, hielt seine Instrumente in der Hand und wagte nicht, seine Operation vorzunehmen, für die eine unumschränkte Ruhe ebenso notwendig war wie die Zubilligung der Ärzte.

»Herr Kanzler,« sagte Katharina, »die Herren von Guise wollen eigenmächtig an des Königs Person eine seltsame Operation vornehmen lassen. Ambrosius bietet sich an, ihm den Kopf zu durchbohren. Ich als Mutter wie als Teilnehmerin des Regentschaftsrates protestiere gegen das, was mir ein Majestätsverbrechen zu sein scheint. Die drei Ärzte sind für eine Einspritzung, die meines Dafürhaltens auch genügt und minder gefährlich ist als das wüste Vorgehen des Ambrosius.«

Auf diese Worte hin erhob sich ein finsterer Lärm. Der Kardinal ließ den Kanzler eintreten und schloß die Tür.

»Ich aber bin Reichsverweser,« sagte der Herzog von Guise, »und Ihr werdet wissen, Herr Kanzler, daß Ambrosius, des Königs Chirurg, uns für dessen Leben haftet.«

»Ach, die Dinge stehen so,« rief der große Ambrosius Paré, »nun gut, jetzt weiß ich, was ich zu tun habe.«

Er reckte die Hand über das Bett.

»Dies Lager und der König gehören mir«, fuhr er fort. »Ich werfe mich zum einzigen und einzig verantwortlichen Herren auf, ich kenne die Pflichten meines Amtes und werde den König ohne der Ärzte Geheiß operieren . . .«

»Rettet ihn,« flüsterte der Kardinal, »Frankreichs reichster Mann sollt Ihr dann werden!«

»Fangt doch an«, sagte Maria Stuart, Ambrosius' Hand drückend.

»Verhindern kann ich nichts,« erklärte der Kanzler, »ich konstatiere aber den Protest der Frau Königin-Mutter.«

»Robertet!« rief der Herzog.

Als Robertet eingetreten war, zeigte der Reichsverweser auf den Kanzler.

»Ihr seid Kanzler von Frankreich an Stelle dieses Verräters«, sagte er zu ihm. »Herr von Maillé, führt Herrn von L'Hôpital in des Prinzen von Condé Gefängnis. – Was Euch anlangt, Madame,« sagte er zu Katharina, »Euer Protest wird nicht angenommen. Ihr könntet doch daran denken, daß ein solcher Akt eine hinreichende Macht hinter sich stehen haben müßte. Ich handle als treuer Untertan und loyaler Diener des Königs Franz des Zweiten, meines Herrn . . . Beginnt, Ambrosius«, fügte er, den Chirurgen anblickend, hinzu.

»Herr von Guise,« sagte L'Hôpital, »wenn Ihr, sei es dem Könige, sei es Frankreichs Kanzler gegenüber Gewalt gebraucht, so denkt daran, daß es in diesem Saale genug französische Adlige gibt, um Verräter zu verhaften!«

»O, meine gnädigen Herren,« schrie der große Chirurg, »wenn Ihr Euch so weiter streitet, könnt Ihr bald rufen: Es lebe der König Karl der Neunte! denn der König wird sterben.«

Kaltblütig schaute Katharina aus dem Fenster.

»Wenden wir also Gewalt an, um die Herren in des Königs Zimmer zu sein«, sagte der Kardinal, der die Türe schließen wollte.

Aber er prallte erschreckt zurück, denn die Ballei lag völlig vereinsamt da. Der Hof hielt des Königs Tod für gewiß und war zu Anton von Navarra gelaufen.

»Nun denn, so beginnt doch«, rief Maria Stuart Ambrosius zu. »Ich und Ihr, Herzogin,« sagte sie zu Frau von Guise, »wir werden ihn schützen.«

»Gnädige Frau,« sagte Ambrosius, »mein Eifer hat mich fortgerissen; außer meinem Freunde Chapelain sind alle Ärzte für eine Einspritzung. Ihnen schulde ich Gehorsam. Er würde gerettet sein, wenn ich Leibarzt und Leibchirurg gewesen wäre. Gebt her, meine Herren«, sagte er, eine kleine Spritze aus des Leibarzts Händen nehmend und sie füllend.

»Mein Gott!« rief Maria Stuart, »ich befehle Euch . . .«

»Ach, Madame,« erklärte Ambrosius, »von den Herren hier bin ich abhängig.«

Die junge Königin stellte sich mit der Großmeisterin zwischen den Chirurgen, die Ärzte und die anderen Personen. Der Leibarzt hielt des Königs Kopf und Ambrosius machte die Einspritzung ins Ohr. Die beiden lothringischen Fürsten sahen voller Spannung zu. Robertet und Herr von Maillé verharrten unbeweglich. Ohne gesehen zu werden, verließ Frau von Fiesco auf ein Zeichen Katharinas hin den Raum. In diesem Augenblick öffnete L'Hôpital kühn die Tür von des Königs Gemach.

»Ich komme gerade zur rechten Zeit«, sagte ein Mann, dessen hastige Schritte im Saale widerhallten; in einem Momente stand er auf der Schwelle des Königszimmers. »Ah, meine Herren, Ihr wollt meinem schönen Neffen, dem Prinzen von Condé, seinen Kopf vor die Füße werfen? . . . Da habt Ihr aber den Löwen aus seiner Höhle hervorgelockt, und er ist hier!« fügte der Konnetabel von Montmorency hinzu. – »Mit Euren Instrumenten sollt Ihr meines Königs Kopf nicht durchstöbern, Ambrosius. Nur von ihrer Feinde Eisen, in der Schlacht, lassen sich Frankreichs Könige so berühren. Der erste Prinz von Geblüt, Anton von Navarra, der Prinz von Condé, die Königin-Mutter, der Kronfeldherr und der Kanzler widersetzen sich solcher Operation.«

Zu Katharinas größter Genugtuung zeigten sich der König von Navarra und der Prinz von Condé alsogleich.

»Was soll das bedeuten?« fragte der Herzog von Guise, seine Hand an den Daggert legend.

»In meiner Eigenschaft als Kronfeldherr habe ich die Wachen aller Posten fortgeschickt. Gottsdonner, wir sind hier nicht in Feindesland, meine ich. Der König, unser Herr, ist inmitten seiner Untertanen, und die Reichsstände müssen in aller Freiheit beraten können. Ich komme aus der Ständeversammlung meine Herren! Hab meines Neffen Condé Protest abgegeben, ihn aber haben dreihundert Edelleute befreit. Ihr wollt königliches Blut fließen lassen und des Reiches Adel dezimieren. Ach, fortan mißtraue ich allem, was Ihr beabsichtigt, meine Herren von Lothringen! Wenn Ihr befehlt, des Königs Haupt zu öffnen, bei diesem Degen, welcher Frankreich vor Karl dem Fünften unter seinem Großvater gerettet hat, es wird nicht geschehen . . .«

»Um so mehr,« sagte Ambrosius Paré, »als jetzt alles zwecklos ist, die Auflösung beginnt.«

»Eure Herrschaft ist zu Ende, meine Herren«, sagte Katharina zu den Lothringern, als sie an Ambrosius Miene sah, daß er keine Hoffnung mehr hegte.

»Ach, gnädige Frau, Ihr habt Euern Sohn getötet«, schrie Maria Stuart ihr zu, die wie eine Löwin vom Bette an das Fenster stürzte. Sie packte die Florentinerin beim Arm und drückte ihn mit aller Gewalt.

»Mein Liebchen«, antwortete Katharina Maria Stuart mit einem feinen und kalten Blicke, der ihrem seit sechs Monden aufgespeicherten Hasse freien Lauf ließ, messend, »Ihr mit Eurer hitzigen Liebe seid an diesem Tode schuld. Ihr werdet jetzt in Eurem Schottland regieren und morgen dahin aufbrechen. Jetzt erkennt in mir die Regentin.«

Die drei Ärzte hatten der Königin-Mutter ein Zeichen gegeben.

»Meine Herren,« sagte diese die Guisen anblickend, »zwischen Herrn von Bourbon, der von den Ständen zum Reichsverweser ernannt ward, und mir ist abgemacht worden, daß die Leitung der Angelegenheiten uns angeht. Kommt, Herr Kanzler.«

»Der König ist tot«, sagte der Großmeister, der notgedrungen den Pflichten seines Amtes nachkommen mußte.

»Es lebe der König Karl der Neunte!« schrien die Edelleute. Sie waren mit dem Konnetabel, dem König von Navarra und dem Prinzen von Condé zurückgekehrt.

Die Zeremonien, die bei eines französischen Königs Ableben vor sich gehen, fanden in der Einsamkeit statt. Als der Wappenherold nach des Herzogs von Guise offizieller Meldung dreimal in den Saal rief: ›Der König ist tot!‹ waren dort nur wenige Leute anwesend, die da schrien: ›Es lebe der König!‹

Die Gräfin von Fiesco hatte den Herzog von Orleans herbeigeführt, der vor einigen Augenblicken Karl der Neunte geworden war; Katharina ging hinaus, ihren Sohn an der Hand haltend; der ganze Hof folgte ihr. Zurück blieben nur die beiden Lothringer, die Herzogin von Guise, Maria Stuart und Dayelle in dem Gemache, wo Franz der Zweite seinen letzten Seufzer tat; vor der Türe harrten zwei Wächter, die Pagen des Großmeisters, des Kardinals und ihre Privatsekretäre.

»Es lebe Frankreich!« schrien einige Reformierte, und ließen damit den ersten Oppositionsruf ertönen. Alles, was dem Kardinal und dem Herzoge zu Dank verpflichtet gewesen, verband sich, im Schrecken über ihre Pläne und verfehlten Unternehmungen, mit der Königin-Mutter, der die Gesandten Spaniens, Englands, des deutschen Kaiserreichs und Polens unter des Kardinals von Tournon Führung auf der Treppe entgegenschritten. Er hatte sie benachrichtigt, nachdem er sich Katharinen im Hofe in dem Momente gezeigt hatte, als sie gegen Ambrosius Parés Operation protestierte.

»Nun gut, Ludwigs des Seefahrers Söhne, Karls von Lothringen Erben, haben des Muts ermangelt«, sagte der Kardinal zum Herzog.

»Man würde sie nach Lothringen zurückgeschickt haben«, antwortete der Herzog . . . »Ich erkläre Euch feierlich, Karl, wenn die Krone da läge, ich würde nicht die Hand ausstrecken, um sie aufzuheben. Das soll meines Sohnes Sache sein.«

»Wird er jemals wie Ihr Heer und Kirche für sich haben?«

»Etwas Besseres wird er sein Eigen nennen.«

»Und was?«

»Das Volk!«

»Und nur ich weine um dies arme Kind, das mich so sehr liebte!« rief Maria Stuart, ihres ersten entschlafenen Gatten kalte Hand haltend.

»Wie soll man nun wieder anknüpfen mit der Königin?« fragte der Kardinal.

»Wartet, bis sie sich mit den Hugenotten entzweit«, antwortete die Herzogin.

Die Interessen des Hauses von Bourbon, Katharinas, der Guisen und der reformierten Partei riefen eine solche Verwirrung in Orleans hervor, daß des Königs Leiche – vollkommen vergessen hatte sie in der Ballei gelegen und war von niedrigen Dienern in einen Sarg gebettet worden – drei Tage später auf einer offenen Karre, nur vom Bischof von Senlis und zwei Edelleuten begleitet, nach Saint-Denis abreiste. Als dieser traurige Zug in der kleinen Stadt Étampes anlangte, heftete einer der Diener des Kanzlers von L'Hôpital folgende, von der Historie überlieferte, schreckliche Inschrift an den Karren: »Tanneguy du Chastel, wo bist du? Aber du warst ja ein Franzose!« Ein blutiger Vorwurf, der auf Katharina, Maria Stuart und auf die Lothringer fiel. Welcher Franzose weiß nicht, daß Tanneguy du Chastel dreißigtausend Taler seinerzeit, das sind eine Million heutiger Währung, für das Leichenbegängnis Karls des Siebenten verausgabte, welcher der Wohltäter seines Hauses gewesen war.

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