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Katharina von Medici

Honoré de Balzac: Katharina von Medici - Kapitel 12
Quellenangabe
typenovelette
authorHonoré de Balzac
titleKatharina von Medici
publisherDiogenes
yearo.J.
isbn3257204809
translatorPaul Hansmann
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Die Stadt wurde militärisch besetzt, und die Maßnahmen, welche die Lothringer trafen, zeigten an, wie wenig Freiheit sie den Generalständen einzuräumen gedachten, deren Mitglieder in die Stadt strömten, wodurch die Mieten für die kleinsten Löcher furchtbar in die Höhe geschraubt wurden. Der Hof, die Bürgermiliz, der Adel und das Bürgertum waren denn auch eines Staatsstreiches gewärtig, und ihre Erwartung ward bei der Ankunft der Prinzen von Geblüt nicht getäuscht. Als die beiden Prinzen des Königs Gemach betraten, bemerkte der Hof mit Entsetzen des Kardinals von Lothringen Unverschämtheit, der, um seinen Absichten öffentlich Ausdruck zu verleihen, bedeckten Hauptes verharrte, während der König von Navarra mit gezogenem Hute vor ihm stand. Katharina von Medici schlug die Augen nieder, um ihre Entrüstung nicht sehen zu lassen. Es fand dann eine feierliche Auseinandersetzung zwischen dem jungen Könige und den beiden Häuptern des jüngeren Zweiges statt. Sie war von kurzer Dauer. Denn auf die ersten Worte, die der Prinz von Condé äußerte, schloß sie Franz der Zweite mit folgenden schrecklichen Worten:

»Meine Herren Vettern, ich hatte gemeint, die Amboiser Angelegenheit sei erledigt, dem ist nicht so, und man will uns die Duldsamkeit, die wir dort bezeigten, bereuen lassen.«

»Nicht mehr der König, sondern die Herren von Guise sprechen zu uns«, erwiderte der Prinz von Condé.

»Lebt wohl, mein Herr«, erklärte der kleine König, dem der Zorn Purpurröte ins Gesicht jagte.

In dem großen Saale wurde dem Prinzen der Weg von den beiden Wachhauptmännern versperrt. Als der der französischen Kompagnie vortrat, zog der Prinz einen Brief aus seinem Wams und sagte angesichts des versammelten Hofes:

»Wollt Ihr mir das hier vorlesen, Herr von Maillé-Brézé?«

»Gern«, erwiderte der Hauptmann der französischen Kompagnie.

»Mein Vetter, kommt in aller Sicherheit; mein königliches Wort gebe ich Euch, daß Ihr es könnt. Wenn Ihr eines Geleitsbriefes bedürft, mögen Euch diese Zeilen dazu dienen.«

»Unterzeichnet? . . .« rief der boshafte und mutige Bucklige.

»Unterzeichnet: Franz«, sagte Maillé.

»Nein, nein,« fuhr der Prinz fort, »da steht: Euer guter Vetter und Freund Franz! Meine Herren,« rief er den Schottländern zu, »ich folge Euch in das Gefängnis, wohin Ihr mich seitens des Königs zu führen beauftragt seid. Genug Adlige stehen hier im Saale herum, um das zu verstehen.«

Das tiefe Schweigen, das im Saale herrschte, hätte die Guisen aufklären müssen; auf Schweigen aber hören Fürsten am wenigsten.

»Gnädiger Herr,« sagte der Kardinal von Tournon, der dem Prinzen folgte, »seit der Amboiser Affaire habt Ihr in Lyon und in Mouvans in der Dauphiné Dinge wider die königliche Autorität unternommen, von denen der König keinerlei Kenntnis besaß, als er Euch dies schrieb.«

»Schurkerei!« schrie lachend der Prinz.

»Ihr habt eine öffentliche Erklärung gegen die Messe und für die Ketzerei abgegeben . . .«

»Die Herren sind wie in Navarra«, sagte der Prinz.

»Ihr wollt sagen in Béarn? Aber der Krone schuldet Ihr Ehrfurcht«, antwortete der Präsident von Thou.

»Ach, Ihr seid hier, Präsident?« schrie der Prinz voller Hohn. »Seid Ihr mit dem ganzen Parlamente hier?«

Nach diesen Worten warf der Prinz dem Kardinal einen Blick voller Verachtung zu und verließ den Saal. Er begriff, daß es um seinen Kopf ging. Als am folgenden Morgen die Herren von Thou, von Viole, von Espesse, der Generalprokurator Bourdin und Hauptgerichtsschreiber du Tillet sein Gefängnis betraten, ließ er sie stehend verharren und drückte ihnen sein Bedauern aus, sie mit einer Angelegenheit betraut zu sehen, die sie nichts angehe; dann sagte er zu dem Schreiber:

»Schreibt!«

Und er diktierte folgendes:

»Ich, Ludwig von Bourbon, Prinz von Condé, Pair des Königreichs, Marquis von Conti, Graf von Soissons, Prinz vom Geblüte Frankreichs, erkläre ausdrücklich, mich zu weigern, irgendeine Kommission anzuerkennen, die ernannt worden ist, mich zu richten, sintemalen ich in meiner Eigenschaft und kraft des Privilegs, das mit jedem Gliede des königlichen Hauses verknüpft ist, angeklagt, verhört und verurteilt nur von dem Parlament werden kann, das aus allen Pairs, allen versammelten Kammern zusammengesetzt ist, in welchem der König großen Gerichtstag hält.

Ihr müßtet das besser wissen als jeder andere, meine Herren. Das ist alles, was Ihr bei mir erlangen werdet. Im übrigen vertraue ich auf mein Recht und auf Gott.«

Die Richter machten dem Prinzen ungeachtet seines hartnäckigen Schweigens den Prozeß. Der König von Navarra war in Freiheit, wurde aber überwacht; sein Gefängnis war größer als das des Prinzen; das war der ganze Unterschied zwischen seiner und seines Bruders Lage; denn des Prinzen von Condé und sein Haupt mußten mit demselben Hiebe fallen.

Christoph war also auf die Anordnungen des Kardinals und des Reichsverwesers hin insgeheim so streng bewacht, um den Richtern einen Beweis der Straffälligkeit des Prinzen zu liefern. Die bei La Sagne, des Prinzen Sekretär, beschlagnahmten Briefe konnten nur Staatsmänner verstehen, sie waren für die Richter nicht deutlich genug. Der Kardinal dachte daran, den Prinzen und Christoph zufällig zu konfrontieren; nicht ohne Absicht hatte man diesen in einem Parterreraum des Saint-Aignanturmes untergebracht, dessen Fenster sich nach dem Gefängnishofe hin öffneten. Bei jedem Verhör, welchem die Richter Christoph unterwarfen, beschränkte er sich auf ein System absoluten Leugnens, was den Prozeß natürlich bis zur Eröffnung der Ständeversammlung hinzog.

Lecamus hatte es nicht versäumt, sich von der Pariser Bourgeoisie zum Deputierten des dritten Standes ernennen zu lassen. Einige Tage nach des Prinzen Verhaftung langte er in Orleans an. Diese Nachricht, die ihm in Estampes zu Ohren kam, verdoppelte seine Unruhe, denn er begriff, da er um das einzige Zusammentreffen des Prinzen und seines Sohnes unter der Wechslerbrücke wußte, daß Christophs Los eng mit dem des kühnen Oberhauptes der Reformationszeit verquickt war. So entschloß er sich denn, die finsteren Machenschaften zu studieren, die seit der Eröffnung der Stände sich am Hofe kreuzten, um ein Mittel zu seines Sohnes Errettung zu finden. Er durfte nicht an die Königin Katharina denken, die sich weigerte, ihren Kürschner zu empfangen. Keiner der Hofleute, die er zu sehen vermochte, gab ihm befriedigende Nachrichten über seinen Sohn, und er war darob einem solchen Übermaße der Verzweiflung verfallen, daß er sich an den Kardinal selber wenden wollte, als er hörte, daß Herr von Thou, was ein Fleck auf seinem Leben ist, eingewilligt hatte, einer der Richter des Prinzen von Condé zu sein. Der Syndikus besuchte seines Sohnes Beschützer und erfuhr, daß Christoph noch am Leben, aber Gefangener sei.

Der Handschuhmacher Tourillon, zu dem la Renaudie Christoph geschickt, hatte Ehren Lecamus für die ganze Dauer der Generalstände ein Zimmer in seinem Hause angeboten. Der Handschuhmacher meinte, der Kürschner hinge wie er selber heimlich der reformierten Religion an, sah aber bald, daß ein Vater, der für seines Sohnes Leben fürchtet, religiöse Nuancen nicht mehr begreift und sich Hals über Kopf an Gottes Busen wirft, ohne sich um die Flitter zu kümmern, die ihm die Menschen anlegen. Mit all seinen Versuchen scheiternd, ging der Greis wie ein Trunkener durch die Straßen. Wider alle Erwartung war ihm all sein Gold zu nichts nütze. Herr von Thou hatte ihm erklärt, daß, wenn er irgendeinen Diener des Guiseschen Hauses besteche, das zu Nichts führen würde, denn der Herzog wie der Kardinal ließen nichts von dem, was Christoph anlangte, durchblicken. Dieser Justizbeamte, dessen Ruhm ein wenig befleckt ist durch die Rolle, die er damals spielte, hatte dem verzweifelten Vater etwas Hoffnung zu machen versucht, zitterte selber aber dermaßen für seines Patenkindes Tage, daß seine tröstenden Worte den Kürschner nur noch mehr beunruhigten. Der Greis umschlich das Haus. In drei Monden war er ganz mager geworden. Seine einzige Hoffnung setzte er auf die innige Freundschaft, die ihn seit langem mit dem Hippokrates des sechzehnten Jahrhunderts verknüpfte. Als er des Königs Gemach verließ, versuchte Ambrosius der Königin Maria ein Wort zu sagen, sobald er aber Christophs Namen geäußert hatte, antwortete die Stuarttochter, erregt über das ihrer harrende Schicksal, wenn dem Könige, den sie auf Grund der Plötzlichkeit seiner Erkrankung für vergiftet durch die Reformierten hielt, ein Unglück zustieße:

»Wenn meine Ohme auf mich hörten, würde solch ein Fanatiker bereits am Galgen hängen!«

Am Abend, als Lecamus diese furchtbare Antwort von seinem Freunde Paré auf dem Estapeplatze übermittelt ward, kam der Alte halbtot nach Hause und ging in sein Gemach. Er weigerte sich, Nahrung zu sich zu nehmen.

Besorgt ging Tourillon zu ihm hinauf, fand den Greis in Tränen vor, und da die Greisenaugen des armen Kürschners das Innere der faltigen und geröteten Lider sehen ließen, meinte der Handschuhmacher, er weine Blut.

»Tröstet Euch, mein Vater,« sagte der Reformierte, »die Bürger von Orleans sind wütend, daß ihre Stadt behandelt wird, wie wenn man sie im Sturme genommen hätte. Herrn von Cypierres Soldaten müssen sie bewachen. Wenn des Prinzen von Condé Leben in Gefahr schwebte, würden wir den Saint-Aignanturm bald demoliert haben; denn unsere Stadt ist für die Reformation und wird sich auflehnen, seid dessen gewiß.«

»Würde mir, ach, wenn man die Lothringer aufknüpfte, ihr Tod meinen Sohn zurückgeben?« antwortete der trostlose Vater.

In diesem Moment klopfte man leise an Tourillons Tür. Er stieg hinunter, um selber zu öffnen. Es war finstere Nacht. In solch wirren Zeiten traf jedweder Hausherr peinlichste Vorsichtsmaßregeln. Tourillon spähte durch das an seiner Türe angebrachte Guckloch und sah einen Fremden, an dessen Tonfall er den Italiener erriet. Dieser schwarzgekleidete Mann verlangte in Handelsangelegenheiten mit Lecamus zu sprechen und Tourillon führte ihn hinauf. Angesichts dieses Fremden zitterte der Kürschner furchtbar; der Fremde aber hatte Zeit, einen Finger an seine Lippen zu legen. Diese Geste verstehend, sagte Lecamus dann zu ihm: »Ihr kommt zweifelsohne, um mir Pelze anzubieten?«

»Si. . . .« antwortete der Fremde leise italienisch.

Diese Persönlichkeit war niemand anders als der berühmte Ruggieri, der Astrolog der Königin-Mutter. Tourillon ging in seine Wohnung hinunter, da er begriff, daß er bei seinem Gaste im Wege war.

»Wo können wir miteinander plaudern, ohne befürchten zu müssen, daß man uns hört?« fragte der vorsichtige Florentiner.

»Da müßten wir auf freiem Felde sein,« antwortete Lecamus; »man wird uns aber nicht hinausgehen lassen; Ihr wißt, mit welcher Strenge die Tore bewacht werden. Ohne einen Paß von Herrn von Cypierre verläßt kein Mensch die Stadt, und wäre er auch wie ich Mitglied der Stände. Gleich morgen müssen wir uns auch alle in unserer Sitzung über diesen Freiheitsmangel beschweren.«

»Arbeitet wie ein Maulwurf, laßt aber niemals, bei was es auch sein möge, Eure Pfoten sehen«, sagte der listige Florentiner zu ihm. »Der morgige Tag wird zweifelsohne manches entscheiden. Nach meinen Beobachtungen werdet Ihr morgen oder später Euren Sohn vielleicht wiederhaben.«

»Daß Gott Euch hörte, Euch, der Ihr dafür bekannt seid, nur den Teufel um Rat zu fragen!«

»Kommt doch zu mir«, sagte der Astrolog lächelnd.

»Um die Sterne zu beobachten, hab ich den Ehren Touchet von Beauvais gehörenden Turm eingeräumt bekommen; der ist der Balleiverweser, seine Tochter gefällt dem kleinen Herzog von Orleans so gut. Der Kleinen hab ich das Horoskop gestellt, und es erwies sich tatsächlich, daß sie eine große Dame und von einem Könige geliebt werden wird. Der Verweser ist ein Schöngeist, er liebt die Wissenschaften, und die Königin hat mich bei diesem Biedermanne unterbringen lassen, der, Karls des Neunten Herrschaft erwartend, so schlau ist, ein rasender Guisenfreund zu sein.«

Kürschner und Astrolog begaben sich, ohne gesehen zu werden, in Ehren von Beauvais' Hotel. Auch begegnete ihnen niemand. Im Falle aber, wo Lecamus Besuch entdeckt werden würde, wollte der Florentiner vorschützen, der Alte sei wegen einer astrologischen Konsultation über Christophs Los zu ihm gekommen. Als sie oben in dem Turme angelangt waren, wo der Astrolog seinen Arbeitsraum eingerichtet hatte, sagte Lecamus zu ihm:

»Mein Sohn ist also noch ganz gewiß am Leben?«

»Noch«, antwortete Ruggieri; »und es handelt sich darum, ihn zu retten. Bedenkt, Fellhändler, daß ich keine zwei Heller für Euer Leben gebe, wenn Euch jemals in Eurem ganzen Leben ein Wort von dem entschlüpft, was ich Euch sagen will.«

»Die Ermahnung ist zwecklos, mein Meister; seit dem seligen König Ludwig dem Zwölften bin ich Hoflieferant; und das hier ist die vierte Regierung, die ich erlebe.«

»Bald werdet Ihr die fünfte sagen«, antwortete Ruggieri.

»Was wißt Ihr von meinem Sohne?«

»Nun, er hat eine peinliche Frage erleiden müssen.«

»Armes Kind!« hauchte der Biedermann, die Augen gen Himmel richtend.

»Knie und Knöchel sind ein bißchen zerstoßen; aber er hat einen königlichen Schutz erworben, der sich über sein ganzes Leben erstrecken wird«, erklärte der Florentiner lebhaft, als er des Vaters Entsetzen sah. »Euer kleiner Christoph hat unserer großen Königin Katharina einen Dienst geleistet. Wenn wir Euren Sohn den Fängen der Lothringer entreißen, werdet Ihr ihn eines schönen Tages als Parlamentsrat begrüßen. Dreimal läßt man sich die Knochen zerbrechen, um bei unserer lieben Herrscherin in hohen Gnaden zu stehen! Sie ist eine geniale Frau, die über alle Hindernisse obsiegen wird. Ich habe das Horoskop des Herzogs von Guise gestellt: in spätestens einem Jahre wird er getötet werden. Also, Christoph hat den Prinzen von Condé gesehen . . .«

»Ihr, der Ihr die Zukunft wißt, solltet die Vergangenheit nicht kennen?« sagte der Kürschner.

»Ich frage Euch nicht, Biedermann, ich belehre Euch. Wenn nun Euer Sohn, der morgen dem Prinzen in den Weg gestellt werden wird, ihn erkennt, oder, wenn der Prinz Euren Sohn erkennt, dann wird Herrn von Condés Kopf herunterfliegen. Gott weiß, was mit seinem Mitschuldigen geschehen wird! Nun, beruhigt Euch. Weder Euer Sohn noch der Prinz werden den Tod erleiden, ich habe ihre Horoskope gestellt, sie müssen leben; doch weiß ich noch nicht, auf welche Weise sie sich aus der Affäre ziehen werden. Ohne uns auf die Sicherheit meiner Berechnungen zu verlassen, wollen wir Ordnung da hineinbringen. Morgen wird der Prinz aus sicheren Händen ein Gebetbuch empfangen, in das wir eine Benachrichtigung hineinlegen werden. Wolle Gott, daß Euer Sohn verschwiegen ist, denn er kann nicht benachrichtigt werden. Ein einziger Blick, der auf Bekanntschaft hinweist, wird dem Prinzen das Leben kosten. Wiewohl die Königin-Mutter allen Grund hat, auf Christophs Treue zu rechnen . . .«

»Man hat sie auf harte Proben gestellt!« schrie der Kürschner.

»Sprecht nicht so! Meint Ihr, die Königin sei auf Rosen gebettet? Auch wird sie Maßnahmen treffen, wie wenn die Guisen des Prinzen Tod beschlossen hätten. Und gut tut sie daran, die weise und vorsichtige Königin! Sie rechnet nun damit, in jeder Weise von Euch unterstützt zu werden. Ihr habt einigen Einfluß auf den dritten Stand, in dem Ihr die Pariser Gewerbe repräsentiert. Wenn die Guisenfreunde Euch auch versprechen sollten, Euren Sohn in Freiheit zu setzen, versucht ihnen ein Schnippchen zu schlagen und wiegelt Eure Klasse wider die Lothringer auf. Verlangt die Königin-Mutter als Regentin; morgen in der Ständesitzung wird der König von Navarra öffentlich seine Zustimmung dazu geben.«

»Aber der König?«

»Der König wird sterben,« antwortete Ruggieri, »ich habe sein Horoskop gestellt. Was die Königin Euch bittet, für sie vor den Ständen zu tun, ist ganz einfach; doch erwartet sie noch einen größeren Dienst von Euch. Ihr habt den großen Ambrosius Paré beim Studium unterstützt, seid sein Freund . . .«

»Heute liebt Ambrosius den Herzog von Guise mehr als mich; und er hat recht, ihm verdankt er Amt und Würden. Doch ist er dem Könige treu. Wiewohl er der Reformation zuneigt, wird er nichts wider seine Pflicht tun.«

»Die Pest möge über all die honetten Leute kommen«, schrie der Florentiner. »Ambrosius hat sich heute abend gerühmt, den kleinen König aus der Affäre ziehen zu können. Wenn der König die Gesundheit wiedererlangt, triumphieren die Guisen, sterben die Prinzen, wird das Haus Bourbon zu Ende sein, werden wir nach Florenz zurückkehren, wird Euer Sohn gehängt und die Lothringer werden die anderen Kinder Frankreichs zu billigem Preise haben . . .«

»Großer Gott!« schrie Lecamus.

»Schreit nicht so verwundert auf, das tut kein Bürger, der etwas von Hofdingen weiß, sondern geht sofort zu Ambrosius und kriegt aus ihm heraus, was er zu tun beabsichtigt, um den König zu retten. Wenn Ihr was Sicheres wißt, kommt zu mir und sagt mir, auf was für eine Operation er so fest vertraut.«

»Aber . . .« sagte Lecamus.

»Gehorcht blindlings, mein Lieber, anderenfalls werdet Ihr geblendet.«

›Er hat recht‹, dachte der Kürschner.

Und eilte zu des Königs erstem Chirurgen, welcher in einem Gasthofe auf dem Martroiplatze wohnte.

In diesem Augenblick befand sich Katharina von Medici in einer politisch verzweifelten Lage, die der ähnelte, worin Christoph sie zu Blois gesehen. Wenn sie sich auch zum Kampfe formiert, wenn sie ihre Intelligenz bei dieser ersten Niederlage auch geübt hatte, so war ihre Lage doch, wiewohl unverändert, viel kritischer und viel gefährlicher als zur Zeit des Amboiser Tumultes geworden. Die Ereignisse waren ebenso wie das Weib ins Große gewachsen. Obwohl sie scheinbar in Übereinstimmung mit den lothringischen Fürsten vorwärtsschritt, hielt Katharina die Fäden einer klug angezettelten Verschwörung wider ihre schrecklichen Bundesgenossen in den Händen und wartete auf einen günstigen Moment, um die Maske vom Antlitz zu reißen. Eben war es dem Kardinal zur Gewißheit geworden, daß er von Katharina hintergangen worden war. Die geschickte Italienerin hatte in dem jüngeren Zweige des Königshauses ein Mittel gesehen, das sie den Prätentionen der Guisen entgegenstellen konnte; und trotz der Ansicht der beiden Gondi, die ihr rieten, die Guisen sich zu Gewalttätigkeiten gegen die Bourbons hinreißen zu lassen, hatte sie, indem sie die Königin von Navarra benachrichtigte, dafür gesorgt, daß der von den Guisen mit Spanien abgekartete Plan, sich des Béarn zu bemächtigen, scheiterte. Da dies Staatsgeheimnis nur den beiden lothringischen Fürsten und der Königin-Mutter bekannt war, wollten die, von der Doppelzüngigkeit ihrer Verbündeten überzeugt, sie nach Florenz zurückschicken. Gerade um sich von Katharinas Verrat dem Staate gegenüber – und das Haus Lothringen war der Staat – zu vergewissern, hatten der Herzog und der Kardinal ihr ihr Vorhaben, sich den König von Navarra vom Halse zu schaffen, anvertraut. Die sofort von Anton von Navarra getroffenen Vorsichtsmaßnahmen bewiesen den beiden Brüdern, daß dies nur ihnen dreien bekannte Geheimnis von der Königin-Mutter verraten worden war. Auf der Stelle warf der Kardinal von Lothringen der Königin-Mutter ihren Treubruch Franz dem Zweiten gegenüber vor und drohte ihr mit einem Verbannungsbefehl, falls neue Indiskretionen den Staat in Gefahr brächten. Katharina sah sich nun in äußerster Gefahr und mußte wie ein großer König handeln. Auch lieferte sie sofort einen Beweis ihrer hohen geistigen Fähigkeiten; doch muß man zugeben, daß sie von ihren guten Freunden auch sehr gut bedient ward. L'Hôpital ließ der Königin ein folgendermaßen abgefaßtes Billett zukommen:

»Lasset keinen Prinzen von Geblüt durch eine Kommission zum Tode verurteilen, sonst würde es Euch bald ähnlich ergehen.«

Katharina sandte Birago nach Vignay, um dem Kanzler sagen zu lassen, er solle, trotzdem er in Ungnade sei, zu den Ständen kommen. Birago traf in dieser nämlichen Nacht drei Meilen vor Orleans mit L'Hôpital zusammen, der sich für die Königin-Mutter erklärte. Chiverni, dessen Treue damals mit gutem Rechte von den Herren von Guise beargwöhnt wurde, hatte sich aus Orleans gerettet und nach einem Marsche, der ihn fast das Leben kostete, in zehn Stunden Écouen erreicht. Er meldete dem Kronfeldherrn, in welcher Gefahr sein Neffe, der Prinz von Condé, schwebte und wie kühn die Lothringer geworden wären.

Anne von Montmorency schäumte vor Wut, als er erfuhr, daß der Prinz nur dem plötzlichen Auftreten des Leidens, woran Franz der Zweite starb, sein Leben verdanke, und langte mit fünfzehnhundert Reitern und hundert Edelleuten an. Um die Herren von Guise noch mehr zu überraschen, hatte er um Paris einen Bogen gemacht, indem er von Écouen nach Corbeil und von Corbeil durch das Essonnetal nach Pithiviers zog.

»Hauptmann wider Hauptmann, da werden die Fetzen fliegen«, sagte er anläßlich dieses kühnen Marsches.

Anne von Montmorency, welcher Frankreich bei Karls des Fünften Einfall in die Provence gerettet, und der Herzog von Guise, welcher des Kaisers zweiten Einfall bei Metz aufgehalten hatte, waren tatsächlich Frankreichs größte Kriegsmänner zu jener Epoche. Eben diesen Moment hatte Katharina abgewartet, um den Haß des durch die Lothringer in Ungnade gefallenen Kronfeldherrn wieder neu zu entflammen. Nichtsdestoweniger sprang der Marquis von Simeuse, Kommandant von Gien, als er von der Ankunft eines so stattlichen Korps, wie es das des Konnetabels war, hörte, auf sein Pferd, da er hoffte, den Herzog noch zur rechten Zeit benachrichtigen zu können. In der Gewißheit, daß der Kronfeldherr seinem Neffen zu Hilfe kommen würde, und voller Vertrauen auf die Ergebenheit des Kanzlers für die königliche Sache, hatte die Königin-Mutter die Hoffnungen und den Mut der reformierten Partei neubelebt. Die Coligny und die Freunde des bedrohten Hauses Bourbon hatten mit der Königin-Mutter Parteigängern gemeinsame Sache gemacht. Eine Koalition zwischen den entgegengesetzten Interessen, die von einem gemeinsamen Feinde angegriffen wurden, bildete sich stillschweigend inmitten der Stände, wo laut davon die Rede war, Katharina zur Reichsregentin zu ernennen, falls Franz der Zweite sterben sollte. Katharina, deren Glaube an die Astrologie größer war als der an die Kirche, hatte alles wider ihre Bedränger gewagt, als sie ihren Sohn zu dem Termine im Sterben liegen sah, der ihr von der berühmten Zauberin angegeben worden war, welche ihr Nostradamus ins Schloß zu Chaumont gebracht. Einige Tage vor dem schrecklichen Ausgange seiner Herrschaft, hatte Franz der Zweite an der Loire lustwandeln wollen, um nicht in der Stadt zu weilen, wenn der Prinz von Condé hingerichtet werden würde. Nachdem er dem Kardinal von Lothringen des Prinzen Haupt überlassen hatte, fürchtete er einen Aufstand ebensosehr wie der Prinzessin von Condé Flehensbitten. Im Augenblicke des Einschiffens verursachte ihm einer jener frischen Winde, die bei Winters Nahen an der Loire sich bemerkbar machen, ein so schmerzliches Ohrenweh, daß er sich genötigt sah, in die Stadt zurückzukehren. Er legte sich ins Bett, das er nur als Toter verlassen sollte. Trotz der Kontroverse der Ärzte, die außer Chapelain seine Feinde und Widersacher waren, behauptete Paré, daß in des Königs Haupte sich Eiter angesammelt habe; wenn man dem keinen Ausfluß verschaffe, würde man immer mehr mit des Königs Ableben rechnen müssen.

Trotz der vorgerückten Stunde und des Lichtverbots, welches in Orleans, das sich damals wirklich wie im Belagerungszustände befand, streng durchgeführt ward, glänzte Parés Lampe an seinem Fenster. Er studierte. Lecamus rief hinauf, und als er seinen Namen genannt hatte, befahl der Chirurg, man sollte seinem alten Freunde öffnen.

»Du gönnst dir keine Ruhe, Ambrosius, und anderen das Leben schenkend, verschwendest du deins«, sagte der Kürschner beim Eintreten.

Tatsächlich sah er den Chirurgen vor seinen aufgeschlagenen Büchern sitzen. Seine Instrumente lagen umher. Vor ihm lag ein frisch ausgescharrter Totenkopf, der vom Friedhof gestohlen worden war; er hatte ein Loch.

»Es handelt sich darum den König zu retten . . .«

»Bist du deiner Sache denn so gewiß, Ambrosius?« rief bebend der Greis.

»Wie meines Daseins. Der König, mein alter Beschützer, hat schlechte Säfte, die auf sein Hirn drücken und hineinfließen wollen. Die Krise steht bevor. Wenn ich seinen Schädel aber aufmeißle, rechne ich damit, daß die Säfte abfließen; dann wird sein Kopf wieder frei. Diese von einem Piemontesen erfundene Operation hab' ich schon dreimal ausgeführt und konnte sie glücklicherweise noch sehr vervollkommnen.

Die erste hab' ich bei der Metzer Belagerung an Herrn von Piennes vorgenommen. Den habe ich gerettet und er ist seitdem nur klüger dadurch geworden: er hatte eine Eiteransammlung, die durch einen Arquebusenschuß im Kopf hervorgerufen worden war. Die zweite hat einem Armen das Leben gerettet, an welchem ich gerne die Güte dieser kühnen Operation, zu der sich Herr von Piennes hergegeben hatte, erproben wollte. Die dritte endlich fand in Paris an einem Edelmanne statt, dem es prächtig geht. Die Trepanation – diesen Namen hat man der Erfindung gegeben – ist noch wenig bekannt. Der Unvollkommenheit der Instrumente wegen, die ich schließlich aber zu verbessern wußte, schrecken die Kranken davor zurück. Ich versuche mich daher an diesem Kopfe, um mich morgen an dem des Königs nicht zu versehen.«

»Du mußt deines Tuns ja sehr sicher sein, denn dein Kopf geriete in Gefahr, falls . . .«

»Ich möchte mein Leben wetten, daß er geheilt wird«, antwortete Ambrosius mit der Sorglosigkeit des genialen Menschen. »Ach, mein alter Freund, was ist denn dabei, wenn man einen Kopf mit aller Vorsicht öffnet? Die Soldaten im Kriege tun das doch tagtäglich ohne irgendwelche Vorsicht!«

»Mein Kind,« sagte der kühne Bürger, »weißt du, daß den König retten soviel heißt wie Frankreich zugrunde richten? Weißt du, daß dies Instrument die Krone der Valois auf des Lothringers Haupt setzen wird, der sich Karls des Großen Erben nennt? Weißt du, daß Chirurgie und Politik in diesem Momente sich feindlich gegenüber stehen? Ja, der Triumph des Genies ist deiner Religion Verderben. Wenn die Guisen die Regentschaft behalten, wird der Reformierten Blut in Strömen dahinfließen. Sei größer als Bürger denn als Chirurg und schlaf morgen bis in den hellen, lichten Tag hinein, indem du des Königs Schlafgemach den Ärzten freigibst, die, wenn sie den König nicht retten, doch Frankreich retten werden!«

»Ich«, schrie Paré, »soll einen Menschen umkommen lassen, wenn ich ihn zu retten vermag? Nein, nein! Und sollte ich als Calvins Begünstiger gehängt werden, ich geh' morgen frühzeitig zu Hofe. Weißt du nicht, daß ich mir als einzige Gunst, wenn ich den König gerettet habe, deines Christophs Leben erbitten will? Einen Augenblick wirds ganz gewißlich geben, wo die Königin Maria mir nichts verweigern wird.«

»Ach, mein Freund,« erwiderte Lecamus, »hat der kleine König nicht des Prinzen von Condé Begnadigung der Prinzessin verweigert? Töte deine Religion nicht, indem du dem zu weiterem Leben verhilfst, der sterben muß.«

»Suchst du dich darein zu mengen, wie Gott die Zukunft bestimmen will?« schrie Paré. »Honette Leute haben nur diese eine Devise: Tu, was du mußt, komme, was kommen mag! Das hab ich bei der Belagerung von Calais getan, als ich meinen Fuß auf des Großmeisters Antlitz setzte; da lief ich Gefahr, von allen seinen Freunden, allen seinen Dienern zerrissen zu werden; und heute bin ich des Königs Chirurg. Kurz, ich bin Reformierter und habe doch die Herren von Guise zu Freunden. Ich werde den König retten!« rief der Chirurg mit dem heiligen Enthusiasmus der Überzeugung, welche das Genie verleiht, »und Gott wird Frankreich retten.«

Es ward an die Türe geklopft und einige Minuten später händigte einer von Ambrosius Dienern Lecamus ein Papier ein. Mit lauter Stimme las er folgende finstere Worte:

»Man errichtet das Blutgerüst im Rekollektenkloster, um dem Prinzen von Condé morgen den Kopf herunterzuschlagen.«

Ambrosius und Lecamus blickten einander an; beide wurden sie von dem tiefsten Entsetzen gepackt.

»Davon will ich mich überzeugen«, sagte der Kürschner.

Auf dem Platze packte Ruggieri Lecamus beim Arme und fragte ihn nach Ambrosius' Geheimnis, um den König zu retten. Der Greis aber fürchtete irgendeine List und gab vor, zuvor das Schafott sehen zu wollen. Astrolog und Kürschner gingen also gemeinsam bis zu den Rekollekten und fanden dort tatsächlich Zimmerleute vor, die bei Fackellicht arbeiteten.

»Heda, mein Freund,« sagte Lecamus zu einem Zimmermann, »was tut Ihr denn da?«

»Wir bereiten das Henken der Ketzer vor, da der Amboiser Aderlaß sie nicht heilte,« sagte ein junger Rekollekt, welcher die Arbeiter überwachte.

»Der hochwürdige Herr Kardinal tut sehr recht daran,« erklärte der vorsichtige Ruggieri, »in unserer Heimat aber besorgen wir das viel besser.«

»Und was tut Ihr?« fragte der Rekollekt.

»Man verbrennt sie, mein Bruder.«

Lecamus sah sich genötigt, sich auf den Astrologen zu stützen, seine Beine versagten ihren Dienst; denn er dachte, sein Sohn könne morgen an einem dieser Galgen hängen. Der arme Greis stand zwischen zwei Wissenschaften, zwischen der Astrologie und der Chirurgie, die ihm alle beide das Heil seines Sohnes versprachen, für den das Blutgerüst augenscheinlich aufgeführt ward. Im Trubel der Vorstellungen ließ er sich von dem Florentiner wie weiches Wachs kneten.

»Nun, mein respektabler Kaufherr in Grauwerk, was sagt Ihr zu diesen lothringischen Scherzen?« fragte Ruggieri.

»Ach, Ihr wißt ja, daß ich meine Haut hingeben würde, um meinen Sohn gesund und munter zu sehen.«

»Das heißt wie ein Hermelinhändler gesprochen«, erwiderte der Italiener; »setzt mir also klipp und klar die Operation auseinander, die Ambrosius an dem Könige vornehmen will, und ich stehe Euch für Eures Sohnes Leben ein . . .«

»Wirklich?« schrie der alte Kürschner.

»Was soll ich Euch alles schwören?« erklärte Ruggieri.

Auf diese Worte hin erzählte der arme Greis seine Unterhaltung mit Ambrosius dem Florentiner, der den verzweifelten Vater auf der Straße stehen ließ, sobald ihm des großen Chirurgen Geheimnis offenbart worden war.

»Welchem Teufel will er zu Leibe, dieser schreckliche Ungläubige?« schrie der Greis, als er Ruggieri sich leichtfüßig nach dem Estapeplatze hin entfernen sah.

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