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Katharina von Medici

Honoré de Balzac: Katharina von Medici - Kapitel 10
Quellenangabe
typenovelette
authorHonoré de Balzac
titleKatharina von Medici
publisherDiogenes
yearo.J.
isbn3257204809
translatorPaul Hansmann
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Maria Stuart hatte ihrer Schwiegermutter, und zwar in ihrer ganzen Spannweite, die Rolle entdeckt, die ihre Oheime sie spielen ließen. Ihr gewöhnliches und ständiges Mißtrauen hatte sich verraten, und ihr junges Gewissen fühlte, wie entehrend solch ein Metier für eine große Königin war. Katharina ihrerseits hatte sich eben aus Angst preisgegeben und fürchtete durchschaut zu sein; sie bebte für ihre Zukunft. Jede dieser beiden Frauen – die eine voller Scham und Zorn, die andere hassend und ruhig – trat in die Fensternische, sich dort anlehnend, die eine rechts, die andere links. Aber sie drückten ihre Gefühle in so beredten Blicken aus, daß sie die Augen niederschlugen und es durch einen Kunstgriff doch fertigbrachten, den Himmel durch das Fenster zu beschauen. Die beiden so hochstehenden Frauen besaßen im Augenblick nicht mehr Geist als die vulgärsten. Vielleicht geht das immer so zu, wenn Umstände Menschen schier zermalmen. Stets gibt es einen Moment, wo selbst das Genie angesichts großer Katastrophen seine Kleinheit fühlt. Was Christoph anlangt, so war er nur noch ein Mensch, der in einen Abgrund rollt, Lewiston, der schottländische Hauptmann, belauschte dies Schweigen und betrachtete Kürschnersohn und beide Königinnen mit soldatischer Neugier. Des jungen Königs und seiner beiden Oheime Eintritt machte dieser peinlichen Situation ein Ende. Der Kardinal ging gleich zu der Königin-Mutter.

»Ich halte alle Fäden der ketzerischen Verschwörung in den Händen, sie sandten mir dies Kind, welches mir den Vertrag und die Dokumente hier brachte«, sagte Katharina mit leiser Stimme zu ihm. Während der Zeit, in welcher Katharina sich mit dem Kardinal verständigte, flüsterte die Königin Maria dem Großmeister einige Worte ins Ohr.

»Worum handelt es sich?« fragte der junge König, der inmitten dieser heftigen aufeinander prallenden Interessen allein blieb.

»Die Beweise dessen, was ich Eurer Majestät sagte, haben nicht auf sich warten lassen«, erklärte der Kardinal, welcher nach den Papieren griff.

Der Herzog von Guise nahm seinen Bruder beiseite, ohne sich darum zu kümmern, ob er ihn unterbräche, und raunte ihm ins Ohr:

»Dieser Streich macht mich widerstandslos zum Reichsverweser.«

Ein feiner Blick bildete des Kardinals ganze Antwort; damit ließ er seinen Bruder verstehen, daß er sich bereits aller Vorteile, die aus Katharinas falscher Stellung zu ziehen waren, bemächtigt habe.

»Wer hat Euch geschickt?« sagte der Herzog zu Christoph.

»Der Prediger Chaudieu«, antwortete der.

»Du lügst, junger Mann«, rief der Kriegsheld lebhaft, »der Prinz von Condé tat es.«

»Der Prinz von Condé, gnädiger Herr?« antwortete Christoph mit erstaunter Miene, »dem bin ich nie begegnet. Ich bin Jurist, studiere bei Herrn von Thou, ich bin sein Sekretär, und er weiß nicht, daß ich reformiert bin. Ich habe des Predigers Bitten nachgegeben.«

»Genug«, erklärte der Kardinal. »Ruft Herrn von Robertet,« sagte er zu Lewiston, »denn dieser junge Schelm ist listiger als alte Politiker, er hat uns getäuscht, meinen Bruder und mich, der ich ihm ohne Beichte das Abendmahl würde gegeben haben.«

»Du bist kein Kind, potzblitz,« schrie der Herzog, »und wir werden dich wie einen Mann behandeln.«

»Man wollte Eure erlauchte Mutter verführen«, sagte der Kardinal, sich an den König wendend. Er wollte ihn beiseite ziehen, um ihn für seine Absichten gefügig zu machen.

»Ach!« antwortete die Königin ihrem Sohne, eine vorwurfsvolle Miene annehmend, indem sie ihn in dem Momente zurückhielt, wo ihn der Kardinal ins Betzimmer führen wollte, um ihn seiner gefährlichen Beredsamkeit zu unterwerfen; »da seht Ihr, wie die Situation wirkt, in welcher ich mich befinde: man hält mich des wenigen Einflusses wegen, den ich auf die öffentlichen Angelegenheiten habe, für gereizt, mich, die Mutter von vier Prinzen aus dem Hause Valois!«

Der junge König wurde aufmerksam. Als Maria Stuart sah, wie des Königs Stirn sich in Falten legte, nahm sie ihn mit sich und führte ihn in die Fensternische, wo sie ihn mit süßen Worten liebkoste. Sie sprach sie mit leiser Stimme; zweifellos glichen sie denen, die sie vorhin bei seinem Aufstehen an ihn richtete. Die beiden Brüder lasen dann die von der Königin Katharina ausgelieferten Papiere. Als sie dort Aufschlüsse fanden, von denen ihre Spione, Herr von Braguelonne, der Kriminalleutnant des Châtelet, nichts wußten, waren sie versucht, an Katharina von Medicis Aufrichtigkeit zu glauben. Robertet kam und empfing einige Christoph anlangende heimliche Befehle. Das junge Werkzeug der Anführer der Reformation ward dann von vier Wächtern der Schottländerkompagnie abgeführt; sie ließen ihn die Treppe hinabsteigen und lieferten ihn an Herrn von Montrésor, den Schloßprofoß, ab. Von fünf seiner Häscher begleitet, führte diese schreckliche Persönlichkeit selber Christoph ins Schloßgefängnis, das in den gewölbten Kellern des Turmes liegt, der heute Ruine ist. Der Schloßvogt von Blois zeigt ihn euch mit den Worten, daß sich dort die Verließe befanden.

Nach einem solchen Ergebnis konnte der Conseil nur mehr eine Scheinhandlung sein: der König, die junge Königin, der Großmeister und der Kardinal von Lothringen kehrten dorthin zurück, die besiegte Katharina nahmen sie mit sich; sie sprach dort nur, um die von den Lothringern verlangten Maßnahmen zu billigen. Trotz des schwachen Widerstandes des Kanzlers Olivier, der die einzige Persönlichkeit war, welche Worte verlauten ließ, worin die für die Ausübung seines Amtes notwendige Unabhängigkeit einen breiten Raum einnahm, ward der Herzog von Guise zum Reichsverweser des Königreichs ernannt. Robertet brachte die Einsetzungsurkunden mit einer Schnelligkeit, die eine Ergebenheit bewies, welche man Mitschuld hätte nennen können.

Seiner Mutter den Arm reichend, durchquerte der König von neuem den Wachensaal und verkündigte dem harrenden Hofe, daß er folgenden Morgens schon nach dem Schlosse von Amboise reisen werde. Diese Residenz war aufgegeben worden, seitdem Karl der Achte sich dort auf höchst unfreiwillige Weise den Tod gegeben hatte, indem er an das Gesims einer Türe stieß, die er ausschnitzen ließ; er hatte geglaubt hindurchgehen zu können, ohne sich vor dem Gerüste bücken zu müssen. Um die Pläne der Guisen zu bemänteln, erklärte Katharina die Absicht zu haben, auf Kosten der Krone das Schloß von Amboise fertigzustellen, gleichzeitig würde man ihr Schloß zu Chenonceaux vollenden. Niemand aber ließ sich von diesem Vorwande hinters Licht führen, und der Hof war großer Ereignisse gewärtig.

Nachdem er etwa zwei Stunden damit zugebracht hatte, sich in der Dunkelheit seines Gefängnisses auszukennen, fand Christoph schließlich, daß es mit einem plumpen Täfelwerk von hinreichender Stärke versehen war, um dies viereckige Loch gesund und bewohnbar zu machen. Die Tür – sie ähnelte der eines Schweinekobens – hatte ihn gezwungen, sich um die Hälfte kleiner zu machen, um hindurchzugehn. Zur Seite dieser Tür sorgte ein dickes Eisengitter, das nach einer Art von Korridor hin offen war, für etwas Licht und Luft. Diese Gefängniseinrichtung ähnelte in allen Punkten den Brunnengefängnissen in Venedig und bewies zur Genüge, daß der Architekt des Schlosses zu Blois jener venezianischen Schule angehörte, welche Europa im Mittelalter mit so vielen Baumeistern versorgte. Als Christoph das Gefängnis oberhalb der Täfelung untersuchte, bemerkte er, daß beide Mauern, die es rechts und links von zwei ähnlichen Brunnengefängnissen trennten, aus Ziegeln bestanden. Als er sie beklopfte, um ihre Dicke festzustellen, hörte er zu seiner großen Überraschung auch auf der anderen Seite klopfen.

»Wer seid Ihr?« fragte ihn sein Nachbar, der durch den Flur mit ihm sprach.

»Ich bin Christoph Lecamus.«

»Ich,« antwortete die Stimme, »ich bin der Hauptmann Chaudieu, des Predigers Bruder. Heut nacht hat man mich in Beaugency festgenommen, glücklicherweise aber spricht nichts gegen mich.«

»Alles ist entdeckt«, sagte Christoph. »Also habt Ihr Euch vor dem Schlimmsten gerettet.«

»In diesem Augenblick haben wir dreitausend Mann in den Wäldern vom Vendomois stehen, und all das sind Leute, entschlossen genug, die Königin-Mutter und den König während ihrer Reise wegzuschnappen. Glücklicherweise ist la Renaudie schlauer gewesen als ich und hat sich gerettet. Ihr hattet uns gerade verlassen, als die Guisenfreunde uns überrannten.«

»Aber ich kenne la Renaudie ja gar nicht . . .«

»Bah, mein Bruder hat mir alles erzählt«, antwortete der Hauptmann.

Auf dies Wort hin setzte Christoph sich auf seine Bank und antwortete nichts mehr auf all das, was der angebliche Hauptmann ihn auch fragen mochte; war er doch schon zur Genüge unter die Gerichtsleute gekommen, um zu wissen, daß man in Gefängnissen nicht vorsichtig genug sein kann. Inmitten der Nacht sah er das bleiche Licht einer Laterne in dem Korridor, nachdem er die dicken Schlösser der eisernen Türe, die den Keller verschloß, hatte kreischen hören.

Der Großprofoß erschien selber, um Christoph zu holen. Diese Sorge für einen Menschen, den man in seinem Gefängnis ohne Nahrung gelassen hatte, erschien Christoph als ungewöhnlich; doch der große Umzug des Hofes hatte die Leute zweifelsohne daran gehindert, an ihn zu denken. Einer der Häscher des Profosses band ihm die Hände mit einem Strick zusammen und hielt ihn an diesem Strick fest, bis sie in einem der niedrigen Säle des Schlosses Ludwigs des Zwölften angekommen waren, welcher sicherlich als Vorzimmer für die Wohnung irgendeiner Persönlichkeit diente. Der Häscher und der Großprofoß ließen ihn sich auf eine Bank setzen, wo der Häscher ihm die Füße zusammenband, wie er seine Hände gebunden hatte. Auf ein Zeichen von Herrn von Montrésor hin entfernte sich der Häscher.

»Hör mir gut zu, mein Freund«, sagte zu Christoph der Großprofoß, der mit der Halskette seines Ranges spielte, denn diese Persönlichkeit befand sich zur vorgerückten Nachtstunde in Tracht.

Dieser kleine Umstand gab dem Kürschnersohne viel zu denken. Christoph sah gut, daß noch nicht alles zu Ende war. In diesem Augenblicke handelte es sich wahrlich nicht darum, ihn aufzuhängen oder ihn zu richten.

»Grausame Qualen kannst du dir ersparen, mein Freund, wenn du mir hier alles sagst, was du von dem geheimen Einverständnis des Herrn Prinzen von Condé mit der Königin Katharina weißt. Nicht nur wird dir keinerlei Übel geschehen, sondern du wirst auch noch in des gnädigen Herrn Reichsverwesers Dienste treten, der kluge Leute sehr gern hat. Deine gute Miene hat einen lebhaften Eindruck auf ihn gemacht. Die Königin-Mutter wird nach Florenz zurückgeschickt werden und Herrn von Condé wird man zweifellos das Urteil sprechen. Also, glaub mir, die Kleinen müssen sich den Großen, die da herrschen, anschließen. Sag mir alles, du wirst dich wohl dabei befinden.«

»Ach, mein Herr,« antwortete Christoph, »ich habe nichts zu sagen, hab' alles, was ich weiß den Herren von Guise in der Königin Zimmer gestanden. Chaudieu hat mich veranlaßt, der Königin-Mutter Papiere zu Gesicht zu bringen; er machte mich glauben, es handele sich um des Reiches Frieden.«

»Den Prinzen von Condé habt Ihr niemals gesehen?«

»Niemals«, sagte Christoph.

Darauf verließ Herr von Montrésor Christoph und ging in ein Nebenzimmer. Nicht lange blieb Christoph allein. Die Tür, durch die er gekommen war, öffnete sich bald, ließ mehrere Männer durch, die sie nicht zumachten und wenig erheiternde Geräusche im Hofe hören ließen. Hölzer und Maschinen brachte man, die augenscheinlich für die Marter des Sendboten der Reformierten bestimmt waren. Christophs Neugierde fand bald Stoff zum Nachdenken in den Vorbereitungen, welche die Neuangekommenen im Saale und unter seinen Augen trafen. Zwei schlechtgekleidete und plumpe Diener gehorsamten einem kräftigen und stämmigen dicken Kerl, der bei seinem Hereinkommen den Blick des Menschenfressers auf sein Opfer, auf Christoph, warf; als Kenner der Nerven, ihre Kraft und ihren Widerstand berechnend, hatte er ihn gemustert und abgeschätzt. Dieser Mensch war der Henker von Blois. Auf mehreren Gängen brachten seine Leute eine Matratze, Hammer, Holzkeile, Bretter und Gegenstände, deren Gebrauch dem armen Jungen, den solche Vorbereitungen angingen, weder klar war, noch heilsam erschien. Einer gräßlichen, aber unbestimmten Ahnung zufolge fror ihm das Blut in seinen Adern. Zwei Leute traten ein, im Augenblick, wo Herr von Montrésor wiedererschien.

»Nun, nichts ist fertig?« sagte der Großprofoß, den die beiden eben Angekommenen ehrfurchtsvoll begrüßten. »Wißt ihr,« fügte er, sich an den dicken Kerl und seine beiden Diener wendend, hinzu, »daß der Herr Kardinal euch bei der Arbeit glaubt? Doktor,« fuhr er fort, sich an die eine der beiden neuen Persönlichkeiten wendend, »da ist Euer Mann.«

Und er deutete auf Christoph hin.

Der Arzt trat auf den Gefangenen zu, löste seine Hände, klopfte ihm auf die Brust und auf den Rücken. Die Wissenschaft befaßte sich ernsthaft mit des Henkers heimlichem Examen. Während dieser Zeit brachte ein Diener in der Livrée des Guiseschen Hauses mehrere Sessel, einen Tisch und alles, was zum Schreiben nötig war.

»Beginnt mit dem Protokoll«, sagte der Herr von Montrésor, indem er die zweite schwarzgekleidete Person, die ein Kanzlist war, an den Tisch verwies.

Dann kam er und setzte sich wieder zu Christoph, zu dem er mit honigsüßer Stimme sagte: »Als der Kanzler hörte, mein Freund, daß Ihr nicht in befriedigender Weise auf meine Fragen antworten wollt, hat er beschlossen, daß Ihr die gewöhnliche und außergewöhnliche peinliche Frage erleiden sollt.«

»Ist er bei guter Gesundheit und kann er sie aushalten?« fragte der Schreiber den Arzt.

»Jawohl«, antwortete der Gelehrte, welcher einer der Ärzte des lothringischen Hauses war.

»Nun schön denn, zieht Euch in den Saal hier nebenan zurück, jedesmal, wenn es nötig sein sollte, Euch zu konsultieren, werden wir Euch rufen lassen.«

Der Arzt ging hinaus.

Als sein erster Schrecken vorüber war, faßte Christoph wieder Mut: seines Martyriums Stunde war gekommen. Von nun an schaute er mit kühler Neugier den Anordnungen zu, welche der Henker und seine Knechte trafen. Nachdem sie in Eile ein Bett aufgeschlagen, richteten die beiden Männer jene Maschinen her, die man spanische Stiefel nennt und die aus mehreren Brettern bestehen, zwischen die man jedes der Beine des zu Folternden legt, das sich dort in kleinen Polstern festgehalten findet. Die so hergerichteten Beine werden einander genähert.

Der Apparat, welcher von den Buchbindern angewendet wird, um ihre Bücher zwischen zwei Bretter zu klemmen, die sie mit Stricken handhaben, kann einen sehr genauen Begriff von der Art und Weise geben, in welcher Lage sich jedes Bein des zu Folternden befand. Jedweder wird sich nun die Wirkung ausdenken können, welche ein Keil hervorrief, den man mit Hammerschlägen zwischen die beiden Teile des Apparates trieb, durch die das Bein festgehalten wurde, und die, selber durch Taue zusammengepreßt, nicht nachgaben. Man trieb die Keile in der Knie- und Knöchelhöhe ein, wie wenn es sich darum handelte, ein Holzstück zu zerspalten. Die Wahl dieser beiden, des Fleisches baren Stellen, wo der Keil sich infolgedessen auf Kosten der Knochen Raum schaffte, machte diese Folter schrecklich schmerzhaft. Bei der gewöhnlichen peinlichen Frage trieb man vier Keile ein, zwei bei den Knöcheln und zwei bei den Knien; bei der außergewöhnlichen aber ging man bis zu acht, vorausgesetzt, daß die Ärzte das Empfindungsvermögen des Angeklagten für nicht erschöpft erachteten. Zu jener Zeit wandte man spanische Stiefel auch in gleicher Weise für die Hände an; da aber die Zeit drängte, hatten der Kardinal, der Reichsverweser und der Kanzler Christoph davon dispensiert.

Das Protokoll ward aufgenommen, der Großprofoß hatte, mit nachdenklicher Miene auf und ab gehend, einige Phrasen diktiert und Christoph auch seinen Namen und Vornamen, sein Alter und seinen Beruf angeben lassen. Dann fragte er ihn, von welcher Person er die Papiere erhalten hätte, die er der Königin eingehändigt.

»Vom Prediger Chaudieu!«

»Wo hat er sie Euch gegeben?«

»Bei mir zu Hause, in Paris.«

»Als er sie Euch übergab, hat er Euch erklären müssen, ob die Königin-Mutter Euch mit Freuden aufnehmen würde.«

»Nichts dergleichen hat er mir gesagt«, antwortete Christoph. »Er hat mich einzig und allein gebeten, sie der Königin Katharina heimlich zuzustecken.«

»Ihr habt also Chaudieu oft gesehen, daß er von Eurer Reise unterrichtet war?«

»Der Prediger hat nicht von mir erfahren, daß ich, wenn ich die Pelzwerke der beiden Königinnen ablieferte, von meines Vaters Seiten die Summe einfordern sollte, die ihm die Königin-Mutter schuldet; und ich habe keine Zeit gehabt ihn zu fragen, wer ihm das gesagt.«

»Jene Papiere aber, die man Euch weder eingeschlossen noch versiegelt übergab, enthielten einen Vertrag zwischen den Rebellen und der Königin Katharina. Ihr habt sehen müssen, daß Ihr Euch der Todesstrafe aussetztet, die Leute erleiden müssen, die an einer Rebellion teilhaben.«

»Ja.«

»Die Personen, welche Euch zu einem solchen Hochverratsakte verleiteten, haben Euch Belohnungen und der Königin-Mutter Schutz versprechen müssen.«

»Ich habe es aus Anhänglichkeit an Chaudieu getan, der einzigen Person, die ich sah.«

»Beharrt Ihr also noch bei Eurer Aussage, daß Ihr den Prinzen von Condé nicht gesehen habt?«

»Ja.«

»Hat Euch der Prinz von Condé nicht gesagt, die Königin-Mutter sei gewillt, auf seine Absichten wider die Herren von Guise einzugehen?«

»Ich habe ihn nicht gesehen.«

»Nehmt Euch in acht! Einer Eurer Mitwisser, la Renaudie, ist verhaftet. Wie stark er auch sein mag, der peinlichen Frage, die auch Eurer harrt, hat er nicht widerstehen können; schließlich hat er zugegeben, er habe ebenso wie der Prinz eine Zusammenkunft mit Euch gehabt. Wenn Ihr die Qualen der peinlichen Frage vermeiden wollt, fordere ich Euch auf, einfach die Wahrheit zu sagen. Vielleicht erhaltet Ihr so Eure Begnadigung.«

Christoph antwortete, nicht etwas versichern zu können, wovon er niemals Kenntnis besessen, auch könne er keine Komplizen angeben, da er keine gehabt habe.

Als der Großprofoß diese Worte hörte, machte er dem Henker ein Zeichen und ging in den Nebensaal. Bei diesem Zeichen runzelte sich Christophs Stirne; durch eine Nervenkontraktion zogen sich seine Augenbrauen zusammen; er bereitete sich auf die Leiden vor. Seine Finger schlossen sich mit einer so heftigen Kontraktion, daß sich seine Nägel in das Fleisch gruben, ohne daß er es gewahr ward.

Die drei Männer bemächtigten sich seiner und schleppten ihn auf das Feldbett, wo sie ihn hinlegten, indem sie seine Beine herunterhängen ließen. Während der Henker seinen Körper mit dicken Tauen auf dies Bett schnallte, steckte jeder seiner Gehilfen ein Bein in die spanischen Stiefel. Bald wurden die Stricke mittels einer Kurbel angezogen, ohne daß dieser Druck dem Reformierten großen Schmerz bereitete. Als jedes Bein wie in einem Schraubstock festgehalten war, griff der Henker nach seinem Hammer, seinen Keilen und sah nacheinander den zu Folternden und den Gerichtsschreiber an.

»Verharrt Ihr im Leugnen?« fragte der Schreiber.

»Ich hab die Wahrheit gesagt«, antwortete Christoph.

»Nun denn, beginnt«, sagte der Gerichtsschreiber, die Augen schließend.

Die Stricke wurden mit äußerster Gewalt angezogen. Dieser Moment war vielleicht der schmerzhafteste der Marter. Die Fleischteile wurden heftig zusammengepreßt; das Blut flutete jäh in den Oberkörper zurück. Auch konnte der arme Jüngling nicht umhin, furchtbare Schreie auszustoßen; fast schien er ohnmächtig zu werden. Man rief den Arzt. Er fühlte Christoph den Puls und sagte, man solle eine Viertelstunde mit dem Eintreiben der Keile warten, um dem Blute Zeit zu lassen, sich zu beruhigen, auch damit Christophs Sensibilität sich völlig wieder einstellte. Mitleidsvoll stellte der Gerichtsschreiber Christoph vor, daß, wenn er den Anfang der Schmerzen, denen er sich nicht entziehen könne, nicht besser ertrüge, es vorteilhafter für ihn sei, sich zu einem Geständnisse zu bequemen. Christoph aber antwortete nur mit folgenden Worten:

»Des Königs Schneider! Des Königs Schneider!«

»Was wollt Ihr mit den Worten sagen?« fragte der Gerichtsschreiber.

»Indem ich sehe, welcher Höllenqual ich widerstehen muß,« sagte Christoph langsam, um Zeit zu gewinnen und sich auszuruhen, »rufe ich all meine Kraft herbei und suche sie zu vermehren, indem ich an das Martyrium denke, das um der heiligen Sache der Reformation willen des seligen Königs Schneider ausgehalten hat. Den ließ man die peinliche Frage in der Frau Herzogin von Valentinois und des Königs Gegenwart erleiden; versuchen will ich, seiner würdig zu sein!«

Während der Arzt den Unglücklichen ermahnte, er solle nicht zugeben, daß man zu außergewöhnlichen Mitteln die Zuflucht nähme, zeigten sich der Kardinal und der Herzog, voller Ungeduld, das Ergebnis dieses Verhörs zu erfahren, und forderten Christoph auf, unverzüglich die Wahrheit zu sagen. Des Kürschners Sohn wiederholte die einzigen Geständnisse, die er sich zu machen erlaubte und die nur Chaudieu belasteten. Die beiden Fürsten gaben ein Zeichen. Auf dies Zeichen hin griffen der Henker und sein erster Knecht nach ihren Hämmern, nahmen jeder einen Keil und schlugen ihn ein. Der eine hielt sich rechts, der andere links zwischen den beiden Apparaten. Der Henker übernahm die Kniehöhe, der Helfer die Füße bei den Knöcheln. Die Augen der Zeugen dieser entsetzlichen Scene hefteten sich auf Christophs Augen, der, zweifelsohne durch die Anwesenheit dieser vornehmen Persönlichkeiten aufgereizt, ihnen so beseelte Blicke zuschleuderte, daß sie den Glanz einer Flamme bekamen. Bei den beiden nächsten Keilen ließ er sich einen furchtbaren Seufzer entfahren. Als er sah, daß man nach den Keilen der außergewöhnlichen peinlichen Frage griff, schwieg er; sein Blick aber bekam eine solch heftige Festigkeit und strömte auf die ihn betrachtenden Edelleute ein so durchdringendes Fluidum aus, daß Herzog und Kardinal die Augen niederschlagen mußten.

Die nämliche Schlappe ward von Philipp dem Schönen erlitten, als er in seiner Gegenwart den Templern die peinliche Frage des Prägstocks geben ließ. Diese Höllenpein bestand darin, des Patienten Brust dem Schlage eines der Prägstockbalken auszusetzen, womit man Geld schlug und den man mit einem ledernen Dämpfer überzog. Ein Ritter war unter ihnen, dessen Blick sich so wild an den König heftete, daß der faszinierte König seine Augen nicht von denen des Dulders abzuwenden vermochte. Beim dritten Balkenschlage ging der König hinaus, nachdem er seine Zitierung vor das Gericht Gottes im nämlichen Jahre vernommen hatte; vor welchem er dann auch erschien.

Beim fünften Keile, dem ersten der außerordentlichen Frage, sagte Christoph zum Kardinal:

»Kürzt meine Todespein ab, gnädiger Herr, sie ist zwecklos!«

Der Kardinal und der Herzog gingen darauf wieder in den Nebensaal und Christoph hörte dann folgende von der Königin Katharina geäußerten Worte:

»Nur immer zu, denn alles in allem ist er doch nur ein Ketzer!«

Sie hielt es für klug, ihrem Mitwisser gegenüber strenger als die Henker selber zu erscheinen.

Man trieb den sechsten und siebenten Keil ein, ohne daß Christoph sich beklagte; sein Antlitz strahlte in einem außerordentlichen Glanze, welcher zweifelsohne von dem Übermaß der Kraft herrührte, die ihm der aufgepeitschte Fanatismus verlieh. Wo übrigens sollte man anders den Stützpunkt, der nötig ist, um derartigen Leiden zu widerstehen, als im Gefühle suchen? Schließlich fing Christoph in dem Augenblicke zu lächeln an, wo der Henker nach dem achten Keile griff. Der Gerichtsschreiber holte den Arzt, um zu wissen, ob man den achten Keil eintreiben könnte, ohne des Dulders Leben zu gefährden. Während dieser Zeit kam der Herzog wieder, um nach Christoph zu schauen.

»Gottsdonner, du bist ein kühner Geselle«, sagte er zu ihm, sich über sein Ohr neigend. »Mutige Leute liebe ich. Tritt in meinen Dienst, glücklich wirst du und reich werden, meine Gunstbeweise sollen deine gequälten Gliedmaßen kurieren. Ich werde dir keine Feigheit zumuten wie etwa, zu deiner Partei zurückzukehren, um uns ihre Pläne anzugeben: Verräter gibt's immer, und der Beweis davon sitzt im Gefängnis zu Blois. Doch sag mir nur, in welchen Beziehungen stehen die Königin-Mutter und der Prinz Condé.«

»Ich weiß nichts dergleichen, gnädiger Herr«, schrie Lecamus.

Der Arzt kam, prüfte das Opfer und erklärte, es könnte noch den achten Keil aushalten.

»Treibt ihn ein!« rief der Kardinal. »Wie die Königin sagt, ist er alles in allem doch nur ein Ketzer«, fügte er Christoph anblickend, hinzu. Auch ein schreckliches Lächeln warf er ihm zu.

Langsamen Schrittes kam Katharina aus dem Nebensaale, stellte sich vor Christoph hin und betrachtete ihn kalt. Da war sie Gegenstand lebhaftester Aufmerksamkeit der beiden Brüder, die abwechselnd Katharina und ihren Mitschuldigen betrachteten. Von dieser feierlichen Probe hing für das ehrgeizige Weib ihre ganze Zukunft ab: eine lebhafte Bewunderung für Christophs Mut stieg in ihr auf, sie betrachtete ihn streng. Sie haßte die Guisen, aber sie lächelte ihnen zu.

»Nun denn,« sagte sie, »junger Mann, gesteht, daß Ihr den Prinzen von Condé gesehen habt, reich sollt Ihr belohnt werden.«

»Ach, welch Handwerk treibt Ihr, Madame!« schrie Christoph, sie beklagend.

»Er beleidigt mich. Wollt ihr ihn nicht hängen?« sagte sie zu den beiden Brüdern, die nachdenklich dastanden.

»Welch ein Weib!« rief der Großmeister in der Fensternische. Sein Blick fragte den Bruder um Rat. ›Ich bleibe in Frankreich und werde mich an ihnen rächen‹, dachte die Königin.

»He, er soll gestehen oder verrecken!« schrie sie, sich an Herrn von Montrésor wendend.

Der Großprofoß wandte die Augen ab, die Henker waren beschäftigt und Katharina konnte dem Märtyrer einen Blick zuwerfen, der von niemandem gesehen ward. Wie ein Tautropfen fiel er auf Christoph. Die Augen dieser großen Königin schienen ihm feucht zu sein, tatsächlich rollten in ihnen zwei zurückgehaltene Tränen, die sofort trockneten.

Der Keil ward eingetrieben, eine der Planken, zwischen die man ihn hämmerte, zerbarst. Christoph ließ seiner Brust einen gräßlichen Schrei entfahren, nach welchem er schwieg und ein strahlendes Antlitz zeigte. Er vermeinte zu sterben.

»Er soll verrecken?« schrie der Kardinal, der Königin letztes Wort mit einer gewissen Ironie wiederholend, »Nein, nein! Zerreißt diesen Faden nicht«, sagte er zum Großprofoß.

Herzog und Kardinal berieten sich nun mit leiser Stimme.

»Was soll man mit ihm machen?« fragte der Henker.

»Schickt ihn in die Gefängnisse von Orleans,« sagte der Herzog, »und vor allem,« fuhr er, sich an Herrn von Montrésor wendend, fort, »hängt ihn mir ja nicht auf ohne mein ausdrückliches Geheiß.« Die übermäßige Zartheit, welche die Sensibilität der inneren Organe erlangt hatte, gewachsen durch den Widerstand, der den Gebrauch aller menschlichen Kräfte notwendig machte, bestand im nämlichen Grade in allen Sinnen Christophs. Er allein hörte die folgenden Worte, die der Herzog von Guise dem Kardinal ins Ohr flüsterte:

»Ich verzichte noch nicht darauf, die Wahrheit von diesem kleinen Biedermanne zu erfahren.«

Als die beiden Fürsten den Saal verlassen hatten, machten die Henker des Gemarterten Beine ohne jegliche Vorsicht los.

»Hat man je einen Verbrecher mit solcher Kraft gesehen?« sagte der Henker zu seinen Gehilfen. »Der Schelm hat den achten Keil ausgehalten, er mußte sterben, ich verliere den Wert seines Körpers . . .«

»Bindet mich los, ohne mich leiden zu lassen, meine Freunde«; hauchte der arme Christoph. »Eines Tages werd ich Euch dafür belohnen.«

»Heda, seid menschlich!« schrie der Arzt. »Der gnädige Herr Herzog schätzt den jungen Mann und hat ihn mir anempfohlen.«

»Ich gehe mit meinen Gehilfen nach Blois,« erwiderte der Henker grob, »pflegt ihn selber. Da ist übrigens der Kerkermeister.«

Der Henker ging fort und ließ Christoph in des übertrieben freundlichen Arztes Händen, welcher ihn mit Hilfe seines künftigen Wächters auf ein Bett trug, ihm Fleischbrühe brachte, sie ihm einflößte, sich an seine Seite setzte, seinen Puls fühlte und ihm Tröstungen spendete.

»Ihr werdet nicht daran sterben«, sagte er zu ihm. »Ihr müßt eine innere Genugtuung verspüren in dem Bewußtsein, Eure Pflicht getan zu haben. Die Königin hat mich beauftragt, über Euch zu wachen«, fügte er mit leiser Stimme hinzu.

»Die Königin ist recht gütig«, sagte Christoph, in dem die maßlosen Leiden auch eine wunderbare geistige Klarheit entwickelt hatten. Nachdem er so große Leiden ertragen, wollte er die Ergebnisse seiner Aufopferung nicht zu Schanden werden lassen. – »Aber sie hätte mir so große Schmerzen ersparen können, indem sie mich nicht meinen Verfolgern auslieferte und ihnen selber die Geheimnisse sagte, die ich ja nicht weiß.«

Als er diese Antwort hörte, griff der Arzt nach Mütze und Mantel und ließ Christoph daliegen. Von einem Menschen solchen Schlages meinte er nichts erfahren zu können.

Der Kerkermeister von Blois ließ den armen Jungen von vier Männern auf eine Tragbahre legen und brachte ihn in das Stadtgefängnis, wo Christoph in jenen tiefen Schlummer fiel, in welchen nach den schrecklichen Schmerzen der Entbindung, wie es heißt, fast alle Mütter versinken.

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