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Kater Martinchen

Ernst Moritz Arndt: Kater Martinchen - Kapitel 13
Quellenangabe
typelegend
booktitleKater Martinchen
authorErnst Moritz Arndt
year1990
publisherKonrad Reich Verlag
addressRostock
isbn3-86167-019-4
titleKater Martinchen
senderGerd.Bouillon@mch.sni.de
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Und als alle Kostbarkeiten herausgeschafft und die erlöseten Diener und Dienerinnen hinaufgefahren waren, setzten Johann und seine Lisbeth sich zuletzt in die silberne Tonne und ließen sich hinaufziehen. Es mochte wohl eine Stunde nach Mitternacht sein. Und es deuchte ihnen ebenso als vormals, wie sie hinabgefahren waren. Sie waren von Jubel umrauscht und von Musik umtönt, und endlich klang es über ihren Köpfen, und sie sahen den gläsernen Berg sich öffnen, und die ersten Himmelsstrahlen blinkten zu ihnen hinab nach so manchen Jahren, und bald waren sie draußen und sahen das Morgenrot schon im Osten dämmern. Johann sah eine Menge Unterirdischer, die um ihn und Lisbeth und die Wagen geschäftig waren, dort hin und her wallen, und er sagte ihnen das letzte Lebewohl; dann nahm er seine braune Mütze, schwang sie dreimal in der Luft um und warf sie unter sie. Und in demselben Augenblick sah er nichts mehr von ihnen, sondern erblickte nun nichts weiter als einen grünen Hügel und bekannte Büsche und Felder und hörte die Glocke vom Rambiner Kirchturme eben zwei schlagen. Und als es still geworden war und er von dem unterirdischen und überirdischen Getummel nichts weiter hörte als einige Lerchen, die ihre ersten Morgenlieder anstimmten, da fiel er mit seiner Lisbeth im Grase auf die Knie, und sie beteten beide recht andächtig und gelobten Gott ein recht christliches Leben, weil er sie so wunderbar von den Unterirdischen errettet hatte. Und alle Diener und Dienerinnen, welche durch sie miterlöset waren, taten desgleichen.

Darauf erhuben sie sich alle, und die Sonne ging eben auf, und Johann ordnete nun den Zug seiner Wagen. Voran fuhren zwei Wagen, jeder mit vier Rotfüchsen bespannt, die waren mit eitel Gold und Dukaten beladen, so schwer, daß die Pferde von der Last stöhneten; diesen folgte ein anderer Wagen mit sechs schneeweißen Pferden, welche alles Silber und Kristall zogen; hinter diesem fuhren zwei letzte Wagen, jeder mit vier Grauschimmeln bespannt, und diese waren mit den herrlichsten Geräten und Gefäßen und Edelgesteinen und mit der Bibliothek Johanns beladen. Er mit seiner Braut fuhr zuletzt in einem offenen Wagen aus lauter grünem Smaragd, dessen Decke und Vorderseite mit vielen großen Diamanten besetzt waren, und sechs mutige, wiehernde Rappen zogen ihn. Er war aber nebst seiner Braut auf das kostbarste geschmückt, damit sie den Ihrigen auch durch den Schmuck und die Pracht als ein rechtes Wunder Gottes kämen. Denn beide waren von ihnen lange als tot betrauert und wer hätte wohl gedacht, daß sie jemals wiederkommen würden? Die erlösten Diener und Dienerinnen in gläsernen Schuhen und weißen Kleidern und Jäckchen mit silbernen Gürteln gingen vor und hinter und neben den Wagen und geleiteten sie; einige führten auch die Pferde. Denn sie wollten sie alle bis Rambin begleiten und von da jeder seines Weges weiter ziehen. Es waren ihrer in allem zwischen fünfzig und sechzig. Und sie jauchzeten vor Freuden, und einige, welche Geigen und Pfeifen und Trompeten mit hatten, spielten lustig auf. So zogen sie mit Jauchzen und Klingen die Hügel hinab auf die Straße, welche von Rambin nach Garz führt. Es war aber dem Johann und der Lisbeth gar wundersam zumute, als sie den Turm von Rambin wiedersahen und die Sturmweiden von Drammendorf und Giesendorf aus der Ferne, wo sie als Kinder soviel gespielt hatten. Als sie vor Rothenkirchen hinzogen, kam eben die Kuhherde über den Berg, und Klas Starkwolt mit seinem treuen Hurtig zog ihr langsamen Schrittes nach. Johann sah ihn und erkannte ihn stracks und dachte bei sich: »Den treuen Alten wirst du nicht vergessen.« Und so zog er mit seiner Begleitung weiter, und alle Leute, die auf der Straße waren, hielten oder standen still, und viele liefen ihnen nach, ja einige liefen voraus und meldeten in Rambin, welche blanke und prächtige Wagen dort auf der Landstraße führen, und brachten das ganze Dorf auf die Beine. Der Zug ging aber sehr langsam wegen der schwer beladenen Wagen.

So zogen sie etwa um vier Uhr morgens in Rambin ein und hielten still mitten im Dorf, etwa zwanzig Schritt von dem Hause, wo Johann geboren war. Und es war alles Volk zusammengelaufen und aus den Häusern gegangen, damit sie die glänzende Herrlichkeit mit eigenen Augen sähen. Johann entdeckte bald seinen alten Vater und seine Mutter und erkannte unter den vielen auch seinen Bruder Andres und seine Schwester Trine. Auch der alte Pfarrer Krabbe stand da in schwarzen Pantoffeln und einer weißen Schlafmütze, wie er eben aus dem Bette gekommen war, und gaffte mit den andern; aber Lisbeth erkannt ihn nicht mehr, denn sie war zu klein gewesen, als sie in den Berg entführt worden. So hielten sie etwa zehn Minuten still, ohne sich etwas merken zu lassen. Und man kann wohl sagen, daß in dem Dorfe Rambin nie eine solche Herrlichkeit erschienen war und auch nicht erscheinen wird bis an der Welt Ende. Johann und seine Braut funkelten von Diamanten und edlen Steinen; die Wagen, die Pferde, die Geschirre waren auf das prächtigste geziert, die Begleiter und Begleiterinnen alle in der Blüte der Jahre, mit den schönen, weißen Kleidern angetan und den sonderbaren Mützen und gläsernen Schuhen. Alles war wie aus einer andern Welt, so daß der Küster, seines Handwerks ein Schuhmacher, der in seiner Jugendwanderschaft bis nach Moskau und Konstantinopel gekommen war, sagte: »Sind es keine tatarische und persische und asiatische Prinzen, so müssen sie vom Mond heruntergekommen sein, denn in dem Lande Europa habe ich dergleichen nie gesehen und bin doch auch in vielen Städten gewesen, wo Kaiser und Könige wohnen!« Der gute Küster irrte sich aber; sie kamen weder aus Persien noch aus der Tatarei, sondern ganz aus der Nähe, aber freilich aus einer sehr wenig entdeckten Welt.

Als Johann nun glaubte, es sei genug, und sie hätten ihre Augen bis zur Sättigung geweidet, sprang er rasch vom Wagen und hob sein schönes Kind auch heraus und drang durch die Menge hin, die ihm ehrerbietig Platz machte. Und ohne sich lange zu besinnen, eilte er zu dem niedrigen, strohenen Häuschen, wo Jakob Dietrich mit seiner Frau stand, und umhalsete sie beide und küssete sie, die sich vor ihm zur Erde werfen und seine Knie küsse wollten. Er aber wehrte ihnen und sprach: »Mitnichten! Das darf nicht sein! Kennt ihr mich denn nicht? Ich bin euer verlornen Sohn Johann Dietrich, und diese hier ist meine Braut.« Und die beiden Alten erstaunten und wußten nicht, ob sie wachten oder träumten; alles Volk aber, das dies sah und hörte, verwunderte sich und rief: »Johann Dietrich, der verlorne Johann Dietrich ist von den Unterirdischen wiedergekommen, und seht, was er mitgebracht hat!«

Johann Dietrich aber stand dort nicht lange müßig bei seinen Eltern, sondern, als er den alten Pfarrer Krabbe in der weißen Schlafmütze erblickte, lief er eilends hin und holte ihn fast mit Gewalt herbei; denn der alte Mann wußte nicht, was der ungestüme Jüngling im Sinn hatte. Und er führte den alten, ehrwürdigen Herrn zu Lisbeth und fragte ihn: »Kennst du diese?« Ehe er aber noch antworten konnte, zog er ihm Lisbeth in die Arme und sprach: »Dies ist deine verlorene Tochter und meine Braut, die bringe ich dir wieder. Und nun sollst du uns segnen und christlich zusammensprechen, da wir auf eine so wundersame Weise wieder zu den Unsern gekommen sind.« Und der alte Mann war lange sprachlos und hing an der Brust seiner Lisbeth und weinte vor Freude; denn sie war sein einziges Kind, und er hatte sie lange als eine Tote beweint. Und als er sich besonnen hatte von dem ersten Erstaunen, nahm er die Hände seines Kindes und legte sie in die Hände Johanns und hieß Jakob Dietrich und seine Frau auch hinzutreten und sprach: »So segnet euch denn der Gott des Friedens und der Barmherzigkeit, der euch so wunderbar zusammengebracht hat, und lasse euch Kinder und Kindeskinder sehen und in seiner Furcht wandeln bis ans Ende eures Lebens! Siehe, ich preise ihn, daß er mich diesen Tag hat sehen lassen.«

Als dies vorbei und noch viel gefragt und erzählt war, und als die Nachbarn und die Gespielen und Gespielinnen sich den Johann und die Lisbeth wieder besehen und jeder auf seine Weise an seinen Zeichen wieder erkannt hatten, da gingen die beiden zu den Eltern in die Häuser. Johann aber säumte nicht mit der Hauptlust, mit der Hochzeit, die binnen acht Tagen sein sollte. Und er schickte viele hundert Wagen in den Wald, welche Bäume und Zweige in unendlicher Menge herbeifuhren. Und er ließ viele Zimmerleute und Schreiner und Tapezierer kommen. Und wo jetzt das Kloster steht, einige hundert Schritt vor dem Dorfe, da ließ er einen hohen und weiten Laubsaal bauen und von beiden Seiten Tische aufschlagen und in der Mitte eine Tanzbühne, und der Saal war so groß, daß er wohl fünftausend Menschen fassen konnte. Zu gleicher Zeit schickte er nach Stralsund und Greifswald und ließ ganze Böte von Wein, Zucker und Kaffee laden; auch wurden ganze Herden Ochsen, Schweine und Schafe zur Hochzeit hergetrieben, und wieviele Hirsche, Rehe und Hasen dazu geschossen sind, das ist nicht zu sagen, sowenig als die Fische zu zählen sind, die dazu bestellt wurden. In ganz Rügen und Pommern ist auch kein einziger Musikant geblieben, der nicht dazu verdungen wurde. Denn Johann war sehr reich und wollte seine Pracht sehen lassen. Auch hatte er das ganze Kirchspiel zur Hochzeit geladen und auch alle die schönen, weißen Jünglinge und Jungfrauen dabehalten, die er erlöset hatte, und die nun seinen Ehrentag mitfeiern wollten.

Dies war die Ordnung der Hochzeit: Als der Morgen angebrochen war, gingen alle Gäste in die Kirche, und der alte Krabbe dankete Gott und erzählte die wunderbare Erhaltung und Errettung und Verlobung der Kinder; darauf segnete er sie ein und gab sie feierlich zusammen. Nun gingen sie in zierlicher Reihe alle in den großen Laubsaal, so daß Jakob Dietrich und seine Frau Lisbeth zwischen sich führten, Johann aber zwischen Vater Krabbe und seinem alten Klas Starkwolt ging. Denn diesen hatte er sogleich kommen lassen und ihn reichlich beschenkt, so daß er für seine übrigen Lebenstage geborgen war; auch hatte er ihm die schönsten Hochzeitskleider anmessen lassen. Und Klas hatte ihm versprechen müssen, bei ihm zu bleiben und mit ihm zu leben, so oft und viel er wollte; und das hat er redlich gehalten. Nach diesen Ehrenpaaren folgten die feinen Weißen aus dem Berge Paar um Paar, und darauf die ganze übrige Freundschaft, Nachbarschaft und Kirchspielschaft, nach Stand und Würden und Alter, wie es sich gebührte. Und sie hielten eine Hochzeit, wie sie in Rambin nie wieder gehalten worden, und wovon noch die Urenkel zu erzählen wissen. Vierzehn ausschlagene Tage und Nächte ist geschmaust und getanzt worden, und da hat man über vierzig Paare auf gläsernen Schuhen tanzen sehen, was seitdem etwas Unerhörtes gewesen. Und die Leute haben sich über die Tänzerinnen gewundert, so anmutigen Tanz haben sie gehalten; denn die Unterirdischen sind die ersten Tanzmeister in der Welt, und da hatten sie ja tanzen gelernt.

Und als die Hochzeit vorbei war, da ist Johann herumgereist im Lande mit seiner schönen Lisbeth, und sie haben sich viele Städte und Dörfer und Güter gekauft, und er ist Herr von beinahe ganz Rügen geworden und ein sehr vornehmer Graf im Lande. Und auch der alte Jakob, sein Vater, ist ein Edelmann geworden, und Johanns Brüder und Schwestern haben Junker und Fräulein geheißen. Denn was kann man sich nicht alles für Silber und Gold schaffen? Schier alles, nur nicht die Seligkeit; sonst hätte der arme Mensch auf Erden auch gar keinen Trost. Johann aber hat in all seinem Reichtum nie vergessen, auf welche wunderbare Weise Gott seine Jugend geführt hat, und ist ein sehr frommer, christlicher Mann gewesen. Und seine Frau Lisbeth ist noch fast frommer gewesen als er. Und beide haben Kirchen und Armen viel Gutes getan, auch selbst viele Kirchen gebauet und sind endlich, von allen, die sie kannten, gesegnet, seliglich im Herrn verschieden. Und diese Kirche, die jetzt in Rambin steht, hat der Graf Johann Dietrich auch bauen lassen und hat sie sehr reich beschenkt von seinem vielen Gelde. Und sie ist zum ewigen Andenken an seine Geburt da gebaut, wo Jakob Dietrichs Häuschen gestanden hat. Und er hat viele kostbare Geräte dahin geschenkt, goldene Becher und silberne Schalen von der allerkünstlichsten Arbeit, wie die Unterirdischen sie in ihren Bergen machen, nebst seinen und der Lisbeth gläsernen Schuhen, zum ewigen Andenken, was ihnen in der Jugend geschehen war. Diese sind aber weggekommen unter dem großen König Karolus XII. von Schweden, als die Russen hier auf die Insel kamen und schlimm hauseten. Da haben die Kosaken auch die Kirche geplündert und das alles mitgenommen.

So war der kleine Johann Dietrich aus einem armen Hirtenknaben ein reicher und vornehmer Herr geworden, weil er das Herz gehabt hatte, hinabzusteigen und sich die Schätze zu holen. Aber viele sind schon dadurch reich geworden, daß sie nur irgendein Pfand von den Unterirdischen gewonnen haben. Dadurch haben sie sie soweit in ihre Macht gekommen, daß sie ihnen etwas haben schenken oder zuliebe tun müssen. Manchen schenken sie auch freiwillig etwas und lehren sie schöne Künste und allerlei Geheimnisse; aber diesen, die ein Pfand oder etwas Verlornes von ihnen haben, müssen sie aus Not dienstbar und gefällig werden.

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