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Kater Martinchen

Ernst Moritz Arndt: Kater Martinchen - Kapitel 11
Quellenangabe
typelegend
booktitleKater Martinchen
authorErnst Moritz Arndt
year1990
publisherKonrad Reich Verlag
addressRostock
isbn3-86167-019-4
titleKater Martinchen
senderGerd.Bouillon@mch.sni.de
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Auch für Johann hatten die Hähne ganz wunderbar gekrähet, und er empfand etwas, was er hier unten noch nie empfunden hatte, nämlich eine tiefe Sehnsucht nach dem schönen Sonnenlande, und er antwortete seiner Braut:

»Liebe, süße Lisbeth, du ermahnest mich ganz recht! Ich empfinde nun auch, daß es Sünde ist für Christen, hier zu bleiben, und mir ist im Herzen fast, als hätte der Herr Christus uns mit diesem Hahnenkrei als mit seiner Liebesstimme gerufen: Kommt herauf, ihr Christenkinder, aus der Bezauberung und aus den Wohnungen der Verblendung! Kommt herauf an das Sternenlicht und wandelt wie die Kinder des Lichts! Ja, Lisbeth, mir ist zum erstenmal recht weh um das Herz geworden, und ich sehe wohl, daß es ein großer Fürwitz und eine schreckliche Sünde war, daß ich so mit den Unterirdischen hinabgefahren bin. Das mag Gott meinen jungen Jahren vergeben, weil ich ein Kind war und nicht wußte, was ich tat. Und nun will ich auch keinen Tag länger warten, sondern geschwinde Anstalt machen, daß ich fortkomme. Mich dürfen sie hier nicht halten.«

Und er war sehr bewegt in seiner Seele und führte sein liebes Kind eilends von dannen. So trieb ihn der Vorsatz fort, der schon in ihm lebendig war. Er hatte aber nicht bemerkt, daß Lisbeth bei seinen letzten Worten totenblaß geworden war, und wie schwer sie ihr aufs Herz gefallen waren; denn sie hatte vorher nicht bedacht, daß sie Dienerin war und ihre fünfzig Jahre aushalten mußte, und daß sie mit ihm nicht fort konnte. Und der Schmerz ward so gewaltig in ihr, daß sie endlich laut weinen und schluchzen mußte und er sie nun fragte, was ihr sei; er wolle ja gern mit ihr fortziehen, ja durch die ganze Welt mit ihr, wohin sie wolle. Da antwortete sie ihm: »Ach! Du bist hier der Herr und kannst es; aber ich bin die Dienerin und muß nach dem strengen Gesetze, das hier gilt, aushalten, bis die fünfzig Jahre um sind. Und was soll ich dann auf der Erde tun, wenn Vater und Mutter lange tot und die Gespielen alt und grau sind? Und du bist dann auch grau und alt; was kann es mir da helfen, daß ich hier jung bleibe und nicht älter werden kann als zwanzig Jahre? Ach, ich arme Lisbeth!«

Sie sprach diese Worte so kläglich aus, daß sie einen Stein hätten rühren können. Und in Johanns Ohren tönten sie wie Donnerschläge, und er ward auch sehr traurig. Denn das fühlte er wohl, ohne sie konnte er von hier nicht gehen – und er konnte doch in seiner Seele nirgends einen Ausweg finden. Sie schieden also, als sie heimgekommen waren, sehr traurig voneinander. Johann aber drückte Lisbeths Hand an sein Herz und küßte sie viel tausendmal und sagte ihr: »Nein, liebe Lisbeth, ohne dich geh ich nimmer von hier, das glaube mir!« Und Lisbeth ward sehr getröstet durch diese Worte.

Johann wälzte sich die ganze Nacht auf seinen Kissen hin und her und konnte kein Auge zutun, denn die Gedanken ließen ihm keine Ruhe, sondern flogen, wie aufgescheuchte Vögel, hinter welchen der Falke ist, immer rundum in seiner Seele. Endlich, als der Morgen schon grauete, fuhr er geschwind aus dem Bette und sprang hoch auf vor Freuden und jauchzete in seiner Stube hin und her und schrie überlaut: »Nun hab' ich's! Nun hab' ich's! Diener! Diener! Du hast mir zuviel erzählt.« Und er klingelte, und der Diener kam, und er befahl: »Diener, geschwind! Geschwind! Bringe mir Lisbeth!« Und in einigen Augenblicken war der Diener da und führte die schöne Lisbeth an der Hand. Und er hieß den Diener hinausgehen und küßte seine Lisbeth und sprach zu ihr: »Liebe Lisbeth, nun freue dich mit mir! Ich hab' es gefunden! Ich hab' es gefunden! Wir werden nun beide bald wieder zu Christen kommen, und sie können uns hier nicht festhalten. Verlaß dich nur drauf, ich kann es machen. Und nun gehe, mein Herzchen, und sei froh.« Und er küßte sein liebes Kind, rief darauf dem Diener und hieß ihn die Lisbeth wieder heimführen und auf dem Rückwege die sechs Vornehmsten zu ihm rufen. Der Diener aber verwunderte sich über diese Sendung, und die sechs wunderten sich noch mehr, als er ihnen die Mutung Johanns brachte, und munkelten und flüsterten untereinander, gingen aber mit ihm.

Und als die sechse in Johanns Zimmer traten, empfing er sie sehr freundlich, denn es waren ja die, mit welchen er alle Tage zu Tische zu sitzen pflegte, und sprach also zu ihnen:

»Liebe Herren und Freunde, euch ist wohl bewußt, auf welche Weise ich hierher gekommen bin, nicht als ein Gefangener und Überlisteter oder Diener, sondern als ein Herr und Meister über einen von euch und dadurch über alle; nur daß dieser eine immer mein leiblicher und stündlicher, ja sekundlicher Diener sein muß. Ihr habt mich die zehn Jahre, welche ich bei euch lebe, wie einen Herrn empfangen und gehalten, und dafür bin ich euch Dank schuldig. Ihr seid mir aber noch größern Dank schuldig, denn ich hätte euch mit allerlei Befehlen und Einfällen manche Mühe und Arbeit, Neckerei und Plage antun, ja ich hätte ein recht tückischer und unfreundlicher Tyrann gegen euch sein können, und ihr hättet es alles in Gehorsam leiden und tun müssen und nicht mucksen dürfen. Ich habe das aber nicht getan, sondern mich wie euresgleichen aufgeführt und mehr mit euch gejubelt und gespielt, als daß ich unter euch geherrscht hätte. Nun bitte ich euch, seid wieder freundlich gegen mich, wie ich gegen euch gewesen bin, und gewähret mir eine Bitte. Es ist hier unter den Dienerinnen eine feine Dirne, die ich lieb habe, Lisbeth Krabbin aus Rambin, wo auch ich geboren bin. Diese gebt mir und lasset sie mit mir ziehen! Denn ich will nun wieder hinauf, wo die Sonne scheint und der Pflug ins Feld geht. Weiter begehre ich nichts, als dieses schöne Kind und den Geschmuck und das Gerät meines Zimmers mitzunehmen.«

So sprach er mit sehr lebendigem und kräftigem Ton, daß sie den Ernst wohl fühlten. Sie aber schlugen die verlegenen und bedenklichen Blicke zu Boden und schwiegen alle; darauf nahm der älteste unter ihnen das leise Wort und lispelte: »Herr, du begehrst, was wir nicht geben können; es tut uns leid, daß du Unmögliches verlangest. Es ist ein unverbrüchliches Gesetz, daß nie ein Diener oder eine Dienerin entlassen werden kann von hier vor der bestimmten Zeit. Brächen wir das Gesetz, so würde unser ganzes unterirdisches Reich einen Fall tun. Sonst alles, denn du bist uns sehr lieb und ehrenwert; aber die Lisbeth können wir dir nicht herausgeben.« »Ihr könnt die Lisbeth herausgeben, und ihr sollt sie herausgeben!« rief Johann im Zorn. »Nun geht und bedenkt euch bis morgen! Ich wißt meinen Befehl; es ist keine Bitte mehr. Morgen kommt zu dieser Stunde wieder. Ich will euch zeigen, ob ich über eure schmeichlischen und füchsischen Listen herrschen kann.«

Die sechs verneigten sich und gingen; den begleitenden Diener aber schalten sie, daß er zuviel erzählt habe. Er aber entschuldigte sich und verneinte es und sagte: »Ich wißt ja, wie klug er mich überlistet hat mit der Mütze und wie er von den Geheimnissen unserer Herrschaft alles gewußt hat durch den alten Kuhhirten aus Rothenkirchen; er hat ihm dies auch erzählt.« Und sie glaubten ihm und schalten ihn nicht mehr.

Als die sechse den andern Morgen zur befohlenen Stunde wiederkamen, empfing Johann sie doch freundlich und sprach: »Ich habe euch gestern hart angeredet; aber ich habe es nicht so schlimm gemeint, als ich ausgesehen habe. Aber die Lisbeth will und muß ich haben; dabei bleibt es! Und ich weiß wohl, daß ihr auch mich nicht gern misset, weil ihr die Menschenkinder gern habet, besonders wenn sie freundlich und lustig sind, wie ich bin. Aber ich kann's nun einmal nicht helfen, ich muß wieder zu Christen und wie ein Christ leben und sterben, und es ist eine große Sünde, wenn ich hier länger säume. Und deswegen verlasse ich euch, und nicht aus Widerwillen oder Haß. Und meine liebe Lisbeth will ich auch mitnehmen; dabei bleibt es! Und nun gebärdet euch nicht länger widerwärtig und widerspenstig und tut wie Freunde dem Freunde, was ihr sonst aus Not tun müsset und gebet mir die schöne Dirne heraus und lasset uns freundlich voneinander scheiden und hier und dort ein freundliches Andenken in den Herzen bewahren!«

Und die sechs taten sehr freundlich und redeten nun einer nach dem andern und machten sehr schöne Wendungen und Schlingungen der Worte, womit sie ihn zu bestricken hofften, denn darin sind sie sehr geschickt. Auch hatten sie sich heute vorbereitet, daß sie wußten, was sie sprechen wollten. Aber es half ihnen nichts, und ihre Worte verflogen sich in den Winden und berührten Johann nicht stärker, als hätten sie Spreu aus dem Munde geblasen. Und das Ende vom Liede war wieder, nachdem er alle die schönen und künstlichen Worte angehört hatte: »Gebt die Lisbeth heraus! Ich gehe nicht ohne die Lisbeth.« Denn Johann war zu sterblich verliebt, als daß er die schöne Dirne hier gelassen hätte. Die sechs aber verweigerten es standhaft und gebärdeten sich, als hätten sie recht und würden es nimmer tun. Johann aber sagte ihnen lächelnd: »Geht nun! Fahrt wohl bis morgen! Morgen seid ihr wieder zu dieser Stunde hier! Ich gebe euch nun das dritte und letzte Mal. Wollt ihr meinen Befehl dann nicht in Güte erfüllen, sollt ihr sehen, ob ich verstehe, Herr zu sein.« Er hatte aber, da er sie so hartnäckig sah, in sich beschlossen, sie durch Plagen zum Gehorsam zu zwingen, falls sie nicht unterdessen auf bessere Gedanken kämen.

Und sie kamen den dritten Morgen, und Johann sah sie mit ernstem und strengem Blick an und erwiderte ihre Verbeugungen nicht, sondern fragte kurz: »Ja oder nein?« Und sie antworteten einstimmig nein. Darauf befahl er dem Diener, er solle noch vierundvierzig der Vornehmsten rufen und solle ihre Frauen und Töchter mitkommen heißen und auch die Frauen und Töchter von diesen sechsen, die vor ihm standen. Und der Diener fuhr dahin wie der Wind, und in wenigen Minuten standen die vierundvierzig da mit ihren Frauen und Töchtern und auch die Frauen und Töchter der sechse, und waren in allem wohl fünfhundert Männer, Frauen und Kinder da. Und Johann ließ sie hingehen und Hauen, Karsten und Stangen holen und dann flugs wiederkommen. Und sie taten, wie er befohlen hatte, und waren bald wieder da. Er aber gedachte sie nun zu plagen, damit sie aus Not täten, was sie aus Liebe nicht tun wollten.

Er führte sie auf einen Felsenberg, der auf einem der Anger lag. Da mußten diese feinen und zarten Wesen, die für schwere Arbeit nicht geschaffen waren, Steine hauen, sprengen und schleppen. Sie taten das ganz geduldig und ließen sich nichts merken, sondern gebärdeten sich, als sei es ihnen ein leichtes und gewohntes Spiel. Er aber ließ sie sich plagen vom Morgen bis an den Abend, und sie mußten schwitzen und arbeiten, daß ihnen der Atem fast ausging, denn er stand immer dabei und trieb sie an. Sie aber hofften, er werde die Geduld verlieren, und der Jammer werde ihn überwinden, daß er sie und ihre Frauen und Kinder so bleich und welk werden sah, die sonst so schön und lustig waren. Und wirklich war Johann zu keinem König Pharao und Nebukadnezar geboren, denn nachdem er es einige Wochen so getrieben hatte, ging ihm die Geduld aus, und der Jammer, daß er die schönen kleinen Menschen so mißhandeln mußte, tat auch sein Teil dazu. Sie aber wurden nicht mürb, denn es ist ein gar eigensinniges Völkchen. Sie brauchten aber immer die List, daß die schönsten unter ihnen immer zunächst bei Johann arbeiten mußten; besonders stellten sie die niedlichen, kleinen Dirnen dahin, die sonst seine Tischgesellinnen waren, und die mußten auf seine Mienen und Gebärden achtgeben und hatten bald bemerkt, daß er sich oft verstohlen wegwendete und eine Träne aus den Augen wischte. Johann dachte nun darauf, wie er eine Plage erfände, die ihn geschwinder zum Ziele führte.

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