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Kater Martinchen

Ernst Moritz Arndt: Kater Martinchen - Kapitel 10
Quellenangabe
typelegend
booktitleKater Martinchen
authorErnst Moritz Arndt
year1990
publisherKonrad Reich Verlag
addressRostock
isbn3-86167-019-4
titleKater Martinchen
senderGerd.Bouillon@mch.sni.de
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Johann Dietrich kam die ersten Wochen, die er in dem gläsernen Berge verlebte, nicht weiter als in sein Kämmerchen und von dem Kämmerchen in den Speise- und Tanzsaal und wieder zurück. Er konnte gar kein Ende finden, die schönen und köstlichen Sachen zu betrachten und zu loben, die in seinem Zimmer und in dem Schränkchen aufgestellt waren. Am meisten aber ergötzte er sich an den schönen Bildern und an seinem Bücherschranke, wo viele hundert der sauberst gebundenen Bücher mit goldenem Schnitte nebeneinander standen, und in welchen er die allerfeinsten und lustigsten Märchen fand, an welchen er sich nicht satt lesen konnte. Als aber die ersten Wochen vergangen waren, da spazierte er oft aus und ließ sich von seinem Diener alles zeigen und erzählen. Es gab da unten aber die allerlieblichsten Spaziergänge nach allen Seiten hin, und er konnte viele Meilen weit wandeln, und sie nahmen kein Ende; und man sieht daraus, wie unendlich groß der Berg war, worin die Unterirdischen wohnten, und doch erschien die Spitze oben nur wie ein kleiner Hügel, worauf einige Bäume und Sträuche stehen. Und daraus kann man auch wissen, wieviele Meilen seine Tiefe nach unten hinabgehen mußte. Das war aber das Besondere, daß zwischen jeder Au und jedem Anger, die man hier mit Hügeln und Bäumen und Blumen und Inseln und Seen durchsäet in der größten Mannigfaltigkeit hatte, gleichsam eine schmale Gasse war, durch welche man wie durch eine kristallene Felsenmauer gehen mußte, bis man zu etwas Neuem gelangte. Die einzelnen Anger und Auen waren aber wohl oft eine Meile lang. Von den Bäumen habe ich schon erzählt, wie sie voll köstlicher Früchte hingen, und von den Quellen, in welchen Milch und Wein aus den Felsen rieselte. Da konnten die Wanderer sich nie so weit vergehen, sie fanden immer, womit sie sich erquicken konnten. Aber das Allerlustigste waren die bunten Vögel, die immer von Zweig zu Zweig flatterten und wie tausend himmlische Nachtigallen sangen, und die Blumen, so wunderschön von Farben und Düften, daß Johann ihresgleichen nimmer auf Erden gesehen hatte. Kurz, es war hier alles zauberisch, lustig und anmutig und bei aller der Lust und dem Jubel ein so stilles Leben. Es wehete, und man fühlte keinen Wind; es schien hell, und man fühlte keine Hitze; die Wellen brauseten, und man fand keine Gefahr, sondern die niedlichsten Nachen und Gondeln, als schneeweiße Schwäne gestaltet, kamen, wann man über einen Strom wollte, von selbst ans Land geschwommen und führten an das jenseitige Ufer, und ebenso führten sie über die Seen zu den Inseln. Woher das alles kam, wußte niemand, und der Diener durfte es nicht sagen; das aber sah Johann wohl und konnte es mit Händen greifen, daß die großen Karfunkel und Diamanten, womit die hohe Decke statt des Himmels gewölbt war, und womit alle Wände des Berges geschmückt standen, für Sonne, Mond und Sterne leuchteten. Diese lieblichen Fluren und Auen waren meist einsam. Man sah wenige Unterirdische auf ihnen, und die man sah, schienen immer nur so vorüberzuschlüpfen, als hätten sie die größte Eile, davonzukommen. Selten geschah es, daß einige hier im Freien einmal einen Reigen aufführten, etwa zu dreien, höchstens zu einem halben Dutzend: mehr hat Johann hier nie beisammen gesehen. Nur dann ging es lustig her, wann die Schar der Diener und Dienerinnen, die wohl ein paar Hundert sein mochten, ausgelassen und spazieren geführt wurden. Das geschah aber alle Woche nur zweimal; meistens waren sie da drinnen in dem großen Saale oder in den anstoßenden Zimmern beschäftigt oder mußten auch in der Schule sitzen.

Das war hier auch noch besonders, daß, wie die Diamanten und Edelsteine oben die Sonne und den Mond und die Sterne vorstellen mußten, es hier eigentlich keine Jahreszeiten gab; sondern die Luft war immer gleich, d. h. es war jahraus, jahrein eine milde, linde Frühlingsluft, von Blütenatem durchwehet und von Vogelgesang durchklungen. Doch zwei Tageszeiten gab es, Tag und Nacht, und diese teilten sich wieder in vier Teile, in Morgen, Mittag, Abend und Nacht; doch war der Mittag nicht wärmer als die anderen Tageszeiten. Das aber hatte es hier besonders, daß die Nacht nie so dunkel und der Tag nie so hell ward, als sie oben auf der Erde sind.

Johann hatte viele Monate hier verlebt (ich glaube, es waren zehn), und sie waren ihm hingeschwunden wie ein Tag. Da begegnete ihm etwas, das ihn in die Schule brachte. Ich will erzählen, wie das zuging. Er wandelte einst nach seiner Gewohnheit mit seinem Diener herum. Da sah er in der Abenddämmerung etwas Schneeweißes in eine kristallene Felswand hineinschlüpfen und dann plötzlich verschwinden. Und es hatte ihm gedeucht, daß es von den kleinen Leuten war und daß ihm auch schneeweiße Locken von den Schultern herabhingen. Er fragte denn seinen Begleiter: »Was war das? Gibt es auch unter euch, die in weißen Kleidern gehen wie die Diener und Dienerinnen, die ihr uns abgefangen habt?« Der Diener antwortete: »Ja, es gibt deren, aber wenige, und sie erscheinen nie bei dem Tanze noch an den großen Tafeln außer einmal im Jahre, wann des großen Bergkönigs, der viel tausend Meilen unter uns in der innersten Tiefe wohnt, Geburtstag ist. Darum hast du sie noch nie gesehen. Das sind die ältesten Männer unter uns, und einige von ihnen sind wohl manches Jahrtausend alt und wissen vom Anfange der Welt und vom Ursprung der Dinge zu erzählen und werden die Weisen genannt. Sie leben sehr einsam für sich und kommen nur aus ihren Kammern, daß sie unsere Kinder und die Diener und Dienerinnen unterweisen, für welche hier auch eine große Schule ist; sonst sind sie meist mit der Betrachtung der innerlichen und himmlischen Dinge und mit der Sternkunde und Alchemie beschäftigt.« – »Was? Gibt es hier auch Schulen?« rief Johann. »Das ist nicht recht, Diener, daß du mir das verschwiegen hast; ich habe immer große Lust gehabt, in die Schule zu gehen und etwas Ordentliches zu lernen.« – »Das kannst du haben, wie du willst«, antwortete der Diener; »du bist hier der Herr, und was du haben willst, müssen wir dir schon zu Gefallen tun. Du kannst dir einen der schneeweißen Weisen in die Kammer kommen lassen, wenn dir das gefällt, oder kannst auch in eine der Schulen gehen.« – »Das will ich gleich morgenden Tages tun«, sprach Johann, »und ich will mit in die Schule gehen, wo die Diener und Dienerinnen unterwiesen werden. Denn ich will mit denen lernen, die auf der Erde geboren sind; ihr möchtet mir zu fein sein, und ich käme nicht mit, und der hinterste zu sein wäre unlustig.«

Und gleich den andern Morgen ließ Johann sich von dem Diener in die Schule führen, und es gefiel ihm da so gut, daß er nachher nie einen Tag versäumt hat. Das ist nämlich sehr löblich von den Unterirdischen, daß die Kinder, welche zu ihnen herabkommen, immer sehr gut unterwiesen werden, so daß sehr kluge und geschickte Leute aus den Bergen gekommen sind, Männer und Frauen, die ihre Wissenschaft bei den Unterirdischen gelernt haben. Hier waren Meister in allerlei Künsten. Die Kinder lernten schreiben, lesen, rechnen, zeichnen, malen, Geschichten und Märchen aufschreiben und erzählen und wurden zugleich in mancherlei feiner und künstlicher Arbeit unterwiesen. Die Größeren und Fähigeren erhielten auch Unterricht von der Natur und von den Gestirnen und wurden auch in der Dichtkunst und Rätselkunst geübt, welche beiden Künste die Unterirdischen über alles lieben, und womit sie sich bei der Tafel und bei Festen untereinander viel reizen und ergötzen. Der kleine Johann war sehr fleißig und ward bald einer der geschicktesten Zeichner und Maler; auch arbeitete er sehr fein in Silber und Gold und Stein, ja er konnte aus Stein zuletzt so feine Früchte und Blumen wirken, daß man glauben sollte, der liebe Gott, der doch alles auf das schönste und künstlichste geschaffen hat, könne es kaum besser machen; er machte auch hübsche Reimlein, und im Rätselkampf war er so gewandt, daß er fast allen antworten konnte und ihm mancher die Antwort schuldig blieb.

Manches liebe Jahr hatte Johann hier verlebt, ohne daß er an seine schöne Erde gedacht hätte und an diejenigen, welche er dort oben zurückgelassen hatte; so angenehm verfloß ihm die Zeit, und es währte nicht lange, daß er die Schule viel lieber hatte als den Tanzsaal und alle seine anderen Freuden. Auch hatte er hier unter den Kindern manchen lieben Gespielen und Gespielin gefunden. Nur war das betrüblich, daß diese gewisse Stunden immer dienen mußten und dann nicht mit ihm sein durften, obgleich sie keineswegs hart gehalten wurden und einen sehr leichten und meistens nur spielenden Dienst hatten, denn schwere und schmutzige und mühevolle Arbeit gab es hier unten gar nicht.

Unter allen seinen Gesellen und Gesellinnen hatte Johann niemand lieber als ein kleines, blondes Mädchen, welches Lisbeth Krabbin hieß. Diese war mit ihm aus demselben Dorfe; es war die Tochter des Pfarrers Friedrich Krabbe in Rambin. Sie war als ein vierjähriges Kind weggekommen, und Johann erinnerte sich wohl, wie sie ihm von ihr erzählt hatten. Sie war aber nicht gestohlen von den Unterirdischen, sondern einen Sommertag mit den andern Kindern ins Feld gelaufen. Sie waren zu den Neun Bergen gegangen; da war die kleine Lisbeth eingeschlafen und von den andern vergessen und des Nachts, als sie erwachte, unter die Unterirdischen und mit ihnen unter die Erde gekommen. Johann aber hatte sie nicht bloß deswegen so lieb, weil sie mit ihm aus einem Dorfe war, sondern Lisbeth war von Natur ein ausnehmend freundliches und liebes Kind mit hellblauen Äuglein und blonden Löckchen und dem allerenglischesten Lächeln, und als sie groß ward, war sie ausbündig schön.

Mit diesem niedlichen Kinde hatte Johann hier seine Kinderjahre recht lustig verspielt und gar nicht mehr daran gedacht, daß da oben über den Bergen auch noch Leute wohnten. So war er achtzehn Jahre alt geworden und Lisbeth sechzehn. Und was bis jetzt ein unschuldiges Kinderspiel gewesen war, ward nun eine süße Liebe. Sie konnten nicht mehr voneinander lassen und nannten sich Braut und Bräutigam und waren lieber allein als unter den andern Gespielen. Die Unterirdischen sahen das aber sehr gern, denn die hatten den Johann alle sehr lieb und hätten ihn gern auch als ihren Diener gehabt – denn Herrschsucht ist ihr Laster bei manchen Tugenden. Und sie dachten: »Durch diese hübsche Dienerin werden wir ihn fangen, und er wird sich um ihretwillen zuletzt wohl gefallen lassen, bei Tische aufzuwarten und Äpfel und Trauben von den Bäumen zu lesen und Blumen zu streuen und das Estrich zu kehren.« Sie irrten sich aber sehr. Der kleine Diener, dem er die Mütze genommen und den die Langeweile oft bei ihm geplagt, hatte ihm zuviel erzählt: daß er hier nur das Befehlen habe und daß sie alles tun müßten, was er wolle; denn wer Meister von einem Unterirdischen geworden, sei dadurch auch soweit Meister aller übrigen, daß sie ihm alles zu Gefallen tun müssen, was in ihrer Macht stehe.

Johann ging nun viel spazieren mit seiner süßen, kleinen Braut und ließ den Diener oft zu Hause, denn jetzt waren dort keine Wege und Stege mehr, die er nicht kannte. Und sie spazierten viel in der Dämmerung und oft bis in die sinkende Nacht hinein, ohne daß sie es merkten, wo ihnen die Zeit blieb; denn die Liebe ist eine Zeitdiebin, die ihresgleichen nicht hat. Der Johann war bei diesen Spaziergängen immer fröhlich und munter; aber die Lisbeth war oft stumm und traurig und erinnerte ihn oft des Landes da droben, wo die Menschen wohnen und Sonne, Mond und Sterne scheinen. Weil er das aber immer wegschob durch andere Gespräche, so verstummte sie wieder und seufzte still in sich, vergaß es endlich auch wohl wieder durch das Glück, daß sie an seinen Armen wandeln durfte. Nun begab es sich einmal, daß sie bei einem Spaziergange über ihrer Liebe und dem lustigen Gekose und Geflüster derselben ganz der Zeit vergessen hatten und Gott weiß wie weit geschlendert waren. Es war schon nach Mitternacht, und sie waren zufällig unter die Stelle gekommen, wo die Spitze des gläsernen Berges sich aufzutun und wo die Unterirdischen heraus und herein zu schlüpfen pflegten. Als sie nun da wandelten, hörten sie mit einem Male mehrere irdische Hähne laut krähen. Bei diesem süßen Klange, den sie nun in zwölf Jahren nicht gehört hatte, ward der kleinen Lisbeth gar wundersam um das Herz; sie konnte sich nicht länger halten, sie umfaßte ihren Johann, als wollte sie ihn totdrücken, und netzte ihm mit heißen Tränen die Wangen. So hing sie lange sprachlos an seiner Brust; dann küßte sie ihn wieder und bat ihn, daß er ihnen den unterirdischen Kerker doch aufschließen sollte. Sie sprach ungefähr also zu ihm:

»Lieber Johann, es ist hier unten wohl schön, und die kleinen Leute sind auch freundlich und tun einem nichts zuleide, aber geheimelt hat es mir hier nie, sondern ist doch immer schauerlich zumute gewesen, und eigentlich froh bin ich hier erst geworden, seit ich dich so lieb habe, und doch nicht recht froh, denn es ist hier doch kein rechtes Leben, wie es für Menschen sein soll. Ich habe hier doch keine Ruhe Tag und Nacht, und ich will es dir nun sagen, was ich immer verschwiegen habe: alle Nacht träumt mir von meinem lieben Vater und von meiner Mutter und von unserm Kirchhofe, wo die Leute so andächtig an den Kirchtüren stehen und auf den Vater warten; und mir ist es dann so sehnsüchtig im Herzen, daß ich Blut weinen möchte, weil ich nicht mit ihnen in die Kirche gehen und beten und Gott loben und preisen kann, wie Menschen sollen. Denn ein christliches Leben ist hier unten einmal nicht, sondern nur so ein buntes, künstliches in der Mitte, wobei einem doch nicht ganz wohl wird, weil es wohl halb heidnisch ist. Und, lieber Johann, auch das mußt du bedenken, wir können hier ja nie Mann und Frau werden, denn es ist hier ja kein Priester, der uns vertrauen kann; und so müssen wir immerfort Brautleute bleiben und können alt und grau darüber werden. Darum denke darüber und mache Anstalt, daß wir von hier kommen; mich verlangt unbeschreiblich, wieder bei meinem Vater und unter frommen Christen zu sein.«

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