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Katastrophen

Juliane Déry: Katastrophen - Kapitel 5
Quellenangabe
authorJuliane Déry
titleKatastrophen
publisherVerlag von Adolf Bonz & Comp
year1895
correctorreuters@abc.de
senderAndré Gebler
created20170629
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Der erste Hirsch.

 

Lieber Rudolf! Gratuliere zum Avancement! Also hat die Vermehrung der Armee die Sache doch beschleunigt? Freut mich herzlich! Wir wollen eins drauf trinken. Drum schau, daß du herkommst und deinen Urlaub diesmal im Oktober nimmst. Aussichten auf das Geröhr sehr günstig. Garantiere, dich zum Schuß zu bringen. Sollst auch endlich erfahren, was Waidmannsfreuden sind. Opfere also Gasbeleuchtung, Tanzmusik und schöne Weiber und komm zu mir in die Berge!

Mit treuem Gruß
Dein Bruder.«

 

Die Antwort war eine Zusage gewesen. Soeben brauste der Zug, mit dem R. eintreffen sollte, auf der kleinen Bahnstation heran. »Da bin ich!« rief es, und ein etwas hagerer Oberlieutenant mit tadellosem Schnurrbart und eleganter Taille stürzte aus dem Coups in die Arme des älteren Bruders.

Dieser war ein wetterfester Landwirt. Kleine Ohren, dicker Hals, geschorener Kopf, mächtiger Bart – eine joviale Erscheinung.

»Grüß dich Gott! Das ist schön, daß du kommst! Das will ich dir hoch anrechnen. Ich weiß, du bringst ein Opfer!«

»Unsinn!« schnarrte der Offizier. »Manöver waren anstrengend heuer, bin froh, bei dir auszulenzen.«

»Es soll dich nicht gereuen!« rief jener verheißungsvoll.

Der Kutscher besorgte das Gepäck. Nackte Kniee, Gemsbart am Hut waren seine Livree. Man bestieg das Steirerwägelchen.

»Vorwärts, Loisl!« befahl sein Herr. »Wir fahren in unseren Graben.« Thaleinwärts lag sein kleines Gut, das er vor Jahr und Tag gekauft, sein Bruder aber nun erst betreten sollte. Es war ein Prachttag, der da zur Neige ging. Ein glühender Himmel lag über dem herbstlichen Thal. Bunte Bäume, wehendes Laub und hoch droben der Wald – dem Auge bot sich eine schöne Landschaft in ihrem schönsten Moment.

Doch Rudolf schien das Gespann mehr zu interessieren.

»Diese kleinen, gedrungenen Gebirgspferde! Das sind Haslinger, nicht wahr?«

»Freilich! Die Kerle klettern wie Gemsen, laufen wie Hunde und sind genügsam wie Esel.«

Bei jeder Biegung wechselte das Bild, eines folgte dem anderen, eines schöner wie das andere.

»Schau den lichten Riesen dort,« sagte der Gutsherr, »das ist der Hochschwab.«

»So, so!« Das war der ganze Enthusiasmus des jungen Offiziers, doch um so lebhafter erkundigte er sich: »Hast du Nachbarschaft? Junge Damen? Verkehrst du viel? Oder hausest du nur mit deinen Hirschen?«

»Wir haben reizende Almerinnen,« lautete die Auskunft, »in der Regel zwischen vierzig und sechzig und appetitlich wie das Alpenvieh.«

Rudolf dankte schönstens.

»Mit Eroberungen schaut es also schlecht aus,« meinte er.

»Ach was!« tröstete der Bruder. »Schau dich lieber um!«

Doch Berge, Fabriken, Köhlereien, Bach und Mühlen existierten nun einmal nicht für den Offizier.

»Wenig guter Wald,« bemerkte er.

»Leider Gottes!« seufzte der Gutsherr. »Aber die Bauern wirtschaften nicht anders, bis der letzte Baum weg ist. Bei mir schaut es schon besser aus. Ich lass' den Wald schön anwachsen und habe meine Freude dran, und das Wild hat seinen Einstand.«

»Apropos,« unterbrach ihn Rudolf, »hast du einen guten Tropfen im Keller?«

»Außer Sorge! Du trinkst mich nicht trocken. Schau die Sägemühle!«

Wie sie sich im Abendrot schön ausnahm! Aus dünnen Pfosten stand das Dach, Baumstämme und Bretter lagen durcheinander, und zwischen ihnen hob und senkte sich die eintönig rastlose Säge. Eine Hühnerschar schwadronierte zwischen den Bretterhaufen.

»Ja, selbst ein unwohnlich Holzgerüst kann entzücken, wenn es eine Sägemühle ist inmitten dunkler Berge!« meinte der Gutsherr.

Nun kam das Dorf, die Dorfkirche mit dem Wetterhahn, das Pfarrhaus, die Schule. »Vierklassig,« bemerkte er. Hunde bellten, Kinder liefen auseinander, das Hühnervolk machte sich aus dem Staub. Der Gast wurde ungeduldig.

»Sind wir bald am Ziel?«

»Sobald wir um die Ecke biegen. So, da siehst du schon meine Keusche.«

Wilder Wein deckte die Mauer, die Fenster blinkten. Es gab auch eine Seitenfaçade. Das Gitterthor stand weit auf.

»Aber das ist ja ein wahres Schloß!«

»Nein!« rief der Gutsherr, »nur eine Jagdhütte!«

Seine Hunde kamen auf ihn zugesprungen; er präsentierte sie:

»Dieser Dackel – kusch dich, Bergmann! – ist ein famoser Brakirer und hier der Lux – «

»Schweißhund, was?«

»Ja, ausgezeichneter Kerl. Verbellt tot – ein ganzer Professor. Guten Abend, Pachmayer, da bring' ich unseren Jagdgast!«

Pachmayer war Förster und Verwalter zugleich, ein treuer Diener, wohlgenährt, mit rotem Gesicht, rötlichem Bart, ein braver Kerl Rot in Rot. Er sah ganz dumm aus vor Freude.

»Also, wie steht's, Herr Verwalter? Gute Aussichten?« fragte Rudolf.

»Alles in schönster Ordnung, Herr Oberlieutenant!« lautete der Rapport. »Die Hirsche röhren, daß es hallt, sind in der größten Hitze. Wetter prachtvoll. Vollmond. Barometer steht ausgezeichnet.«

»Famos! famos! Aber komm' ich auch zum Schuß?«

»Mehr als einmal. Wir haben sechs sichere.«

Doch der Hausherr drängte zur Einkehr.

»Halten wir uns nicht auf. Komm jetzt, komm! Das alles wird bei Tisch erledigt. Sie, Pachmayer, sind unser Gast!«

In der Wohnstube bot er dem Bruder ein Gläschen Cognac als Willkommtrunk.

»Prost!« Nun aber wünschte dieser in sein Quartier geführt zu werden.

»Aha, du willst dich schön machen!« lachte der Landwirt. In der That, geschniegelt und gebügelt erschien Rudolf wieder, mit Eau de Cologne besprengt und in behaglichster Stimmung.

»Wie geschmackvoll du eingerichtet bist!« staunte er. »Was ist denn das für ein Holz mit den schwarzen Asteln?«

»Zirbel, mein Lieber,« explicierte der Hausherr, nicht minder vergnügt. Es sah aber auch traulich aus in seinen vier Wänden: Die Büchsen im Glasschrank, der mächtige Tisch, der Kachelofen und der mit Fuchsfellen bedeckte, großmächtige Divan.

»Kolossal schneidig!« versicherte der Gast. »Wenn Küche ebenso gut. dann freut es mich, denn ich habe einen Höllenhunger! – Wie, schon geheizt?«

Das war ihm recht. Er warf sich auf die Ofen« dank und besah sich die Jagdtrophäen.

»Ach, der schöne Auerhahn! Prachtexemplar! Selbst geschossen?«

»Natürlich, wie alles, was du siehst.«

»Wunderbare Exemplare! Und alles auf deinem Revier erlegt? Alle Achtung! Nun aber zu Tisch!«

»Gleich, gleich,« hieß es vom Büchsenschrank her. »Willst du dir nicht eine Kugelbüchse aussuchen?«

»Nachher, nachher.«

»Frau Pachmayer, ist das Essen schon fertig?« fragte laut rufend der Hausherr, doch dann wieder zu dem Gast gewendet: »Doppelbüchse oder einfachen Stutzen?« Es klopfte.

»Herein, Pachmayer!« Die Gesellschaft war vollzählig, man setzte sich zu Tisch. Rudolf hatte schon auf einem der Korbsessel Platz genommen.

»Das ist ja der reine heizbare Badestuhl,« lachte er.

»Aber komod, mein Lieber,« versicherte der Hausherr. »Wir brauchen das. Nach unseren Strapazen – «

»Sei so gut!« wehrte sich Rudolf. »Mute nur meinen Gliedern nicht zu viel zu. Ich bin noch nicht trainiert.«

Frau Pachmayer brachte das Essen.

»Wie, Forellen!« freute er sich. »Ausgezeichnet! Glaubte immer, du lebst wie ein Spartaner.« Auch der Wein mundete ihm. »Dieser Südsteirer schmeckt wie Mosel,« versicherte er.

Die Kartoffeln konnten nicht besser sein. Das Perlhuhn war delikat. Pachmayer aß bescheiden, doch mit großer Geschicklichkeit. Die Hunde nahmen teil am Mahl. Es war ein gemütliches kleines Souper. Im Ofen prasselte das Feuer, ein Nachtfalter umschwirrte die Lampe, und draußen lag träumend die blaue Nacht.

»Richtig, Rudolf,« begann der Hausherr, »du hast angenehme Reise gehabt?«

»Ausgezeichnete! Erst allein gewesen und tüchtig

geschlafen, dann Gesellschaft gehabt: alte Dame mit junger Begleiterin. Sehr gut amüsiert.«

»So bist du also gar nicht müde? Das ist schön!«

Pachmayer schien etwas auf dem Herzen zu haben.

»Es ist eine starke Zumutung,« meinte er, »aber wenn der Herr Oberlieutenant wirklich nicht müde ist – «

»Was haben Sie vor, Pachmayer?« fragten die Herren.

»Ich meine nur,« fuhr er fort, »das Wetter ist so prachtvoll, es wäre schade, es zu verschlafen, und wir könnten morgen zeitlich früh aufstehen.«

Doch Rudolf war auf der Hut.

»Was heißen Sie zeitlich früh?« fragte er mißtrauisch und hielt sich an seinen Schnurrbartenden wie an einer Stütze.

»Um zwei Uhr müssen wir aufbrechen,« sagte Pachmayer.

»Oho! Erlauben Sie – !« fuhr Rudolf auf.

Doch der Hausherr war gleich dabei. Die Sterne blickten zum Fenster herein. Es war eine leuchtende Nacht. Der Mond schien wie eine bleiche Sonne.

»Das ist eine Idee, Pachmayer!« rief er. »Solche Nächte giebt's nicht alle Tage!«

»Nein, nein, was fallt dir ein?« protestierte Rudolf. »Warum nicht gar! Wenn ich um elf Uhr schlafen geh', weckt mich keine Kanone auf um zwei. Die Uhr meldete elf.

»So gehen wir gar nicht schlafen!« rief der Jagdherr entschlossen. »Es wird nicht das erstemal sein, daß du eine Nacht dem Vergnügen opferst. Treffen Sie Anstiften, Pachmayer!«

Die Hunde auf den Dielen waren eingeschlafen. Bergmann stieß abgehackte Laute aus im Traum. Die Brüder saßen bei einer Flasche Wein. Seine kurze Pfeife schmauchend, erzählte der Jagdherr von Wald und Wild. Jede Pürsch war für ihn ein neues Abenteuer, jeder Schuß eine schöne Erinnerung. Waldluft schien plötzlich die Stube zu erfüllen.

Doch der Offizier kannte dieses Parfüm noch nicht. »Nun, ich bin neugierig, ich bin neugierig,« murmelte er ohne allzugroße Erwartungen.

»Du wirst schon sehen,« meinte der andere. »Ich weiß nicht, ob du Sinn für so 'was hast,« bemerkte er auch mitunter, indem er manches lustige Jägerstücklein zum besten gab. Wie sich der Fuchs im Eisen fing, der Rehbock auf den Ruf sprang, der Marder in die Holzfalle ging, fremde jagende Hunde in das jenseitige Jagdgefild befördert wurden – und so fort.

Sein verwittertes Gesicht blühte auf bei dem Geständnis: »Der Wald ist meine Welt! Der Wald ist auch eine Welt! Eine Welt ist mein!« Wie gern hätte er dein Bruder ein Stück davon zustecken mögen. Ihn dauerte plötzlich der flotte Offizier. Das Leben besteht nicht aus Liebhabereien, das Leben ist eine große Leidenschaft! dachte er, und wie er ihn vor sich sah, so sehnig und blühend, konnte er sich nicht enthalten, auszurufen: »Schad' um dich!«

»Es ist gar nicht schad' um mich!« behauptete Rudolf.

»Kann sein!« gab jener zu. »Hast umsonst gerade Glieder, bist doch nur ein Krüppel, kennst nicht die Begeisterung!« Es giebt Momente, wo man mehr fühlt, denkt und spricht, als man verantworten kann, und es lag so etwas in der Luft. Man ist selbst wie verwandelt und geneigt, auch seinen Nächsten zu ersuchen: Verwandle dich, ich bitte dich darum!

Er hatte an einer Wunde gerührt.

»Begeisterung!« lachte Rudolf bitter. »Da verlangst du zu viel!« Und nun brach er los mit Klagen und Selbstanklagen. Wie der lange Frieden einen jungen Offizier, wie ihn, schlaff mache. Könne da von einem großen Gedanken, von höherem Streben die Rede sein? Dürfe sich die Thatkraft rühren? Ginge sie nicht vielmehr zu Grunde?

»Was bedarf es auch der Thatkraft? Höchstens so vieler Schneidigkeit, als bei Paraden nötig ist! Glaubst du, daß ich kein Bedürfnis fühle nach etwas Mehr?« rief er zornig. »Aber ich bitte dich! Wie käme man dazu bei der knappen Gage, dem bißchen Revenue, gerade genug, um ohne große Schulden standesgemäß zu existieren.«

»Nun mehr kann kein vernünftiger Mensch verlangen!« tröstete der Bruder, der es gar nicht so gemeint hatte. »Bist ja noch ledig. An was brauchst du zu denken?«

»Das ist's ja eben! Man darf an nichts denken!« rief Rudolf klagend und sah tiefunglücklich drein, wie zum Beweis, daß ein Offizier auch nur ein Mensch sei.

»Also daher bläst der Wind! Verliebt also und ohne Aussichten! Das ist bös!«

»Es ist eine aufrichtige Neigung,« beichtete Rudolf, »ich spreche nur ungern davon. Lassen wir das! Keine Sentimentalitäten!«

Doch jener ließ nicht ab.

»Laß hören, wer ist die Glückliche?«

Schließlich gestand er: »Dir kann ich's ja sagen. Es ist die reizende, vielumworbene Nichte von Excellenz Steinhausen.«

»So, so! Nun und sie?«

»Sie!« Es war nur ein Laut, doch deutlich genug, um den Bruder zu überzeugen, daß es mit der Aufrichtigkeit der Liebe seine Richtigkeit habe. »Ich glaube, ihr nicht gleichgiltig zu sein. Das einzige Hindernis sind die Eltern, vielleicht auch nicht. Aber ich will mich keinem Refus aussetzen, drum schlag' ich mir die Sache lieber aus dem Kopf.«

»Dir ist nicht zu helfen!« rief jener aufgebracht. »Wie kann man nur so wenig Selbstbewußtsein haben! Lieber verzichten, nur nicht wagen. Bist du nicht ein tüchtiger Kerl, der Carriere machen wird? Und wo bleibt denn die alles besiegende Liebe?«

Doch Rudolf schien sich nicht aufraffen zu können.

»Mich macht man nicht anders. Kein Wort mehr davon! Gehen wir! Ich höre schon deinen Verwalter Allarm blasen!«

»Ja, mach' dich fertig, schnell, schnell!« rief der Jagdherr wie elektrisiert. »Doch um die Braut mußt du freien, dafür steh' ich dir!«

»Gut, gut. Leih' mir lieber ein paar feste Stiefel. Mit meinem Schuhwerk wird's kaum gehen.«

»Für alles gesorgt! So 'was! Aber du mußt mir anders werden, mein Lieber! Teufel, du wirst mir ein ganzer Kerl oder – Wo ist mein Triton? Fast hätt' ich meinen Triton vergessen.«

»Was ist denn das für ein Instrument?«

»Hirschruf, mein Lieber. Ich markiere einen schwachen Hirsch und der starke soll mir kommen.«

Trotz allen Herzenskummers mußte Rudolf lachen.

»Famose Einrichtung! Sollte Verbreitung finden! Ha! ha! ha!«

Noch ein Glas starken Thee geschlürft, Lodenrock, Bergstiefel angelegt, die Kugelbüchse umgehängt, den Bergstock ergriffen und hinaus ging's ins Freie.

Die Nacht umgab sie wie ein Traum. Gleich finsteren Mächten blickten sie auf die kristallhelle Welt. Auf den Feldern lag weißes Licht wie Nebel. So herrlich war's, daß sie verstummten und nicht einmal sagen konnten: »Es ist herrlich!«

Etwa zwei Stunden ging's bergauf, bald durch kahle Schläge, bald durch Wald. Die Bäume trugen silberne Gewänder, rauschten und sangen feine Mondscheinlieder. Von Ferne hörte man einzelne Hirsche orgeln. Es war eine weihevolle Brunftnacht. Aus bläulichen Schatten brachen Mondstrahlen gleich Hochzeitsfackeln hervor, oder ein Strauch stand lichtübergossen wie ein brennender Busch.

»Hörst du da drüben unter der Mauer?« fragte der Jagdherr flüsternd seinen Gast. »Das ist ein alter Herr. Da auch einer.«

Der Wald belebte sich. Man glaubte in einem Urwald zu sein, hoch, hoch über der Erde, weit, weit von der Welt. Das Fremdartige war anheimelnd, das Unbestimmte beruhigend. Unten war das Leben geblieben; in voller Freiheit, sehnsuchtsvoll harrte man des kommenden Momentes.

Rudolf atmete tief. Sein Fuß versank in Goldgras wie in weiche Schleierfaden. Tief aus der Mulde erhob sich eine Fichte in Bergeshöhe. Dann wieder wogte ein Meer von Baumkronen zu seinen Füßen. Mitunter hörte er ein Bächlein rieseln. Überall rann und rauschte es.

»Meiner Seel', ich bin so aufgeregt,« flüsterte er. »Die Geschichte wird spannend.« Der weiche Alpenboden, die dünne, würzige Luft, die gespensterhaften Wetterlärchen, vom Sturm zerzaust und zerrissen, und der immer lauter werdende Brunftruf des Hirsches ergriffen ihn.

»Das ist ein Kampfruf!« rief er. Es packte ihn wie Fieber. So muß es dem Soldaten beim ersten Schlachtruf sein.

»Sind wir schon da, Pachmayer?« hieß es. »Wir müssen ja schon da sein.«

»Verschnaufen wir uns,« meinte dieser, »indessen wird besseres Schußlicht. Da unten rechts melden sich zwei. Der eine muß ein starker sein. Haider einen Baß!«

»Also den, Pachmayer,« befahl der Jagdherr, »den werden Sie mit Jörg vom Hundschupfen aus riegeln. Am besten, ich setze dich am Mangankogel an,« wandte er sich an den Pirschgenossen, »und ich stelle mich zweihundert Schritte tiefer an den Wechsel.« Die nötigen Direktionen waren somit gegeben; er wartete nur noch mit seiner Flasche auf: »Da hast du Cognac! Mach' einen tüchtigen Schluck! Es wird kalt, sobald der Morgen anbricht. Wettermantel hast du? Jörg, die Wettermäntel her!«

»Herrgott, wenn er mir nur kommt!« flüsterte Rudolf angstvoll. »Und wenn ich nur nicht zu sehr aufgeregt sein werde!«

»Beherrsche dich! Nur Ruhe! Ruhe! Wenn er dir kommt, kommt er dir vertraut. Latz dir Zeit! Der Wind ist gut. Waidmannsheil!«

»Waidmannsheil!«

Der Offizier stand auf seinem Posten. Dämmerungsschatten legten sich auf den Wald. Tiefe Stille herrschte. Dort bewegte sich ein Zweig, hier fiel ein Blatt. Noch war nicht volles Schußlicht. Horch, ein Laut! Nein, es war Täuschung. Ihm schlug das Herz im Leibe. Wird er mir kommen? Werde ich nicht zu sehr aufgeregt sein? ängstigte er sich, als hinge von dieser Frage Tod und Leben ab. Er zitterte und bebte, hätte sein Leben hingegeben für einen schönen Schutz. Noch nie hatte er so mit Leib und Seele gelebt.

Da vernahm er ein Geräusch, wie wenn dürre Äste brechen. Nun kam etwas, diesmal gewiß; bei Gott, die Loser eines Tieres wurden sichtbar! Mit leisem Tritt, vorsichtig nach allen Richtungen sichernd, trat es in die freieren Stauden. Noch ein Stück, ein zweites Tier, sie fingen Wind, ob es auch geheuer, und im Hintergrund – o heiliger Hubertus! – der Hirsch, das Haupt hoch in fortwährender Bewegung.

Nur jetzt Ruhe! dachte der Schütze. Seine Pulse flogen, die Kniee schlotterten ihm, mit zitternder Hand drückte er die Büchse an die Wange. Die Gesellschaft trat näher. Alles stand auf dem Spiel. Ruhe, Ruhe, ums Himmels willen! Zwischen den Stauden erblickte er die große rote Flanke des Hirsches. Gleich einer Scheibe stand er vor ihm – da drückte er los.

Bum! In wilder Flucht, krachend durch die Büsche thalwärts war das Wild verschwunden. Es war eine gewaltige Flucht. Welch ein gutes Schußzeichen!

Dennoch begann nun erst die Qual: War ich auch ruhig genug? Er zitterte noch an allen Gliedern. Reue und Ungeduld verzehrten ihn. Eine Art Verzweiflung erfaßte ihn und ein jäher, glühender Ehrgeiz. Wenn er nur diesen Hirsch, diesen seinen ersten gut hinaufgeschossen hätte!

»Hup! hup! Darf man gratulieren, Herr Oberlieutenant?« fragte, herbeieilend, der Förster. »Starker Hirsch! Zwölfender! Kapital! War gut drauf, ein wenig aufgeregt, doch gut gezeichnet.« Ihn schüttelte es noch am ganzen Körper. »Hier ist der Anschuß. Ausreißer damisch gut. Der hat 'was kriegt! Doch keine Nadel, kein Schweiß – macht nichts!«

Auch der Jäger war zur Stelle, den Schweißhund auf die Fährte zu legen. Lux fiel sie gut an, stand förmlich auf den Hinterpfoten. Wie er sich in die Riemen legte!

»Geht sehr gut, ausgezeichnet, Herr Oberlieutenant!« versicherte Pachmayer, doch vollends sieghaft ertönte sein Ruf: »Schweiß! Lichter! Lungenschuß! Gratuliere!«

»Wirklich, wir kriegen den Hirsch?« jauchzte der Glückspilz und Held. »Das macht mich kolossal glücklich!« Toll vor Glück und Seligkeit flog er dem herbeieilenden Bruder an den Hals. Er war ganz Dankbarkeit, ganz Rührung, wie über ein großes, unverdientes Glück, das ausreichte fürs ganze Leben. Siegesbewußtsein durchströmte seine Brust. Erst in seiner Freude sah man, was für ein ganzer Mann er war. Hurra! Er war wie verrückt. Es war der größte Moment seines Lebens, als Pachmayer aus der Entfernung von etwa hundert Schritten ein Triumphgeschrei erhob: Juch huh! Juch huh! Der Hirsch liegt! Kernschuß mitten aufs Blatt!«

Die Brüder eilten zur Stelle. Da lag der König der Wälder, alle Vier von sich gestreckt. Die Krone schmückte sein Haupt, so lag er sterbend zu Füßen des Schützen.

Dem war, als sollte er das Haupt entblößen. Jubelnden Herzens hielt er im stillen eine Leichenrede. Da liegst du, Gott sei Lob und Dank! Herrlicher Riese, ich brauch' mich nicht zu schämen vor dir, ich machte dir den Garaus. Es kostete mich meine ganze Selbstbeherrschung. Wie mußte ich mich zusammennehmen! Herrgott, was war das für ein Moment! Er stählte meine Sehnen und gab meinen Knochen Mark. Nun fühle ich Selbstvertrauen genug für hundert Jahre. Stirb ruhig, du hast meine ganze Schneid entfacht!

Er war wie herausgerissen aus sich selber. Mut, Kraft und Ehrgeiz waren in ihm zum Leben erwacht und wollten sich ihres Daseins freuen. Plötzlich war er gereift. Er hatte sich entdeckt. Wie brannte er, um es mit dem Leben aufzunehmen!

»Mein Waidmannsheil soll mir auch Glück in der Liebe bringen!« sagte er zum Bruder, als er schied. Und vier Wochen später meldete ein Telegramm:

»Habe mich mit Ida Steinhausen verlobt.

Dein glücklicher Rudolf.«

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