Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Juliane Déry >

Katastrophen

Juliane Déry: Katastrophen - Kapitel 4
Quellenangabe
authorJuliane Déry
titleKatastrophen
publisherVerlag von Adolf Bonz & Comp
year1895
correctorreuters@abc.de
senderAndré Gebler
created20170629
Schließen

Navigation:

Rußland in Paris.

I.

Alle Welt war sich einig, Jacques Laurent sei ein wahres Schriftstellergenie, würde es aber doch nie zu etwas bringen. Von Zeit zu Zeit besaß er einen guten Freund, dem er das Haus einlief, ohne den er keinen Moment leben konnte, bis er ihm eines Tages den Rücken kehrte und ihn wie die Sünde mied. Verliebte er sich unversehens, so legte er seinen Gefühlen keinen Zwang an und selbst in Gegenwart des Gatten kompromittierte er seine Flamme. Nur mochte er das Pulver nicht riechen. Er ohrfeigte seine Beleidiger, schlug sich aber nicht. Dazu hatte er sein Leben viel zu lieb, einen Greuel vor der Polizei und die grimmigste Verachtung für die Sache selbst. Ob als Gegner oder Zeuge, nicht um die Welt hätte er sich in eine Duellaffaire eingelassen.

Nun war er mit Iwan Wocykow, dem Pariser Korrespondenten russischer Blätter, ein Herz und eine Seele. »Führen Sie mich doch zu Ihren Landsleuten!« bat er ihn eines Abends, »mich interessiert der Schmerz der Slaven, und ich möchte wissen, wie das ist, wenn die Seele eines Franzosen ein russischer Hauch berührt.«

»Wenn Sie keinen andern Wunsch haben,« meinte jener, »so kommen Sie auf den Ball, den wir heute zur Feier des 13. März 13. März 1881, Attentat auf Kaiser Alexander II. und dessen Tod. geben. Der Eintritt beträgt einen Franken, und Sie können hin, wie Sie stehen und gehen.«

Sofort machten sie sich nach der Ballstätte auf, unterwegs bemerkte Wocykow: »Es leben in Paris zwei Arten von Russen: solche, welche mit der Botschaft gut Freund, und solche, welche ihr ein Greuel sind. Zu letzteren gehen wir.«

Zwanzig bis dreißig Paare drehten sich tanzend im Saale, am Büffet kredenzten Studenten Thee und Glühwein für wenige Sous, an kleinen runden Tischen saßen rauchend einzelne Gruppen, die meisten der Ballgäste standen oder gingen umher.

Laurent fiel die muskulöse Gestalt eines etwa sechzigjährigen Mannes auf mit starken Backenknochen, einem grauen Wald von Bart und Haar. Er sah aus wie ein Wilder, ein geistsprühender, in edlem Weltschmerz entflammter Wilder, mit dem sich ein gelehrter Wortstreit gelohnt haben würde. Es war Oberst Pokuroff, Chef der revolutionären Partei im Ausland. Die leidenschaftlichen Worte, die er an ein junges Mädchen richtete, malten sich ihm nervös und gewaltig in die großen Züge, als redete er geschliffene Beile oder blutige Thränen. Seine Zuhörerin schien hingerissen. Ihr gelbliches Gesicht mit der flachen Nase der Kalmückin lächelte entzückt, während ihre wunderbaren Augen den Redner anstrahlten voll Inbrunst und Schwärmerei, als müßte sie vor ihm in den Staub sinken. Die mongolische Maria Magdalena, dachte Laurent und lud sie später zum Tanz.

Madja – so hieß sie – schien kaum siebzehn Jahre alt, so zart und biegsam war ihre Kindesgestalt. Nicht minder unentwickelt war Olga, eine Blondine mit goldgepudertem Haar, und all diese schmächtigen Mädchen mit mächtigen Augen, die lächelten wie vielumworbene Frauen, deren matte Grazie zu frohlocken schien: Bin ich nicht bezaubernd? So schmal und eckig sie in ihren ärmlichen Kleidern erschienen, wollüstig wiegten sie sich in den Hüften wie unter der süßen Last üppiger Reize.

Die Tänzer in reichen Nationalkostümen sahen weit weniger russisch aus als die bleichen Bettelstudenten, wie Goltschmann, ein junger Mediziner von feiner Gestalt, die Blut und Raffe, und einem ideal schönen Gesicht, das tiefste Hoffnungslosigkeit verriet. Seine beste Kraft schien er in der Sehnsucht zu verprassen. Er tanzte, ging und stand umher, alles wie im Traum, und sah einen an, als hatte ihn jedermann auf dem Gewissen.

Ein bitterer Denker schien Klein, ein engbrüstiges Männchen mit zarten, verzwickten Zügen. So kränklich und unsauber sein ganzes Wesen auch war, verklärte dasselbe eine Art schmerzliche Intelligenz. Er lächelte, als lächle er zum erstenmal im Leben.

Der scheinbar am wenigsten hierher gehörte und sich doch am besten hier ausnahm, war Adler, ein gesunder Bursche mit blanken Zähnen. Seine Augen blitzten, wie Sammetstreifen lagen die Brauen unter der schneeweißen Stirne, die Nase strebte in die Weite, die dunklen Haare lockten sich, die vollen Wangen glühte n – ein üppiger Orientale mit dem leichtwallenden Blut des Abendländers. Er war ein flotter Tänzer, Hofmacher und Witzbold, und beim Absingen der Chöre, was eine Nummer des Ballprogramms bildete, übertönte sein schmetternder Tenor das ganze Stimmengewühl.

Diese üppigweichen Klagelaute berauschten Laurent. Sie höhnten einander und wimmerten gemeinsam. Ihr Jammer klang wie Liebesrasererei, so leidenschaftlich hoffnungsvoll und krankhaft verzückt, wie angesichts himmlischer Visionen. »Wirf ab das Leid, das Schmerzenskreuz!« war ihr Schlachtruf, triumphierend erhoben sich die Klänge in ein phantastisches Schmerzensreich, und die weichsten Herzen mußten jauchzend einstimmen in dies Halleluja eines unglücklichen Volkes.

Sieh da, Raskolnikow! dachte Laurent beim Anblick eines jungen Mannes, der spöttisch in einer Ecke lehnte. Hunger und Hochmut blickten aus seinem Gesicht, das selbst auf die eigenen Leidensbrüder zornig herniedersah.

Major Abaza, der Säufer, saß melancholisch da und trank Absinth. Sein rundes, alle Farben spielendes Plein-air-Gesicht sah aufopfernd drein, als leere er jedes Glas auf das Wohl des Vaterlandes.

Mit kalter, kritischer Miene blickte Wocykow ins Balltreiben, als Berichterstatter sah er sich zu keinem persönlichen Gefühl verpflichtet. Der dicke Slave Zedekoff hockte schläfrig in einer Ecke. »Auf, Zedekoff, auf zur Mazurka!« rief Adler, der rührige Ballarrangeur, und tanzte die Mazurka mit derselben Verve, wie er soeben den Walzer getanzt hatte. Goltschmann und Madja, die ein Paar bildeten, schienen weniger bei der Sache zu sein. Klein führte eine stattliche Brünette mit großem, blassem, männlichem Gesicht. Ihre schwarzen Augen glühten. Ein Typus! eine Individualität! frohlockte Laurent und konnte kaum erwarten, ihre Bekanntschaft zu machen, doch sah er sich getäuscht. Die interessante Fremde war nur ein gutes, lebensfrohes Mädchen.

Doch Madja hatte es ihm angethan. Sie an einem, Olga am andern Arm betrat er die Straße. Der erste Morgenstrahl ging auf, in leisem Halbschlaf lag Paris. Unterwegs schloß sich ihnen Adler an, Mascha, seine Braut, führend; Sascha, deren Zwillingsschwester, hing am Arm des Mediziners Federscher, mit dem sie ihrerseits verlobt war.

Ein bedeutsames Wortgefecht auf den Boulevards zwischen 3 – 4 Uhr morgens gehörte zu Laurents Lieblingsgewohnheiten, doch mit Adler war nichts anzufangen. Fortwährend witzelte er. Sein Lachen klang keck und kraftvoll wie ein energischer Naturlaut. Oberflächlicher Patron! dachte Laurent, mußte ihm aber doch gut sein.

»Sie interessieren mich, es ist großartig, wie Sie mich interessieren,« murmelte er, ihn, Madja und die andern mit Blicken verschlingend.

»Weil Sie zu uns gehören,« sagte Olga kokett. Nun aber war Laurent nichts weniger als revolutionär.

»Warum nicht gar! da muß ich bitten! Ich bin liberal, streng liberal!« wehrte er sich.

Schließlich rühmte ihm Adler die schmackhafte Küche seines künftigen Schwiegervaters, des Restaurateurs Trebatsch in der Rue Pont Royal.

»Sie müssen kommen!« bat er, »kommen Sie bald, noch im Laufe des Tages!«

»Ich schau' schon einmal hin,« versprach Laurent.

Im Laufe des Tages ging er zu Madja.

Sie wohnte und schlief mit ihrer Freundin zusammen. Die Hände im Schoße, saß sie träumend da in ihrer ganzen eigenartigen Schönheit. Fast wäre er vor ihr niedergesunken. »Olga, wo ist unser zweiter Sessel?« fragte sie und war aus ihren Träumen erwacht.

Da wärst du nun, schien ihr Blick zu sagen, mit dem sie die knabenhafte Gestalt des Franzosen maß, sein kühnes Gesicht voll ewiggährendem Verlangen nach etwas, um es zu bewundern oder zu verhöhnen. Was willst du?

Ich fiebere, erwiderte seine heiße Miene, fieberst du doch auch.

Aber wir haben nicht dieselbe Krankheit, sagte ihr Blick.

Er war verliebt, wahnsinnig verliebt wie immer, wahnsinnig verliebt wie noch nie. Ein Bild der Jugend und der Freiheit, der Schönheit und des Elends erschien sie ihm. Wenn ihm nur ihr mysteriöses Lächeln, dieses Lächeln der Schönen Leonardo da Vincis nicht Angst eingeflößt hätte! Die Qual war nur auf seiner Seite. Das war ihm noch nicht vorgekommen! Du spielst die Spröde, freudloses Bettelkind, hergelaufene Studentin! rief es in ihm, doch vollends verzweiflungsvoll hätte er ausrufen mögen: Du bist das achtbarste Wesen, das mir je begegnet, vornehmer als alle großen Damen, reiner als alle Himmelsbräute, gefährlicher als die gefährlichsten Koketten! … Allein ihr Lächeln sagte: Was willst du? Rußlands ganzer Jammer liegt auf mir!

Marx' Theorieen waren ihre Richtschnur. Die Politik war ihr gleichgültig, der ökonomische Krieg ihr Ideal. Keiner politischen Partei, einer religiösen Sekte schien sie anzugehören, so tiefgläubig egoistisch war ihr Streben und so recht um des eigenen Seelenheils willen.

»Fräulein Madja!« rief er mitleidsvoll. »Sie wollten Freiheit und haben Freiheit in Hülle und Fülle! Was kümmert Sie Rußland?«

»Ich sehne mich dahin zurück,« sagte sie einfach. Eine Erinnerung blitzte in ihr auf, und sie erzählte, um sich über sich selbst lustig zu machen.

»In Sebastopol war einmal Judenverfolgung. Ich bin aus Sebastopol und Jüdin. Wie alt war ich damals? Dreizehn Jahre. Mein Vater war ein kreuzbraver Mensch, und ich hatte M natürlich sehr lieb, und meine Mutter – ach, meine schöne Mutter war mir die ganze Welt! Nun aber waren sie in Gefahr, meine süße Mutter und mein Vater. Sie rangen die Hände, rauften das Haar, und ich starb fast vor Mitleid. Aber Stenko, der kleine Nachbarsohn, sagte: »Deine Eltern müssen sterben, denn sie sind Rußlands Ruin.« Ich war in Verzweiflung! Weh mir, meine angebeteten Eltern, weinte ich. Ich kann euch nicht helfen, ihr mein Glück und Leben! Denn seht, wenn ihr Rußlands Ruin seid … Vater und Mutter hätt' ich hingeopfert für Rußland!« Mit glühender Bestimmtheit rief sie: »Der Patriotismus muß aufhören! Der Patriotismus ist mit das faulste Gift, daran wir elend zu Grunde gehen!« Über Jahrhunderte schien ihr Geist zu jagen, das Himmelsziel erreicht zu haben, und in gedämpftem Siegeston phantasierte sie: »Die Grenzen werden fallen, und die Altäre stürzen. Es wird weder Russen noch Franzosen geben, weder Christen noch Juden – keine Juden, man denke! – weder König noch Unterthan. Alles wird gleich sein, alles wird reich sein, frei sein und keinen Gott brauchen und keinen Himmel brauchen und nicht sterben wollen. Kein Vaterland und keinen Krieg wird es geben, nur ein Riesenreich: die Welt, und der Weltgeist wird das Steuerruder sein!«

»Niemals! Frankreich darf nicht aufgehn in der Allgemeinheit!« protestierte der Franzose. Ahasvers Enkelkind lachte aber und rief, indem sie sich in dem Stübchen umsah, das so winzig klein war und doch so ungeheuer öde, das so wenig Möbel aufwies und doch so viel Unordnung: »Kann man diesen Kerker lieben? Aber meine Tante, die hier ein Juweliergeschäft hat, bewohnt ein reizendes Appartement. Welch ein köstliches

Gefühl, zu denken: hinter jener Thür ist noch ein Zimmer, das deiner harrt, eine ganze Flucht von Zimmern – ja, und sich sagen zu können: hinter jener Grenze blüht dir eine zweite Heimat, und hast du sie passiert, gelangst du in eine dritte – und so fort und fort! Durchstreifst du die Welt die Kreuz und die Quere, dein Fuß betritt nicht die Fremde! … Vor zwei Jahren war ich verlobt,« schwatzte sie, »mit einem Kaufmann aus Odessa. Er war wohlhabend, eine wundervolle Partie, und ich war furchtbar verliebt in ihn. Schließlich wollte ich doch nicht heiraten aus Angst, Kinder zu bekommen. Nur das nicht! Denn stellen sie sich vor, mein Kind käme zur Welt, blickte um sich weit und breit und fragte: Mutter, wo ist meine Heimat? …«

Doch das Leben ist kurz, und ein ewiger Gesinnungsaustausch mit einem reizenden Mädchen, für das man glüht, kein Hochgenuß, zumal in einem ungeheizten Zimmer. – Fahr wohl, dachte Laurent, bist für die Liebe verloren, dich plagt ein anderer Dämon. Behalte dein Rußland!

Aber das russische Gasthaus besuchte er und wurde dort Stammgast.

Trebatsch, der Wirt, ein Rotbart mit wahrhaft königlichen Händen, war ein zu Grunde gegangener Wechsler aus Odessa. Aus seinem Pharisäergesicht, von dessen markiger Schönheit er keine Ahnung hatte, guckten tausend schlaue Teufelchen, doch war er die Demut und der Geschäftseifer selbst. Sein Kindersegen war groß. Sascha und Mascha, die Zwillingstöchter, bedienten.

Sascha oder Mascha? – das war hier die Frage. Gleichrunde, schwerfällige Gestalten, gleichrunde Wangen wie Milch und Blut, gleichrunde Kirschenaugen – nur Adler und Federscher, die beiden Auserwählten, konnten sie kraft ihrer Liebe unterscheiden, was nicht einmal das Vaterauge vermochte. Wie oft hörte man z. B. den Alten draufloswettern. »Mascha, nimm dich in acht! Was sind denn das für Sachen, Mascha? Mascha, ich sag' dir ins Gesicht« u. s. w., bis ihm der Ausruf das Wort abschnitt: »Aber ich bin ja gar nicht die Mascha!«

Das Lokal war eng, trüb und dumpfig, dafür wurden aber die Gäste, die Ernährer der Familie, auf Händen getragen. Gerstensuppe, haschiertes Beefsteak, Thee samt Citronenschnitte – alles kostete nur einen Franken. Lustig ging's gerade nicht zu. Man unterhielt sich im Murmelton, als läse man Gebete. Slaven kehrten wenig ein, zumeist Juden wie Adler, Goltschmann, Klein und Federscher, aber dem Herzen nach waren sie Russen und liebten Rußland wie ihre Muttererde.

Wie sie existieren konnten, war ihnen selbst ein Rätsel, trotz der Stipendien, die ihnen von reichen Glaubensgenossen zuflössen. Adler besorgte Abschriften für die russische Botschaft, die ihm sein Gönner, der Botschaftskanzler, verschaffte. Die meisten lagen auf der faulen Haut und darbten. Nicht immer hatten sie eine ständige Wohnung, manchmal überhaupt keine, bei Kameraden flogen sie wie Tauben aus und ein. Fragte man z. B. den Concierge neben der Kirche St. Etienne du Moni, wo Goltschmann zur Zeit eine Mansarde inne hatte: »Wohnt Herr Adler hier?« so hieß es etwa: »Nein, aber er ist soeben fortgegangen.« Oder erkundigte man sich nach Klein: »Heute war er noch nicht hier, muß aber jeden Augenblick kommen.« Sie steckten die Köpfe zusammen und klatschten – wer dachte an Dynamit und Sturz der Tyrannen! – richteten die Freunde aus und sprachen – sie gehörten zur südlichen Kolonie – von Odessa und wiederum von Odessa.

Sie waren hilflos, ohne Halt, lächerlich, aber sympathisch. So ordinär sie von Manieren auch waren, ihr Freiheitsdurst bürgte für ihre Seelengröße. Sie spielten nicht die Freiheitskämpfer. Sie schrieen nicht Feuer und Mordio, sie schwiegen und verbrannten. Gleich einer geheimen Sekte schlossen sie sich ab. Es war ein verzagtes Traumleben, das sie führten, ein, Lagerleben, darin man zu keiner neuen Schlacht rüstete, der Ruhe geweiht, einer Ruhe, die entnervt und tötet.

Diese Unglücklichen, die mit ihrem Gott und nicht mit der Menschheit rechteten, konnten Rußlands Mißstände unmöglich gefährden. Nihilist sein galt bei ihnen nicht als Gesinnungssache, sondern als ein Stand, ein Fluch. Der dumpfe Drang nach geordneten Verhältnissen war ihre Triebfeder, und wie Wohlthätige die Bettler aus der Welt schaffen möchten, so trachteten diese Menschenfreunde sich selbst auszurotten.

»Wir sind schlechte Rebellen,« klagte oft Klein. »Der Russe macht in uns den Juden mutig, doch dieser [Wort unleserlich. Re] Hen ganzen Menschen zu schänden.«

Das Gnadenbrot Europa zu Füßen werfend, wollte er sich später als Arzt in Palästina ansiedeln. Dahin gehen und sich den Bauch aufschlitzen, galt ihm eins – sein Heldenmut der Selbstvernichtung war mitleiderregend; ein Streber von Haus aus, betrachtete er seine Leidensgenossen als seine Verderber, und der Gedanke, Proselyt zu werden, umgaukelte ihn wie ein verführerischer Traum.

»Desertier, aber bleib im Land!« riet ihm Adler, der als ein glühender Verehrer Frankreichs die stolze Hoffnung hegte – und das kennzeichnete wiederum den Standpunkt dieser Aufständischen – als russischer Botschaftsarzt in Paris Karriere zu machen. »Mein Vater war Jude, ich bin Russe, und mein Sohn wird Franzose sein,« spottete der Tausendsassa, der immer bei guter Laune und bei Geld war. Wie oft half er seinem Schwiegervater mit 5 – 10 Franken aus der Verlegenheit. Mochten alle zusammenknicken, er trug das Haupt hoch und frei, nicht aus Selbstüberhebung – es fiel ihm nicht ein, über sich nachzudenken – Frohsinn war seine ganze Frechheit. Laurent blieb es unbegreiflich, daß der geckenhafte Geselle, den Eigensinn der Lebensfreudigkeit in jeder Fiber, sich in die Kutte des Nihilisten zwängen und mit einem Goltschmann in dicker Freundschaft leben konnte.

Wie im Opiumrausch taumelte dieser durchs Leben. Glühende Augen und ein mattes Lächeln – welch ein feuriges, todkrankes Gesicht, welch eine gesegnete, klägliche Natur! Stolz und schwach, hochtrabend und feige – ein Halbgott, der unter Menschen eine jämmerliche Rolle spielte. Vergebens beschwor ihn Laurent, der in ihm einen mächtigen Poeten erkannte, ja, einen gottbegnadeten, bizarren Poeten: »Schreiben Sie! Erleichtern Sie ihre Seele!« Vergebens wollte er ihm zu einer Existenz verhelfen und ihn berühmten Kollegen als Übersetzer empfehlen. »Die Goltschmanns thun nichts,« hätte Turgenjew sagen können. »Ich weiß es, das sind ja meine Helden!«

Bald verschwand er aus Paris, um in Wien aufzutauchen, oder kehrte plötzlich dahin zurück, geradewegs aus Madrid kommend. Stipendien waren sein Zehrgeld. Als einmal die Rede auf seine Wanderungen kam, und Laurent den Ausruf that: »Sind Sie aber beneidenswert! Ein Stück Welt gesehen zu haben, das lass' ich mir gefallen!« sagte er urplötzlich in einem Ton so grenzenlosen Kummers, daß selbst Laurent, dem harten Mann, Thronen in die Augen traten:

»Ist das auch 'was? Bin ja doch nur ein Fremdling im Leben. Trotz meiner achtundzwanzig Jahre hab' ich noch nie geliebt!«

II.

Als Laurent an einem Winterabend wieder einmal im russischen Restaurant einkehrte, fand er alles auf den Kopf gestellt. Düster in sich gekehrt aßen die Gäste drauf los. Trebatsch schien den Kopf verloren zu haben und schrie seine Töchter an. Die eine – Sascha oder Mascha? – hatte rotgeweinte Augen, und Adler saß abseits, gleichsam am Katzentisch, sein haschiertes Beefsteak mühsam herunterwürgend.

»Diable, Sie schauen heut nicht lustig drein,« bemerkte Laurent.

»Ich hab' Ihnen etwas zu sagen,« flüsterte Adler.

»Gut, machen Sie, daß Sie fertig essen. Bei mir brennt ein gutes Feuer, da sollen Sie mir Ihr Herz ausschütten.«

Eine halbe Stunde später saßen die beiden am Kamin in einem wahren Schmuckkästchen von Stube. Die zarte Anthracitflamme beschien ihre Gesichter, das von einem Erlebnis zermalmte des einen und das nach einem Erlebnis gierige des andern.

»Eh bien, was giebt's?«

Ein Stück brennende Kohle fiel aus dem Feuerhaufen auf die steinerne Fliese nieder, brannte aus letzter Kraft und erlosch. Adler betrachtete die Glutleiche und nickte dem Frager zu:

»Ja, ich bin verloren.«

»Tiens, weshalb?« fragte Laurent. »Wollen Sie eine Cigarre rauchen?«

Adler sprang empor. Vorbei war alle Wehmut, sein Zorn jauchzte auf. Mit einer Miene, als wollte er all die hübschen Möbel in Trümmer hauen und die ganze Welt dazu, rief er mit dem höllischen Wohlbehagen der Verzweiflung:

»Ich bin der Spionage angeklagt und des Unterschleifs von Stipendien. Federscher ist mein Angreifer. Ein Gericht von meinesgleichen wird zusammentreten und mich der Ehre verlustig erklären. Trebatschs Gasthaus wird für mich verschlossen, meine Braut verloren sein. Bald wird die ganze Pariser Studentenschaft meine Schmach erfahren, ein jeder sich scheuen, mit mir umzugehen und nicht eher ruhen, bis ich abseits verrecke wie ein räudiger Hund!«

»Aber das ist ja hochinteressant!« rief Laurent und ergriff Adlers Rechte, wie um ihm zu gratulieren. Dieser wuchs in seinen Augen. »Welch ein Fall! Nicht rühren sollte man daran, um ja den Effekt zu wahren.« Nur pflichtschuldigst fragte er, was an der Sache eigentlich sei.

»Nichts!« knirschte Adler und beschwor seine Unschuld. Er habe für die Botschaft kopiert, das sei alles. Und wenn er mehr Stipendien erhielte, als die andern, so sei das gerecht, und wenn er ein besserer Student wäre als jene, nicht seine Schuld u. s. w.

»So brauchen Sie ja das Gericht nicht zu fürchten!«

»Aber ich fürchte es! Richten heißt bei ihnen vernichten! Dies Gericht bedeutet meine Hinrichtung!« Merkwürdig, wie schlecht er plötzlich auf die Seinen zu sprechen war. All seinen Ekel gegen sie, welcher ihm ein so bitteres Weh zu bereiten schien, wollte er in die Brust des andern pflanzen, in ihm einen Widersacher werben gegen seine Widersacher. Ordentlich, als ob er auflebe: endlich ein Andersgläubiger, der Mann einer fremden Nation!

Entweder ist er unschuldig, und ich muß ihn retten, oder er ist schuldig, und ich muß ihn gleichfalls retten, dachte Laurent und rief auf alle Fälle:

»Ich glaube Ihnen und stehe für Sie ein!«

Er wußte nur soviel, daß man auftreten mußte, aber auftreten! Lärm schlagen, einen Höllenlärm! Er liebte Schwung in allen Dingen. Fein sollte es bei diesem Rettungswerke hergehen und vor allem korrekt. Und der polizeischeue, friedliebende Laurent, der, wie gesagt, seine tausend Gründe hatte, Duellsachen wie die Pest zu hassen, rief:

»Sie müssen sich mit Federscher schlagen!« Aber Sie werden sich nicht mit ihm schlagen! Das wäre! Je connais mes braves! fügte er im stillen hinzu und, seiner Sache gewiß, wiederholte er ganz Feuer und Flamme: »Sie müssen sich mit ihm schlagen!«

Es galt eine Komödie, nichts weiter, nur eine heilsame Herausforderung. Ein Blick auf Adler, der ihn unschuldig anstarrte, überzeugte ihn, daß der Coup zu wagen sei.

»Aber, Herr Adler, ich weiß ja, daß Sie sich noch nie duelliert haben und sich nie duellieren werden!« suchte er ihn und sich selbst zu beruhigen. »Gerade wie Sie es wissen, daß ich noch nie Zeuge gestanden habe und auch nie und nimmer Zeuge stehen werde. Davon ist gar keine Rede!« Wie mußte er über seinen Einfall lachen, diese beiden treuherzigen Hasenfüße zum Duell verleiten zu wollen, sei's auch nur zum Schein. Doch wußte er, daß das ritterliche Auftreten seines Schützlings eine ungeheure Wirkung bei seinen Gegnern hervorrufen, sie einschüchtern und entwaffnen würde, und daß es nur eines einzigen Krakehlers bedurfte, ein tausendköpfiges Heer von Feiglingen in die Flucht zu jagen. Auf die Feigheit baute er, drum hatte er Mut.

»Kennen Sie außer mir noch jemand, der bereit wäre, Ihnen Zeuge zu stehen?«

»Jawohl, Klein.«

»Wohlan, so bringen Sie Herrn Klein zu mir. Wir gehen in Ihrem Namen zu Federscher!« Als er erfuhr, daß dieser und Adler vor den Thoren der École de médicine sich bereits geohrfeigt hatten, schrie er vor Vergnügen: »Ich werde ihn fordern, und er wird sich weigern. Er wird sagen: »Ich weigere mich, weil – « »Wenn Sie sich weigern, dann – « werd' ich sagen. »Das Ehrengericht!« wird er schreien. »Kein Ehrengericht!« werd' ich schreien. »Ja! ja!« – »Nein, nein!« »Das werd' ich sehen!« »Das wollen wir sehen!« – Das weitere würde sich selbst ergeben, wenn erst nur die Präliminarien eines Duells Wunder thaten, und letzteres nie zustande kam.

Mit feierlicher Miene lauschte Adler, als erneuerte sich in ihm der ganze Mensch. Wie er für sein Leben zittert! dachte Laurent. »Mut!« lachte er, »nur zum Spaß gilt's tapfer, ungestraft gilt's heldenmütig zu sein!« Noch nie hatte es ihm solches Vergnügen gemacht, jemanden beizustehen. Die Ehrenkomödie aufführen zum Experiment! Flausen machen zum Beweis, daß alles Flaust war! »Eine Welt ist gegen Sie, damit wollen wir schon fertig werden. Sapristi!«

Adler fiel ihm um den Hals und wollte gar nicht fortgehen vor lauter Dankbarkeit. Laurent mußte ihn förmlich hinauswerfen. Morgens lag er noch in den Federn, als jener in Begleitung Kleins wieder erschien. Doch hatte man sich nichts mehr zu sagen und konnte ans Frühstück gehen. Adler in der Stimmung des Geretteten und ganz Beflissenheit holte für Laurents Geld Wurstzeug herbei, während dieser über dem Kaminfeuer kernweiche Eier zu kochen bemüht war. Nur ließ der Unglückliche die schönen Eier in die Flammen sinken. Natürlich gab's ein furchtbares Gelächter. Die Russen lachten! Man hatte es aber auch gut unter den Fittichen dieses Franzosen, der alle Nichtfranzosen glaubte in die Tasche stecken zu können, mit ihnen aber so interessiert liebenswürdig verfuhr, wie mit seltenen Tierarten. Endlich machte er Toilette, steckte sich – man höre! – das blaue Bändchen des Palmenordens Les palmes d'officier de l'Académie, eine Auszeichnung, leicht zu erringen, selbst von Schullehrern. ins Knopfloch und begab sich Arm in Arm mit Klein zu Federscher.

Die Wohnungspracht desselben war verblüffend. Die zusammengeklaubten Möbel sahen ordentlich glücklich aus, wie von zärtlicher Hand gestreichelt; das Schlafzimmer mit feinem Himmelbett aus lichtblauem Kattun war wie das eines Mädchens. Inmitten dieser Herrlichkeiten befand sich Adlers Gegner, ein brustkranker Mensch. Laurent hatte aus feiner Feder eine Übersetzung Tolstois mit wahrem Vergnügen gelesen. Sie alle waren ja begabte, vortreffliche Leute, und was sich unter ihnen abspielte, war nur eine Hetzjagd, der wahnsinnig wollüstige Durst nach Blut, nach Bruderblut, der wunderbar grauenvolle Genuß, sich ins eigene Fleisch zu schneiden. Oder waren sie im Rechte und übten eine Strafgewalt ans in der persönlichen Rache?

Federscher empfing die beiden sehr verblüfft. Man sah ihm an, daß er aufgestachelt worden war, nur aus Rücksicht für seine künftigen Verwandten als Kläger auftrat und um nicht selbst der Schwager eines verdächtigen Menschen zu werden, daß ihm die Sache längst keinen Spaß mehr machte, doch daß er entschlossen war, sie als seine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit zu Ende zu führen. Übrigens geschah, was Laurent vorausgesagt: Mit einem Mann, dessen Ehre in Frage stand, wolle er sich nie und nimmer schlagen.

»Mein Herr!« rief Laurent großartig, »so lang Herr Adler nicht gerichtet ist, bleibt er ein Ehrenmann, und ich bin sein Zeuge!«

»Ich schlage mich nicht mit ihm.«

Wenn schon, denn schon! dachte jener, über seinen Scharfblick selig und von dem guten Gang der Dinge kühn gemacht, und fuhr mit so gewaltig edler Energie fort, daß ihm selbst feierlich zu Mute wurde, und daß Klein immer nachdenklicher dreinsah und Federscher immer betroffener.

»Noch ist Herr Adler ein Ehrenmann! Ist er gerichtet, will ich ihm selbst ausweichen schon tausend Schritte weit!« rief er, indem er sich den Kopf zerbrach, wem Federscher mit seiner flachen Stirne, der langgezogenen Nasenpartie und dem zurücktretenden Kinn nur so frappant ähnlich sähe. »Mein Herr! wenn Sie sich weigern, die Waffen reden zu lasten, wird Ihnen Herr Adler, in dessen Namen ich zu sprechen die Ehre habe, ins Gesicht schlagen und ins Gesicht speien, wo und wann er Ihnen begegnet!«

»Bedaure, aber ich muß auf dem Gericht bestehen!«

»Sei's!« rief Laurent auf einen Einfall hin, für den er Adlers Dank allerdings verdiente. »Warten wir das Gericht ab! Allein wir verwerfen den Urteilsspruch abtrünniger Kameraden! Nur Männer wie Pokuroff sollen hier Richter sein!«

So wurde der kameradschaftliche Streit zu einem Rechtsfall im großen Stile und die öffentliche Stimme Richterin darüber. Allein während Laurent mit diesem Ansinnen seinen Schützling vor dem dichten Haufen der Feinde deckte und ihn vorderhand ihrer Wut entriß, hatte er ihn nicht mehr im Auge als die andern. Verfolgter und Verfolger standen Plötzlich seinem Herzen gleich nah, das höhere menschliche Interesse trieb ihn an, ihm war nur noch um die Wahrheit zu thun: Ich will missen, was in euch steckt, meinetwillen geschehe strengste Untersuchung!

Tags darauf stellten sich Federschers Zeugen bei ihm ein: Zedekoff, ein verschlafener, unglücklicher Patriot, und Goltschmann, der aus einem Turgenjew'schen Roman entsprungene Held. Laurent war aufs freudigste überrascht, zu sehen, wie das schöne Wachsbild plötzlich Leben bekam. Das blaue Ordensband wiederum und mehr als je im Knopfloch, begab er sich mit den beiden und mit Klein, den sie in einem Gasthaus aufgespürt hatten, zum Oberst Pokuroff.

Eine alte Dame öffnete und ließ sie mit mißtrauischer Miene ein. Nur Laurent gab seine Karte ab: Jacques Laurent, Directeur de la Revue Rose. Vor vierzehn Tagen war diese Zeitschrift ins Leben getreten. Ökonomische Schriften in allen Sprachen füllten Pokuroffs kleinen Salon. Ein Werk. »Zivilisation« betitelt, das den Oberst zum Autor hatte, deckte in vielen unaufgeschnittenen Exemplaren Kanapee und Armstühle. Auf dem Kamin, darin kein Feuer brannte, stand eine schön eingerahmte Photographie des Fürsten Krapotkin.

Pokuroff mit seinem ehrwürdig struppigen Bart und dem schußgeraden Blick sah halb wie ein Pope, halb wie ein Krieger aus, der orthodoxe Russe, wie er leibte und lebte. Selbst in der Verbannung schien er ein Stück Heimat mit sich zu tragen.

Bescheiden nahm Laurent das Wort, den überlegenen Fremden als Weltmann und Franzosen behandelnd. Er fühlte, dieser Mann war ernst zu nehmen, »discutable« und besserer Streiter wert. Als wäre er nie vor dem Antlitz eines Größeren gestanden, jubelte es in ihm: Welch ein gottgesalbter Richter! Was ihm das Herz abquält und zur Verzweiflung treibt, ist einzig und allein sein Gerechtigkeitsgefühl!

Jener ließ ihn ausreden. Der Fall war ihm schon bekannt, man hatte ihm darüber eingehend berichtet.

»Ich habe sehr schlechte Auskünfte über Herrn Adler,« sagte er. »Er ist bei seinen Landsleuten übel angeschrieben. Seine Sache kann nicht schlechter stehen. Trotzdem bin ich bereit, die Angelegenheit zu prüfen und im Verein mit anderen darüber ein Urteil zu fällen.«

Ganz Zuvorkommenheit erging sich nun Laurent in Lobsprüchen über die russische Litteratur, ihre Meisterwerke als fremdartig preisend, eigentümlich und bizarr. Voll Begeisterung hauchte er: »C'est étonnant! C'est étonnant!«

»Wieso eigentümlich, fremdartig und bizarr?« fragte der Russe. Auch an der Politik wurde gerührt.

»Wir sind nicht Nihilisten, wir sind Sozialisten,« sagte er und hätte die Welt zerreißen mögen, die ihr Glück mit Füßen trat. Daß er besser war als sie, sie aber stärker als er, schien beider Unglück. Diese Weltunordnung muß ein Ende nehmen! rief es in ihm.

Er brauchte kein Vaterland und keinen Gott. Sein Herz war groß wie die ganze Welt. Er nannte sich keinen Heiland, er nannte sich einen Aufgeklärten. Er dünkte sich ein König und schrie nach Gleichheit, um lauter Könige um sich zu sehen, damit jede Erdscholle, darauf ein Mensch lebte und strebte, zum Throne würde.

Riese im Ameisenstaat! dachte Laurent. Mit Seufzen und Klagen erobert man nicht die Welt. Genie muß man haben und, um ihr Befreier zu werden, die Verschlagenheit von tausend Tyrannen!

Ihm selbst waren die Menschen der geringste Kummer, doch wenn er jetzt etwas wie Antipathie gegen sie empfand, so hatten das seine russischen Freunde auf dem Gewissen. Was zu viel war, war zu viel. Sie fielen über seinen Schützling her und fraßen ihn auf. Erst hieß es: »Es ist unmöglich, daß Adler ein Schurke ist!« Dann: »Kann sein, daß er einer ist.« Bis schließlich nur eine Stimme herrschte: »Er muß es sein! wir wollen es! Das ist er uns schuldig!«

Klein machte der Handel alt und grau. Er sah seine Brüder mit den Augen der Welt – sein Herz verblutete schier. Sie richtig zu beurteilen und so sinnlos zu lieben – wie konnte das einer auch aushalten?

»Seinen Glauben abschwören ist für die Katze,« jammerte er. »Seine Juden abschütteln gilt's – wer das könnte!«

Die lammherzigen Bursche hatten Mut gegen ihresgleichen – was kümmerten sie fremde Rassen? – und waren erbarmungslos wie blutgierige Wölfe. »Schweigt! schweigt!« bat Klein. »Wir wissen, was wir reden!« brüllten sie. »Eben darum!« flehte jener. So oder so, überspannte Köpfe waren sie alle, und die Sucht, aus einer Mücke einen Elefanten zu machen, schien Familienzug bei ihnen.

Das gehetzte Wild hatte nichts zu hoffen, als auf ein Gericht, darin alle, alle gegen ihn zeugen würden. Dennoch verzehrte ihn die Ungeduld. »Haben Sie Nachricht von Pokuroff?« war seine erste Frage, wenn er bei Laurent Zuflucht zu suchen kam. Er konnte es nicht erwarten. »Noch immer keine Nachricht!« und er verzweifelte.

Der reckenhafte Mann brach zusammen unter der Wucht der Verachtung. Die Gratismahlzeiten bei seinem künftigen Schwiegervater hatten auch aufgehört. Um mit den Seinen nicht brotlos zu werden, mußte ihm dieser seine Thür verschließen, machte aber dadurch brillante Geschäfte. Es wimmelte von Gästen bei ihm. Die Russen krochen aus ihren Löchern. Es ging in den Kampf, zwar nur gegen einen armseligen Kameraden, gleichviel, es war ein ewiges Fest oder vielmehr ein Rüsten zum Fest – alle gegen einen!

Daß sich Adler nicht erhängte, blieb Laurent unbegreiflich. War's nicht genug für ihn, aus Rußland vertrieben zu sein? Doch was ist dir Rußland gegen Trebatschs Restaurant? dachte dieser, das ist dein Mekka, eine Klatschstunde bei Goltschmann für dich Lebenszweck, die Schar deiner Kläger die ganze Welt. Und drücken dir diese hergelaufenen Bursche das Kainszeichen auf, vergebens machen dich dann alle Nationen der Welt zum Ehrenbürger, die Selbstachtung lernst du nimmermehr!

Als ob einer, den man mit Kot bewirft, sich nicht mehr zu waschen brauchte, verwahrloste er sich auf die rücksichtsloseste Art, sprach in weinerlichem Tone, warf die herzgewinnende Jugendlichkeit ab wie lästiges Zeug, bekam plumpe, verschlagene Züge – der arme Teufel und der unedle Mensch waren fertig.

Aber das Herz seiner Braut blieb ihm doch treu. »Da sieht man, was Liebe ist. Mascha stand wieder am Fenster und nickte mir zu. Sie sieht elend aus,« sagte er oft wehmütig. »Nun erkennen Sie sie auf den ersten Blick. O, meine Braut ist zu erkennen!«

III.

Im Café Koch in der Rue de la Glacière fand das Gericht statt, in dieser schmutzigen Spelunke, deren Spezialität es war, schmutzig zu sein, wo man aber für fünf Sous etwas Warmes zu essen bekam. Wo käme ein armer Student hin ohne solche Spelunken?

Die Versammlung war auf drei Uhr anberaumt. Kopf an Kopf saßen die Kläger, sie erdrückten einander schier. Hier ballte sich eine Faust, dort grinste hämisch eine Fratze, hier blitzte ein finsterer Blick auf, dort erscholl Hohngelächter. Selbst der stumpfste Geselle hatte das Mordfieber und war schon erhitzt und freudetrunken – alle gegen einen!

Adler war wie verwandelt. Er sah blühend aus. Mit lauter Stimme gab er Laurent über die fremden Gesichter Bescheid, in nachsichtsvoller, anerkennender Laune – o er ließ auf seine Feinde nichts kommen! »Wen meinen Sie? Ja so! Aha!« und er erhob sich, sah in die Runde, starrte ihnen wohlgefällig ins Gesicht, mit hochwogender Brust – ihn erfaßte das Glücksgefühl des Tollkopfs in Lebensgefahr/ Das heiße Leben in jedem Blutstropfen und mit dem einen Fuß im Jenseits – so groß ist also die Welt! Er war von Sinnen und hatte tausend Sinne und zu allem Kraft, nur nicht für die Angst und für die Reue.

Schlag drei Uhr erschien Pokuroff in Begleitung eines Mitgliedes der Société secrète. Alles erhob sich. Wie Schulknaben standen sie da. An einem bereitgehaltenen Kaffeetisch nahm der Oberst Platz neben dem mitgebrachten Herrn, einem ungemütlichen Glatzkopf. Als machte er eine unliebsame Bekanntschaft, mit der er lieber verschont geblieben wäre, verzog er sein abgelecktes Gesicht – er machte kein Hehl aus seinen Gefühlen und schien ein gar Vorurteils froher, strenger Richter zu sein. Ein dritter Richter hatte sich verspätet, ein blonder junger Mann, der sehr geziert that, bald geniert, bald amüsiert und mit der Miene eines wißbegierigen Kindes die beiden andern immer etwas zu fragen hatte.

Obenan saßen die Richter, rechts von ihnen Laurent, Klein und ein dritter Zeuge des Angeklagten, ein aus Irkutsk hergereister junger Mann, den dieser, Gott weiß wo, aufgetrieben hatte. Links saß Federscher mit seinen Zeugen. Adler, der mit einem wacklichen Rohrstuhl als Anklagebank vorlieb nehmen mußte, schloß den Kreis. Halbwüchsige Bursche und Familienväter, die wie halbwüchsige Bursche aussahen, füllten den Saal. Hagere Rotbärte und dicke Krausköpfe saßen rauchend da und spuckten wie aus Ekel vor ihrem schlechten Tabak. Ein kleiner Kerl mit der Physiognomie eines zu hohen Ehren gekommenen Gassenjungen machte die Honneurs. Auch einige Studentinnen waren erschienen, sehr häßliche Mädchen, die man wieder fortschickte, woher sie gekommen waren. Ein lichtes Jesusgesicht wandelte im Gewühl. Ein korpulenter Bursche mit Tieraugen lauerte auf den Moment des Überfalls. Ein flachnasiger Russe, in jedem Zug ein Charakter, stand ungeduldig auf seinem Posten.

Pokuroff ergriff das Wort. Es klang wie ein Kommando. »Man muß wissen, mit wem man lebt,« sagte er. »Drum wollen wir untersuchen, ob die schweren Anklagen gegen Herrn Adler begründet, und wir berechtigt sind, über ihn den Stab zu brechen.«

Hierauf erhob sich der Irkutsker, ein reiches Muttersöhnchen, dem man ansah, daß er diesen Kreisen fern stand und fern stehen wollte, daß er mit seiner Bürgschaft nur ein gegebenes Versprechen einlöste und daß er überhaupt nur zu seinem Vergnügen nach Paris gekommen war.

Adler sei sein Schulkamerad gewesen, begann er, er habe ihn immer für einen anständigen Menschen gehalten, seine Ehrenhaftigkeit genugsam erprobt und könne den Beschuldigungen nie und nimmer Glauben schenken.

Mehr tot als lebendig stammelte Klein: »Adler ist nicht besser und nicht schlechter als alle andern –« doch ließ man ihn nicht ausreden, Laurent gar nicht zu Wort kommen, der Russe mit dem Charakterkopf trat vor die Schranken.

Seine grobe Kleidung, sein bäuerisches Wesen, alles an ihm zeugte von schadenfrohem Mut, und selbst seine starken Backenknochen schienen ein Abzeichen des müde gehetzten Rebellen. Nach einer kurzen Erklärung an Pokuroff wandte er sich zornglühend an Adler. Schmerz und Wut zersprengten ihm schier die Brust. Sein Freund sei bei seiner Rückkehr in die Heimat verhaftet worden infolge einer Denunziation Adlers. Der Name Sedlin – so hieß dessen Gönner, der Botschaftskanzler – kehrte immer in seinen Klagen wieder. Er tobte nicht, er weinte und schrie, als müßte ihm das Herz brechen: »Verräter!«

Adler sprang auf. Wie ihm das Herz aufzuckte in Verzweiflung und Bosheit! Die ihn ausgehungert hatten und zum äußersten getrieben, um sich an seiner Wut zu weiden, kamen auf ihre Kosten. Wie ein befreiter Riese stand er da. Mit erhobener Faust schien er jenem das Wort buchstäblich ins Gesicht zu schleudern, und gleich einem wilden Triumphgeschrei entrang es sich seiner Brust: »Lüge! Lüge! Lüge!«

Erschrocken brachte Federscher seine Klage vor. Seine Katzenaugen blickten scheu, sein Schnauzbart sträubte sich – nun wußte Laurent, wem er so sprechend ähnlich sah, einem Löwen, einem sanften, entarteten, verächtlichen Löwen.

Ein schmieriges Individuum, das Adler um Stipendien sollte betrogen haben, ergriff das Wort. Licht, blond, blauäugig, mit erfrorener Nase und krummen Beinen – seine Erscheinung war so jämmerlich als belustigend, zumal aber seine Art, das Russische zu radebrechen, wobei er weder die Richter noch den Angeklagten, sondern die anderen anblickte, sie als seine Zeugen und Aufstachler anzurufen.

Adlers Antwort war ein Leugnen. Er selbst sprach ein vortreffliches Russisch. Jedes Wort aus seinem Munde klang einleuchtend und verblüffend, wie eben die Rede eines gescheiten Menschen. In diesem Moment war er Russe, Russe mit Leib und Seele. Sein scharfgeschnittenes Gesicht schien zwar mit der slavischen Mundart in Widerspruch zu stehen, woran er sich aber blutwenig kehrte. Er wuchs mit jeder patriotischen Phrase, mit jeder volkstümlichen Wendung und freute sich am Scheine dessen, wonach sein Innerstes sehnsuchtsvoll drängte: Europäer zu sein, sei's Russe, was immer, zur Gegenwart zu gehören, nur nicht zu einem toten Volke.

Als brauchte er nur ein Wort zu sagen, um sie alle zu vernichten, stand er lächelnd da und hielt an sich. Von gekränkter Ehre war nicht die Spur an ihm, sein Gewissen schien unantastbar wie ein gesalbter König. Seine massive Schönheit, sein geschmeidiges Temperament, die spöttische Art, wie er seine Lumpen trug, alles an ihm schien zu frohlocken: Ich bin der Stärkere! Edle Wehmut im Antlitz gestand er, welch ein phänomenaler Mensch er sei, brach jedoch ab, als spräche er eine unliebsame Prophezeiung. Immer vertraulicher, immer vorwurfsvoller klangen seine Worte, ganz in der Art, wie gute Kameraden einander herunterkanzeln, und allen auf einmal ins Gesicht blickend, schloß er mit dem Fragezeichen: »Seid ihr ein Volk – was?«

Ein Schrei der Entrüstung gellte durch den Saal. Selbst die Richter fuhren auf. Man war zu starr gewesen, um ihn nicht ausreden zu lassen, nun aber hatte man bloß den einen Gedanken, den Frechling niederzustrecken. Man sah nichts als Teufelsgesichter. Das Jesusgesicht wirkte geradezu schaudererregend mit seinem Aufwand von Gift und Galle. Der mit den Tieraugen that einen Satz auf Adler, als könnte er sich von dem tödlichen Streich nicht enthalten. »Was wollen Sie?« herrschte ihn Pokuroff an, und um der Sache ein Ende zu machen, hieß er ihn mit seiner Klage hervorrücken.

Er schrie um Geld, um Verkürzung und Schaden mit einem Blick voll Haß, voll Haß! Er hätte Adler zerfleischen mögen. Seine unglaublich dichten, unglaublich schwarzen Haare sträubten sich. Wütend klagte er über Hunger, und sein dicker Körper erbebte, sprach von Weib und Kindern, und sein Zorn steigerte sich bis zur Raserei. »Brot oder Blut!« stand auf seiner Stirne. Er machte einen widerlichen Eindruck, aber den Eindruck, daß er recht habe, daß der Hunger zecht habe.

Adler zahlte Schimpf mit Schimpf, Pokuroff mußte ihn zurechtweisen. Mehrere Stimmen wurden zugleich laut, die Hälse reckten sich, die Augen blitzten, man steckte die Köpfe zusammen oder schrie von einer Ecke in die andere. Die Richter waren vergessen, man fühlte sich ganz unter sich. Die Anklagen regneten, der Name Sedlin ertönte aus heiseren Kehlen. Der mit den Tieraugen sprach in alles drein und kam, wovon auch die Rede war, mit Ziffern und Zahlen. In einem Moment unwillkürlicher Stille stieß das Jesusgesicht einen Fluch aus. »Spion! Dieb!« erscholl es von allen Seiten, und wiederum der Name Sedlin. Es war kein Tribunal mehr, sondern ein Zanken, Streiten, Sich-in-den-Haaren-liegen. Das Tiergesicht, Kleins gramvolle Züge, das Mondgesicht Zedekoffs, Federschers unlöwenhaftes Löwengesicht, Goltschmanns ideale Züge – ihre Gesichter hatten eine große Familienähnlichkeit. Wie leibliche Brüder erschienen diese Bettler, indem sie, in glühendem Patriotismus nach Brot schreiend, über einen Bettler herfielen, weil er mehr erbettelt hatte als sie. Der jugendliche Richter lächelte verlegen, der Strenge triumphierend.

Der Rächer seines Freundes, der auf Spionage klagte, drängte auf die Verurteilung. Pokuroff forderte neue Beweise. Der Kleine mit dem Gassenbubengesicht hielt eine Ansprache. Adler schwankte, ob er ihm nicht einen Sessel an den Kopf werfen sollte. Ein schmerzlicher Ausdruck legte sich auf seine Züge, als Goltschmann sich erhob, um wider ihn zu zeugen. Der mit der erfrorenen Nase bekam Mut und schrie immer unverschämter. Das Jesusgesicht hatte eine Schar um sich und hetzte. Die Schwüle, der Dunst im Saale wurde unerträglich. Der junge Richter fächelte sich mit dem Taschentuch, der Strenge flüsterte Pokuroff etwas ins Ohr. Einige Hungrige hatten sich fortgeschlichen. Soeben that Zedekoff den gähnenden Mund auf, um auch als Kläger seine Pflicht zu thun, als Pokuroff sich erhob und erklärte, daß es Essenszeit sei, und die Beratung nach Tisch wieder aufgenommen werde.

Adler ging mit dem Irkutsker. Die Schreier zerstreuten sich nicht sobald. Laurent, der sich Pokuroff und dessen Assistenz angeschlossen hatte, sah wie betäubt um sich auf der tosenden Straße, sich fragend, ob Paris wohl eine Ahnung hätte von den Völkerschaften, die es beherbergte, und von den Revolutionen, die sich in seinen Spelunken abspielten.

Im russischen Gasthaus, wohin sie sich begeben hatten, lief Trebatsch wie ein Wahnsinniger hin und her. Nun hatte er eine dicke, rosige und eine blasse, magere Tochter, da ließ es sich auch besser kommandieren. Bei der berühmten Gerstensuppe unterhielten sich Pokuroff und Laurent von Dostojewski und dessen Stellung zum Nihilismus. Von dem Zwiespalt, in dem der Dichter die letzten Jahre seines Lebens verbracht hatte, sprach dieser in traurig vorwurfsfreiem Tone, wie man etwa von einer Gehirnentzündung spricht, seinen Abfall bestritt er als Lüge. »Er konnte uns nicht aus seinem Herzen reißen,« behauptete er, »wir haben ihn als den Unsrigen begraben.«

Am Tisch nebenan dinierten die beiden andern Richter. Der Strenge mit Würde und Appetit, der Jugendliche mit zimperlicher Neugierde, indem er nicht müde wurde von einer russischen Fürstin zu sprechen. La princesse her, la princesse hin, und das Wort wurde zum Begriff des Erhabensten, wenn er es mit sehnsüchtigen Lippen aussprach, voll Feuer und Ehrfurcht. »Sie giebt Lektionen?« fragte der andere. »Nicht doch,« war die Antwort. »Elle fait la lecture.«

Um neun Uhr wurde das Gericht wieder aufgenommen. Nun herrschte eine matte Stimmung. Einer verließ sich auf den andern und alles auf die Verurteilung. Auch Adler war es satt, seine Unschuld zu beteuern. Der Ausgang seines Prozesses, daran er nicht hatte denken können, ohne zu fürchten, den Verstand zu verlieren, dünkte ihm Plötzlich eine Lappalie.

Mit der Abspannung kehrte auch Kälte ein. Der Irkutsker ging ungeduldig auf und ab. Auch andere verließen ihre Plätze und hauchten sich auf die erstarrten Finger. Mitternacht rückte heran. Die Richter zogen sich in das Wohnzimmer des Cafetiers zur Beratung zurück. Adler ging hinaus auf die Straße. Man war schon halb eingenickt, als jene wieder erschienen, das Urteil zu verkünden. Es fand ein gleichgültiges Auditorium.

»Haben wir positive Beweise für die Schuld des Angeklagten?« begann Pokuroff. »Nein, nein und nein! Dennoch müssen wir Herrn Adler tadeln,« und diese Worte waren ein Beweis für die mutige, gewandte Selbstverteidigung Adlers, da ihn ja der Redner von früher her nicht kannte, »daß ein so hochbegabter junger Mann, wie er, die Unvorsichtigkeit beging, mit einem Sedlin Umgang zu pflegen, dessen Name nicht nur im revolutionären Lager, sondern auch bei der Gegenpartei verpönt und verachtet ist.«

Laurent lief zu Adler hinaus, der frierend an der Straßenecke stand und die Kunde seiner Freisprechung mit gekränktem Lächeln hinnahm. Kaum' konnte er sich aufrecht halten. Laurent und den gleichfalls herbeigeeilten Klein unter den Arm nehmend, führte er sie in ein nahes Caféhaus. Er war bei Geld und bewirtete sie mit Grog. So saßen sie beim heißen Trunk guter Dinge beisammen. Zärtlich blickte Adler bald den einen, bald den andern an oder starrte träumerisch ins Blaue. In seiner Freude sah man erst, wie vergrämt der Arme war. Entzückt über sein Abenteuer, das gottlob einen Abschluß gefunden, machte Laurent Klein Komplimente, sich in der Affaire tadellos benommen zu haben, als mitten in die herrliche Stimmung Adler wie ein Donner hineinfuhr:

»Aber jetzt muß Federscher das Duell annehmen! Das bleibt ihm nicht geschenkt! Je vais le battre comme une canaille! Sie sind mein Zeuge, Herr Laurent!«

IV.

»Ich will nichts mit Duellen zu schaffen haben!« wehrte sich Laurent. Er hatte ein Buch geschrieben gegen den Zweikampf, ein gutes Buch sogar, einen wahren Herzensschrei, mit frechem Mut die Feigheit begangen, einem Beleidigten Genugthuung zu versagen, in seiner öffentlichen Rechtfertigung die Frage auswerfend: »Was ist tapferer, sich mit geladenem Revolver zu verteidigen oder mit ungeladenem?« und Caillé, dem gefürchteten Publizisten, den Freundschaftsdienst, sein Zeuge zu sein, rundweg abgeschlagen. Dieser Duellhaß war sozusagen die einzige Empfindung seines Lebens. »Was wollen Sie denn noch?« fuhr er Adler an. Wie verwünschte er ihn mitsamt seiner ganzen Sippe! »Sind Sie nicht ein frischgewaschener Ehrenmann? Haben Sie es nicht aus Pokuroffs Munde? Und verbietet dem Russen sein junges Evangelium nicht aufs strengste den Zweikampf?«

Nie und nimmer! dachte er und rief schließlich, um die Sache ein für allemal abzuthun: »Daß ich Ihr Zeuge bin mit dem größten Vergnügen, versteht sich von selbst. Aber nicht hier! Die Polizei, drei Monate Gefängnis – ich danke! Es muß also in Belgien sein! Warum sollte es nicht in Belgien sein? Zwar die Reise für Sie selbst, Ihre beiden Zeugen und den Arzt, dann die Anschaffung der Pistolen – eine verteufelt kostspielige Sache solch ein Duell! Wenn ich wenigstens in der Lage wäre, Ihnen auszuhelfen – verfluchtes Geld!«

Ein neuer Tanz begann. In Lumpen gehüllt, keinen Sou in der Tasche, dachte Adler Tag und Nacht an das Duell. Er aß nicht, er schlief nicht, er wusch sich nicht, es war ihm zur fixen Idee geworden, er war tausendmal unglücklicher wie vor seiner Freisprechung. Die Rachsucht verlieh seinen Zügen einen edlen, leidenden Ausdruck. Wiederum lief er Laurent das Haus ein, lehrte ihn Thee auf russische Manier zubereiten, nützte seinen Parfümvorrat oder saß da, den Kopf auf beide Hände gestützt, und knirschte in seinem improvisierten Französisch mit einem Gesichtsausdruck, daß es einen Stein erbarmt hätte: »Je veux le battre comme une canaille!«

Laurent wußte nicht, wo ihm der Kopf stand. Die »Revue rose« machte Miene einzugehen.

Nachts heimkehrend hörte er einmal die Hausbesorgerin aus ihrer Loge rufen:

»Der Herr Russe war wieder da,« sagte sie höhnisch – Hunde und Hausmeister können schlechtgekleidete Leute nun einmal nicht leiden – »Sechsmal hat er nach Ihnen gefragt.«

»Sagen Sie ihm morgen, ich sei verreist,« beauftragte sie Laurent. »Und wenn ein Herr Ponthier nach mir fragt: ich sei daheim und harre seiner.«

Er steckte in einer fürchterlichen Haut. Die »Revue rose« war eingegangen. Herr Ponthier allein, der reiche Spekulant, konnte sie von den Toten erwecken. Von Laurents Unterredung mit ihm, die morgen stattfinden sollte, hing alles ab. Bis übermorgen konnte der vorsichtige Philister sich die Sache überlegen. Wie sagte er? »Wenn ich mich zu dem Unternehmen entschließe, was noch lange keine abgemachte Sache ist – « ach nein, leider Gottes! – »so geschieht es nur aus speziellem Vertrauen zu Ihnen. Denn daß Sie z. B. von Thorheiten, wie Duellen, ein entschiedener Gegner sind –« Diese gute Meinung sollte Laurent zugute kommen.

Gegen Morgen schlief er endlich ein, als ihn ein lautes Pochen an der Thür erweckte. Adler stürzte mit dem Freudenruf ins Zimmer:

»Auf nach Erquelin! Um 7 Uhr fährt der Zug! Heute wird duelliert!«

Erscheint mir der Mensch sogar im Traum. Will mir's verbitten! dachte Laurent und drehte sich auf die andere Seite. Zerschlagen und übernächtig, wie er war, und ein Langschläfer, der er sein lebenlang gewesen, wollte er schlafen.

»Auf! auf!« drängte jener. »Es ist höchste Zeit! Klein wartet unten.« – »Gleich!« rief er ihm hinunter, indem er das Fenster aufriß, daß ein eisiger Luftstrom durchs Zimmer strich. »Hol' einen Wagen! Gleich macht sich Herr Laurent fertig!«

Laurent erwachte. Welch ein Erwachen! Es war der schrecklichste Moment seines Lebens. Doch eine letzte Hoffnung zuckte in ihm auf.

»Unsinn!« rief er. »Sie haben ja kein Geld!«

»Warum nicht gar!« rief Adler. Er und kein Geld! Der Irkutsker hatte ihm Kredit eröffnet. Und im Ton eines Gentlemans von Metier rief er ungeduldig, als wäre er dabei aufgewachsen:

»Sind Sie mein Zeuge, ja oder nein?«

»Schlafen will ich!«

»Sind wir Männer, ja oder nein?«

»Es ist zu kalt! Es ist zu früh!«

»Entweder thun Sie Ihre Pflicht als Zeuge oder – bei Gott, wenn ich Sie fordere, müssen Sie mir vor die Klinge!« Immer besser!

»Ich will Ihr Zeuge sein!« stöhnte der Unglückliche. »Ihr Gegner, alles, was Sie wollen, aber aufstehen – nie und nimmer!«

Da riß Adler die Decke von ihm. Der Wütende hatte gut schreien: »Mörder! Elender!« jener half ihm in die Beinkleider.

»Daß Sie sich nur nicht erkälten!« rief er besorgt. »Schlüpfen Sie schnell in die Pantoffel – so! Diese Hundekälte! Bei Gott, das Wasser im Waschbecken ist eingefroren I So verflucht kalt war's nicht seit Menschengedenken!« Und er begoß ihn mit eiskaltem Wasser, rieb ihm das Gesicht mit dem Handtuch wund und zwang ihn in Weste und Rock.

»Herrgott! – und Ponthier! Meine Unterredung mit Ponthier!« rief Laurent verzweiflungsvoll.

»Sie schreiben ihm einfach ab!«

»Meine Existenz steht auf dem Spiele! Tod und Leben der »Revue rose«!«

Aber schon hing ihm Adler den Winterrock um, drückte ihm den Hut auf den Kopf und zog ihn gegen die Thür.

»Wenn Sie glauben,« rief Laurent, »daß ich in Pantoffeln bis nach Belgien reise, irren Sie sich gewaltig!«

Richtig, die Stiefel! sie mußten vor der Thüre stehen. Doch statt der Stiefel stand Klein vor der Thür mit einer grünkarrierten Reisedecke und drängte zum Aufbruch.

»Wo sind schnell ein paar andere Stiefel?« rief Adler. »Sie müssen ja ein zweites Paar haben!«

»Aber ich hab' kein zweites Paar!« rief Laurent roh und ohne zu übertreiben. Was thun? Flugs Holte Adler ein paar funkelnagelneue Lackschuhe aus dem Schrank. Laurent weinte vor Wut. Seine reizenden Soiréeschuhe, die ein Heidengeld kosteten und ihn so furchtbar drückten! Es half nichts, sie zogen sie ihm an und schleppten ihn die Treppe hinunter. Unten stand der Wagen und vor ihrer Loge die Concierge in unbeschreiblichem Morgenkleid, ein Bild des Ingrimms.

»Madame,« hauchte Laurent. »Sagen Sie Herrn Ponthier – «

»Nichts da! Sie telegraphieren ihm aus Erquelin!« rief Adler, hob ihn in den Wagen und hielt ihn auf der ganzen Fahrt nach dem Nordbahnhof am Rockschoß, damit er nicht Reißaus nähme. Laurent, der bemerkte, kein Flanellleibchen anzuhaben, ballte die Fäuste. Ein letztesmal fragte er, der Mensch hofft ja im Tode noch:

»Haben Sie auch wirklich Geld?«

»Und ob!« jauchzte Adler, als hätte ihm der Irkutsker alles Gold Sibiriens geliehen.

Vor dem Bahnhof standen schon Federscher, Jedekoff und Goltschmann mit roten Nasen, sie mit Rufen und Gesten zur Eile antreibend.

»Schnell! schnell! Erstes Läuten!«

Adler rannte an den Schalter, die Billette zu lösen, kam aber ohne dieselben zurück, wankend, schreckensbleich.

»Das Geld – reicht – nicht,« stammelte er. Zugleich erscholl die Glocke – zweites Läuten!

Laurent und Zedekoff mußten in der Zugluft stehen, während die vier Familienrat hielten. Wer hätte sie für Gegner und Zeugen gehalten? Sie schienen ganz brüderliche Sorge für einander. Doch unwillkürlich veränderte sich ihre Miene, als sie an jene herantraten, um ihnen für ihre Freundlichkeit zu danken. Sie wollten mit je einem Zeugen vorlieb nehmen. Damit sprengten sie an den Schalter und mit emporgehaltenen Billetten zur Perronthür hinaus, Adler voran, Klein mit seiner grünkarrierten Reisedecke als Hinterster. Soeben ertönte das dritte Läuten. Laurent sah sie abdampfen. –

Tags darauf kam Adler zu ihm gerannt, um ihm brühheiß zu erzählen, wie sie einen Tag und eine Nacht im Eisenbahnwagen gerüttelt worden, wie sie unter dem Gejohle der Bauern, die ihnen mit Heugabeln gefolgt waren, unter kniehohen Schnee nach dem Kampfplatz waten mußten, und wie die Schüsse glücklich fehlgegangen, und die Gegner einander versöhnt in die Arme gesunken waren, halbtot vor Hunger und Strapazen. Er lachte, war wieder der Alte – ein neues Leben konnte beginnen.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.