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Kärrekiek

Joseph von Lauff: Kärrekiek - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleKärrekiek
authorJoseph von Lauff
year1924
firstpub1902
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleKärrekiek
pages363
created20080901
sendergerd.bouillon@t-online.de
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1 I Als ich wiederkam

Bestäubte Schuhe! – und vor mir lag die kleine niederrheinische Stadt mit ihren kanadischen Pappeln und der Sankt Nikolaikirche. Es war alles wie früher. – Die roten Giebeldächer schimmerten durch das saftige Grün gerade wie damals, und die Heupferdchen geigten zwischen Kuckucksblumen und Wiesenschaumkraut genau in denselben Tönen und Intervallen, wie sie es vor dreißig Jahren getan, als ich mich als halbwüchsiger Junge zwischen Rispen und Dolden gestreckt hatte, um nach den Dohlen zu schauen, die langsamen Fluges die Spitze des Nikolaiturmes umkreisten. – Auch heute war es auf dem Turme lebendig, dessen von der Abendsonne vergoldeter Knauf weit in die niederrheinischen Lande hineinsah. – Von den Pappeln, die sich scharfumgrenzt vom Abendhimmel abhoben, wehte ein geheimnisvolles Säuseln herüber. – Harfenklänge aus früher Jugendzeit umzitterten mich und stimmten die Seele harmonisch und weich. Aber gleichzeitig war es mir, als wenn mich eine unsichtbare Hand leise berührte; sie glitt sanft über mein Antlitz und blieb über der Herzgrube liegen. – Ein feiner körperlicher 2 Schmerz durchfuhr mich. – Ich hatte keine Erklärung dafür . . . aber eine Schwalbe huschte vorüber, und mir klang es wie aus weiter Ferne: »Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit . . .!«

Noch hielt mich ein unbestimmtes Gefühl ab, geradeswegs die Stadt zu betreten. Ich wandte mich seitwärts. Binsen und Schachtelhalme durchsetzten den üppigen Wieswuchs. Ein breites, ruhiges Wasser legte sich hier um eine Art von Bollwerk, das in früheren Zeiten als Brückenkopf gedient haben mochte. Wir Jungens nannten es ›Ravelin‹, und ein eigentümlicher Zauber war mit diesem Orte verbunden. Hier wohnte das Bläßhuhn, hier tackte das Müllerchen im Brombeergestrüpp, die rotbraunen, silberglänzenden Rispen des Schilfrohrs sprachen hier mit säuselnden Stimmen, und die Wasserlinsen spannten ihren smaragdnen Teppich über das stille Wasser, auf dem später die bleichen Teichrosen schwammen wie verwunschene Sterne.

Ich war näher getreten. – In demselben Augenblick hub die Schilfdrossel an, und ihr ›Kärrekärrekiek‹ zog in scharfen, aber langgezogenen Tönen über die ruhige Fläche. Ich kannte den Ruf, ich hatte ihn vor Jahren unter eigentümlichen Umständen vernommen; er hatte eine seltsame Bedeutung für mich – das ›Kärrekärrekiek‹ der Schilfdrossel durchschnitt mir die Seele. Das Gegenwärtige war tot für mich – die Vergangenheit war lebendig geworden.

Hier hatte ihr Fuß gestanden, von hier aus war sie 3 aufs Bollwerk hinübergerudert; dann war sie auf demselben Wege zurückgekehrt, bleich und mit geröteten Augen, und ihre Lippen waren zusammengekniffen . . . und der Mond stand über dem Ravelin, und er tauchte seine silberlichte Scheibe in die kühle Flut des ruhigen Wassers.

›Kärrekärre-kärrekärrekiek!‹

Noch lange verfolgte mich das sonderbare Schilflied des eigentümlichen Vogels; ich hörte es noch, als mir schon längst die Stein- und Holzkreuze des Friedhofs winkten, die mit einer gewissen Wehmut über die geschorenen Liguster- und Hagedornhecken hinwegsahen. Der alte Spillbaum, der im Herbst sich mit roten Korallen schmückt, begrüßte mich beim Eintritt zuerst. Er war ein guter, lieber Freund aus den Tagen der Kindheit. Jenseit des Tores ruhten so viele, die ich gekannt hatte und die mir teuer gewesen, als sie noch unter den Lebenden weilten. Gleich zur Linken befand sich ein niedriger Hügel. Unter ihm schlummerte meine kleine Schwester, die sich stets fürchtete und ängstliche Augen machte, wenn sie an einer Stiefmütterchenrabatte vorbeikam. Ein Holunderstrauch hatte seine Scheindolden über das Grab gebreitet, und ein Rotbrüstchen saß in seinen Zweigen und dämmerte sein anspruchsloses Lied in den Abend hinein. – Liebeseelchen und Stiefmütterchen . . .! – Bewegten Herzens irrte ich weiter.

Ein windschiefes Holzkreuz ragte aus dem Rasen empor. Aus den verwaschenen Lettern entzifferte ich einen Namen, der mir bekannt war: Heinrich Hübbers. – Also hier 4 hatte der große Heinrich Hübbers seine letzte Ruhestätte gefunden?! – Sein alles umfassender Geist hatte es ihm möglich gemacht, dreien Herren während seiner irdischen Laufbahn zu dienen. Tagsüber zog er den Pechdraht, während der Nacht tutete er die kleine Stadt in Sicherheit, und an Sonn- und Feiertagen führte er seine mächtige Otterfellmütze und den blauen, fünfundzwanzigpfündigen Leibrock spazieren. Bei dieser Gelegenheit trug er zudem einen prächtigen Krückstock, über dessen Herkunft kein Zweifel obwalten konnte. Zwinge und Schnepper, die etliche Zoll unter dem Messinggriff hervorsahen, kündeten zur Genüge seine einstmalige Bestimmung an; er war der gewichtige Träger eines Regenschirmes gewesen. Mit diesem Spazierstock ging er auf die Jagd und schoß mir nichts dir nichts Dohlen und Krähen vom Nest – wenigstens stellte er uns Jungens gegenüber diese Behauptung auf, und wir glaubten es ihm, denn wenn er so dastand, das linke Auge zukniff, zielte und mit dem Schnepper knallte, dann wurden auch die leisesten Bedenken zu Boden geschlagen. Selbstverständlich kam nie eine Krähe herunter. Entweder sie war direkt ins Nest gefallen, oder sie hatte sich im Gezweige verhäkelt – aber wir glaubten, denn Heinrich Hübbers hatte gesprochen. Jetzt schießt er Krähen und Hasen auf der überirdischen Flur, denn das ewige Licht leuchtet ihm.

Requiescat in pace sancta! – Neben ihm ruhte Jakob Verhage, der Achtzigjährige aus dem Altmännerhaus, wo er die letzten Jahre hinter Fuchsien- und Geranienstöcken 5 verbracht hatte. Der Mann war vogelsprachkundig wie Salomo gewesen. Er wußte genau, was die Drossel sang und die Elster geckerte, wenn sie aufbäumte und den schillernden Schwanz rechtwinklig emporstelzte; er kannte die feinen Stimmchen der Goldhähnchen, die eigentümliche Knarre des Wachtelkönigs, den leierartigen Singsang des Rotkehlchens, dem er stundenlang zuhören konnte, wenn draußen der Wind pfiff und die Schneekristalle um das Fensterkreuz seiner bläulich gekalkten Stube ihren Ringelreihen tanzten. Aber auch mit den Nagern lebte er auf freundschaftlichem Fuße. Fette, braunrot- und schwarzgefleckte Meerschweinchen durchhuschten das Zimmer, quieksten und murksten, und weiße Mäuse trieben ihr artiges Spiel zwischen den Fuchsien- und Geranientöpfen. Wie er inmitten seiner Tiere gelebt hatte, so war er auch inmitten seiner Tiere gestorben. Eines frühen Morgens fanden die Altmännerleute ihren betagten Genossen ruhig im Lehnstuhl sitzen. Das Haupt des grobknochigen Mannes war nach vorwärts geneigt; sein Lederkäppchen hielt er zwischen den gefalteten Händen, genau als spräche er sein Frühgebet, denn die Morgenglocke hallte just in diesem Augenblicke von Sankt Nikolai herüber. Aber die sieben Meerschweinchen hatten schweigend einen Kreis um ihn gebildet. Das Keckste von ihnen stand mit seinen Vorderpfötchen auf den Filzpantoffeln des einsamen Mannes und blinzelte in das stille Gesicht seines Wohltäters, als ob es sagen wollte: Na, Jakob Verhage, wo bleiben die Mohrrüben und die saftigen Kohlblätter? – aber Jakob Verhage 6 weilte nicht mehr unter seinen Meerschweinchen und Mäusen, unter seinen Distelfinken und Rotkehlchen; das herbe Leid, das ihm sein einziger Sohn angetan hatte, als er sich weigerte, Geistlicher oder, wie die Leute dort sagen, ›Heerohme‹ zu werden, hatte genügt, ihm das Herz abzustoßen. – »Er ist ›RIPS‹, sagte der Pförtner des Altmännerhauses, und drei Tage nach diesem Geschehnis wurde Jakob Verhage begraben.

Ich näherte mich dem Kalvarienberge. Zur Linken hob sich ein schlanker Lilienschaft von einem wohlgepflegten Grabhügel. Die anspruchslose Ruhestätte war mit einem schmalen Kranze von Nelken und Sommerlevkojen umfriedet. An ihrem Kopfende befand sich ein niedriges, gußeisernes Kreuz, dessen Mittelschild von ungeschickter Hand bemalt und beschrieben war. Als ich mich niederbeugte, durchfuhr mich derselbe körperliche Schmerz wie vorhin, und es war mir, als zitterten von weither die Klänge der Schilfdrossel über die Gräber und die Grashalme der friedlichen Stätte . . .

Ich wollte die Ruhe nicht stören; gesenkten Hauptes schritt ich der Stadt zu. Eine sonntägliche Feier lag über der niederrheinischen Landschaft gebreitet. Rechts und links von der breiten Heerstraße weideten etliche buntscheckige Kühe in den saftigen Wiesen oder ruhten wiederkäuend im Grase. Das eintönige Blütenmeer des Wiesenschaumkrautes hatte eine weißliche Kobaltbläue über die Niederung gesponnen, die, allmählich in ein zartes Silbergrau übergehend, sich hinter den gekappten Weidenstämmen verlor.

7 Rings war abendliche Stille. Der Wind hatte sich gelegt, nur die Pappelblätter waren in steter Bewegung. Bald zeigten sie ihre lichte, bald ihre dunkle Seite und quirlten dabei wie in nervöser Unruhe um die Achse ihrer langen Stiele, wobei ein Lispeln entstand wie das ständige Geplauder eines Rinnsals mit steinigem Untergrund.

Ich hatte mich inzwischen dem Tore genähert. – Etliche Mädchen und Burschen schritten lachend vorüber; sie grüßten, aber ich kannte sie nicht mehr. Jetzt gewahrte ich eine kleine Gestalt, die behäbigen Ganges mir entgegenkam. Um ein verhutzeltes Männchen schlug ein altmodischer, brauner Überrock seine langen Falten. Die kurzen Beine waren in großkarrierte Hosen gesteckt, und auf dem Kopfe trug er einen anscheinend nicht passenden Zylinder, denn ich bemerkte deutlich, wie der Hut bei jedem Schritt ziemlich bedenklichen Schwankungen unterworfen war. Trotz des prächtigen Wetters war der Alte mit einem unförmlichen, baumwollenen Paraplü versehen, dessen brennendes Zinnoberrot wie ein disharmonierender Farbenklex in die sanften Töne der feinabgestimmten Landschaft hineinknallte. In das friedliche Gesicht hatte er eine lange Pfeife mit Troddeln gesteckt, aus deren Porzellankopf und Pfefferrohr er blaue Wölkchen in den Abendhimmel hinausblies.

Inzwischen waren wir näher gekommen. Still und selbstbewußt ruhte das glattrasierte Gesicht des Paraplümännchens zwischen den niedrigen Vatermördern. Noch einmal paffte er zierliche Ringel in die ruhige Luft, spuckte 8 in vollendeter Weise aus seinem linken Mundwinkel zur Seite und blieb dann stehen.

Ein unbestimmtes Etwas hielt uns gegenseitig gefesselt. Irgendwo war mir dieser Mann schon begegnet. Dieser gutmütige Ausdruck, diese wasserblauen Augen, dieses eigenartige Kringel- und Ringelblasen und das haarscharfe Spucken . . . natürlich – er war es!

»Pittje Pittjewitt . . .!«

»Jesses, Maria!« stieß das kleine Männchen heraus und reichte mir seine verwitterte Hand hin. »Gottdomie! – Jupp . . .?!«

»Bin ich noch immer,« lachte ich herzlich und schlug in die dargebotene Rechte.

»Dreißig Jahre – und Ihr seid ein Schreibersmann geworden?«

»Bin ich.«

»Na – und?!«

»Ja, Pittjewitt – nun bin ich hergekommen, um einen neuen Roman auszugraben, und Ihr sollt die Hauptrolle drin spielen.«

»Verflucht noch mal,« meinte Pittje, wobei er seinen Zylinder, der sich wie ein Zuckerhut nach oben verjüngte, gravitätisch vom Kopf zog und sich alsdann wieder bedeckelte, »verflucht noch mal, das wird 'ne feine Geschichte. – Und die anderen Spieler?«

»Alles Bekannte, Pittjewitt. – Jakob Verhage, der lange Dores, Hübbers, der junge Heerohme, der lateinische Heinrich – und die da bei dem Kalvarienberg, Pittje.«

9 »Hannecke Mesdag,« ergänzte Pittjewitt mit umflorter Stimme, wobei er wiederum, gleichsam um das Andenken der Verstorbenen zu ehren, mit einer unbeschreiblichen Feierlichkeit den Zuckerhut lüftete und dann wieder aufsetzte.

»Ja, Pittje,« warf ich leichthin dazwischen, »und da hab' ich mir denn gedacht, daß Ihr sozusagen Mitarbeiter an der Geschichte werden sollt und mir Aufschlüsse über gewisse Begebenheiten macht, die ich selbst in damaliger Zeit, als sie passierten, nicht wußte und auch nicht wissen konnte – mit anderen Worten: Ihr knotet die Fadenenden zusammen, die zusammen gehören, und über die ganze Geschichte streiche ich dann selber den poetischen Firnis.«

»Verflucht noch mal,« meinte der Alte und kniff dabei nachdenklich die Augen zusammen. »Kann ich,« fügte er nach einer Weile hinzu und schlug zur Bekräftigung dessen so selbstbewußt auf seine linke Brusttasche, als ob sich dort das Manuskript des von mir geplanten Romans schon längst fix und fertig vorfände. »Kann ich . . .« bekräftigte Pittje noch einmal und gab mir durch eine gravitätische Handbewegung zu verstehen, daß ich in seinem Hause ein willkommener Gast sei.

Pittje Pittjewitt, der baumwollene Regenschirm, dessen Knallrot im werdenden Abend noch nichts an seiner Leuchtkraft verloren hatte, der altmodische Zylinder und ich hielten nunmehr unseren Einzug in das niederrheinische Städtchen. – Vor ihren Hausschwellen saßen schon die 10 Leute auf hochlehnigen Binsenstühlen, um die wohlige Kühle einzuatmen, die von den nahen und taufrischen Weiden herüberwehte. – Um die spanischen Giebel der engen Straßenzeilen begannen schon die Dämmer zu weben. In vereinzelten Kramläden wurden die Lichter angezündet. Die alte Linde auf dem Marktplatz schien sich langsam und ganz behaglich auf das Einschlafen vorzubereiten. Ihr eigener Duft mußte sie betäuben, denn sie war über und über mit Blüten verschneit, die durch ihre Isabellfärbung den Anschein erweckten, als wären um die Zweige des stattlichen Baumes die feinsten Brabanter Spitzen geklöppelt. Trotz der vorgerückten Stunde tönte noch ein leises Bienengesumme aus den blühenden Ästen.

Als wir die Linde passierten, stieß mich Pittje Pittjewitt mit der Hornspitze seines Pfeifenrohres wiederholt in die Seite.

»S–t!« machte der Alte.

Wir blieben stehen. – Auf der Steinbank, die im weiten Kreise die Linde einhegte, saß eine Gestalt, die etwas Unheimliches an sich hatte. Ganz in Schwarz gekleidet, den hageren Oberkörper vorwärts geneigt, ließ sie ihre langen Arme wie leblos zwischen den Knieen zu Boden hängen.

»So sitzt der jeden Abend,‹‹ meinte Pittje Pittjewitt.

»Wer ist es denn?«

»Der Heerohme.«

»Der junge Verhage?«

11 »Ja. – Er war mal jung, jetzt hat er die Fünfziger überschritten.«

Mir war's, als würde eine schrille Saite angeschlagen. Sie tönte wie aus fernen Zeiten herüber.

»Und jetzt?«

Pittje Pittjewitt sah mich mit großen Augen an, rückte den Zylinder durch eine geschickte Bewegung des Kopfes bis in die Höhe der linken Ohrmuschel, so daß das lange Gehäuse sich bedenklich zur Seite neigte, und führte die Pfeifenspitze ganz bedächtig an die nun freigelegte Stirne. Hier zog er etliche konzentrische Kreise. »Versimpelt, total versimpelt,« meinte Pittje Pittjewitt.

Eine Pause entstand; in Erinnerungen verloren, sah ich bewegten Herzens auf den einsamen Mann, dessen umnachteter Geist, fern der Außenwelt und ihren Eindrücken stehend, nur noch ein Traumleben führte. Jetzt hob er den Kopf. Ein schmalrandiger Filz saß auf dem graugesprenkelten Haar. Die Blicke hatten einen wirren, verwehten Ausdruck. Um den Mund huschte ein groteskes Mienenspiel, das die ganze Trostlosigkeit seiner geistigen Verfassung offenbarte.

»Heerohme!« sagte Pittje Pittjewitt.

Über die Züge des Angeredeten lief ein breites Grinsen. Langsam erhob er sich, vergrub beide Hände tief in die Hosentaschen und gab deutlich zu verstehen, daß er nicht behelligt sein wollte. Ohne sich weiter an uns zu stören, stakelte er mit seinen langen Beinen und Holzschuhen durch die friedliche Stille des Marktes. Noch einmal wandte 12 er sich und fixierte mich mit stechenden Blicken. Ob er mich erkannt haben mochte?!

»Jetzt genehmigt er sich einen Korn in der Destille von Hendrik Pastores,« konstatierte Pittje Pittjewitt, »aber er ist ungefährlich,« fügte er ergänzend hinzu.

»Wer kümmert sich um den Ärmsten?« fragte ich teilnehmend.

»Die Gemeinde.«

»Und wo hat er Unterkunft gefunden?«

»Im Altmännerhaus. Er bewohnt dieselbe Stube wie sein seliger Vater Jakob Verhage.«

»Und sein Leben ist trostlos?«

»Trostlos,« versetzte Pittje Pittjewitt, zog ein silbernes Uhrgehäuse, das einer stattlichen Wasserrübe nicht unähnlich war, aus seiner rotgepunkteten Weste, drückte mit dem Daumen auf einen unscheinbaren Knopf und entlockte der silbernen Knolle ein mehrmaliges Tinken.

»Neun,« sagte Pittje Pittjewitt. In demselben Augenblick wurde seine Angabe vom Rathausturm bestätigt. In langen Pausen zitterten die einzelnen Schläge über die Linde und die eigenartigen Giebel, die jetzt nur noch in fahlbläulichen Schattenrissen den breiten Marktplatz begrenzten. Vereinzelte Lichtflecke standen auf den Häusersilhouetten.

»Neun Uhr,« wiederholte Pittje Pittjewitt. »Kommen wir.«

Wir gingen. – In der Kesselstraße, in die wir jetzt einbogen, schienen im Laufe der Jahre keine einschneidenden 13 Umwälzungen vor sich gegangen zu sein. Wie früher so wuchs auch heute noch das kurzhalmige Gras zwischen den Pflastersteinen, die sauber geputzten Messingknöpfe der Türen glänzten wie sonst, genau wie früher standen die gehäkelten Fenstervorsetzer hinter den Scheiben, und ab und zu tönte die gedämpfte Rolle eines Kanarienvogels durch die verschlafene Stille – und hier der niedrige, lachsfarbig gekalkte Giebel mit den hellgrünen Läden, dem viereckigen Rutenfenster über der Tür und den Barbierbecken von Messing . . .! – Wir sind bei Pittje Pittjewitt. –

Alles wie früher!

Es war so recht behaglich im Zimmer. Zwei Kerzen in Metalleuchtern standen auf der weißgescheuerten Lindenplatte des runden Tisches und warfen Licht und Schatten auf die mit Sand bestreuten Dielen des einfachen Raumes. Zwei lange Tonpfeifen hatte Pittje dem Eckbrett entnommen und sie mit dem feinsten holländer Krülltabak ›Admiral de Ruiter‹ gestopft. Flackernde Holzspäne setzten den Tabak in Brand – und nachdem wir's uns recht bequem in den breiten Strohsesseln gemacht hatten, nachdem die ersten blauen Wölkchen gegen die Decke geblasen waren, wurde die große Heerschau abgehalten.

Längstverhallte Töne begannen wieder leise zu klingen; verschwommene nebelhafte Gestalten nahmen die alte Fassung und Form an, durch die Wirrnis der Jugendzeit wurden neue Wege gebahnt und geebnet, so daß ich allmählich 14 Einblick gewann in seltsame Begebenheiten und Menschenschicksale, die ich vor dreißig Jahren zum großen Teil miterlebt hatte, für deren Lösung mir aber damals das Verständnis noch fehlte. Pittje Pittjewitt wußte geschickt zu erzählen. Alles stand mir in lebhaften Farben klar und deutlich vor Augen. Die schöne Mär von der dürren Jerichorose wurde hier in die Tat übersetzt. Die alte Zeit, die ich vor Jahren durchlebte, ähnelte dieser geheimnisvollen Blume. Sie blühte schöner denn je, und ihr wohliger Duft regte die Phantasie an, durch deren Kraft ich in die Lage versetzt wurde, die nachstehenden Blätter später niederzuschreiben. –

Pittje Pittjewitt hatte sich gerade eine zweite Tonpfeife angebrannt und die ersten Kringel über die weiße Tischplatte geblasen, als es von draußen mit scharfem Knöchel gegen die Scheiben klopfte. Unwillkürlich schreckten wir beide zusammen.

»Gottdomie!« sagte Pittje Pittjewitt. Er wollte noch weiter reden und fluchen, aber ein schauerliches Gelächter, das vor dem Fensterrahmen ertönte und sich unliebsam in unsere Behaglichkeit hineindrängte, ließ ihn jählings verstummen. Wir wandten uns gleichzeitig um und sahen ein bleiches, verzerrtes Gesicht hinter den Scheiben, das aber plötzlich verschwand.

»Der Heerohme!« rief Pittje Pittjewitt und fuhr aus seinem Sessel empor. Gleichzeitig torkelte der erbarmungswerte Mensch mit seinen großen Holzschuhen ins Zimmer.

»Aber, Heerohme . . .!«

15 »Was, Heerohme . . .?!« schrie Wilm Verhage und schlug dabei auf die Platte des Tisches, daß das ›Admiral de Ruiter‹-Päckchen lustig emporsprang. »Was, Heerohme . . .?! – Hannecke Mesdag ist tot – Grades Mesdag ist tot – und hier steht der gewesene Cölibatär, dem sie . . .«

»Heerohme, das sind alte Geschichten!« suchte Pittje Pittjewitt den späten Eindringling zu begütigen.

»Was, alte Geschichten?!« wiederholte der Irre. »In dieser Nacht hat sich der weiße Kelch aufgetan – und wenn die Lilien blühen, dann wird auch Hannecke Mesdag wieder lebendig . . .! – Und Hendrik Pastores hat mir gesagt, daß Jupp in der Stadt sei – und Jupp kann schreiben und soll alles niederlegen, wie die Sache gekommen ist, und wie sie mir den Schädel eingeschlagen haben. – Die Geschichte muß klar gestellt werden, sonst hole der Teufel . . .«

»Das soll sie auch.« Ich war aufgestanden und hatte die Hand von Wilm Verhage ergriffen. Aber der Heerohme entzog sie mir. Er kannte mich nicht.

»Niederlegen soll er die ganze Passion von Hannecke Mesdag und mir,« verlangte er noch einmal mit erhobener Stimme, dann wandte er sich an meinen Nachbar: »Pittje, 'nen Schiedam.«

»Morgen,« erwiderte Pittje Pittjewitt.

»Gut,« versetzte der Heerohme mit stoischem Gleichmut, vergrub die Hände wieder tief in sein Hosenwerk und ging.

Pittje Pittjewitt und ich saßen noch lange zusammen. 16 Die Kerzen waren längst niedergebrannt, als wir schieden. – – –

Anderen Tags trat ich die Heimreise an. Im Eilwagen ging es der zwei Stunden entfernten Bahnstation zu. In der Ebene standen die Roggen- und Weizenfelder in Blüte. Über die resedagrünen Halme wallte und zog der Ährenrauch. Etliche blaue Libellen blitzten durch die Luft, und die Goldammer saß am Straßenrain und schrillerte ihre anspruchslose Strophe unverdrossen in den Junimorgen hinaus.

Noch einmal wandte ich mich. – Die ziegelroten Dächer der kleinen Stadt standen wie leuchtende Punkte am tiefen Horizont. Hinter den Pappelreihen sank der Schieferhelm der Sankt Nikolaikirche immer tiefer und tiefer; jetzt war er verschwunden. – Aber durch die ruhige Luft setzten die Schwalben in zierlichen Kreisen und Wenden. Ihr Gezwitscher und Singsang verfolgte mich, und es klang mir wie mit geheimnisvollen und seligen Stimmen: »Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit . . .!«

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