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Karlchen Krake

Manfred Kyber: Karlchen Krake - Kapitel 1
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titleKarlchen Krake
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Manfred Kyber

Karlchen Krake

Im mittelländischen Meer, in einem Felsenloch nahe der Küste, lebte der Tintenfisch Karlchen Krake. Karlchen Krake hatte Augen wie Operngläser, einen sehr bedeutenden Mund und acht Fangarme mit Saugnäpfen, die sich wie Schlangen ringelten und nach Beute suchten. Karlchen Krake war weißgrau, wurde jedoch, wenn er sich ärgerte, abwechselnd braun, rot und gelb und bekam zudem eine Anzahl Warzen auf der Haut. Wenn man das alles bedenkt, muß man sagen: Karlchen Krake war unappetitlich. Karlchen Krake sammelte mit seinen Saugnäpfen kleine Steine und baute sich einen Krater, einen Krakenkrater. In diesen Krakenkrater setzte sich Karlchen Krake und lauerte in einer sehr unsympathischen Weise. Im Felsenloch gegenüber wohnte der Schwamm Isidor Schluckigel. »Karlchen«, sagte Isidor Schluckigel, »Karlchen Krake, mit Ihnen wird es noch einmal ein schlechtes Ende nehmen. Sie lauern den ganzen Tag mit Ihren Opernglasaugen auf Beute und können nie genug kriegen. Besonders scheußlich finde ich es, daß Sie dabei alles, was Sie so verspeisen, mit der Tinte aus Ihrem unangenehmen Tintenbeutel verdunkeln. Nachher sitzen Sie da und tun, als hätten Sie nichts gegessen, und es weiß niemand, was Sie inzwischen alles verschluckt haben. Das ist nicht anständig, Karlchen Krake.«

Karlchen Krake ärgerte sich, wurde braun, rot und gelb und bekam lauter Warzen auf seiner Haut.

»Regen Sie sich nicht auf, Karlchen Krake«, sagte Isidor Schluckigel, »es schadet Ihrem Teint, und Sie bekommen lauter Warzen auf der Haut, wodurch Sie nicht einnehmender wirken. Sie essen auch viel zu große Portionen. Sie haben acht Fangarme mit acht Saugnäpfen. Ich würde nichts sagen, wenn es einer wäre. So essen Sie achtmal zu Mittag, wenn ein anderer einmal zu Mittag ißt. Das kann Ihnen nicht bekommen, Karlchen Krake. Das ist eine übertriebene Nahrungsaufnahme. Ich kannte einen Aal, der war auch so gefräßig, und er hat sich schließlich im Versehen selber angefressen. Dieser Aal sah so ähnlich aus wie einer Ihrer Fangarme, und Sie sind gleichsam achtmal das, was dieser Aal war. Überlegen Sie sich das einmal, Karlchen Krake!«

»Dieser Aal geht mich gar nichts an«, sagte Karlchen Krake.

»Dieser Aal hieß Longinus Schlüpferig«, sagte Isidor Schluckigel, »und er mußte eine Kur brauchen, bis das wieder nachwuchs, was er von sich selbst aufgefressen hatte.«

»Es ist mir einerlei, wie dieser Aal hieß«, sagte Karlchen Krake.

»Sie haben eben keinen historischen Sinn, Karlchen Krake«, sagte Isidor Schluckigel, »es ist an sich gewiß nicht wichtig, wie dieser Aal hieß, aber er hieß Longinus Schlüpferig, meine chronikale Genauigkeit verlangt es, das festzustellen.«

»Sie sollten lieber den Mund halten«, sagte Karlchen Krake, »ein Geschöpf, das festgewachsen ist und das noch nicht einmal weiß, ob es Tier oder Pflanze sein soll!«

»Das ist wahr«, sagte Isidor Schluckigel ruhig, »ich überlege es mir eben noch, wie ich mich am besten weiterentwickele. Ich habe Zeit, und ich will vorläufig die Beziehungen nach keiner Seite hin abbrechen. Wenn man festgewachsen ist, ist man auch nicht so gefräßig wie Sie, man wartet alles behäbig ab und läßt die Ereignisse in einer chronikalen Folge an sich vorüberziehen. Das ist sehr bildend, und Sie sollten sich ein Beispiel daran nehmen, Karlchen Krake.«

Durchs blaue Wasser kam mit eleganten Ruderschlägen die Sardelle Flora Flossenfroh, im bräunlich-blauen Kleide und weiß eingelegter Vorderseite und mit golden glänzenden Schuppen am Kopf, eine unleugbar hübsche Person. Karlchen Krakes Opernglasaugen wurden noch größer, als sie schon waren, und seine Fangarme regten sich appetitvoll.

Flora Flossenfroh wandte sich an Isidor Schluckigel.

»Ach, bitte, können Sie mir nicht sagen, wie komme ich hier am besten nach dem Atlantischen Ozean?«

»Kommen Sie in meine Arme, Fräulein!« sagte Karlchen Krake und breitete verbindlich sein unappetitliches Geringel aus. Dabei winkte er mit seinen Saugnäpfen und tropfte Tinte aus seinem Tintenbeutel. Es sah scheußlich aus.

»Pfui, wer ist denn das?« fragte Flora Flossenfroh und rümpfte die Kiemen.

»Das ist Karlchen Krake«, sagte Isidor Schluckigel, »wenn Sie zu Karlchen Krake gehen, kommen Sie in die Tinte und nicht in den Atlantischen Ozean.«

Dann sah er die junge Sardelle durchdringend aus allen seinen Poren an.

»Flora«, sagte er, »Flora Flossenfroh, warum wollen Sie in den Atlantischen Ozean? Dazu sind Sie viel zu klein. Bleiben Sie in Ihren heimischen Familienschwärmen!«

»Ein junges Mädchen muß sich heute emanzipieren«, sagte die Sardelle schnippisch, »es muß frei und selbständig werden, und außerdem leide ich an der großen Sehsucht nach dem Weltmeer, nach dem Unendlichen…«

»Nach was für einem Essen haben Sie Sehnsucht?« fragte Karlchen Krake.

»Wenn Sie schon durchaus in die Unendlichkeit wollen«, sagte Isidor Schluckigel, »so bewahren Sie sich wenigstens wie ich einen gewissen chronikalen Sinn für Ihre Erlebnisse! Nach dem Atlantischen Ozean schwimmen Sie immer geradeaus und dann die erste Querstraße rechts, die Straße von Gibraltar, und dann wieder geradeaus durch die Säulen des Herkules. Schwimmen Sie glücklich, Flora Flossenfroh!«

Die Sardelle bedankte sich und entschwamm.

Karlchen Krake sah ihr mit Opernglasaugen nach: Aber schon hatte etwas Neues seine Aufmerksamkeit erregt. Ein Taschenkrebs kroch langsam näher, er ging seitwärts, und auf seinem Rücken hatten sich Algen und allerlei Pflanzen angesiedelt. Es war dies eine Art von Gemüsegarten, und der Taschenkrebs griff dazwischen rückwärts mit seiner Schere in diesen Garten und stärkte sich bei der Wanderung. Als der Herr mit dem Gemüsegarten Karlchen Krake sah, machte er bedenkliche Stielaugen.

»Pfui, wer ist denn das?« fragte er, und die Stielaugen wuchsen ihm förmlich aus der Kruste seines Kopfes.

»Das ist Karlchen Krake«, sagte Isidor Schluckigel mit chronikaler Genauigkeit.

Aber Karlchen Krake hatte diesmal nicht gewartet. Mit scheußlicher Geschwindigkeit schossen seine Fangarme aus dem Krakenkrater auf den Herrn, der seitwärts pilgerte und seinen Gemüsegarten bei sich trug. Doch Karlchen Krake war allzu gierig gewesen, er vergriff sich und erwischte nur eine Alge, die ihm abscheulich schmeckte. Der Taschenkrebs verkroch sich unter einen Stein.

»Wie gut«, sagte der Taschenkrebs, »wenn man einen Gemüsegarten auf dem Rücken trägt! Dann kriegen die Leute nur die Gemüse, wenn sie einen rupfen wollen.«

»Mir scheint, dies ist so etwas wie eine Lebensweisheit«, sagte Isidor Schluckigel.

Karlchen Krake wurde braun, rot und gelb und bekam Warzen auf der Haut vor lauter Ärger.

»Ach, bitte«, sagte die Sardelle, die wieder angekommen war, »ach, bitte, können Sie mir nicht sagen, wie hieß die Straße, wo ich am besten nach dem Atlantischen Ozean…?«

»Flora«, sagte Isidor Schluckigel, »Flora Flossenfroh, die Straße heißt die Straße von Gibraltar, Gi-bral-tar, aber ich verstehe nicht, wie Sie sich emanzipieren wollen, wenn Sie nicht einmal eine Straße behalten können.«

Die Sardelle bedankte sich und entschwamm; aber schon nach wenigen Flossenschlägen stieß sie beinahe mit einer Flunder zusammen. Die Flunder war ganz flach, und ihre Augen waren beide auf der rechten Seite, das linke war einfach nach rechts gerutscht, weil ihr das so bequemer war. Vielleicht war es auch eine Übungssache. Karlchen Krake war begeistert. Dies Mittagessen endlich schien ihm gewiß zu sein; er hüpfte in seinem Krakenkrater auf und ab und schoß mit den Fangarmen nach allen Seiten.

»Pfui«, sagte die Flunder, »wer ist denn das?« Und dabei verzog sie den Mund, der an sich schon schief war. »Das ist Karlchen Krake«, sagte Isidor Schluckigel mit chronikaler Genauigkeit.

»Mich kriegt man nicht so leicht«, sagte die Flunder, »bei mir heißt es: Augen rechts und so flach wie möglich! So kommt man überall durch.« Und schon entschwand sie.

»Mir scheint, dies ist so etwas wie eine Lebensweisheit«, sagte Isidor Schluckigel.

»Lebensweisheiten kann ich nicht essen«, sagte Karlchen Krake, verfärbte sich mehrfach und bekam wieder Warzen auf der Haut.

»Regen Sie sich nicht auf, Karlchen Krake«, sagte Isidor Schluckigel, »ich habe es Ihnen schon einmal gesagt, daß es Ihrem Teint schadet.«

»Ach, bitte«, sagte die Sardelle, die wieder angekommen war, »ach, bitte, können Sie mir nicht sagen, wie hieß der Herr, durch dessen Säulen ich, wie Sie sagten, nach dem Atlantischen Ozean…?«

»Flora«, sagte Isidor Schluckigel, »Flora Flossenfroh, wie wollen Sie denn in die Unendlichkeit kommen, wenn Sie nicht einmal die Säulen des Herkules behalten können? Her-ku-les. Es ist auch kein Herr, denn er ist schon lange tot – und mit diesen mangelhaften Kenntnissen wollen Sie sich emanzipieren!«

Die Sardelle bedankte sich und entschwamm.

Durchs Wasser aber sauste mit einer geradezu wahnsinnigen Geschwindigkeit eine Seenadel, und Karlchen Krake vergaß alles Lauern und stürzte sich mit Saugnäpfen, Opernglasaugen und Tintenbeutel aus dem Krakenkrater heraus, um die Seenadel zu fressen. Aber so sehr er auch mit den unappetitlichen Fangarmen schlingerte, so sehr er die Opernglasaugen nach allen Seiten wandte und Tinte aus seinem Tintenbeutel spritzte – die Seenadel war nicht zu erreichen.

»Diese Person«, sagte Isidor Schluckigel, »diese Person leidet an Störungen; ich habe das schon des öfteren mit chronikaler Genauigkeit festgestellt. Es überkommt sie plötzlich der Wahn, das Meer sei zerrissen und sie müsse es nähen, sonst ginge alles aus den Fugen. Es ist dies ein spezifisch akademischer Wahn, aus der eigenen sonderbaren Beschaffenheit auf die Beschaffenheit der Welt zu schließen. Es ist sonst eine harmlose Person.«

»Was nützt das mir, daß es ein akademischer Wahn ist«, schrie Karlchen Krake voller Warzen, »für mich sind solche Leute ungenießbar.«

»Für andre auch«, sagte Isidor Schluckigel.

»Ach, bitte«, sagte die Sardelle, die schon wieder angekommen war, »ach, bitte, können Sie mir nicht sagen, komme ich so, wie Sie sagten, auch bestimmt nach dem Atlantischen Ozean?«

Der Schwamm sperrte alle Poren auf.

»Flora«, sagte er, »Flora Flossenfroh, wenn Sie immer wiederkommen, werden Sie niemals den Atlantischen Ozean erreichen, und wenn ich Ihnen etwas sage, dann ist es richtig, denn ich bin für die chronikale Genauigkeit. Schwimmen Sie ab, Flora Flossenfroh!«

Die Sardelle bedankte sich und entschwamm.

Isidor Schluckigel aber hatte genug von allen chronikalen Ereignissen. Er schloß die Poren und schlief ein. Unterdessen begab sich mit Karlchen Krake etwas Scheußliches. Karlchen Krake wurde braun, rot und gelb, Karlchen Krake bekam Warzen auf der Haut vor lauter Wut, daß ihm jedes Mittagessen entschlüpft war, und Karlchen Krake entleerte seinen Tintenbeutel bis auf den letzten Rest. Und in der eigenen Tinte fraß Karlchen Krake sich selbst auf. Er schmeckte sich selbst ausgezeichnet; nur ein unklares Gefühl überkam ihn, als ob da etwas nicht in Ordnung sei. Aber dann war es schon zu spät.

Als Isidor Schluckigel die Poren wieder öffnete, sah er, was geschehen war, und nahm es zur chronikalen Kenntnis.

»Karlchen«, sagte er, »Karlchen Krake, ich habe es Ihnen immer gesagt, es wird noch einmal ein schlechtes Ende mit Ihnen nehmen.« Dies war die Grabrede Isidor Schluckigels auf Karlchen Krake.

Flora Flossenfroh war inzwischen im Atlantischen Ozean gelandet. Nun war die Emanzipation der Frau vollzogen, nun war sie frei, groß und selbständig – eine Sardelle im Atlantischen Ozean! Das ist nicht viel – aber vielleicht war sie doch etwas mehr, wie sie, ein kleiner schimmernder Fisch, ins Abendgold des Weltmeeres schwamm. Sie hatte die Unendlichkeit gesucht und gefunden, und so war sie, so klein sie auch war, doch größer als die Flunder, als der Herr mit dem eigenen Gemüsegarten und die akademische Seenadel, und sicherlich größer als ein behäbiger Schwamm und als Karlchen Krake.








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