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Karin von Schweden

Wilhelm Jensen: Karin von Schweden - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
authorb8cd5fc8
titleKarin von Schweden
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
printrunDreißigste Auflage
year1913
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidb8cd5fc8
created20070520
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Erstes Capitel.

Das sind die Fälle von Trollhätta. – Sie rauschen seit tausend, tausend Jahren, ehe ein Ohr da war, sie zu vernehmen.

Weit über die Felsen sprühen sie ihren silbernen Staub, darauf die Sonnenlichter in freudigen Farben glänzen und gleißen. Drunten aber unter dem blendenden majestätischen Schleier wogen und wallen die stürzenden, stürmischen Wasser.

Das sind die Fälle von Trollhätta. Sie überrauschen Tage und Jahrhunderte. Der Knabe, der an ihnen spielt, wird zum Manne und sein Haar bleicht. Und wenn er zum letzten Male am Stabe zu ihnen hinaus wankt, sind sie wie am Tage, da er sie zum ersten Male sah, von Blumen umrandet wie der Frühling, und silberweiß wie der Winter. –

Es ist gut sitzen am Rande des Trollhätta für den, der etwas vergessen will, das die fallenden Wasser überhallen. Sie kommen daher wie die Schicksale der Menschen, friedlich, durchsichtig, und küssen die nickenden Gräser, die sich auf sie herabneigen. Dann ein kleiner Wirbel und ein schnelleres Rauschen, unmerklich, ahnungslos – doch die Stille, die Klarheit sind dahin und kehren nicht wieder. Geschwinder schießen sie fort – immer hastiger getrieben, unaufhaltsamer und unabwendbarer, dann plötzlich stürzen sie tosend in die verschlingende Tiefe hinab.

Als die ersten menschlichen Gestalten, mit der Feuerstein-Lanze das Rennthier verfolgend, durch die Wälder des Südens daher kamen, plattgesichtig mit weit vorspringenden Backenknochen, gelbbraunes Haar über der fahlen Stirn, den dünnen Bart am Kinn wie welkes Herbstgras niederhängend, und ein zottiges Fellstück um die Hüften – da begrüßte sie das Rauschen des Trollhätta. Waren es Jahre, waren es Jahrtausende, daß sie an seinen Wassern saßen? Sie schrieben keine Bücher, die Kunde davon geben, nur die Wellen des Trollhätta murmelten ihre Geschichte. Sie färbten sich roth von ihrem Blut, das die weißgesichtigen Eroberer vergossen, die auf plumpen Schiffen die Ostsee daher trug. Unaufhaltsam, fortwirbelnd drängten sich die Völker Europas wie die fallenden Wasser des Trollhätta. Da tönten die Lobgesänge Odin's an ihren Ufern, und seine Nachkommen, die auf die Erde herabgestiegen, herrschten über den Völkern der Gothen und der Schweden. Ynglinger hießen sie und nannten sich Könige von Upsala – Jahrhunderte kamen und gingen – wer ihre Kunde aus grauen Tagen vernehmen will, wie sie hinabgestürzt auf Nimmerwiederkehr in die Alles verschlingende Tiefe der Zeit, dem rauschen es die Wasser von Trollhätta.

Und wieder gebar der Süden eine neue, welterschütternde Bewegung aus seinem Schooß, und die Ostsee trug sie herüber. Bis in die Felsenöden des Schneehättan flog die Botschaft des Christenthums, und ein mächtiges Geschlecht, Folkungen genannt, stieg auf den schwedischen Thron. Weit dehnten sich die Grenzen des Reichs, doch mit ihnen wuchs das Begehren, die Habgier und die Herrschsucht, und die am höchsten gestiegen, stürzten zermalmt in die Tiefe hinab, wie die tosenden Wasser von Trollhätta.

Dann kamen sie zum ersten Mal über den schmalen Arm, der Schweden von Seeland scheidet, die Nachkommen der alten Normannen, die auf meerumspülten Inseln ihr Vikingerreich gegründet. Eine feste Hand hatte das kleine dänische Volk zusammengefaßt, daß es den Mächtigsten kühn entgegentrat, und das von Parteihader entnervte Schweden ward ihm zur leichten Beute. Wenige Meilen von den Fällen des Trollhätta fiel es bei Falköping in die Hand eines Weibes, und auf das Haupt der Enkelkinder Odin's legte Margaretha von Dänemark die übermüthige Siegerhand.

Dumpf und zornig rauschten die Wasser von Trollhätta. Wer an den grollenden Wogen saß, mußte es vernehmen, in brausendem Fall aus der Höhe rauschten sie den Uebermuth der Sieger: dumpfrollend hinabgestürzt in die Tiefe murrten sie die Schmach der Besiegten.

Hatte Karl Knutson ihnen gelauscht, als er das Schwert ergriff und die dänischen Eisenketten zerhieb?

Er vielleicht, doch die ihm folgten, nicht mehr. Eifersüchtig auf die Macht eines Einzelnen, duldeten die Großen des Landes den Königsnamen nicht mehr über sich. Wohl fiel in Wahrheit die Oberherrschaft an Sten Sture und ging über auf seinen Sohn und seinen Enkel, doch der eigenwillige Adel erkannte sie nur als »Reichsverweser« an und benutzte jeden Anlaß, die wirkliche Kraft derselben zu beeinträchtigen. Traurig rauschten die Wasser von Trollhätta, denn der Ruhm und die Größe Schwedens war Schein und Trug – über ihm lag der Schatten jener kalmarischen Union, die seine erste Besiegerin, Margaretha, erzwungen, kraft welcher die Könige von Dänemark zu Recht auch die Krone von Schweden und Norwegen trugen. Daß keiner ihrer Nachkommen stark genug gewesen, sich dieselbe in Wahrheit aufs Haupt zu drücken, mochte die kurzsichtigen Augen der schwedischen Großen betrügen – die Wasser des Trollhätta rauschten warnender, unheilverkündend, sie ließen sich nicht täuschen und wälzten mit donnerndem Mahnruf sich dem Enkel Margaretha's entgegen, als er mit dem Schwerte in der Hand an die Küste sprang, mit Gewalt die Krone der kalmarischen Union zu verwirklichen. Wohl jauchzten sie noch einmal auf, als Christiern der Zweite nach blutigem Kampfe bei Brännkyrka vor Sten Sture zurückfloh; doch er kehrte wieder und Sten Sture fiel; die feste, wohlthätige Hand, die zum Heile des Landes den widerspenstigen Willen seiner Großen gezügelt, lag blutlos im Staube, und lachend griff Christiern der Zweite nach der Krone, die der schwedische Adel ihm williger entgegentrug, als wenn einer aus seiner eigenen Mitte nach dem goldenen Reife gestrebt. In der Kirche zu Stockholm setzte er sich die Krone aufs Haupt; er nahm das Abendmahl auf den heiligen Eid, die Verfassung Schwedens zu wahren und keine Rache wegen des Vergangenen zu üben. Drei Novembertage lang herrschte festlicher Jubel in den Gassen von Stockholm; die Nacht ward zum Tage, denn auf dem königlichen Schlosse erloschen die Kerzen nicht, ehe die Sonne kam. Dort klangen die Becher des gesammten schwedischen Adels zum Preise des leutseligsten aller Könige, und lächelnd schritt Christiern der Zweite durch die freudetrunkene und weintaumelnde Menge, umarmte die Bischöfe, küßte die Reichsräthe und drückte dem Bürgermeister von Stockholm derb-treufest die Hand. Und dann schlug der König selbst fröhlich die Hände zusammen und sang ein lustiges Lied zu Ehren seiner lallenden Gäste. Nur die Wasser von Trollhätta rauschten düster, geheimnißvoll, und rissen das braune Laub, das der Herbstwind über sie rüttelte, wirbelnd in die Tiefe.

Viertehalb Jahrhunderte sind seit jenem Novembertag vergangen. – – –

Schön und lieblich war jener Novembertag des Jahres 1520. Die untergehende Sonne vergoldete die rothen Dächer des nordischen Neapels und spiegelte sich tiefroth auf der stillen Fläche des Mälarsees. Herbstfrieden des Nordens lag für den fernen Beschauer über Schwedens Hauptstadt; Herbststille auch, die seltsam gegen den lärmenden Jubel, der kurz zuvor noch auf Markt und Gassen geherrscht hatte, abstach.

Auch die mittleren Gegenden Schwedens sind noch heute für ihre räumliche Ausdehnung ein karg bevölkertes Land, doch bewohnt die fünffache Menschenzahl sie gegen damals. Die großen Seen und die Felsen sind geblieben; zwischen ihnen aber erstrecken sich jetzt viele Meilen fruchtbaren Ackerlandes, die in jener Zeit weite Oeden bildeten. Drei unabsehbare Wasserspiegel, der Mälar-, der Hjelmar- und der Wener-See, dehnen sich in gerader Richtung von Osten gegen Westen fast durch die ganze Breite des Reiches, zu denen etwas südlich sich die gewaltige Länge des Wettersees gesellt. Zwischen ihnen wechseln Thäler und Steinkuppen, melancholische Tannengebirge und freundliche Buchenwälder in der Tiefe. Und auf Allem, wie über den Dächern der Hauptstadt, lag die abendliche Novembersonne mild und friedlich, als künde sie den Mai, den Lenzmonat des Nordens, an, statt des Decembers. Auf den schweigsamen Wassern des Hjelmar-Sees, wie auf den geräuschlosen, langgestreckten Wellen des Mälar, die leise an die hohen Steintreppen des Schlosses zu Stockholm hinanspülten. Auf spitzen Dorf-Kirchthürmen und den burgartigen Zinnen einsam gelegener Schlösser des schwedischen Adels, die zwischen den glänzenden Wasserspiegeln aus herbstbraunem Laub aufragten. Weiter gen Westen auf der meeresweiten Fläche des Wenersees mit seinen unzähligen Inseln, aus dessen südlicher Spitze die breite Göta-Elf dem Kattegat zuströmt.

Dann kommen die Fälle von Trollhätta.

Auf dem Wenersee vernimmt der Schiffer in stiller Luft ihren warnenden Laut. In meilenweiter Ferne hört ihn der Hirt auf dem Felde; scheu schweift in hoher Luft der Zugvogel vor seinem Getöse seitab, das sich mit jedem Schritte, der näher hinanführt, verstärkt. Dann ist das Ohr betäubt und nur das Auge überschweift schauernd die weißschäumende Masse, die sich über jähen Felsbruch donnernd in die grausige Tiefe hinabwälzt. Nackte, steile Granitufer empfangen sie drunten, senkrecht aufsteigend, Mauern wie von Riesenhand errichtet, um die wilden, zügellosen Wasser in ihr Bett zurückzuzwingen. Nur hier und da wurzelt in den Steinplatten ein einzelner Baum und wiegt seine gen Westen geneigte Krone im Abendwind, dem Boten der scheidenden Sonne.

Ueber den Wenersee kam er in langsamen Intervallen, er strich über das braune Moos der Felsen zu Häupten des Katarakts, und wie er vorüberzog, der schwindenden Sonne nach, streifte er leise mit unsichtbarer Hand die letzten Blätter aus den Baumkronen und trug sie in spielendem Flug über den schrägen Abhang an den Rand des Absturzes hinab. Lustig flatterten sie über den einfarbigen Boden fort, eine Sekunde noch, und der feuchte Sprühregen des Trollhätta hatte sie gefaßt und schlang sie wirbelnd hinunter.

Eins nach dem andern, immer das nämliche Abendspiel, an dem die schwermüthige Natur sich in ihrer Einsamkeit zu belustigen schien, unbekümmert, ob Menschenaugen es beachteten oder nicht.

Da greift eine Hand nach einem der Blätter, das den andern nach vorüberfliegt. Es sind doch Menschenaugen da, die Alles sehen; zwei große, stille Augen.

Felsiger Grund, mit Moos und Haidekraut sparsam überzogen, dehnte sich aufwärts vom Rande des Trollhätta, hundert Fuß vielleicht bis zur kahlen Höhe, auf der drei von jenen Bäumen standen, die ihre laublosen Zweige gegen den blauen Horizont bewegten. Hin und wieder ragte ein Felsvorsprung wie eine Tischplatte oder wie ein künstlicher Gigantensitz aus dem Grund, und von einem derselben, unweit dem mittleren der Bäume, streckte sich die Hand in die Luft.

Die Hand war so schmal und ihre Finger so durchsichtig und fein, wie nur die Hände Freya's zu sein vermochten, wenn sie mit silbernem Zügel die goldmähnigen Rosse lenkten. Nun stach, wie aus weichem Marmor gestattet, der runde, erhobene Arm gleich den Bäumen vom Horizonte ab und strahlte weißes, freudiges Licht zurück.

War es Freya, die, herabgestiegen, um Odur zu suchen, auf dem alten Odinsteine saß? Die Dichter sangen von ihr, ihr Auge sei ewiger Frühling, Licht ihr Nacken und ihre Wangen. Und Licht war Alles, was von ihr ausging.

Goldenes Licht von dem Haar, das in der Mitte gescheitelt, wie sie da saß, bis auf den grauen Steingrund herabfiel. Die Abendsonne warf ihren letzten Schein darauf, daß man nicht unterschied, wo die goldenen Fäden des Haares endeten, wo die der Sonne begannen. Gegen die blaue Wölbung des Himmels war es, wie wenn dem Bergmann tief drunten im einförmig gewölbten Schacht aus mattem Gestein eine lichtfunkelnde Ader entgegenquillt – sein erster Gedanke ist nicht der Besitz, nicht der Werth, der in ihr verborgen liegt – träumerisch, wundersam bewegt steht er und blickt, von wortlosem Zauber gefaßt, auf das stille, süße Geheimniß der Natur. –

So saß sie da. wie ein stilles, süßes Geheimniß, das aus der Tiefe des Trollhätta emporgestiegen, um einen Augenblick die weiße Elfenstirn im rothverglühenden Abendstrahl zu baden. War sie feucht, war sie kalt dort unten geworden, daß sie noch einmal heraufkam, um den rosigen Schimmer des Lebens über ihre Wange fluthen zu lassen, ehe der lange Winter sie drunten im frostigen Gestein gebannt hielt?

Nein, es war noch ein Licht, das von ihr ausging, das dem widersprach. Mochte das Haar in der Tiefe zu flüssigem Golde werden, Arm und Stirn und Nacken zu glänzendem Alabaster erstarren; es gab keinen Edelstein in der Tiefe, aus dem die Zauberkraft der Natur solche Augen zu bilden vermochte. Die gehörten der Oberwelt, dem nordischen Himmel, der sein märchenhaftes Licht, seine Schwermuth und seine Heiterkeit, seinen namenlosen lachenden und traurigen Liebreiz in sie hineingelegt hatte.

Jede von allen seinen lieblichen Bewohnerinnen konnte sie sein. Gefione, die Göttin der Keuschheit, die Beschützerin der Jungfräulichkeit auf Erden. Hylla, die schöngelockte, und Gna, die auf dem Sonnenstrahl daherschwebt. Hlyn, die mit sanften Lippen die Thränen des Unglücks aufküßt. Siœna, die mit göttlicher Hand die süßesten Empfindungen des Herzens regt. Und Löbna konnte sie sein, vor deren Auge kein Haß und keine Zwietracht besteht. Wara, deren Blick jedes Geheimniß der Brust erspäht, und Synia, die schöne Wächterin des Himmels.

Doch von ihnen allen nahmen die Lippen der Dichter das Schönste und bildeten Freya daraus, die süßeste der Göttinnen Walhalla's. Ewigen Frühling ließen sie ihrem Auge entstrahlen, zauberischer vermochte der menschliche Gedanke nichts zu erfinden. Da legte das Schicksal den Schmerz um Odur's Tod zu dem ewigen Frühling in die Augen Freya's. –

Schön wie der Lenz und der Gram in den Augen der Huldin Walhalla's war das Mädchen auf dem Runenstein am Trollhätta. Nun stand es auf, und der Schatten seiner hohen Gestalt fiel auf die brausenden Wasser hinab. Ein langes Gewand von einfachem Stoff umschloß den jungen Leib vom halb entblößten Nacken bis zu den Füßen; fast wie die Tunica einer Griechin lag es gefältelt über der Brust, nur der Gürtel, der es unter ihr zusammenhielt, war kostbar und zierlich aus Gold- und Silberfäden gewirkt. Nach oben zog das schlichtfarbige Kleid sich in schmalen Streifen über die Schultern, und unter ihm fiel das weiße Untergewand von feinster Leinwand leicht gebauscht bis zur Hälfte des Oberarms herab.

Außer der einsamen, märchenhaften Erscheinung des Mädchens war ringsum, so weit das Auge sah, kein lebendes Wesen zu gewahren. Bewegung wohl, der Wind verstärkte sich und bog das Geäst der Bäume zurück, er strich durch das niedere Buschwerk, das seitab sich bis dicht an den in Wirbeln schießenden Fluß oberhalb der Fälle hinabzog. Aber man hörte weder das Brausen des Windes, noch das Knarren der Zweige; der Trollhätta verschlang jedes untergeordnete Geräusch in unermeßlichem, donnerndem Getöse.

Auch das Rauschen in dem dichten, gelben Laube jenes Buschwerks oberhalb des Sturzes verschlang er. Der Wind fuhr in Stößen darüber hin und durchrasselte die verdorrten Blätter, doch dann lag die breite Fläche derselben wieder still, und nur an einem Punkte setzte sich das Schwanken des Laubes fort und beruhigte sich nicht. Es war, als ob sich eine Zitterespe zwischen dem niedrigen Buchengestrüpp befinde; nur tauchte sie bald hier, bald dort auf, und es war eigenthümlich, daß der unruhige Punkt sich in schräger Linie über die Berghalde auf den Fluß zu bewegte.

Doch, wie gesagt, das schärfste Ohr hätte es nicht zu vernehmen, nur ein Auge, das aufmerksam darauf gehaftet, es zu sehen vermocht. Einen Augenblick schien es, als ob die junge Fee des Trollhätta es gethan. Sie hatte sich von der Sonne, die grade rothverglühend am Horizont niedersank, abgewandt und blickte rückwärts stromauf. Aber die feurige Kugel hatte ihre Sehkraft geblendet, und aufschauernd kam zugleich der Wind vom Wenersee herüber und rüttelte die braunen Blätter der Halde durcheinander.

Er brachte noch etwas mit sich, etwas wie das Blatt, nach dem sie vorher die Hand ausgestreckt. Doch es war kein Blatt, sondern ein anderer schöner Gast des Trollhätta, ein Kind der nordischen Gebirgseinsamkeit, über das die Natur in seiner Art ähnlichen Liebreiz ausgegossen, wie über das Mädchen. Sie hatte etwas von dem Apollo, dem einfach-schönen Falter mit den großen, leuchtenden Augen auf weißem Grunde – der Vergleich lag nahe, wie der seltene Schmetterling jetzt, irgendwo vom Winde aufgerafft und vergeblich gegen ihn ankämpfend, an ihr vorüber auf das Wasser zu gerissen wurde. Sie folgte ihm einen Moment mit den Augen; dann sprang sie in plötzlicher Regung wie ein leichtfüßiges Kind ihm nach, die Anhöhe hinunter.

Etwa fünfzig Schritte von ihr hob sich aus den verdorrten Blättern des Gebüsches, an der Stelle, wo in diesem Augenblick die Zitterespe zu stehen schien, ein Kopf empor und blickte verwundert auf die weiße Gestalt, die dem Falter nacheilend dahinflog. Dann wich die Verwunderung in den klugen, grauen Augen einem erschreckten Ausdruck, dem die kraftvollen Arme hastig zu gehorchen schienen, denn nun brach das Gestrüpp so heftig auseinander, daß man es trotz dem Lärmen des Trollhätta bis an den Fluß hinab vernahm.

Dennoch that das Mädchen es nicht, oder es gab nicht Acht darauf. All' ihr Trachten und Denken war dahin gerichtet, ihr schönes Abbild zu erreichen, eh' der Wind es unrettbar in den seinen Gischt, der schleierartig den brausenden Fall umwob, hinabgerissen. Manchmal griff sie mit der Hand nach dem taumelnden Falter, um ihn zu haschen; doch sie mochte wieder fürchten, ihn zu hart zu fassen, denn die feinen Finger waren ebenso unentschlossen und ungeschickt, wie die Füße gewandt und sicher über die abschüssige Neigung der Berglehne hinunterglitten. Zwar gefährlich sah es aus und war es vielleicht noch mehr; die grauen Augen, die bis auf zwanzig Schritte herangekommen, erkannten es genau – ein bröckelnder Stein brauchte sich loszulösen, ein Fehltritt, ein Straucheln, und das Mädchen rollte haltlos in die Wirbel des wilden Wassers, das wenige Armlängen davon ihre Schönheit auf Nimmerwiedersehen in der Tiefe begrub.

Vergebens – der laute, fast zornig klingende Warnungsruf, den der junge Mann ausstieß, verklang jetzt im Rauschen des Falles, neben dem die Bedrohte sich zu dicht befand. Vergebens auch ihr Eifer, den andern Bedrohten zu retten, den der Trollhätta mit dämonischer Kraft an sich zu ziehen schien. Eine Secunde lang rang der Falter noch gegen den feinen, feuchten Staub, der ihn ergriffen, dann fiel er mit schweren Flügeln matt auf die Oberfläche des Wassers, im selben Augenblicke, in dem die weit übergestreckte Hand des Mädchens ihn vom Ufer erfaßte. Doch zugleich wich die lockere Grasnarbe, auf die ihre Kniee sich stützten, sie stieß einen leisen Schrei aus und griff mit der andern Hand vergeblich hinter sich, um sich zu halten. Eine mächtige Woge schoß daher, und es war, als recke sich ein weißer Riesenarm aus dem Trollhätta, um das goldene Haar des Mädchens zu packen, als lache es frohlockend und höhnisch und sinnbetäubend aus der schäumenden Tiefe. –

Der trügerische Rasen sank mehr und mehr – »Gustav!« rief das Mädchen angstvoll – »Gustav!«

»Da bin ich!« Wie ein wildes Thier setzte der Mann in tollem Sprunge über die letzten Knorren des Gestrüpps, er stolperte und stürzte hart an dem toddrohenden Ufer zu Boden, aber seine Rechte, sich gewaltsam in die Erde einkrallend, hielt ihn, während er noch im Fall mit der Linken den Leib der Unvorsichtigen, deren Schulter schon das Wasser berührte, umschlang und sie mit ungewöhnlicher Kraft aus den Armen des Trollhätta zurückriß.

Das alles geschah schneller, als es gesagt wird, und schneller auch hatte sich das Mädchen, von dem hülfreichen Arm unterstützt, elastisch auf die Füße geschnellt und blickte ihrem Retter dankbar, aber zugleich überrascht, befremdet ins Gesicht. Sie hatte die Hand ausgestreckt, doch zog sie dieselbe auf halbem Wege zögernd zurück.

Auch der Fremde blickte sie verwundert an, allein man sah in seinen Augen, ihr Staunen hatte nichts als die wundersame Schönheit des Mädchens zu Grunde. Er mochte dreißig Jahre zählen und war hochgewachsen, seine Züge nicht regelmäßig, aber scharf geschnitten und ausdrucksvoller, als der gewöhnliche schwedische Typus sie bot. Das dunkle Haar fiel ihm wirr über die Stirn, auch seiner Kleidung sah man den Kampf an, den sie mit Dornen und Gestrüpp durchgemacht. Er bemerkte das Zaudern in der schon ausgestreckten Hand des Mädchens, und ein heftiger, spöttischer Zug flog um seine Mundwinkel. »Ist Dein Leben es Dir nicht werth, daß Du seinem Erhalter die Hand dafür reichst?« fragte er unwillig.

Es lag fast noch mehr Unziemliches in dem Ton als in den Worten selbst. Ein helles Roth flog über Stirn und Wangen der Angeredeten, ihre hohe Gestalt richtete sich mädchenhaft stolz auf, und eine ebenso unwillige Antwort schwebte auf ihren Lippen. Aber sie mochte bedenken, daß, wenn die Form auch verletzend war, in dem Gedanken, den sie umschloß, doch Wahrheit lag, daß sie in der That ohne seinen starken Arm ihm nicht lebend hier gegenüberstände, und sie erwiderte freundlich:

»Ich meinte, Ihr wäret –«

Er schnitt ihr das Wort scharf am Munde ab: »Ich meine nicht nur, daß Du mich gerufen, sondern ich weiß, daß Du es gethan. Meine Ohren haben es so genau gehört, wie meine Augen es gesehen, daß Du ohne mich dem Schmetterling, dem Du unklug nachjagtest, nachgestürzt wärest. Auch Du weißt das alles und weißt, daß ich nach unweigerlichem Brauch unseres Landes ein Recht hätte, Deine Lippen zu küssen, und daß ich sehr bescheiden bin, wenn ich keinen andern Lohn fordere als diesen.«

Rasch erfaßte er mit sicherem Griff bei den letzten Worten die feine Mädchenhand und küßte sie. Sie hatte ihn im Beginn ruhig angesehen, dann mußte sie die Augen niederschlagen, sie wußte nicht weshalb. Auch die Hand mußte sie ihm lassen – er hatte Recht in dem, was er verlangte, und hätte er es nicht gehabt, in seiner Art lag etwas, das keinen Widerspruch duldete. Sie fürchtete sich nicht – was konnte ihr von dem geschehen, der sein Leben daran gewagt, um ihres zu erhalten – aber wie sie ihm die Hand willenlos überließ, blickte sie scheu auf die andere nieder, in der sie selbst in der Todesgefahr den geretteten Falter nicht losgelassen. Vorsichtig die langen Fühlhörner ausstreckend, kroch der Apollo zwischen den Fingern seiner Beschützerin hervor, er schien zu empfinden, daß die warme Hand ihm Gutes erwiesen; denn er machte keinen Versuch, ihr zu entfliehen, sondern blieb furchtlos wie auf einer weißen Blume auf ihr sitzen, nur wie zum Dank manchmal die Flügel mit den rothleuchtenden Augen auseinander schlagend. Auch der junge Mann blickte einen Augenblick schweigsam jetzt darauf hin, dann sagte er heftig:

»Weißt Du nicht, daß man die Narren, die sich selbst ins Verderben stürzen, gewähren lassen muß? Du hast's erfahren, daß sie sonst ihren Retter mit in den Abgrund ziehen. Wer hätte mir geholfen, wenn ich ein Thor gewesen wäre, wie – wie Du!« schloß er schnell und lachte kurz und unharmonisch auf.

Es war dem Mädchen, als ob ihr etwas die Brust beenge; war es die plötzliche Abendkühle, war es das sonderbare Wesen des Fremden in der einsamen Felsenwildniß? »Ich fürchte mich nicht vor dem Trollhätta,« antwortete sie leise, »ich kenne ihn von meiner Kindheit her und er hat mir nie Leid zugefügt.« »Der Trollhätta!« Ihr unerwarteter, verwunderlicher Gesellschafter wiederholte überrascht das Wort – »ist das euer Trollhätta, von dem ihr so viel Wesen macht? Laß mich sehen, wie wild euer berühmtes Ungethüm eigentlich ist!«

Er hatte mit schnellem Sprung die Felsplatte, die sich droben bis in den Gischt des Katarakts hinausneigte, erreicht und bog sich tollkühn über den Abgrund, um hinunterzusehen, nieder. Diesmal schrie das Mädchen ängstlich auf, er hörte es nicht, er gewahrte es nur, wie er sich umwandte, an der Bewegung ihrer Lippen und dem Ausdruck ihres Gesichtes, und kam lachend und sich das vom Sprühregen benetzte Haar aus der Stirn streichend zurück.

»Das thut dem Hasen wohl, wenn ihm die Hunde auf der Fährte sind; euer Trollhätta ist ein wackrer Gesell,« sagte er mit lustigem Ton. »Wär' es Dir recht gewesen, wenn ich da« – er deutete flüchtig hinauf – »hinuntergestürzt wäre?«

Das Mädchen blickte ihn mit unruhigen Augen antwortlos an, es schienen ihr allmählich Zweifel aufzusteigen, ob es hinter der breitgewölbten Stirn des Fremden richtig bestellt sei. Auch fuhr derselbe, ohne eine Erwiderung abzuwarten, fort:

»Pah, Du wärst nicht hinuntergeklettert, um nachzusehen, was aus meinen Knochen geworden, nur die Hunde hätten im Wasser die Spur verloren und ihr Herr ihnen zum Dank Striemen über den Leib geschlagen.«

Er sah mit zusammengezogenen Brauen auf und faßte plötzlich wieder mit hartem Griff das schmale Handgelenk des Mädchens, daß es sie schmerzte. Daran zog er sie, trotz ihrem Widerstreben, einige Schritte stromauf und sagte, auf den Fluß niederdeutend, mit gedämpfter Stimme:

»Wer taub wäre und sähe ihn hier, wie er mit den Blumen am Rande tändelt, wie das Abendroth auf seiner stillen Fläche spiegelt und sein Wasser klar und durchsichtig und ohne Arg dahinrinnt, würde der glauben, Mädchen, daß in der Tiefe schon der finstere Strom fortschießt und ihn packt, wenn er sich sorglos ihm vertraut, und in wenigen Secunden ihn hohnlachend und zerschmettert in den lang bereiteten Abgrund hinabstürzt? Und doch sage ich Dir, Dein Trollhätta ist ein Kinderspielzeug gegen einen Strom, den ich kenne, der noch viel sanfter mit Blumen tändelt, der noch viel sonniger lächelt und strahlt, der Dich umarmt und Dich küßt und Dir die Wangen streichelt – und die an seinem Ufer stehen, sind alle blind und taub, sie sehen den Abgrund nicht, der vor ihnen gähnt, sie hören das donnernde Tosen nicht, das ihren Todesschrei übertäuben wird – ha ha ha – denk' an mich, Mädchen, wenn Du wieder von ihm vernimmst, er heißt –«

Er hatte es mit unheimlicher Lustigkeit hastig herausgestoßen. »Wie heißt Du?« brach er, sich besinnend, barsch ab.

»Katharina Stenbock.«

Sie antwortete es einfach, ohne Nachdruck, obwohl der Name, den sie aussprach, einer der edelsten in Schweden war. Man vermochte es auch an der Wirkung, die er auf den Fremden ausübte, zu erkennen, denn er trat überrascht einen Schritt zurück und sagte, das Mädchen voll mit den Augen messend, aber zugleich mit unverkennbar größerer ritterlicher Artigkeit:

»Bei Gott, die Blindheit dieses Landes ist ansteckend, sonst hätte ich Dich auf den ersten Blick erkennen müssen, Rose vom Trollhätta. Oder vielmehr« – und es lag etwas seltsam Gewinnendes in dem Lächeln, mit dem er die Worte begleitete – »hatte ich mir nach den Gesängen von Deiner Schönheit ein anderes Bild von Dir entworfen, Karin, denn die Augen der Sänger unseres Landes sind stumpf, wie seine Schwerter. Ich danke Dir, Du mußt wissen, ich habe einen gewissen Antrieb zu närrischen Dingen in mir, und es ist wenigstens etwas für die Unsterblichkeit gethan, die Rose des Trollhätta gerettet zu haben.«

Karin Stenbock erröthete leicht; sie hatte ein Unrecht begangen, als sie an dem Verstande des Fremden gezweifelt, seine letzten Worte bewiesen es. Doch zugleich war ihr, als solle sie dieselben nicht anhören, und wiederum konnte sie nicht anders, wenn sie bedachte, was sie dem Retter ihres Lebens schuldete. Zudem sprach etwas aus seinen Reden, aus seinen Gedanken, die er nicht aussprach, vielleicht noch mehr, das sie geheimnißvoll verwandt zu ihm zog. Wie in den ihren lag in dem wechselnden Ausdruck seiner Augen der Gram Freya's um den verlorenen Geliebten.

So stand das Mädchen in ihrer Unentschlossenheit schöner denn je und blickte zu Boden. Ein schweigsamer minutenlanger Zauber umwob die beiden einzigen lebenden Gestalten in dem öden Felsenthal. Es begann zu dämmern, der Wind verstärkte sich und trieb Gewölk vom Wenersee herauf; doch der junge Mann schien allen Zweck und Ziel seines sonderbaren Hierherkommens vergessen zu haben, und seine Augen ruhten mit einem träumerischen Glanze, der ihnen vorher fremd gewesen, auf dem halb abgewandten, zarten Profil Karin's.

»Es wird dunkel, ich muß nach Hause zurückkehren,« sagte sie endlich. Er stand und regte sich nicht; sie hatte einige Schritte stromaufwärts gemacht und wendete sich um. Sie wollte etwas fragen, aber gegen ihre Art fühlte sie sich befangen und konnte die Worte nicht finden. Nun fuhr er plötzlich mit der Hand heftig über sein Gesicht, und der alte Ausdruck lag wieder in seinen Augen. Auch in seiner Stimme, wie er kurz fragte:

»Ist Stenbock – ist Dein Vater mit in Stockholm?«

Sie schüttelte ihr goldlichtes Haar. »Er wollte dorthin; doch er verletzte sich den Fuß und konnte nicht zu Pferde steigen. Ich war froh darüber.«

»Du warst froh darüber, Mädchen? Mißgönnst Du ihm den Kuß Christiern's von Dänemark?«

»Man soll nicht bei seinem Feinde zu Gast sitzen, es ist nicht edel, – und nicht klug,« setzte sie langsamer hinzu.

Der Fremde trat rasch wieder auf sie zu. »Du sprichst ein hartes Urtheil über den Adel dieses Landes. Bei seinem Feinde? Weißt Du, daß dies Wort Dich Deinen Kopf kosten kann? – König Christiern von Dänemark ist heute König von Schweden, er ist Dein Herr, und wenn er das Haus Deines Vaters der Ehre seines Besuchs würdigt, wirst Du einem neuen Täubchen von Amsterdam die Schuhbänder zuschnüren.«

Karin hob stolz die Stirn, aus ihren Augen schoß als Antwort wie aus einer verborgenen vulkanischen Tiefe ein flammender Strahl über sein Gesicht.

»Wenn man Dich mit Gewalt zwingen würde?« fügte er schnell hinzu.

»Dann würde ich Euch fluchen, daß Eure Hand mich dort zurückgerissen!« Ihre Lippen zitterten, wie sie auf das Wasser hindeutete; die Worte des Fremden hatten in der zarten Mädchengestalt die Schleusen eines Stromes geöffnet, der unvermuthet in ihrem Innern tosen und sich überstürzen mußte, wie die Fälle des Trollhätta. Doch ebenso schnell bezwang sie sich wieder und setzte mit ihrer gewöhnlichen Stimme hinzu:

»Ich weiß nicht, wer Ihr seid, daß Ihr ein Mädchen furchtsam machen zu können glaubt. Es giebt noch Männer in Schweden, die mit ihrem Blute den Töchtern dieses Landes solchen Schimpf ersparen würden.«

Die Frage, die sie lange hervorzubringen versuchte, lag in den ersten Worten versteckt; doch der, dem sie galt, schien sie nicht zu beachten. Er fragte nur halb spöttisch:

»Du Hast guten Muth, Rose vom Trollhätta. Kennst Du solchen Mann? Weißt Du seinen Namen?«

Es flog trotzig um Karin's Mundwinkel. »Und wüßte ich auch nur einen Einzigen, es hat schon manchmal ein Mann, der ein Mann war, sein Volk von Knechtschaft errettet. Ja« – fuhr sie mit gesteigertem Unmuth wie herausfordernd grade in die durchdringend auf sie gerichteten Augen des jungen Mannes blickend fort – »vertraute ich auf keinen andern Arm in der Welt, als auf den Gustav Erichson's –«

Sie hielt erschreckt inne, denn ihr Gefährte lachte so gell und schneidend auf, daß es rundumher von den Felsen zurückhallte. »Kennst Du Gustav Erichson, Karin Stenbock?« fragte er.

Halb ängstlich, halb gekränkt schüttelte sie nur stumm den Kopf. Mit den Zähnen knirschend, sagte er nach einer Pause:

»Siehst Du, Du sprichst, was die Leute reden; ich aber will Dir sagen, was Dein Retter Schwedens ist. Er läuft wie ein Hase vor den dänischen Doggen von Land zu Land; er sieht Weiber und Kinder mißhandeln von den Knechten Christiern's und verstopft sich die Ohren vor ihrem Geschrei; er hört den Jammer seines Volkes und hat keinen Trost dafür, als ohnmächtige Flüche. Er ist ein feiger Schuft, der sich Nachts in Gräben verkriecht, um sein kostbares Leben nicht zu gefährden, ein Sperling, der dem Geier Rache schwört, der in sein Nest gestoßen, und der erschrickt, wenn er ein Eisen klirren hört, der unmännlich zusammenfährt, wenn ein dürrer Zweig im Walde knackt –«

Er brach ab, gleichsam als ob er ein Bild zu den letzten Worten geben wollte, und drehte plötzlich mit aufmerksamen Augen den Kopf zurück. Der Wind, der die Wolken schneller heraufpeitschte, lief ihnen voraus und rüttelte die Zweige des Buschholzes mit vernehmlichem Knacken durcheinander; einzelne verirrte Tropfen begannen mit eigenthümlich knisterndem Ton auf das welke Laub zu fallen. Einige Secunden, verharrte der junge Mann in seiner horchenden Stellung, dann drehte er sich rasch zu dem Mädchen zurück und sagte:

»Karin Stenbock, ich muß diese Nacht im Hause Deines Vaters bleiben. Zürne mir nicht. Du scheinst etwas auf Gustav Erichson zu halten; es war nicht so schlimm gemeint, der Unmuth über sein Schicksal, über sein Vaterland riß mich fort, nicht über ihn selbst.«

»Ich kenne ihn nicht, das heißt, ich habe ihn nie mit meinen Augen gesehen,« antwortete sie ruhig, »aber trotzdem glaube ich ihn besser zu kennen, als Ihr.«

»Glaubst Du, Mädchen? Mit meinen Augen habe auch ich ihn niemals gesehen; es war immer irgend ein unüberwindliches Hinderniß im Wege, und ich fürchte fast, dasselbe wird mich verfolgen, so lange ich lebe. Aber gehört habe ich ihn, von ihm gehört, meine ich, hab' ich oft, und Du magst Wohl Recht haben. Vertheidige ihn nur, Rose vom Trollhätta, vielleicht kommt einmal die Stunde, wo er es Dir vergelten kann, und bei Gott, wie ich Gustav Erichson kenne, wäre er im Stande, Christiern von Dänemark die schwedische Krone vom Kopfe zu schlagen, nur um sie Karin Stenbock vor die Füße zu legen, zum Dank dafür, daß sie nicht an ihm gezweifelt, als er sich selbst aufgab und vor die Hunde warf. Und weil Du so von ihm gesprochen, habe ich Dich gefragt, ob ich heute bei Euch übernachten kann, denn auch ich bin verfolgt und von den dänischen Doggen gehetzt, wie er, und was Du mir Gutes thust, das thust Du Einem, der die Feinde Deines Volkes nicht weniger bis in den Tod haßt, als Gustav Wasa.«

Er sprach es mit Anmuth und mit edlem Stolze, daß Karin ihm jetzt unwillkürlich zum Gruße freiwillig die Hand bot.

»Kommt!« sagte sie! »obwohl Ihr mir Euren Namen nicht nennen wollt; wenn Ihr ein Feind Dänemarks seid, so seid Ihr in Gustav Stenbock's Hause willkommen.«

Ein eigenthümliches Staunen lag noch einmal in den Augen des Fremden.

»Hat die schlimme Zeit Dich nicht vorsichtiger gemacht, Karin?« fragte er. »Weißt Du, wer ich bin? Wenn ich ein Spion Christiern's wäre, um Dich und die Deinen zu verderben? Und im besten Falle – Du kennst die Drohung des Dänenkönigs wider die, welche einen von ihm Geächteten verbergen – was liegt daran, wenn ein namenloser Flüchtling mehr umkommt, wo es sich um ein Unheil für Dein ganzes Haus handeln kann? Ich danke Dir für Deinen Willen, Karin, aber ich habe zu manche Nacht unter dem Himmel geschlafen, um mich vor einer mehr zu fürchten. Darum leb' wohl –«

»Ihr mögt Gustav Erichson besser kennen, als ich, Gustav Stenbock kennt Ihr jedenfalls schlecht, wenn Ihr denkt, ihn könne Furcht bewegen, einem Freunde Schwedens Schuh und Herberge zu versagen,« unterbrach Karin ihn ernsthaft. »Was Ihr aber zuvor gesprochen, so denke ich, daß man durch Mißtrauen keinem Volke die Freiheit zurückgewinnt und daß –«

Sie hielt einen Moment zögernd inne und sah ihm voll ins Gesicht.

»Was, Karin?« fragte er.

»Daß, wenn Eure Augen lögen, an Schwedens Freiheit nichts verloren wäre,« vollendete sie einfach, daß man es fast sehen konnte, wie es den jungen Mann mit wundersam freudigem Schauer überfiel. Er folgte ihr jetzt, ohne der Probe, auf die er sie gestellt, mehr Erwähnung zu thun, den Hügel hinan, von dessen Höhe sie vorhin der untergehenden Sonne nachgeblickt. Im Westen war der Himmel noch blau, und ein goldheller Gürtel, wie ein Nordlicht zum Zenith heraufstrahlend, umschlang dort den Horizont, während von Osten her immer schwerere Wolkenmassen sich nachschoben, in denen es, eine Seltenheit für den Norden um diese Jahreszeit, manchmal mit bläulichem Schein flackernd hin und her zuckte. Die Felsenhalde, welche die Beiden erklommen, war nicht hoch, aber ziemlich steil, und sie blieben auf dem Gipfel einen Augenblick athemholend stehen. Der Fremde blickte umher, man sah gen Süd, Ost und West weit ins dämmernde Land hinaus; nur nach Norden hemmten die jenseitigen höheren Berge des Trollhätta die Aussicht.

»Das Gewitter kommt von Stockholm herüber,« murmelte er zwischen den Zähnen, »ich wußte es vorher, die letzten Tage waren zu heiter.«

»Es ist die Vergangenheit, dort liegt Schwedens Zukunft,« sagte das Mädchen, zuversichtlich in den Goldglanz des Westens hinüberdeutend.

Er lächelte bitter. »Aber sie sinkt vor uns hinab und unser Tag ist vorüber, wenn sie zurückkommt.«

Sein Fuß stampfte heftig auf die Erde und sein Auge lief wild umher. »Verflucht sei Jeder, der so denkt,« brach er ungestüm ab, »Jeder, der nicht sein Alles an die Freiheit dieses Landes wagt! Verflucht sei Deine Schönheit, Rose vom Trollhätta, wenn Du sie zu Anderem benutztest, als um den Befreier Schwedens mit ihr zu belohnen!«

Ein erster, lang hingestreckter Donner rollte durch die zornigen Worte; Karin schritt, Stirn und Wangen mit dunkler Röthe überströmt, eilig auf der andern Seite die sanfter abfallende Halde hinab. Ihr Herz klopfte laut und ihre Hand zitterte, daß der Falter, der noch immer mit zusammengeklappten Flügeln friedlich auf ihr gesessen, unruhig die Fühlhörner bewegte. Schwere Tropfen schlugen dichter um sie her; vor ihnen im Zwielicht lag eine Gruppe dichter Bäume, Linden mit schon völlig entblättertem Gezweig und noch dunkelbelaubte, hochästige Ulmen. Zwischen ihnen hindurch blickte das Dach eines alten schloßartigen Gebäudes.

»Ist das Torpa?« fragte der Fremde wieder. Karin nickte stumm.

»Und ist Brita Rosen, Deine Mutter, zu Hause?«

Sie bejahte abermals und schlug die Augen verwundert zu ihm auf. »Ihr scheint uns zu kennen, und mich däucht, es wäre billig, daß ich das Gleiche von Euch sagen könnte, wenn ich Euch dem Schutze meines Vaters anvertraue.«

»Du hast Recht, Karin; es war Thorheit von mir, meinen unbedeutenden Namen so lange zu verschweigen,« antwortete er rasch. »Ich heiße Gustav Folkung, und wenn ich Dich um etwas noch bitten darf, so führe mich nicht zu Deinen Eltern und sage Niemandem, daß Du mich getroffen. Ich weiß, daß eure Knechte um diese Zeit nichts mehr auf dem Hof zu schaffen haben; laß mich unbemerkt in einen Stall schlüpfen und die Nacht im Heu verbringen.«

Sie wiederholte den Namen »Gustav Folkung« und fügte nachsinnend bei: »Ich habe von Euch gehört, Ihr seid ein Freund Schwedens; es ist seltsam, daß Alle, die es sind, Gustav heißen. Nein« – sie fuhr fast wie erschreckt aus ihren Gedanken auf – »nein,« sagte sie nochmals, aber mit anderem Ton und zu ihrem Begleiter gewendet, »so dürft Ihr die Nacht nicht zubringen, Herr Folkung. Ihr seht ermüdet aus und ein gutes Lager thut Euch noth; es giebt andern Raum bei uns für einen Verfolgten, denn es ist Niemand als meine Mutter im Hause.«

»Du hast Recht, Rose, ich bin müde, sie haben mich stark gehetzt in den letzten Tagen, und Schlaf thäte mir Wohl,« murmelte Folkung mehr für sich, als für seine Gefährtin. »Ich mißtraue den Deinen nicht, Karin,« fuhr er lauter fort, »doch ein Geheimniß liegt sicherer in einer Hand, als in zweien. Du kannst nicht lügen, Mädchen – schwöre mir, daß Du mich Niemandem, unter keinen Umständen irgend Jemandem verrathen willst, und ich folge Dir, wohin Du mich führst; denn Du hast es gesagt: ich bin müde, recht müde. Morgen, eh' der Tag anbricht, habe ich euch verlassen.«

Karin nickte mit dem Kopfe. »Ich weiß nicht, was für Gründe Ihr habt, doch ich schulde Euch zu thun, Was Ihr wollt, denn Ihr habt mir das Leben gerettet und seid ein Feind unserer Feinde. Ich schwöre, daß ich Euren Aufenthalt Niemandem verrathen will. Kommt!«

Sie faßte unter dem tiefen Dunkel der Ulmen, in das sie eingetreten, seine Hand und zog ihn nach sich. Der Regen rauschte jetzt in vollen Strömen auf die Bäume und übertönte das Geräusch ihrer Schritte. Karin ging stumm und in Nachdenken vertieft. »Es ist das einzig Sichere,« murmelte sie zwischen den Lippen, doch nicht so leise, daß er es nicht vernahm und fragte, was sie gemeint. Sie erwiderte rasch, es sei nur ein Zimmer im Hause, das unter allen Umständen Niemand bei Nacht betrete, dorthin werde sie ihn bringen. Nun lag das langgestreckte Gebäude, das sie vorher aus der Ferne gesehen, dicht vor ihnen. Es war fast ganz in Dunkel gehüllt, nur aus dem Erdgeschoß und aus einem Gemach des ersten Stockwerks leuchtete der Schein eines Lichtes. Das erstere brannte in einer Stube dicht neben dem Haupteingang, und man sah durch die Fenster die derben Gesichter von Knechten und Mägden sich um die im Zugwinde flackernde Oellampe bewegen.

Karin vermied das geöffnete Thor und zog ihren Begleiter seitwärts, dem Anschein nach durch einen Garten an die Rückwand des Torpa'schen Schlosses. Hier heulte der Ostwind stärker und peitschte mit voller Wucht die schweren Tropfen an das Gemäuer; dennoch vernahm das seine Ohr einer riesigen Dogge, die das Haus umstrich, den Schritt der Kommenden und stieß ein dumpfes Knurren aus, bis Karin sie leise, gebieterisch heranrief. Nun sprang der Hund freudig winselnd herzu, doch er knurrte wieder, wie er die Nähe des Fremden witterte.

»Still, Björn, es ist ein Schwede, kein Däne!« befahl das Mädchen, und die Dogge schlug noch einmal einen leisen, bellenden Ton an und kauerte sich neben ihrer Herrin zufrieden nieder. Die Letztere tastete an der finstern Wand und schob einen schweren Riegel zurück; sie schloß die geöffnete Hinterthür wieder von Innen und führte ihren Schützling eine lichtlose Treppe hinauf und durch schmale Gänge, bis sie abermals an eine Thür kamen. Hier zog sie einen Schlüssel hervor und öffnete. Es war eine andere Luft, die Folkung aus dem Dunkel entgegendrang; etwas, das ihn, dem November zum Trotz, wie Frühlingshauch anwehte, warm und doch frisch und duftathmend, wie ein Sommermorgen – doch er hatte kaum die Schwelle überschritten, als seine Führerin seine Hand losließ und ihm hastig zuflüsterte:

»Licht darf ich Euch nicht bringen, es würde Euch verrathen; auch Geräusch dürft Ihr nicht machen, da das Wohnzimmer meiner Mutter an dieses stößt. Sie selbst ist äußerst feinhörig und außerdem könnte von den Knechten und Mägden Jemand zugegen sein. Mein Vater ist zu einem benachbarten Freunde gefahren und kehrt nicht vor morgen ham. Sobald ich es unbemerkt kann, werde ich Euch Speise bringen; schiebt den Riegel von Innen vor und öffnet nicht, als wenn an die Thür gekratzt und: »Gustav Wasa« gesagt wird. Und dann, dort am Fenster steht eine Ruhebank –«

Die Sprecherin stockte einen Moment – »nein,« verbesserte sie hastig, »Ihr seid erschöpft, hier zur Linken findet Ihr ein Bett, legt Euch darauf und erholt Euch; nur – nur wenn Ihr Eure Schuhe ausziehen wolltet –«

Sie sprach die letzte Bitte etwas verwirrt und unzusammenhängend, doch ehe Folkung über den Sinn derselben nachgedacht, hörte er, daß sich die Thür schloß.

»Vergeßt den Riegel nicht,« flüsterte es noch einmal von draußen. Allein er gehorchte nicht, sondern that das Gegentheil, indem er unwillkürlich die Thür aufriß und dem Mädchen ins Dunkel nachstarrte. »Karin!« rief er mit gedämpfter Stimme, doch es kam keine Antwort, nur der Wind pfiff mit gewaltigem Luftdruck durch den finstern Gang herauf, weil das Fenster des Gemaches, in dem er sich befand, geöffnet war. Der kühle Zug brachte ihn zur Besinnung, er schloß die Thür und schob den Riegel vor. Dann trat er ans Fenster, dessen Höhlung sich mit mattem Grau von der vollständigen Finsterniß, die ihn umgab, abzeichnete. Er ließ sich den Regen ins Gesicht schlagen und blickte hinaus. Man konnte den Erdboden nicht mehr erkennen, aber er berechnete aus der Zahl der Treppenstufen, die er emporgestiegen, wie tief derselbe sich unter seinem Standpunkt befinden müsse. Darin unterbrach ihn das fröhliche Gebell der Dogge, das vom Garten heraufkam, und schwächer und schwächer nach der Vorderseite des Hauses zu verhallte und deutlich die Stelle bezeichnete, wo sich das Mädchen, das den nämlichen Rückweg eingeschlagen, befand.

»Gustav Wasa,« murmelte er vor sich hin, »die Rose vom Trollhätta sagt, Gustav Wasa sei das Losungswort. Sie hätte sagen sollen, Gustav Erichson ist ein Narr, der nicht weiß, was er thut, seitdem er die Hand eines Mädchens in seiner gefühlt.«

Er trat geräuschlos vom Fenster zurück und tastete untersuchend an den Wänden des Zimmers entlang. Alles war stark gebaut, gegen Wind und Wetterkälte zu schützen; hohe, ausgeschnitzte Holzschränke standen in den Ecken, dann wieder Wand. Nein, jetzt traf seine Hand abermals auf Holz, doch glatt und ungefurcht, wie das einer Thür. Zugleich drang durch einen schmalen Spalt ein Lichtschimmer hindurch, und im selben Augenblick folgte der Klang einer bekannten Stimme hinterdrein, daß Folkung lauschend stehen blieb.

»Guten Abend, Mutter,« sagte Karin laut. Die Angeredete erwiderte: »Du bist lange ausgeblieben. Karin; ich glaube, es dunkelt.«

Die Sprecherin mußte nicht nur schwachsichtig, sie mußte völlig blind sein. »Es ist Nacht, Mutter,« antwortete das Mädchen, »und es stürmt. Ich war am Trollhätta und habe dem letzten Schmetterling das Leben gerettet. Du kennst ihn, mit den rothen Sternen, der droben um den Kinnakulle fliegt. Er wollte über den Trollhätta und fiel hinein; da habe ich ihn gerettet und er sitzt seitdem zahm und ruhig auf meiner Hand. Er hat nicht gesagt, daß er mir dankt, aber ich fühle, daß er weiß, was er mir schuldet, und daß er mir dankbar ist. Wenn es in seiner Macht stände, würde er sein Leben wieder für mich wagen. Komm, du närrisches Ding, setz' dich dorthin auf die Blumen.«

Gustav Folkung hörte jedes Wort durch die Thür; es überlief ihn seltsam bei dem sonderbaren Dank, den Karin mit unbefangenem Ton an den Falter richtete, und er vermochte, trotz seiner Müdigkeit, seinen Standpunkt nicht zu verlassen. Er vernahm, wie die Alte seufzte und entgegnete:

»Du bist ein Kind und tändelst mit Schmetterlingen. Du hättest ihn lassen sollen, wo er war, ihm wäre besser. Ich fühle es in meinen Augen, es kommen böse, stürmische Tage über Schweden, die viel hinraffen werden, was sich bis heute noch gerettet hat. Lies mir aus dem Buch, Karin, aus dem ich Dir als Kind erzählt. Schlage die zwölfte Seite auf und lies mir von dem Sänger, dessen Harfe die Heldenthaten seiner Vorväter pries und die seiner Enkel nicht preisen konnte. Er war blind und saß am Trollhätta; da zerschellte er seine Harfe am Felsen und sprang hinab.«

Der Lauscher hörte das Mädchen durchs Zimmer schreiten; er tastete sich jetzt leise ans Fenster zurück, doch im Dunkeln streifte seine Hand über einen Tisch und stieß an einen Gegenstand, der herabrollte und mit lautem Klirren zerbrach. Hastig eilte er weiter und schwang sich vorsichtig auf das Bett, das ihm seine Gefährtin gedeutet. Drinnen unterbrach die Stimme der alten Frau die begonnene Lectüre und sagte:

»Ist Björn in Deinem Zimmer, Karin? Ich hörte etwas fallen; laß Ingeborg ein Licht nehmen und nachsehen.«

Die bezeichnete Magd, die schweigsam in einem Winkel gesessen, stand auf und griff nach einem Leuchter. Doch Karin erhob sich mit ihr und sagte ruhig:

»Bleib', Björn ist draußen. Mein Fenster steht offen und der Wind stürmt herein; ich brauche kein Licht.« Sie öffnete die Thür und ließ sie hinter sich offen stehen, während sie mit festem Schritt auf das angeschuldigte Fenster zuging und es geräuschvoll schloß. Der Schimmer einer schweren, kunstvoll gearbeiteten Metalllampe fiel herein und Folkung sah gerade auf das Gesicht der alten Frau, die in einem Lehnstuhl am Tische saß und ins Leere vor sich hinblickte. Es war dieselbe hohe, schön gewölbte Stirn wie die ihrer Tochter, nur von tiefen Linien durchzogen und fast weißem, dichtem Haar umlagert. Doch ihre Arme, nach Tracht der Zeit beinahe bis zum Ellbogen entblößt, waren noch vollgerundet und weiß; sie mußte jünger sein, als sie aussah, und mußte, wenn sie aufstand, einen stolzen und imponirenden Eindruck machen. Das Auge Folkung's vermochte sich nicht von ihr zu wenden, er murmelte lautlos zwischen den Lippen: »Du bist alt geworden, Brita Stenbock; Du warft ein schönes Weib, als ich in Sten Stuxe's Haus auf Deine Kniee kletterte und die Gnadenkette Johann's von Dänemark von Deinem Nacken zerrte.«

Er verstummte und sein Kopf flog wie von unsichtbarer Gewalt bewegt zur Seite. Karin's Kleid streifte hart an ihm vorüber; er konnte seine Hand nicht bezwingen, sie streckte sich aus und griff darnach, um das Mädchen zurückzuhalten. Er flüsterte ihren Namen und drückte den Zipfel ihres Gewandes, den er gefaßt hatte, an die Lippen. Doch mit einem sicheren Ruck machte Karin sich los und sagte, in das andere Zimmer zurückschreitend, mit lachender Miene:

»Der Sturm wird keine Tollheiten mehr begehen. Sei nicht thöricht, Sturm, und begieb dich zur Ruh'.«

Sie drohte scherzend mit dem Finger zurück und schloß die Thür wieder. Frau Stenbock hob den Kopf und sagte:

»Du bist kindisch heut' Abend, Karin –«

»Wir haben vorhin schon Bekanntschaft geschlossen, der Sturm und ich,« fiel diese sorglos ein; »er ist ungestüm und übermüthig, aber wenn ich die Hand auf ihn lege, läßt er sich bändigen und wird still und mild.«

Die alte Frau zuckte die Achseln: »Hast Du wieder mit Deinen Erdmännern im Trollhätta geschwatzt und sprichst kindische Dinge? Lies weiter! Der Sturm scheint nicht sonderlich auf Deine Befehle zu hören, denn ich fühle an meiner Schulter, daß er sich verstärkt. Ich wollte. Dein Vater wäre heute Nacht zu Haus, oder wenigstens Gustav –«

Folkung hörte nicht mehr, die Müdigkeit überwältigte ihn. Er lag im Halbschlaf und stürmische Gedanken überwogten seine Stirn, aber dann legte sich plötzlich Karin Stenbock's Hand darauf und sie wallten auseinander und gingen zur Ruh'. Draußen pfiff der Wind und ab und zu heulte Björn mit langhin gezogenem Lauf gegen ihn auf. Der Schläfer preßte im Traume das weiche Kissen gegen seine Wange und murmelte die Worte nach, welche die alte Frau vorhin gesprochen: »Ist Björn in Deinem Zimmer. Karin?«

Ein Schauer überlief die Glieder des Träumenden. – »Dein Zimmer, Karin?« wiederholte er und athmete tief auf.

Plötzlich fuhr er empor und starrte ungewiß um sich. Das Dunkel, in dem er eingeschlafen, war verschwunden und das Gemach hell erleuchtet. Wenigstens erschien das Licht ihm im ersten Augenblicke grell und blendend; dann erkannte er, daß der Mond, der zwischen zwei Wolken durchgetreten, es ins Fenster warf. Doch es war nicht das Licht, das ihn geweckt; es war ein Ton, oder eine Verbindung von Tönen, die sein Ohr getroffen. Ein Geräusch, wie dumpfes Donnerrollen, war aus der Ferne herangekommen, hatte sich mehr und mehr verstärkt und war, scharf abgeschnitten, verstummt.

Der heimliche Gast auf Schloß Torpa horchte mit gespanntem Ohr. Statt des Rollens vernahm er draußen das Gewieher von Pferden, und eilige Männertritte kamen über die Vordertreppe herauf.

Die Thür des großen Gemaches, in welchem die beiden weiblichen Glieder des Stenbock'schen Hauses am Tische saßen, flog weit auf, und eine breitschulterige, reckenhafte Männergestalt trat rasch über die Schwelle. Das ergrauende Haar flog sturmverwildert um die entblößte, knochige Stirn des Mannes, seine Lippen bewegten sich heftig, theils vor Aufregung, theils, wie es schien, vor Schmerz, den der schnelle Gang, bei dem er den nachschleppenden linken Fuß auf sein Schwert zu stützen vergaß, ihm bereitete.

Der Mantel war auf derselben Seite von seiner Schulter gefallen, und über diese blickte der blondumrahmte Kopf eines jungen Mannes, dessen Augen mit unruhigem Glanz Karin suchten.

»Vater!« rief diese aufspringend. Es lag etwas unliebsame Ueberraschung in ihrem Tone, der sich jedoch bei dem nächsten Blick, den sie über den Eintretenden warf, in wirklichen Schreck verwandelte. »Was ist Dir geschehen, Vater?«

»Mir?« Gustav Stenbock griff an seine Kehle, als ob er dort etwas losringen wolle, und versuchte zu sprechen. Doch seine Brust keuchte nur und der Laut kam nicht hervor.

»Um Gotteswillen, Gustav, was ist geschehen?« wiederholte Karin, sich dem jungen Manne, der ihr entgegengeflogen, zuwendend.

Auch dieser war athemlos, seine Kleidung triefte von Regen; Wegschmutz und Lehm hatten seine hohen Reitstiefel bis zum Knie mit einer starren Kruste überzogen. Er mochte kaum zwei Jahre älter sein als Karin; man sah, der düstere Ausdruck, der heute Abend in seinen hellblauen Augen lag, war diesen und seinen ganzen offenen Zügen nicht natürlich. Doch auch seine Hände zitterten vor Erregung, und seine Kniee wankten wie von Überanstrengung und Erschöpfung.

Eine sekundenlange Stille, in der Niemand antwortete, lag über dem Zimmer, welche die Stimme der Hausherrin unterbrach. Sie hatte sich am Tisch aufgerichtet und fragte, den Kopf vorneigend, laut:

»Wer ist mit Stenbock gekommen? Ist es Gustav Rosen?«

»Ja, Mutter,« erwiderte Karin, die ihre Stirn an die Brust des Genannten gelegt und ihre Arme um seinen Nacken geworfen hatte, während er heftig mit zärtlichem Ungestüm ihre Augen und Schläfe küßte. »Du lebst, ja Du lebst,« murmelte er verworren.

Stenbock hatte seine durchnäßten Oberkleider zu Boden geschleudert und winkte dem Jüngling mit einer fast zornigen Handbewegung:

»Sprich, Rosen. Sag' es ihnen ohne Schonung, wie Du es mir gesagt.«

Gustav Rosen machte sanft Karin's Arme von sich los und trat auf Frau Stenbock zu. »Setzt Euch, Frau Tante,« sagte er, ihre Hand fassend und sie in ihren Sessel zurückführend, »ich bringe Euch einen Gruß von Christiern von Dänemark.«

Die Worte verhallten, mit unheimlichem Ton gesprochen, in dem großen Zimmer. Niemand antwortete etwas darauf. Die Thür, durch welche die beiden Männer hereingekommen, stand geöffnet, und die Gesichter der Knechte, die von unten ihrem Herrn die Treppe herauf gefolgt, blickten forschend herein. Doch Alles war todtenstill, nur Björn heulte draußen dumpf in die Nacht hinaus und nur Brita Stenbock fragte scharf accentuirt:

»Gustav Rosen, Du willst in Stenbock's Magschaft eintreten; was zauderst Du? Schwedens Weiber sind zu Männern geworden, da Schwedens Männer sich wie Weiber geberden. Was für Botschaft bringst Du von Christiern von Dänemark? Sein Handschlag ist Verrath, und sein Gruß ist Tod.«

»Ihr sagt es, Brita,« entgegnete der Jüngling düster. Er faßte Karin's Hand, die ihm nachgeschritten, und hielt sie krampfhaft in der seinen. »Ich bin gestern Abend aus Stockholm geritten,« fuhr er mit zitternden Lippen fort, »am Wettersee traf ich Deinen Vater, der dorthin wollte, von wo ich kam –«

Die weißhaarige Frau flog abermals von ihrem Sitze auf. »Du hattest uns getäuscht, Stenbock, Du wolltest zu Christiern von Dänemark?« fragte sie hart.

Gustav Stenbock warf mit einem dumpfen Fluch antwortlos sein Schwert zu Boden. Der junge Mann fiel schnell ein:

»Ich hatte es ihm gerathen, der ganze Adel war dem Gebote des Königs gefolgt, und ich fürchtete, er werde es büßen, wenn er nicht komme –«

»Der ganze Adel Schwedens ist feig und verrätherisch,« brauste die Blinde zornig auf.

»Brita Stenbock, Ihr seid ungerecht und werdet Eure Worte bereuen,« erwiderte der Jüngling mit dumpfer Stimme. »Die, von denen Ihr redet, sind taub für Lob und Tadel. Seit gestern Abend giebt es keinen Adel dieses Landes mehr. Der Mälar ist roth von seinem Blut – wer in Stockholm mit dem dänischen König getrunken, hat das Banket mit seinem Kopf bezahlt – Christiern von Dänemark hat den ganzen Adel Schwedens enthauptet!«

Wer hatte es ausgestoßen? Ein gelles, schneidendes Lachen kam aus dem Winkel des Zimmers, daß der Kopf des Sprechers unwillkürlich suchend herumflog. Auch Karin hatte die Stirn gewendet, ihre Hand zitterte in der ihres Bräutigams, und ihr Gesicht war plötzlich bleich geworden.

Wessen Antlitz war es nicht, nach den letzten Worten, die Gustav Rosen gesprochen? Auch Stenbock's Auge lief forschend über die Anwesenden und über die Köpfe der nach altem schwedischen Brauch bei außerordentlichen Vorkommnissen mit ins Familienzimmer eindrängenden Knechte.

»Ist ein dänischer Verräther unter uns? Wer hat über Schwedens Untergang gelacht?« fragte er, die graubuschigen Brauen drohend zusammenziehend.

Niemand antwortete, nur Karin trat vor und sagte: »Es klang nur wie Lachen, es war der Sturm, Vater.«

Rosen blickte auf die Thür, die in das Zimmer des Mädchens führte. »Mich däucht, es kam von dort,« entgegnete er; »was hast Du, Ingeborg?«

Die Magd hatte ihre Augen ebenfalls ängstlich auf die Thür gerichtet. »Es war schon ein verdächtiges Geräusch drinnen eh' Ihr kamt, Herr Rosen; aber Fräulein Katharina hatte Muth und ging hinein.«

Der Jüngling hatte sein Schwert gezogen und unwillkürlich einen Schritt gegen die Thür gemacht, doch Karin vertrat ihm den Weg.

»Ingeborg ist eine furchtsame Närrin, die an Gespenster glaubt,« sagte sie, seinen Arm fassend, »glaub' mir, es war der Wind –«

Sie drängte ihn sanft von der Thür zurück. Brita Stenbock war wie vom Blitz getroffen auf ihren Stuhl zurückgefallen und hatte, das Gesicht mit den Händen bedeckend, nichts von dem Zwischenfall vernommen. Doch jetzt erhob sie sich wieder, ohne zu schwanken, mit eiskaltem Gesicht, und fragte mit sicherer Stimme:

»Wer ist enthauptet worden, Gustav Rosen? Nenne mir die Namen.«

Der junge Mann wandte sich um und steckte sein Schwert in die Scheide; man sah, er war gewohnt, der Stimme der alten Frau zu gehorchen.

»Fragt, wer entronnen ist, Frau Tante, und es ist leicht, sie zu nennen,« entgegnete er, »denn sie befinden sich in diesem Zimmer, Euer Gatte und – ich,« setzte er nach augenblicklichem Zögern hinzu.

Um Frau Stenbocks's Lippen flog ein eigenthümliches Zucken. »Du warst mit in Stockholm, Rosen; wie kommt es, daß Du das Schicksal des schwedischen Adels nicht getheilt?«

»Ich entkam durch einen glücklichen Zufall,« versetzte der Jüngling verlegen und mit leiserer Stimme. Er drehte den Kopf ab, wie Karin's Auge ihn mit hastig-scheuem Blick, doch anders wie zuvor, überflog. Die Hausherrin wiederholte seine letzten Worte tonlos zwischen den Lippen:

»Durch einen glücklichen Zufall. Freue Dich seiner, Karin, sonst läge Gustav Rosen's Kopf neben den Häuptern des tapferen schwedischen Adels.« Der unwillige, zweifelnde Ausdruck, der einen Moment in den Augen des Mädchens gelegen, schwand, und sie legte schaudernd den Kopf an die Brust ihres Verlobten. Brita Stenbock fuhr eisig fort:

»Ist Niemand – Niemand, auf den Schweden Hoffnung setzen kann, übrig geblieben, außer Stenbock und – außer Dir?«

Der Ton, in dem die letzten Worte beigefügt worden, war zu unverkennbar, als daß er mit Schweigen beantwortet werden konnte. Stenbock, der bis jetzt, in düstere Gedanken versunken, schweigend dagestanden, sah zornig auf und sagte:

»Mich däucht, Brita, daß jetzt, daß heute nicht die Zeit ist, altes Unrecht zu erneuen. Du sprichst sinnlos, Weib. Hat Gustav Rosen Dich damit gekränkt, daß er mich gerettet? Hat er sich ein Verdienst um Christiern von Dänemark dadurch erworben, daß er ihn verhindert, meinen Kopf zu den andern zu legen?«

»Mutter!« hatte auch Karin mit stolzem Unmuth gesagt. Doch diese unterbrach sie mit unveränderter Miene und Stimme:

»Ich habe Dich gefragt, Rosen, ob sonst Niemand dem Blutbad entronnen ist?«

Der Jüngling mußte Gründe haben, sich zu bezwingen, und der Hauptgrund das schöne Mädchen sein, um dessen Hals er seinen leise bebenden Arm schlang, denn er versetzte ruhiger als die andern:

»Ich glaube, daß Gustav Erichson der Einzige ist, der entkommen, oder vielmehr gar nicht nach Stockholm gegangen. Der Fuchs witterte die Falle –«

»Sprich mit Achtung von Gustav Wasa, Knabe!« donnerte die alte Frau, daß Rosen scheu verstummte. Doch ihre plötzliche Heftigkeit legte sich schnell wieder. »Gustav Erichson,« sagte sie langsam, »er war ein Kind, als er mich lehrte, was einer Schwedin gezieme. So lange er lebt, ist nichts verloren – ist vielleicht gewonnen,« fügte sie leiser für sich hinzu.

Sie schlug ihre Lider auf und heftete die ausdruckslosen Augensterne in die Richtung, aus der zuletzt die Stimme des Jünglings erklungen.

»Ich will Dich nicht kränken, Gustav Rosen,« fuhr sie fort, »Du warst ein Knabe bis heut'; jetzt ist Deine Stunde gekommen, zu zeigen, ob das Blut Deines Vaters, ob das dänische Blut der Mutter in Deinen Adern fließt.«

Karin blickte ihren Geliebten freudig an.

»Gustav hat ein so treues schwedisches Herz, Mutter, wie Du und ich, wie der Vater und wie Gustav Wasa,« sagte sie. »Aber es ist zu spät, ihr solltet zur Ruhe gehen und morgen überlegen, was ihr. zu thun habt.« Stenbock schüttelte den Kopf. »Morgen kann es zu spät sein, Christiern ist rasch – wie die Pest.« Auch Rosen stimmte ihm bei: »Ich weiß, daß ein Befehl ergangen ist, im ganzen Lande Nachlese zu halten, wo Einer von denen, die in dem Verzeichnis des Barbiergesellen Slaghök stehen, dem Verderben entronnen ist. Erzbischof Trolle hat auf sein Anstiften die Anklage erhoben.«

»Gottes Fluch über den Verräther –«. Der leidenschaftliche Ausdruck Brita Stenbock's wurde von einem näheren und lauteren Geheul Björn's übertäubt, der grimmig bellend über die Treppe gegen das Zimmer heraufkam.

»Alle weltlichen Reichsräthe, zwei Bischöfe, der Bürgermeister und die Rathsherren von Stockholm find zusammen enthauptet,« fuhr Rosen aufgeregt fort. »Die Thore waren plötzlich geschlossen, alle Straßen mit dänischen Soldaten besetzt, die nächtlich unbemerkt zu Schiff hereingebracht worden. Wer bei der Hinrichtung zugegen war und einen Klagelaut ausstieß, wurde sogleich von den Henkern gepackt und mitgemordet. Erzbischof Trolle beschwor den König auf den Knieen, den Bann des Papstes an den Gefangenen durch den Tod vollziehen zu lassen –«

Lauter Wortwechsel und Waffengeklirr tönten von der Treppe herauf und unterbrachen den Sprecher; Björn kam mit gewaltigem Satz durch die offene Thür und sprang winselnd und den Kopf mit funkelnden Augen zurückdrehend an Karin empor. Hinter ihm folgte athemlos einer von den Knechten und stotterte:

»Herr, verbergt Euch – die Dänen kommen und suchen Euch – sie sind schon im Hause. Wir sind zu schwach, um sie abzuwehren.«

Die mächtige Gestalt Stenbock's richtete sich hoch auf, seine Hand stützte sich auf den Griff seines Schwertes, und er erwiderte mit lauter und fester Stimme:

»Weshalb soll ich aus meinem Hause entfliehen? Ich bin mir keines Verbrechens bewußt.«

Im selben Augenblick flog die Thür, die der Knecht in seiner Angst hinter sich zugeschlagen, wiederum auf, ein dänischer Hauptmann trat mit gezogenem Schwert herein; hinter ihm drängten sich mit Hellebarden bewaffnete Söldner ins Zimmer. Es war eine so kurze Zwischenzeit nur zwischen der ersten Nachricht von ihrem Kommen und ihrem Erscheinen vergangen, daß außer dem Hausherrn keine der in dem Gemach befindlichen Personen in ihren Zügen die Herrschaft über den ersten unerwarteten Eindruck gewonnen hatte. Er hatte geisterhaftes Licht in Brita Stenbock's todte Augen gerufen, die sich mit einem Glanz tödtlichen Hasses der Thür zuwendeten; Karin's Herz klopfte hörbar, und ihr Blick flog mit fieberhafter Unruhe über die entgegengesetzte Thür, die in ihr Zimmer führte, während Gustav Rosen unwillkürlich hastig in den Schatten des nur matt von der Lampe bestrahlten Fensters getreten war und das geröthete Antlitz in die Nacht hinauswandte. Ingeborg, die Magd, saß jammernd und das Gesicht verdeckend in ihrem Winkel, nur Björn hielt die funkelnden Augen fest auf die Eindringenden gerichtet und warf sich mit dumpfem Knurren vor der Zimmerthür seiner Herrin zu Boden, indem er ab und zu durch eine Lücke an der Schwelle prüfend mit der Schnauze die Luft von drüben einzog.

Der dänische Hauptmann schritt, nachdem seine Augen forschend das Zimmer durchflogen, schnell auf die ruhig emporgerichtete Gestalt des Hausherrn zu. »Herr Gustav Stenbock?« fragte er kurz.

Der Angeredete bejahte, ohne seine Stellung zu verändern.

»Seine Majestät, König Christian der Zweite von Schweden läßt Euch sagen, daß er bedaure, daß Ihr seiner Einladung in seine Reichshauptstadt Stockholm nicht Folge geleistet. Aber er will vergessen, daß Ihr ihn dadurch gekränkt und Euch geweigert habt, dem Wunsch Eures Landesherrn nachzukommen. Deshalb begnügt seine Gnade sich, Eure Widersetzlichkeit mit keiner schwereren Strafe zu belegen, als daß er Euch, bei Verlust Eures Kopfes, verbietet, Euer Besitztum zu verlassen, bis er Euch selbst die Erlaubnis dazu ertheilt. Bei Verlust Eures Kopfes, Herr Gustav Stenbock! Ich habe meinen Auftrag ausgerichtet.«

Stenbock's Brust athmete heftig. »Es hat Niemand das Recht, ohne Urtheil des schwedischen Reichsrathes einen Edelmann unseres Landes gefangen zu halten,« antwortete er mit fester Stimme.

Der Hauptmann wandte den Kopf gleichgültig von ihm auf die Knechte des Hauses zurück, aus deren Mitte ein dumpfes Murren seine Worte begleitet hatte.

»Es ist der Wille Seiner Majestät, daß jede Auflehnung wider seine Gebote augenblicklich mit dem Tode bestraft werde. Legt den Widerspenstigen, der gemurrt, in Ketten und führt ihn nach Stockholm!« befahl er.

Die Soldaten bemächtigten sich des bezeichneten Knechtes, dem keiner seiner Genossen zur Hilfe zu kommen wagte. Nur Stenbock's Hand klammerte sich krampfhaft um den Griff seines Schwertes. Der Hauptmann bemerkte es und fuhr, einen scharfen Blick auf ihn werfend, fort:

»Seine Majestät wird erfreut sein, zu vernehmen, daß er einen treuen und gehorsamen Diener an Euch besitzt, Herr Stenbock. Er zweifelt nicht, daß Ihr Euer Haus nicht zur Zuflucht der Hochverrätherischen Flüchtlinge macht, auf deren Köpfe Preise gesetzt sind und die das Land durchstreifen, um Aufruhr zu erregen. Doch ich habe den gemessenen Befehl, ohne Ausnahme jede Wohnung in hiesiger Gegend zu durchsuchen, und bedauere, auch Euch um so späte Stunde diese Unannehmlichkeit nicht ersparen zu können. Beginnt mit dem nächsten Zimmer, mit diesem da,« setzte er sich zu den Soldaten umwendend hinzu.

Doch die Kraft des Hausherrn, sich zu bezwingen, war erschöpft. Sein verletztes Bein außer Acht lassend, hatte er sich mit einem Sprunge den vorschreiteden Söldnern entgegen geworfen und trat, sein Schwert ziehend zwischen sie und die Thür.

»Sagt Christiern von Dänemark,« rief er laut, »daß er bedauern möge, meinen Kopf nicht mit den andern des schwedischen Adels zusammenzählen zu können! Er war Herr auf seinem Schlösse; ich bin es in meinem. Ich lade ihn ein, zu mir zu Gast zu kommen, und sagt ihm, ich bedauerte mehr, daß er nicht jetzt hier an der Stelle seines Trabanten stehe, damit ich ihm die Stockholmer Gastfreundschaft vergelten könne.«

Die Worte waren mit bitterem Hohn gesprochen und von einem pfeifenden Hieb des breiten Schwertes durch die Luft begleitet, daß die nächsten von den Soldaten erschrocken zurückwichen und unentschlossen auf die herkulische, graue Gestalt, die ihnen den Eingang wehrte, hinblickten. Auf der Stirn des dänischen Offiziers schwollen die Adern dunkel an und er zog drohend die Brauen zusammen. Zugleich winkte er den hinter ihm stehenden Hellebardieren, die ihre Waffen senkten, und sagte gebieterisch:

»Herr Gustav Stenbock, wenn ich meiner Vollmacht Gehör gäbe, hättet Ihr Euer Leben verwirkt. Im Namen König Christian's von Schweden, gebt Raum!«

Die Hellebarden bewegten sich in geschlossener Reihe vorwärts, doch Stenbock regte sich nicht. Er sah fest und starr auf die Spitzen, die ihm näher rückten, dann schlang er den Arm mit stolzem Ausdruck der Befriedigung um den Nacken seiner Tochter, die auf ihn zuflog und mit dem Rufe: »Ich stehe zu Dir, Vater!« sich furchtlos hoch aufgerichtet an seine Seite stellte.

Allein die eisernen Schneiden hielten nicht inne. Sie waren an Blut gewöhnt, und in dem wilden Eroberungs- und Unterwerfungskriege, den der dänische König gegen Schweden führte, mochte es nicht die erste Mädchenbrust sein, auf die sie gezückt wurden. Unbeirrt von der Schönheit derer, die sie bedrohten, rückten sie vor, keine Wimper zuckte an dem kalten Auge des Hauptmanns, die Secunden waren zu berechnen, in denen die blitzenden Speere die Thür erreicht und, was zwischen dieser und ihnen sich befand, durchbohrt zu Boden gestreckt haben mußten.

Doch es befand sich noch eine Person im dem Zimmer, die bisher als stummer Zuschauer dem Vorgang beigewohnt hatte. Nicht die Hausherrin; sie saß wie zuvor antheillos an ihrem Tisch und schien, besonders seit einigen Minuten, in tiefe Gedanken versenkt. Der die Ereignisse im Zimmer mit steigender Unruhe gemustert hatte, war Gustav Rosen. Bei dem ersten Eintritt der Dänen war seine Verlegenheit und sein Bestreben, in der Dunkelheit des Winkels die Aufmerksamkeit von sich abzulenken, unverkennbar gewesen. Mit gerötheter Stirn hatte er schweigend den Wortwechsel zwischen Stenbock und dem Hauptmann angehört; dann durchlief es plötzlich zitternd seinen Körper, wie er die rasche Bewegung Karin's an die Seite ihres Vaters wahrnahm. Er mochte die Persönlichkeit hier und dort gut genug kennen, um zu wissen, daß keine von ihrem Vorsatz abstehen würde – unverrückt durchmaßen die toddrohenden Hellebarden Schritt um Schritt den schmalen Zwischenraum, sie waren nur wenige Fuß noch von der Brust des muthigen, unbeweglichen Mädchens entfernt.

»Halt!« rief Gustav Rosen plötzlich und warf sich zwischen die letztere und die vor der neuen, unerwarteten Erscheinung erstaunt innehaltenden Soldaten. Der Hauptmann, der ebenfalls bisher nicht auf ihn Acht gegeben, trat mit dem gezogenen Schwert heran und fragte barsch:

»Was wollt Ihr? Wer seid Ihr?«

Der Jüngling nannte seinen Namen und fügte einige mit halblauter Stimme gesprochene dänische Worte hinzu, vor denen der Offizier seine Waffe schnell zu Boden senkte. Er hatte mit raschem Griff seine Kopfbedeckung abgezogen und gab den Soldaten einen hastigen Wink, ihre Hellebarden zu schultern und zurückzutreten. Dann sagte er ehrerbietig: »Verzeiht, Herr Rosen, ich besaß keine Ahnung von Eurer Anwesenheit. Ich bitte Euch, mich bei Sr. Majestät –«

Rosen fiel ihm eilig ins Wort. »Das Fräulein ist meine Braut, und es ist ihr Schlafgemach, in das Ihr Euren Soldaten einzudringen befohlen. Ihr werdet begreifen, daß dies Herrn Stenbock seine Besonnenheit verlieren ließ, und es bedarf wohl nicht meines adeligen Wortes, daß in dem Zimmer meiner Braut kein Mann verborgen ist.«

Das Gesicht des Hauptmannes hatte einen verlegenen Ausdruck gewonnen. »Entschuldigt mich, Herr Rosen,« antwortete er stotternd, »aber mein Befehl –«

Gustav Rosen's Stirn runzelte sich und seine Hand fuhr unwillkürlich an den Griff seines Schwertes. Doch er besann sich rasch und versetzte: »Ihr habt Recht, Eurem Befehl muß gehorcht weiden. Doch Ihr werdet zugeben, daß ich auch ein Recht hier besitze, das ich vor Jedermann vertreten werde, und Ihr und Herr Stenbock werden zufrieden gestellt sein, wenn in diesem Zimmer ich Eure Aufgabe übernehme, um der Form Eures Befehles zu genügen.«

Der junge Mann hatte mit ungewohnter Energie und forderndem Ton gesprochen und so bestimmten Nachdruck auf das Wort »vor Jedermann« gelegt, daß der Offizier schweigend die Stirn senkte und durch eine Verneigung seine Zustimmung zu erkennen gab. Er trat einige Schritte zurück und ertheilte seinen Begleitern Anordnungen für die Durchsuchung der übrigen Gemächer des Schlosses. Sein Benehmen drückte aus, daß er in dem Bestehen auf seiner Forderung dem jungen Edelmann gegenüber fast zu weit gegangen zu sein befürchtete und diesen Mißgriff dadurch wieder gut zu machen suchte, daß er eine so entfernte, abgewandte Stellung von dem Zimmer Karin's einnahm, daß weder sein Auge noch sein Ohr an der Untersuchung desselben irgend welchen Antheil nehmen konnte. Stenbock mochte das Bewußtsein zurückgekommen sein, in welche sinnlose Gefahr er sich und die Seinen zu stürzen im Begriff gewesen, denn er trat jetzt wortlos zur Seite und ließ die Thür frei, auf deren Drücker Rosen die Hand legte. »Verzeih' mir, Karin,« sagte dieser, indem er sich noch einmal mit lächelnden Lippen umwandte, »Du weißt –«

Allein seine Augen suchten vergebens. Karin stand nicht mehr an seiner Seite, sie befand sich überhaupt nicht mehr in dem Zimmer. In der Verwirrung, welche das Erscheinen Rosen's unter den dänischen Eindringlingen angestiftet, hatte sie unbemerkt die auf den Flur hinausgehende Thür erreicht und war ins Dunkel hinausgeschlüpft. Hier wendete sie sich nach rechts und durcheilte athemlos eine Reihe lichtloser Gänge, bis sie an die Hinterthür gelangte, durch welche sie vorhin Gustav Folkung in ihr Zimmer hineingeführt hatte. Sie hatte vergessen, daß derselbe sie auf ihre Anordnung von innen verriegelt, und rüttelte heftig an ihr; dann kratzte sie, sich besinnend, mit den Nägeln an dem Holz und rief leise das verabredete Losungswort: »Gustav Wasa!«

Im selben Augenblick öffnete sich die Thür, und vom Mondlicht, das klarer als zuvor ins Fenster fiel, erhellt, stand der Flüchtling vor ihr.

»Du hattest mir Dein Wort gegeben, und Gustav Wasa hat gewartet, bis Du kämest, Karin,« flüsterte er.

»Schnell! Kommt!« antwortete sie, ohne auf seine Worte zu hören. Sie trat rasch ans Fenster, von unten funkelten im Mondenschein Hellebarden aus dem Garten. Karin stieß einen leisen Ton des Schreckens aus; Folkung war ihr gefolgt und legte den Arm um ihren Leib.

»Wenn die nicht dort gewesen, hättest Du mich heute hier nicht mehr gefunden,« flüsterte er abermals, so dicht an ihr Ohr geneigt, daß seine Lippen dasselbe berührten.

Sie riß ihn an der Hand fort und auf den finstern Gang zurück. Zugleich öffnete sich die Thür auf der andern Seite, und Björn sprang mit mächtigem Satze herein. Gustav Rosen stand auf der Schwelle und rief, um jeden Verdacht zu meiden, als ob er der Form nicht genüge, der Magd zu, ihm ein Licht zu bringen, das die noch immer zitternde Ingeborg ihm reichte.

»Geht nicht hinein, nehmt von den Soldaten mit, Herr Rosen; es ist heute nicht richtig drinnen,« bat sie ängstlich.

Doch um des Jünglings Lippen flog ein glückliches Lächeln. »Du hast Recht, es ist gefährlich hier, Ingeborg,« versetzte er mit glänzenden Augen.

Niemand gab aus dem andern Zimmer auf ihn Acht. Die Magd lief scheu zurück, im Flur erklangen die dröhnenden Schritte der dänischen Söldner, die sich dem Befehl ihres Führers gemäß mit von den Knechten herbeigeschafften Lichtern im Schlosse vertheilten. Gustav Rosen bewegte sich, das flackernde Licht mit der Hand schützend, vorwärts und blickte aufmerksam umher. Doch man sah in seinen Augen, der Eifer entsprang nicht der Aufgabe, die er übernommen, sondern einem andern, heimlicheren, herzklopfenden Gefühl.

Plötzlich blieb er wie festgebannt stehen. Sein Blick fiel auf Björn, der sich an dem Bette Karin's aufgerichtet und dasselbe witternd mit der Schnauze überglitt. Die seidenen Kissen hingen halb zum Boden herab, das Lager war unverkennbar von schwerem Druck zerwühlt und die sonst schneeweißen Linnen am Fußende mit Schmutz und feuchtem Lehm besudelt.

Der Jüngling griff an seine Stirn, von der kalte Tropfen herabperlten. Einen Moment drehte sich Alles rund um ihn her im Kreise, sein Herz schlug nicht, sein Blick starrte nur wie sinnverloren vor sich hin. Was Ingeborg gesprochen, das gelle Lachen, das er selbst vernommen, die Worte Karin's: »Glaub' mir, es ist der Wind,« ihr Arm, der ihn sanft von der schon erfaßten Thür zurückgehalten, ihr räthselhaftes Verschwinden jetzt von seiner Seite – alles drängte sich wahnsinnshastig in seinem Kopfe zusammen. Dann fiel sein Auge herab, und gedankenlos näherte er das Licht dem Fußboden.

Die feuchten Spuren schwerer, eisenbeschlagener Männerstiefel kreuzten sich überall durcheinander; sie kamen von der Hinterthür her und führten dorthin zurück. Jetzt witterte Björn darüber und sprang kräftig gegen die nach außen aufschlagende Thür. Sie war in der Eile von dem Letzten, der hindurchgegangen, nicht fest geschlossen und sprang auf, und die Dogge schoß lautlos eilig den dunklen Gang hinab. Besinnungslos folgte ihr Gustav Rosen. Er hatte sein Schwert gezogen und stürzte hinter Björn drein. Das Haar flog ihm um das erhitzte Gesicht, über die irren Augen; in dem langen Treppengang, den er durchlief, war er allein, aber über seinem Kopf und seitwärts von ihm dröhnten überall die Schritte der suchenden Dänen, und er schrie keuchend, verstandesverwirrt und betäubt von unnennbar in ihm wogenden Gefühlen: »Hieher! Hieher!«

Karin hatte ihren Schützling die Treppe hinabgezogen, über die er heraufgekommen; doch anstatt die in den Garten führende Rückthür zu öffnen, tastete sie mit den Fingern seitwärts nach einer andern, die sich in der Wand befand. »Ihr dürft nicht in den Garten, das ganze Haus ist umstellt,« flüsterte sie; »zwölf Stufen steigt Ihr hier hinunter, zählt sie, dann wendet Euch links und ein grader unterirdischer Gang, so hoch, daß Ihr aufrecht darin gehen könnt, führt Euch zum Trollhätta, nahe der Stelle, wo Ihr mich heute gefunden. Gebüsch und ein Stein, den Ihr beiseit rollen müßt, verdecken den Ausgang. Eilt Euch, ich höre sie kommen! Der Gott Schwedens beschütze Euch!«

Im Dunkel kreischten die Angeln der schweren Thür, die der starke Arm des Mädchens aufgerissen. »Eilt Euch!« wiederholte sie hastig und ängstlich und entwand sich der Hand ihres unsichtbaren Begleiters, der suchend nach ihrem Nacken tastete.

»Du weißt nicht, was Du verlangst, Karin,« sagte er mit glühendem Ton. »Was läge für mich und für Schweden daran, wenn sie mich hier fänden und zu Deinen Füßen niederstreckten? Was läge Dir daran? Ich aber würde im Tode Deine Füße küssen –«

Ein Lichtschimmer fiel bis an den Fuß der Treppe hinab. »Ihr seid wahnsinnig,« stieß Karin zitternd aus und suchte ihn mit beiden Händen durch die rettende Thür zu drängen. Doch ihre Stärke war die eines Kindes gegen die seine. Er umfaßte sie mit den Armen und stammelte:

»Gieb mir einen Kuß, Karin, und ich will mich und will Schweden retten. Ich verlange keinen zweiten von Dir, ehe ich mein Versprechen erfüllt. Doch wenn Du ihn mir verweigerst, bleibe ich und überliefere mich selbst den Dänen, und Du bist meine Mörderin!«

Das Mädchen rang angstvoll. Plötzlich rief sie freudig: »Björn! Hilf mir, Björn!« Der Hund kam mit dem zottigen Schweif wedelnd heran, doch es war zu spät, auch wenn er gewußt, was er hindern sollte, hätte er es nicht mehr verhüten gekonnt, daß der verfolgte Bedränger die Lippen seiner Herrin erreicht und die seinen ungestüm feurig darauf gepreßt hatte. Mit einem Schrei des Zornes und der Angst zugleich riß Karin sich los, das herannahende Licht blitzte um die Ecke, und Rosen stand mit den Augen vor sich hinabsuchend wenige Schritte über ihnen auf der obersten Stufe der kurzen Treppe.

»Gottlob, es ist mein Bräutigam!« stieß Karin athemlos aus. Es lag ein doppelter Sinn der Freude in den Worten, für sie wie für ihren Schützling, vor dem sie selbst Schutz zu wünschen genöthigt worden. Doch anders war die Wirkung des Satzes auf jenen. Einen Augenblick taumelte er wie blitzgetroffen an die Wand zurück, dann sprang er mit einem tigerhaftwilden Satze wieder auf sie zu, packte ihre Schulter und rief:

»Du bist die Braut eines Andern, Karin Stenbock?«

Es war das nämliche gelle, schneidende Lachen, das die Worte begleitete, wie es vorhin die Erzählung Gustav Rosen's unterbrochen. Der Letztere war bei dem Klang der Stimme bleich wie der Tod die Stufen herabgesprungen, der Schein seines mit bebender Hand vorgestreckten Lichtes traf voll über das Antlitz Folkung's.

»Gustav – –« schrie der Jüngling auf. Er hatte mit irrer Hand sein Schwert erhoben, als wollte er es auf die Stirn Folkung's herabschleudern, doch Karin fiel ihm in den Arm, und zugleich, ehe er seinen Ausruf vollenden konnte, legte sich die Hand des Verfolgten blitzschnell auf seine Lippen.

»Du bist des Todes, Gustav Rosen, wenn Du meinen Namen aussprichst,« sagte er so gebieterisch, daß der Jüngling vor seinen flammenden Augen zurückwich. »Du hast mir gute Kunde gebracht; der Schnitter mußte kommen, um mit blutiger Sense das Unkraut auszurotten, ehe die Saat der Zukunft sich bestellen läßt. Vergiß nicht, was Gustav Folkung Dir gesagt! Leb' wohl, Rose vom Trollhätta, ich halte mein Wort.«

Betäubt sah Rosen auf, der Sprecher war verschwunden, nur das Krachen der schweren, eisenbeschlagenen Thür, die neben ihm ins Schloß fiel, verrieth den Weg, den er genommen. Andere, laute Schritte stürmten durch den Gang; Karin nahm das Licht aus der zitternden Hand ihres Geliebten, der, lautlos die blauen, glanzlosen Augen auf sie gerichtet, an der Wand lehnte. Nur eine Thräne rollte langsam von der Wimper über seine Wange. »Es War gut, daß Du kamst, mein Gustav,« sagte sie dankbar. Er blickte sie verstört an und wiederholte: »Es war gut – o Karin, wäre ich nicht gekommen, wäre ich nie gekommen, Karin!«

Sie verstand ihn nicht und faßte seine Hand. Der dänische Hauptmann erschien von seiner Mannschaft begleitet auf der Treppe. – »Ihr habt gerufen, Herr Rosen?« sagte er höflich.

»Es war nichts – Björn witterte einen Wolf, der ums Haus schlich, um ein Lamm zu stehlen,« antwortete der Jüngling, auf den bei dem Anblick der Soldaten wieder knurrenden Hund deutend.

»Wir haben ebenfalls nichts entdeckt,« versetzte der Offizier. Er schritt zurück, wandte sich jedoch noch einmal um und fügte mit artigem Gruß bei:

»Ich bitte Euch, auch bei dem Fräulein Fürsprache für mich einzulegen. Es kam mir natürlich so wenig wie Euch in den Sinn, Argwohn in Bezug auf das Zimmer Eurer Braut zu hegen. Doch Ihr wißt, die Pflicht, Herr Rosen –«

»Ich weiß, und ich hätte Euch nicht hindern sollen, Eure Pflicht selbst zu erfüllen,« fiel der junge Mann bitter ein; »entschuldigt, Hauptmann, ich gebe Euch mein Wort, wenn der Fall sich erneuern sollte, werde ich es nicht wieder thun. Aber andrerseits hättet Ihr Euch diesmal begnügen können und mir diesen Weg ersparen. Ich gab Euch ja mein adliges Wort, daß in dem Zimmer meiner Braut kein Mann verborgen sei.«

Gustav Rosen lachte bei den letzten Worten auf, daß der Offizier ihn verwundert ansah. Dann grüßte der Letztere noch einmal und entfernte sich. Karin schritt schweigend neben ihrem Bräutigam den Gang hinauf. Ihr Auge streifte ab und zu sein Gesicht mit fragendem Ausdruck, als erwarte sie ein Wort von ihm. »Du bist so sonderbar heut' Abend, Gustav,« sagte sie endlich.

»Sonderbar?« wiederholte er stillstehend – »ich bin es nicht, Karin, die Welt ist sonderbar. Gieb mir Deine Hand.«

Das Mädchen that, was er gefordert; er hielt die kleine Hand fest in seiner und blickte darauf hin, bis ihm die Thränen wieder in die Augen traten.

»Ich sah vor zwei Tagen, wie König Christian seinen Gästen die Hand reichte,« fuhr er langsam fort, »und seine Hand war ebenso ruhig und weiß und kühl, wie diese. Und dann schlang er den Arm um ihren Nacken und küßte sie –«

Der Jüngling umfaßte heftig den goldlockigen Hals seiner Geliebten und küßte ihre willig dargebotenen Lippen – »nein, nicht die Welt, das Herz ist sonderbar,« vollendete er leise, »denn es glaubt nicht, was die Augen sehen und was die Ohren vernehmen; es glaubt nur, was es glauben will.«

Und er umschloß abermals das schöne Haar Karin's mit dem Arm und hielt es weiterschreitend krampfhaft fest an seine Brust gedrückt.

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