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Kapitän Mansana

Bjørnstjerne Bjørnson: Kapitän Mansana - Kapitel 9
Quellenangabe
typenovelette
authorBjörnstjerne Björnson
booktitleAuf Gottes Wegen ? Kapitän Mansana
titleKapitän Mansana
publisherMitteldeutsche Verlagsanstalt Lehmann & Fink
seriesBjörnson - Ausgewählte Werke
volumeErster Band
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20070827
projectid391868d1
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IX.

Der Rausch endete weder an diesem Tage, noch in den nächsten. Auch die höhere Gesellschaft ward in denselben hineingezogen, indem man die Verlobung mit Festen und Ausflügen feierte.

Dieselbe wirkte ja überraschend märchenhaft. Mansanas Ruf, Teresas Rang, Reichtum, Schönheit; sie, die nie Besiegte, er, der immer Siegreiche, und dann die Verlobungsgeschichte selbst, welche der Volksmund aufs unglaublichste ausgeschmückt hatte, – all dies wurde gehoben durch die Glückseligkeit der Fürstin; sie strahlte in der That einen magischen Glanz aus.

Sah man sie beide zusammen, so zeigten sie einen merkwürdigen Gegensatz.

Sie waren beide hoch gewachsen, hatten beide den elastischen Gang und die stolze Haltung; jedoch ihr Gesicht war länglich, das seinige von kurzer Bildung; sie hatte große offene, er kleine tiefliegende Augen. Man mußte ihre feine gerade Nase, den schwellenden Mund, das edelgeformte Kinn, die schön geschwungene Wange, umrahmt von reichem, schwarzem Haare, bewundern, doch seine niedrige Stirn, der kleine, festgeschlossene Mund, das trotzige Kinn, das kurzgeschnittene Haar machten ihn nicht sehr hübsch.

Ebenso verschieden war ihre nach außen gewendete Freude, das geistvolle Spiel ihrer Rede und sein wortknapp verschlossenes Wesen.

Allein weder sie noch sonst jemand wünschte sich ihn anders, – selbst nicht in diesen Tagen; denn so war er nun einmal! Er machte ja sogar das, wofür er sein Leben einsetzte, zu einer kurzen Alltagsgeschichte, wenn er überhaupt davon sprach – und in der Regel sprach er nicht. Daher konnte weder die Fürstin noch die Gesellschaft bemerken, daß nun, ja gerade nun eine große Änderung mit ihm vorging.

Es giebt eine grenzenlose Unterwerfung, eine eifersüchtige Dienstfertigkeit, welche den Empfangenden zu einem Sklaven, zu einer Sache umschafft. Nicht eine Minute der Freiheit, nicht ein Stümpfchen von Eigenwillen behält er. Die geringste Äußerung einer solchen ruft nämlich zwanzig neue Pläne zur Bereicherung des Gewünschten und einen förmlichen Gewitterschauer stürmischen Thuns hervor.

Es giebt auch eine Art der Vertraulichkeit, welche sich in einsame Gefilde unserer Seele eindrängt, die vorher noch niemand betreten, – eine Vertraulichkeit, welche Gedanken errät, heimliche Erwägungen hervorzieht, die einen Menschen scheu macht, welcher bisher gewohnt war, alles gut verschlossen zu halten.

Dies und manches andere geschah auch mit Mansana. In wenig Tagen fühlte er sich übersättigt; eine unsägliche Müdigkeit folgte der doppelten Aufregung, jener der Verzweiflung und dann der Freude, und machte ihn nun doppelt reizbar. Es gab Momente, wo er Teresa und die Gesellschaft verabscheute. Er empfand ja selbst Entsetzen darüber, betrachtete es als schwärzeste Undankbarkeit und, ehrlich wie er war, gestand er es zuletzt der Fürstin.

Er ließ sie ahnen, wieviel er gelitten und wie nahe sie dem Untergang gewesen und daß dies Übermaß wilder, öffentlicher Belustigungen, in die er nun geraten war, gerade das Gegenteil von dem sei, was ihm notthue. Er konnte nicht mehr.

Diese Entdeckung ergriff sie sehr.

In einem Sturm von Selbstanklagen bestimmte sie, daß er Ruhe haben solle und sie beide abreisen müssen.

Sie wollte nach Rom und nach Ungarn, um ihre Angelegenheiten für die Hochzeit in Ordnung zu bringen; er sollte in eine kleine Bergfestung im Süden, wo er für ein paar Monate mit einem Offizier tauschen konnte, welcher gerade nach Ancona wollte.

Stark, wie sie war, waren alle Vorbereitungen in kürzester Zeit getroffen.

In zwei Tagen waren beide abgereist.

Der Abschied war von Teresas Seite ergreifend, von Mansanas wahrhaft herzlich; ihre Liebe, ihr Eifer rührten ihn.

Doch kaum war er allein, schon auf der Reise und dann in der Garnison, versank er gänzlich in Schlaffheit. Er hatte von ihr fast keine andere Erinnerung als die eines fürchterlichen Lärms.

Er mochte nicht einmal die Briefe öffnen, welche von ihr kamen; er fürchtete deren Heftigkeit.

Sie schrieb und telegraphierte mindestens einmal am Tage und als die Pflicht zu antworten ihm zu drückend ward, da flüchtete er sich aus seinen eigenen Gemächern, wo all das Unerledigte lag und wartete.

Außerhalb der Dienstzeit trieb er sich daher in den nahen Wäldern und Bergen umher; denn die Gegend besaß eine ungewöhnlich wilde Schönheit.

Auf diesen Touren konnte er alles in eine Art Blendwerk auflösen. Eine Principessa-Herrlichkeit hat in Italien viel weniger Anziehendes als anderwärts; dazu giebt es deren allzuviele in diesem Lande, und allzuviele in recht zweifelhaften Verhältnissen. Auch Teresas vom Vater ererbter Reichtum hatte nichts Verlockendes; ihre Mutter hatte ihn ja gewonnen, indem sie ihr Geburtsland in dessen Erniedrigungsepoche verriet. Nicht einmal Teresas Schönheit hielt Stich; denn sie begann schon überreif zu werden. Ihr wunderbares Zusammenfinden vermochte nicht mehr die lange Demütigung zu verwischen, welche sie ihn hatte durchmachen lassen, und ihr Ungestüm erfüllte ihn mit Überdruß. Es gab wohl Momente der Ermannung, wo die Bilder andere werden wollten; allein da erhob sich sein Stolz und sagte ihm, er würde in dieser Verbindung doch stets der unterlegene Teil bleiben, ja zuletzt vielleicht der Gegenstand ihrer Launen werden; denn war er es etwa nicht schon gewesen?

Von seinen Morgenspaziergängen ruhte er sich gewöhnlich auf einer Bank aus, welche ein wenig oberhalb der Stadt unter einem alten Olivenbaum angebracht war. Von hier ging er dann hinab und aß sein Frühstück.

Als er sich eines Morgens hier erhob, sah er einen älteren Mann und eine junge Dame die verlassene Bank einnehmen. Dasselbe geschah zur gleichen Stunde am nächsten Morgen. Wieder am nächsten blieb er, nicht unfreiwillig, etwas länger sitzen und konnte dadurch die Dame sehen und mit dem alten Herrn sprechen. Die Leichtigkeit, mit welcher die Italiener eine Unterhaltung und Bekanntschaft anknüpfen, ließ ihn bald erfahren, daß der alte Herr ein pensionierter Offizier des früheren Regimes sei und das Mädchen seine Tochter, etwa fünfzehn Jahre alt und soeben aus dem Kloster gekommen.

Sie hielt sich dicht an den Vater, sprach nur wenige Worte aber diese mit der allersüßesten Stimme.

Von nun an trafen sie sich jeden Tag, und zwar nicht zufällig. Er wartete so lange oben, bis er sie unten kommen sah, und ging dann zur Bank.

Die beiden waren so freundlich und still. Der Alte sprach täglich etwas ängstlich von Politik; wenn er damit zu Ende war, wendete sich Mansana mit ein paar Worten an die Tochter.

Sie war das wiedererstandene Bild ihres Vaters. Er war beleibt gewesen; noch bewahrte sein Gesicht eine gewisse runzlige Fülle. Sie mußte in der Zukunft ebenso aussehen; ihre kleine runde Gestalt ließ dies erwarten; allein nun hatte dieselbe noch jene Knospenfülle, welcher ein Morgenkleid so wohl ansteht, und Mansana sah sie nie in einem anderen.

Die Augen des Vaters waren matt und wässerig, die ihrigen aber halb geschlossen; sie trug auch den Kopf etwas vorhängend. Gesicht und Erscheinung des lieblichen Wesens hatten eine eigene stille Anziehungskraft.

Das Haar trug sie einen Tag wie den anderen ängstlich nach der allerneuesten Mode aufgesteckt; es verriet das die Lust des Klosterkindes, in dieser schlimmen Welt auch ein wenig mitzuthun.

Die runden kleinen Hände, welche so gut und fest an den Gelenken saßen, beschäftigten sich immer mit irgend einem Putzgegenstand, über welchen das Haupt sich beugte und auf welchen die halbgeschlossenen Äuglein schauten. Sie blickte auf, wenn Mansana zu ihr sprach, doch meist nur von der Seite, obgleich nicht an ihm vorbei. Eine unausgeschlossene Kinderseele guckte halb scheu, halb froh, aber ganz neugierig aus denselben heraus – in die neue Welt hinein und auf die neuen Menschen hin.

Je mehr man solche halbgeschlossene Augen betrachtet, desto mehr beschäftigen sie; denn sie liefern nie ganz ihren Inhalt aus.

Was die ihrigen betraf, so saß oft der Schelm in deren Winkeln, und was dieser Schelm von ihm dachte. – Mansana hätte viel darum gegeben, wenn er es hätte wissen können. Und gerade um es aus ihr herauszulocken, erzählte er ihr viel mehr von sich, als er je ein und derselben Person erzählt hatte.

Es unterhielt ihn, die zwei Lachgrübchen ihrer Wangen arbeiten zu sehen und Rührung um den kleinen Mund zucken, welcher nie sich recht öffnete, – so rot und süß wie eine unberührte Waldbeere.

Doch noch mehr unterhielt es ihn, wenn sie mit einer Stimme, deren unschuldiger Klang ihm ins Herz drang, verschämt, aber neugierig ihn über seine bevorstehende Hochzeit auszufragen begann.

Ihre Gedanken über Verlobung und Hochzeitsreise, welche sie nie offen aussprach, die aber aus all ihren Fragen herauslugten, schienen Mansana so köstlich, daß sie ihm den Gegenstand selbst wieder lieb machten.

Ihr also verdankte Teresa es, wenn sie zehn bis zwölf Tage nach seiner Hierherkunft wirklich einen Brief und dann noch mehrere erhielt.

Er war kein Meister der Feder, die Briefe wurden also kurz wie seine Rede; wenn sie aber recht warm wurden, so dankten sie das wieder der Kleinen. Jeden Morgen nach dem Frühstück schrieb er; jeden Morgen hatte er nämlich in dem unschuldigen Geplauder mit ihr, im Anblick ihrer frischen Formen, in der spielenden Thätigkeit ihrer Hände und in der Harmonie ihres Mundes, der Augen, der Grübchen, im Genusse des Klangs ihrer Stimme ein heiteres Behagen gefunden und seine Sehnsucht erwachen gefühlt.

Gerade der Gegensatz zwischen ihr und Teresa ließ diese so großartig erscheinen, in all' ihrer inneren und äußeren Pracht, wenn er nachher beim Schreibtische mit ihr sprach.

Über ihre Heftigkeit vermochte er noch nicht zu lächeln; allein mit welcher Größe faßte sie nicht sein Stillschweigen auf!

»Ich hatte es gar nicht bedacht; natürlich brauchst du mir nicht zu schreiben! Du mußt für uns beide Ruhe haben; gewiß solltest du auch meine Briefe los sein, – wenigstens deren Ungestüm. Doch vergieb mir! Es ist einzig deine Schuld, so wie es einzig die meine ist, was du noch leidest und was ich mir nie verzeihen werde, sondern durch ein ganzes Leben will gutzumachen suchen!«

Nicht eine Frau unter Tausenden hätte so gedacht und geschrieben, – das mußte er sich selbst gestehen, – aber auch, daß sie ihn noch immer aufregte. Um sie selbst ausgeglichener, stiller zu machen, erzählte er ihr von Amanda Brandini – so hieß nämlich die Kleine.

Er gab ein Gespräch wieder, welches er mit dem Mädchen über Hochzeit und Ehe geführt. Es schien ihm selbst so fesselnd und dabei ganz gut wiedererzählt; er mußte es noch einmal durchlesen.

Auf die heiteren Begegnungen des Morgens, auf welche Mansana sich den ganzen Tag über freute, folgte nie eine Aufforderung, sie zuhause zu besuchen. Diese ehrbare Zurückhaltung gefiel ihm. Aber diese Begegnungen erhöhten immer mehr seine Sehnsucht nach Teresa, und wie unsäglich überrascht war die Fürstin, als sie von Mansana ein Telegramm empfing, daß er hoffe sie in drei Tagen in Ancona zu treffen; er sehne sich.

An dem Tage, an welchem er dies Telegramm abgeschickt hatte, kam er auf einen kleinen Platz, auf welchem ein Kaffeehaus lag, und da er durstig war, trat er hier ein.

Während er dasaß und wartete, schaute er auf den Platz hinaus; er war nie vorher hier gewesen.

Da bemerkte er auf einem Balkone gerade gegenüber Amanda Brandini.

Also hier wohnte sie!

Aber neben ihr und an dasselbe Gitterwerk gelehnt und so nah zu ihr, daß er ihren Atem schlürfen konnte, stand ein junger, schmucker Lieutenant. Gerade an diesem Vormittage war derselbe Mansana vorgestellt worden und dieser hatte zugleich vernommen, daß der Jüngling der Nachbargarnison angehörte und allgemein der »Amorino« genannt wurde.

Aber nun blickten Amorinos Augen in jene Amandas; sie lächelten beide und ihre Lippen bewegten sich, und da man die Worte nicht verstehen konnte, so schien es Mansana, als flüsterten sie vertraulich. Sie hörten gar nicht auf.

Giuseppe Mansana fühlte sein ganzes Blut gegen sein Herz strömen und einen heftigen Stich. Er erhob sich und wollte fort, erinnerte sich, daß er nicht bezahlt, was er unberührt hatte stehen lassen, kehrte noch einmal um und that es.

Als er herauskam und aufsah, gewahrte er mit Erstaunen, daß die beiden auf dem Balkone mit einander handgemein geworden. Der Amorino bedrängte sie und sie wehrte sich, rot wie Blut. Die Kampfstellung hob ihre Gestalt hervor; die Erregung verschönte ihr Antlitz. Amorinos nachlässigsicheres Drauflosgehen bildete dazu einen empörenden Gegensatz.

Wer hatte nur solch einen Hausdieb eingelassen?

Wo steckte der Vater?

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