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Kapitän Mansana

Bjørnstjerne Bjørnson: Kapitän Mansana - Kapitel 8
Quellenangabe
typenovelette
authorBjörnstjerne Björnson
booktitleAuf Gottes Wegen ? Kapitän Mansana
titleKapitän Mansana
publisherMitteldeutsche Verlagsanstalt Lehmann & Fink
seriesBjörnson - Ausgewählte Werke
volumeErster Band
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20070827
projectid391868d1
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VIII.

Am nächsten Tage um vier Uhr führte ein Diener Mansana durch das Vorgemach und den Spiegelsaal in den Konzertsaal, und von hier weiter in einen der inneren gotischen Räume, wo photographische Ansichten von der letzten Reise der Fürstin ausgelegt waren.

Man meldete, die Fürstin werde gleich fertig sein.

Sie erschien in einer Art von polnischem oder ungarischem Anzug; das Wetter war nun, im November, und besonders an diesem Tage etwas kühl. Sie trug daher ein dicht anschließendes Samtkleid, dessen zobelbesetztes Oberteil bis zu den Knieen reichte, auf dem Kopf eine zobelbesetzte hohe Mütze und offene Haare.

Als sie ihm die weißbehandschuhte Hand reichte, welche unter dem Rauchwerk noch Spitzen umrahmten, geschah es mit einem festen, freundlichen Zutrauen, von welchem auch Auge, Antlitz, ja, die ganze volle Gestalt selbst Zeugnis ablegte.

Doch es sollte nun einmal geschehen!

Wenigstens faßte er es so auf, als wolle sie ein Vertrauen zeigen, welches sie nicht besaß, und diese Auffassung wurde dadurch noch bestärkt, daß sie leicht hinwarf, es wäre vielleicht besser, die Fahrt aufzuschieben: die Pferde seien durch die Reise auf der Eisenbahn noch etwas scheu.

Mit kühlem Scherz wies er ihre Furcht zurück.

Sie spähte in seinem Antlitz; es war abgespannt und leidend; aber es war verschlossen – was ihm übrigens gut ließ.

Sein Wesen war gemessen, doch von größerer Sicherheit als es seit lange gewesen.

Man meldete, daß die Pferde vorgefahren seien und gleichzeitig trat die Freundin ein.

Mansana bot der Fürstin den Arm und sie nahm denselben.

Auf der Treppe, blickte sie wieder in sein Antlitz empor und glaubte zu bemerken, wie dasselbe flammte.

Nun bekam sie Angst.

Vor dem Kutschschlage nahm sie den Umstand, daß man die Rosse während des Einsteigens halten mußte, zum Anlaß, um noch einmal zu äußern:

»Es ist bestimmt noch zu früh, mit ihnen zu fahren. Sollten wir es nicht doch noch hinausschieben?«

Ihre Stimme klang flehend; flehend legte sie auch die Hand auf seinen Arm und sah ihm zutraulich in die Augen.

Sein Gesicht verwandelte sich unter ihrem Blick; seine Augen verfinsterten sich.

»Ich hätte mir denken können, daß Sie es nicht wagen würden, noch einmal die Fahrt mit mir zu machen!«

Feuerrot sprang die Fürstin in den Wagen, leichenblaß, steif wie ein Stock nach ihr die Freundin; doch wie zum Tanz schwang sich Mansana auf den Bock.

Kein Diener folgte ihnen; es war nur ein leichtes Kabriolet.

Kaum waren die Tiere losgelassen, so zeigte sich die Gefahr; sie stellten sich auf die Hinterbeine; das eine wollte hinaus, das andere herein. Die Fahrt durchs Thor dauerte gewiß eine Minute.

»Mein Gott, wie du das nur wollen kannst!« flüsterte die Freundin und starrte in Todesangst auf die zwei Pferde, welche stiegen, zerrten, wieder stiegen, einen Hieb bekamen und hinten ausschlugen, sich zur Seite werfen wollten, wieder einen Hieb erhielten und zurück sich bäumten, darauf einen neuen Schlag und endlich vorwärts gingen.

Das Peitschsystem mußte jedenfalls nicht das richtige sein.

Als sie auf die Gasse kamen, zitterten die beiden fremden Tiere und stampften; die neuen Gegenstände, die neuen Töne, die neuen Farben, das südlich grelle Licht auf allem und jedem entsetzte sie. Allein Mansanas wohlgeübte, kräftige Arme hielten bis über das Cavourdenkmal hinaus die Pferde in ruhigem Gang; erst von da an begann er die Zügel zu lockern, ganz nach und nach.

Er schaute zurück und begegnete dem Auge der Fürstin; nun war er der Lachende, sie die Leidende.

Was hatte ihr nur die unglückselige Idee eingegeben, diese Fahrt zustande zu bringen!

In der Minute, in welcher sie den Vorschlag gethan, hatte sie ihn auch schon bereut. Seitdem sie gestern den Blitz in seinem Auge gesehen, war sie gewiß, daß er die Tour zu einer Strafe benützen werde, und zwar mit der gleichen wilden Unbarmherzigkeit wie damals.

Warum saß sie also da?

Während sie auf jede Bewegung Mansanas, der Tiere achtete, fragte sie sich dies wieder und wieder, – nicht um der Antwort willen, sondern weil der Gedanke nicht ruhte.

Vorwärts ging es, noch im Trabe, allein im raschesten, der zu erreichen war, und es nahm kein Ende. Er sah sich endlich um. Es war eine Bewegung voll innerem Jubel; seine Augen flammten.

Allein dies war nur die blitzschnelle Einleitung zu dem folgenden. Er hob nämlich die Peitsche, und mit breitem, kunstmäßigem Schwung ließ er dieselbe sausend auf die Tiere herabfallen. Kaum hörten diese das Pfeifen in der Luft, so legten sie mit langem Sprung zum Galopp aus.

Kein Laut von den beiden Damen im Wagen.

So that er es noch einmal, – und damit waren die Pferde ganz toll geworden.

Gerade hier begann der Weg sich in einen immer steiler ansteigenden Abhang einzubohren. Und gerade hier erhob Mansana die Peitsche zum drittenmal, schwang sie gleich einem Lasso über seinen Kopf und ließ sie dann herniederfallen.

Diese Bewegung bei diesem Galopp an dieser Stelle, – es schlug mit Blitzesklarheit in Teresas Sinn: nicht Strafe suchte er, sondern Tod, – den Tod mit ihr!

Wenn irgend eine Fähigkeit unserer Seele ihren ewigen Ursprung bezeugt, so ist es die Fähigkeit, in der Sekunde einer Sekunde eine weite Spanne von Zeit und Begebenheit zu umfassen.

Von dem Momente, wo die Peitsche diesen übermütigen Bogen beschrieb, bis zu jenem, da sie herunterfiel, hatte die Fürstin nicht bloß eine wichtige Entdeckung gemacht, sondern auch ihren ganzen bisherigen Verkehr mit Mansana in dieser neuen Beleuchtung noch einmal durchlebt und daraus die Gewißheit seiner Liebe geschöpft, seiner stummen, stolzen Liebe, welche den Tod mit Jubel hinnahm, wenn er mit ihr ihn teilen durfte, – und in derselben Sekunde hatte sie ihren Entschluß gefaßt und ausgeführt.

Denn wie die Peitsche niederfiel, hörte er hinter sich:

»Mansana!« – rufen, nicht in Furcht oder Zorn, nein, nein, einen wilden Freudenruf.

Er warf den Kopf herum; in der orkanartigen Schnelligkeit ihrer Fahrt stand die Fürstin hoch aufgerichtet, mit leuchtendem Antlitz und ausgestreckten Armen da.

Rascher, als es sich sagen läßt, war er wieder den Pferden zugewandt, hatte die Peitsche weggeschleudert, die Zügel zwei, dreimal um den Arm geschlungen und stemmte sich nun mit gewaltigem Ruck gegen das Trittbrett des Wagens.

Er wollte mit ihr leben!

Nun gab es einen Kampf. Mansana wollte die Brautfahrt des Todes zu der des Lebens umzwingen.

In einer wirbelnden Staubwolke, am Rande des Abhangs raste das Fahrzeug dahin; er brachte die schäumenden Pferde dazu, die Köpfe höher zu halten, so daß ihre langen Mähnen gleich schwarzen Schwingen nachflatterten; dies war aber auch alles.

Da faßte er mit beiden Händen den rechten Leitriemen, um das wilde Gespann in die Mitte des Weges zu lenken, – auf die Gefahr hin, daß jemand oder etwas ihnen hier entgegenkam; denn dann jagte der Zug geradeaus in die Pforten des Todes.

Er bekam die Tiere auch richtig in die Mitte; allein die Schnelligkeit war nicht gehemmt, – und dort, – ganz fern, – vermeinte er etwas kommen zu sehen, – immer mehr und mehr, – der ganze Weg schien dadurch versperrt. Näher und näher – und nun erwies es sich als eine jener endlosen Ochsenherden, die man im Herbste dem Meere zu treibt.

Da erhebt sich Mansana und wirft die Zügel nach vorwärts. – Ein lauter Schrei von rückwärts. – Er springt, – noch ein schneidender Schrei – doch schon sitzt er auf dem Rücken des rechten Pferdes und hält das linke am Gebiß. Das Tier, auf welchem er sitzt, macht mitten im Lauf einen Satz, wobei es vom anderen umgerissen wird. An dem Zugschwengel wird es noch ein Stück weit mitgeführt, bis dieser unter der Bürde bricht, und noch mitgeschleppt, bis auch den Strang zwischen beiden reißt.

Mansanas Griff ins Gebiß des zweiten Pferdes ward seine Rettung und brachte in Verbindung mit der Last des gestürzten Tieres den Wagen zum Halten.

Nun fühlt aber das liegende Roß das Fahrzeug über sich; wild schlägt es um sich; das stehende steigt empor; die Deichselstange wird geknickt und der Stumpf derselben stößt Mansana beiseite; doch dieser hält fest und ist nun vor dem sich bäumenden Pferde, oder eigentlich mehr unter demselben, bis ein grausamer Griff in dessen Nüstern es wieder zur Ruhe bringt und es endlich still steht wie ein gefangenes, zitterndes Lamm.

Mansana ist wieder auf die Füße gekommen; er hilft dem gestürzten Tiere, welches schon einige gefährliche Versuche gemacht hat, sich zu erheben.

Erst nun, überschüttet von Staub, zerfetzt, blutig, ohne Mütze, erst jetzt blickt Mansana auf und schaut sich um.

Teresa steht aufrecht vor dem geöffneten Schlage. Sie hatte sich offenbar hinauswerfen wollen, war von den heftigen Stößen des Wagens zurückgeschleudert worden, hatte sich wieder erhoben ... oder so ähnlich; sie wußte es selbst nicht. Aber was sie wußte, war, daß er vor ihr stand, gerettet, mit den bebenden Pferden am Gebiß.

Heraus und ihm entgegen, – und er ihr mit offenen Armen zugewendet; sie stürzt in dieselben hinein! Brust an Brust, Lippe an Lippe die hohen Gestalten in inniger Umschlingung! Es wollte kein Ende nehmen. Die Arme ließen nicht los, nicht einmal um neu zu fassen, – nicht die Lippen, nicht die Augen, nur daß die ihrigen sich schlossen.

Das erste Wort, das sie sprachen, war ein geflüstertes: »Teresa!« – und die Lippen saugten sich wieder fest an einander.

Nie hat irgend ein Weib mit größerem Jubel die Stellung einer Herrscherin eingenommen, als die Fürstin die Rolle der Unterworfenen, nachdem die Umarmung sich endlich löste.

Nie hat irgend ein Flüchtling mit so wunderbaren, seligkeitstrahlenden Augen um Verzeihung gebeten, daß er seine Freiheit hatte verteidigen wollen.

Nie vorher hat eine Fürstin sich mit so brennendem Eifer in Sklavendienstbarkeit gestürzt, wie Teresa, als sie Mansanas Wunden, seine zerfetzte und beschmutzte Kleidung entdeckte. Mit den feinen weißen Händen und dem reichbesetzten Taschentuch und ihren Nadeln begann sie zu waschen, zu verbinden, zu flicken und zu nähen, – und mit ihren Augen linderte und heilte sie, – nicht gerade diese Wunden, aber doch auch Wunden; denn er fühlte gar nichts mehr.

In jeder kurzen Pause zwischen der Arbeit umarmten sie sich von neuem in stummem oder beredtem Glück. Zuletzt vergaßen sie gar den Wagen, die Pferde, die Freundin und machten sich selbst auf den Weg, als gäbe es sonst nichts auf der Welt zu bedenken, als daß sie ihr neugefundenes Glück möglichst rasch nachhause trügen.

Erst ein Angstruf der Freundin und die langsam nahende Herde erweckte sie wieder zur Gegenwart.

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