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Kapitän Mansana

Bjørnstjerne Bjørnson: Kapitän Mansana - Kapitel 7
Quellenangabe
typenovelette
authorBjörnstjerne Björnson
booktitleAuf Gottes Wegen ? Kapitän Mansana
titleKapitän Mansana
publisherMitteldeutsche Verlagsanstalt Lehmann & Fink
seriesBjörnson - Ausgewählte Werke
volumeErster Band
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20070827
projectid391868d1
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VII.

Wieso kam es, daß er nicht gleich am nächsten Tag in ihrem Palaste stand? Weil er heimlich hoffte, sie werde noch einmal zu ihm kommen.

Eine so lang verschlossene, in der Stille genährte Eitelkeit wie die Mansanas kann durch die unglaublichsten Einfälle überraschen; dieselbe ist nämlich zu gleicher Zeit schüchtern und dreist. Trotz ihrer Einladung war er wirklich zu schüchtern, um sie aufzusuchen. Aber nebenbei war er so dreist zu glauben, sie müsse dann dorthin kommen, wo er sie letzthin getroffen. Seither ging er täglich zur Messe, aber nicht sie, und als er ihr zufällig am Meere und zu Fuß begegnete, da sah er, daß sein Ausbleiben sie verlegen oder böse gemacht, er wußte nicht recht, ob das eine oder das andere.

Zu spät entdeckte er, daß er in den Hoffnungen seiner Eitelkeit sogar die gewöhnlichste Höflichkeitsform außer acht gelassen; – er eilte zum Palaste, um seine Karte abzugeben.

Ein alter italienischer Palast, dessen Grundmauer oft in der großen Kaiserzeit gelegt worden, dessen Inneres ein Überrest des Mittelalters, dessen Äußeres mit Façade und Portikus der Renaissance oder der Barocke entstammt – und dessen Ornamentik und Einrichtung ebensoviele Zeitalter spiegelt, indem die Statuen, Bilder, Möbel etwa schon von plündernden Kreuzfahrern aus den griechischen Inseln und Konstantinopel gebracht, andere von romanisch-byzantinischer Herkunft sein mochten und so fort bis herab auf unsere Tage! – ein solcher italienischer Palast, wie man deren besonders in Seestädten findet, ist ein Stück Kulturgeschichte, nicht bloß ein Stück Familiengeschichte, und dies übt eine verblüffende Wirkung auf den Eintretenden, wenn er im Volke geboren, aber doch Verständnis besitzt für das, was er sieht. Und dem Weibe, welches gleichsam als Herrscherin in diese Triumphhalle ihres Geschlechtes gestellt ist, verleiht dies ein Selbstgefühl, welches der Freundlichkeit etwas Herablassendes, der Artigkeit etwas Vornehmes beimischt, und nicht einmal dies ist nötig, um sie hoch über jenen hinauszurücken, der mit schlechtem Gewissen bei ihr eintritt. Da kann die Umgebung fürchterlich drücken; nicht einmal die Erinnerung an die Vertraulichkeit früherer Begegnungen hält jenen aufrecht, der im Bewußtsein begangener Ungezogenheit durch das Portal tritt, die großartigen Zugänge, hohen Räume, – die tausendjährige Geschichte durchschreitet, um sich zu beugen. Hat überdies die Phantasie sich mit diesem Weibe näher beschäftigt, so wird dieselbe Phantasie gerade dadurch noch weiter fortgeschreckt, als notthut.

Dies machte, daß der erste Besuch Mansanas mißglückte. Der Bitte wiederzukommen folgte er unter dem Druck der Empfindung, daß er beim ersten mal ungeschickt gewesen; darum ging es auch beim zweiten schlecht. Und seither hatte er stets die gekränkte Eitelkeit als Wächter neben sich – und sah die Fürstin lächeln.

Da kehrte sein ganzer stolzer Trotz zurück. Doch was konnte er thun? Hier wagte er nicht zu fluchen, nicht einmal zu sprechen; er schwieg, litt, ging, kam wieder – und mußte sehen, daß sie mit seinen Qualen spielte!

Hatte sie sich erst überwunden gefühlt, nun fühlte sie, wie es schmeckt, den Sieger zu überwinden; sie trat bekannte Wege, daher auch mit hinreißender Überlegenheit.

Niemals hat ein gefangener Löwe so stark an den Eisenstangen gerüttelt, wie Giuseppe Mansana an dem feinen Netze von Ceremoniell und spielender Überlegenheit. Allein fortbleiben konnte er doch nicht. In der Raserei der Nächte und in der Tage sinnverzehrendem Jagen innerhalb desselben Gedankenrings verbrauchte er all' seine Kräfte. Nun war die Demütigung über ihn gekommen.

Er vertrug nicht, daß man von ihr redete, – und er selbst wagte nicht ihren Namen zu nennen, aus Angst, seine Leidenschaft dem Gelächter zu verraten. Er vertrug es nicht, sie mit anderen beisammen zu sehen, – und er selbst wagte nicht ihre Gesellschaft zu suchen, um nicht irgend eine Herabsetzung zu dulden. Nicht einmal, hundertmal ergriff ihn die Lust, sie und denjenigen, welchen sie gerade ihm vorzog, zu ermorden, und er mußte doch schweigen und fortgehen. Er merkte bald selbst, dies konnte nur zu Wahnsinn oder Tod, – oder auch zu beidem führen.

Allein so völlig außer stande war er, dagegen anzukämpfen, daß er im Gefühl seiner Ohnmacht sich oft platt auf den Boden warf, als wolle er gleichsam seine Hilflosigkeit versinnbildlichen.

Warum nicht lieber untergehen in einer That flammender Rache, würdig seiner Vorzeit? Jedoch solche und andere Gedanken, sie glitten über seine Seele wie Gewitterwolken über das Gebirg; ein Naturgesetz schien ihn gefesselt zu halten.

Da erhielt er von der Fürstin eine feierliche Einladung.

Einer der berühmtesten Musiker Europas kehrte diesen Herbst aus noch südlicheren Ländern heim und nahm den Weg über Ancona, wo er die Fürstin, welche er von Wien aus kannte, aufsuchte.

Sie versammelte ihm zu Ehren den ganzen Adel der Stadt zu einem schönen Feste, dem ersten, welches sie in ihrem Palaste gab. Die Anordnung entsprach ihrem Reichtum und ihrem Stande; die Freude war allgemein und riß auch den kranken Meister mit, so daß er sich ans Klavier setzte und spielte. Schon die ersten Töne verwandelten die ganze Gesellschaft in eine einzige große Freundesschar, wie es stets der Fall ist, wenn das Schöne seine befreiende Gewalt übt.

Auch Teresas Auge suchte das der anderen, um zu nehmen und zu geben, dadurch kam sie auch dazu, Mansana anzusehen, welcher in vollkommener Selbstvergessenheit weit weg von ihr, nahezu beim Klaviere stand. Der Meister spielte ein Stück, welches »Sehnsucht« hieß und aus dem tiefsten Schmerze heraus Trost von oben suchte. Er spielte wie ein Mensch, welcher selbst den Schmerz des Entbehrens bis zur Verzweiflung hat kennen lernen müssen.

Nie hatte die Fürstin eine Miene gesehen, welche derjenigen Mansanas glich.

Der Ausdruck war härter als gewöhnlich, ja geradezu abstoßend hart, und zugleich sah sie Thräne auf Thräne in dichter Folge über seine Wangen perlen. Es schien, als raffte er mit stärkster Willenskraft all' sein Wesen zusammen, um nicht auszubrechen, und dabei kam das Gefühl, welchem er wehrte, Thräne um Thräne zum Vorschein.

Etwas sich selbst so Widerstreitendes, etwas Unglücklicheres hatte sie niemals gesehen. Unverwandt starrte sie ihn an und zuletzt wurde sie buchstäblich von einer Art Schwindel ergriffen, welcher auch darin sich äußerte, daß sie meinte; er sei nahe daran umzusinken, und sie sich erhob ...

Eine donnernde Beifallssalve brachte sie wieder zur Besinnung und lenkte zugleich die Blicke von ihr ab, so daß sie Zeit hatte sich festzuhalten und zu warten, bis sie wieder ohne Gefahr aufschauen und tief Atem holen konnte.

Das Musikstück war nicht vorbei; allein sie sah Mansana einem Ausgange zuschleichen; wahrscheinlich hatte auch ihn der Beifall aufgeschreckt und ihn entdecken lassen, daß er nicht beherrschen konnte, was er empfand.

Mit der ganzen Angst von vorher noch im Herzen eilte die Fürstin zu aller Erstaunen ohne weiteres durch die lauschende Menge bei der nächsten Thür hinaus, beeilte sich, – nicht ohne ein Gefühl von Schuld, nicht ohne ein Gefühl von Verantwortlichkeit, – als müsse sie ein Unglück verhüten.

Und richtig stand er schon im Vorgemach und warf den Mantel über die Schulter; die Mütze hatte er schon aufgesetzt. Nirgends ein Diener; auch diese hatten sich die Freiheit genommen, die Musik anhören zu wollen. Daher trat sie rasch vor.

»Signore!«

Er wandte sich voll Erregung um und begegnete ihrem wärmsten Blicke, während sie mit beiden Händen das lose Haar von Hals und Wangen strich, eine Bewegung, welche einen Entschluß andeutete, allein dabei der Gestalt ihre volle Schönheit lieh.

»Gestern erhielt ich mit der Bahn das neue ungarische Gespann zugeschickt, von welchem ich Ihnen kürzlich erzählte. Morgen müssen wir es versuchen. Nicht wahr, Sie erweisen mir die Gefälligkeit es zu lenken, – nicht wahr?«

Er erbleichte unter seiner braunen Haut: sie hörte seinen raschen Atem. Allein er sah nicht auf und sprach nicht, sondern verbeugte sich nur zustimmend. Hierauf legte er die Hand auf die große kunstvoll geschmiedete Thürklinke, welche mit klangvollem Laute nachgab.

»Um vier Uhr!« fügte sie hastig bei.

Er verbeugte sich wieder ohne aufzublicken; allein in der offenen Thür wandte er sich noch einmal, die Mütze in der Hand, aber hoch aufgerichtet, nach ihr um.

Dies war der Abschied.

Er bemerkte, daß sie ihn fragend ansah. Dies mußte seine Miene verursacht haben. Dieselbe hatte wohl nicht vermocht, die blitzartige Eingebung zu verbergen, welche plötzlich seinen düsteren Sinn erhellte.

Denn nun wußte er, wie dies enden würde.

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