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Kapitän Mansana

Bjørnstjerne Bjørnson: Kapitän Mansana - Kapitel 13
Quellenangabe
typenovelette
authorBjörnstjerne Björnson
booktitleAuf Gottes Wegen ? Kapitän Mansana
titleKapitän Mansana
publisherMitteldeutsche Verlagsanstalt Lehmann & Fink
seriesBjörnson - Ausgewählte Werke
volumeErster Band
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20070827
projectid391868d1
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XIII.

Die Familie Brandini war zu Nina Borghi, Brandinis Schwester und Luigis Mutter, gereist. Und mit dem gleichen Nachtzug, mit welchem die Brandini flüchteten, flüchtete zufällig auch der Held Luigi. Sie entdeckten einander gegen Morgen auf einer Station, bei welcher Luigi absteigen mußte. Er war so entsetzt, daß er an ihnen vorbei wollte, ohne ein Wort zu sagen. Doch der alte Brandini hielt ihn fest und klagte seine Not. Luigi sagte bloß:

»Fahre zur Mutter!« – und ging seinen Weg.

Allein als er in seine Garnison kam, verfügte er sich dennoch zur Telegraphenstation und kündigte in sehr aufgeregter Stimmung der Mutter das Kommen ihres Bruders an.

Das Telegramm lautete so beängstigend, daß die Empfängerin desselben, welche ganz allein außerhalb von Castellamare bei Neapel wohnte, darüber sehr in Schrecken geriet. Und dieser Schrecken verminderte sich nicht, als der Bruder und seine Tochter ankamen und erzählten, was ihrem Sohne Luigi und ihnen drohte.

Kapitän Mansana hatte erraten, daß die Familie Brandini mußte südwärts gereist sein; der Nachtzug führte nur nach Süden.

Allein nachdem er zwei Tage lang vergebens nach einem Ausgangspunkte für seine Nachforschungen gesucht, kehrte er um und fuhr nach der Stadt, in welcher Luigi Borghi lag. Dieser mußte wissen, wo die beiden sich befanden, und mit dieser Kenntnis sollte er herausrücken oder – die Folgen selbst tragen!

Da Mansana wußte, daß er eine viel bekannte Persönlichkeit sei, so ging er mit großer Vorsicht zuwerke, damit Luigi nicht vorzeitig gewarnt werde. Deshalb mußte er zwei Tage in der Stadt zubringen, ehe er den Lieutenant traf.

Es geschah dies auf der Gasse, wo ihm Mansana in einem kleinen bürgerlichen Kaffeehause aufgepaßt hatte.

Zu seiner Verwunderung war Luigi durchaus nicht so entsetzt, wie er erwartet hatte. Und zu seiner noch größeren Verwunderung sagte er ohne Vorbehalt, wo die Familie Brandini sich befand.

Mansana schöpfte Verdacht; er machte Luigi darauf aufmerksam, was es ihn kosten würde, wenn er etwas anderes als die Wahrheit sage. Allein der Kleine blinzelte nicht einmal mit den Augen, als er schwor, er rede die Wahrheit.

Die weitere Abrechnung mit dem Lieutenant mußte verschoben werden.

Mansana reiste noch denselben Tag mit der Eisenbahn nach dem Süden.

Was wollte er?

Immer noch das Gleiche; sie sollte sein werden.

Darum ward Luigi geschont.

Seit Amandas so listig vorgenommener Flucht raste es in seiner Seele; dergleichen sollte niemand ungestraft wagen!

Er liebte sie nicht; nein, er haßte sie, und darum sollte sie sein werden! Wenn nicht –!

Diese kurze Gedankenreihe immer und immer wieder. Ringsum tanzten Bilder seiner Kameraden; dieselben standen in Haufen und lachten ihn aus.

Er war ja genasführt worden, und das von einem kleinen Mädchen, welches eben das Kloster verlassen, und von einem kleinen Lieutenant, welcher erst von der Schule gekommen war!

Wieso es dazu hatte gelangen können, daß dieser Kampf mit zwei unbedeutenden Kindern das Ende einer so stolzen Laufbahn geworden, – darüber vermochte Giuseppe selbst nicht klar zu werden.

Das Bild der Fürstin, welches in der ersten Erregung sich selten gezeigt hatte und dann mit Zorn war beiseite gestoßen worden, es tauchte nun um so häufiger und größer vor ihm auf, je matter und beschämter er sich fühlte. Sie war das Ziel für das Leben, zu dem er bestimmt war; so hoch überragte dieses Ziel alles! Und dabei dachte er gar nicht an ihren Rang, sondern nur an die lichten Bahnen ihres Denkens, an die Schönheit ihres Wesens, welches die Bewunderung aller Menschen noch gehoben hatte.

Gleichzeitig sank Amandas Bild. Er war nicht ganz sicher, ob sie nicht einen runden Rücken hatte. Er war im stande, darüber nachzusinnen.

Wer uns einmal in den Augen der Welt und in unseren eigenen lächerlich gemacht hat, zieht für sich selbst selten Gewinn daraus. Und nachdem Mansana schon so weit gekommen war, daß ihm Amandas Figur klotzig, ihr Gesicht und ihre Rede unbedeutend, ihre Stimme singend, ihr Haar dumm geordnet, ihr Wesen übertüncht und schmeichlerisch schien, da fragte er sich selbst, ob es nicht doch das lächerlichste von allem war, solch ein Mädchen zu zwingen, daß sie Signora Mansana werde!

Nein; es gab etwas noch viel lächerlicheres, nämlich sich ihretwegen zu töten.

Was sollte er also? Zur Fürstin zurück?

Dieser Weg war ihm versperrt, – hunderttausendmal von seinem Stolz versperrt! –

Von Amanda fort und noch weiter fort, z. B. in den spanischen Bürgerkrieg?

Das Leben eines Abenteurers; wie leer! Lieber doch gleich daheim sich töten!

Umwenden und alles beim alten lassen? – Die Fürstin verloren, die Bewunderung der Kameraden verloren, den Glauben an sich selbst verloren. Die einzige Art, auf welche er zurückkehren konnte, war an ihrer Seite, mit der verdammten kleinen Person! Mit ihr am Arm stand er als Sieger da, und wenn er um dieses Preises willen ein unglückliches Leben führen sollte, es mußte sein. Die Ehre war gerettet und in seine Seele würde niemand blicken.

Es war ja auch wirklich ehrenvoll, eine reiche Fürstin verworfen und die Tochter eines armen Pensionärs genommen zu haben, – ja sogar im Kampfe gegen sie selbst.

Doch indem er diesen Schluß zog, empörte sich sein ganzes Innere gegen all die Lüge, welche diese »Ehre« vor der Welt verhüllte. Er sprang im Coupé von seinem Sitz auf, setzte sich aber gleich wieder; er war nicht allein.

Der Zug eilte seinem Ziele zu.

Welch ein Ziel! Sicher stand nur seines Lebens Untergang, ein Opfer der Ehre, – ob er nun sein Ziel erreichte oder nicht.

Die barmherzige Macht des Schlafes legte sich ins Mittel. Er träumte von seiner Mutter. Wie ein Himmel ruhte über ihm ihr großes, edles Auge. Er weinte und wurde geweckt. Es war ein alter Mann im Coupé, welcher nicht mehr vermocht hatte, sein Schluchzen zu ertragen.

Da hielt der Zug. Sie befanden sich in der Nähe von Neapel; Mansana stieg aus.

Der Morgen war herrlich. Der klare Himmel, umrandet von den fernen Linien der Höhenkette, erinnerte und mahnte; Giuseppe bebte in der Morgenkälte und begab sich wieder in den Lokomotivrauch, welcher gerade zum Fenster hereinschlug, in das Rollen und Lärmen des dahinbrausenden Zugs, zurück zu den eigenen qualvollen Gedanken.

Als man dann längs des Meeres dahinfuhr, was hätte er darum gegeben, wenn der Zug abgebogen und langsam, geradeaus ins Wasser geglitten wäre! Welch ein sanfter, schöner Tod!

Er versteckte sich in seiner Ecke, als man in Neapel anhielt; in der großen Menschenmenge konnten auch Bekannte sein.

Der Tag wurde herrlicher und herrlicher und der Zug schlängelte sich zwischen den Küstenstädten dem Meer entlang hin; die Sonne schien mild wie an einem Sommermorgen herab und ihr Licht brach sich in der salzigen Seeluft und warf farbigen Schimmer auf Gebirge, Landschaft und Meer.

Als Mansana dann ausstieg und nach seinem Bestimmungsort fuhr, und mehr noch, als er den Wagen abgefertigt hatte und die steilen Klippen hinanstieg, – unter sich das Meer und die weite Aussicht auf den Golf, umringt von Inseln, welche einer Leibwache von ungestalten Seeungeheuern glichen, und von Bergen, welche der Vesuv beherrschte, von weißschimmernden Städten, aus welchen leichter Rauch aufkräuselte, – da empfand er die Bedeutung des Lebens, – nicht seines eigenen Lebens, dieser Jagd nach Ehre, diesem Kampf, er wußte selbst nicht um was, nachdem derselbe doch in einem Nichts endigte, – nein, des Lebens, wie es gemeint war, unter Gottes hochgewölbtem Himmel, mit Seinem Abglanz auf allen Dingen und auch auf den Zielen, welche das Leben selbst setzt.

Er näherte sich der letzten Höhe und bemerkte bald das Haus, welches, von hohem, spitzigen Gitterwerk umgeben, auf dem Felsgipfel lag. Da klopfte sein Herz. Er konnte sich nicht irren; Haus und Weg waren ihm vom Kutscher zu genau beschrieben worden.

Also hier.

Und ehe er sich noch recht klar gemacht, was er fühlte, stand sie auf dem Altane, sie, Amanda, in ihrem hellen Morgenkleide, mit ihrem Lächeln, als habe sie gerade, als sie herauskam, etwas Drolliges gesagt oder gehört.

Sie bemerkte ihn gleich, stieß ihren gewohnten Schrei aus und lief hinein.

Wie ein totmüder Jäger sogleich wieder all seine Spannkraft erhält, wenn er plötzlich vor dem gesuchten Tiere steht, so empfand auch Mansana eine wilde Stärke, eine unzähmbare Entschlossenheit, und ehe er sich dessen bewußt war, stand er vor dem eisernen Gitterthor, läutete an, sprang aber drüber.

Durch die Bewegung neu belebt, erwachten all seine Soldateninstinkte; er wendete sich gleich um und zog den Schlüssel ab, welcher an der Innenseite steckte. So waren nun die Leute im Hause in seiner Gewalt.

Die Thür des Gebäudes selbst war angelehnt; er öffnete sie. Er kam in einen großen, hellen Gang. Farbiges Glas brachte ein eigentümliches Spiel des Lichts auf den Statuetten, dem mosaikbelegten Steinboden und den mit Fächerpalmen, Blattpflanzen und Blumen gefüllten Vasen hervor. Auf ein paar antiken Ruhebetten lag hier ein Strohhut mit blauem Band, – war es ihrer? – dort ein Sonnenschirm von eigenem moirirtem Stoffe mit einem köstlich geschnitzten Griff, welcher in einen großen blauen Stein endete.

Er erinnerte sich dieses Schirms und eine schmerzliche Empfindung begleitete diese Erinnerung, obgleich er nicht versuchte, dieselbe zu verstehen. Denn er läutete an. Er hatte Eile. Doch es öffnete niemand. Er begann zu zittern und wollte dies niederkämpfen; allein es ging nicht.

So konnte er hier nicht stehen bleiben; er mußte rasch handeln oder er war verloren.

Er läutete noch einmal.

Die Entschlossenheit wuchs mit dieser That. Nun hieß es biegen oder brechen.

Innen öffnete sich ein Zimmer; ein Lichtschein flog in das Entré; das geriefte Glas ließ ihn nicht mehr wahrnehmen, als daß diejenige, welche herauskam und nun hinter sich die Thür schloß, groß und blau gekleidet war.

Kaum war die Thür hinter ihr geschlossen, so wurde es im Gange drinnen wieder ganz finster.

Wer war das?

War das Haus etwa voll mit Gästen?

Ein wahres Entsetzen erfaßte ihn bei diesem Gedanken, welcher ihm erst in diesem Augenblick gekommen war.

Welche Auftritte, welche Unklarheit, welche Zwischenfälle, welche unerbetenen Leute ihn hier wohl erwarteten!

Er war vielleicht in einen Bienenkorb voll aufgeschrecktem Zorn und Widerstand geraten, – vielleicht war's eine Narrenfahrt, die er gethan!

Nein, er wollte sie kein zweitesmal machen!

Und er nahm all seine Willenskraft zusammen und tastete nur nach seiner Waffe.

Da ging die große Thür vor ihm auf und in der hohen Öffnung erschien – –

Ja wohl, in der hohen Thüröffnung erschien Teresa Leaney in blauer Kleidung, mit bleichem Gesicht.

Und er? Er stand ohne Fassung, ohne Bewegung.

Die Thür war ganz offen; sie blieben jeder auf seiner Seite der Schwelle stehen. So still wie sie selbst war alles um sie herum, innen und außen. Da streckte sie die rechte Hand aus. Ein Beben durchflog ihn. Sie breitete beide Arme aus und mit dem Klang eines metallenen Instrumentes, das einen Stoß bekommen, stürzte er an ihre Brust.

Und er nimmt sie auf seinen Arm und er trägt sie auf das Kanapee und er setzt sie auf seinen Schoß, – beugt den Kopf an ihren Busen und indem er sie an sich preßt, steht er bald auf mit ihr und setzt sich bald nieder und bricht an ihrer Brust in gewaltsames Weinen aus. Nicht ein Wort der Erklärung.

Endlich setzt er sie neben sich aufs Kanapee und wirft sich selbst vor ihr auf die Kniee.

Mit grenzenloser Bewunderung schaut er auf zu ihrem Antlitz, welches lächelt. Nun war er unterworfen, überwunden; wäre er dies nicht worden, – nie hätte es auf Erden gut werden können mit Giuseppe Mansana.

Und als er, durch dies demütige Gefühl gereinigt, in flammender Dankbarkeit seinen Blick erhob, da traf er nicht den ihrigen. Derselbe war jemand anderem, jemand hinter ihm zugewendet; denn dort stand seine Mutter.

Sowohl er als Teresa erhoben sich.

Unwillkürlich griff er nach den Händen der Mutter.

Und als er sie erfaßt, da küßte er dieselben und kniete wieder nieder und führte sie auf sein Haupt.

Was hatte er nicht alles erlebt, seit er bei des Vaters Bahre dem Blicke der Mutter mit Trotz begegnet war!


Mansana kam in diesem Haus nicht weiter als bis zum Eingang. Die beiden Damen kehrten um, um Abschied zu nehmen, er ging voraus hinab. Warum voraus? Weil er leise einen Schlüssel ins Schloß stecken und im Garten voll Hast und Scham einen Revolver von sich schleudern wollte.

Dann sank er auf einen Stein, überwältigt von Furcht, Glück, Dankbarkeit und von Entsetzen über sich selbst, – alles in einer einzigen unauflöslichen Wirkung. Die zwei, welche mit dem Diener und dem Gepäck nun nachkamen, fanden ihn, den Kopf in den Händen begraben, auf dem Wege sitzen.

Mansana brauchte nicht viel zu hören, um zu verstehen, wie dies Zusammentreffen möglich geworden. Sardi hatte sie gerufen; sie hatten Luigi Borghi aufgesucht, in der Überzeugung, daß er von den Brandinis wissen und daß Mansana früher oder später dieselben ausfindig machen werde. Darum war auch Luigi so tapfer aufrichtig gewesen, weil er wußte, daß die beiden Damen schon dort seien.

Mansana war ganz verstummt.

Die weise Mutter ahnte Unrat und bat um kurze Rast in Neapel, indem sie vorgab, derselben zu bedürfen. Sie suchten ein Hotel auf, welches abseits und ganz still gelegen war. Hier brachte die Mutter Giuseppe nach vielem Widerstreben ins Bett. Und als er endlich schlief, so war es, als sollte er nie wieder erwachen. Fast der ganze folgende Tag verging. Als Mansana erwachte, fand er sich allein; er war ganz verwirrt und erschrocken; doch ein paar Kleinigkeiten im Zimmer mahnten ihn an die Mutter und Teresa; – er drehte sich wieder um und schlief ein wie ein glückliches Kind. Diesmal aber doch weniger lange; denn der Hunger weckte ihn. Er aß, schlief aber wieder ein. Mehrere Tage und Nächte schlief er fast ununterbrochen. Doch als er dann aufstand, war er still. Er zog sich fast ganz in nachdenkliches Schweigen zurück.

Gerade so hatte es die Mutter erwartet.

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