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Kapitän Mansana

Bjørnstjerne Bjørnson: Kapitän Mansana - Kapitel 10
Quellenangabe
typenovelette
authorBjörnstjerne Björnson
booktitleAuf Gottes Wegen ? Kapitän Mansana
titleKapitän Mansana
publisherMitteldeutsche Verlagsanstalt Lehmann & Fink
seriesBjörnson - Ausgewählte Werke
volumeErster Band
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20070827
projectid391868d1
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X.

Am nächsten Morgen saß Mansana früher als gewöhnlich auf der Bank; aber auch die beiden anderen kamen früher. Auch sie schienen an den Begegnungen Gefallen zu finden und wollten dieselben verlängern, nachdem deren nur mehr zwei zu erwarten waren. Von der unumgänglichen politischen Einleitung des Vaters wandte sich Mansana plötzlich zu Amanda:

»Wer war der Herr, mit welchem Sie gestern auf dem Balkone rauften?«

Die schönste Röte übergoß ihre Wangen, während die Augenlider sich noch tiefer senkten. Doch vermochte sie ihn anzuschauen.

Ein junges Mädchen errötet über alles; dies wußte Mansana nicht.

Er wurde ebenso bleich, wie sie rot geworden. Dies erschreckte sie; er merkte es wohl und – mißdeutete es.

Der Vater, welcher mit offenem Munde dagesessen, brach in die Worte aus:

»Ah, nun verstehe ich! Luigi, mein Neffe, Luigi Borghi! Ja, er ist auf ein paar Tage hier zu Besuch, ...... bleibt bis über das städtische Fest. – – Hahaha, ist das ein Tollkopf!«

Aber Giuseppe Mansana begab sich gleich von der Bank weg zu seinem Freunde Major Sardi, dem zuliebe er gerade diese Garnison gewählt hatte, und befragte ihn um Luigi Borghis Ruf.

Derselbe war schlecht.

Hierauf ging Mansana zu dem jungen Lieutenant, welcher in einem Hotel wohnte und eben aufgestanden war. Luigi Borghi grüßte ehrerbietig und entschuldigte sich gegenüber dem übergeordneten Offizier.

Sie nahmen beide Platz.

»Ich reise morgen von hier zu meiner Hochzeit ab. Dies schicke ich voraus, damit Sie das, was ich zu sagen habe, verstehen, so wie es gemeint ist. Ich habe nämlich während meines Aufenthalts in dieser Stadt viel Freundschaft für ein unschuldiges junges Mädchen gefaßt. Sie heißt Brandini.«

»Ah. Amanda!«

»Sie ist Ihr Bäschen?«

»Ja wohl!«

»Stehen Sie zu ihr in irgend welchem anderen Verhältnis? Gedenken Sie sie zu heiraten?«

»Nein; – aber –«

»Ich habe keinen anderen Beweggrund, Sie darum zu fragen, als den eines Gentleman. Sie brauchen nicht zu antworten, wenn Sie keine Lust dazu haben.«

»Gewiß nicht. Ich wiederhole aber ganz gern, daß ich durchaus nicht die Absicht hege, Amanda zu heiraten; – sie ist ja sehr arm!«

»Gut; warum besuchen Sie aber ihr Haus? Warum erwecken Sie dadurch Gefühle bei ihr, welchen Sie nicht entgegenzukommen gedenken, Gefühle, welche sie leicht auf Irrwege führen können?«

»Diese Worte scheinen mir eine Beschuldigung zu enthalten!«

»Ganz gewiß. Man kennt Sie als rücksichtslosen Roué.«

»Signore!« – er erhob sich. Sogleich auch der lange Kapitän.

»Ich, Giuseppe Mansana, behaupte es und stehe Ihnen zur Verfügung.«

Aber der kleine Luigi Borghi verspürte durchaus keine Lust, sich in so jungen und unterhaltenden Jahren von dem ersten Fechter der Armee töten zu lassen. Daher schwieg er und schlug die Augen nieder.

»Entweder Sie geloben mir, nie mehr das Brandinische Haus zu betreten und Amanda nicht aufzusuchen, – oder Sie haften für die Folgen. – Ich will dies geordnet haben, ehe ich abreise. – Weshalb bedenken Sie sich?«

»Weil ich als Offizier nicht gestatten kann, daß man mich zwinge –«

»Zu einer guten Handlung? Danken Sie Ihrem Gott, wenn Ihnen das geschieht. – – Vielleicht aber fasse ich die Sache falsch an. Denn ich hätte sicherlich vorher sagen sollen: Thun Sie, um was ich Sie bitte, und ich bin Ihr Freund und Sie können auf mich rechnen, in welche Not Sie auch kommen!«

»Ich will gern der Freund eines so berühmten Offiziers sein und noch lieber will ich auf Giuseppe Mansanas Hilfe rechnen können.«

»Also – Sie versprechen mir?«

»Ich verspreche es.«

»Danke! – Ihre Hand darauf!«

»Von Herzen gern!«

»Leben Sie wohl!«

»Leben Sie wohl!«

Zwei Stunden später geht Mansana über den Toledo der kleinen Stadt. Da bemerkt er Amanda und Luigi, welche in einem sehr unterhaltenden Gespräche vor einem Laden stehen; wenigstens lachen sie sehr viel.

Der Vater ist im Laden und bezahlt. Sie sehen Mansana nicht eher, als bis er zwischen ihnen beiden steht.

Sein gelbbleiches Gesicht genügt, um Amanda zu ihrem Vater hineinzutreiben; doch der noch viel mehr erschrockene Lieutenant bleibt stehen und sagt, indem er einen Schritt zurücktritt:

»Ich versichere Ihnen, Signore, ich wurde gerufen! – Und wir – lachten gar nicht über Sie!«

Da stieß Amanda drinnen im Laden einen Schrei aus. Es geschah wegen der Miene, mit welcher Mansana ohne ein lautes Wort, ohne eine weitere Bewegung, nur einen Schritt, einen einzigen, auf den lieben Vetter zu that. Es lag aber der Siebenellensprung eines Leopards in diesem einen Schritt; im nächsten Moment mußte Luigi des Todes sein.

Doch alle im Laden und auf der Straße wendeten sich gegen die Dame, welche geschrieen und die sich nun dicht an den Vater drängte. Man schaute von ihr weg und rings umher.

Zwei Offiziere standen ruhig auf der Straße und redeten mit einander.

Was war es denn? –

Die, welche sich draußen befunden, kamen nun herein in den Laden und alle sammelten sich um Amanda.

Was war es denn nur? –

Allein sie, welche zum erstenmal in ihrem Leben so viel Blicken und so viel Fragen ausgesetzt ist, wird ganz entsetzt, und der Vater, welcher aus ihr keine Antwort herausbringt, wird ganz verzagt.

Da trennt Mansana die Gruppe um Amanda und bietet ihr mit stummem Befehle den Arm; sie beeilt sich ihn anzunehmen und verschwindet, – der Vater ihr nach.

Als sie die Leute außer Hörweite hatten, sprach Mansana:

»Es ist meine Pflicht, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß Ihr Verwandter Lieutenant Borghi ein Elender ist, welcher Züchtigung verdient und sie auch kriegen soll!«

Wie wurde Amanda nun wieder aufgeschreckt, erstlich dadurch, daß Luigi ein Elender war, obgleich sie nicht recht wußte, was dies besagen sollte, und dann daß Luigi sollte gezüchtigt werden, obschon sie nicht ahnte, warum.

Diesmal starrte sie mit völlig geöffneten Augen in jene Mansanas und schaute dadurch um nichts klüger aus. Auch der Mund hatte sich geöffnet, allein nicht um zu reden. Eine große Neugier begann das Entsetzen zu durchbrechen; Mansana bemerkte dies, und so groß auch sein Zorn noch soeben gewesen, so mußte er nun doch lächeln über diese Unschuld, so rührend dumm, und über deren komisch-schönen Ausdruck.

Und nun, da er dadurch wieder in gute Laune versetzt war, konnte er auch den Vater komisch finden.

Dieser sah aber auch wirklich aus wie ein Schulknabe, dem man im Halbdunkel Gespenstergeschichten erzählte. Um Mansana zu beweisen, daß er das Schaurige zu würdigen verstehe, legte er die tiefste Dankbarkeit an den Tag und bat schließlich den Kapitän, sie nachhause zu begleiten.

Dies that auch Mansana, und Amanda, welche von ihm mehr zu erfahren hoffte, schmiegte sich treuherzig und einschmeichelnd an ihn.

Er begann wohl die Absicht zu ahnen und unterhielt sich darüber; aber bald vergaß er dieselbe und hörte nur mehr, wie melodisch die Stimme über schelmische Worte hinrieselte, fühlte nur mehr, wie dieser süße, von Grübchen umflatterte Mund, wie das Rätselspiel der halbgeschlossenen Augen, wie ihr ganzes harmonisches Wesen für einen Moment ihm ganz allein geweiht war und daß diese jugendfrische Formenfülle einen Moment lang an seiner Seite atmete.

Am nächsten Morgen sollten sie sich zum letztenmale treffen; doch zum letztenmal durfte es nicht sein; er mußte außerdem noch am Nachmittag zu ihnen kommen; denn erst abends reiste er.

Entzückt ging er fort.

Der Frieden, welcher durch seinen Umgang mit Amanda in sein Inneres gekommen, zeigte sich auch darin, daß er am gleichen Nachmittag ins Zimmer des unglücklichen Luigi kam und ihn um Entschuldigung bat. Er konnte ja nichts dafür, daß ihn sein Bäschen auf der Straße getroffen und ihn angesprochen hatte.

»Und wenn ihr über mich lachtet –«

»Aber wir thaten es ja gar nicht!« versicherte der erschrockene Amorino.

»– so hattet ihr darin vielleicht recht. Mein Eifer war etwas komisch. Ich sehe das nun ein. Hier ist meine Hand.«

Mit Hast wurde dieselbe ergriffen; einige unzusammenhängende Worte wurden gesprochen. Mansana ging, – in unerschütterlicher Überlegenheit, wie er gekommen war.

Der kleine Lieutenant, welcher vorher schon in Gesellschaft des Todes gesessen, fühlte sich nun von schwindelhafter Freude ergriffen. Er hüpfte in die Höhe und brach in schallendes Gelächter aus.

Mansana vernahm dies Gelächter und blieb auf der Treppe stehen.

Luigi schauderte über seine eigene Unvorsichtigkeit und als es wieder an der Thür klopfte, so konnte er vor Schreck gar nicht: »Herein!« sagen. Allein die Thür öffnete sich trotzdem.

»Haben Sie gelacht?« fragte Mansana.

»Nein, bei meiner Ehre!« schwor der Amorino und hob beteuernd beide Hände auf. Mansana stand eine Weile und schaute ihn stumm an.

Allein nachdem er sich wieder entfernt hatte, kehrte auch Luigis Jubel wieder; er konnte nichts dafür. Und da er weder zu lärmen noch zu springen wagte, so mußte er es erzählen. Dies geschah im Offizierskaffeehaus unter gewesenen Schulkameraden. Es erregte auch große Heiterkeit. Bei den Gläsern hagelte es gute Witze über den unglücklichen Kapitän, welcher gerade vor seiner Hochzeit mit einer Fürstin einer kleinen Pensionärstochter zuliebe Skandal machte. –

Dies vernahm Mansanas Freund, Major Sardi, mit eigenen Ohren.

Am nächsten Morgen hatte Mansana auf der Anhöhe seine letzte Zusammenkunft. Dieselbe begann viel früher als gewöhnlich und endete viel später und erst vor der Thür des Brandinischen Hauses.

Am Nachmittag kam er, seinem Versprechen gemäß, wieder, um Abschied zu nehmen. Halb neckisch, halb schmachtend sprach Amanda von der Hochzeit, ganz so wie sie es fühlte; denn für ein wohlerzogenes italienisches Mädchen ist die Hochzeit ja der Eingang zum irdischen Paradiese, d. h. zu dem Orte, wo alle Unsicherheit, aller Zwang und alle Plackerei aufhört und in welchem ewige Freiheit, neue Kleider, Spazierfahrten und Opernabende beginnen.

Ihr süßes Geplauder sang seine eigene Sehnsucht wach; ihr hübsches kleines Persönchen gab dem Liede noch volleren Klang, so daß er im Gefühle seines nahen Glücks ihr erzählte, welchen Anteil sie selbst daran hatte.

Klein Amanda kriegte wieder Thränen in die Augen; – junge Mädchen kriegen so leicht Thränen in die Augen, wenn man von ihnen gut spricht. Und da mußte sie ihm gestehen, daß sie solches Zutrauen in ihn habe. Sie sagte ihm dies, weil sie in seiner Nähe stets ein kleines bißchen Furcht empfunden hatte; dies sagte sie ihm aber nicht.

Da nun das mit dem Zutrauen nicht so wahr war, wie sie es in diesem Momente wünschte, so fügte sie ein Lächeln bei. Dasselbe sollte die Wirkung verstärken. Allein das Lächeln strahlte dorthin, wo die Luft noch voll von ihren Thränen war und bildete dort, – ich meine in Mansanas Brust, – einen unbegreiflich schönen Regenbogen.

Er nahm ihre runde, kleine Hand zwischen seine beiden; – dies war der Abschied.

Er sah ihren Busen, Arme und Haupt über sich auf der Treppe, dann wieder auf dem Balkon. Er hörte über den Platz hin ein melodisches »Adieu!« und noch eines, – und bog dann in die Seitengasse ein.

Er hatte Sardi nicht nahen gesehen; sah nicht, daß er gerade auf ihn loskam und fuhr verwirrt auf, als ihn ein Schlag auf die Schulter weckte.

Sardi lachte: »Ist's wirklich wahr? – Bist du in die Kleine da oben verliebt? – – Du schaust wohl danach aus!«

Mansana wurde kupferrot; die Augen starrten; der Atem ging hurtig.

»Was redest du da?« fragte er. »Woher weißt du –?« er hielt inne. Er könnte doch nicht erzählen, was er hören wollte, ob nämlich jemand – – ob Luigi etwa – – –»Was sagst du da?« wiederholte er endlich.

»Meiner Treu, wirst du nicht ganz verwirrt!«

»Was sagst du?« wiederholte Mansana zum drittenmal, noch tiefer rot, runzelte die Brauen und legte, nicht ganz sanft, seine Hand dem Major auf die Achsel.

Dies verletzte Sardi. Mansanas Heftigkeit kam ihm auch so unerwartet, daß er nicht Zeit zur Überlegung fand; also erzählte er, um sich selbst zu verteidigen und den ungerecht Aufbrausenden zu ärgern, Mansana alles, was man von ihm schon sagte und daß man sich im Offizierskaffeehaus über ihn lustig gemacht.

Mansanas Zorn kannte keine Grenzen. Er schwor hoch und teuer, wenn Sardi ihm nicht gleich angebe, wer dies gesagt, er ihn selbst dafür würde verantwortlich machen. Es fehlte nicht viel und die beiden Freunde hätten sich gefordert. Allein Sardi fand doch wieder so weit seine Fassung, daß er dem anderen vorstellen konnte, welch' häßliches Aufsehen es machen würde, wenn Mansana sich mit ihm oder mit sonst irgend jemand wegen seines Verhältnisses zu Amanda Brandini schlüge – und zwar am Tag vor der Abreise zu seiner Hochzeit mit Fürstin Teresa Leaney. Die beste Antwort wäre wegzufahren und zu heiraten.

Hierauf neues Aufbrausen. Er wolle seine eigenen Angelegenheiten schon selbst in acht nehmen und selbst seinen Ruf wahren; heraus mit den Namen! –

Sardi hatte keinen Grund, dieselben zu verschweigen und nannte sie einen um den anderen, mit dem Zusatz, wenn er alle diese kleinen Jungen töten wolle, – ihm könne es recht sein!

Mansana wollte alsogleich ins Kaffeehaus, als ob jene noch dort säßen. Sardi bewog ihn jedoch, das Thörichte davon einzusehen; allein Borghi wenigstens wolle er jetzt aufsuchen.

Da nahm es Sardi auf sich, den Lieutenant auszufordern; »aber«, fragte er, »weshalb soll er eigentlich gefordert werden?«

»Wegen dessen, was er gesagt hat!«

»Daß du in Amanda Brandini verliebt bist? – Und bist du es denn nicht?«

Wäre Mansana abgereist, ohne Major Sardi getroffen zu haben, so hätte er ein paar Tage später ruhig die Fürstin Leaney geheiratet. Nun geschah dagegen folgendes:

Mansana: »Unterstehst du dich zu behaupten, daß ich Amanda liebe?«

Sardi: »Ich frage ja bloß. Liebst du sie aber nicht, was zum Teufel geht es dich dann an, daß dieser Gelbschnabel es erzählt oder daß er sie selbst liebt – oder sie verführt – –?«

»Du bist ein roher Schurke, daß du so etwas aussprechen kannst!«

»Was bist dann du, der du einen jungen Menschen anfährst, weil er mit seiner Base scherzt – –«

»Scherzt!« Mansana ballte die Fäuste, preßte die Lippen zusammen.

Sardi beeilte sich einzuwerfen: »Wer wird denn auf sie acht geben, wenn du abgereist bist!«

»Ich reise nicht ab!« schrie Mansana.

»Du reisest nicht? – Hast du den Verstand verloren?«

»Ich reise nicht,« wiederholte Mansana mit erhobenen Händen und Armen, als legte er einen Eid ab.

Sardi erschrak. »So liebst du sie ja!« flüsterte er.

Mansana sank förmlich zusammen. Er stöhnte tief; es erschütterte seinen ganzen kraftvollen Körper.

Sardi fürchtete einen Schlaganfall.

Da erhob sich Mansana gleichsam über sich selbst; sein Gesicht leuchtete und langsam, vollkommen dessen überführt, sprach er:

»Ich liebe sie!« – und hierauf, zu Sardi gewendet: »Ich reise nicht!«

Und von da an war er wie ein Sturmwind. Er drehte sich um, schaute umher und – sauste fort.

»Wohin gehst du?« fragte Sardi und eilte ihm nach.

»Zu Borghi.«

»Aber ich soll ja zu ihm gehen!«

»So geh'!«

»Und wohin gehst du?«

»Zu Borghi!« – Er blieb stehen und fügte mit Begeisterung hinzu: »Ich liebe sie. Jeder, der sie mir entreißen will, soll sterben!« – Er wollte fort.

»Aber liebt sie dich denn?« rief Sardi laut; er vergaß, daß sie sich auf der Straße befanden.

Mansana hob die Hände in die Luft und sagte mit hohler Stimme: »Sie soll mich lieben

Sardi wurde ängstlich: »Giuseppe, bist du toll? Die Aufregung in deiner Seele ist für dich zu groß gewesen. Nun hat sie in einem neuen Gegenstand nur neue Kraft gewonnen. Du bist nicht du selbst! – Giuseppe, – laufe mir nicht weg! – Siehst du denn nicht, daß du den Leuten auf der Straße auffällst?«

Da blieb Mansana stehen. »Weißt du, was mich krank gemacht hat? Gerade daß ich auf die »Leute auf der Straße« Rücksicht genommen habe. Ich mußte schweigen, dulden und mich treten lassen! Davon wurde ich krank.« – Er machte einen Schritt näher zu Sardi. »Und nun will ich in alle Welt hineinschreien: »Ich liebe sie!« «

Er schrie es auch wirklich, drehte sich um und entfernte sich mit stolzem Gang; Sardi eilte ihm nach und nahm ihn unter den Arm. Er führte ihn, ohne daß der andere es beachtete, in eine noch engere Gasse. Dieser schritt nur vorwärts und begann mit lauter Stimme und heftigen Gebärden zu reden.

»Was war das für mich«, sagte er, »der Mann der Fürstin Leaney zu werden, der Verwalter der Güter von Ihro Durchlaucht und der Diener ihrer durchlauchtigen Launen?«

Und seine heimlich verwundete Eigenliebe brach los. »Nun erst gestehe ich mir selbst die volle Wahrheit: das wäre für Giuseppe Mansana ein unwürdiges Leben geworden!«

Sardi dachte, wenn der schweigsame, wenigstens äußerlich bescheidene Giuseppe Mansana ganz plötzlich zu schreien und zu prahlen beginne, so könnte auch sonst alles Unerdenkliche geschehen, – und mit einer Ausdauer und Erfindungsgabe, welche ihm alle Ehre machte, suchte er seinen Freund zu bewegen, eine kleine Reise, nur für zwei Tage, zu unternehmen, um sich über die zusammenströmenden Gefühle und Verhältnisse klar zu werden.

Aber dies hieß in einen Orkan hineinreden.

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