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Gutenberg > François Marie Arouet de Voltaire >

Kandide oder Die beste aller Welten

François Marie Arouet de Voltaire: Kandide oder Die beste aller Welten - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
titleKandide oder Die beste aller Welten
authorVoltaire
translatorWilhelm Christhelf Sigismund Mylius
publisherChristian Friedrich Himburg
addressBerlin
year1782
noteCandide ou l'optimisme
senderseifert@uni-trier.de
created20040506
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Einundzwanzigstes Kapitel: Kandide und Martin nähern sich den französischen Küsten. Wovon sie sich unterhalten

Endlich näherten sie sich den französischen Küsten. Sind Sie jemals in Frankreich gewesen, Herr Martin, fragte Kandide.

Martin. Wohl bin ich's; ich habe manche seiner Provinzen durchstrichen, fand in der einen fast lauter Hasenfüße, in dieser und jener, und jener und dieser lauter erzabgefeimte Schlauköpfe, in jener und der, den größten Haufen lammfromm und schafdumm, in noch andern ein paar Schöngeister. Das Hauptsteckenpferd all' dieser Leute aber war Liebe, welches sie mit zwei andern abwechselten, Afterreden und Schnickschnack genannt. Kandide. Haben Sie Paris gesehn, lieber Martin?

Martin. Ich hab's. Da finden Sie all' den Schlag von Leuten in einen Topf geworfen; 's ist ein wahres Chaos. Ein gedrangvoller, lärmreicher Ort, worin alt und jung „dem Vergnügen nachjagt", und meines Bemerkens es niemand findet.

Lange hab' ich mich dort nicht aufgehalten; kaum war ich angekommen, so hatten die Spitzbuben auf dem St.-Germains-Markte mir all' mein bißchen Barschaft weggestohlen. Man hielt mich selbst für einen Spitzbuben; acht Tage lang mußt ich im Gefängnisse sitzen, hernach ward ich Korrektor, um mir nur so viel zu verdienen, daß ich per pedes Apostolorum wieder nach Holland konnte. Ich habe das schmierende, das kabalebrütende und das fanatische Gesindel kennengelernt. Es soll aber noch recht brave, artige Leute in der Stadt geben; ich will's glauben.

Kandide. Ich meines Teils finde gar keinen Trieb, Frankreich zu sehen; Sie können leicht erachten, wenn man einen Monat lang in Eldorado gewesen, daß man weiter nichts zu sehen wünscht als Baroneß Kunegunden. Ich will sie zu Venedig erwarten; wir wollen über Frankreich nach Italien gehn. Sie begleiten mich doch?

Martin. Versteht sich. Zwar sagt man, Venedig sei nur für die Nobili di Venezia, indes nimmt man auch Ausländer recht gut dort auf, wenn sie viel drauf gehn lassen; ich kann's nun nicht, aber Sie können's, und darum zieh' ich mit, wohin Sie wollen.

Kandide. Sagen Sie mir doch, Freund, glauben Sie, was der dicke Foliant da von unserm Schiffskapitän behauptet, daß die Erde im Anbeginn ein Meer gewesen ist?

Martin. Platterdings nicht! so wenig als all, die Alfanzereien, womit das Heer der Schreiberlinge seit einiger Zeit zu Markte gezogen kommt.

Kandide. Zu was Ende ist denn die Welt erschaffen worden? Martin. Damit wir alle sollen rasend werden.

Kandide. Wundern Sie sich nicht über die Liebe der beiden Dirnen für die zwei Paviane, wovon ich ihnen erzählt?

Martin. Nicht im geringsten. Ich sehe gar nicht, wo das Sonderbare dieser Leidenschaft sitzt. Ich habe so viel Außerordentliches gesehn, daß mir jetzt gar nichts mehr außerordentlich vorkommt.

Kandide. Glauben Sie wohl, daß die Menschen von jeher sich niedergemetzelt haben, wie heutzutage? Daß sie stets gelogen und betrogen haben, stets treulose, undankbare, räubrische, flatterhafte, schurkische, neidische, prasserische, versoffene, geizige, ehrsüchtige, blutlechzende, verleumdrische, hurende, schwärmende und alberne Geschöpfe gewesen sind?

Martin. Glauben Sie, daß die Sperber von jeher Tauben gefressen haben, wenn sie ihrer habhaft werden können?

Kandide. Wohl glaub' ich's!

Martin. Nun dann, wenn das immer der Charakter der Sperber gewesen ist, warum sollen grade die Menschen ihren Charakter geändert haben?

Kandide. Wohl unterscheiden sich Sperber und Menschen! denn letztere haben ihren freien Willen, können also ... Unter diesen Gesprächen waren sie in Bordeaux angekommen.

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