Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Adolf Gelber >

Kalmückische Märchen

Adolf Gelber: Kalmückische Märchen - Kapitel 9
Quellenangabe
pfad/gelber/kalmueck/kalmueck.xml
typefairy
authorAdolf Gelber
titleKalmückische Märchen
publisherRikola Verlag A.G.
illustratorAmadeus Dier
year1921
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130121
modified20140825
projectid10da3335
Schließen

Navigation:
Buchschmuck

Der Rebell

Wieder machte sich der Chansohn zum Mangobaum auf und vor seinen stolzlautenden Worten mußte Siddhi-Kür herabsteigen. Der Chansohn steckte ihn in seinen Sack, schnürte diesen mit dem Seile fest, wie es ihm Nagarguna befohlen hatte, nahm das mitgebrachte Mahl, hob den Toten auf den Rücken und trat mit ihm die Wanderung an. Siddhi-Kür sprach seine früheren Worte und als der Chansohn schweigend mit dem Haupt das Zeichen gab, begann der Leichnam folgendermaßen:

»Früh vor Zeiten lebte in dem Lande Birschisch ein wilder, unbändiger Mann, der niemanden achtete und stets nur seinen Neigungen freien Lauf ließ. Hierüber ergrimmte der Chan des Landes und sprach:

›Du, Kerl, bist mir zu übermütig, ein Geselle deiner Art paßt mir nicht, du kannst hier nicht bleiben, mach daß du in ein anderes Land kommst.‹

Das sprach er und jagte ihn fort. Wie der Mann nun heimatlos dahinzog, gelangte er um die Mittagszeit einmal zu einer großen, mit Federgras bewachsenen Steppe, in deren Mitte ein großer Palmenbaum stand. Zu dessen Füßen lag ein verendender Hirsch: er gab ihm den Todesstoß, schnitt sich ein Stück Fleisch heraus und nahm ihm das Geweih. Dann rastete er und als es Nacht geworden, kletterte er auf den Palmenbaum hinauf, um oben zu schlafen. Die Steppe auf der er sich befand, war aber eine Geistersteppe, was er nicht wußte; und wie nun der Mond hinter den Wolken hervortrat, kamen von verschiedenen Seiten her die Dämonen. Von der unteren Seite der Steppe kamen Dämonen auf Rossen von Rinde, mit Mützen von Rinde und Kleidern von Rinde; und vom oberen Teil kamen solche auf Rossen von Papier, Mützen von Papier und Kleidern von Papier. Alle scharten sich um den Fuß des Palmenbaums und sie hatten Speisen und Getränke mit und jubilierten und pokulierten.

Der Mann auf dem Gipfel des Baumes sah voller Entsetzen hinunter und zitterte davor, daß ihn die Geister gewahrten. Aber da riß das Geweih, das er sich um die Mitte des Leibes gebunden hatte und fiel mitten auf die Dämonen herab. Da erschraken sie, weil es ein Zaubergeweih war und stoben besinnungslos, alles, was sie mitgebracht hatten, zurücklassend, nach allen Richtungen auseinander.

Des andern Morgens, als der Mann vom Baum herabstieg, fand er unten die Kessel und Gefäße der Dämonen voll Speis und Trank und mitten darunter einen goldenen Becher, der noch mit etwas Weißem gefüllt war.

›Was mag die Flüssigkeit sein?‹ dachte er, ›wer weiß, vielleicht bringt es den Tod, wenn ich daraus trinke. Aber nippen schadet ja wohl nicht.‹

Und wie er kostete, war es Branntwein.

›Hm,‹ sagte er sich, ›es ist guter Branntwein‹ und machte noch einen Schluck und als er sah, daß er davon noch nicht starb, schüttete er sich das ganze, das in dem Becher war, hinter die Binde.

›Schade, daß es aus ist,‹ sagte er nun, ›ist denn wirklich kein Tropfen mehr drin?‹ und kehrte den Becher ganz um, um zu sehen, ob wirklich nichts mehr darin war.

Da, o Wunder, wie er ihn so umgekehrt hielt, fiel ein Braten und ein Butterkuchen und noch verschiedenes andre heraus. Wie er ihn wieder nach oben hielt, war das Becherchen wieder leer und wie er es nach unten richtete, entfielen ihm abermals die köstlichen Speisen in Menge.

›Ha,‹ sagte der Mann lachend, ›da habe ich also einen guten Fund gemacht. Die Geisternacht will ich mir loben!‹

Er nahm den Becher und ging weiter. Unterwegs traf er mit einem Manne zusammen, der einen Stab in der Hand hielt, den ließ der Mann nicht einen Augenblick los.

›Was hältst du ihn so,‹ fragte unser Mann, ›ist er denn so kostbar?‹

Der andere versetzte:

›Jawohl. Sein Name ist Kreisläufer. Wenn ich zu ihm sage: du, Kreisläufer, dieser Mensch hat mir meine Sachen genommen, geh hin und hole sie, so tut er es, tötet den Menschen und bringt die Sachen zurück.‹

Darauf sprach jener:

›Nun, dieser, mein goldener Becher ist ein Behälter, der alles, was man nur wünscht, herbeischafft. Nimmst du ihn für den Stab?‹

›Gut,‹ sprach der andere und so tauschten sie.

Gleich darauf befahl unser Mann:

›Kreisläufer, geh hin, töte diesen Menschen und hole mir den goldenen Becher.‹

Worauf der Stab durch die Luft flog und den anderen tötete. Da hatte denn der Mann den goldenen Becher wieder in seinem Sack.

Auf seiner ferneren Wanderung traf er unterwegs mit einem Manne zusammen, der einen eisernen Hammer in der Hand hielt.

›Was kann man mit diesem Hammer machen?‹ fragte er.

›Wenn man,‹ antwortete jener, ›mit diesem Hammer dreimal auf die Erde schlägt, so entsteht ein drei Stock hohes Haus.‹

›Und wenn man viermal schlägt?‹

›Dann ist das Haus vier Stock hoch.‹

›Und fünfmal?‹

›Fünf Stock.‹

›Und neunmal?‹

›Dann entsteht eine neun Stock hohe eiserne Burg.‹

›Nun, möchtest du nicht mit mir einen Tausch eingehen und den Hammer gegen diesen meinen goldenen Becher vertauschen?‹ . . .

Und nachdem der Tausch abgemacht war, befahl er seinem Stabe wieder, den goldenen Becher zu holen. In einem Augenblick war denn auch dieser Mann getötet und der Becher wieder bei dem wilden Mann, der nun noch mit einem zusammen traf, der einen ledernen Sack trug.

›Dieser Sack,‹ erzählte der Mann, ›ist gar wunderbar, wenn man ihn schüttelt, so kommt ein Regen und wenn man ihn tüchtig schüttelt, ist der Regen so stark, wie du es wünschen magst.‹

›Wirklich?‹ fragte unser Mann.

›Ja, wirklich.‹

Und der andere zeigte ihm auch gerne, wie es erst sanft regnete und dann wie ein Wolkenbruch niederging, als er den Sack heftiger bewegte.

›Teufel,‹ sagte unser Mann, ›das gefällt mir. Aber was hast du von dem Regen? Möchtest du ihn nicht lieber gegen meinen goldenen Becher tauschen? Da hast du erstens das Gold und zweitens Essen und Trinken für alle Zeiten.‹

Das sah der Fremde ein und gab den Sack für den Becher hin. Aber gleich darauf kam der Stab über ihn, tötete ihn und brachte den Becher zurück.

›So,‹ sprach jetzt unser Mann, ›jetzt habe ich alles beisammen, was ich brauche, Stab, Becher und Sack und jetzt wollen wir an die Rache denken. Du warst stark, Chan und hast mich aus dem Lande gejagt und ich war schwach und hab es dulden müssen, ohne etwas wider dich tun zu können. Jetzt wollen wir Abrechnung halten.‹ Mit diesen Gedanken machte er sich auf den Rückweg und wie er der Residenzstadt wieder nahekam, sprach er:

›Wo, Chanlein, wollen wir dir die Überraschung bereiten, nahe von dir oder entfernter von dir? . . . Aber es ist besser, wenn ich es ganz nahe tu, so daß du es gleich erfährst, wenn du die Augen aufschlägst.‹

Und wie es Mitternacht ward, schlich er sich ganz nahe an die Hintergebäude des fürstlichen Palastes heran, nahm den eisernen Hammer heraus und schlug damit auf die Erde, so daß es jedesmal tock-tock machte und neunmal machte er tock-tock. Davon erwachte der Chan in seinem Palast.

›Was ist das?‹ fragte er, ›etwas macht da draußen tock-tock.‹

Die Diener antworteten, daß es vielleicht ein Fensterflügel wäre, der so vom Winde bewegt, an die Mauer des Palastes geschlagen habe, denn was es wirklich war, ahnte keiner.

Nun hatte aber der Hammer in der Tat seinen Zauber geübt und wie der Mann mit dem neunten Schlage fertig war, erhob sich eine neun Stock hohe gewaltige, eiserne Burg aus der Erde. Früh morgens, als der Chan erwachte, sagte er zur Chanin:

›Hast du es nicht gehört, wie es heute Nacht immerfort auf die Erde schlug, tock-tock und tock-tock. Ich bin wirklich neugierig, wer uns aus dem Schlafe gestört hat.‹ Da erhob sich die Chanin, um sich selber umzusehen und natürlich kam sie bald in großer Bestürzung zurückgeeilt und sagte:

›Eine neun Stock hohe Burg steht hinter unserem Palaste.‹

Und da lief der Chan hinaus und fand schon alle Einwohner der Stadt vor der Burg versammelt, die gleich ihm voller Entsetzen hinaufschauten. Auf der höchsten Zinne der Burg stand aber unser Mann und schrie mit wildem Lachen hinunter zum Chan:

›Jetzt trau dich an mich heran, wenn du kannst, denn wir wollen Abrechnung halten.‹

Nun versammelte der Chan ein Heer, das er gegen die Burg anrennen ließ, aber es kam der Stock und tötete alle Mann, ohne daß sie ihm etwas anhaben konnten. Darauf versuchte der Chan ihn auszuhungern; aber er lachte, da er aus dem goldenen Becher soviel Essen und Trinken herausschüttete, als er für sich und die ganze Besatzung brauchte. Nun fragten ihn die Priester und die Minister, ob sie mit ihm sprechen könnten? Er sagte, ja, warum denn nicht? nur den König würde er töten, wenn er in die Burg käme. Sie sagten, als sie bei ihm eintraten, daß er doch nicht im Rechte sei, der König sei ein guter König und was solle ein solcher tun, wenn in seinem Lande ein wilder Geselle sei, der allen wehe tue und sich um Recht und Gesetz und das Ansehen des Königs, der doch für das Wohl aller verantwortlich sei, nicht kümmere.

›Kommt ihr, mir Predigten zu halten,‹ rief er, ›gleich könnte ich euch töten, wenn ich euch nicht das Gegenteil versprochen hätte‹ und damit warf er sie hinaus.

So ließ denn der König, weil ihm nichts anderes übrig blieb, gewaltige Holzmengen um die Burg herum aufschichten in der Absicht, den Rebellen auszuräuchern und die Mutter desselben, die er mit sich in das Schloß genommen hatte, begann die Hände zu ringen, als man die Holzstöße unten anzündete und sie die stockhohen Flammen hinaufsteigen sah.

›Habe Mitleid,‹ flehte sie zu dem Sohn, ›wir verbrennen sonst alle. Hast du denn kein Herz in dir? Der König ist doch im Rechte.‹

Daraus erwiderte er hohnlachend:

›Schweig still mit deinem Altweibergeschwätz‹ und trat auf die Burgzinnen hinaus und schüttelte den Ledersack aus. Da kam zunächst ein Regen, vor dem das Feuer unten zum größten Teil erlosch. Daran nicht genug, machte aber der Mann einen Platzregen, der gar nicht aufhören wollte, sodaß eine Überschwemmung entstand und die rings um die Eisenburg aufgehäuften Hölzer und Kohlen, aber auch die Schmiedeleute, die zur Anfachung des Feuers mit ihren Blasebälgen heranbefohlen worden waren, von der Strömung fortgerissen wurden und ringsherum Rinnsale mit steilen, vom Wasser unterwühlten Ufern sich bildeten . . .«

Bei diesen Worten rief der Chansohn:

»So behielt also der Rebell die Oberhand über den Chan jenes Reiches?«

Da versetzte Siddhi-Kür:

»Das wahre Glück verkennend, hat der Chansohn seinem Munde Worte entschlüpfen lassen.«

Und mit dem Ausruf:

»In der Welt nicht zu bleiben ist gut!« riß er sich los und entschwand im Dunkel.

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.