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Kalmückische Märchen

Adolf Gelber: Kalmückische Märchen - Kapitel 8
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authorAdolf Gelber
titleKalmückische Märchen
publisherRikola Verlag A.G.
illustratorAmadeus Dier
year1921
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Die Königin, die ein Herz essen mußte

Darauf machte der Chansohn sich wieder auf den Weg, um Siddhi-Kür zu holen. Nachdem er die stolzlautenden Worte gesprochen, kam Siddhi-Kür herabgestiegen. Er nahm ihn auf den Rücken und wandelte so des Weges. Als Siddhi-Kür beim Rasten die gleichen Worte wie früher sprach und der Chansohn das Zeichen mit dem Haupte gab, begann Siddhi-Kür:

»Früh vor Zeiten herrschte in einem Reiche Kungs-snang, der allerleuchtende, der große Chan. Dieser hatte eine Gemahlin genommen, von der ihm ein Sohn geboren wurde, den er Sonnenschein nannte und als er nach ihrem Tode eine andere nahm, beschenkte sie ihn mit einem Sohne, den nannte er Mondenschein. Der ältere war in dem Tigerjahr geboren, von dem du wohl wissen wirst, was es bedeutet. Kraus geht es dem Menschen, der in diesem Jahr hinausgeworfen wird in das Leben. Wie er heranwuchs, begann die Chanin scheel auf ihn zu sehen.

›Mein Sohn Mondenschein,‹ sagte sie, ›ist schön, warum muß er hinter ihm zurückstehn? Solange er am Leben bleibt, kann mein Mondenschein, weil er der jüngere ist, das Reich nimmer erhalten. Ach, wenn ich ein Mittel wüßte, Sonnenschein aus dem Wege zu räumen. Mein eigener Sohn würde dann König.‹

Sie wollte schon mit Jägern sprechen, ob sie nicht Sonnenschein auf der Jagd wie von ungefähr erschießen möchten, aber traute sich nicht und wurde vom ewigen Sinnen und Brüten ganz krank. Da jammerte sie mit lauter Stimme, wälzte sich auf dem Lager und verbrachte schlaflose Nächte. Der König, der sie liebte, eilte, seine Truppen, die sich mitten im Kriege gegen einen großen Feind befanden, im Stiche lassend, erschrocken zu ihr zurück. Sie war aber sehr schön und er sagte:

›Du Holde, von reizender Gestalt, wie schmerzt es mich, daß du so leidest.‹

Sie antwortete:

›Ach, wie wohl tut es mir, daß der König sogar den Krieg läßt, um nach mir zu sehen.‹

Er sagte:

›Was ist mir der Krieg, was mein Thron. Alles gäbe ich hin, wenn es sein müßte, für dich. Aber sprich, was ist das für eine Krankheit an der du leidest, ich habe dich nie zuvor kranksein gesehen.‹

Darauf sagte sie, daß sie schon früher, bevor sie zu ihm in die Ehe gekommen, zuweilen von diesem Leiden heimgesucht worden sei, aber der jetzige Zustand sei mit dem früheren nicht zu vergleichen. Unerträglich seien jetzt die Schmerzen.

›Und gibt es denn kein Mittel dagegen?‹ fragte der König. ›Ich will neue Ärzte holen lassen, Wahrsager, Zauberer. Aus allen Ländern lasse ich sie holen.‹

Sie antwortete:

›Es ist vergebens, es gibt kein Mittel und keiner kann helfen und nichts bleibt mir übrig als zu sterben, da das einzige Mittel, das es gibt, unausführbar ist.‹

›Wenn du stürbest,‹ rief der Chan, ›so wäre das, gleich als wollten mir die Götter das Herz durchbohren. Sprich, was ist es für ein Mittel. Ich will darnach greifen und selbst, wenn ich darum von meiner Herrschaft Abschied nehmen müßte, ich wollte es tragen.‹

Da sah die Königin, daß er sie wirklich liebte und sprach:

›Nur wenn ich ein Herz in einer gewissen Weise zubereitet verzehren könnte, würde ich Ruhe finden.‹

Darauf der König:

›Gleich lasse ich dir ein Herz holen. Ist es von einem Tier?‹

Sie antwortete:

›Nein, ein Menschenherz.‹

Er sagte:

›Gut! Gleich lasse ich dir ein Herz von einem meiner Untertanen holen.‹

Sie erwiderte:

›Laß König, denn auch ein Herz von einem deiner Untertanen kann mir nicht helfen. Es muß eines andern Menschen Herz sein.‹

›Willst du mein eigenes Herz?‹ fragte der König.

Sie weinte und sagte:

›Auch deines ist es nicht und glaubst du denn, daß ich es nähme? Aber du siehst, daß ich sterben muß, weil es ganz unausführbar ist.‹

Und sie schluchzte, indem sie den Kopf an seine Brust lehnte, bis sie ihm endlich, da er mit Bitten nicht nachließ, sagte, daß es das Herz eines seiner beiden Söhne sein müßte, gleichviel ob des einen oder des anderen.

›Und geht denn das?‹ fragte sie, ›daß du einwilligst, ach, einen der Knaben, die beide so jung und hold sind, zu töten? Für dich, o Chan, wäre es unmöglich, das Söhnchen, das dir deine erste Gemahlin hinterlassen hat, hinzugeben; und soll ich das Herz meines eigenen Knaben essen, der aus meinem Schoße hervorgegangen ist und zugeben, daß er für mich getötet werde? Wie ginge mir sein Fleisch durch die Kehle? Du siehst, daß es für mich keinen andern Ausweg gibt als den Tod.‹

Der Chan stürzte fort und raufte sich die Haare, dann kehrte er zurück und sagte, da er die Reden der Gemahlin nicht länger ertragen konnte:

›Zwar bedauere ich,‹ sagte er, ›meinen Sohn Sonnenschein unendlich, er ist ja mein erstgeborener. Mein Mitleid ist unermeßlich: aber wenn sonst dein Hinsterben gewiß ist, so werde ich Sonnenschein morgen dem Tode überliefern.‹

So sprach er und umarmte die Chanin unter heißen Tränen.

Dies hatte Mondenschein belauscht und er eilte zum älteren Bruder und erzählte ihm weinend, was Mutter und Vater beide miteinander gesprochen.

›Daß man dich, mein Teurer, morgen umbringt, ist sicher,‹ sagte er. ›O Gott, wer hätte es für möglich gehalten?‹

Darauf versetzte Sonnenschein:

›Wenn das der Fall ist, so bleibe du, deine Eltern ehrend und hochhaltend, allein, gesund und glücklich zurück. Wer kann gegen das Schicksal streiten. Ich aber will fliehen.‹

Darauf versetzte aber Mondenschein voller Gram im Herzen:

›Wenn du, mein Bruder, nicht da bist, so kann auch ich hier nicht bleiben. Wohin du gehest, ich folge dir nach.‹

Darauf entflohen sie noch in derselben Nacht, als der Mond sein Licht verbreitete, aus dem Palaste und wanderten quer über Berg und Tal, Tage und Nächte, ohne Unterlaß, immer gegen Osten dahin.

Nichts hatten sie auf den Weg mitgenommen, als etwas Nahrung, weil Sonnenschein, als sie den Palast verließen, gesagte hatte, nichts, was seines Vaters sei, wolle er mehr haben, kein Pferd aus dem Stalle, kein Gewand aus den Truhen, keinen Edelstein aus dem Schatz. Nur Pfeil und Bogen hatten sie mit, damit schossen sie, wenn es notwendig war, zur Nahrung einen Vogel aus der Luft oder ein Tier aus dem Walde. Aber da kamen sie am fünfzehnten Tage ihrer Wanderung in ein wüstes Gelände, in dem kein Tier zu sehen war und durch welches sich ein ausgetrocknetes Flußbett zog. Weil ihnen die Lebensmittel ausgegangen waren und weil auch kein Wasser da war, fiel Mondenschein verschmachtend nieder und konnte nicht mehr gehen. Der Ältere sprach und seine Stimme zitterte:

›Um meinetwillen leidest du so, Bruder. Ich will gehen, um Wasser zu suchen. O, du Standhafter, harre aus, ich will gehen Wasser zu suchen und du warte hier.‹

Er ging bis an den Fuß eines Berges, den er im Osten sich erheben sah, um Wasser zu suchen, fand aber keines und als ihn die Angst um den Jüngeren zurücktrieb, fand er denselben vor Durst ermattet, tot. Der Schmerz überwältigte ihn.

›Wahrlich, ich bin ein Sohn des Tigerjahrs,‹ sagte er, barg den Leichnam unter den Steinen und flehte um Vereinigung bei der künftigen Wiedergeburt. Dann wandte er sich zum Berg hin, überstieg ihn und kam dann noch über einen zweiten; und wie er auf der anderen Seite wieder hinunterschritt, erblickte er eine Öffnung in einer Felsenwand. Es war rotes Gestein, so rot, wie wenn die untergehende Sonne ihre Strahlen auf den Stein wirft und als er durch die Öffnung eingetreten war, saß ein uralter Einsiedler da.

Der Einsiedler sprach:

›Woher bist du gekommen, o Jüngling? Scheinst du doch wie von einem tiefen Schmerze gerührt.‹

Und er betrachtete ihn mit einem Mitleid, daß Sonnenschein wieder zu weinen begann und ihm das Geschehene erzählte. Darauf der Einsiedler:

›Ich verstehe nicht ganz. Warum flohet ihr, beide Söhne eines Königs, was zwang euch dazu? Und wenn der Vater zürnte, hattet ihr denn nicht eine Mutter, die sich eurer annahm?‹

Und nun berichtete der Prinz auch, wie es damit war; von der Stiefmutter und ihrer Krankheit und wie der Vater ihn hatte töten lassen wollen, um sein Herz der Stiefmutter zu geben.

›Und dein toter Bruder?‹ fragte der Einsiedler.

So erzählte Sonnenschein auch das letzte, worauf der Einsiedler sagte:

›Wahrlich, er hat die Vollendung erreicht.‹ Und mitleidig sprach er:

›Er soll nicht tot sein.‹

Und machte sich gleich mit Sonnenschein auf den Weg, rief den jüngeren Bruder ins Leben zurück und sagte, als sie einander in den Armen lagen:

›Werdet meine Söhne.‹

So blieben sie bei ihm.

Es herrschte in dieser Gegend ein mächtiger Chan. Aber zur Zeit, wo die Ackersleute in seinem Lande das Wasser auf ihre Felder leiten sollten, begab es sich auch hier, daß in dem Fluß, der das Reich durchströmte, plötzlich zwei Drachenfürsten Wohnung nahmen, die das Wasser dämmten; und um es wieder frei zu machen, mußte man ihnen alljährlich zum Opfer einen Jüngling aus dem Tigerjahr vorwerfen. Dies hatte sich nun schon durch eine Reihe von Jahren wiederholt, aber als man jetzt neuerlich im Volke nach einem Jüngling aus dem Tigerjahr suchte, war keiner aufzutreiben. Da sprachen die Leute unter sich:

›Nahe dem Ursprung des Flusses in der Felsenhöhle auf dem Roten Berge lebt doch der alte Einsiedler, bei dem zwei Jünglinge sind; hat man sich auch nach ihnen umgesehen?‹

Und andere sagten:

›So ist es, als wir das Vieh auf jene Matten hinauftrieben, haben wir die beiden, von denen der eine ein Sohn aus dem Tigerjahr ist, gesehen.‹ So wurden im Auftrage des Chans Boten abgesendet, den Prinzen zu holen.

Als die Boten hinaufkamen und an die Tür klopften, kam der Einsiedler heraus und fragte:

›Was gibt's?‹

Sie sprachen:

›Du hast einen Sohn aus dem Tigerjahr, er ist dem Reich sehr nötig.‹

Der Einsiedler erwiderte:

›Wie soll ein Einsiedler zu einem Sohn kommen?‹

Und er verschloß die Tür. Er ließ den Jüngling in ein großes Gefäß kriechen, dessen Öffnung er vermachte und das ganze verschmierte er mit Lehm, sodaß es wie ein tönerner Wasserbehälter aussah. Nun erbrachen die Boten die Tür, suchten herum und schlugen, da sie nichts fanden auf den alten Mann los, indem sie schrien:

›Du Hund von einem Einsiedler, gib ihn heraus. Oder meinst du, daß wir nicht wissen, daß du zwei Jünglinge hast, wovon einer aus dem Tigerjahr stammt?‹

Da hielt es Sonnenschein nicht länger aus, sondern rief:

›Schlaget meinen Vater nicht, ich bin hier.‹

Damit kam er heraus und als Mondenschein, der auf dem Berge oben gewesen war, gerade heimkehrte, sah er, wie sie den gefesselten Bruder fortführten.

Als sie mit dem Jüngling in den Residenzpalast traten, erblickte ihn die Tochter des Chans und in ihrem Herzen entbrannte die Liebe zu ihm. Sie ließ sich in das Gemach führen, in welchem man ihn bis zum Opfertage gefangen hielt und schlang die Arme um seinen Hals, worüber ihr Vater, als man es ihm berichtete, in Zorn entbrannte. Sie warf sich ihm zu Füßen und flehte, daß er ihn nicht in das Wasser werfen möchte, worauf er schrie:

›Du vergissest auf deinen Rang!‹

Es half aber nichts und als der Tag des Opfers kam und sie wieder vor dem Vater im Staube lag und um das Leben des Geliebten bat, weil auch sie sonst sterben müßte, rief er:

›Wenn du denn lieber zugleich mit ihm in den Fluten umkommen willst, als so zu fühlen, wie es sich für meine Tochter ziemt, so nähet sie mit dem Jüngling in eine Haut zusammen und werft sie beide ins Wasser.‹

So führten die Diener sie weg, um sie mit Sonnenschein zusammenzubinden und bald lagen sie in einer Haut eingenäht auf dem Grunde des Stroms. Nun näherten sich die Drachenfürsten und da sagte einer zum andern:

›Still, was ist das, hörst du nicht zwei Stimmen, die drin in der Haut miteinander reden?‹

Und sie lauschten.

›Wahrlich,‹ sagte die eine Stimme, ›wenn man mich, weil ich aus dem Tigerjahr bin, in dieses Wasser geworfen hat, so mußte es geschehen. Aber du Gute, du Reizende, der so viel Glück bevorstand, mußt du auch, nur weil dein Herz voll Liebe zu mir ist, sterben?‹

Das Mädchen aber sagte:

›Sprich nicht so. Ein niedriges Wesen bin ich, ganz ohne Wert und es liegt nichts daran, daß man mich in das Wasser geworfen hat. Aber du, mein Teurer, wie konnten sie es über das Herz bringen, dich da hinein zu werfen?‹

Dies hörten die Drachen und einer sagte zum andern:

›Was sagst du, Bruder, hast du je ein so rührendes gegenseitiges Bemitleiden gesehen?‹

Und sie hoben die Haut, in die beide eingeschlossen waren, und brachten sie ans Land und wie sie sie aufbanden und der Prinz und die Prinzessin sie erblickten und sich noch einmal in die Arme sanken, weil sie glaubten, der Augenblick des Todes sei schon da, sagten die Drachen:

›Nein, lebet!‹

Dann verschwanden die Drachen wieder im Strom und gleich setzten sich die Wasser in Bewegung und die Drachen sagten:

›Jetzt wollen wir fort von hier, denn ein Land, in dem es solch einen Jüngling und solch eine Jungfrau gibt, soll nicht mehr leiden.‹

Darauf kehrten die beiden zurück bis vor die Tore der Stadt. Dort sagte der Jüngling:

›Geh du jetzt heim in deinen Palast, damit dein Vater, der Chan, alles erfahre, während ich inzwischen meinen Vater, den Einsiedler, aufsuchen will, damit er um mich nicht bange. Dann kehre ich wieder, damit wir fürder als Mann und Frau in unzertrennlicher Liebe zusammen bleiben.‹

In der Residenz des Chans staunten nun alle, als sie das Mädchen wieder daherkommen sahen und riefen:

›Ein Wunder, ein Wunder! Die Drachen haben sie verschont.‹

Und der Chan rief, als sie vor ihn trat und sich ihm zu Füßen warf:

›Der Wille der Götter ist über dir; wie hätten dich sonst die Drachen verschont. Aber der Sohn des Tigerjahrs, ihn haben sie wohl verschlungen?‹

›Nicht haben sie ihn verschlungen,‹ sagte sie, ›und nur infolge seiner Liebe ist es geschehen, daß auch ich nicht umgekommen bin. Seine Liebe hat sie besänftigt und ohne daß man je wieder einen Jüngling aus dem Tigerjahr ins Wasser werfen muß, werden die Wasser von nun an auf unsere Ackerfelder strömen.‹

Da sprach der Chan:

›Wahrlich, das ist schön!‹ und ließ den Einsiedler und beide Jünglinge holen und unter den höchsten Ehren sie in seinen Palast führen.

›Denn das war ein gewaltiges Wunder,‹ sagte er.

›Aber nein, dieser Jüngling selbst ist das Wunder,‹ sagte das Mädchen und der Prinz sagte:

›O, du Erhabene, du bist das Wunder.‹

Und der Einsiedler sprach:

›Als seine Stiefmutter, einen Unterschied machend zwischen ihm und ihrem eigenen Sohn, ihn zu töten beabsichtigte, da war es ein Wunder.‹

Der Chan gab nun auch dem Prinzen Mondenschein eine seiner Töchter zur Gemahlin, stattete beide Paare mit unermeßlichen Schätzen aus, gab ihnen zur Geleitmannschaft eine ganze Armee und sagte:

›Ich will, daß ihr jetzt in eure Heimat zurückkehret, damit euer Vater und eure Mutter wissen, was geschehen ist.‹

Als sie nun ihrer Heimatsburg nahe gekommen waren und ihr Vater von ihrer Rückkehr erfuhr, fiel er in Ohnmacht vor Freude; denn von Kummer überwältigt, hatte er nach ihrer Flucht viele Jahre in Trauer zugebracht und keinen Menschen mehr vor sich kommen lassen. Immer schlug er sich an die Brust und sagte weinend:

›Das ist der Götter Strafe, beide Söhne habe ich verloren.‹

Noch liebte er die Chanin, aber immerfort sagte er:

›Warum hast du das Herz meines Kindes von mir gefordert?‹

Sie wieder trauerte um ihren Sohn, aber umsomehr fluchte sie dem Andenken seines älteren Bruders.

›Er hat ihn mir geraubt,‹ sagte sie sich, ›o, hätte ich ihn hier, hundertmal wollte ich ihn jetzt mit eigener Hand töten.‹

Da hörte sie, als sie einmal wieder so sprach, die Freudenrufe auf der Straße und wie sie hinausblickte, sah sie den Heereszug, an dessen Spitze Sonnenschein an der Seite seines Vaters daherkam. Ihnen folgte Mondenschein mit seiner Gemahlin, aber sie sah ihn nicht, denn die Geister der beiden Drachenfürsten waren plötzlich in der Luft, die es durch ihren Zauber machten, daß sie ihren eigenen Sohn nicht gewahrte. Da schrie sie auf:

›Lebt er und mein eigener ist tot?‹

Und sie sank zurück und starb in demselben Augenblick.«

»Sie wurde schwer bestraft,« flüsterte bei diesen Worten der Chansohn; und Siddhi-Kür versetzte:

»Das wahre Glück verkennend, hat der Chansohn seinem Munde Worte entschlüpfen lassen.«

Und mit dem Ausrufe:

»In der Welt nicht zu bleiben ist gut!« entschwand er.

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