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Kalmückische Märchen

Adolf Gelber: Kalmückische Märchen - Kapitel 7
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authorAdolf Gelber
titleKalmückische Märchen
publisherRikola Verlag A.G.
illustratorAmadeus Dier
year1921
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senderwww.gaga.net
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Der Schweinskopf-Zauberer

Der Chansohn machte sich von neuem auf, Siddhi-Kür zu holen und lud ihn wie das vorige Mal auf den Rücken. Während des Wanderns wiederholte Siddhi-Kür die Worte wie früher und als ihm der Chansohn durch eine Bewegung des Hauptes die Erklärung gegeben, daß er nichts erzählen werde, da begann Siddhi-Kür seine vierte Erzählung:

»Früh vor Zeiten,« so begann er, »lebten einmal in einem blühenden Reiche ein Mann und eine Frau. Der Mann hatte gar schlechte Eigenschaften. Wenn er aß und trank, war es, wie wenn unanständige Tiere essen und trinken. Mit den Lippen machte er immer: schmatz, schmatz und nicht genug daran, jappte und schwappte er mit der Zunge. Und erst beim Arbeiten! Schlafen, wenn andere sich plagten und müßig dasitzen, wenn sie sich mühten und sorgten, das war seine Arbeit. Seine Frau war darob steinunglücklich.

›Sitz doch nicht so müßig da!‹ schrie sie, ›in der Welt muß man sich rühren, wenn man es zu etwas bringen will und da liegt das Faultier grunzend da und frißt. Fühlst du nicht, was die Welt dazu sagen wird, wenn sie solch ein Schmarotzervieh sieht?‹

Worauf er sich schämte, aber doch wieder nichts tat. Infolgedessen hörte das Zetern und Schreien nicht auf und täglich wiederholte sie neu:

›Das von deinem Vater überkommene Vermögen ist weg, verfressen und vertan von solch einem Schweine. Schäm dich doch vor der Welt, rühr dich, zieh deine Kleider an und wenn ich an die Feldarbeit gehe, wird es dir, Stinktier, auch nicht schaden, wenn du dich ein wenig umsiehst.‹

Da sagte er sich endlich eines Tages:

›Vielleicht hat die Frau doch recht und wer weiß, vielleicht ist das Arbeiten und Verdienen gar nicht so schwer, als wie es mir scheint. Hm, die Frau sagt, daß man arbeiten muß und sie ist nicht dumm; und wenn sie also so dafür ist, dann geht es ja vielleicht auch, ohne daß man zuviel schwitzt.‹

Dann kratzte er sich am Kopfe und sann noch einmal darüber nach und die Leute, die vorübergingen, meinten schon wieder, daß er nur so faulenzend dahocke, weil sie nicht merkten, daß er nachdachte und was das für eine Arbeit ist. Denn ich bitte dich, es ist doch ein Unterschied, ob man Fliegen fängt oder nachdenkt. Also sagte er sich:

›Und überhaupt, das ewige Gezeter von der Frau ist mir schon zu dumm. Wobei es wahr ist: die Welt denkt sich was Schönes . . . Also die Welt soll mal was sehen.‹

Und so kann man sich vorstellen, wie die Frau erstaunt war, als sie keuchend und schwitzend vom Felde heimkam und den Mann nicht fand. Denn er hatte sich richtig Kleider angezogen und war aus dem Hause gegangen und niemand wußte wohin, ob in die Stadt hinein oder auf das Land. Aber er war gelassen schlendernd mit einem Stab in der Hand zum nahen Wald und durch denselben zu einem weiten Platz gegangen, den ein in der Umsiedlung begriffener herdenreicher Stamm eben verlassen hatte. Dort legte er sich ins Gras und sah in den Himmel hinauf, dann ließ er blinzelnd die Augen über den verlassenen Lagerplatz gleiten.

›Hm,‹ sagte er, indem er sich auf den Ellbogen stützte, ›die hier haben gearbeitet und dort sehe ich sie noch mit ihren Wagen und Herden in der Ferne nach einem andern Platz ziehen, was auch eine Arbeit ist, namentlich, wenn die Sonne so brennt. Und hier haben sie nichts zurückgelassen . . . Oder wer weiß, vielleicht doch etwas.‹

Darauf erhob er sich und ging, mit dem Stock vorsichtig allerlei Gerümpel durchstöbernd, den Platz ab, wobei er auf einmal etwas daliegen sah, das vielleicht von einem Wagen oder von einem Pferd heruntergefallen war; und wie er es aufhob, war es ein Schlauch ganz mit Butter gefüllt.

›Aha,‹ sagte er, ›meine Alte hat doch recht‹ und wie er nach Hause kam, sprach er:

›Du hast recht, sieh, was ich dir gebracht habe.‹

Da freute sich die Frau und da sie fragte, erwiderte er:

›Erarbeitet habe ich mir das, den Leuten habe ich beim Aufpacken geholfen.‹

Worauf sie:

›Na, siehst du, wie sich ein Mühen immerdar lohnt. Und wenn wir schon davon sprechen: wo in aller Welt geschieht es unter dem Männervolk, daß einer stets an einem Orte sitzt? Indem du einen Augenblick ganz in die Nähe ausgegangen bist, hast du schon soviel heimgebracht. Denk, wie es wäre, wenn du dich weiter aufmachtest.‹

Sagte er:

›Auch das ist wahr; also Frau lebe wohl.‹

Und er machte sich auf in die Weite.

Er nahm ein Pferd, Kleider und andere gute Sachen mit und überall, wo man ihn nach dem Wie und Warum fragte, sagte er dies und das und daß er in das Land wolle, wo man tüchtig arbeiten kann. Und weil das Reiten müde macht, streckte er sich eines Tages auf einer Wiese unter einen Baum am Rande eines Baches zu kurzer Rast hin und sagte zu seinem Pferde:

›Du, Pferd, um dich anzubinden, müßte ich zwanzig Schritte hin zu jenem hübschen kleinen Baum, denn hier, wo ich liege, geht es nicht, weil seine Äste nicht bis auf die Erde herunterreichen. Auch ist der Stamm so dick, daß unser Leitseil nicht ausreicht, um es ringsherum zu schlingen. Wenn ich dir aber die Füße binden soll, so wird es dir erstens vielleicht nicht recht sein, weil du dann so herumhopsen mußt; und dann müßte ich erst wieder aufstehen und den Kleiderpack von deinem Rücken nehmen und darin herumkramen, ob ich den kurzen Strick finde, der zum Zusammenbinden deiner Füße paßt. Also weißt du . . .‹

Und während er so philosophierte, schlief er ein wenig ein. Wie er aufwachte, war das Pferd mitsamt dem Sattelzeug, dem Kleiderpack und dem kurzen Strick, der sich darin befand, alles fort, worauf der Mann sehr den Kopf schüttelte.

›Das hat man davon,‹ sagte er, ›ich will arbeiten und da macht einem das Tier solche Geschichten und geht zu anderen Menschen hin, zu Dieben oder was weiß ich.‹

Und so mußte er denn zu Fuß weiter und kam in eine Stadt, in der war ein Palast, der ihm sehr gefiel und hinter dem Palaste waren Ställe, Magazine und Wirtschaftsgebäude, die gehörten alle zum Palast; und das ganze war Eigentum des Chans, der ein gewaltiger König war. Wie nun unser Mann in die Gebäude hineinblickte, gefiel ihm am besten ein Stall, in dem sich's bequem hineinschlüpfen ließ, weil grade niemand aufpaßte. Und außerdem muß man wissen, daß in einem Winkel dieses Stalls berghoch, bis an die Decke, Heu aufgeschüttet war, so daß der Mann sich dachte: ›Das ist ja ein vorzügliches Versteck. Erstens ist es so dunkel, daß ich ruhig im Heu daliegen kann, ohne daß man mich gleich sieht und vertreibt. Zweitens ist es hübsch kühl und drittens kann ich, wenn grade niemand aufpaßt hinausschlüpfen und sehen, ob ich mir etwas erarbeite und ruhig wieder zurückkehren.‹

So arbeitete er sich denn auf den Heuhaufen hinauf und wenn jemand in den Stall unten eintrat, zog er gleich ein Büschel Heu vor das Gesicht. Und wie er so dalag, man denke, kam die Tochter des Chans mit einigen Hofdamen unten eingetreten, um nach den Pferden ihres Vater zu sehen und tätschelte sie und gab ihnen süße Namen. Doch wie sie herumging, entfiel ihr etwas. Es war ein kostbarer Talisman und niemand bemerkte es; aber der Mann oben im Heu sah es und dachte sich, da ist ja schon etwas und wollte, als sie den Stall wieder verließen, wieder hinunterrutschen, um das Geschmeide an sich zu nehmen. Da trat aber eine Stallmagd mit dem großen Besen herein, die den ganzen Mist zusammenkehrte und ihn grade an der Stelle, wo der Talisman lag, zu einem Haufen zusammentat und mit dem Rücken einer Heugabel zusammenklopfte. Gleich darauf kam draußen ein Wagen vorgefahren, auf den die Magd den Haufen verlud und zwar mitsamt dem Talisman, der darin zusammengeklebt steckte. Da rutschte der Mann vom Heuschober herunter, schlich hinaus und folgte dem Wagen bis zu einem Gehöfte, wo der Mist wieder abgelagert wurde. Und richtig erging tags darauf eine Kundmachung in der Stadt, des Inhalts, daß die Tochter des Chans ihren Lebenstalisman verloren habe. Die große Gesetzverkündigungstrommel wurde gerührt, die Wahrsager und Zeichendeuter wurden berufen und sämtlichen Untertanen verkündigt, daß dem Reich ein großes Unglück bevorstünde, wenn der Stein sich nicht finden sollte. Und als der Mann, der sich dort in der Nähe des Haufens wieder in einen Heuschober auf die Lauer gelegt hatte, das Geschrei und den Trommelwirbel hörte, dachte er sich: Aha. Und als der Verwalter kam und ihn fragte: ›Was tust du da, gewiß bestiehlst du mich heute nachts.‹

Antwortete er:

›Ich, stehlen? Herr, ich bin ein ernster Mensch, ich bin ein Wahrsager.‹

Nun und natürlich erfuhr gleich der König, daß ein fremder Wahrsager da sei und da er erbittert war, weil die anderen Wahrsager ihm die Sache nicht hatten herausbringen können und er ihnen darum die Köpfe vor die Füße legen ließ, schrie er:

›Herbei mit dem Fremden! Wollen sehen, ob er auch einer von den Brüdern ist, die das Wahrsagen zu verstehen behaupten, wo sich dann herausstellt, daß ein Schaf mehr weiß als sie.‹

Gleich sendete er die Polizei ab, um den neuen Wahrsager zu holen. Der aber sagte, als er aus dem Heu hervorkroch und sie ihn in seinen Fetzen erblickten:

›Ich habe ein Gelübde getan, wenn es nicht anders sein muß, mich immer nur in Fetzen zu kleiden, aber so vor Leute hinzutreten ist nicht schön.‹

Und der König erklärte, als man ihm davon Mitteilung machte, das sei offenbar ein sehr anständiger Wahrsager und ließ ihm vor allem ein schönes, mit Pelz verbrämtes Obergewand senden, sowie ein hohe Mütze, die oben etwas unter der Spitze herum auch mit Pelz besetzt war, ein Marderschwanz war es. Und als er vor den König geführt wurde und dieser fragte, ob er zum Zaubern noch etwas brauche, sagte er:

›Ja, auch ganze Stiefel und ein reines Untergewand, vor allem aber einen großen Balling, das ist eine Zauberfigur und ein fünffarbiges Seidentuch. Dann ein Pferd, weil ich zum Wahrsagen darauf herumreiten muß, sowie einen Schweinskopf.‹

›Was,‹ fragte der König, ›einen Schweinskopf?‹

›Ja,‹ erwiderte der Mann, ›und ein recht großer muß es sein.‹

Schrie der König:

›Rasch einen Schweinskopf herbei! Wer weiß einen Schweinskopf.‹

Riefen die Höflinge, weil sie alle so vor dem König erzitterten:

›Großmächtiger Chan, erzürne dich nicht und schone uns. Wir haben ja Schweinsköpfe die Menge.‹

Worauf sich der König besänftigte und wirklich war bald ein hübscher, großer, fetter Schweinskopf mit aufgeworfenem Rüssel und abstehenden Ohren da. Da setzte ihn nun der Zauberer auf die Spitze eines Holzes, putzte ihn mit dem fünffarbigen Seidenstoff aus und steckte ihn in die große Ballingfigur, in die er fünf Löcher gebohrt hatte, sodaß aus jedem ein Zipfel von dem Seidenstoff herausflattern konnte. Dann saß er einen Tag und eine Nacht in ernstem Nachdenken da, worauf er den König fragte:

›Ist in dieser Stadt Mist?‹

Der König wandte sich an seine Minister, diese an die Unterminister, diese an ihre Polizeihauptleute und nachdem alle gehörig nachgeforscht hatten, antwortete der König dem Zauberer:

›Ja, in dieser Stadt ist Mist.‹

Der Zauberer nickte und saß wieder einen Tag und eine Nacht stumm da, nach welcher Zeit er den König wieder fragte:

›Pflegt es vorzukommen, daß die Leute den Mist wegkehren?‹

Worauf die Minister und die Unterminister und die Polizeihauptleute abermals eiligst nachforschten und der König dem Zauberer antwortete:

›Ja, es pflegt vorzukommen, aber nicht oft.‹

Ihr müßt aber wissen, daß der Kerl, als er bei seinem Hausherrn in das Heu geschlüpft war, diesen zu seinen Leuten sagen hörte, daß sie auf dem Platz vor seinem Stall erst nach vier Tagen reine machen sollten. Und wie er nun den dritten Tag und die dritte Nacht ernst nachdenkend dagesessen war und der König wieder bei ihm eintrat, sagte er:

›Jetzt brauche ich nur noch eine ganz kurze Zeit weiter nachzudenken, aber der Schweinskopf befiehlt mir, daß du, König, heute jedenfalls bei Gefahr der Todesstrafe das Mistwegführen verbieten sollst.‹ Da erschauerten die Leute in der ganzen Stadt und alle, die vor ihren Häusern gerade die Schaufeln und Spaten angesetzt hatten, um reine zu machen, ließen es, als sie den Befehl hörten, in Entsetzen und Todesangst wieder bleiben, weil die Polizei durch die Straßen schritt und einen Mann, der grade zusammenkehren wollte, mit den Worten anherrschte:

›Du Hund, wagst du es, zusammenzukehren?‹

Und als es so weit war, bestieg der Zauberer das Pferd, ließ sich den Schweinskopf hinaufreichen und setzte sich in Bewegung. Hintennach aber folgten ihm der König mit allen Prinzen, sowie die Minister, die Unterminister und die Polizei-Hauptleute nebst einer großen Volksmenge zu dem in der Mitte der Stadt gelegenen Versammlungsplatze in großer Prozession. Dort richtete er sich in den Steigbügeln auf und ließ die Leute an sich vorbeidefilieren und sagte, nachdem er jedesmal beschwörend zum Schweinskopf hinaufgeblickt hatte:

›Bei dem ist der Talisman nicht, bei dem nicht, bei dem nicht.‹

Und so vielleicht hundertmal, so daß der König ein wenig ungeduldig wurde. Wogegen aber der Zauberer mit Grabesstimme sagte:

›Ungeduld? Glaubst du, die Götter lassen sich von wem immer und sei es selbst ein König, befehlen? Und glaubt du, mir sei es ein Vergnügen, hier auf dem Pferde sitzend immer fort zu schwitzen und zu den Göttern emporzublicken und sie nach einem Zeichen zu fragen? Aber du hast recht,‹ fuhr er mit milderer Stimme fort, ›es dauert etwas lange, bevor alle die vielen an mir vorbeigezogen sind. Wir können es auch anders machen.‹

Darauf ritt er Straß auf Straß ab durch mehrere Zeilen und hielt das Roß vor jedem Hause an, an dem er vorbeikam, während der Chan samt dem Gefolge immer unter feierlichem Gesange hinter ihm herzog und stach mit dem Schweinskopf an der Schwelle jedes Hauses in die Erde und sagte:

›In diesem Hause ist der Talisman nicht – in diesem nicht – in diesem nicht.‹ Bis sie dahin kamen, wo er die Nacht im Heuschober zugebracht hatte und wo er den Edelstein unter dem Misthaufen wußte. Da hob er den Schweinskopf zum Himmel empor, betete lange und stieß den Schweinskopf in die Erde. Dann rief er:

›O König, die Gunst der Götter ist über dir. Ich freue mich, es dir zu künden. Hier ist der Edelstein verborgen!‹

Darauf machten sich die Minister, die Unterminister und die Polizeihauptleute persönlich daran, den Mist mit den Kugeln, Kügelchen und Fladen, aus denen er bestand, vorsichtig auseinanderzunehmen und siehe da, wie alles abgetragen war, glänzte im Lichte der Sonne der kostbare Talisman. Da jauchzten alle und riefen:

›Das ist ein gewaltiger Zaubermeister,‹ und das Volk sagte: ›Wahrlich, einen eigenen Namen verdient er, da er doch so ganz anders ist, als die anderen Zauberer, die wir gesehen.‹

Und der König sagte zu seinen Ministern:

›Ihr meine Ratgeber, was für einen Namen soll ich ihm geben?‹

Und auf den Rat der Minister wurde er ›der Schweinskopfzauberer‹ genannt.

Natürlich war das aber nicht alles. Der König fragte, was er sich wünsche. Er erwiderte:

›Ich bin so bescheiden, was braucht ein Mann meines Berufs? Höchstens ein Pferd und einen Sattel sowie Köcher und Bogen, dann, wenn du noch willst, eine Mütze und einen Regenmantel von Filz, für den Fall, daß es regnet.‹

›Sonst erbittest du dir nichts?‹ erwiderte der König.

Sagte der Zauberer:

›Was, König, brauche ich denn sonst? Höchstens einen Hund, daß er mich bewache, wenn ich im Freien schlafe.‹

›Aber du hast doch eine Frau?‹ sagte der König.

›Ja, aber die ist wie ich. Höchstens, daß sie sich vielleicht doch eine Kleinigkeit wünscht.‹

›Gut‹, sagte der König, ›dann soll sie mir schreiben.‹

Somit ritt der Zauberer heimwärts und alle kehrten, begeistert über seine Bescheidenheit, in die Stadt zurück. Das heißt, einige Sachen hatte er ja doch noch mitbekommen, nämlich ein Pferd, auf dem Verschiedenes eingepackt war, Kleider für seine Frau und Stiefel, die man brauchen konnte, wenn der Regen alle Wege in einen Morast verwandelte, und etwas Geräte für das Haus. Und wie er damit heimkam, freute sich seine Frau und sagte:

›Woher hast du denn das alles?‹

›Erarbeitet.‹

Da freute sie sich noch mehr und sagte:

›Siehst du, wenn man als Mann gelten will, muß man arbeiten. Und wie hast du gearbeitet?‹

›Ich habe Kranke heilen gelernt und hab einer kranken Königstochter die Gesundheit wiedergegeben.‹

Da riß sie die Augen weit auf und sprang aus dem Bett, weil sie sich eben zum Schlafen hingelegt hatte, und schrie:

›Du Dummkopf, wenn man eine Königstochter geheilt hat, bittet man sich solch einen Lohn aus? Gleich kehrst du zum König zurück und sagst ihm, daß das nicht genug ist. So ein Tier! Ein Pferd hat er mir mitgebracht und einen Köter! Hunde haben wir selbst genug, dafür brauchen wir nicht Königstöchter zu heilen!‹

Und am folgenden Tage schrieb sie – und er dachte sich dabei: was Frauen dumm sind und nicht wissen, daß ›anfangs klein bringt mehr herein‹ und daß ›zweimal mehr trägt als einmal‹ – also am folgenden Tage schrieb sie an den König einen Brief.

›Wisse, o König,‹ schrieb sie, ›daß mein Mann‹ –

›– Mein armer Mann –‹ unterbrach er.

›. . . so bescheiden ist –‹

›– so ungeheuer bescheiden ist,‹ unterbrach er.

›Nie . . .‹ ›Ganz richtig,‹ sagte er, als sie nachdachte, ›nie denkt er an sich, schreib's nur!‹

Und so half er beim Schreiben, bis der Brief lautete:

›Nie denkt er an sich. Und ich bin auch so bescheiden und brauchte ja förmlich gar nichts. Aber wir haben vier Kinder, die hungern und dann ist uns das Haus abgebrannt und grade vor einem Jahre, wie er bei der Arbeit war und ich auf dem Feld Kartoffeln gesetzt habe, ist uns von Dieben ein sehr schönes großes Fohlen gestohlen worden –‹

›Sehr gut,‹ sagte er. ›Schreib noch dazu ein Schwein.‹

Sie schrieb:

›Noch dazu ein Schwein. Und vom Kranksein der Menschen, sodaß man sie als Zauberer besprechen und heilen muß – . . .‹

›Auch wahr,‹ sagte er. ›Könntest noch hinzufügen, oder davon, daß man verborgene Dinge findet –‹

›– kann man nicht leben. Und so sind wir, großer König, sehr unglücklich, weil doch wirklich ein Pferd und ein Hund und was sonst dabei war, nicht genug ist zum Leben. Denn die Stiefel sind ja ganz gut und passen mir, aber kann man sie essen? Und mit dem bißchen Gewand hat ein Kind auch nicht genug, wenn man es füttern muß. Also meine ich, o König, du könntest noch etwas dazugeben. Besonders weil der König in unserem Lande, wie seine Tochter krank war, hat er dem Zauberer, der sie geheilt hat, auch mehr gegeben, zum Beispiel Marderschwänze und ein seidenes Gewand und Ringe und so indem, daß er gesagt hat, daß jeder, der sich etwas machen läßt, ein Gauch ist, wenn er dafür nichts hergibt. Indem aber besonders die Welt gleich sagt, wenn einer mit nichts heimkommt: ist es denn wahr, daß er überhaupt dort war, wo er war? Gleich sagt die Welt, es ist nicht wahr und daß er ein lügnerischer Hund ist, ein Schurke.‹

Und als sie diesen Brief dem Chan übersandte und der ihn las, sagte er:

›Das ist die vollkommene Wahrheit.‹

Und schickte dem Zauberer kostbare Geschenke in Menge und da sahen die Leute, daß er doch einer war.

Aber meinst du, das war schon alles? Nicht weit davon in einem anderen Reiche lebte ein junger Chan, der erkrankte an einer Krankheit. Kein Arzt und kein Zauberer wußte sie zu heilen. An derselben Krankheit waren sieben Monde hintereinander sieben andere Herren aus adeligem Geblüt nach langem hartem Siechtum gestorben; und die Leute erschraken und sagten:

›Genau so wird es mit unserem König gehen, wenn kein Rat kommt, also holen wir den Schweinskopfzauberer aus dem nahen Lande. Sie sagen, daß er mit seinem Schweinskopf alles verstehe.‹

So stiegen vier Männer zu Pferde, die sich zu ihm begaben und ihm alles mitteilten, worauf er sich zum Nachdenken hinsetzte und sich dachte:

›Jetzt bin ich in der Patsche, aber ich muß mit ihnen gehen.‹

Darauf stieg er am andern Tag mit ihnen zu Pferde, hüllte sich in ein Obergewand, nahm einen großen Rosenkranz in die Linke, band ein fünffarbiges Seidentuch an die Rechte und ließ sich lieber gleich hier einen Schweinskopf reichen.

›Wozu?‹ fragte seine Frau, ›Schweinsköpfe werden sie auch dort haben.‹

›Das verstehst du nicht,‹ erwiderte er mit strafendem Blick. Worauf sie ganz beklommen ward und demütig zu ihm aufsah. Dann ritt er mit den Männern davon. Die Frau aber brach in Tränen aus.

›Wie habe ich ihm Unrecht getan,‹ sprach sie. ›Geschimpft und gequält habe ich ihn das ganze Leben lang und ihn einen Taugenichts genannt. Er aber hat es ertragen mit Geduld und jetzt sehe ich, daß er wirklich anders ist, als ich gemeint habe. Wo gibt es in der Welt noch einen, der ihm an Tugenden gleich kommt?‹

Er aber ritt mit den Männern weiter, bis sie zum kranken Chan kamen und wie der Zauberer an der Schwelle des Krankengemachs stand, sprach es in ihm: ›o weh, wie wird's mir jetzt gehen.‹ Beim Eintreten kniete und murmelte er, wedelte mit dem Schweinskopf und tat noch andere Dinge. Dann befahl er allen, das Gemach zu verlassen und blieb mit dem Chan, der stöhnend dalag, allein. Nach einer Weile hörte das Stöhnen auf und der Chan röchelte, aber dann tat er auch das nicht mehr.

›Gut ist's,‹ sagte der Zauberer, ›vielleicht wird er von selbst wieder gesund.‹

Aber da schrie der Kranke, erhob das Haupt, fiel wieder zurück und lag da als eine Leiche.

›So, jetzt bin ich schön dran,‹ sagte nun der Mann und schlich sich, da es dunkel geworden war, aus dem Palaste. Wie er an der Schatzkammer vorbeikam, riefen die Leute, die sie bewachten:

›Wer da, wer da?‹ Und als er davoneilte, riefen sie: ›Ein Dieb, ein Dieb! Laßt uns den Hund totschlagen.'‹

Er auf und davon; und wie er auf der finstern Straße unten angelangt und immer von ihnen verfolgt, dahinstürmte, rannte er, um sich darin zu verstecken, in ein Haus hinein, in dem er ein Licht sah. Aber da kam er mit dem Fuß an einen ganzen Haufen von Geschirr an, das sich da befand, weil es eine Geschirrhandlung war, worauf die Angehörigen des Geschirrhändlers auch alle herausstürzten und riefen: »ein Dieb, ein Dieb!« Und gehetzt wie ein Tier, brach er endlich wieder in einem fremden Winkel, in den er sich hineingerettet hatte, zusammen und fluchte:

»Hole der Teufel den Schweinskopf und den kranken König und die ganze Zauberei.«

Aber wie er so fluchte, blieb ihm plötzlich der Atem im Munde stehen. In dem Winkel wurde es licht und er befand sich wieder in einem Stall; und herein kam ein Tier, das so ähnlich aussah, wie ein Rind oder wie ein Büffel und der Büffel sah sich um und sagte:

»Ist sie denn noch nicht da?«

Worauf sich die Stalltüre wieder öffnete und eine junge Frau eintrat und sagte:

»Bist du da, mein Geliebter?«

Und der Büffel fragte zornig:

»Warum kommst du so spät?«

Antwortete sie, daß sie aus dem Palaste nicht früher habe wegkommen können, denn der König liege wie tot und sie habe unter ihren Frauen sitzen und mitweinen müssen; erst jetzt seien die Minister alle und die Unterminister und das Frauenvolk für eine Weile bis zum Sonnenaufgang zur Ruhe gegangen. Darauf fiel die Büffelgestalt zu Boden und ihr entschlüpfte ein fremder Geist, einer von denen, die die Mangusse heißen und es zeigte sich, daß auch die junge Königin ein weiblicher Mangus war, einer von denen, die in Frauengestalt auf die Erde kommen und welcher Jüngling sie sieht, der ist ihr verfallen. Sie saugt ihm das Blut aus und tut ihm Gift in das Mark. So hatte die scheinbare Königin, immer in veränderter Gestalt, den sieben Herren vor dem Chan, ihrem jetzigen Gemahl und nun auch diesem selbst das Blut aus dem Leibe gesogen.

»Und ist er jetzt schon ganz tot?« fragte der männliche Mangus.

»Noch nicht ganz,« erwiderte die Königin, »und heute ist ein neuer Zauberer gekommen, der könnte ihn retten, wenn er das richtige Mittel wüßte.«

Und sie erzählte ihrem Gefährten, worin dieses Mittel bestand. Und wenn man es anwendete und einen gewissen schweren Zauber dazu sprach, sagte sie, dann würden sie, beide Mangusse, sofort von dem Spruch gebannt, sodaß sie sich nicht zu rühren vermöchten und ohne es hindern zu können, die Anwendung des Zaubers dulden müßten.

»Und was würde dann mit uns geschehen?« fragte der männliche Mangus.

»Oh,« sagte die Königin, »frage mich lieber nicht danach. Verloren wären wir beide.«

Sie sprachen darüber noch weiter, worauf es Tag zu werden begann und sie, der männliche Mangus in die Büffelgestalt sich verwandelnd, entschwanden.

Dies alles hatte der Zauberer, ohne daß sie seiner in seinem Verstecke gewahr geworden wären, gesehen und gehört; und nun kehrte er, nachdem es Tag geworden, in den Palast zurück, wo sie ihn mit den Wehklagen über den Tod des Königs und mit den Rufen, was es denn mit seiner Kunst sei, empfingen. Er aber sagte:

›Ihr Kleinmütigen, wo ich nachts war und warum ich habe den König sterben lassen? Wisset, er ist nicht tot.‹

Gleich ließ er sich die Mittel bringen, von denen der weibliche Mangus gesagt: etwas Schlangenhaut und einige Schweinsborsten in Bilsenkrautsaft gekocht, dann Milch von einer dreijährigen Stute, die einen weißen Fleck auf der Stirn hatte, versetzt mit etwas Kleesamen und eine gewisse Wunderblume. Das kochte er zusammen, nachdem er zuvor Auftrag gegeben, die Frauengemächer strenge zu bewachen und niemand herauszulassen, selbst wenn es die Königin wäre. Nachdem dann der Trank abgekocht war, rief er den Zauberspruch:

Ihr großen Toten alle
       hala, hala, svaha!
Ihr kleinen Toten alle,
       hulu, hulu, svaha!
Ihr kleinsten Toten in Kindergestalt alle
       rira phad, svaha!

und gab dem König den Trank. Die Königin in dem Frauengemach, wo sie sich befand, fühlte sich plötzlich gebannt und der männliche Mangus auch, worauf sie beide auf des Zauberers Befehl herbeigeschleppt und getötet wurden. Hierauf erwachte der König wieder zum Leben und war so gesund wie nur jemals. Und die Frau des Zauberers war sehr glücklich, als sie davon erfuhr, denn der wiedergenesene König wollte ihn nicht mehr von seiner Seite lassen und schickte ihr Männer zu Pferde, sowie Frauen zur Bedienung, die sie zu ihrem Gatten abholen sollten. Und als sie ihr erzählten, was für ein wunderbarer Zauberer er sei und wie die ganze Welt ihm Verehrung entgegenbringe, flüsterte sie demütig:

›Ich habe ihn leichtfertig einen Faulenzer genannt und gar nicht gewußt, daß er nur so dasitzt –‹

. . . »weil er in Gedanken arbeitet,« sagte lachend der Chansohn.

Da versetzte Siddhi-Kür:

»Das wahre Glück verkennend, hat sich der Chansohn Worte entschlüpfen lassen!«

Und mit dem Ausruf: »In der Welt nicht zu bleiben ist gut!« entschwand er.

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