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Kalmückische Märchen

Adolf Gelber: Kalmückische Märchen - Kapitel 6
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authorAdolf Gelber
titleKalmückische Märchen
publisherRikola Verlag A.G.
illustratorAmadeus Dier
year1921
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senderwww.gaga.net
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Massang, der sein Gesicht sah

Abermals ging der Chansohn zum Totenhain hin und nachdem er am Fuße des Baumes die lauttönenden Worte gesprochen, kam Siddhi-Kür herabgestiegen. Der Chansohn steckte ihn in seinen Sack, band diesen mit dem Seile zu und lud ihn auf den Rücken. Als Siddhi-Kür während des Weges ebenso wie früher gesprochen, gab der Chansohn mit dem Kopfe das Zeichen. Da begann Siddhi-Kür seine dritte Erzählung:

»Früh vor Zeiten, als Churmusta, der Waldgeist, mit den bösen Geistern der Schumnu den harten Kampf führte und sie trotz aller Anstrengungen seiner Heere nicht zu besiegen vermochte, sagte er einmal, indem er düster vor sich hinblickte:

›Wenn es doch jemanden gäbe, der uns mit seiner Kraft zu Hilfe käme.‹

Siehe, als er so sprach, wurde auf der Erde unten einem armen Mann, der an Habe nichts als eine einzige Kuh hatte, ein Knabe geboren. Seine Mutter saß gerade beim Melken, als sie von den Wehen überkommen wurde und als sie in ihrem Schmerz die Euter losließ, wandte sich die Kuh um und sah ihr beim Gebären zu. Vielleicht war es eine Zauberkuh. Denn als der Vater herbeikam und das Kind aufhob, erschrak er, denn das Kind war gar nicht schön wie Menschen sind, sondern es hatte einen Kopf, bei dessen Anblick man lachen mußte. Beinahe wie ein Öchslein sah es aus, mit langem Unterkinn, breiten Lippen und einer breiten, breiten, kurzen Stirne. Kurz, ganz wie ein Ochs. Da erschrak also der Vater und sagte:

›Kerl, wo bist du denn hergekommen? Mir scheint, es ist am besten, wenn ich dich töte.‹

Da begann das Kind zu reden und seine Stimme war nicht mehr wie die eines eben geborenen Menschleins, welches be-be greint, und es sagte:

›Mein Vater, töte mich nicht. Ich werde es dir lohnen.‹

Worauf der Vater sagte:

›Frau, denk dir so was, der Kerl kann schon reden . . . Nein, fürchte dich nicht, Mutter, ich werde ihn nicht töten.‹

Dabei berührte er den Kleinen am Kopfe und sagte:

›Aber unter die Menschen gehörst du nicht, sondern in den Wald.‹

Und richtig, da sie nicht in einer Stadt wohnten, wuchs der Kleine im Wald auf.

Sie nannten ihn Massang. Und eines Tages, als er schon ein tüchtiger Bursche war, sagte er:

›Holla, Vater, Mutter, ich geh in die Welt!‹

Und wie er so Tage und Tage dahinzog und einmal mit seinem Bogen im Walde eben einen Luchs vom Baume geschossen und mit einem Knüttel einen Bären vor die Stirne geschlagen hatte, gewahrte er am Fuße eines Baumes jemanden, der dort saß: es war ein schwarzfarbiger Mensch. Massang mit dem Rinderkopf sagte:

›Teufel, wer bist du?‹

›Ich bin,‹ erwiderte jener, ›ein Mensch.‹

›Ein vollkommen ausgewachsener?‹

›Ja, freilich.‹

›Wie kommst du denn daher?‹

›Ich bin,‹ erwiderte der Schwarze, ›aus diesem Walde.‹

›Und willst du hier bleiben?‹

›Ich möchte schon weiter ziehen,‹ sagte der Schwarze.

Darauf versetzte Massang:

›Das trifft sich gut, du bist schwarz und ich bin der Massang mit dem Rinderkopf da oben. Komm laß uns Gefährten sein.‹

Indem sie nun beide als Gefährten weiter wanderten, kamen sie an einen großen Rasenplatz und erblickten dort einen grünfarbigen Menschen.

›Wer bist du?‹ fragten sie ihn.

›Ich bin,‹ antwortete er, ›ein dem Rasen entstammender Mensch.‹

Worauf Massang lachte und sagte:

›Was tust denn du hier, Grüner? Ist's denn dir nicht langweilig, hier immer im Faulen zu grasen?‹

Worauf sie Gefährten wurden und nachdem sie sich Freundschaft geschworen, weiter durch die Welt zogen, wo sie zu einem Kristallhaufen gelangten. Wie sie vor demselben standen, gewahrten sie einen weißfarbigen Menschen; da staunten sie und Massang fragte:

›Kerl, wer bist denn du?‹

Sagte der Weiße:

›Vom Kristall bin ich geboren.‹

›Hm,‹ erwiderte Massang und betupfte ihm mit dem Finger das Gesicht und sagte:

›Hm, wirklich, weiß ist deine Haut. Und was willst du denn auf deinem Kristallberge anfangen, Weißer? Möchtest du nicht lieber mit uns wandern?‹

Sagte der Kristallmensch: ›Ja.‹

Da sie nun alle vier als Gefährten dahinzogen, gewahrten sie auf der Randspitze eines Berges eine kleine Hütte und Massang sagte:

›Gehen wir hinauf.‹

Darauf meinten der Schwarzfarbige aus dem Walde, der Grünfarbige vom Rasen und der Kristallene vom Kristallberg, ob da nicht oben vielleicht ein Feind wäre. Aber Massang mit dem Rinderkopf sagte, ach, was, und richtig behielt er recht. Denn als sie hinauf gelangten, war niemand darin. Wohl aber fanden sie drinnen Essen und Trinken, eine Axt, sowie Pfeile und Bogen, dann Messer, daß sie genug hatten und Schuhe aus Leder, sowie vieles andere; und neben der Hütte war ein Hof mit Vieh und dergleichen andere Habe in Menge darin.

›Nun seht ihr,‹ sagte Massang und sie ergriffen davon Besitz und ließen sich nieder. Massang, wiewohl er der jüngste war, kommandierte, denn sie sahen, daß er gescheit war und alle Tage gingen nach seiner Anordnung je drei auf die Jagd und einer hütete das Haus und hatte das Fleisch zu kochen, die Kleider zu flicken und die Butter zu schlagen. Auf der Jagd aber war's spaßig. Entweder sie gingen alle zusammen oder jeder nach einer anderen Richtung; und wenn sie zusammen gingen und Rast hielten, sprachen sie über das und jenes, wenn sie aber jeder wo anders hingingen, war's auch nicht langweilig, besonders für Massang. Zum Beispiel, wie er einmal durch den Wald ging, vorsichtig, um das Wild nicht zu verscheuchen und so leise, daß nicht ein Zweig unter seinem Fuße knackte, sah er aus dem Dickicht einen Bären hervorkommen, der einen Augenblick die Nase hochhob und auf ihn zutappen wollte. Lachte Massang in sich hinein und sagte sich leise:

›Komm, komm. Oder willst, daß ich dich mit was anderem begrüße?‹

Und er traf mit dem Pfeil das Tier mitten in die Stirn. Dann streckte er sich neben einem Quell aus, fraß ein Stück Fleisch und anderthalb Brote und sang dann ein Lied. Er sang:

›Bärenklau, Vater!
Geierbart, Vater!
Wolfszähne, Vater!‹

Und so vaterte er noch lange und wie er sich dann, um zu trinken, zum Quell hinabbeugte und sein Bild darin erblickte, lachte er wieder und nickte und sagte:

›Schwarzgesicht, schön ist's,
Grüngesicht, schön ist's,
Weißgesicht, fein ist's,
Und, Vater, ich bin ein Ochs!‹

Wenn sie aber zu dritt gingen – weil ja der vierte immer zu Hause blieb, wo er kochen mußte – da war's auch gut, besonders wenn sie sich zur Rast irgendwo hinsetzten und Massang plötzlich brüllte: ein Wolf ist da! Und die andern erschrocken auffuhren. Oder wenn von einem Baum herab plötzlich Trümmergestein auf sie herabsauste, oder ein Luchs, den er oben erwischt hatte, von seinen Händen zerrissen auf sie herunterfiel. An einem solchen Tage, wie er zu ihnen wieder von einem Baum herunterstieg und sich hinlagerte, sagte er plötzlich:

›Du, Schwarzer, eins weiß ich nicht, bist du wirklich aus der Erde hervorgekommen oder hast du einen Vater?‹

Der schwarze Waldmensch erwiderte:

›Ich habe einen Vater, der drehte sich einmal im Walde um und ließ mich allein.‹

›Und wie ist es mit dir, Grüner?‹ fragte Massang, ›hat dich ganz so nur der grüne Rasen hervorgebracht oder hast du auch einen Vater?‹

Antwortete der Grüne:

›Ich habe einen. Der entfloh, als Wölfe kamen und ließ mich allein.‹

›Hübsch,‹ sagte Massang und lachte. ›Von dem Kristallenen weiß ich es ohnehin. Der ist auch nicht von dem Kristall, aus dem der Kristallberg ist. Wie sein Vater einmal in der Ferne etwas gelb schimmern sah und meinte, daß es von Gold wäre, warf er den Kleinen auf den Kristallhaufen und sagte: nach dem anderen muß ich jagen. Und ich bin der Ochsenmensch und Bärenklau und Geierbart und viele schöne Dinge bringe ich einmal meinem Vater nach Hause.‹

So sprachen sie, wenn sie zu dritt waren, miteinander. Aber da ereignete sich eines Tages etwas; wie nämlich der Schwarze, Waldentsprossene, das Haus hütete – er hatte eben Butter geschlagen und das Fleisch zum Kochen über das Feuer angesetzt – hörte er, daß auf der Leiter draußen jemand heraufkam. Denn man muß wissen, daß man in die Stube nicht gleich unten durch eine Türe hineinkam wie es bei uns der Fall ist, sondern die Stube war oben und man gelangte über eine Leiter hinauf, so daß man nicht zu fürchten brauchte, es käme plötzlich durch die Türe herein was weiß ich, ein Bär oder ein Wolf. Also wunderte sich der Waldmensch, wie er das Geräusch hörte und nun denke man sein Staunen, als er eine kleine häßliche Alte mit einem Korb auf dem Rücken vor sich sah. Sie war aber eine Zauberin und sagte:

›Du, Fleischkochender, laß mich etwas kosten, etwas Milch und ein Stückchen Fleisch nur, weil ich so klein bin.‹

Und als er es tat, fühlte er eine Ohrfeige im Gesichte und die Alte war verschwunden, sowie das ganze Fleisch auf dem Herde und die ganze Milch auch. Da schämte er sich vor den Gefährten und als sie heimkehrten, erzählte er, daß viele Männer mit ihren Pferden gekommen seien und alles geraubt hätten.

›Und wovon ist deine Wange so rot?‹ fragte Massang.

Der Schwarze erwiderte:

›Weil sie mich geohrfeigt haben.‹

›Und warum ist die Erde um das Haus herum nicht zerstampft?‹

›Weil sie die Pferde hübsch weit vom Hause zurückgelassen haben.‹

›Und warum ist denn hier im Stalle nichts geschehen?‹

›Weil sie ihn wahrscheinlich nicht gesehen haben.‹

Pfiff sich Massang eins und sagte:

›Du hast recht.‹

Den folgenden Tag, als der vom Rasen Kommende das Haus hütete, ging es ebenso. Die Alte kam, er gab ihr, was sie wollte, sie versetzte ihm die Ohrfeige und verschwand mit der Milch und dem Fleische und als seine Gefährten abends nach Hause kamen, erzählte er, hundert Männer mit Maultieren seien gekommen, die alles raubten. Und am dritten Tage, als der Kristallene zu Hause war und Massang mit den Gefährten abends heimkehrte und sich nichts vorfand, sagte er zum Weißgesichte:

›Du, weh dir, wenn jetzt Männer mit Rindern dagewesen sein sollten, über die Rinder laß ich nichts sagen, weil ich doch selber ein Rindergesicht habe. Na, ist schon gut!‹

Da überlegte er nun die Nacht über und wie er sich leise vor das Haus hinausschlich, weil ihm vorkam, daß er um den Stall draußen ein Geräusch hörte, da gewahrte er, wie hinter dem Gebüsch, das das Haus umstand, etwas dahinschwebte und hörte, wie jemand etwas auf den Boden stellte und selbst für eine Weile verschwand. Dies war aber die alte Zauberin; und erinnerst du dich, was ich dir gleich anfangs von Churmusta, dem Geist und seinem Kampfe mit den Schumnu erzählt habe? Nun, jetzt kann man es schon sagen, daß die Alte mit der Sache auch etwas zu tun hatte und eben entschwebte sie der Erde, weil sie irgendwohin berufen worden war. Wie sie nun durch die Luft dahinflog, gleich einem großen grauen Vogel und inzwischen ihren Korb auf der Erde zurückließ, kam Massang herangeschlichen und wie er den Korb öffnete, fand er darin das Fleisch und die Milch von heute mitsamt dem Geschirr, worin beides in der Küche gewesen und außerdem waren ein eiserner Hammer, eine eiserne Zange und ein aus gehörigen Schafsehnen gewundener Strick in dem Korbe. Da lachte Massang und dachte sich:

›Für wen hat sie das mitgenommen? Offenbar für das Rindergesicht, weil sie doch von diesen Dingen gegenüber meinen Gefährten gar keinen Gebrauch machte.‹

Und flugs nahm er die Zange, den Hammer und den Strick, tat statt dessen rasch einen morschen Strick in den Korb, sowie eine Zange aus Holz und einen hölzernen Hammer mit einem dünnen Griff, der sofort brechen mußte. Dann legte er sich weit weg auf die Lauer und sah richtig, wie nach einer Weile die Alte wieder herabgeschwebt kam. Dann ging er ins Haus und weil es inzwischen Tag geworden war und die Gefährten auf die Jagd gingen, blieb er allein. Richtig machte es auf einmal auf der Leiter ›Knirsch, knirsch‹ und die Alte kam herein und sagte:

›Bist du der Massang? Du gefällst mir so gut und wirst doch Mitleid haben und mir etwas zu essen geben, mein Söhnchen.‹

Sagte er, daß das Fleisch für sie nicht gut sei, da sie doch keine Zähne habe und die Milch, weil sie einen schlechten Magen habe und das Obst nicht, weil es noch sauer sei und sie nur Vergnügen an Süßigkeiten habe, worauf sie zornig wurde und sagte:

›Machst du dir einen Spaß aus mir, Ochsengesicht?‹

Antwortete er:

›Hexengesicht für Ochsengesicht! Ich kenne dich, Alte.‹

Und wie sie nun nach dem Hammer griff, brach der Stiel entzwei und die Zange war von Holz. Und er hielt sie mit der eisernen Zange fest, sodaß er sie niederwarf und ihre Hände und Füße mit dem Sehnenstrick zusammenschnürte. Dann schwang er den Hammer über ihrem Haupte, um sie zu erschlagen, wenn sie nicht sofort sagen würde, was sie mit ihm wollte. Sie sträubte sich; doch wie er es einmal und zweimal rief und sie zum drittenmal mit dem Hammer auf die Stirne schlug, daß ihr das Blut hervorschoß, flehte sie, daß er sie nicht töten möchte.

›Alles will ich dir sagen, Söhnchen,‹ flehte sie, ›Schumnu hat mich geschickt, damit ich dich gefesselt hinaufbringe, auf daß du ihm im Kampfe gegen Churmusta helfen möchtest. Und wenn du mich jetzt losläßt und dorthin und dorthin gehst, wo du zu einer furchtbaren Felsenspalte gelangst und in sie hinabblickst, wirst du drin Gold und Edelsteine sehen sowie viele Panzer und dergleichen kostbare Dinge, mit denen dir gelohnt sein soll, daß du mir das Leben geschenkt hast.‹

Lachte das Rindergesicht und sagte:

›Zu Schumnu geh ich nicht und deine Edelsteine mag ich nicht und dich zu töten brauch ich nicht. Fort mit dir, Hexengesicht, schau, daß du davon kommst!‹

Nun, wie die Gefährten heimkehrten, kann man sich denken, was sich zutrug.

›Kommt ihr endlich,‹ sagte er, ›gewiß werdet ihr hungrig sein und auf das Fleisch und die Milch warten.‹

Sahen sie ihn von der Seite scheu an.

›Also hier ist das Fleisch und hier ist die Milch,‹ fuhr er fort und setzte vor sie die Riesenschüsseln hin, mit einem halben Eimer Milch und einem ganzen Gebirge Fleisch für einen jeden, worauf er sagte:

›Fraget ihr nicht, ob jemand da war? Also seht ihr, ihr Lügner, dumm und feig waret ihr alle drei miteinander. Eine kleine Alte hat euch gefoppt, so groß wie eine Spanne, das waren eure Männer mit den hundert Maultieren, Pferden und Rindern.‹

Und er erzählte ihnen, was sich zugetragen hatte. Da schämten sie sich. Aber wie er ihnen zuletzt das von dem Gold, sowie den Panzern und den Edelsteinen sagte, blickten sie auf und meinten, es wäre doch gut, zur Felsenspalte hinzugehen, so was finde man nicht alle Tage. Sagte er:

›Ha, ha, da seid ihr plötzlich klug und könnet wieder reden!‹

Und er wollte nicht, bis einer sagte:

›Wenn du es nicht brauchst, wird es aber vielleicht für deinen Vater gut sein, wenn du uns hinführst.‹

Antwortete er:

›Hm, hm, es gefällt mir nicht; aber meinetwegen. Ich möchte ihm schon etwas bringen.‹

Da machten sie sich auf und Massang führte sie den Weg, den die Alte genannt hatte, bis zur Felsspalte; und wie sie da hinabblickten, sahen sie richtig die Geschmeide, die Panzer und die anderen goldenen Dinge. Und da sprach Massang:

›Also, wer steigt hinab und bindet sie an ein Seil, daß wir sie heraufziehen? Wollt ihr hinunter oder soll ich's?‹

Sagten sie, er möchte es tun, worauf er sich an einem Seil hinunterließ und ihnen die Sachen nach oben reichte, bis nichts mehr unten übrig war. Und wie es nun so weit war, sprachen sie untereinander:

›Wozu brauchen wir ihn wieder herauf in die Welt, damit er uns einen Teil wegnimmt, wo es doch für uns besser ist, wenn wir zu dritt teilen.‹

Und so ließen sie ihn, ohne, ihn heraufzuziehen, in der Felsenhöhle zurück.

Da dachte er in seinem Innern:

›O, du Schwarzer, Weißer und Grüner, wie habe ich das verdient. Jetzt bleibt mir nichts anderes übrig, als zu sterben. Ein Stück Brot hätten sie mir doch lassen können!‹

Denn nichts zum Essen, keine Wurzel, kein Moos, kein Blatt war da, wie er auch den Abgrund durchsuchte. Da wandte er das Gesicht nach oben und rief:

›Churmusta, sieh!‹

Und wie er so rief, fand er drei Kirschenkerne. Es waren aber drei Zauberkerne und er legte sie, da er es nicht wußte, neben sich in die Erde, unten, die feucht war und sagte:

›Ist das alles? Also will ich mich hinlegen und schlafen und erst wieder erwachen, wenn aus diesen drei Kirschenkernen drei Kirschenbäume geworden sein mögen.‹

Nur um seinen Vater tat es ihm leid. Und er schlief ein und gedachte zu sterben. Aber es waren, wie gesagt, Zauberkerne und während er schlief, wuchsen sie und wuchsen; und durch den Zauber, der in ihnen war, geschah es, daß er nicht sterben mußte, sondern er blieb schlafend am Leben. Und es dauerte nicht einmal so lange, nur zehn oder zwölf Jahre, oder vielleicht noch weniger oder etwas länger, da erwachte er von einem Gesang; und wie er hinaufsah, war es ein Vogel, der auf einem der drei Bäume saß, die schon bis zur Öffnung der Felshöhle reichten. Und da dachte er:

›Schau, wie fein! Muß ein hübsch langer Schlaf gewesen sein‹ und stieg hinauf.

Darauf schritt er der früheren Behausung zu, doch war niemand darin, nur sein eigener eiserner Bogen samt Pfeil war noch da. Er war zu schwer für sie, dachte er, nahm ihn und ging weiter. Von seinen früheren drei Gefährten hatte sich jeder ein Weib genommen, ein Haus sich gebaut und sich darin niedergelassen. Als er zu ihren Wohnungen gelangte, war keiner da, nur die Frauen.

›Wohin sind eure Männer gegangen?‹ fragte er.

›Auf die Jagd.‹

›Und geht es ihnen gut?‹

›Dem Himmel sei Dank,‹ sagten die Frauen, ›es geht ihnen recht gut.‹

›Und wer sind die Kleinen da?‹

›Das sind unsere Kinder.‹

Die Kinder begannen zu weinen, als sie sein Gesicht sahen. Er sagte:

›Weinet nicht‹ und nahm seinen Pfeil und Bogen, um in den Wald zu gehen und dort die drei zu erwarten.

›Hunde,‹ sagte er, ›undankbare, ich will Gericht halten über euch.‹

Und prüfte Pfeil und Bogen, ob sie gut im Stande wären, wenn er sie niederschießen wollte. Und richtig, wie sie mit Wildbret beladen zurückkehrten und er auf sie anlegte, sanken sie in die Knie und flehten:

›Schone uns, du bist im Recht, alles wollen wir dir abtreten, Haus und Vieh, weil es dir zugehört; aber um unserer Kinder willen habe Mitleid.‹

Da nickte er und sagte:

›Also gut, damit eure Kinder nicht weinen. Von Freunden war eure Tat nicht schön. Aber um eurer Kinder willen behaltet alles.‹

Und er machte sich weiter auf den Weg zum Lande, wo sein Vater war.

Aber wie er so dahinging, erblickte er ein reizendes Mädchen, das auf eine Quelle zuschritt und sah, wie unter ihren Schritten eine Blume nach der andern hervorsproßte. An der Quelle hielt sie still und sah sich nach ihm um und bot ihm, als er herankam, das Wasser aus dem Krug zum Trunk. Und wie er wieder in den Quell hinabsah und sein Gesicht darin erblickte, sah er scheu zu dem Mädchen empor und sagte:

›Schön bist du, Göttin.‹

›Woher weißt du,‹ fragte sie, ›daß ich eine Göttin bin?‹

›Weil du so schön bist.‹ antwortete er, ›nicht wie ich und die Menschen es sind: und weil unter deinen Schritten die Blumen immer hervorsprießen. Wer bist du?‹

Sie antwortete, daß sie die Tochter Churmustas sei und daß er ihr folgen möge.

›Wohin?‹

›In den Götterhimmel zu meinem Vater.‹

Er antwortete, er müsse aber zu seinem Vater gehen, um ihm seinen Dank abzustatten, er habe ihn so lange nicht gesehen. Darauf sagte das Mädchen, er möge ihr für eine Weile doch folgen, um den Kampf der Weißen und der Schwarzen mitanzusehen und dann wieder zurückkehren, wenn es ihn nicht zum Bleiben triebe und da ging er mit ihr zu Churmusta. Und wie er hinkam, war es mitten im wütendsten Kampf und er sah, wie eine Herde schwarzer Stiere gerade gegen die weißen Götter anrannte und Churmusta schrie:

›Sie überwältigen uns. Massang hilf!‹

Worauf Massang seinen eisernen Bogen spannte und einen Pfeil abschoß und den Befehlshaber der Schwarzen, der mitten auf der Stirne ein Strahlenauge hatte, in dieses Auge traf, sodaß er unter Geheul die Flucht ergriff und alle Schwarzen mit ihm und Churmusta voll Freude aufjauchzte.

›Wie danke ich dir,‹ sagte er, ›bleibe immer bei mir.‹

Aber Massang sagte, ob auch das Mädchen, die Göttertochter, ihn darum bat:

›Ich bleibe nicht, ich habe mein Gesicht gesehen. Ich gehe zu meinem Vater.‹

Da führte ihn das Mädchen den Weg zur Erde zurück; und sagte zum Abschied, indem sie zum Götterhimmel empor wies:

›Dort am Himmel werde ich immer als ein Stern stehen und nachts zu dir herableuchten. Und hier nimm noch sieben Körner in die Hand und trage sie immer bei dir und verliere sie nicht. Nur wenn dir etwas sehr weh tun wird, nimm sie und streu sie zum Himmel empor, dann werden wir uns wiedersehen.‹

Er schüttelte den Kopf und ging und kam zu seines Vaters Haus und freute sich sehr. Aber da der Vater heraustrat und ihn erblickte und etwas sagte, da griff es ihm ans Herz und er fiel um und ergriff mit der Hand die sieben Körner und warf sie zum Himmel empor. Da kam eine silberne Kette herab und trug Massang zum Himmel empor und auch die sieben Körner, die seitdem als die sieben Sterne am Himmel leuchten.«

Der Chansohn weinte und sagte:

»Welches war das schreckliche Wort, das ihm der Vater gesagt?«

Da sprach Siddhi-Kür:

»Das wahre Glück verkennend, hat sich der Chansohn ein Wort entschlüpfen lassen.«

Und mit dem Ausruf:

»In der Welt nicht zu bleiben ist gut!« entschwand er.

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