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Kalmückische Märchen

Adolf Gelber: Kalmückische Märchen - Kapitel 5
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authorAdolf Gelber
titleKalmückische Märchen
publisherRikola Verlag A.G.
illustratorAmadeus Dier
year1921
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senderwww.gaga.net
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Der Lerchenmann

Der Prinz erschrak.

»Worin habe ich gesündigt?« fragte er, »verdiente die Frau, verdiente ihr Gatte nicht Mitleid?«

Da erinnerte er sich des ihm von Nagarguna, dem siegreich Vollendeten, auferlegten Schweigegebotes und begab sich, um den Leichnam Siddhi-Kürs wieder zu holen, zurück nach dem kühlen Totenhain. Und es war wie das erste Mal: aus der Mitte der Kinder in Totengestalt entschwebte der Leichnam, unten von Smaragd und oben von Gold, mit dem perlmutternen Kopfe, hinauf auf den Mangobaum, worauf der Prinz rief:

»Toter, ich haue deinen Baum um, oder du kommst herabgestiegen.«

Dann steckte er den Leichnam in den Sack, band diesen mit dem Seil zu, nahm von dem Wunderbrote, lud den Sack auf den Rücken und trat neuerlich die Wanderung an. Und in einer Nacht, da er wieder Rast machte und der Mond am Himmel stand, sagte Siddhi-Kür abermals:

»Erzähle du, oder wenn du willst, erzähle ich eine Geschichte.«

Worauf der Chan, ohne darauf mit Worten zu erwidern, mit seinem Haupte nickte; und da begann Siddhi-Kür wie folgt:

»Früh, vor Zeiten, herrschte in einem großen weitentlegenen Lande ein mächtiger Chan; da kam großes Unglück über das Reich. Dasselbe war von einem gewaltigen Flusse durchzogen, der sich alle Jahre zu gewissen Monaten über die Äcker ergoß und mit dem Schlamm, den er, wenn er wieder sank, zurückließ, den Feldern den Segen der Fruchtbarkeit brachte. Aber da brachen jäh zwei furchtbare Drachen in den Fluß ein und legten sich vor seinen Ursprung hin, so daß sie das Dahinströmen des Wassers aufhielten, worauf das Unheil der Dürre über das Land kam. Der Chan berief seine Zauberer und diese brachten es heraus, was man tun mußte, um die Drachen zu besänftigen. Alljährlich mußte man ihnen einen Menschen zur Speisung übergeben und zwar abwechselnd hohe und in Niedrigkeit Geborene. Hatte man ihnen das Opfer in den Fluß geworfen, dann gaben sie dem Wasser den Lauf aus der Ursprungsquelle wieder frei und es ergoß sich wieder nahrungbringend über das Land. Abwechselnd hohe und in Niedrigkeit Geborene mußten so das Leben lassen und nimmer ließen die Drachen es zu, daß darin etwas geändert ward. Wenn die Reihe an die Hohen kam, so mußten sie losen, wen diesmal das Unglück treffen sollte und im Jahre darauf kam das Losenmüssen an die Leute aus dem niederen Volk. Einmal nun geschah es, daß das Los den Chan selbst traf, denn er war aus dem Unglück nicht ausgenommen worden und da war die Trauer in seinem Palaste wie auch in dem ganzen Lande groß, denn er war ein guter Chan. Man redete ihm zu, nicht zu gehen, aber er sagte, weil die Sache für das ganze Volk so wichtig war, nicht gehen sei unmöglich. Als es nun aber gehen hieß, so quälten er und der einzige Sohn, den er hatte, sich untereinander mit der Frage ab, wer von ihnen beiden gehen sollte; denn außer ihnen beiden war niemand von ihrem Geschlechte da. Der Vater sprach:

›Ich bin schon alt, es ist kein Schade um mich, ich werde gehen und laß du, mein Sohn, unser Reich in der Lehre des Mitleids und der Opferbereitschaft sich ausbreiten.‹

Dagegen versetzte der Sohn:

›O, mein Gott, wie? Daß du, mein Chan und Vater, der du sorgsam mich auferzogen und deinem Volke ein solches Beispiel von Mitleid und Güte gegeben, gehen solltest, das wäre doch schrecklich. Wenn der Chan und seine Gemahlin am Leben sind, so kann ihnen nach Wunsch wieder ein Sohn beschieden werden. Zur Nahrung für die Drachen werde ich gehen.‹

Als er es dann durchsetzte und die Stadt verließ, gab ihm das gesamte Volk trauernd das Geleite und kehrte dann zurück.

Nun hatte er von klein auf eines armen Mannes Sohn zum Freunde gehabt. Zu diesem begab er sich und sprach:

›Wandle du nach den Worten von Vater und Mutter und lebe wohl und glücklich. Um das kostbare fürstliche Reich zu erhalten und des Chans Befehl, daß jährlich einer zur Rettung aller geopfert werden soll, nicht zu verletzen, gehe ich in den Tod.‹

Weinend sprach der Sohn des armen Mannes:

›Mich, o Chansohn, hast du von klein auf mit Wohlwollen und Güte behandelt. Statt deiner will ich gehen.‹

Doch der Prinz schenkte ihm kein Gehör. Da gingen beide, da der Freund ihn nicht allein lassen wollte, zusammen des Weges und kamen bis zur Stelle, wohin die Menschen, seitdem die Drachen hereingebrochen waren, sich an des Flusses Ufer noch trauten, dann standen der Prinz und sein Freund noch eine Weile still, bis der Prinz sagte, ›es muß sein‹, und seinen Fuß weiter setzte; worauf der Freund mit dem Kopfe nickte und mit dem Worte, ›ja es muß sein‹ dem Chansohn in das verzauberte Revier folgte. Und wie sie nun leise, Fuß vor Fuß setzend dahinschritten, erblickten sie, von einem hohen Weidengebüsch verdeckt, die beiden Untiere, die am Ufer in der Sonne lagen und da sie nicht merkten, daß sie jemand behorchte, sich untereinander besprachen. Sie schillerten in vielen Farben und glitzerten in der Sonne schier schön, wenn man nicht auf ihre Köpfe sah und wenn sich ihr Inneres nicht auftat. Und der eine Drache, der jüngere, sagte:

›Schwester, du bist schön.‹

Der ältere antwortete, denn beide waren sie weibliche Drachen:

›Du bist auch schön, Schwester.‹

Dann fragte die jüngere:

›Kommt der Chansohn?‹

Antwortete die andere:

›Er kommt.‹

›Und muß er sterben?‹

›Er muß. Alle, die vor ihm kamen, sind auch gestorben.‹

Und sie fügte hinzu, daß alle, die hieherkämen, ihrer beider Opfer sein müßten; und nur, wenn einer sich in den nahen Wald begäbe und von einem gewissen Baum sich einen Zauberstab abschnitte, könnte es anders werden. Denn wenn er mit diesem Stab in der Hand zurückkehrte und furchtlos an sie beide heranträte und mit der Spitze nur leicht an ihre Stirnen rührte, o, was würde sich dann begeben!

Fragte die jüngere:

›Sag, was würde sich dann begeben?‹

Lachte die andere:

›O, allerlei! Gleich würdest du dann sehen, wie wir in die Luft zerstieben und was an unserer Statt hier, wo wir jetzt sind, zurückbliebe. Aus wäre es mit dem Glitzern. Zwei Frösche lägen da, der eine an Farbe wie von Gold und der andere wie Smaragd und wir beide würden, wie zu perlmutterner Luft geworden und ohnmächtig, dem Chansohn noch ein Leid anzutun, von oben zwischen den Zweigen zusehn.‹

Der Chansohn aber verstand vermöge des Zaubers, der über dem Orte waltete, auf einmal alles, was die beiden untereinander gesprochen hatten; und wie er horchte, sagte die ältere der Schwester weiter, daß er und sein Freund, wenn sie die Frösche getötet haben würden, in den Besitz noch manch anderen Zaubers kämen. Eine Mütze würden sie finden, die einen, wenn er sie sich auf den Kopf setzt, unsichtbar macht vor Göttern, Dämonen und Menschen. Ferner dann würden sie einem Haufen von Dämonen, in dessen Mitte sie hineingeraten würden, zwei Zauberstiefel entreißen und wenn man diese Stiefel anziehe, könne man gleich an jeden Ort gelangen, den man sich denkt.

›Und so könnten sie,‹ fragte die jüngere, ›also auch gleich zum Vater des Chansohns, der in so großer Trauer um seinen Sohn ist, zurückgelangen?‹

›Gewiß, könnten sie das, aber es wäre nicht gut, wenn der Prinz es so täte, denn es ist seine Bestimmung, noch weiter zu wandern.‹

›Zu welchem Zweck?‹

›Um noch mancherlei zu erleben.‹

Darauf schwiegen sie still. Der Chansohn und sein Freund machten sich nun fort hinter dem Weidengebüsch und gingen in den Wald und holten sich dort den Zauberstab von dem gewissen Baum, den sie dort fanden. Dann kehrten sie zurück und traten an die beiden Drachen heran, denen sie gleich die Stirnen leicht mit der Spitze des Stabes berührten. Da zerstoben die beiden Leiber und es war im Augenblick, als wären sie wirklich zu einer perlmutternen Luft geworden. Auf dem Boden aber lagen die beiden Frösche, der goldfarbene und der von Smaragd; und gleich verstanden der Prinz und des armen Mannes Sohn die Vogelsprache und sahen, daß sie imstande waren, aus ihren Taschen, wenn sie daran nur rührten, immerfort Gold und Edelsteine auszustreuen. Aber dessen dachten sie nicht einmal, sondern freuten sich, daß aus den befreiten Quellen wieder mit Macht das Wasser hervorrauschte und in das Bett des Flusses sich ergoß und glücklich anschwellend hoch über die Ufer stieg und die schon verschmachtenden Felder überströmte. Da weinte der Prinz und sagte:

›Wie gut ist das! Nur wird mein Vater mich jetzt für tot halten.‹

Aber der Worte der beiden Drachen eingedenk, machte er sich auf, um weiter zu ziehen und fand richtig bald mitten in einem Palmengehölz die Zaubermütze und dann einen Tag oder mehrere Tage später mitten in einem Haufen von Dämonen das Zauberstiefelpaar. Und wie er und sein Freund jeder einen Stiefel anzog und der Chansohn sich erinnerte, daß er doch ein Königsohn sei und sich an einen Ort wünschte, wo man gerade einen König brauchen würde, siehe, da war es, als erhöbe sie eine unsichtbare Macht in die Luft und führte sie über Länder und Meere dahin, vor die Tore einer Stadt, wo sie sich auf einem weiten Plan plötzlich im Innern eines hohlen Baumes fanden. Wie erstaunt waren sie da! Aber der Prinz, der jetzt die Vogelsprache verstand, hörte auf einmal zwei Vögel, die auf einem der Äste des Baumes saßen, und das, was sie zwitscherten, war ein zwischen ihnen geführtes Gespräch. Der eine Vogel sagte, wenn der Chansohn und sein Freund morgen um die und die Stunde hier in das Innere des Baumes zurückkehren würden, würde er König sein; aber wenn er sich heute noch für eine kurze Weile in die Stadt hineinbegeben würde, würde er auch etwas erleben. Da tat er denn so und gleich, wie sie durch die Stadtmauer gekommen waren, gelangten sie zur Behausung zweier reizend schöner Frauen, Mutter und Tochter, und die sagten:

›Meine Herren, ihr seid fremd hier?‹

Antworteten sie:

›Ja, wir sind Fremde.‹

›Und seid ihr hungrig und möchtet was essen und trinken? Sprecht, möchtet ihr Branntwein oder Wein trinken?‹

Fragte der Prinz:

›Habt ihr denn Wein zu verkaufen?‹

Neigte die jüngere den Kopf zur Seite, so daß sie listig lachend zu ihm empor sah und fragte:

›Könnt ihr denn bezahlen?‹

Und sie sah, wie seine Tasche gleich, als er an sie rührte, von selbst Gold herausspie und auch einiges Edelgestein. Da tummelte sie sich und ihre Mutter auch, und sie setzten sich zu den beiden Fremden und gaben ihnen zu essen und zu trinken; und dann taten der Chansohn und sein Freund, als wären sie von der Wanderung und auch von dem Trunke müde geworden und stellten sich schlafend. Wie sie denn so mit geschlossenen Augen dalagen, merkten sie, daß sich Mutter und Tochter an sie leise heranschlichen und ihnen alles Gold und Edelgestein herausnahmen, das sie gerade in den Taschen hatten. Und da sie den Zaubergriff nicht kannten, mit dem man an die Taschen rühren mußte, wenn man wollte, daß sie sich aufs neue füllten, so glaubten Mutter und Tochter, daß sie bereits alles an sich genommen hätten, was die Habe der beiden Fremden ausmachte. Und nun flüsterten sie miteinander, ergriffen die beiden Gäste, die sie trunken glaubten und warfen sie auf die Gasse hinaus.

Der Chansohn und sein Freund erhoben sich und kehrten, da es Nacht geworden war, durch das Stadttor zurück auf den Plan, auf den sie ihre Zauberstiefel gebracht hatten und krochen wieder in den hohlen Baum. Nun muß man wissen, daß hier ein Volk ohne Chan war, denn der frühere war ohne Hinterlassung eines Sohnes gestorben und jetzt gerade sollte auf dem Plane, der die Wahlstätte dieses Landes war, die Thronbesetzung vor sich gehen, aus welchem Grund schon früh morgens eine Unmenge Volkes sich da versammelte. Und allerlei Bewerber traten auf, von denen jedoch keiner dem Volke recht war, sodaß Streit begann, der immer wilder tobte. Da stellten die Leute die Wahl unter des Himmels Entscheidung und sagten:

›Wir wollen, daß unsere Priester von einem der hohen Bäume herab, die hier in der Runde stehen, eine den Göttern geweihte Figur herabwerfen und wessen Haupt die Figur, die bei uns Balling heißt, trifft, der soll unser Chan werden.‹

Da drängten sich die Leute, um in die Nähe des Baumes, auf den der Priester gestiegen war, zu gelangen, denn viele wollten König werden. Aber wie der Balling seiner Hand entfiel, erhob sich ein Wind, der die Figur wie durch ein Wunder in weitem Bogen zum hohlen Baum hintrug und dort fallen ließ. Da riefen alle:

›Was ist das, aus einem Baum soll ein Herrscherthron über Menschen entstehen?‹

Einige aber sagten:

›Was in dem Baum sich findet, das kann man nicht wissen; lasset uns zusehen.‹

Da kamen der Chansohn und sein Gefährte zum Vorschein und da man kein Vertrauen zu ihnen hatte, weil sie wie Bettler aussahen, dann aber das Gold und die Edelsteine, die sie aus ihren Taschen hervorholten, gewahrte, wurde der Chansohn König und des armen Mannes Sohn Minister dieses Reichs.

Nun hatte der frühere Chan eine reizende Tochter hinterlassen und die setzte der Chansohn jetzt zu seiner Gemahlin ein, worüber sich das Volk freute; und gleich nach der Hochzeit begann er die Regierung. Er rief seinen Minister und sagte:

›Sollen wir vergessen, was uns bei unserer Ankunft von den beiden Frauen in der Nähe des Stadttores angetan ward?‹

Und er gab dem Minister einen Befehl, worauf dieser gleich nach der Zaubermütze griff, die ihn unsichtbar machte und sich zu den beiden Frauen, Mutter und Tochter, begab; und wie er, ohne gesehen zu werden, bei ihnen eintrat, sah er, wie die Tochter, den Kopf zur Seite neigend, mit listigem Lachen bei einem anderen Wanderer saß und ihn fragte, ob er fremd und hungrig sei und ob ihn nach etwas Wein oder Branntwein gelüste? Da kehrte er zum König zurück und nun machten sie sich beide wieder zu den Frauen auf und der König setzte sich hin und sagte:

›So seid ihr? Wisset ihr denn nicht, daß immer jemand kommt, der eine Handlung lohnt?‹

Sie sanken in die Knie: aber er hatte beschlossen, ein guter König zu sein; und wie er nun vermöge der Zauberkraft, die seit jenem Drachentag in seine Hände gegeben war, sie mit der Spitze seiner Finger, unter Beschwörungsworten an der Stirne berührte, wurden sie in zwei Maultiere verwandelt und er sagte:

›Zum Tragen von Stein und von Erde seid ihr gut.‹

Da trieb man sie in den königlichen Stall und niemand durfte auf ihnen reiten; die Tränen rannen ihnen aus den Augen, aber sie trugen nur Erde und Stein.

Der Chan aber lebte glücklich und waltete seines Amtes. Nur wenn er des Vaters gedachte, bebte es von Schmerz in seinem Herzen. Aber wenn er sich aufmachen wollte, um ihn wiederzusehen oder ihm ein Lebenszeichen von sich zu geben, hörte er immer eine leise Stimme, die ihm sagte: ›Jetzt noch nicht.‹ Und wie er nun einmal wieder an den Vater dachte und nach seiner Gattin, der Fürstin, des verstorbenen Chans Tochter, fragte, antwortete ihm die Dienerin der Fürstin, die Herrin sei nicht da. Tags darauf, wie er wieder nach ihr fragte, erhielt er die gleiche Antwort, und so auch alle Tage nachher zu der gleichen Stunde, bis es ihn betroffen machte. Wie er denn einmal um diese Stunde in Gram versunken dasaß, trat sein Freund, der Minister ein und sah sein stummes Sinnen und ging stumm wieder weg. Zu Hause angekommen, nahm er die Zaubermütze, die ihm der junge Chan in Verwahrung gegeben und trat ungesehen in die Gemächer der Fürstin, die grade heimkehrte. Da hörte er, wie die Dienerin sagte:

›Was ist dir, worum bist du so traurig, Fürstin?‹

Aber die Fürstin seufzte und schwieg. Darauf fragte die Dienerin weiter:

›Ist er denn heute nicht gekommen, Fürstin? Und kommt er denn nicht alle Tage? Da du die Gattin des Königs bist, mußt du dich schon damit bescheiden.‹

Darauf entfernte sich der Minister. Aber am anderen Tage war er wieder da, mit der Zaubermütze auf dem Haupte und sah, wie sich die Fürstin in einen Palast begab, der in der Nähe der fürstlichen Residenz erbaut war und wie sie dort zu einem das Dach überragenden Turmgemach emporstieg; und immer die Mütze auf dem Kopfe folgte er ihr nach. Da waren nun in dem Gemach hohe seidene Polster, die zum Sitzen einluden, ausgebreitet. Teppiche waren da, herrliche Gewebe an den Wänden, Speisen und Getränke standen bereit. Die Fürstin aber zündete, nachdem sie ihr gewöhnliches Gewand und die übrigen Gegenstände gewechselt und sich nach Waschungen und Einreiben von Wohlgerüchen in Seide gehüllt hatte, Sandelholz und anderes Räucherwerk an. Und da sah der Minister, wie nach einer Weile ein wundervoller Vogel rauschend aus den Lüften herniedergeflogen kam. Stärker wogte der Rauch des Räucherwerks auf; die Fürstin eilte dem Vogel entgegen; mit einem Geräusch, daß es klang wie ›tock, tock‹, ließ er sich auf dem steinernen Gesimse unterhalb des Turmfensters nieder und aus der Vogelbehausung kam der Geist Cuklaketu hervorgetreten, ein Geist von einer Schönheit, die über den Bereich menschlicher Vorstellung hinausging. Nach gegenseitiger Umarmung ließ er sich auf den weichen Polstern nieder, worauf sie ihn mit köstlichen Speisen bewirtete. Da sprach Cuklaketu: ›Jetzt hast du einen Gemahl. Sie sagen, daß er dir vom Himmel bestimmt ist. Was sagst du dazu?‹

Sie erwiderte:

›Jung ist er und daß er mich liebt, sagt er. Aber darnach frage ich nicht.‹

›Aber was für Eigenschaften hat er, was für Fehler?‹

›Auch danach frage ich nicht und will davon keine Kunde erhalten. Dich liebe ich.‹

Nachdem sie lange beisammen geblieben waren, trennten sie sich für diesen Tag; die Fürstin zog wieder ihre früheren Gewänder an und begab sich zum Chan zurück. Der fragte sie in heißer Umarmung:

›Liebst du mich, Gemahlin?‹

Sie antwortete: ›Ja.‹

Aber des anderen Tages begab sie sich wieder in das Turmgemach und empfing den wiederkehrenden Vogel, ohne zu ahnen, daß der treue Minister kraft der unsichtbar machenden Mütze sie abermals belauschte; und sie lachte, als Cuklaketu sie nach ihrem Gemahl fragte und rief, an seine Brust gelehnt:

›Ach, könntest du doch immer bei mir sein!‹

Da fragte er sie:

›Wie sieht dein Gemahl aus?‹

Und als sie es ihm nicht sagen wollte, sagte er:

›Morgen früh will ich mich selber davon überzeugen, ich werde in Gestalt einer Lerche zu euch ins Haus kommen.‹

Die Fürstin versetzte, in die Hände klatschend:

›Oh, das wird hübsch sein!‹

Als der Minister dann seinem Freunde, dem jungen Chan, alles erzählte, rief dieser empört:

›Das kann ich dir nicht glauben, du bist ein Verleumder!‹ und setzte ihm das Schwert an die Brust. Da weinte der Minister, weil er doch den jungen Chan liebte und sagte:

›Wohl sträubt sich dein Herz dagegen, mir zu glauben, da du doch so rein bist in deinem Wesen und nicht verstehen kannst, zu welchem Ende Menschen Verrat üben und die Treue nicht halten.‹

›So ist es,‹ versetzte der Chan, ›habe ich sie denn gezwungen?‹

Des andern Tages in der Frühe, als der Chan, der sich selbst nun überzeugen wollte, mit seiner Gemahlin beisammen saß, kam ihr Geliebter in Gestalt eines kleinen bunten Lerchenvogels in das Gemach geschwebt und ließ sich vor ihm nieder, worauf die Fürstin lachend ausrief:

›Sieh da, den kleinen Vogel! Komm, Lerche, komm, an meine Brust!‹

Worauf sie nach ihm griff und ihm den roten Mund zum Kusse hinhielt. Da griff eine unsichtbare Hand nach ihm, die des Ministers, der mit der Zaubermütze auf dem Haupte ebenfalls da war, und er ergriff die Lerche an den Flügeln und hielt den Vogel über das Feuer.

›Ach, der Arme!‹ rief die Fürstin und wurde von einer sich bis zur Ohnmacht steigenden Angst ergriffen. Zugleich schlug sie nach der Stelle, wo die Hand des Ministers war, so daß er den Vogel loslassen mußte und so flog der Vogel davon.

›Nun, Fürst, glaubst du es jetzt?‹ sagte der Minister, als sie wieder allein waren. Der Fürst saß in langem Sinnen da, dann sagte er:

›Nein,‹ sagte er, ›genügt ein Vogelspiel und das Lachen eines roten Mundes, genügt ein Halm, der sich bewegt und ein Schmetterling, der mit ihm kost, zur Entscheidung über menschliche Dinge?‹

Und am folgenden Tage, als die Fürstin sich wieder in das Turmgemach begab und Decken ausbreitete und sich in Seide hüllte, folgte ihr der Gemahl selbst mit der Mütze auf dem Kopfe, die er dem Minister abgenommen hatte und die vor Göttern, Geistern und Menschen unsichtbar machte; und sah, wie seine Gemahlin unverwandten Blicks und zum Himmel emporschauend in heißer Angst dasaß, bis endlich der Vogel taumelnd herangeflogen kam und dann der Jüngling in Menschengestalt aus der Hülle hervortrat, mit verbranntem Arm, so daß sie bei seinem Anblick laut aufweinte und ausrief:

›Wer hat dir das getan?‹

›Die Hand, die mich ergriff und mich über das Feuer hielt,‹ erwiderte er, ›hat mir den Flügel versengt und den Arm verbrannt. Und wisse, was wir tun, ist nicht gut. Vom Himmel ward dir dein Gemahl bestimmt, und wahrlich, jetzt, wo ich ihn gesehen habe, weiß ich: er ist von den Göttern mit hohen Gaben ausgerüstet.‹

Sie aber rief:

›Verflucht sei er, nur dich liebe ich.‹

Da nahm der Fürst die Kappe von seinem Haupte und sagte:

›Vogel, entflieh!‹

Dann rief er seinen Minister und sagte, indes die Fürstin zu seinen Füßen in ohnmächtiger Angst dalag:

›Was soll ich mit ihr tun?‹

Der Minister sagte es. Darauf erhob sich der Fürst und antwortete nach langem Schweigen, indem er das Gesicht in den Händen verbarg:

›Erinnerst du dich der Mutter und der Tochter, die uns trunken machten und die Edelsteine raubten und uns auf die Gasse hinauswarfen? Leben sie noch?‹

Dann verließ er das Turmgemach und kehrte, indes die Fürstin ihm nachgeführt wurde, in sein Chanhaus zurück. Dort fragte er nach den beiden verwandelten Frauen und ließ aus dem Stall die beiden Maultiere vor sich bringen. Sie hatten die Rücken wundgerieben, weil sie so lange Steine und Erde getragen hatten und troffen von faulem Blut und schmutzigem Eiter und die Tränen rannen ihnen aus den Augen; und der Chan sagte:

›Warum hab ich euch so hart bestraft? Was war ich euch und was war es, was ihr mir geraubt habt?‹

Darauf gab er ihnen die menschliche Gestalt zurück. Dann legte er die Chanmütze und das Chanschwert nieder und sagte auch zu seiner Frau: ›Lebe.‹«

»Und kehrte zu seinem Vater zurück?« fragte der Chansohn leise.

Da versetzte der Geist Siddhi-Kürs:

»Das wahre Glück verscherzend, hat der Chansohn seinem Munde Worte entschlüpfen lassen.«

Und entfloh durch die Luft im Fluge mit den Worten:

»In der Welt nicht zu bleiben ist gut!«

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