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Kalmückische Märchen

Adolf Gelber: Kalmückische Märchen - Kapitel 4
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authorAdolf Gelber
titleKalmückische Märchen
publisherRikola Verlag A.G.
illustratorAmadeus Dier
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In der Welt nicht zu bleiben ist gut

»Früh vor Zeiten waren einmal in einem großen Reiche eines reichen Mannes Sohn, eines Arztes Sohn, eines Malers Sohn, eines Rechenmeisters Sohn, eines Holzkünstlers Sohn und eines Schmiedes Sohn; und wiewohl nur der eine von ihnen reiche Eltern hatte, waren sie Freunde, und er war ihnen von Herzen treu.

Eines Tages sprachen sie untereinander: ›Wir wollen in ein anderes Land wandern,‹ und machten sich, von ihren Eltern mit Reisekosten versehen, auf den Weg. Den verfolgten sie, bis sie zu einer Stelle gelangten, wo die Mündungen mehrerer Flüsse sich vereinigten. Dort pflanzten sie für sich jeglicher einen Lebensbaum und indem jeder, seinen Unterhalt zu suchen, von hier aus an einem anderen Flußarm hinaufzog, bestimmten sie diesen Punkt als das Ziel, wo sie sich dereinst wieder zusammenfinden wollten.

›Sollte dann,‹ so sprachen sie, ›einer von uns nicht zurückkehren, sein Lebensbaum verwelkt, oder sonst durch ein Zeichen uns kund sein, daß ihm ein Unheil zugestoßen, so wollen wir in der Richtung, in der er gegangen, nach ihm suchen. Lebet wohl, Freunde!‹ Nach diesen Worten trennten sie sich.

Nachdem nun des reichen Mannes Sohn an seinem Flusse aufwärts gewandert war, traf er am Ursprung desselben auf eine kleine Hütte. Hier lebte ein betagter Mann mit seiner Frau, sie hatte auch schon weiße Haare, und die beiden fragten:

›Jüngling, woher bist du gekommen und wohin willst du gehen?‹

Er versetzte:

›Aus weiter Ferne bin ich gekommen und meinen Unterhalt suchen will ich.‹

Darauf luden sie ihn ein, im Schatten des Baumes, der vor der Hütte stand, Platz zu nehmen und sich eine Weile zu gedulden, bis sie ihm einen Imbiß vorsetzen würden und in der Hütte sprachen sie zueinander:

›Wie wohlgestaltet ist dieser Jüngling und seine Rede ist sanft. Sieht er nicht auch aus, als ob er das Kind wohlhabender Eltern wäre? Ach, hätten wir ihn zum Schwiegersohn.‹

Denn sie hatten eine Tochter, eine gar reizende und wunderschöne, von edler Gestalt und lieblichem Wesen; und als sie gerade heraustrat und bei dem Fremden stand, sagten ihre Eltern:

›Sieh, wie sie zueinander passen und wie gut wäre es, wenn er unser Sohn würde.‹

Aber auch der Jüngling dachte bei sich, kaum daß er der Jungfrau ansichtig geworden:

›Wie gut ist es, daß ich Vater und Mutter verlassen habe und hiehergekommen bin. Ist doch dieses Mädchen weit wundervoller und reizender als aller Himmelsgötter Töchter. Wie gerne wollte ich sie nehmen, wenn sie mich liebte und hier bleiben und in diesem stillen Frieden mit ihr leben.‹

Und nachdem sie sich alle, der Jüngling, das Mädchen und die Eltern des Mädchens, zusammengesetzt und mancherlei gesprochen und sich erzählt hatten, fanden die Eltern an ihm immer größeren Gefallen; und als er fragte, ob sie ihm die Tochter geben wollten, sagten sie ja; und wie er sich nun freute, daß er hiehergekommen, sprach auch das Mädchen:

›Ja, ich bin so glücklich, daß du gekommen bist, mein Teurer.‹

Und sie wurden Mann und Weib und lebten in Frieden.

Nun wußten sie aber auch schon, daß der Jüngling reiche Eltern hatte und so übergab er seiner jungen Frau auch einen mit Edelsteinen reich besetzten Ring. Als sich dann die Diener eines in der Gegend herrschenden gewaltigen Chans einst zur Frühlingszeit an das Wasser begaben, die einen, um darin unterzutauchen, und die anderen, um am Ufer ihre Spiele zu treiben, fanden sie im Wasser nahe dem Ufer den Ring und überbrachten ihn, da er so wundervoll war, dem Chan. Dieser sprach, ihn anstaunend, zu seinen Dienern:

›Offenbar wohnt am Ursprung dieses Flusses eine Frau, welche diesen Ring verloren. Bringt sie mir her.‹

Darauf machten sich die Diener auf den Weg und als sie die junge Frau erblickten, sprachen sie:

›Sie ist wahrlich so schön, daß man sich an ihr nicht sattsehen kann.‹

Zu der Frau aber, die ob des Verlustes ihres Ringes sehr traurig war, sagten sie:

›Wenn du die Eigentümerin des Ringes bist, so freue dich, denn der Chan läßt dich zu sich rufen und wird ihn dir sicherlich zurückgeben.‹

Und sie nahmen sie und hörten nicht auf den Jüngling, der ihnen zurief, daß es seine Frau sei und ihnen den Weg bis zum Chanschlosse folgte; und als sie sie vor den Chan führten, sprach dieser:

›Das ist wahrlich eine Göttertochter: welche meiner anderen Gemahlinnen ist ihr vergleichbar?‹

So sprach er und gab ihr vor allen anderen den Vorzug. Sie aber dachte in ihrem Herzen einzig an ihren Gatten, den Jüngling und fluchte der Gewalttätigkeit des Chans und horchte auf die Weherufe des Jünglings, der draußen vor dem Schlosse stand, bis der Chan in Erbitterung hierüber den Dienern zurief:

›Räumt mir doch den Gesellen aus dem Weg.‹

Da lockten die Diener den Jüngling unter dem trügerischen Vorwande, daß sie ihn insgeheim zu seiner Gattin führen wollten, an sich: er folgte ihnen an eine Stelle hinter dem Schlosse, wo der Wald angrenzte und von dort in eine Gegend am Rande des Flusses; da warfen sie sich über ihn. Und sie schaufelten ein Grab, in das sie ihn hinabstießen, dann schütteten sie Erde auf und deckten darüber einen gewaltigen Fels.

Nachdem nun zur bestimmten Zeit seine Gefährten, von allen Richtungen her kommend, an der Stelle, wo die als gemeinschaftliches Ziel bezeichneten Lebensbäume standen, sich zusammengefunden hatten, fehlte von allen nur der Jüngling und zugleich sahen sie seinen Lebensbaum verwelkt. Da suchten sie ihn längs des Flusses, an dem er hinaufgezogen war, fanden ihn aber nicht. Aber da sieh, indem des Rechenmeisters Sohn sich umsah, rechnete er heraus, daß der Unglückliche in der und der Entfernung, von dem großen Felsen bedeckt, tot dalag, konnten aber den Felsen, nachdem sie ihn gefunden, nicht heben, weil ihre Kräfte dazu nicht ausreichten. So nahm der Sohn des Schmiedes den Hammer und wie er nun den Fels zertrümmerte und sie nachgruben, entsetzten sie sich, weil sie auf den Toten stießen und wußten nicht, wie da noch zu helfen wäre. Aber des Arztes Sohn lachte und mischte einen Trank, den er dem Toten in den Mund flößte: und o Wunder! gleich war der Jüngling wieder lebend und gesund. Als er ihnen nun aber erzählte, infolge welches Umstandes es so mit ihm gekommen war, sprachen sie:

›Wenn es solch eine Frau ist, daß der Chan ihretwegen die Untat beging, o wie reizend muß sie sein und durch welches Mittel entreißen wir sie dem Chan?‹

Da war die Reihe an des Holzkünstlers Sohn. Er verfertigte einen Garhuda aus Holz, das war ein hölzerner Vogel. Wenn man in sein Inneres stieg und oben anschlug, so stieg er in die Höhe; wenn man unten anschlug, so ging er abwärts; und er wendete sich rechts oder links, je nachdem man seitwärts schlug. Solch einen Wundervogel verfertigte er. Des Malers Sohn aber sagte:

›Glaubt ihr denn, daß das alles genug ist?‹ und bestrich den Vogel mit allerlei Farben, so daß man nicht mehr sah, daß er aus purem Holz war, sondern daß er ein wundervolles Aussehen bekam.

Und nun stieg der Jüngling hinein und erhob sich in die Luft und flog dahin, bis er zur fürstlichen Residenz kam, über welcher er, sie rings umkreisend, schwebend verweilte. Als nun der Chan samt dem Gefolge ihn erblickte, sprachen sie staunend untereinander:

›Solch einen Vogel haben wir nie gesehen, noch je von ihm gehört.‹

Und der Fürstin es meldend, sprach der Chan:

›Steig auf des Palastes oberes Stockwerk hinauf und nimm Futter mit, damit sich der Vogel zu dir herabläßt.‹

Da kam der Vogel wirklich zu ihr herabgestiegen; aber wie sie die Hand nach ihm ausstreckte, öffnete sich in dem Vogelgestelle die Türe und die Frau erkannte in Wonneschauern, wer darin war und in ihrem Herzen jauchzend, flüsterte sie:

›Du Teurer, ist mir doch nicht einmal in den Sinn gekommen, daß du mir je wieder zurückgegeben werden könntest. Aber nun sage, auf welche Weise hast du diesen Vogel in trügerischem Gewande zusammengebracht?«

Da erzählte er ihr alles und sagte:

›Jetzt lebst du in unermeßlichem Reichtum als des Chanes Gemahlin. Ist aber die alte Treue in dir und du willst, daß wir beide uns wieder als Mann und Frau in Liebe einen, so folge mir, auf daß wir durch die Lüfte davonfliegen: willst du es? Sprich.‹

Da folgte sie ihm, der Vogel erhob sich und sie enteilten, während der Chan, der es sah, sich zur Erde warf und hin und her sich wälzend sich der Trauer überließ.

Als nun der Jüngling während des Fluges seine Gefährten auf der Erde wieder gewahrte, schlug er an die Springfeder des hölzernen Vogels nach abwärts, öffnete die Türe und trat allein heraus. Die Gefährten sprachen:

›Ist alles gut gegangen?‹

Er erwiderte freudig: ›Ja.‹

›Und hast du die Geliebte wieder gefunden?‹

›Ja, ich habe sie wieder gefunden‹ und zugleich rief er: ›Komm heraus, Geliebte, sieh meiner treuen Freunde Schar!‹

Darauf trat sie heraus. Doch als sie sie gewahrten, erglühten ihre Herzen, da sie so schön war: doch schwiegen sie, worauf der Jüngling fortfuhr:

›Warum schweiget ihr, freuet ihr euch nicht mit mir? Ihr habet mir Beistand geleistet, ihr mir, dem Toten, das Leben zurückgegeben, ihr mir das Mittel ersonnen, durch das ich wieder zu meiner Gemahlin gelangte; und jetzt schweiget ihr? O beraubet mich ihrer nicht.‹

Aber wie er so sprach, erhob sich des Rechenmeisters Sohn und sprach:

›Glaubst du, daß sie dir gehört? Da man nicht wußte, ob du noch am Leben, hat man erst auf Grund meiner Wissenschaft die Stelle gefunden, wo du im Grabe lagst, wodurch dann alles weitere möglich geworden. Infolgedessen gehört sie mir.‹

Allein dagegen schrie des Schmiedes Sohn:

›Was war deine Wissenschaft wert, wenn man ihn nicht hinter dem gewaltigen Felsen hervorzog? Dadurch, daß ich mit meiner Kraft den Fels zertrümmerte, ist alles weitere sowie die Befreiung der Frau möglich geworden. Darum gehört sie mir.‹

Da sagte des Arztes Sohn:

›Schweig still, du mit dem zertrümmerten Fels! Als du den darunter tot Daliegenden hervorzogst, konntest du damit auch schon die Gemahlin holen? Ich, durch meine Kunde, habe dem Toten das Leben zurückgegeben und dadurch erst konnte er sie wiedererhalten, und mir, du wunderschöne Frau, gehörst du, einzig mir!‹

Des Holzkünstlers Sohn sprach:

›Ihr Übermütigen, du mit der Wissenschaft, du mit der Kraft und du mit deiner Kunde, wo wäre sie heute noch, ohne den hölzernen Vogel, den ich ersann? Wolltet ihr gegen den Chan Krieg führen, oder durch welches Mittel sonst in das Innere des dichtbewachten Palastes dringen? Auch schon was, daß der die Stelle des Grabes berechnete und der mit dem Hammer auf den Felsen schlug und der den Trank für die Wiederbelebung des Toten braute! Mit alledem hättet ihr die Frau nicht geholt; nur durch meine Kunst, die den Wundervogel schuf, ist sie zurückgewonnen worden. Mir gehört sie, mir!‹

Da lachte des Malers Sohn voller Verachtung und sagte:

›Deinem aus getrocknetem Holz verfertigten Garhuda Futter zu reichen wäre die Chanin nimmer gekommen. Pfui, wie rauh und häßlich war dieses Stück Holz! Nur weil ich ihm durch das Auftragen meiner verschiedenen Farben soviel Schönheit gegeben, ist sie zu ihm hingelockt worden. Die Frau zu erhalten gebührt mir!‹«

Siddhi-Kür machte eine Pause. Dann erzählte er weiter:

»So stritten die Gefährten und konnten nicht eins werden, sondern standen bald mit den Messern in den Händen gegeneinander und wollten einander totschlagen. Und wieder begannen sie den Streit und gelangten zu keinem Ziel.

›Nun denn,‹ sprachen sie endlich, ›wenn dem so ist, so wollen wir jeder ein Stück von ihr nehmen.‹

Und unter dem Rufe:

›Hau zu! hau zu!‹ und mit den Messern Stücke sich von ihr abschneidend, töteten sie die Frau.«

Bei diesen Worten der Erzählung rief der Chan:

»Ach, die Arme, die Bedauerungswürdige!«

Da versetzte Siddhi-Kür:

»Das wahre Glück sich verscherzend, hat der Chansohn sich Worte entschlüpfen lassen« und schwebte empor in die Luft und enteilte im Fluge mit dem Rufe, der durch die vom täuschenden Mondlicht erfüllte Nacht hallte:

»In der Welt nicht zu bleiben ist gut!«

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