Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Adolf Gelber >

Kalmückische Märchen

Adolf Gelber: Kalmückische Märchen - Kapitel 3
Quellenangabe
pfad/gelber/kalmueck/kalmueck.xml
typefairy
authorAdolf Gelber
titleKalmückische Märchen
publisherRikola Verlag A.G.
illustratorAmadeus Dier
year1921
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130121
modified20140825
projectid10da3335
Schließen

Navigation:
Buchschmuck

Warum der Chansohn den Leichnam holte

Wisse, der du dies hörst, daß in Indiens Mittelreich einst sieben Brüder, sieben Zauberer lebten: und in der Entfernung einer Meile von ihnen wohnten zwei Brüder, die Söhne eines Chans. Von diesen machte sich eines Tages der ältere auf, um von den Zauberern die Zauberkunst zu lernen; allein, obgleich sie ihn sieben Jahre lang bei sich hielten, lehrten sie ihn den Schlüssel zur Zauberei in Wirklichkeit doch nicht. Immer schickte ihm während dieser sieben Jahre der jüngere Bruder, der zu Hause geblieben war, durch einen Boten oder eine Botin die Nahrung, deren er täglich zum Leben bedurfte. Aber wie sich der jüngere einmal aufmachte, um ihm selbst die Lebensmittel zu bringen, geschah es, daß sein Blick auf eine verschlossene Tür fiel; und als er durch eine in der Tür befindliche Ritze blickte, stand ihm das Herz schier still, denn was er darin gewahrte, war der Schlüssel zur Zauberei. Nun kam ihm der ältere Bruder entgegen und wollte ihm nach der Begrüßung die mitgebrachten Lebensmittel abnehmen; allein er gab sie ihm nicht, sondern sagte: »Komm, ich habe dir etwas mitzuteilen,« und als sie abseits traten, flüsterte er:

»Hinweg von den Zauberern, sie haben dir, was du von ihnen lernen wolltest, vorenthalten, ich habe den Schlüssel zur Zauberei.«

Darauf kehrten sie in die Burg ihres Vaters zurück, und es war eine Königsburg, denn ihr Vater, der Chan, war ja ein König; und da sagte der jüngere:

»Ich fürchte, daß die Zauberer nun erkennen werden, daß wir die Zauberkunst erlernt haben. Darum höre! In unserem Stall befindet sich ein vortreffliches Pferd, das ist hineingekommen, während du nicht da warst. Nimm es, hüte dich aber wohl, es zu besteigen, weil du es nur am Zügel führen darfst. Wende dich aber, wenn du mit ihm ausgezogen bist, ja nicht in der Richtung nach den sieben Zauberern, sondern begib dich in eine andere Gegend.«

»Und was soll ich damit dort tun?« fragte der ältere.

»Das wirst du schon sehen,« sagte der andere Chansohn.

»Kann ich es verkaufen?«

»Ja, das kannst du, aber du mußt den Erlös zurückbringen.«

Sagte der ältere: »Gut.«

Nun müßt ihr wissen, daß der jüngere darauf in den Stall vorauseilte und sich selbst in jenes Pferd verwandelte; denn er sah voraus, daß die sieben Zauberer vermöge ihrer Kunst es schon herausgebracht haben dürften, von wem so ohne ihr Vorwissen der Schlüssel zu ihrem Geheimnis gefunden worden war. Darum verwandelte er sich, um von ihnen unerkannt zu bleiben, in die Gestalt dieses Pferdes und wollte, daß sein Bruder mit ihm auf die Art, wie ich es gesagt habe, weitweg von ihnen fliehe. Im Herzen des älteren fraß aber der Unmut, so daß er sich sagte:

»Obgleich ich mich sieben Jahre lang mit dem Lernen der Zauberkunst abgeplagt habe, habe ich sie doch nicht erlernt, während mein jüngerer Bruder sie gleich weghatte. Und nun er noch dazu ein so vortreffliches Pferd gefunden hat, soll ich es nicht besteigen, sondern am Zügel soll ich es führen und zu Fuße gehen?«

So bestieg er das Tier. Es war aber, obzwar es der jüngere Prinz selbst war, ein Zauber über dem Tiere; nur am Zügel geführt konnte es sich von den Zauberern entfernen. Wenn es aber der Reiter bestieg, wie man bei gewöhnlichen Pferden es tut, die man mit dem Sporn antreibt und peitscht, da geriet es wieder unter der Zauberer Macht und der Reiter bemühte sich vergebens, es nach der entgegengesetzten Richtung hinzulenken. So trug es den älteren vor die Behausung der Zauberer zurück; und ob er sich jetzt davon machen wollte, es ging nicht, und richtig hatten ihn auch schon die Zauberer erspäht.

»Du da,« fragten sie, »was willst du hier mit dem Pferd?«

Da dachte er sich:

»Nun, es ist schon alles eins, so werde ich es grade an diese verkaufen.«

Und er sagte:

»Wollt ihr es besichtigen?«

Sie aber hatten schon durch ihre Kunst erfahren, was es mit dem Tiere war und steckten die Köpfe zusammen und flüsterten:

»Wenn auf diese Weise alle die Zauberkunst lernen wie dieser zweite Sohn des Chans, was wird es dann mit uns werden? Wir müssen ihn nehmen und töten.«

Und zu diesem Zwecke erhandelten sie das Pferd.

Wie sich nun der ältere Bruder mit dem erhaltenen Geld entfernte, führten die Zauberer den in das Pferd Verwandelten zunächst in einen dunklen Stall, wo sie ihn anbanden; und als die Zeit kam, da sie ihn zu töten beabsichtigten, banden sie ihn los und schleppten ihn, indem sie ihn an Kopf und Mähne, an den Vorderfüßen sowie am Hinterteil festhielten, sodaß er nicht zu entspringen vermochte, am Zügel einher. Da seufzte das Pferd während des Ganges und klagte:

»Ach Bruder, Bruder! Jetzt gehe ich zum Lohne dafür, daß ich dich liebte, dem Tode entgegen. Und gibt es denn nichts, wodurch ich gerettet werden könnte?«

Aber siehe, da besann er sich, daß er sich vermöge des Schlüssels zur Zauberei sofort in die Gestalt jedes anderen Tieres, dem er begegnete, verwandeln konnte, wenn er es unter Hersagung eines gewissen Zauberspruchs wünschte; und da ihn die Zauberer grade in ein breit dahinströmendes Wasser hineintrieben, gewahrte er einen Fisch im Wasser und sprach den Spruch und ward sofort zu einem Fisch. Nun verwandelten sich die sieben Zauberer ihrerseits in sieben Möwen, die schon nach ihm hackten; und als er darauf eine Taube am Himmel heranfliegen sah und sich in diese verwandelte, nahmen die sieben Bösen die Gestalt von sieben Habichten an; und als die Taube über Berg und Fluß floh und sie abermals nahe daran waren, sie zu fangen, flüchtete sie im Lande Bede südwärts auf einen strahlenden Berg zu und in das Innere einer Felsgrotte, die den Namen »Die Beruhigung Gewährende« führte. Und gerade die Grotte war's, in der der Meister Nagarguna, der siegreich Vollendete, verweilte und in dessen Schoß sie nun niederglitt.

Da dachte Nagarguna:

»Was mag wohl der Grund sein, daß die sieben Habichte diese Taube verfolgen?«

Und er fragte:

»Du, Taube, was ist der Grund und warum fürchtest und ängstigst du dich noch?«

Und er zog sie an sein Herz und lächelte und streichelte sie sanft. Auf die Frage erzählte ihm die Taube alles und sagte:

»Jetzt wird der Meister gleich sehen, wie sie sich in sieben Männer verwandeln; und gleich werden sie vor dem Meister erscheinen und ihn um den Rosenkranz bitten, den er in den Händen hält.«

Und die Taube bat:

»O, Meister, siegreich Vollendeter, wenn du mich retten willst, dann werde ich mich in eines der Kügelchen an deinem Rosenkranze verwandeln, und wenn die Männer dich um ihn bitten, so geruhe, dieses Kügelchen in der Hand zu behalten, so daß sie es nicht gewahren, indes du die übrigen Kügelchen ihrem Willen gemäß von der Rosenkranzschnur vor ihnen herabstreust.«

Und richtig erschienen gleich die sieben Männer und sahen wie fromme Männer aus, waren in weiße Kleider gekleidet. Fromm sahen sie den Meister an und hielten um seinen Rosenkranz an, und er behielt das eine Kügelchen in der Hand und streute die anderen vor sie hin. Da verwandelten sich die ausgestreuten jedes gleich in einen Wurm, worauf aber die Männer zu sieben Hühnern wurden, die die Würmer pickend auffraßen; und als jetzt der Meister das Hauptkügelchen aus der Hand fallen ließ, entstand daraus ein Mensch mit einem Stab in der Hand, mit dem er die sieben Hühner tötete.

Da aber erschrak der Meister, denn siehe, auf einmal wurden daraus sieben Menschenleichen; und Nagarguna, der darob in seinem Herzen traurig wurde, sagte:

»Während ich einzig dein Leben geschützt habe, habe ich dazu beigetragen, das Leben dieser sieben zu vernichten. Ist das nicht schlimm? Denn waren sie auch schlecht, so waren sie doch Menschen.«

Da beugte der Chansohn sein Haupt und sagte:

»Ich bin ein Königssohn, dem diese Männer nach dem Leben gestrebt haben. Aber wenn der Meister, einzig und allein um mir das Leben zu retten, zum Tode dieser anderen beigetragen hat, so will ich, um diese Sünde zu tilgen, jedweden Auftrag vom Meister freudig entgegennehmen.«

»Und wirst du ihn auch genau ausführen?« fragte Nagarguna.

»Versuche es der Meister,« antwortete der Chansohn, »alles, was du befiehlst, will ich pünktlich befolgen.«

»Nun, wenn das der Fall ist,« sagte der Meister, »so wisse, daß auf der Citavana, der Leichenstätte, im kühlen Hain, der mit übernatürlicher Macht bedachte Tote ist, der Siddhi-Kür heißt. Erhaben sieht er aus. Unten ist er von Smaragd, von der Körpermitte aufwärts ist er von Gold und das Haupt, das mit einer Kopfbinde versehen ist, ist von Perlmutter: also ist er beschaffen. Diesen sollst du mir holen, das wird deine Buße sein. Wenn du das auszuführen imstande bist, dann soll sie vollendet sein; o, daß es dir gelänge! Wohl magst du durch Zauberei Gold zuwegebringen, wie es auch diese sieben Zauberer zuwegebrachten und andere zuwegebringen. Aber brächtest du mir diesen mit übernatürlicher Macht begabten Toten, dann könnten die Menschen von Gambudvipa ein tausendjähriges Lebensalter erreichen und zur höchsten und wunderbarsten Vollendung könnten sie gelangen. Willst du es wirklich auf dich nehmen?«

Sagte der Königssohn ja, und erkundigte sich dann weiter:

»Den Weg, den ich einzuschlagen, und die Art und Weise, wie ich vorzugehen habe, sowie alles, was ich tun soll und was dazu sonst noch nötig ist, geruhe der Meister mir anzugeben.«

Sagte der Meister:

»Nun denn, wenn du etwa ein Meile weit von hier gehst, so wirst du in der Nähe eines Bergstroms an einen finstern Engpaß, der sich durch einen Wald hinzieht, gelangen. Dort wirst du rechts und links dunkle Höhlen und darin eine Menge von sehr großen Toten sehen, die werden sich bei deinem Nahen insgesamt erheben und auf dich zukommen. Diesen ruf zu:

»Ihr großen Toten alle, ruhet in Frieden!«

und streue ihnen diese unter magischen Worten geweihten Gerstenkörner hin, die ich dir gebe. Von da weiter befinden sich an einem Flusse kleine Tote in Menge. Diesen ruf:

»Ihr kleinen Toten, ihr habet den Frieden!«

und bring ihnen gleichfalls ein Streuopfer dar. Nochmals von da weiter befindet sich eine Schar von Toten in Kindergestalt. Diesen ruf:

»Ihr Toten in Kindergestalt,
wie wohl ist euch,
daß ihr von nichts wußtet!«

und streu ihnen auch etwas von den magischen Gerstenkörnern aus. Wenn du das aber getan hast, wird es dir scheinen, als ob sich aus ihrer Mitte eine Gestalt erhöbe und sich vor dir, weil du ein Menschenkind bist, auf einen Mangobaum flüchte, und das wird Siddhi-Kür sein. Aber dann geh hin zu dem Baum, befiehl Siddhi-Kür herunterzusteigen und erschrick nicht vor seiner drohenden Miene. Nimm diese Axt hier, die ›weißer Mond‹ benannt ist und sag, daß er gehorchen muß, weil du sonst den Baum umhauen müßtest. Darauf wird er herabgestiegen kommen und du steck ihn dann in diesen bunten Sack, in dem für hundert Geister Platz ist, schnür den Sack zu mit diesem bunten Seil, das aus hundert Drähten gemacht ist und genieß von diesem, trotz der Zehrung nie ausgehenden Brote, das aus hundert Körnern bereitet ist. Dann nimm den Toten auf den Rücken und wandle mit ihm dahin, bis zu mir; doch wisse, daß du dir dabei auch nicht ein einziges Wort entschlüpfen lassen darfst, was immer es wäre. Wirst du darauf achten?«

»Ja, Meister, ich werde darauf achten.«

»Dann sei es so! Und komm mit dem Leichnam hieher zurück, auf daß die Menschen von Gambuvipda, die Menschen unseres teuren Indien, ein tausendjähriges Lebensalter und die höchste und wunderbarste Vollendung erreichen könnten. Und weil du zu dieser Beruhigung gewährenden Felsengrotte gelangt bist und zu ihr zurückkehren willst mit dem mit übernatürlicher Macht begabten Toten, so sollst du fürder, der du ein Chansohn bist, ›der auf dem guten und glücklichen Pfade wandelnde Chan‹ heißen.«

Nachdem er ihm denn diesen Namen beigelegt hatte, ließ er ihn, den Weg anzeigend und angebend, die Wanderung antreten.

Wie nun der Prinz die Schrecknisse des ihm vom Meister gewiesenen Weges glücklich überwunden hatte und an Ort und Stelle gelangt, aus der Mitte der Toten in Kindergestalt Siddhi-Kür aufsteigen sah, der vor ihm auf den Mangobaum hinauffloh, trat er an den Fuß des Baumes und sprach, eingedenk des Wortes, daß er vor nichts erschrecken dürfe, die lautschallenden Worte:

»Mein Meister ist Nagarguna Garbha! Meine Axt ist ›weißer Mond‹ benannt. Mein Behälter ist dieser bunte Sack, in dem hundert Geister Platz haben. Mein Seil ist dieses bunte Seil aus hundert Drähten geflochten. Mein Brot ist dieses Brot, aus hundert Körnern gemahlen. Ich selbst bin der auf dem guten und glücklichen Pfade wandelnde Chan. Toter, du kommst herabgestiegen, wo nicht, so hau ich deinen Baum mit der Axt um.«

Da versetzte der Tote flehentlich:

»Ich steige herab, hau den Baum nicht um.«

Und als er nun herabgestiegen kam, tat ihn der Prinz in den Sack, schnürte denselben mit dem Seil fest zu, nahm von dem Brote, ohne daß es kleiner wurde, lud sich den Toten auf den Rücken und wandelte so mit ihm, immer schweigend, viele Tage lang dahin. Und auch der Tote schwieg in dem Sack, bis er einmal, da der Prinz gegen Sonnenuntergang an einer Stelle Rast machte, aus dem Sack heraus sprach:

»Öffne mir für eine Weile, ich entweiche dir nicht. Tote kennen keine Lügenworte.«

Da glaubte ihm der Prinz und öffnete den Sack und der Tote sprach, indes das Gold und der Smaragd, aus dem sein Leib bestand, und auch das perlmutterne Haupt, um das die weiße Binde gewunden war, im Mondenschein flimmerte:

»Lang sind die Tage, langweilig dieses Dahinwandern. Habe Mitleid, läßt du mich kein Wörtchen hören?«

Der Chansohn schwieg.

»Höre,« begann Siddhi-Kür wieder, »willst du nicht eine Geschichte erzählen; oder willst du, daß ich erzähle?«

Wieder schwieg der Prinz. Und Siddhi-Kür begann von neuem:

»Wenn du nicht erzählen willst, so kann ich nichts dagegen haben; wenn du aber willst, daß ich erzähle, so könntest du es mir, ohne ein Wort zu sprechen, durch ein Nicken mit dem Kopfe zu verstehen geben.«

Da gab der Prinz mit seinem Haupte das Zeichen und Siddhi-Kür begann:

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.