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Kalendergeschichten

Ludwig Anzengruber: Kalendergeschichten - Kapitel 8
Quellenangabe
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typenarrative
authorLudwig Anzengruber
booktitleKalendergeschichten. ? Gedichte und Aphorismen
titleKalendergeschichten
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
seriesLudwig Anzengrubers Gesammelte Werke in zehn Bänden
volumeFünfter Band
printrunDritte durchgesehene Auflage
year1897
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071214
projectidd942c059
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3. Die G'schicht' von der Maschin'.

Vergangene Walpurgisnacht war's – natürlich erst wie der Tag vorbei war, tagüber ist's aber laut hergangen, ein'm Fabriksherrn in der Gegend sein seine Arbeiter z'wider word'n, er hat sich an ihrer Stell' Maschinen angeschafft, die Lärmmacher fortg'schickt und dö braven Leut' zu dö Maschinen g'stellt. Dös war am Vormittag. Nachmittag aber sein die Ab'dankten alle von dö Wirtshäuser, wo sie sich »Trost im Leiden« g'holt haben, aus'zogen, der Fabrik zu; hinter ihnen her und mit ihnen Tagdieb', Hausierer, Tagwerker, kurz allerhand G'sindel – ich war a dabei.

Wie wir zu der Fabrik 'kommen sein, sein wir ganz keck hineingegangen, dö braven Leut', die noch drin in Arbeit waren, haben uns zwar dös verwehr'n woll'n, aber wie s' g'sehn hab'n, daß wir die mehrern sein, und wie s' zum Verkosten a noch a paar Puffer 'kriegt hab'n, da sein s' auf das, was nachkommt, nimmer neugierig g'west, sondern sein gutwillig davong'rennt; der Herr und sein Buchhalter sein derweil vors Haus g'rennt und haben bald dort, bald da ein Träuperl Leut' mit schöne Reden beschwichtigt. Derweil dö draußen zu dö Ungefährlichen schön g'red't haben, hat's drin im Haus zum krachen und poltern ang'fangt – dös waren mir von drinnat, wie wir uns über die Maschinen herg'macht haben. I bin so a Weil' dabei g'standen, Hab' zug'schaut, und wie's grad wieder über so ein Ding geht, da reißt's mich – thust a mit! – und i heb' da so a Trumm Eisen auf, hol' aus und hau' zu, dös Ding macht no ein Keuchezer, und hin war's!

Daß ich sag', dös war so ein schöner Durcheinander etwa noch a Viertelstund', dann heißt's auf einmal: Aushalten und verschwinden, von der Kreisstadt kommt a ganz's Bataillon Jäger. O du schmerzhafter Sebastian! Kaum sagt das einer zum andern, so hor'n wir s' a schon blasen! No, jetzt ist der Wirrwarr an'gangen, 's Treten und Drucken, 's Arretieren, Kolbenstöß' – ich weiß nur mehr, daß ich mit genauer Not durchgerutscht bin; mit ein' Jäger, der mich hat aufhält'n woll'n, bin ich in 'n Graben h'nunter'kugelt, und wie mir uns all' zwei aufhelfen, kommt ihm die Bajonettscheid', die langmächtig' Leberwurst, zwischen die Füß', und eh' er sich noch wieder aufgleich zappelt hat, war ich schon lang im Wald.

Und im Wald war's schon nachtig und wie ich mir grad so denk': Teufi h'nein, jetzt hast noch a gut Stuck Weg heim, fallt mer ein: Heunt is Walpurga! Mir wird da glei nit recht g'heuer, no kein b'sunders ruhig's G'wissen hab' i grad a net g'habt, was ich in der Fabrik drin 'than hab', war ja a grad kein b'sunder's rechtschaffen's Stuck Arbeit und daß ich zuletzt die Obrigkeit sich nach mir hab' abezappeln lassen, war auch nit schön; aber da hat mich doch eins 'tröst': warum hat a die Obrigkeit so ein langen Ueberschwung g'habt.

Sollst auf 'm Fahrweg verbleib'n? Gehst die einsamsten Steig'? Gehst lieber gar außi aus 'm Wald auf die mondhelle Wiesen? Was 'thust, was is g'scheiter? So hab' ich spintisiert. Und wie ich mich noch so bedenk', komm' ich von freien Stücken aus 'm Wald außer, wißts ja alle den Fleck enter der Rieslermühl', wo rechts und links die Weidplätz' in der Höh' lieg'n und mitt' durch führt ein kleiner Hohlweg nach der Straß'; von weitem hat man die Mühl' g'hört, sonst war alles mäuserlstill, dö Bäum' sein bocksteif dag'standen, kein Lüftel, aber der Mondschein, ich sag' euch's, der war anderschter als sonst, der hat so aufdringlich g'leucht, als wüßt' er über jedes Steindl am Weg was zu sagen, um die Grashalm', wie s' am Hohlwegrand herunterg'hängt sein, hat er g'spielt, und die Schatten haben völlig zittert in sein' Glanz, es war frei ein laut's Licht!

Und grad, wie mir dös zum g'fall'n anfangen will, wird mir auf einmal ich weiß nit wie; inmitten vom Hohlweg war ich, sonst war' ich glei lieber wieder z'ruckg'rennt. Da kommt's a schon von weitem her auf mich zu – ein' mächtig groß Ding, glänzt, daß ein'm völlig die Augen weh thun, aus sein Hut is Rauch aufg'stieg'n, auf der ein' Seiten hat's mit ein' Arm in ein' eisern' Stiefel g'langt, und is dabei allweil hin und her g'fahren, grad wie wenn unsereins in einer Taschen nach Geld sucht und kann keins finden und gebärd't sich wie net g'scheit, und auf der andern Seiten hat's ein Radl g'habt, da war ein mächtig langer Schwungriem' dran, und wie's so auf mich zurogelt, und ich schau' so auf den Sappermentsriem', denk' ich, jetzt is's letzt' End', wenn d'ein' so ein' Wixer kriegst, thut dir kein Bein mehr weh!

Hitzten steht das Ding auf einmal still, pfnaust Dampf aus, und laßt den Schwungriem' fallen. Da is mir glei leichter g'west. Und sagt das Ding zu mir: Kennst du mich?

Sag' ich drauf: Nein, aber mir wär's lieb, für ein anders Mal, wenn's sein könnt', denn heut is mir nit recht gut und ich bin zu solchen Dummheiten nit aufg'legt.

Drauf sagt dös Ding nit ein' Bissen, sondern thut ein Keuchezer und steht still.

Jesses und Joseph, da hab' ich's d'erkennt – war dös dö selige Maschin', dö ich heunt in der Fabrik um'bracht hab'!!

Des kennt's eng denken, wie mir da war, allein, in der Walpurgisnacht mit so ein'm Spuk, 's Herz hat mir völlig aus 'm Leib heraus wollen vor Angst.

Sagt die Maschin' noch immer so rauh und stoßweis' wie vorher: Fürcht' dich nicht. Thu, was ich dir sag', da hinten an mir hängt ein Kandl mit Oel, schmier mich.

So viel auch meine Hand' zittert haben, was mir jeder glauben kann, so hab' ich doch die Kandl h'runter g'nommen und hab' halt, so gut ich's troffen hab', das Maschin'gespenst geschmiert.

Und wie's geschmiert war, hat's auf einmal mit milder Stimm' ang'hebt zum reden: Hanns, hat's g'sagt, du warst heut auch einer von dö dummen Simpeln, dö sich nichts G'scheiters z' thun g'wußt hab'n als anderer Leut' Sachen zu ruinieren, und die kein' Respekt haben für das, was von braver Arbeit und rechtschaffenem Studieren in mir liegt! Aber dös verstehts ös net und da muß man stillhalten und sich zerschlagen lassen. Des wollt's halt nit verstehn, nit begreif'n, überhaupt nix lernen, es »glaubt« sich halt so viel leicht und es »weiß« sich halt so viel schwer, und so lang's a so bleibt, geht die ganze Aufklärerei wie a Kindertanz um 'n Maibaum allweil rundum und ohne daß man eng g'scheit machen kann, sag mer eng nur allweil: »Wie ös dumm seids!«

Da sag' ich drauf: Vergelt's Gott, aber dazu brauch' mer kein Maschin', dös sag'n wir uns selber untereinander all' Tag. Ah, so g'scheit sein mir schon, daß mer dumm sein! – Denn wie vorhin der Spuk so freundlich und eindringlich g'red't hat, hab' ich mir a Herz g'faßt g'habt, is mir aber glei wieder abig'ruscht, wie 's Maschin'g'spenst anhebt: Hitzten steig auf mein' Rucken, du mußt mit!

Ich will grad alle Heiligen zu Zeugen anrufen, daß ich seit der Kavallerie kein Roß mehr ang'schaut hab', daß ich Maschin'reiter schon gar keiner bin ...

Aber da stoßt dös Ding fuchtig sein' eisern' Arm in den Stiefel auf der ein' Seiten und draht 's Radl auf der andern, daß der Schwungriem' fliegt.

In Gott's Jesus Nam', hab' ich mir denkt und bin halt aufg'stieg'n, und wie ich sitz', geht's a schon furt, daß mer der Atem und die Sinn' ausgeblieben sein, ich könnt' eng's drum a nit sagen, wohin mich der Malefizspuk g'führt hat.

's war mir aber so, als säß' ich auf 'm höchsten Berg von der Welt, wie er heißt, könnt 's ja 'n Schulmeister frag'n, g'nug, daß ich drob'n war in der Walpurgisnacht vergangen's Jahr.

Und wie ich so herunterguck' auf dö Welt unter meiner, sagt die Maschin': So ist's jetzt!

Ich schau', da kommen s daher in ein' langen Zug, Arbeitsleut' aller Art, alle verkrüppelt, bresthaft oder vorzeitig alt und ausgemergelt durch 'n strengen Erwerb, durch die ung'sunde Hantierung, durch Trübsal um ihre alten Tag' – und wie ich so in der Rund' schau', seh' ich die anderen, die noch geschaffen haben, sich hinunterrackern wie die Viecher mit der schweren Arbeit, sich 's Blut vergiften mit Staub, und so Farb', und andere Patzerei'n und wieder völlig z'samm'schrumpfen auf ein' Fleck, von dem s' die Sorg' ums Brot nit weglaßt, nit a wengerl in die frei' Luft, kaum im Jahr amal! Wie ich so das Elend da vor meiner sieh, schlag' ich die Händ' z'samm' und sag: Himmlischer Vater! Du triffst doch allmal die rechte Mischung zwischen Herzload und Herzensfreud', daß 'm Menschen nit z' gut und nit z' übel wird auf der Welt und er 's Leben aushalten kann, denn Uebermaß von ein'm oder 'm andern thut niemal a gut! Wie magst denn a so viel Mühsal auf ein' Fleck z'samm'trag'n?!

Sagt die Maschin': Strapazier dich nit, möcht' der Herr allen Fragern z' G'hör sein, verbrauchert er sein' ganze Ewigkeit zum Antworten. Derweil wir da reden, geht die Welt wieder ihr Ruckerl weiter. Schau lieber, wie's einmal sein wird.

Ich schau' wieder. Is die ganze Welt wie verändert g'wesen, alles, was man denken und sinnen kann, daß nur möglich ist, es rührt der Mensch nit selber mit seine Händ' dran, das haben Maschinen geschaffen, und an den Maschinen sind sie g'standen die neuchen Leut', unverkrüppelt, unverkümmert, schön groß, stark, und hat ihnen die Gesundheit und die G'scheitheit' aus dö Augen g'leucht', ist jeder wie ein König an der Maschin' gestanden, die er gemeistert hat bis aufs letzte Radl.

Und über die Welt war ein großer Arbeitstag mit lauter saubre lustige Arbeitsleut'!

Und wie ich das siech', da hab' ich mich in die Höh' g'streckt und hab' g'juchzt: Juche! Hitzt is 's Brotkörbl nieder, und das sein meine Leut', dö halten doch ein' Puff aus, und so stehn s' mir an!

Und wie ich so schrei', verschwind't dös ganze G'sicht, d'Maschin packt mich wieder auf und setzt mich nachert ab, no ös kennt's ja dös Platzl, enter der Rieslermühl' inmitten vom Hohlweg; und wie's mich da los is, sagt's: Servus!

Ich sag': B'hüt dich Gott und halt halt a fein Wort, Maschin'!

Und fort war s'!

Na also, dös war zu Walpurga vorig's Jahr, und sider der Zeit mag ich kein' Maschin' schief anschau'n, 's thut mir völlig schon um a Lichtschneuzen leid, wann s' a kleiner Bub' verbricht. No, wo is denn der Lehnerferdl hin'kommen, schau, ich hätt' grad g'meint, der wurd' mich gern Lugen strafen mögen! B'hüt Gott miteinander, hitzt muß ich wieder h'nauf nach mein' Steinbruch!

III.

Es war ein abscheuliches Verbrechen, das da draußen, eine Stunde Weges vom Orte, in der einsamen Mühle geschah. Der alte Müller, der darauf saß, war vor Jahren verwitibt und hatte eine junge Magd in Dienst genommen, die ihm sehr gefiel; als er nun merkte, sie werde in gutem ihm nicht zu Willen sein, so brauchte er Gewalt. Es hätte ihm übel bekommen können, wäre die Dirne damals in die Gerichte gegangen, aber was getraut sich so ein armes Geschöpf? Sie demütigte sich vor dem Alten, beschwor ihn um Jesu willen, sie nicht in der Schande zu lassen; das war es, was er haben wollte, er machte sie zu seiner Müllerin, die Leute fanden das für ganz ausnehmend brav gehandelt und lobten und rühmten ihn, – aber es bekam ihm übler!

Wie sich ein Ding anläßt, so wächst sich's auch aus, was mit Schande, Angst und Heimtücke begann, konnte nicht mit Ehr', Fried' und Offenheit enden. Es kam da ein junger Knecht auf die Mühle, und den mochte die Müllerin leiden. Um ihre Jugend war sie betrogen worden, aber das junge Blut behielt sein Recht. Wohl wußten beide, es war nicht recht, was sie da im geheimen spannen, sie wußten es, gleich wie es anhob, die Müllerin wußte es, als sie dem Burschen zulächelte, und der Bursche wußte es, als er verlegen das Lächeln zurückgab, aber das sah sie doch ganz unschuldig an und man konnte sich ja hüten, aber so blieb es bei jedem Schritte, mit dem sie sich mehr und mehr näher rückten, und zuletzt erschien den beiden selbst das Aergste unverfänglich. Ihre Liebe war freilich nicht wie die anderer Leute, sie durften nicht stolz aufeinander sein, sie mußten darauf achten, daß man nicht merke, wie gut sie einander seien, und daran war nur der Alte schuld, sie hofften, er werde doch bald versterben. Einmal wallfahrte die Müllerin, ein andermal der Knecht nach einem nahen Gnadenorte und baten die Muttergottes, sie möchte sie erlösen, sie beteten – um den Tod eines Menschen!

Aber die Wallfahrer hatten kein Glück, der Alte blieb rüstig und gesund, als sollte er ewig leben.

Das war hart für sie; wie lange sollten sie denn noch warten und harren, um es zu gleichem Ende wie andere Liebesleute führen zu können? Immer unleidlicher ward ihnen der Zwang und das Geheimthun und so fielen sie denn in einer Nacht gemeinschaftlich über den Alten her und ließen nicht ab von ihm, bis er tot war, dann setzten sie die Mühle in Gang – das klapperte plötzlich weithin durch die Stille der Nacht, als wollte er das ruhende Thal aus dem Schlafe schrecken, aber ihnen taugte das Getöse, es ließ sie nicht klar werden über das Geschehene und nicht an den kommenden Morgen denken. Den Leichnam warfen sie in das kreisende Rad.

Die Sonne, die sie weckte, war eine andere als die alte; was war das für ein abscheuliches Licht, das in alle Winkel spähte, durch jeden Bretterspalt fiel?! Dort stahl es sich durch die verhangenen Fenster in die leere Kammer und ein wirbelnder Streif tanzte über die Polster des Bettes, fand aber nicht, wie sonst, einen Schläfer zu wecken. Wie glitzerte das Wasser am Mühlrade und – o, wer sich hinzuschauen getraut hätte! – wie es den toten Mann mit jeder Umdrehung hervor an das Licht schleifte! Aber da galt kein Säumen, lebendig wird es schon rings im Thale, die Leute werden kommen, daß sie auch kommen müssen, daß doch die Welt diese Nacht über ausgestorben wäre! Was sagen? Was thun?

Die Mühle wurde gestellt, die Müllerin stürzte mit Jammergeschrei, verwirrt und entsetzt in das Thal nach der nächsten Hütte, um den Leuten zuzuschreien, daß heute nacht ihr Mann verunglückt sei.

Aber die Sonne, die böse Sonne mit ihrem aufdringlichen Lichte ging nicht unter, ohne alles an den Tag gebracht zu haben.

Der Mond fand die Mühle leer, dafür sah er dort, fern in der Kreisstadt, als er die Schatten der Gitterstäbe in die Gefängniszellen warf, ein junges Weib mit verweinten Augen und einen Burschen mit stieren, glanzlosen Blicken schlaflos vor sich hinstarren.

Das war eine Aufregung im Orte, als man die beiden festnahm, das wogte ab und zu nach der Unglücksstätte und nach dem Gemeindekotter, wo die Thäter und die Landjäger, die sie zu bewachen hatten, auf eine Fahrgelegenheit warteten, und als schon lange der unbeholfene Leiterwagen über die ausgefahrene Straße dahingepoltert war, standen die Leute noch überlaut redend vor ihren Thüren. Das Gemeindewirtshaus war überfüllt von erregten Gästen, die sich durch den Trunk noch mehr ins Feuer brachten; was wollte da jeder schon lange gesehen und gehört haben, das ihm bedenklich vorkam? Da war keiner, der es nicht schon früher gemerkt hätte, wie in der Mühle nicht alles richtig gewesen, und schier alle hätten es vorhersagen mögen, daß das kein gutes Ende nehmen könne. Da war keine üble Nachrede, die nicht ihre zustimmenden Hörer gefunden hätte.

Und es war allwege nicht denkbar, daß an dem Weibsbild und dem Burschen jemals ein gutes Haar gewesen wäre, die mußten von Kind auf verderbt und verworfen gewesen sein, waren gar niemal wie andere Leute gewesen, denn rechtschaffenen Leuten – jeder schmeichelte sich zu denselben zu zählen, – könne so eine gräßliche That gar niemals beifallen.

In einem Winkel der Stube trank auch der Steinklopferhanns sein Gläschen und rauchte seine Pfeife, jetzt war sie ihm aber ausgegangen, er klopfte die Asche in derselben an der Tischkante aus und sagte: »Oes seids recht christlich – recht christlich!«

»Werd'n wir's doch nicht gegen so Mordgesellen sein sollen?«

»Warum nit,« sagte Hanns, »wer sich für christlich ausgibt, soll allezeit dabei bleiben und wann ich mich recht besinn', so steht doch geschrieben: Richtet nicht, daß ihr nicht gericht' werd't!«

»Es wird auch kein ehrlicher Christmensch ein'm andern was nachtrag'n, aber so ein Mordgesindel zählt doch nit dazu!«

»War wohl auch a Zeit,« meinte der Steinklopfer, »wo sie kein Brösel anders waren als eins von uns da!«

»Na, hör auf, Hanns, das is kein Reden, so ein Stück brächt' wohl keiner, wie wir da sein, übers Herz, dazu muß man schon ganz gottverlassen auf die Welt kommen, dazu muß eins schon bestimmt sein.«

»Dann is auch dazu bestimmt, wer heut sich ein' Rausch trinkt! Ihr betet doch alltag paarmal 's Vaterunser und bei der Rosenkranzandacht schon gar, weiß nit, wie oft, aber wohl weil's unserm Herrgott'n vermeint is, leiert's ös herunter, daß's kein Teuxel versteht, ös selber aber auch nit; sonst möcht' euch doch bei einer Bitt' einleuchten, selb' wär's g'scheiteste Beten, was's jemalen af derer Welt geb'n hat, dö Bitt', was ich mein', heißt: Führe uns nicht in Versuchung! Es is schon so, daß sich einer recht brav halt't, wann ihn kein' Verlockung betrifft, und geht mancher als ehrlicher Mann sein' Weg, weil ihm die Versuchung nie begegnet. Kommt's aber einem über die Quer, so gibt's ein hart' Stück Arbeit, da soll sich keiner aufwerfen und vermeinen, er wüßt', was da aus ihm wurd'; often kommt's ruckweis' und führt 'n Trittl für Trittl, er denkt sich's dabei selber nit aus, wohin. Often kommt's mit ein'mmal und er thut, was er augenblicks drauf nöt für möglich halt't, es wär' sein Thun und hat wohl auch vor kurzer Weil' g'sagt: So a Stück brächt' wohl keiner, wie wir da sein, übers Herz! – 's Menschen-Einwendige muß mer kennen, heißt, mer muß sich sagen, mer kennt's eigentlich net, dann is mer sein ganz b'scheiden ruhig und find't a Mitleid auch mit , wo man nit meint, sie verdienen's, die's aber z'notwendigst brauchen, soll's mal mit dö besseren Zeiten anheb'n, wo man von Kind auf schon der Leidenschaftlichkeit ausbeugen und 's G'scheitsein lernt und statt: sei fromm, sagt: sei brav!«

»Hört's 'n Steinklopfer! der hat wieder a neu' Evangeli in' Kopf.«

»Is eh' a rechter Heiland, nimmt Eh'brecher und Mörder in Schutz!«

»In Schutz nehm' ich's nit,« sprach Hanns, »daß ich etwa saget, es war' recht, aber ich sag', einstmal war'n's net andere Menschen wie wir und wann's uns du gleichen Weg führet wie sie, möcht' wohl keiner sagen können, ob er heut nit da stünd' wo die zwei!«

»Ah, selb' kann man wohl sag'n, was man nie wurd' im stand sein,« riefen etliche junge Burschen.

»Na,« lachte verschmitzt der Steinklopfer, »mir sieht mer's wohl auch nit an, noch hätt' ich's selber g'laubt, aber doch hätt' ich bald ein' um'bracht.«

»Geh zu – was d' sagst!«

»Na wohl, war's a so.«

»Verzähl – verzähl!« Alles rückte zu.

»Na lost's zu. Verzähl' ich's halt.«

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