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Kalendergeschichten

Ludwig Anzengruber: Kalendergeschichten - Kapitel 5
Quellenangabe
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typenarrative
authorLudwig Anzengruber
booktitleKalendergeschichten. ? Gedichte und Aphorismen
titleKalendergeschichten
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
seriesLudwig Anzengrubers Gesammelte Werke in zehn Bänden
volumeFünfter Band
printrunDritte durchgesehene Auflage
year1897
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071214
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Zu fromm.

Eine Geschichte.

(1879.)

In einer kleinen Ortschaft, mag sie Altfeldsdorf heißen, hatten sie einen neuen Pfarrer bekommen; da er erst drei Tage unter seinen Pfarrkindern weilte, so wußten diese über ihn nichts auszusagen, als daß er für sein Amt ein »schier verwunderlich« junger Herr sei. So jung hatten sie noch keinen gehabt. Etliche meinten, das wäre recht, ein junger vermöcht' allzeit mehr vor sich zu bringen als ein Alter. Andere hingegen schüttelten bedenklich die Köpfe und meinten ihrerseits, Jugend hätt' die Erfahrenheit aus zweiter Hand und brächt' sie drum abgestanden und teuerer auf den Markt.

Es war eben am Nachmittag des dritten Tages, Jung-Ehrwürden saß gerade behaglich im Lehnstuhl, blies aus seiner Jausenpfeife Wolken gegen die Stubendecke und sah mit anscheinend großem Interesse zu, wie sie allmählich zerstoben; da pochte es an der Thüre und herein trat der Herr Bürgermeister von Altfeldsdorf.

Altfeldsdorf war, wie gesagt, ein kleiner Ort und konnte sich den Luxus nicht gestatten, wie andere besser situierte Dörfer und Marktflecken einen reichen Kaufmann, einen Großgrundbesitzer oder gar einen Advokaten zum Bürgermeister zu wählen, von der Sorte führte es nichts, der Bürgermeister, den es hatte, war ein grundehrlicher Bauer, der ein paar Joch Weingärten und ein paar Lot Verstand mehr' hatte als die andern. Das erste ließ sich grundbücherlich nachweisen und für das zweite sprach seine öftere Wiedererwählung. Sollte etwa irgend ein Leser daran Anstoß nehmen, daß die Ueberlegenheit der Verstandeskräfte des Herrn Bürgermeisters nach altem Gewichte bewertet erscheint, so steht es ihm ja frei, sie in das neue umzurechnen; zu wahrem Danke aber wären wir einem solchen verpflichtet, der sich auch gleich der Mühe unterzöge, alle gang und gäben Redensarten und Sprichwörter alten Gewichtes in das Dezimalsystem zu übertragen, so daß mir eine Art Rechnungsfaulenzer bekamen und nur nachzuschlagen brauchten, um zu wissen: Freunde in der Not gehen – in der und der Anzahl auf so und so viel Dekagramm. So und so viel Dekagramm Glück seien mehr wert als so und so viel Kilogramm Verstand u. s. w. u. s. w.

Also der Herr Bürgermeister, ein langer, knochiger Mann, sah fast engbrüstig aus, machte an der Thüre seinen Kratzfuß und sagte: »Gut'n Abend, Hochwürden.«

»Gut'n Abend, Herr Bürgermeister,« sagte der Pfarrer. »Nehmen S' sich doch einen Stuhl und setzen S' sich. Sitz' gerad da so kommod.«

»O, schön' Dank, Hochwürden,« sagte der Lange, zog sich einen Stuhl heran, setzte sich dem Pfarrer gegenüber und dachte: »Jetzt kann's losgehen. Er will mich ausholen, damit er sich mit uns ausweiß und ich soll ihn ausholen, damit wir uns mit ihm auswissen. Fein gemach. Erst soll er Farbe bekennen.« – Trotzdem er sich dergestalt auf den Vorsichtigen und Schlauen hinausspielte, überkam ihn doch eine Verlegenheit, die einen ehrlichen Mann bei solchen Anlässen stets befällt, weil er fühlt, daß all seine Schlauheit und Vorsicht nicht lang vorhält, wenn der, den er ausholen soll, nur ein wenig geriebener ist. Aber nichts reden, das thut's fürs erste. Er hustete also ein paarmal, legte dabei die Hand beteuernd an seine Brust, gleichsam: »da sitzt's.« Dann begann er seinen Hut abwechselnd bald auf das rechte, bald auf das linke Knie zu stülpen. »Hm, hm,« machte er, als nähm' es ihn wunder, daß er nicht sitzen wollte.

Der Pfarrer lächelte. »Sie kommen wohl, Bürgermeister, um bei mir, so was man sagt, auf den Strauch zu schlagen?«

Der Angeredete beugte sich verlegen auf seinem Stuhle etwas vornüber und indem er es versuchte, diesmal beide Kniee unter den einen Hut zu bringen, murmelte er: »Werd' mich's doch nicht unterfangen?«

»Ich nehm' es auch für kein Unterfangen auf, wenn meine Pfarrkinder nachfragen, woran sie mit mir sind. Und wie ich mich zu ihnen zu stellen gedenke, das können sie alle wissen, das sag' ich offen und frei heraus.«

»Schön, schön, Hochwürden,« sagte der Bürgermeister und sah dabei sehr erfreut und dankbar aus. »Da red't man sich doch gleich ein gut' Stück leichter;« dann bewölkte sich aber seine spitze Stirne ein weniges wieder, er warf einen besorgten Blick auf den jungen Priester und fragte etwas unsicher: »Wie halten's also damit, Hochwürden?«

»Vorab halt' ich darauf, meiner Pflicht als rechtschaffener Seelsorger nachzukommen, euch mit Trost und Rat beizuspringen, daß mir keinen ein Leidwesen gar zu Boden drückt, oder ein Glücksfall ihn übermütig macht.«

»Ei, du mein, Hochwürden, 's letzt' Stück Arbeit dürft' Sie da bei uns wenig beschweren.«

»Ist aber auch 's schwerere, Bürgermeister. Trost im Unglück nimmt der Mensch unbeschaut, guten Rat in Uebermütigkeit wend't er ein dutzendmal gegen 's Licht, ob er keine Lücke entdeckt, wo er ihm ausschlupfen kann.«

»Wahr, wahr, Hochwürden. Dadrum is auch auf einer gottselendigen Pfarr' allemal ein leichteres Seelsorgen als auf einer mit lauter reichen Anwesnern.«

»Nun, nun. Ich wollt, ihr wäret lauter reiche Anwesner, die mehrere Müh' sollt mich nit reuen. Im übrigen bleibt alles, wie ich's auf der Pfarr' angetroffen hab'; da bring' ich nichts auf und bring' nichts ab. Wie es bisher gehalten worden ist, soll's auch für weiter gelten, um keinen Bittgang, keine Andacht, keine Wallfahrt mehr, aber auch keine weniger. Seid ihr fleißige Kirchengänger ...«

»'s geht an, Hochwürden, 's geht an. Sonntags einmal sieht wohl jeder die Kirche von inwendig, aber unter der Woche, da hab'n halt nit alle allmal Zeit.«

»Es ist recht, die Woche über arbeiten und Sonntags ruh'n und Gott die Ehr' geben. Es heißt ja auch: ›Bete und arbeite!‹ Ich bescheid' mich gern, unter der Woche meine Mess' für die zu lesen, die nur mehr beten können, für die alten Mütterln und Manner, die g'wohnt sind, nach 'm Frühläuten in die Kirche zu zepperln.«

»Hochwürden sein so ein grundg'scheiter und dabei wohlmeinender Herr, wie man's selten unter den Pfaff – unter den Pfarrern sind't.«

»Werden S' nicht verlegen, Bürgermeister, weil Ihnen das herausgerutscht ist. Pfaff ist nichts weniger als ein Uebelname und wer der Ausdeutung nach als wahrhafter Pfaff gelten kann, mag es wohl zufrieden sein. Es gibt Worte, die so oft gebraucht werden, daß man nur ihre Anfangsbuchstaben hinsetzt und doch weiß jeder, der zu lesen versteht, Bescheid. Auch Titulaturen hat man in ganz gleicher Weise abgekürzt. Auf Visitkarten von Militärpersonen stehen oft hint'nach die beiden Buchstaben ›a. D.‹, die sind nun freilich nicht, wie ein Eulenspiegel gemeint hat, zu lesen für ›aus Dresden‹, sondern gelten für ›außer Dienst‹. Auf den Karten von Rechtsgelehrten kommen manchmal die Buchstaben › J. u. D.‹ vor, das heißt beileibe nicht ›Jud‹, sondern › juris utriusque Doctor‹ das ist, Doktor beider Rechte, und so mag man wohl, allerdings nicht auf Visitkarten, sondern lang vor der Zeit, eh' es Visitkarten gegeben, auf Grabsteinen der Priester die Buchstaben › P. f. a. f.‹ gefunden und sie später auch frischweg heruntergelesen haben, ihrer Zeit aber bezeichneten sie den, der darunter lag, als › Pastor fidelis animarum fidelium‹, das heißt auf deutsch als ›getreuen Hirten getreuer Seelen‹. Ich denke, das ist just der beste Nachruf für unser einen und soweit an mir liegt, will ich ihn verdienen. Für einen gewissenhaften Hirten ist es aber vor allen Dingen notwendig, daß er die ihm anvertraute Herde genau kennt und dabei müssen Sie mir an die Hand gehen, Bürgermeister.«

»O ja, o ja, Hochwürden, recht gern.«

Jung-Ehrwürden neigte sich etwas vor gegen den Bürgermeister und fragte mit vertraulichem Lächeln: »Haben wir auch einige Räudige darunter?«

»No, räudig möcht´ ich just nit sagen, von wegen, weil kein' Gefahr is, daß sie die andern anstecken; aber ein schwarzes Stückl haben wir wohl und ein gesprenkelt

»Das schwarze?«

»Selb' is 'm Hobinger sein Knecht, der Mathies: der glaubt auf gar nichts, durch harte Erlebnus soll er so word'n sein, sonst ein braver, fleißiger Mensch und gibt kein Aergernis, er is nit vorlaut und wird nur streitig, wenn ein anders anfangt, ihm davon zu reden, was er nit Red' haben will.«

»Und das gesprenkelte?«

»O, das is gar bunt und narrisch zum Anschau'n, schier zum Lachen. Dös is der junge Kramer im Ort. Nach Vaters Tod is er aus der Fremd' z'ruckkommen, hat 'n Kaufladen übernommen und gleich ang'hob'n, wie jetzt in der Mod' is, mit sein' Unglauben großz'thun. ›Kramer,‹ hat der frühere Pfarrer gesagt, – der ein mehr bissiger als freundlicher Herr war – ›Kramer‹, sagt' er, ›er kann herumschrei'n, wie er will, daß ein g'scheiter Mensch nix glaubt, deßtwegen glaubt doch niemand von ihm, daß er g'scheit is und wenn's darauf ankäm', müßt' er der Frömmste im ganzen Ort sein.‹ – Nit lang aber war er da, so macht unser Kramer Hochzeit, drei Monat' drauf hat er sein' jungen G'hilfen weggeben und die ärgste Vogelscheuchen, die er hat auftreiben können, ins G'schäft g'nommen, neuzeit aber geht er gar mit seiner jungen Kramerin in die Kirch', denn, meint er, die Weiber müßten halt doch a Religion haben.«

Der Pfarrer lächelte.

»Gleichwohl,« fuhr der Bürgermeister fort, »laßt er für sein Teil 's Freigeistern nit und is nur sein Weib auswärts, so kann man ihn so laut räsonnieren hör'n, wie in sein' ledigen Tagen. Letztzeit hat er sich wieder in ein'm neuchen Hirng'spunst verfangen und will jedem einreden, daß wohl a ganz a mögliche Sach' sein könnt', die Seelen wurden immer weiter von Stern zu Stern versetzt, hatten auf jedem gute Zeiten, so daß drüber die ganze Ewigkeit recht unterhaltsam verging'. Der Mathies, von dem ich früher g'red't hab' und der ihn nit ausstehn kann, heißt ihn drum ›den Sternhupfer‹.

»Finden sich denn Leute, die das anhören?«

»Ein ganzer Schwarm, Hochwürden. Denn währenddem er sich von Stern zu Stern im Weltraum verliert, schön langsam und vorsichtig, wie ein Bub' von Stein zu Stein über 'n Bach balanciert, saufen die Sakermenter Schnaps – er hat 'n besten weit und breit, – und find't er sich dann mit einmal wieder hinter sein' Ladentisch z'recht und kommt's zum Zahlen, dann weiß nie keiner, wie viel er trunken hat und wird allmal nur die Halbscheid ang'sagt; er braucht bloß die Neige gegen's Licht zu halten, so muß er merken, wie er ang'schmiert is, weil aber die Halunken groß verwundrig thun und den Geist, was er in sein' Kopf führen thät', loben, so laßt er den aus der Flasche dreingehn.«

»Ei,« sagte kopfschüttelnd der Pfarrer, »da fürcht' ich, er richtet mir mit seinem Branntwein mehr Schaden an als mit seinem Gered'.«

»So arg is's nit, Hochwürden. Und b'sonders, seit dö Kramerin Spur davon hat, werd'n die klein' Herzstärkungen immer seltner, und wann's gar, wie ihr Trachten geht, die Flaschen unter ihr'n Verschluß kriegt, dann hat's mit seine nassen Predigten ein End' und trocken bringt er kein' Bauer auch nur auf 'n nächsten Planetstern. Brauchen nit z' sorgen, Hochwürden. Sorg' machen uns nur die Neumayerschen Eh'leut. Ja, dö machen uns Sorg', um so größer, weil nur a geistlicher Herr dö abstellen könnt' und weil just a heiklige Sach' is, daß mer ein' geistlichen Herrn drum angeht.«

»Nun, was ist's denn mit den Leuten?«

»Z' fromm sein s!«

Ueberrascht lehnte der Pfarrer seine Pfeife in den Fensterwinkel. »Bürgermeister.«

»Ja, Hochwürden, machen S' nur große Augen, aber, weiß Gott, ich kann's nicht anders sagen, als die sind zu fromm. Es ist eine lange Geschichte und ich hab 'n hochwürdigen Herrn wohl heut schon genug aufgehalten; vielleicht ein anderes Mal ...«

»Nein, Herr Bürgermeister, nur gleich heraus damit, es interessiert mich und wir sind einmal dabei.«

»Also, weil's verlaubt is, bin ich halt so frei und verzähl'. 's Neumayersche Anwesen müssen hochwürdiger Herr bemerkt haben; noch außer 'm Ort, ziemlich abseit von der Straße, steht das Häuserl inmitten von dö dazug'hörigen Liegenschaften. Guter Grund, schöner Boden, aber verwahrlost; wo sonst a ganzer Buschen Halm' g'standen is, da fledern jetzt a paar Stammerln im Wind und hint' die Anhöh' h'nauf, da liegen gar a paar Acker brach und g'wissenlose Leut' hab'n dort Steiner, Auskehricht und Schutt hing'leert, 's is a Jammer!

»Vor paar Jahren noch is das Gütel rechtschaffen betreut worden und hat seine Leut' auch ernährt. Mit eins aber kommt so a Mission, wie s' damal im Land herumzog'sein, auch her nach unserm Ort. Vor der Kirch' steht heut noch das große Kreuz, was zur Erinnerung da dran aufg'richt word'n is. Kommt also her, die Mission, und 's Erbauen, Beten und separierte Predigen extraich für Jungfrau'n, für Jungg'sell'n, für Manner und für Weiber hebt an. Mir hab'n sich denkt, es schadet nix, wenn man bei den gottlosen Zeiten den Leuten ein bissel die Höll' heiß macht. Nun, 's hat auch alle ganz g'hörig gepackt, – das muß mer den Herren Missionari lassen, da drauf verstehen sie sich – und selbe Zeit über und noch a paar Wochen Hintennach is a jedes voll Neumütigkeit und gute Vorsätz' herumgelaufen und außer der Fürsters Dirn', – die in' Wald ausg'rennt is, lauthals nach 'm himmlischen Bräutigam g'rufen und alle Mannleut', die ihr fremd waren, attackiert hat, – hat auch keines Schaden g'nommen; die, freilich, hat der Alte ins Irrenhaus schicken müssen.

Nun, der eine Schaden wär' wohl durch'n Nutzen aufg'wog'n g'wes'n und d' erste Zeit damals hat 's 'n Anschein g'habt, als bleibet's auch bei dem ein'. Mit einmal aber merk'n mer an den Neumayerschen Eheleut'n a Aenderung. Bishin hab'n uns dö allweil Spaß g'macht. War ein lustig' Volk, die reine Kesselflickerwar', tags dreimal auseinander und dreimal wieder z'sammg'flickt! Es hat g'heißen, vor der Hochzeit hätt' er ihr eins und 's andere nachg'sehn und sie ihm eins und andere danach. Aber Glück haben s' g'habt, wo s' auch g'krochen und g'schloffen sein, dös war, als ob ein kurzg'schor'ner Pintscher durch d'Klettenstauden ging, es is ihnen nix anhängen blieb'n und a übles Beispiel hab'n s' auch nit geb'n, dös thut nur einer, der ganz in Gleichem mit den andern steht und ungleiche Stuck angibt, wenn sich aber eigene Leut' ganz eigen betragen, so bedenkt sich jeder, daß er ihnen's nachthut, weil er wohl in acht nimmt, was bei denen gut ausgeht, könnt' bei ihm übel ablaufen, 's ganz' Jahr über waren die Neumanerschen rührig bei der Arbeit, z'samm'halterisch in der Wirtschaft, im Fasching aber haben s' all's Ersparte draufgehn lassen, und es in der Uebermütigkeit den Jüngsten zuvorgethan. Nun, was sie verthan haben, das war ihr rechtlich erworben Eigen, kinderlos waren die zwei Leut' auch und so hat mer dazu lachen können, ohne daß ein'm eine Mücke ins Maul fliegt.

Daß ich also sag', damal, wie die Mission im Ort war, is alles zur Beicht 'gangen. Der unsre hiesige Pfarrer is den Herren Missionari zur Seit' g'standen, die hab'n selber von dö Dienstboten manches über die Herrenleut' in Erfahrung g'bracht, oder umg'kehrt, von dö Herrenleut' über die Dienstboten, so daß sie von manchem vorhinein mehr g'wußt haben, als er im Beichtstuhl angeb'n hat und ihn, zu sein'm Verwundern, zur vollen Wahrheit hab'n vermahnen können. Nun und so geht halt an ein' Weibertag die Neumayerin und 'n Mannertag drauf der Neumayer. Gut. Da zur selben Zeit alle teils in einer Verzücktheit, teils in der Zerknirschung h'rumg'rennt sein, hab'n mir's gar nit acht g'habt, daß unsre zwei lustigen Dorfspatzen mit eins kopfhängerisch worden sein. In einer von dö letzten Predigten ist den Leuten anempfohlen worden, ein'm recht verdienstlichen Gebetverein beizutreten. Ich kann mich nimmer entsinnen, wie der Verein geheißen hat, oder wofür und um was gebetet werden sollte, aber Hochwürden kennen ja die Art, jeder, der einsteht, verpflichtet sich für sein Teil, die und die Gebete, Stücker so und so viel auf den Tag, zu beten, und das weiß ich, für den Fall war's die schwere Meng' und vorm Schlafengehn noch eine Litanei dazu. Nun mag wohl einer, der Zeit dafür hat, die nit gott'swohlgefälliger anwenden können, aber einer, dem Gott ein rechtschaffen' Stück Arbeit auferlegt hat, ist doch – mit Euer Hochwürden Vergunst – ein Lapp oder ein Spitzbub', wenn er, anstatt die Arm zu rühren, unserm Herrgotten 's Maul macht.

»Wie d'r wöll'! Die ersten, die beigetreten sein, waren die Neumayerschen; – aber es sind ja ihrer mehr beig'treten und wir hab'n glaubt, die ganze Mission dö wurd' über uns weggehen wie 'n Wetterregen übers Feld, wo sich d'Halm erst sein niederducken, in ein' klein' Randerl drauf allsamt wieder aufrichten und alles is wie ehender z'vor, nur fruchtsamer! Ja, prost Mahlzeit! Wie's nachher zum Aufrichten kommt, bleib'n uns die Neumayerschen lieg'n. Ja!

»Ein Gebetverein hat denen kein Genüg'n than, noch in ein' zweiten und dritten haben sie sich einschreiben lassen; zum Fasching waren s' mit kein' Aug' z' sehn. Dö Aussaat geht vorüber, dö Ernt' kommt nah' und auf der Höh' haben s' drei Felder brach liegen und 's Geld für d' Steuer müssen s' beim Juden aufnehmen.

Wir lachen noch drüber, denken, aus unserm Sack geht's nit und es wär' nur für das eine Mal g'west, denn wenn sie sich den Schaden genauer beschauen, müßt' ihnen ja selber vorm zweiten Mal grausen. Aber es kommt d' nächste Ernt'; dö drei Felder lieg'n so brach wie s' im vorigen Jahr g'legen sein und auf du andern steht alles so schütter, als hätten d'Mäus' Musterung g'halten. Es muß wieder Geld aufg'nommen werd'n, dösmal is aber der Mauschel so schlau und laßt 's Dargeliehene grundbücherlich vormerken und so hab'n dö mit einmal 'n Juden auf 'm Dach sitzen.

Dös is uns doch nahgangen und die Leuteln hab'n uns erbarmt, denn g'wöhnlich dauert's nit lang, so kriecht so a Jud durch die Schindeln, is er nur erst auf 'm Boden, dann kommt er auch über die Treppen und z'letzt in die Stub'n und wirft d'Leut' h'naus. No, drum hat's allgemein g'heißen, ich sollt' zu dö Neumayerschen hingehn und sollt' ihnen a wengerl Vernunft einreden.

Ich geh' also hin. Auf 'm Hof war nix Lebendigs z'sehn als der Kettenhund, der aber ledig herumg'rennt is, mich hat das Vieh kennt, hat mer drum nix anwollen, war aber so herunter, daß's wohl um ein Stückl Brot 'm letzten Vagabunden zugangen wär'. Ich will a wenig näher zuschau'n, geh' nach der Stallthür und probier' dran: is dö von innen zu und ein Weibsbild thut ein' Schrei und a Mannstimm' bellt hinterher: ›Sö sein in der Stub'n!‹ Ah mein, denk' ich, was s' auf dem Hof für a heimliche Viehzucht betreib'n, weil sie sich gar dazu einriegeln!

Ich geh' also nach der Stub'n, thu' die Thür auf, da summt's und brummt's drein, sitzen do zwei da mit Rosenkränz' in die Händ' und beten, was 's Zeug hält. Wer die Leut' von früher kennt hat, hat sich erst auf sie besinnen müssen. Die Neumayerin hat gern g'fallen, er hat auch auf sich was g'halten, nie hat eins von dö ein unsaubern Faden auf 'm Leib oder ein verwirrt' Haar auf 'm Kopf g'litten. Jetzt sein ihr die Haar in Strähn' übers ungewaschene G'sicht g'hängt und was sie für Schlumpelwerk an ihr hat h'rumschlottern g'habt, weiß's nit; Weißzeug war's keins. Nit braver war er zum Anschau'n, über die Haar hat er a Zipfelmützen zog'n und ein Leibel hat er ang'habt, d'Mützen war amal weiß, 's,Leibel blau, jetzt is dös ein – Farb' g'west.

Also sag' ich: ›Gelobt sei Jesus Christus!‹

›Müßt's warten,‹ sagte sie.

›In Ewigkeit,‹ sagt er.

›No,‹ sag' ich, ›dös möcht' mer doch a weng z' lang dauern.‹

›Amen,‹ sagen s' allzwei, wie s' wieder mit ein' G'setzel fertig war'n und: ›Was wöllt's denn, Bur'meister?‹

›No nix weiter,‹ – sag' ich, – ,reden will ich mit euch, man sieht euch ja nindascht, so muß mer euch ins Haus kommen. Was is's denn, werd'n mer nächsten Fasching wieder lustig sein?'

Die Bäuerin macht a z'widers Gesicht und er sagt: ›Ei mein, dö Dummheiten hab'n bei uns für alle Zeiten verthan!‹

›Was nit gar,‹ sag' ich, ›so alt seid's noch nit, um nix mehr mitz'machen und wann's meint's, daß mer dös, was ös jetzt angebts für G'scheitheiten halt', do seid's auf ein' irrigen Glauben. Schaut's doch nur selber, wo dös hinführt. Drei Felder liegen euch brach.‹

›Ja, dö liegen brach,‹ sagt er.

›Die andern stehn nit b'sonders,‹ sag' ich.

›Schlecht g'nug,‹ sagt er.

›Und der Jud is aufs Haus ang'schrieb'n,‹ sag' ich.

›Ja, der is ang'schrieb'n,‹ sagt er.

›Leuteln, Leuteln,‹ sag' ich, ›halbete Bettler seid's schon, wie weit habt's denn noch zu ganze?‹

›Wie Gotts Will is,‹ sagt die Neumayenn, ›er hat uns die Prüfung auferlegt, er wird schon sorgen für uns.‹

›Ja,‹ sagt der Neumaner, ›kleid't er doch die Lilien auf dem Felde und nährt die Raben in den Lüften.‹

Hochwürden, da is mir der Geduldsfaden g'rissen. ›Oes himmelsakermentischen Tagdieb,‹ schrei ich, ›warum g'wand't denn Gott die Lilien auf dem Feld, als weil sie sich von anderer Seit' kein G'wand schaffen können?! Warum nährt er denn die Raben in den Lüften, als weil s' nindascht anders wohin zu Tisch gehn können?! Dem Menschen aber hat er die Arbeit gegeb'n und auf die legt er seinen Segen. Wo legt er 'n denn hin bei euch, ös nixthuerische Faulpelz'? Da mußt er 'n freilich im Sack b'halten. Legts ös lieber die – der Herrgott verzeih mer d'Sünd' – die Rosenkränz' weg und nehmts dafür d'Pflugschar, d'Sensen, 'n Rechen in die Hand, tracht's überhaupt wieder 'n andern Menschen gleichz'schau'n, dös wird weit gottwohlg'fälliger sein als euere fromme Schmutzfinken-Wirtschaft da!‹

Nun hätten S' die Bäuerin sehn soll'n, Hochwürden, zwischen dö Haarsträhn' durch hat s' mich mit ihren Augen angeblinzt, dagegen hat ein Drach' ein treuherziges Geschau, die Arm' hat s' in die Seiten gestemmt und mit dö Fuß hat s' aufgestrampft, einmal mit dem ein' und 's andere Mal mit dem andern und wann s' danach aufg'legt war, gleich mit alle zwei.

›Du Lumpenkerl von ein'm Bur'meister,‹ belfert s', ›hat sich 's Ort kein G'scheiter'n g'wußt als dich? Bur'meister willst sein? 's Teufels Av'kat bist! Fromme Leut' willst du abreden von ihrer Andacht und Bußfertigkeit? Zur Weltlust und Eitelkeit willst du s' verlocken? Jetzt mach fort – jetzt schau nur, –‹

Damit war'n mer auch schon in der Kuchel, sie allmal mit ein Sprünge! vorwärts auf mich zu und ich mit ein'm hinter mich. Dort langt s' nur gleich a eisernes G'schirr vom Sims. ›Oho,‹ denk' ich, ›zielen gilt, aber werfen nit.‹ Ihr aber war ums Treffen. ›Jesses und Joseph,‹ schreit der Neumayer. Ich duck' mich nur schnell, daß ich ja nit im Weg steh', wann 's eiserne Häfen aus der Thür will, und wie dös drauß' war, hab' ich aber schleunig g'schaut, daß ich wieder auf die Straßen treff'.

Freilich haben s'mer zug'red't, ich sollt's noch amal versuchen. Einmal war' keinmal. Aber ich hab' g'sagt, von so was hätt' ich mit einmal just vollauf g'nug und ich wollt' nit, daß etwa der Neumayerin ihr eisern's G'schirr an mir Schaden nahm'. Aber mit 'm Pfarrer wurd' ich reden. – Dös hab' ich auch gethan, doch der hat die Achsel g'schupft, g'meint, er könnt sich da nit einmengen; wenn uns recht mär', so machet er dem Konsistori die Anzeig' davon und vielleicht möcht' mer uns a andere Mission zuschicken, dö da dazuschau'n könnt', wie dös wieder aufgleich z' bringen war'.

Danach hab'n wir aber kein Verlangen g'habt, weil ... No, mit Euer Hochwürden Vergunst, nach all dem Vorherigen is es uns halt doch a bissel zu riskant vorkommen und so is's mit dö Neumayerschen beim alten 'blieben, heißt, von uns aus, von sö aus leider nit. Dö sein von Jahr zu Jahr lässiger worden und von Jahr zu Jahr verschuld'ter. Jetzt will aber der Jud' nicht länger warten, er droht schon, daß er 's Anwesen unter 'n Hammer bringt! wir können's keiner kaufen, weiß der Himmel, wer drauf z'sitzen kommt! Mit 'm guten Willen der Neumayerschen schneid't 'm Müller sein' Schleusen und a eingleisig' Fahrstraßel der G'meind' den Grund, will's der Ersteher nit leiden, so sperrt er dem Müller 's Wasser und uns 'n Weg. Du lieber Gott, was gibt's dann für Quälereien, Kosten, Streitigkeiten, vielleicht gar Prozessen und obendrein müssen mer dann dö zwei Unglücksmenschen, weil s' fertige Bettelleut' sein, auch noch versorgen. Ob mer 's von Zeit auf Zeit, Haus um Haus, einer dem andern als Einleger zuschieben oder anders für ihr'n Unterhalt aufkommen, is ein Teufel. Ja, 's is a schöne G'schicht, Hochwürden! Muß nur um Verzeihung bitten, daß ich mich so lang dabei verweilt hab'.« –

»Das war mir eben ganz lieb, Herr Bürgermeister,« sagte der Pfarrer, indem er sich vom Stuhle erhob, »so weiß ich um so besser Bescheid. Sie fragen gar nit, was ich dazu mein'?«

»Ei, du lieber Gott,« seufzte der Bürgermeister. »Ich möcht' mich wohl gern unterstehen, aber ich fürcht' nur, ich hör' etwa wieder was vom Konsistori und –«

Jung-Ehrwürden runzelte leicht die Stirne. »Sorgen S' nicht, ich weiß auf meinen eigenen Füßen zu stehen. Es läuft durchaus nicht meinem Gewissen zuwider, daß ich den Versuch mache, den armen Leuten zu helfen, und so werde ich ihn machen.«

»Vergelt's Gott, Hochwürden, für uns und für dö.«

»Ob mir's aber auch glücken wird, das kann ich nicht wissen und darum bleibt vorderhand alles unter uns, Bürgermeister.«

»'s bleibt, Hochwürden, können sich drauf verlassen.«

»Vor allem aber, sonst ist's blind geschossen, muß der Jud' bewogen werden, daß er noch eine Weile zuwartet. Wenn S' ihn zu Gesicht kriegen, Bürgermeister, bitten Sie ihn her zu mir.«

»Schick' ihn schon.«

»Schön; nun b'hüt Gott, Herr Bürgermeister.«

»Küss d'Hand, Hochwürden.«

Als er das Pfarrhofthor hinter sich schloß, sagte der lange Bürgermeister still bei sich: »Das is halt doch ein anderer als der frühere, der hat stund'lang zug'hört und nachher is er ein'm mit der Pfeifenspitz' über die Westenknüpf' g'fahr'n – trrr – ›Ja, da kann ich mich nicht einmengen.‹ Fertig war'n mer – ›und jetzt geh, Hanns-Kaspar!‹ Der jetzige faßt doch zu und gleich beim richtigen End' faßt er an.«

Er war voll Vertrauen, der Herr Bürgermeister, und es kam ihm hart genug an, daß vorderhand alles – unter uns bleibt.


Ein paar Tage darauf stand in der nämlichen Pfarrstube vor dem geistlichen Herrn ein kleines Männlein in ziemlich schäbigem Kaftan, und die zwei langen Locken, die es beidseitig an den Schläfen trug, waren fast weiß.

»Ein' unterthänigen Diener, Euer Gnaden! Weil mer der Herr Bürgermeister gesagt hat: ›Aron, du sollst gehen zum Herrn Pfarrer,‹ bin ich gekommen. Was werden Sie haben zu befehlen?«

Er sagte das anscheinend sehr unterwürfig, aber es war ihm anzumerken, daß er gerade nicht gewillt war, sich viel befehlen zu lassen.

»Schön, daß Sie gekommen sind,« sagte der Pfarrer. »Setzen Sie sich, Herr Aron – Aron?«

»Wolf, zu dienen.«

»Also, nehmen S' Platz, Herr Wolf.«

»Danke. Gnaden, geistlicher Herr, werden denken, was for ä gefährlicher Nam', Wolf, grad as Löw', was ach öfter vorkommt bei unsere Leut'. Ja, mer sein von de reißenden Jüden. Andere sein von de Vegetation, Rosenzweig und Veigelstock, – lauter Zierpflanzen – und wieder ein' aus 'm Mineralreich, Saphir, Rubinstein, Brilliant, – as Se können merken, – lauter Edelsteiner! Doch was schwätz' ich, – womit kann ich dienen?«

»Sie haben den Neumayerschen Eheleuten Geld geliehen?«

»Ich hab' ihnen geliehen.«

»Die haben aber nicht zurückgezahlt.«

»Kein' Groschen vom Kapital. Und von de Zinsen hab' ich nix die Hälfte zu sehen gekriegt.«

»So hat sich das die Jahre her aufgesummt und Sie haben sich's an das Gut schreiben lassen.«

»Hab' es anschreiben lassen. Sicher ist sicher. Was wollt' ich machen? Verschenk' ich mein Geld? Nein, ich verleih' es, also verlang ich's zurück nach die Zeit und mittlerweil' muß ich leben von de Zinsen. Wie ich hab' gemacht das erste Geschäft mit dem Neumayer und er kommt zu lehnen Geld af a Jahr, weiß Gott, nur lebens- und sterbenshalber hab' ich mir geben lassen ä Geschrift, denn for's Dreifache und Vierfache is mer der Mann damals gut gewesen. Hätt' ich gewußt, was er sich hat geändert, hätt' ich gefunden zu sitzen die zwei Leut' taglang in die Händ' mit die Dingers –« »Rosenkränze,« half der Pfarrer ein.

»Mit de Rosenkränz', – aus meiner Tasche hätten se nix ein' Heller zu sehen gekriegt; gäb' ach kein' von meine Glaubensgenossen ä Pfennig, was alleweil sitzen möcht' mit 'm Gebetriemen. Kommt über den Menschen ä grausam Elend oder ä graußmächtige Freud', dann ringt er die ledigen Hand' ineinander und hebt se auf zum Himmel, was braucht er ä Werkzeug zwischen de Finger? Meint er, er könn' unserm Herrgott damit zu Leib gehen? 's Gebet ist kein' Maschin'arbeit.«

»Wir kommen ab.«

»Entschuldigen S', Würden, geistlicher Herr! Alte Leute schwätzen gern.«

»Es heißt, Sie wollen nun Ihre Forderung einklagen und das Neumayersche Gut unter den Hammer bringen?«

»Mein', was will ich groß? Mein Geld will ich, was drein steckt in dem Gut, kann es nur herausschlagen der Hammer, nu, so muß es unter den Hammer.«

»Lassen Sie darüber mit sich reden, lieber Herr Wolf.«

»Reden Se, geistlicher Herr. Warum soll ich nix reden lassen mit mir?«

»Sie kennen ja die Verhältnisse der Landleute hier in der Umgegend. Keiner kann Sie überbieten. Das Anwesen wird Ihnen zufallen, aber der Handel wird böses Blut machen. Es wird heißen, Sie hätten die Neumayerschen an den Bettelstab gebracht.«

»Mein', wird es so heißen, muß ich se reden lassen, de Leut'. An den Bettelstab wären die Neumayerschen gekommen und wenn nie kein Aron Wolf gewesen wär'! Möcht' ich noch weiter ruhig zuwarten, mach' ich's denen nix besser und mir nur schlechter. Geb' ich kein Geld mehr – und ich geb' keins, – werd ä anderer sich finden, der gibt und wir sind dann zwei Gläubiger. Bringen mer se in Kumpanie an' Bettelstab.«

»Liegt Ihnen denn was an dem Anwesen?«

»An dem Anwesen? Wahrhaftiger Gott, nix liegt mer dran. Mein Geld will ich heraus und ich weiß recht gut, was es mich werd' kosten for Müh' und Sorg' und Quälerei, bis ich bring' de R'alität an' Mann. Was werd' ich alles schlagen müssen zu de Kosten? Wohl ach ä Posten, was mich entschädigt dafür, daß af mindest' ä drei Vierteljahr sich jeder Bauer werd' ferchten, mit mir zu machen ä Geschäft. Schlimm, wenn se nix mehr von mir nehmen, aber ich muß noch haben ä Angst, daß ich von se krieg', worüber sich keiner a Quittung verlangt.«

»Nun, so arg wird's doch nit werden.«

»Ei waih, geistlicher Herr, Se kennen de Leut' noch nix so genau, wie ich se kenn', de sein von de ärgste Raufteufels da in der Gegend. Se schlagen zu auf ein', was sich wehrt, solang' der sich rührt und af ein', was sich nix wehrt, solang' se sich rühren können.«

»Sie kennen alle die Unannehmlichkeiten und Gefahren, denen Sie sich aussetzen, wenn Sie Ihr Vorhaben ausführen und bleiben darauf bestehen? Haben Sie denn etwas gegen die Neumayerschen Leut'?«

»Halten Se mich for kein' Grausamkeit. Was soll ich haben gegen die? Lassen Se mich offen reden, mer sein alle Menschen, Gnaden, geistlicher Herr, werden sich nix davon ausschließen. Hätt' ich ein' Haß, war' möglich, daß ich fall' in Versuchung, zu ruinieren ein' Feind, es is das ein Vergnügen wie ä anderes und könnt' sein, daß ich mer's möcht' was kosten lassen. Gegen de Leut aber bringt's mer kein' Vorteil und macht mer kein' Vergnügen. De Neumayers – soll'n se hundert Jahr' leben und gesund sein, – von mir aus könnten se ach so lang af ihrem Anwesen sitzen. Ich hab' kein' Feindschaft gegen sie, aber a Vorlieb' for sie darf mer ach nit von mir verlangen, darf ach nix verlangen, daß ich soll warten ohne ä Aussicht.«

»Wenn sie aber wieder zum Arbeiten anheben möchten?«

»Wenn se das möchten, war' ja keiner froher wie ich! Dann wart' ich zu, weil es hat Verstand, weil es hat mehr Verstand, als ich lass exekutier'». Und billig möcht' ich's ihnen ach machen.«

»Nun also, da sind wir ja, wo wir sein wollen und sollen. Herr Wolf, ich werde Ihnen etwas sagen, aber im Vertrauen.«

»Würden, geistlicher Herr, reden von ein' Geschäft zu ein' Geschäftsmann, ich werd' nichts weiter schwätzen.«

»Ich will es versuchen, die Leute zu bewegen, daß sie sich wieder zur Arbeit anschicken. Ich weiß nun freilich nicht, ob es mir glückt oder fehlschlägt; aber bis das entschieden ist, möchte ich Sie bitten, mir zuzuwarten.«

»Soll mich Gott strafen, Würden, geistlicher Herr, rein meschügge müßt' ich sein, wenn ich Ihnen möcht' machen durch soi ä schöne Rechnung a Strich.«

»Danke.«

»Kein' Ursach', das is von meiner Seite for de gütige Intervenierung in de Sach'. Gott geb', daß sie nähm' ä solchen Ausgang, wie ihr zu geben wünscht der geistliche Herr.«

»Wir wollen's hoffen. Gott befohlen, Herr Wolf.«

»Ein' unterthänigen Diener, Euer Gnaden.«

Diesmal war der Pfarrer voll Vertrauen, wie vor ein paar Tagen der Herr Bürgermeister, nur hatte er es besser wie dieser, der niemand mit hineinziehen durfte, weil es »unter uns« war. Der Pfarrer konnte es dem Bürgermeister sagen, daß sich der Aron zum Zuwarten verstehe und der Lange konnte sich während der Mitteilung, wie eine Pagode, vor lauter freundlichem Kopfnicken gar nicht beruhigen; dann sagte er zu sich mit großer Genugtuung: »Sag' ich's nit? Der versteht's!«

Ja, wem sagte er's denn auch?

Nur Geduld, es kann ja nicht ewig unter uns bleiben. Wieder nach ein paar Tagen war es, da wurden die Neumayerschen Eheleute, die zum Pfarrer beschieden waren, von diesem sehr freundlich empfangen, er drückte beiden die Hände, mit welchen sie nach der seinen langten, um sie zu küssen.

»Setzt euch, Leuteln, setzt euch,« sagte er. »Werdet müde sein.«

»Halt ja, halt ja,« sagten sie.

Es war so die Jahre her ihre Art geworden, daß sie sich erst müde saßen und dann wieder durch Sitzen erholten.

»Ich hab' das Beste über eueren Gebeteifer gehört,« sagte der Pfarrer, »und es freut mich, so rechtschaffen Fromme in der Gemeinde zu finden.«

»Ja, ja,« sagten beide. Bescheiden waren sie just nicht.

»No, weil's Hochwürden, Herr Pfarrer, nur selber sagen,« meinte die Neumayerin, »da bin ich froh. Förmlich übel hat ein'm dös dumme Volk die Andächtigkeit g'nommen. Der Bürgermeister selber hat gar dagegen aufbegehren wollen; dem hab' ich's aber g'wiesen.«

»Ich hör', Ihr hättet ihm ein eisernes Kochgeschirr nachgeworfen.«

Die Bäuerin wurde rot und der Bauer zog ihr ein sehr bedenkliches Gesicht.

»Nun, nun,« begütigte der Pfarrer. »Auch der Gerechte fällt siebenmal des Tags, nur muß er dabei seinen Nebenmenschen nicht zu hart mitnehmen wollen, eine hölzerne Schüssel hätt's damal auch gethan.«

Nun erkundigte er sich eingehend nach all den Gebetverpflichtungen, welche die beiden Leute auf sich genommen hatten, und da sah er wohl, daß sie dachten, die Menge müsse es machen, daß dabei von wahrer Frömmigkeit keine Rede war, sondern alles auf eine gewisse Maulfertigkeit ankam.

»Ist recht, ist rechtschaffen recht,« sagte der Pfarrer, nachdem er von allem unterrichtet war, was er wissen wollte. »Ich seh', das fördert schon, damit geht's vorwärts. Wären nur nit heuttags so gottlose Zeiten ...«

»Ja, die wären, leider Gottes,« sagten die beiden.

»Dann gäb' das schon ein gutes Beispiel,« fuhr der Pfarrer fort. »Aber so eifert euch ja keiner nach, die Leute reden sich aus, sie kämen darüber mit der Arbeit nit zurecht.«

Die Neumayerschen lächelten mitleidig.

»Aber wenn ihr mir beistehen möchtet –«

Das wollten sie und gern auch noch.

»So könnt' ich's ihnen wohl anders weisen. Man kann ja auch unter der Arbeit beten.«

»So? So? Ja, ja.«

»Ihr arbeitet doch, Leuteln, will ich hoffen?«

Da sahen sich die beiden Frommen erst eine kleine Weil' fragweis an, dann sagte die Bäuerin: »Ei freilich. Wohl, wohl, das thun wir schon, soweit dadurch der Andacht kein Abbruch geschieht.«

»Schön,« sagte der Pfarrer, »so ist es recht! Der Andacht kein Abbruch durch die Arbeit und der Arbeit kein Abbruch durch die Andacht. Damit bin ich ganz einverstanden. Ihr habt zwar kein klein Teil Gebet auf euch genommen und dazu schafft euch euer Anwesen ein gut Stückl Arbeit, das weiß ich, aber das paßt mir eben. Ihr müßt mir halt den Gefallen thun und müßt unterweilen der Arbeit beten oder unterweilen dem Gebet arbeiten, wie ihr's damit halten wollt, dann könnt ihr mir doch ganz genau Bescheid sagen, wieweit einer mit beiden zurecht kommt und für die andern gibt's dann weiter keine Ausred'; ich kann den lässigen Rackern sagen, schaut nur die Neumayerschen an, die beten doch ihr schön Teil tagüber, aber unter so und so viel Vaterunser und Ave-Maria ackern die ein Feld um, unter so und so viel mäh'n s' eine Wiese, unter so und so viel stecken s' Ruben. Nit? Dagegen kann doch keiner aufkommen?«

Das meinten die Neumayerschen wohl selber und der Pfarrer sagte, er würde es ihnen nie genug danken können, wenn sie ihm helfen möchten, in der Weis' die Unfrommen in die Ecke zu treiben, denn so wäre am besten Hühner fangen, sie sollten nur von Stund' ab beginnen, unterm Beten zu arbeiten.

Darauf gingen die beiden inmitten der Straße mit breiten Schritten, wie welsche Hahnen, durch das Dorf, denn sie sahen sich schon als leuchtende Beispiele.

Acht Tage später ging der Pfarrer über Feld, stand eine Weile bei den Neumanerschen Gründen still und sah den beiden Frommen arbeiten zu. Plötzlich begann er den Kopf zu schütteln, zog die Achsel in die Höhe, wandte sich ab und ging schnell hinweg.

»Was er nur haben mag, der Pfarrer?« sagte die Bäuerin. »Müssen morgen doch gleich hinschau'n, was er hat.«

So sahen sie denn hin, diesmal aber war der Empfang durchaus nicht aufmunternd. Als sie sich nähern wollten, winkte ihnen der geistliche Herr zu, an Ort und Stelle zu bleiben, wo sie standen und als sie, dadurch ganz verblüfft, stotternd die Frage vorbrachten, was ihn gestern so in Eile vom Felde getrieben, da sprang er vom Sitz in die Höhe, rannte die Stube auf und nieder und faßte sich zeitweilig mit beiden Händen nach dem Kopfe.

»Warum ich's nicht länger mit ansehen konnte?« rief er. »Weil's so nicht geht, weil das nicht fleckt! Das war' mir ein Beispiel, daß Gott erbarm'! Was z' gut thun wollt' ich mir auf euch, groß wollt' ich mit euch thun, ja, prost Mahlzeit, nit mit dem Finger darf ich nach euch weisen! Merkt ihr's denn nit, verblend'te Leut? Wie ihr die Sach' anfaßt, jagt ihr mir ja noch das Restel Frommheit von der Pfarr'!«

»Jesses, 's wird doch nit sein?« schrie die Bäuerin.

»Ja, wie denn doch auch nur, Hochwürden?« stammelte der Bauer.

»Liebe Leuteln,« sagte der Pfarrer um vieles ruhiger, »thut mir doch das nit an, bei dem schweren Stand, den ich ohnehin hab', daß ihr, anstatt mich zu fördern, mich obendrein noch behindert. Heißt ihr denn das, was ihr auf dem Felde treibt, was wirken? Kann ich denn – wie meine Absicht war – sagen: ›Schaut die Neumayerschen an, die beten mehr als euer einer und kommen doch mit aller Arbeit zurecht?‹ Nit mucken darf ich, denn jeder gebetfaule Matz möcht'mir sagen: ›Die Neumayerschen Felder stehen aber auch danach, daß man merkt, denen Leuten geht 's Gebet von der Hand und die Arbeit vom Maul!‹ Und auf die Letzt macht mir gar noch der Niedergang eurer Wirtschaft ganz Altfeldsdorf gebetscheu, drum thut mir den Gefallen und kehrt den Rechen um, laßt 's Arbeiten unterm Beten sein und betet lieber unterm Arbeiten, aber seht dazu, daß was vom Fleck geht.«

»Aber, Hochwürden,« bemerkte kleinlaut die Bäuerin, »da kommen mir nit auf die vorgeschriebene Zahl.«

»Da bleiben Gebete im Rückstand,« sagte der Bauer.

»Was tagüber Rest bleibt, könnt ihr ja vorm Schlafengehen in ein'm Stück weg vornehmen,« meinte der Pfarrer.

»Das schon, das schon,« sagten die Neumayerschen und sie möchten's wohl versuchen, denn sie möchten um alles in der Welt nit, daß der geistliche Herr ihretwegen Sorg' oder Ung'legenheit hätt'. Damit gingen sie.

Eine Zeit danach machte der Pfarrer wieder einen Gang über Feld und da er dabei – ganz zufällig – auf einen Steig geriet, der die Neumayerschen Aecker durchschnitt, so konnte er an selben unmöglich wie blind vorüber und mußte doch ein wenig zusehen, wie die Sache stand.

Die Neumayerschen blickten von der Arbeit auf und grüßten.

Der Pfarrer dankte sehr freundlich. »Ah,« sagte er, »ich hab's ja gewußt, ihr seid meine Leute und auf euch kann ich mich verlassen. Jetzt lass' ich mir's gefallen, wenn das alles da in Halm und Kraut geschossen sein wird, dann sticht doch der reine Gottessegen den Spottvögeln in die Augen und ich kann jedem übers Maul fahren und sagen: ›Schaut die Neumayer, die haben kein Halmerl weniger wie ihr auf den Gründen, aber wieviel Gebete mehr im Himmel!‹«

»Ach Gott, Hochwürden, Herr Pfarrer,« seufzte die Neumayerin.

»Ja,« sagte der Neumayer, »mein Weib ängstigt sich eh' schon in ihr'm Gewissen. Freilich, freilich, das Arbeiten thät's jetzt schon, dö Felder stehen schön, so schön, daß mir die Brachen dort auf der Anhöh' völlig leid thut; heuer richt' ich nix mehr, aber 's nächste Jahr soll mer der Pflug drüber. Ja, ja, nit wahr, hochwürdiger Herr, selb war' alles schon recht? Aber, aber, ›'s andere End' kommt nach‹ hat der Dieb g'sagt, wie ihn der Schandarm am Strickl g'führt hat. Dö erste Zeit da hab'n wir rechtschaffenerweis' nachthinein das Tagrestel von den Gebeten nachg'holt, dann aber sein mir vor Müdigkeit allmal drunter eing'schlafen und auf die Letzt hab' ich in der Freud' drüber, daß mer so alles recht von der Hand geht, auch unter tags aufs Beten vergessen. Jetzt hat sich das aufg'summt, mir d'erbetens unser Lebtag nit und wenn mer hundert' Jahr alt werden!«

Der Herr Pfarrer schüttelte den Kopf wie einer, dem ganz unvorgesehen was über die Quere kommt. »Ei, schau, schau, da wären wir ja mit einmal in einer Sackgasse, daß ich nit daran gedacht hab'! Ja, liebe Leuteln, zurückgehen können mir nimmer, das war' ein Jammer und ein Schade, ein Jammer und ein Schade für die lieben Felder und für das gute Beispiel, mit dem ihr eben angehoben habt und obendrein brächt' euch die Umkehr keinen Nutzen, denn wenn ihr gleich an der Stell' die Werkzeuge aus der Hand legtet und alle eure Felder verbrachen ließet, was möcht's helfen? Mit dem, wozu euch jeder Tag verpflicht't und dem Gebetrückstand dazu kämt ihr doch nimmermehr aufgleich. Zwar mir möcht' das nichts verschlagen, denn wenn ihr – ganz ohne Verpflichtung – nur so recht fleißig beten möchtet, so gäbet ihr schon das gute Beispiel, an dem mir liegt. Ich hätt' euch halt auch gleich sagen sollen, ein Gebetverein ist eben ein Verein wie ein anderer und eingetreten ist nicht angeheiratet und kann jeder wieder austreten, wenn er es für dienlich erachtet. Ihr hättet euch dann danach richten können, aber wie die Sache jetzt steht, seh' ich wohl ein, mit dem Gewissen muß es vorerst ins reine und da denk' ich, so oft halt so ein Fall eintritt, ihr laßt eine heilige Mess lesen, einsteils als Danksagung für den Segen, den Gott eurer Wirtschaft schenkt und andernteils in der guten Meinung, dadurch eurer Andacht gerecht zu werden. Nun, ich hoff', das kommt doch dafür auf!«

Ah wohl, eine heilige Mess kam schon dafür auf, das thäten sie selbst meinen, die Neumayerischen.

»Nun seht, dann kommt nur fleißig, die Kirche will ja auch ihr Teil. B'hüt Gott, Leuteln!«

»Wir küssen d'Hand, Hochwürden.«

Und als ihnen der Pfarrer ein gut Stück aus den Augen war, da sagte der Bauer zur Bäuerin: »Du' Mutter, der Hochmürdige, das ist aber a Feiner!«

»Na ob«, sagte die Bäuerin.

»Schön hat er uns d'rankriegt, das muß wahr sein; jetzt können wir frei nit anders, als wie er meint.«

»Ja,« sagte die Neumayerin, »es schaut völlig so aus. Aber mir bleib'n halt doch 's auserlesene Beispiel fürs Ort, das hat er g'sagt.«

»Freilich, das hat er g'sagt, er hat aber auch g'sagt, mir sollten nur ja fleißig kommen, daß d'Kirch' ihr Teil kriegt.«

»No, selb' müßt' mer ihr halt auch geb'n, Vater.«

»Aber es is ja nit alleinig von dasmal die Red' und wie ein öften kann sich's schicken, daß mir mit die Gebete im Rückstand bleiben? Wenn mer dann jed'mal rennen sollten und 'ne Mess' lesen lassen, das reißt ins Geld, Mutter.«

»Ei mein, freilich reißt dös ins Geld. Dös muß ich schon sag'n – seiner heiligen Weih' unbeschad't, – er kommt mir frei völlig wie ein Hallodri vor.«

Der Neumayer kniff die Augen zusammen und zog die Mundwinkel ein klein wenig empor. »Hast auch recht aufg'merkt bei seine Reden?«

»Ah wohl, ja, ja.«

»Dann gib acht, wie mer 'n fangen! Hat er nit g'sagt, a Gebetverein wär' a Verein wie ein anderer, angeheirat't wär' mer nit und es könnt' jeder austreten, wann's ihm taugt?«

»Das hat er g'sagt.«

»Na, so treten wir halt aus.«

»Aber, Vater.«

»Mach kein Wesen! Was hat er denn selber g'sagt? Deßtwegen bleiben mer doch 's leuchtende Beispiel fürs Ort.«

»Ah wohl, das thät'n mer wohl bleiben.«

»Na also! Wir treten aus. Da richten mir's billiger. Ganz umsonst hab'n mer's. 'n Gebetruckstand teil'n mer uns ein, nehmen 'n schön langsam vor, werd'n ihn schon zwingen. Brauchen kein' Mess' lesen z' lassen. Hehehe! So sieht er kein Kreuzer von uns und wir sein die Schlauern!«

Die beiden Leutchen schlugen vor Vergnügen in die Hände.

Von da an sah man die Neumayerschen wieder wie in ihren besten Zeiten wirtschaften und von einer Feilbietung ihres Anwesens wurde es gar bald ganz stille. Die Altfeldsdorfer freuten sich über diese erwünschte Wendung der Dinge, sich darüber zu verwundern, ließ ihnen der Bürgermeister keine Zeit, denn jetzt war die seine gekommen, wo er es laut werden lassen konnte: »'s Ganze ist 's Pfarrers sein Verdienst. Die Weil' her hat's unter uns bleiben müssen, aber, jetzt, wo alles wohl geraten ist, darf ich schon sagen, was ich gleich von Anfang an gesagt hab': ›Der faßt 'ne Sach' beim richtigen End' an, der versteht's, Leuteln, der versteht's!«

Fragte man ihn aber, wie es denn eigentlich der Pfarrer angefaßt habe, so zog er bedeutsam die Augenbrauen in die Höhe, als wüßte er's wohl, aber das wär' der Punkt, der noch immer »unter uns« zu bleiben hätt'. Da war es nun freilich, als thäte man ihm gebranntes Herzeleid an, wie eines Tages der Neumayer selbst mit der Geschichte herausrückte, wie es der Pfarrer angefaßt hatte, alles haarklein erzählte und sich als den Schlauern rühmte.

Der lange Bürgermeister blickte ratlos um sich, nicht ein Stück der Herde nahm sich des Hirten an, nein, alle blökten ganz respektwidrig auf Kosten desselben. Da kam unverhoffte Hilfe, das ganz schwarze Stück, dem Hobinger sein Knecht, der Mathies, erhob sich, er klopfte dem Neumayer auf die Schulter und sagte: »Laß dir sagen, du warst just so schlau, wie dich der Pfaff hat haben wollen und bist ein g'weisten Weg so schon selbständig g'laufen, wie ein Roß im Göpel. Drum sei fein bescheiden und dös nimm noch zum Vermerk und laß dir's a Lichtstürze übers leuchtende Beispiel sein: es mag einer sein, wie er will, nur darf er's nit übertreiben, ehrlich soll er sein und mein'twegen auch fromm mag er sein, aber zu ehrlich und zu fromm macht andern Leuten Ung'legenheit.«

Die Märchen des Steinklopferhanns.

(1874 – 1875.)

Vom Hanns und der Gretl

Die breite Straße lief eine geraume Weile neben gelben Kornfeldern hin, bis ihr die Augen weh thaten, da war sie recht froh, daß der Tannenwald bis zu ihr hinrückte und sie eine andere Weile im Grünen und im Schatten laufen konnte. Die Felder bogen aber da von der Straße ab und zogen weithin an dem grünen Walde und das Korn sagte zu den Tannen: »Was so ein Wald für ein unnütz' Ding ist, höchstens umgehauen mag er das zu Ende führen, was wir begonnen, mag backen helfen und die Leute wärmen, denen wir Leib und Seel' zusammenhalten.« Die hohen Tannen schüttelten die Köpfe und sagten: »Muß sich einer nie einbilden, er richt's allein auf der Welt; wir stehen hier auf der Wacht, daß nicht der kalte Wind über die Niederung weht und euch verbläst, daß ihr die grünen Halme verfroren auf den Boden sinken laßt, und wir ziehen den Regen herbei, der euch tränkt, und laßt uns einmal ausgehauen sein, dann wächst die weite Niederung hinab nicht halb so viel und der Kies und das Geröll' und die nackte Erde rücken gegen das Dorf, um dem Bauer gute Nacht zu sagen.«

Ob die Bauersleut' manchmal so dachten vom Walde wie das Korn? Heute thaten sie es nicht, sie hatten bis an den Mittag geschnitten, jetzt war's heiß geworden, kaum zu ertragen, nun sollte Rast gehalten werden und da lobten sie sich den Wald, setzten sich in seinen Schatten nieder, aßen und ließen sich's die kleine Weile der Ruhe wohl sein.

Zuweilen saßen auch ein Bursch und eine Dirn' abseits von den andern allein, es ist sonderbar, daß sich das oft trifft, und daß alle Burschen und alle Dirndln sich fast immer das nämliche Zeug vorreden, eines wie das andere, seit unvordenklichen Zeiten und will das Ding nicht anders werden bis heut.

Gegen die Straße zu saßen auch ein Paar so Verliebte, beide nicht mehr gar zu jung, aber recht saubere, stramme Leute.

»Mein Gott,« sagte die Dirn', – wie denn die Weibsleute immer die Sache von der praktischen Seit' anfassen – »mein Gott,« sagte sie, »jetzt gehn wir schon als Knecht und Dirn' sieben Jahr' miteinander, wenn's nur zu was führen möcht', so wär' ja alles gut.«

Darauf sagte der Bursch mit einem schweren Seufzer:

»Freilich wär' dann alles gut, aber daß wir halt so viel arm sein müssen.«

»Mein' alte Bas' nähm' uns prob'weis' als Pfleger auf ihr klein' Anwesen,« sagte die Dirne.

»Prob'weis',« sagte der Bursch und strich sich die Haare aus der Stirn, »prob'weis' freilich wohl,« dabei fischte er mit dem Löffel einen Brocken aus der Schüssel, die er auf seinen Knieen hatte, »glaub's schon, gibst du den Spatzen in der Hand für die Taub'n am Dach? Wenn die Prob' übel ausfällt, so ist alles verfahren. Es hat der Bauer dieweil schon andere Leut', – wir möchten uns nit ein' Dienst auffinden, du möch'st da, weiß der liebe Gott wo, dann ein' Unterkunft finden ...«

Die Dirne langte zitternd den Löffel aus der Schüssel.

»Hast halt recht, daß grad wir so viel arm sein müssen.«

Mittlerweile schallten von der Straße herauf von Zeit zu Zeit einige Hammerschläge.

»Sie schlag'n wieder Steine für die Straß',« sagte die Dirne leise, und sah zur Seite, sie wollte gerne von etwas anderem reden als von ihrer gemeinsamen Not.

»Da ist gewiß auch der Steinklopferhanns nit weit,« meinte der Bursch.

Da sang es unten auf der Straße:

»'s Salz thut ma z'bröseln
Und gibt's in ein Faß,
Und die Berg thut ma z'bröckeln
Und streut's auf die Straß',
So müssen sö alle,
Auch d' vurnehmsten Herrn,
Ob s' wöll'n oder nit wöll'n,
Doch Bergkraxler werd'n;
Dem ein' verreißt's die Stiefeln und
Den andern schupft's in Wagen,
Das schaut sich so viel lustig an
Beim Steinerschlag'n! – Juhe!«

Der Knecht und die Dirne oben im Walde waren aufgestanden.

»Dös is er selber,« lachte der Bursch.

Die Dirne kicherte.

Beide traten in die Lichtung, an der ein schmaler Weg in Mannshöh' über der Straße führte, und sahen hinab. Unten stand der Steinklopferhanns, das war ein lediger Mensch, schon nah' an die Sechzig, er trug einen Filzhut, weiß Gott, wo er den einmal gefunden hatte, für den Regen mochte er gut sein, denn in der Krempe waren viele Löcher, durch die das Wasser sogleich ablaufen konnte, unter dem Hut fiel langes, schon etwas grau gemischtes Haar bis auf die Schultern herab, das hätte ihn, den Hanns nämlich, nicht den Hut, recht ehrwürdig erscheinen lassen können, hätte nicht ein wahres Spitzbubengesicht daraus hervorgeschaut; einen Bart trug er, der war vor nicht gar kurzer Zeit einmal rasiert gewesen und sah sich an wie ein Stoppelfeld; einen gewaltigen Brustfleck hatte er um, – eine Weste mochte ihn zu sehr spannen bei der Arbeit – und geflickte Hosen hatte er und Schuhe nicht von den feinsten. Jetzt fuhr er sich mit dem Hemdärmel übers Gesicht wegen der Hitze, damit machte er's aber nicht besser, denn den Schweiß wischte er wohl weg, den Staub aber strich er sich vom Aermel ins feuchte Gesicht. »Steinklopfer!« riefen die von oben.

Er sah nach den beiden hinauf.

»Haha,« lachte er, »die ewig' Liebsleut', grüß eng Gott!«

»Mußt heut nit deßtweg'n spotten, Steinklopfer,« sagte oben der Bursch, »'s liegt uns grad schwer auf 'm Herzen, daß's so is und mir, wer weiß wie lang, ›d' ewig' Liebesleut‹ sollen heißen müssen, 's is halt nit anderscht, wenn man so viel arm is!«

»No, no,« sagte der Steinklopfer unten auf der Straße und legte den schweren Hammer zur Seite, »thut eng d'Frotzlerei auf einmal weh? Hätt's nit denkt, sollt's schon g'wohnt sein, denk' ich; wollt's nit ,d' ewig' Liebesleut« heißen, macht's a End', thut's eng z'samm', is doch 's Gered', ös sollts als Pfleger auf der Bas' ihr Anwesen kommen.«

»Ja, prob'weis',« brummte oben der Bursch.

»Is amal a Bauer g'west,« sagte der unten auf der Straße, »der hat sich einmal was an die Knöpf' abzählen wollen, hat aber dreihundertfünfundsechzig Westen g'habt und hat von ein' Morgen zum andern g'wart', was die ander' Weste dazu sagt, hat 's ganze Jahr zählt und nichts z'weg'n bracht.«

Der Bursche oben stampfte in den Boden. »Meinst doch nit, ich bin a Letseig'n!«

»Gar nichts mein' ich,« sagte der Steinklopfer, »was vertrittst denn die Grashalm' mit 'n Füßen, die haben dir doch nichts gethan?«

»Geh, Hanns,« sagte die Dirne, »komm 'rauf in Tann! Verzähl' was, Rast is noch a Weil', du arbeit'st ja eh'nder jetzt auch nicht.«

»Dös war' recht,« sagte der Bursch, »verzähl'« kann er so viel schon.«

»No,« sagte der Steinklopfer unten und streckte sich höher, »dös mein' ich wohl selbst, ich mag euch schon was verzähl'n.« Damit ging er ein Stück die Straße hinunter, wo der schmale Weg hinanging, und trat in den Wald zu den »ewigen Liebsleuten«. Dort streckte er sich nieder ins Gras, setzte seine kurze Pfeife in Brand und sagte: »Ich will eng verzählen.«

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