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Kalendergeschichten

Ludwig Anzengruber: Kalendergeschichten - Kapitel 4
Quellenangabe
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typenarrative
authorLudwig Anzengruber
booktitleKalendergeschichten. ? Gedichte und Aphorismen
titleKalendergeschichten
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
seriesLudwig Anzengrubers Gesammelte Werke in zehn Bänden
volumeFünfter Band
printrunDritte durchgesehene Auflage
year1897
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Treff-Aß.

Eine Geschichte.

(1878.)


Gibt es ein Buch des Schicksals, so kann doch gewiß kein sterblich Auge darin lesen.

Wär' alles vorher bestimmt und wüßte der Mensch, was ihm die kommenden Tage bringen, wir könnten allzusammen die Hände in den Schoß legen; wer möchte sich noch herzhaft einem Unheil entgegenstemmen, wenn er weiß, daß es ihm nicht ausbleiben kann? Wer möcht' nach irgend einem Gut ringen, wenn er weiß, daß es ihm versagt bleibt, oder sicher ist, auch wenn er nichts dazu thut? Jedes Unheil wär' verschärft durch die Furcht, die vor ihm einhergeht, wir würden darauf warten wie der Hund auf die Schläge, wenn er den Stock in seines Herrn Hand weiß. Aller Freud' wär' die Freud' verdorben, es fiele uns keine mehr wie aus dem lieben Himmel herunter, noch zögen wir uns eine aus der Erde groß, wir wüßten um beide zuvor, die erste schien uns kein Glück mehr und die zweite nimmer unser Verdienst.

Das dachte auch der Weishofer, als er so langsam die Straße dahin trottete. Er dachte auch weiter und vermeinte bestimmt, daß nichts bestimmt sei, zu was schreie sonst der Mensch in Not und Drangsal nach göttlicher und menschlicher Hilfe auf?! »Wär' alles vorherbestimmt,« dachte er, »so gäb' ich wohl gern zunächst dem vertrackten Steuerausschreiber in der Stadt eine Tüchtige hinters Ohr, glaub' aber nicht, der möcht' sie, als von aller Ewigkeit her ihm bestimmt ruhig einstecken, sondern dafür mich.«

»O, wie das dumm ist, daß die Leut' wollen hinter zukünftige Geschehnis kommen durch Kartenlegen, Bleigießen, Wahrsagen aus der Hand, aus dem Kaffeesatz, aus dem Basilisken-Ei« – er zog den Mund breit zu einem verächtlichen Lachen und spuckte breit aus. »So 'n Vieh gibt's nicht und hat's niemal gegeben, wo sie die Eier davon her haben wollen?!«

»Ei, das verdammte Kartenlegen!« Er seufzte tief auf.

Der Weishofer war ein noch junger Bauer, er war stramm gewachsen, hatte ein nettes Gesicht mit großen dunkelblauen Augen, einer geraden Nase mit etwas vortretenden Nüstern, über den frischen Lippen trug er einen saubern Schnurrbart und etwas Barthaar hatte er auch beiderseits von den Schläfen bis herab zu den Ohrläppchen stehen lassen, das dunkelblonde Kopfhaar war schlicht nach rückwärts gekämmt. Er trug einen hohen Hut von derbem Filz, mit einem breiten Bande, das an der Seite durch eine stählerne Schnalle zusammen gehalten war, einen langen Rock von dunkelbraunem Tuch, eine geblümte Weste mit einem Muster, das keine schreienden Farben zeigte, eine Kniehose und hohe Stiefel; er war ein hübscher Mann, aber heute ließ er sich's nicht anmerken, er ging so schlotterig daher, hatte das Gesicht nachdenklich nach dem Boden gewendet, wie einer, der – nach dem Volksausdruck – den gestrigen Tag sucht, und wer ihn so einherwandeln sah, gab nichts auf ihn.

»Guten Morgen, Weishofer,« sagte einer.

Weishofer sah auf, vor ihm stand ein kleines Männlein, das hätte freilich beginnen können, was es mochte, sich strecken und so stramm ausschreiten wie ein Soldat, die Schönheit würde es doch nie geplagt haben. Es hatte die eine Schulter bedeutend höher und darüber ließ es den ziemlich großen Kopf etwas nach der andern Seite hängen. Unter der Tuchkappe, die es unternehmend auf das linke Ohr gedrückt hatte, fielen etliche lange Haarsträhne herab, die teils weiß, teils fahlgelb aussahen. Unter dem Kappenschirme funkelte eine kreisrunde Hornbrille hervor, hinter deren Gläsern ein paar kleine, graue Augen gar lustig irrlichterten, alles im Gesichte war rundlich und gerötet wie ein gesunder Apfel; der Mann sah, wenn nicht wie gutmütig, so doch wie allfort gut gelaunt aus. Er hatte einen Rock am Leibe, dessen Farbe nicht ganz leicht zu bestimmen war: wahrend vorne über der Brust das Tuch dunkel drappfarben erschien und gegen den Saum hinunter grünlich schillernd verlief, zeigte sich am Rückenteil dieses schillernde Grün oben und die Schöße lagen im drappfarbigen Dunkel. Dafür waren die Beinkleider ausgesprochen staubgrau; daß sie Falten warfen, wo sie nicht sollten, und spannten, wo es nicht gehörig war, das lag nicht an ihnen, das machten die Säbelbeine, die in ihnen staken. Zwei Wanduhren mit hölzernem Gehäuse – von der Gattung, die man »Schwarzwälder« nennt, – hatte er mit einem Stricke zusammengekoppelt, und da wiegte die eine über der hohen Schulter und die andere hing ihm vorne an der Brust herab; an einem Spagatendchen, das durch ein Knopfloch gezogen war, baumelten ein paar Perpendikel und in der linken Hand trug er ein grobleinenes Söckchen, lüpfte von Zeit zu Zeit den Arm, waren wohl Gewichte und Werkzeuge darinnen. Solchergestalt, nämlich in seiner eigenen, stand der Hausierer und wandernde Uhrmacher Hautzner-Michel so breit, als er's mit seinen krummen Beinen vermochte, vor dem Weishofer und verstellte ihm den Weg.

»Guten Morgen, Weishofer,« sagte er.

»Guten Morgen,« sagte der.

»Gehst nach der Kreisstadt?«

»Ja.«

»Kassierst wieder die paar Groschen Zinsen ein vom Krämer am Rathausplatz?«

Weishofer nickte. Der Uhrmacher kniff die Augen zusammen. »Hättest wohl eh' lieber dein Geld ganz heraus?«

»Wohl. Ich kann's ihm aber nicht aus dem Leibe reißen. Kommt mir so vor, als hätt' er bald selber nichts.«

»Was gibst mir, wenn ich dir eine rechtschaffene Neuigkeit sag'?«

»Ei, sag's oder sag's nicht!«

»Gestern war ich beim Krämer auf 'm Rathausplatz. Laß dir sagen, der Alte wär' vor Freud' gern gesprungen wie ein junges Zicklein; hat sich aber dazu angestellt wie eine trächtige Kuh. Eine Erbschaft hat er gemacht. Keiner von all denen, – hat er gesagt – die ihn die harte Zeit über geplagt hätten, soll auch nur einen Groschen früher zu sehen bekommen, als er ihm gebührt; du aber, weil du allweil ein Einsehen gehabt hättest, könnt'st alles heraushaben, gleich morgen, dürfst es nur sagen! Da er das gestern gesagt hat, so denk' ich, heut ist morgen, brauchst also bloß 's Maul aufzuthun.«

»Na, ist recht.«

»Aber, Weishofer, wie kommst mir denn vor? Ist das 'ne Red', ist das ein Aussehn für einen, dem Geld, – wo er schon in der Still' 's Kreuz darüber gemacht hat, wieder ins Haus kommt?«

»Wozu dient's mir jetzt? Vielleicht kommt's mir gerad recht, eine Leich' zu bestreiten.«

»Oho, oho, wer sollt' denn versterben? Du nit!«

»Die Everl.«

»Dein Weib? Ei, so lüg und erstick daran. Wann hab' ich sie denn noch gesehn, so frisch und kerngesund und kugelrund wie allweil?«

»Schau s' dir jetzt an!« Der Weishofer schob den Hut zur Seite, indem er sich mit der flachen Hand über die Stirne strich. »Ja, Hautzner-Michel, seit Sylvester schreibt sich das her! Die himmelherrgottssakramentischen Weibsleut' mit ihren verhöllten Dummheiten! Kartenaufschlagen haben s' müssen, aus Spaß, natürlich nur aus Spaß, wie sie gesagt haben, und da ist der meinen das Treff-Aß gefallen und das bedeut' 'n Tod, so ist ihr's ausgelegt worden. Da hat sie ein langes Gesicht gemacht, daß sie mit ihr'm Kinn bald bis auf die Tischplatte gereicht hätt'. Es ist halt doch eine Sünd', – hat sie gesagt – Spaß hab' ich treiben wollen und unser Herrgott zeigt mir ein' Ernst! Seither bild't sie sich ein, sie macht's kein Jahr mehr mit. Wär's nit so traurig, frei völlig lachen könnt' mer drüber, wie sie sich alle Mühe gibt, die Prophezei' wahr zu machen. Abmagern thut s' mir von Tag zu Tag. Ausreden laßt sie sich's nit, manch geschlagene Stund' bin ich schon neben ihr gesessen, hab' ihr zugered't, sie horcht fein auf, gibt mir in allem recht und wenn wir uns vom Sitz heben, so ist ihr letzt's Wort, wie 's erste war, sie müßt' doch sterben! In meiner Angst hab' ich mir einen Doktor aus der Stadt g'rufen, der hat den Kopf beutelt und g'sagt: ›Die Frau ist gemütskrank!‹ Ich hab ihm drauf die ganze G'schicht' verzählt. ›Hm, hm,‹ hat er brummelt, hat seine Dose hervorgezogen, klappt s' auf, nimmt eine Prise, schnupft, druckt den Deckel langsam wieder zu. ›Ja,‹ sagt er, ›die wird wohl an ihrer Dummheit sterben!‹ – ›Dank für die Auskunft, Herr Doktor,‹ hab' ich gesagt, ›mir geschäh' aber auch um meine dumme Everl hart.‹« Der Weishofer fuhr sich mit dem Aermel über die Augen. »Es geht ein so viel scharfer Wind über die Felder.«

Der kleine Uhrmacher schüttelte sehr bedenklich den großen Kopf, so daß darüber die Tuchkappe vom linken Ohr auf das rechte fiel. »Wär' mir selber leid um das Weiberl!«

»Ich sag' dir,« schrie der junge Bauer, indem er die Hände bis zum Kopf emporhob, »sie ist schon so gut wie tot! In der Weis' kann sie's nit lang mehr machen. Es hilft kein Reden und es find't sich kein Rat, – o du blutiger Heiland.! – Da muß s' ja hin werden!«

Der Hautzner-Michel hatte mittlerweile sehr aufmerksam seine Stiefel betrachtet, jetzt hob er den Kopf, sah den Weishofer eine Weile an, dann sagte er: »Weißt, voreh' will doch ich mir die Sach' ein bissel anschauen.«

»Vergelt dir's Gott, Hautzner-Michel! Da eil dich nur. Du bist ja all deine Zeit ein findiger Kopf gewesen. Jesus! Ich wüßt' nit, was ich dir zulieb thät' ...«

»Langsam, langsam, Weishofer! Wir haben noch nit ein' Fuß vor den andern gesetzt und das wär' erst ein Schritt! Versprechen kann ich nichts!«

»Denk' mir's, ist ein schweres Stück! Wie willst es denn eigentlich anfangen?«

»Weißt, wenn ich was reparieren soll, da muß ich 's Werk vor mir haben. Na, gehn wir jetzt unsre Weg. Behüt dich Gott; hoff ein wenig, aber trau nit zu viel. Im übrigen kannst dich verlassen, was aufgleich zu richten ist, das richt' ich ausgleich.«

»Aus Christenlieb' laß dir's angelegen sein. Behüt dich Gott, Hautzner-Michel!«

Und so ging der eine nach rechts, der andere nach links, Weishofer mit raschen Schritten der Stadt zu, um sich so eher wieder auf den Heimweg zu machen und zu sehen, was der Hausierer ausgerichtet habe, und hoffte im stillen, mit Gottes Zulassung werde noch alles recht werden; der Hautzner-Michel aber ging bedächtig dem Dorfe zu.

Inmitten des Orts stand ein kleines Häuschen mit einem eingeplankten Hofe, kehrte bloß zwei Fenster der Straße zu und wer mit den Inwohnern verkehren wollte, der mußte durch ein Pförtlein in der Planke und über den Hof.

Dahinein ging der Uhrmacher. Ein kleiner Hund an einer langen, schweren Kette fuhr auf ihn los.

»Ho, Stutzel,« lachte der Hausierer, »was willst mir denn du große Kette an einem kleinen Hund?« Er klirrte mit dem Werkzeugsacke gegen das Tier, das beäugelte den kleinen Mann, schüchterte es sein Anblick ein, oder dachte es sich seinen Teil, kurz, es kroch langsam in seine Hütte zurück.

Der Hautzner-Michel trat in die Küche, wo das Herdfeuer lustig prasselte und hörte in der Stube die Bäuerin mit halber Stimme ein geistlich' Lied singen, er klopfte an und trat ein.

»Guten Morgen!«

»Ei, grüß Gott, Hautzner-Michel.«

»Ja, ja, dank' schön,« sagte der, da er für den Augenblick nicht wußte, was er sagen sollte, so überraschte ihn das üble Aussehen der Bäuerin. Keine drei Monat' ist's her, da stand an der Stell' ein rotbäckiges dralles Weibchen mit frischen Schwarzkirschäuglein vor ihm und jetzt – war sie es, oder war sie's nicht? – fand er eine welke Frauensperson, mager, mattäugig. Einen Augenblick verzog sich sein rundliches Gesicht in der Weis', wie wir's an Kindern sehen, die aus Aerger weinen oder lachen möchten, eins ins andere, bevor sie sich zu einem davon entschließen! dann warf er den Werkzeugsack auf einen Stuhl, nahm die Uhren von der Achsel und stellte sie auf den Wäscheschrank, trat auf die Bäuerin zu und sagte: »Jemine, wie siehst denn du aus? Hast vielleicht eine Kränkung? Schaut der Bauer nit auf dich? Oder hat er wohl gar zu viel auf dich geschaut und trägst dich mit einem Uebel, das bald als drittes im Haus herumlauft?«

»Laß die Spaß' sein, Hautzner,« sagte die Bäuerin, »Ich weiß wohl, wie mir ist und was mir ist. Kannst wohl bald mit meiner Leich' gehn.«

»O, sappermost, so arg wird's nit sein. Ihr Weibsleut' thut euch immer allerhand einbilden.«

»Ich denk', es wird gerade arg genug sein, und einer Einbildung halber werd' ich mich doch nit so fleißig für mein letztes Stündlein vorbereiten, wie ich thu'.«

Die Bäuerin wies nach dem Tische, auf welchem ein großes, altes, abgegriffenes Buch aufgeschlagen lag, der Hausierer trat hinzu und blätterte darin. Fast auf jedem Blatte war ein grober Holzschnitt und keiner darunter, auf dem nicht Teufelsfratzen zu sehen waren, welche verdammte und arme Seelen rösteten, spießten und was dergleichen mehr in der Hölle Brauch sein soll.

»Schau,« sagte der Hautzner-Michel, »wenn ich an deiner Stell' wär', so möcht' ich mich doch lieber für den Himmel vorbereiten und wenn ich an deinem Manne seiner Stelle wär', so würf' ich dir die Scharteke ins Feuer; denn dein vorig' Reden – weil du dich aufs Sterben vorbereitet, müßt dir der Tod nah' sein, – ist ebenso unsinnig, wie wenn du sagen möcht'st, weil der Hund kratzt, kriegt er Flöh'!«

Da wurde die Bäuerin böse, sehr böse. »Du Hansnarr!« schrie sie, »was verstehst auch du von so heiligernsten Sachen. Mach du deine Späß' im Wirtshaus, aber nit in einer Sterbstub'! Bring du deine wohlfeilen Lazzi vor Leuten vor, die was im Kopfe haben, vielleicht thun die dir den Gefallen und lachen darüber, aber ärger nit eins, dem der Tod im Herzen sitzt. Verstehst? Mach dich fort aus meinen Augen! Ich wollt' dir ganz anders kommen, fühlt' ich mich nit so siech und hinfällig!«

»Na,« sagte der Hautzner-Michel, »das merk' ich, auf der Brust fehlt's dir nit!«

Da besah sich die Bäuerin ein wenig den Stubenboden, wahrscheinlich wollte sie wissen, ob derselbe rein gescheuert wär', dann kam sie ein Hüsteln an und sie sagte mit so matter Stimme, daß es keine Maus in der Ecke hätte hören und zur Nachbarin tragen können: »Ja, ja, mein lieber Hautzner-Michel, du hast leicht lachen, aber ich weiß, was ich weiß.«

»Es wär' nit schwer, mein' ich, daß ich auch wüßt', was du weißt, du brauchst mir's nur zu sagen. Wie bist denn mit einmal so aufs Sterben verfallen?«

»Durch einen Fingerzeig Gottes.« Hier hielt sich die Bäuerin an dem Tische, als wollten ihr die Füße versagen.

»O, du Hascher,« sagte der Uhrmacher, »wie's dich aber hat! Doch, wenn dich 's Stehen hart ankommt, dafür ist ein Sessel gut.«

Sie setzte sich und fuhr fort: »Sylvesterabends haben wir Bäuerinnen aus der Nachbarschaft uns Karten gelegt.«

»Ist unterhaltlich,« sagte der Michel.

»Ja, ja, aber mir ist 's Treff-Aß gestanden.«

»'s Kreuz-Aß?«

»Ja, 's Kreuz-Aß.«

»Na und was weiter?«

»Ist das nit genug? Weißt denn du, was das bedeut'? Liegt es umgekehrt, mit dem Stiel aufwärts, bedeut' es ein fremd' Haus, liegt es aufwärts, mit dem Stiel nach unten, so bedeut' es den Tod, der einem nah' steht.«

»Das ist das erste, was ich hör',« sagte der Hausierer. »All mein Tag hat unter Leuten, die vom Kartenlegen was verstehen, 's Kreuz-Aß einen Beutel mit unverhofftem Geld bedeut'.«

»Willst du mich narren?« fragte die Bäuerin. »Nie ist's erhört gewesen, solang in der Welt Karten gelegt werden, daß Kreuz-Aß einen Beutel Geld bedeut', ja, einen Sack deutet's, in den mich der Tod steckt, ein Grabkreuz deutet's, unter dem ich bald liegen werd' ...«

»Und Gäns' im Ort deutet's, die sich in eine Sach' einlassen, wovon sie nichts verstehen!« schrie der Hautzner-Michel; ganz wild war er mit einemmal geworden. »Wißt ihr nichts, so macht euch damit nichts zu schaffen. Kreuz-Aß bedeut' einen Beutel Geld ins Haus, das ist alt.«

»Das war' ganz neu! Den Tod zeigt's an!«

»Einen Beutel Geld!« brüllte Hautzner und schlug dabei mit der Faust in den Tisch. »Streitest du mit einem alten Mann, der mehr in der Welt herumgekommen ist, mehr gesehen hat und mehr weiß als du samt allen deinen vertrackten Nachbarsweibern? Uebrigens glaub, was du willst, kränk dich mein'thalben hinunter, bis sie dich hinaustragen, aber wenn du dir auch 's Kreuz-Aß auf 'n Sargdeckel aufnageln ließest, ich bleib' dabei, den Tod deutet's nit!«

»Aber Michel!« sagte die Bäuerin und schlug über den unerhörten Eigensinn des Alten die Hände über dem Kopfe zusammen.

»Weishoferin.« sagte eifrig der Alte, »ist dir Kreuz-Aß recht nah' gestanden?«

»Gerad neben der Carreau-Dam', was meine Karte war.«

»Weiß 's ja, Ledige haben die Herz-Dam'. Verheiratete für g'wöhnlich die Carreau. Aber laß dir sagen, Weishoferin, nit lebendig soll ich da von der Stell' gehn, die Teufel soll'n mich in der Luft auf so kleine Fetzerln zerreißen, daß ich mich am jüngsten Tag nimmer z'sammenklauben kann ...«

»Um Gottes willen, Hautzner-Michel, hör auf!«

»Mein ewig Seelenheil soll verspielt sein, wenn dir nit zunächst der Beutel mit dem unverhofften Geld ins Haus kommt! Ich mein', mehr vermöcht' ich nimmer zu verschwören, du könntest damit just genug haben und mir Glauben schenken.«

»Jesus! Du Unbedacht, wer hat's denn verlangt, daß du dich so gottlos verschwörst? Ich hoff', Gott nimmt dich nit beim Wort, weil du ja doch irrig bist, Kreuz-Aß deutet einmal nichts anders als den Tod.«

»Gut,« sagte der Hausierer, nahm seine Uhren vom Schrank und hängte sie über die Achsel. »Bleib du dabei. Aber ich bin ein Mann, der Straßen auf, Straßen ab seinen Vorteil sucht und niemand kann mir verdenken, wenn ich ausnütz', was ich weiß. Wett mit mir, Bäuerin! Dir bleibt kein' Zeit, daß du dich zum Sterben zurechtlegst, so kommt dir schon der Beutel mit Geld ins Haus. Sollt' ich verspiel'n, so will ich dir eine schöne Leich' zahl'n, mit ganzem Kondukt, kannst dich verlassen, alle Pfaffen, was im Ort sind, sollen mitlaufen: gewinn' ich's aber, so gehört der Beutel mit dem Geld mein. Gilt's?«

»Geh weiter, dir käm's ja gar nit zu, daß d' mich begraben ließest.«

»Alleins, verwett' ist verspielt! Ich wollt dich so sauber unter die Erd' bringen lassen, daß du deine Freud' daran hättest. Schlag ein!«

»Geh mir!«

»Das schönste Bahrtuch, was sie in der Stadt den vornehmsten Leuten überbreiten, leih' ich für dich aus. Nun wirst doch einschlagen?«

»Das werd' ich bleiben lassen, weißt, weil's in solchen Dingen ein lästerlich Spiel wär'.«

»Ei ja,« lachte der Hautzner-Michel, »du laßt es bleiben, weil halt doch am End' Kreuz-Aß einen Beutel mit Geld bedeuten könnt'.«

»Den Tod bedeut's,« schrie die Bäuerin, »und das Geld will ich dir schenken, was kommen soll, ich wüßt' nit woher.«

»Gut, Bäuerin, ich nehm' dich beim Wort, du schenkst mir das Geld! Ich mach' mir keine Sorg', wo es herkommt. Aber da drauf mußt mir schon die Hand geben, daß d' für später keine Ausred' hast.«

Die Bäuerin gab etwas zögernd die Hand.

»So, Bäuerin, es gilt! Das sag' ich dir, nicht einen Groschen von dem Geld lass ich dir in der Haut'. Ich weiß, du machst dir für jetzt keine Sorg' darüber, will dir's aber auch für später ersparen. Dein Mann möcht' nit schlecht schimpfen, wenn das Geld kaum ins Haus kam' und ich nähm's gleich wieder fort. Unfrieden will ich zwischen euch nit stiften. Wenn du dich umthust und dazu schaust, so erwirtschaftest vielleicht so viel und bringst es heimlich auf die Seite und dann braucht' der Bauer nit zu wissen, was du verspielt hast. Fast ein Jahr will ich dir Zeit lassen, aber am nächsten Neujahrstag komm' ich und verlang' mein Geld. Verinteressiert's dich, leg' ich dir dann auch die Karten, wie ich's versteh', und jetzt behüt dich Gott.«

Damit ging der Hautzner-Michel aus der Stube und ließ die Weishoferin sehr nachdenklich zurück.

»Sollt's am End' doch – ? Ei, so war' doch auf nichts mehr ein Verlaß! Treff-Aß bedeut' 'n Tod!«

Sie wußte zuletzt nimmer, sollte sie sich zu gewinnen fürchten oder zu verlieren freuen.

Als am selben Nachmittage der Weishofer eilig auf der Straße einherschritt, sah er den kleinen Uhrmacher auf einem Brettlein stehen, das über den Graben gelegt war, damit man nach einem Feldrain gelangen konnte, der nach einem nahen Dorfe führte. Er lief auf den Alten zu.

»Hautzner-Michel! Wie steht's?«

Der kleine Mann schmunzelte. Er sah dem Bauer nach dem Rocke, der sorgfältig zugeknöpft war und an der linken Brustseite einen Bausch machte. Der Hautzner-Michel tippte mit dem Finger nach der Stelle. »Da steckt's,« sagte er. »Hast dein Geld?«

»Ja, aber red du...«

»Pst! Ich hab' wegen euch eh' viel Zeit versäumt, aber, wie ich hoff', nit verloren. Ich will dir nur sagen, wir haben uns heut weder gesehen noch gesprochen, verstehst? Und merk dir auch für daheim, seh und bered nichts, wie dir auch deine Everl vorkommen mag.«

Eine halbe Stunde später trat der Weishofer in seine Stube: nachdem er sein Weib begrüßt hatte, begann er seinen Rock aufzuknöpfen, zog eine schwere Brieftasche hervor und legte sie in die Tischlade.

»Was hast du denn da?« fragte die Bäuerin.

»Schwer Geld, Everl! Weißt, was beim Krämer in der Stadt gestanden hat und wo wir schon die Zeit her gemeint haben, es blieb' dort auch stehen. Eine Erbschaft hat er gemacht und da hat er mir's herauszahlen können.«

»Alles?«

»Bei Heller und Pfennig.«

»Ei, du mein Gott!«

»Dich freut's wenig.«

»Ei, ja wohl,« sagte die Everl, nahm die Brieftasche aus der Lade, zählte das Geld und wurde dabei abwechselnd bald blaß, bald rot.

Da war's und fort sollt's! Es war ihr zugleich leicht und schwer ums Herz.

Von da ab verlegte sie sich aufs Wirtschaften und Sparen, daß der Weishofer wohl merkte, sie hätte fürs Sterben keine übrige Zeit. Je mehr es aber gegen das Ende des Jahres ging, desto verdrießlicher wurde sie und als der Neujahrstag vor der Thüre stand, da gestand sie ihrem Manne, wie sie gegen den Hautzner-Michel verspielt habe und auch auf dessen Rat versuchte, – recht war's wohl nicht – das Geld in der Wirtschaft herein zu bringen, um den Verlust verheimlichen zu können. Nun wird der Spitzbub' am ersten Tag im Jahr kommen und sein Geld verlangen, sie hat aber nicht den vierten Teil aufbringen können, wie sie sich auch geschunden habe. Schließlich bat sie für ihren Unbedacht um Verzeihung.

Darauf meinte der Weishofer, wobei er sich hinter den Ohren kraute, verzeihen wollte er recht gerne und es geschah' von ganzem Herzen, weil ihm nur seine Everl leben geblieben war' und wieder frisch aussah', dafür kam' das ganze Geld nit in Anbetracht und dreimal so viel nicht! Freilich fand' er's ganz teufelmäßig dumm, wenn ihnen der Hausierer all ihr Erspartes mir nichts dir nichts forttragen thät', übrigens hätt' der manchmal so Späß', mit denen er die Leut' schreckt und meint's nit so arg. Also wollten sie's abwarten, bis er kommt.

Und als er kam, da ward er mit einigem Mißtrauen aufgenommen, er that aber, als merke er nichts, legte seinen Uhrenkram ab und setzte sich der Bäuerin gegenüber an den Tisch; Weishofer saß abseits auf der Ofenbank, als ginge ihn, was nun auch kommen mag, gar nichts an.

Eine Weil' machte der Hautzner-Michel hinter seiner runden Hornbrille recht vergnügte Augen, dann sagte er: »Nun, Bäuerin, ich mein', du lebst noch!«

»Ja,« begann die und je mehr sie sprach, je mehr stieg ihr die Röte ins Gesicht. »Ja, wahr ist's, das Kreuz-Aß thut nicht den Tod bedeuten, sondern ein Stück Geld ins Haus; wenn aber einer weiß, daß das so sicher zutrifft, als wär' die Karte ungleich besser wie oft eine Verschreibung vor Gericht, dann sollt' er nit mit einem andern wetten, oder es ihn auf eine andere Art verspielen lassen, das ist nit ehrlich. Noch weniger ehrlich ist's, einem braven Weib einzureden, sie sollt' hinter Mannes Rücken das Verspielte aufbringen. Verstanden? das red' ich, weil ich's reden muß.« Sie stieß die Tischlade auf und langte ein Päckchen Banknoten hervor. »Gleichwohl hab' ich nach deinem Rat gethan und mich das ganze Jahr über gerackert und geschunden; das da hab' ich zusammengebracht, da hast's, nimm's, wenn es dir zu wenig ist, sollt' mir leid thun, aber mehr hab' ich nicht.« Sie strich mit der Hand über den Tisch.

»Kannst ja auch das behalten,« lachte der Hausierer, »darum ist mir's ja nit gewesen. Weisen wollt' ich dir, daß Karten nie etwas bedeut' haben, noch bedeuten! Kreuz-Aß bedeut' nit den Tod, denn du lebst heutigen Tages noch, es bedeut' aber auch kein Stück Geld ins Haus, denn das hab' ich mir nur ausgedacht, weil ich voreh' gewußt hab', dein Mann bringt Geld aus der Stadt. Zum Verheimlichen aber hab' ich dich angestift', damit ich dich über Hals und Kopf in die Arbeit hineinhetz' und dir darüber alle Gedanken an Kreuz-Aß und Tod vergehen.«

Die Bäuerin schlug stumm vor Verwunderung die Hände zusammen, der Weishofer aber war zum Tisch gerannt, hatte den Pack Banknoten zusammengerafft und stopfte ihn jetzt dem Uhrmacher in die Rocktasche. »Das mußt nehmen,« sagte er ein über das andere Mal, »das mußt nehmen, das hast verdient, das geb' ich gern.«

Nicht, daß der Hautzner-Michel sich etwa gesträubt hätte, aber wie er so die beiden Leute betrachtete, hüpfte er vor Vergnügen immer von einem Fuße auf den andern und hielt nicht still, so daß der Bauer seine Not hatte, ihm das Geld in die Tasche zu bringen. Jetzt stand er mit einmal ruhig und ließ den Weishofer machen.

»Muß ich's nehmen,« sagte er, »so nehm' ich's. Läßt sich doch ein Doktor zahlen, wenn er auch nichts richtet und ich hab' da mehr gerichtet als ein Doktor. Nun, Bäuerin, was ist's, verinteressiert's dich nit? Ich hab' dir ja auch versprochen, ich that' dir Kartenlegen auf meine Weis.«

»Geh zu,« sagte die Weishoferin, »meinst, ich möcht' noch dran glauben?«

»Ich denk' selber, daß du dir davon nichts mehr verlangst. Aber reich mir nur das verschmierte Spiel dort aus der Tischlad' her, ich hab's vorhin wohl darin liegen sehen. So, dank' dir schon! Hat uns genug schwere Sorg' gemacht! Vorzeit ist es wohl nur zu einem unschuldigen Zeitvertreib auserdacht worden, aber, wie mit vielen Dingen, hat der Mensch auch damit angehoben, Mißbrauch zu treiben, und 's ist übergenug, daß das Hazardieren viele Männer arm macht, soll das Kartenschlagen auch noch die Weibsleut' dumm machen? Du verlaubst schon, daß ich's ins Herdfeuer wirf, da fällt keinem ein Blatt, sondern bleiben ihm für allzeit alle zweiunddreißig fern, und das ist die beste Manier, Karten zu legen. Nach dem, wie sich der Mensch aus- und inwendig verhalt', rechtschaffen und zufrieden oder lässig und begehrlich, kann man ihm wohl sagen, ob er auf der Welt glücklich sein wird oder nit, ein ander' Wahrsagen aber gibt's nit. Es heißt, des Menschen Schicksal steht in Gottes Hand, ich wüßt' nit, wie es von da unter verdreckte Kartenblätter und schmutzige Zigeunerweiber käm'! Freilich bei dem, was an aller Welt Enden und Ecken in einem Atem schwarz und weiß, kalt und warm zusammenprophezeit wird, kann wohl unter tausend einmal zufällig eins zutreffen, und von dem einen hörst du dann tausendmal, von den neunhundertneunundneunzig verfehlten nit ein einzig' Mal reden; also, wenn dich jemand zu so was einlad't, so sucht ein Esel einen Kameraden, und du brauchst nit zu fürchten, daß man dich für hochmütig ausschreit, wenn du dich für die Ehr' bedankst! Amen, sagt der Pfaff, wenn er nichts mehr weiß!«

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