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Kalendergeschichten

Ludwig Anzengruber: Kalendergeschichten - Kapitel 3
Quellenangabe
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typenarrative
authorLudwig Anzengruber
booktitleKalendergeschichten. ? Gedichte und Aphorismen
titleKalendergeschichten
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
seriesLudwig Anzengrubers Gesammelte Werke in zehn Bnden
volumeFnfter Band
printrunDritte durchgesehene Auflage
year1897
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071214
projectidd942c059
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Wie mit dem Herrgott umgegangen wird

Eine Geschichte mit einigen »Merks«

(1878.)

Es ist eine arge Welt, einer macht's dem andern und der liebe Gott allen zusammen nie recht. Es ist eine hübsche Sache um die Frömmigkeit, aber wenn einer um Sonnenschein und der andere auf dem nämlichen Fleck um Regen betet, da möcht' ich wohl einen dritten zum Herrgott machen und zusehen, was der bei all seiner Allmacht anfinge, um es mit keinem von den beiden zu verderben.

Im Norden sind die Menschen etwas kühler und nehmen's nicht gleich übel, wenn er sich etwas schwerhörig stellt, aber im Süden da sind sie heißblütig und werden sehr ungehalten: da ist es denn für dort eine ganz gute Einrichtung, daß man zwischen Gott und die aufdringlichen Beter die lieben Heiligen eingeschoben hat, die nun freilich für jede unerfüllte Bitte aufkommen müssen.

Wahrhaftig, so ein Heiliger ist nicht zu beneiden und ich möcht' keiner werden; denn abgesehen davon, daß die Erreichung einer solchen hohen Stelle auf der Erde mit manchen Unannehmlichkeiten und Umständlichkeiten verknüpft ist, so muß ja einer im Himmel ganz höllisch aufpassen, daß er tagüber keine Anrufung vergißt, so daß ihm fast keine Zeit bleibt, sich der ewigen Seligkeit zu erfreuen, höchstens zur Nachtzeit, aber solche übernächtige Seligkeit verträgt sich wieder tags darauf spottschlecht mit den Berufsgeschäften, wie manche gar wohl wissen, die gerade keine Heiligen sind.

Ja, es ist eine hübsche Sache um die Frömmigkeit, wenn es nur nicht manche so weit versehen möchten, daß ihr Gebet einer Lästerung auf ein Haar gleicht. Da war einmal eine öffentliche Dirne, die hat einen jungen Menschen zu berücken gewußt, daß er eine Zeitlang zu ihr gehalten hat; nun sind ihm denn doch endlich die Augen aufgegangen und das war ein Glück für ihn, sonst wäre er ja ein verlorener Mensch gewesen, und er hat das Weibsbild verlassen. Aber die Allerweltsliebste war darüber gar sehr betrübt und was thut sie? In die Kirche geht sie und betet zur »allerreinsten Jungfrau Maria«, dieselbe möge ihr das Herz ihres Buhlen wieder zuwenden, damit die unsaubere Liebschaft ihren Fortgang haben könne. Wenn das nicht gelästert ist, dann weiß ich überhaupt nicht, was Beten heißt und sein soll.

Ueber das Stück lacht wohl keiner, dazu ist's nicht angethan und steht nur da, damit man sieht, was manche für Anliegen vor die Heiligen bringen, denn es ist eine wahrhaftige Thatsache und nicht erfunden. Was aber den Heiligen in Welschland begegnen kann, das will auch erzählt werden und darüber könnten sie selber lachen, falls sie es im Himmel nicht verlernt haben.

In Welschland hat selbst der ordinärste Kerl etwas Manierliches und Höfliches an sich, freilich daneben auch heißes Blut; wenn er nun die Fürsprache eines Heiligen oder mehrerer bedarf, so läßt er sich's nicht verdrießen, sie eine geraume Weile recht inbrünstig darum anzugehen; er gibt ihnen vollauf Zeit, alles wohl zu überlegen und ins Werk zu richten; wenn sich das aber ewig lange nicht machen will, da verliert er die Geduld und flucht alle Heiligen in seinen Hut hinein. Das sieht sich aber so an: der unerhörte Beter reißt ingrimmig seinen Filzdeckel vom Kopf, hält ihn halb zugeklappt unterm linken Arm, dann greift er mit der Rechten in die Luft, als ob da die Heiligen unsichtbar herumflögen, nennt zuerst den Namen desjenigen, den er sich besonders durch Fasten und Beten verpflichtet hat, also in diesem Falle den Undankbarsten, krampft die Faust zu, als hätte er eine Hummel gefangen, macht eine Geste gegen den Hut, als würfe er die Hummel – den Heiligen, wollt' ich sagen – in den Filz und drückt rasch hinter ihm den Spalt zu. Den hätte er! Und nun fährt der wütige Kerl fort, mit der Hand in der Luft herumzufingern, schreit mit seinem Fluchmaul nach jedem Heiligen, der ihm beifallen will, und wirft sie einen nach dem andern dem ersten nach, dabei öffnet er vorsichtig nur ein klein wenig den Spalt, damit ihm keiner der früheren neben auswischen kann. Es vergehen keine fünf Minuten, so hat er den Hut voll der schönsten und größten Heiligen, die man im Kalender finden kann, denn billigerweise hält man es mit den Heiligen umgekehrt wie mit den Spitzbuben, wo man die kleinen fängt und die großen laufen läßt.

Nun haben sie es! Da sind sie alle – Gott verzeih es, vielleicht sogar mit lebenden Wesen, die man nicht gerne nennt – in dem nicht zu reinlichen Filz zusammengepfercht. Unser Welscher stolziert eine Weile mit ihnen auf und ab, bis er sich ein wenig abgekühlt hat und wieder zu einiger Besonnenheit kommt. Bewiesen hat er es ihnen, daß er nicht mit sich spaßen lasse, aber es scheint ihm doch nicht geraten, es ganz mit ihnen zu verderben und so fängt er sie denn jetzt Stück für Stück, der Reihe nach, wie er sie hineingeflucht, heraus, denn Ordnung ist in allen Dingen löblich; er nennt sie einen um den andern beim Namen, langt sie mit der Rechten aus dem Hute und gibt sie los, indem er die Hand öffnet, etwa wie um einen gefangenen Vogel in Freiheit zu setzen. Es soll da jeder in dem Punkte ein gutes Gedächtnis besitzen und noch keiner einen Heiligen in Gedanken im Hute stecken lassen haben; möcht' aber doch vorsichtshalber raten, den Hut zum guten Schlusse sacht umzustürzen, damit ein allenfalls Vergessener herausfallen kann.

Das ist toll genug und darüber kann man lachen, und ich hoff's, der Leser hat mir die Freude nicht verdorben und hat darüber gelacht. Trotz dieser unbilligen Behandlung hat man noch nicht gehört, daß die Heiligen einem ein himmlisches Donnerwetter über den Hals geschickt hätten, auch der Herrgott selber hat gleiche Nachsicht mit seinen Geschöpfen, die statt ihm zu dienen, es vielmehr darauf absehen, von ihm bedient zu werden, und es ist das ein Dienst, bei dem er weder auf Lohn noch auf gute Behandlung sehen dürfte; eine dahin einschlägige närrische Geschichte will ich eben erzählen, bemerk' nur vorher, daß aus all dem bisher Gesagten und noch zu Sagenden hervorgeht, was wohl schon manchem im Leben aufgefallen sein mag: daß Gott und alles Heilige, Hohe und Reine Spaß vertragen, die Menschen aber und alles Gemeine, Niedere und Unsaubere keinen! Woher kommt's wohl? Der menschliche Witz gleicht einem jener Spiegel, die man an manchen Orten zur Unterhaltung aufgestellt findet und die so geschliffen und postiert sind, daß sie alles verzerrt zeigen. Laß ein paar bildsaubere Leute Hand in Hand davor hintreten, im Bewußtsein ihrer Wohlgestalt haben sie leicht über das Zerrbild im Spiegel lachen; versuch es aber mit ein paar Häßlichen, die werden sich beleidigt abwenden, denn, ist auch die Verzerrung eine Lüge, die Häßlichkeit bleibt doch Wahrheit, mit der aber steht man in der Welt schon von altersher auf gespanntem Fuße und die Gattung der unangenehmen nennt man Grobheit, wovon wieder die »göttliche« die erschreckendste.

Will nun die Geschichte erzählen, lebte der Mann noch, von dem sie handelt, würde ich es sein bleiben lassen; die Gerichte könnten seine Wunderlichkeit oder Narrheit strafwürdig finden und ich wollte ihn nicht denunziert haben; da er aber schon eine ganz geraume Zeit tot ist und sich allein mit Gott abzufinden hat, so kann ich's ohne Scheu Rede haben, wie er bei Lebzeiten mit demselben umgegangen.

In einem Orte nahe bei Wien, der Hauptstadt Oesterreichs, hielt sich vor vielen Jahren eine Schauspielergesellschaft auf. Diese Leute spielten, so gut sie es eben vermochten, den Inwohnern Komödie vor, schlecht und recht, wie aber allzeit Undank der Welt Lohn ist, so meinten die Zuschauer, es wär' dabei wenig Rechtes, dagegen viel Schlechtes zu sehen gewesen. Es wurde in einer Scheune gespielt, das mag sich allerdings nicht sonderlich hübsch ausgenommen haben, die Rüstungen der biedern Ritter und die Gewandungen der Könige und anderer Großen des Reiches sahen vielleicht auch nicht zum besten aus, war wohl der Pappendeckel der ersteren abgerieben und der Samt der letzteren spiegelte, während der Flitter blind geworden, und es kann ja sein, – weil Kleider Leute machen, – daß die armen Komödianten nicht besser spielten als sie aussahen; aber die Zuseher hätten auch bedenken sollen, wie nieder das Eintrittsgeld war, und daß für wenig nicht viel geboten werden kann, das ist eine alte Wahrheit, seit Handel und Wandel auf der Welt besteht.

Kurz die reicheren Leute im Orte fuhren nach der nahen Hauptstadt, wenn sie eine Komödie sehen wollten, und schickten höchstens ihre Kinder oder Dienstboten noch obendrein auf die billigsten Plätze des Dorftheaters. Schlimm für die armen Teufel von Komödianten, denn einen fixen Gehalt hatten sie nicht, sie teilten unter sich, was eine Vorstellung einbrachte und lebten davon ein paar Tage bis zur nächsten. Das hört sich eben besser an, als es sich in Wirklichkeit macht, denn manchen Abend verschlangen die Kosten den Ertrag und dann war nichts zu teilen.

Das gab viel Sorge und am meisten litt darunter der Direktor der Truppe; er hatte allerdings seinen Leuten keine festen Bezüge auszuzahlen, aber wenn Vorstellung auf Vorstellung entweder nur ein paar Groschen auf einen kamen oder wohl gar nichts, das war zum Durchgehen, nicht für den alten Mann, der nicht gewußt hätte wohin, aber für die Mitglieder der Truppe, welche es wo anders kaum schlechter treffen konnten und von denen daher auch manche durchgingen; daß so ein Mensch in der Verzweiflung vergißt, die Schulden, die er im Orte gemacht, zu bezahlen, das ist erklärlich, ebenso erklärlich ist es aber, daß das sehr unangenehm für den Direktor und die Truppe war, welche im Orte verblieben und – wie die Welt denn ungerecht ist, – von der übeln Nachrede über den ausgerissenen Kameraden ein gut Teil zu Gehör geredet bekamen. Ließen sich die Dörfler bedauernd vernehmen, »daß nur einer durchgebrannt, die mehreren aber geblieben seien«, sprachen sie die Vermutung aus, »daß ein Lump wie der andere wäre« und was derlei Schmeicheleien mehr sind, so kann man sich wohl denken, daß bei solchen Anlässen der Direktor, wenn man ihn als den »Obersten der Komödianten« bezeichnete, die Verleihung dieses Titels gerne bescheiden abgelehnt hätte.

Feron nannte sich der Mann. Den Tag vor jeder Vorstellung lief er alle Häuser und Hütten des Ortes ab, klagte über die arge Gegenwart, in der aller Kunstsinn in einem verehrlichen Publikum erstorben schien, lobte in einem Atem die alten Zeiten und die alten Stücke, besonders dasjenige, dessen Titel und Personenverzeichnis in sauberer Handschrift er jedem in die Hand drückte, denn er war sein eigener Zettelausträger, wohl nicht aus Leidenschaft, sondern weil er es billiger hatte, wenn er selber ging.

Er versicherte jedem, der ihm in den Wurf kam, – war's auch ein Pferdeknecht, oder eine Kuhmagd, – daß er ihn als einen hochverehrten Gönner betrachte und dabei blieb er, wenn sich der Betreffende auch noch so sehr ereiferte, ihn von der Irrigkeit einer solchen Anschauung zu überzeugen. Lästermäuler behaupten, sie hätten den Herrn Direktor manches Haus in so schwunghafter Eilfertigkeit verlassen sehen, wie dies ohne die Mitwirkung des hochverehrten Gönners ganz undenkbar wäre.

Direktor Feron pflegte seine unterthänigsten Aufwartungen sehr regelmäßig zu wiederholen, aber er selber war für Besuche desto unzugänglicher; nicht daß es ihm an geselligen Talenten gefehlt hätte, doch hatte seine Wohnung etwas Unnahbares; selbe befand sich in dem Einkehrwirtshause, in dessen großem Hofraum auch die bewußte Scheune stand, in welcher Komödie gespielt wurde. Durch die breite Einfahrt des Hauses gelangte man in den Hof; ohne sonderliche Beschwer, wenn man auf herumliegende Fässer und herumstehende Futterbarren acht hatte, konnte man sich auch bis zur Scheune zurechtfinden; hinter dieser aber war es nicht geheuer, da war der Boden in trockener Zeit zäher Lehm oder bei Regenwetter ein Kotmeer und da mußte man darüber weg oder mitten durch bis ans andere Ende, wo einige Wirtschaftsbauten standen, darunter eine Tenne, in deren Dachraum ein Futterboden und ein kleines Kämmerchen angebracht war, in letzterem hatte wohl vorzeit ein Knecht oder eine Magd geschlafen, aber jetzt bewohnte es der »Oberste der Komödianten«.

Ein Mittelding zwischen Leiter und Stiege führte hinan, eine Leiter war's nicht, denn neben befand sich ein Geländer, aber eine Stiege war's wieder nicht, dazu waren die hölzernen Trittbrettchen zu schmal, das ganze Ding stand zu aufrecht und um hinaufzugelangen, mußte man denn auch einen Mittelweg zwischen Steigen und Klettern einschlagen, was nicht sehr bequem war, aber sich dafür recht hübsch ausnahm.

War man aber einmal oben angelangt, so muß, um der Wahrheit die Ehre zu geben, offen gestanden werden, daß weder die Aussicht auf den Hof, noch der Einblick in die kleine Kammer für die gehabte Mühe entschädigte. Die Thüre, die in die Kammer führte, ließ nur höfliche Leute ein, wer sich nicht bücken mochte, der mußte außen bleiben, das Fenster war mit dem Thürpfosten in einem Stück gezimmert worden und so schmal, daß der Glaser mit einer Scheibe, die er entzweischnitt, für beide Rahmen ausreichte. Die Wände waren geweißt, ein Bett, ein Tisch und ein Stuhl, mehr befand sich innerhalb derselben nicht, ein Kruzifix hing noch in einer Ecke, das war alles.

Wenn der Direktor zu Hause war, so saß er für gewöhnlich an dem Tische, den er an das Fenster gerückt hatte, dort fand er zum Theaterzettelschreiben oder sonst einer nützlichen Beschäftigung gerade genug Licht, während das übrige eine angenehme Dämmerung im Räume verbreitete.

So saß er, hart an die Tischkante gedrückt, führte fleißig die Feder oder fertigte Papparbeiten. Er stak immer in ein und demselben schwarzen Anzuge, der seine ohnedies kleine, schmächtige Gestalt noch unscheinbarer aussehen machte; zwar behauptete er, daß ihn seine unterthänigsten Beziehungen zum Publikum verpflichteten, demselben nie anders als in solchem Staate entgegen zu treten, aber er fand damit wenig Glauben, um so mehr, als nicht zu leugnen war, daß die besagte Kleidung durch den längeren Umgang mit ihm nicht gewonnen hatte, indem es sich häufig ereignete, daß er in Gedanken die Finger reinigte und Tinte oder Kleister auf Rockärmel und Beinkleid strich.

Der kleine Mann hatte auch ein kleines, schmales Gesichtchen, aus tausend Fältchen blinzten ein Paar graue Aeuglein etwas unsicher und unstet hervor; das war aber kein Zeichen eines beunruhigten Gewissens, sondern nur einer ziemlich ausgesprochenen Kurzsichtigkeit. Seine Nase war ganz gewöhnlich, nur an der Spitze etwas knollig und rot angehaucht, die Stirne schien dermaleinst nieder gewesen zu sein, doch hat sie sich mit der Zeit Platz gemacht, indem sie die Haare beiseit schob, die sind denn auch ganz bescheiden rechts und links zurückgetreten, halten sich nur in Gestalt zweier grauschwarzer Wickel an beiden Schläfen und etlicher Büschel von gleicher Farbe hinter den Ohren auf und nun reicht die Stirne bis ins Genick, wenn sie es gelten lassen will.

Der Direktor pappt gerade eifrig an einer Königskrone, die für heute abend fertig werden soll, die alte war doch schon zu sehr abgetragen, sie hat ihm als Muster für die neu anzufertigende gedient, jetzt aber liegt sie auf dem Boden und er streift sie mit dem Fuße unter den Tisch, während auf demselben die neue prangt, die er zufrieden beäugelt.

Es war ein wehmütiges Bild. Was ist der Welt Herrlichkeit?

Indes probiert der Herr Direktor die neue Krone auf, sie sitzt vortrefflich und drückt nicht im geringsten. Er erhebt sich und stolziert ein paar Schritte in der Kammer auf und ab, dann bleibt er vor dem Fenster stehen, draußen streicht ein heftiger Wind, einzelne Sandkörner prallen an die Scheiben und hinter den Holundersträuchen, welche den gegenüber liegenden Gemüsegarten begrenzen, steigt es grau auf.

Feron nimmt die Krone seufzend vom Haupte, rechnet nach, was sie wohl unter Buchbindern wert wäre und fragt sich im bangen Zweifel, ob ihn der Himmel heute auf die Kosten kommen lassen werde? Die bewußte Scheune, in welcher die Kunst ein Unterkommen gefunden, stand nämlich schon eine geraume Weile vernachlässigt, Zeitvertreibs halber ließ sie sich mit dem Regen ein und der lehrte sie artige Wasserkünste; einmal nun, inmitten einer Theatervorstellung, fand sie Gelegenheit, vor einem geehrten Publikum zu zeigen, was sie gelernt hatte: sie formte kleine, tosende Sturzbäche, rieselnde Wasserfäden, gurgelnde Springfluten und stellenweise fröhliche Sprühregen, es soll sehr hübsch gewesen sein, aber keiner verlangte ein zweites Mal danach und so genügte ein grauer Himmel über dem Scheunendach, um alle fernzuhalten; man sieht also, daß des Direktors Furcht begründet war, und daß ihm der Himmel mit einem Regenwetter einen argen Strich durch die Rechnung machen konnte.

Der kleine Mann sah sehr besorgt nach den Wolken, die hinter den Holunderbüschen aufstiegen, dann trat er in die Ecke und nahm den Herrgott von der Wand, setzte sich, hielt ihn sein säuberlich in der Linken, wahrend er die Rechte mit der Gebärde freundlichen Zuspruches gegen das Bild bewegte und es auch manchmal unter der Rede zärtlich streichelte.

»Schau,« sagte er, »wirst doch heute nicht so grauslich gegen mich sein wollen, daß ich nicht einmal auf die Kosten komm'?! Sollt' auch nichts zu teilen bleiben, für die andern red' ich nicht, es ist so sündhaft's Volk, das vielleicht nicht einmal im Jahr deiner gedenkt, aber mich mußt deshalb nicht strafen. Wenn ich rechne, was mich Pappendeckel, Goldpapier und Kleister kosten, ein Pfund Kerzen zur Beleuchtung, Auslagen für Zettel und was sonst noch, so macht alles in allem zwei Gulden siebenundfünfzig Kreuzer Münz', das könntest mich doch verdienen lassen! Es ist ohnedies nicht viel, das wirst wohl einsehen, gelt ja? Na also, nicht wahr, du wirst schon dazuschau'n, du thust mir's schon zulieb und läßt mich zu dem Meinen kommen? Ja. Freilich. Ich verlass' mich darauf.«

Hatte der Himmel ein Einsehen, dann betrat der Herr Direktor nach der Vorstellung sein Kämmerlein nie, ohne einen dankbaren Blick nach dem Winkel zu werfen, wo er wußte, daß der Herrgott hing, den er freilich bei der herrschenden Dunkelheit nicht sehen konnte. Wenn es aber geschah, daß trotz seinen Bitten der Himmel hart blieb und die Erde weich wurde, dann schlich er über den Hof, kletterte den Steig zu seiner Kammer hinan, so hastig, daß es anzusehen war, als ob ein großer schwarzer Kater in abenteuerlichen Sprüngen da hinaufsetzte; oben stieß er die Thüre auf.

Schwer setzte er den Fuß auf die Dielen, warf einen Blick, wie ihn nur die bübischsten Mordgesellen auf der Bühne zu werfen verstehen, nach der bewußten Ecke und murmelte: »Also hat's nicht sein können?«

Unheilbrütende Stille.

»Hat's nicht sein können?« wiederholte er mit heiserer Stimme, langte mit hartem Griff den Herrgott von der Wand. »Nicht einmal zwei Gulden siebenundfünfzig Kreuzer Münz'! Ist das schön?«

Nun begann er dem Herrgott gehörig die Meinung zu sagen, seine Reden und Hantierungen wurden immer mehr das Gegenteil von Schmeicheleien und Liebkosungen, bis er sich vor unvernünftiger Wut nimmer aus wußte und das Bild von sich warf, selbstverständlich, um es am nächsten Morgen wieder reuig vom Boden aufzuheben, an die gewohnte Stelle zu hängen und bei nächster Gelegenheit bittlich anzugehen, wenn wieder zwei Gulden siebenundfünfzig Kreuzer Münz' Tageskosten in Gefahr standen, verregnet zu werden! Ebenso selbstverständlich wird er wieder den eingegangenen Betrag durch einen dankbaren Blick quittieren, oder andernfalls dem Herrgott gehörig die Meinung sagen, denn so war einmal seine Art, mit demselben umzugehen.

»Nun,« sagt der Leser, »das ist mir ein artiger Narr;« aber er steht nicht allein, er hat gering seine hunderttausend Brüder, die Fetischanbeter, von denen wir schon viel gelesen haben. So ein Wilder geht her und macht sich in aller Geschwindigkeit aus einem Lumpenbündel, Baumstrunk oder Steinblock einen Gott zurecht, bringt auf den Knieen seine Bitten vor, werden die aber nicht gewährt, so sieht er sich nach einem tüchtigen Stocke um und prügelt seinen Herrgott weidlich durch.

Nun lacht wohl der Leser über den Welschen, von dem ich zu Anfang erzählt habe, über den »Obersten der Komödianten«, den ich ihm im weiteren Verlaufe vorführte und über die Fetischanbeter, auf die mir zuletzt zu sprechen gekommen sind; schmeichelt sich, was Bedeutendes klüger und besser zu sein, und ich könnte jetzt auf die artigste Weise schließen, indem ich ihn sein höflich bei seiner Meinung beließe. Ja, wenn nicht ein Hauptmerks noch anzubringen wäre!

Nehm' noch einmal meinen alten Narren hervor und sage: »Er hat gering nicht seine hunderttausend – er hat Millionen Brüder!«

Will's der Leser nicht glauben? Gut, wir wollen Probe machen. Es braucht keiner zu sagen, er gehöre nah' oder entfernt in die Brüderschaft, denn es wär' wider alle Vernunft, von einem Menschen zu verlangen, daß er sich selbst irgend etwas Unangenehmes nachsage! aber wer nicht dazu gehört, der möge sich melden!

Wir wollen uns daher gar nicht bemühen, heraus zu bekommen, wieviel ihrer sind, die sich an einem Bilde vergreifen, nicht weil es ihnen ein götzendienerischer Greuel ist, sondern just, weil sie glauben, dahinter steckt's! Wollen auch nicht fragen nach den Lästerern, die den Herrgott ausschimpfen, nicht nach denen, die es an seiner Statt immer besser zu machen wüßten, nicht nach jenen, die ihn stets mit dem Mund lobpreisen und durch jedes Thun verunehren, nicht nach den Verbitterten, welche ihm den Glauben aufkünden, wenn es nie und nimmer wird, wie sie es wünschen und ersehnen; nein, wir wollen nur, daß derjenige sich melde, der nie in seinem Leben eine Stunde hatte, wo er Gott wie einen seinesgleichen begreifen wollte und über ihn den Kopf schüttelte!

Meldet sich derjenige, so will ich gerne seine Meldung nachträglich bestätigen, bis dahin aber bleibe ich dabei, am Stocke allein liegt's nicht und in weiterem Sinne hat schon jeder Mensch einmal seinen Gott geprügelt!

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