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Kalendergeschichten

Ludwig Anzengruber: Kalendergeschichten - Kapitel 2
Quellenangabe
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typenarrative
authorLudwig Anzengruber
booktitleKalendergeschichten. ? Gedichte und Aphorismen
titleKalendergeschichten
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
seriesLudwig Anzengrubers Gesammelte Werke in zehn Bänden
volumeFünfter Band
printrunDritte durchgesehene Auflage
year1897
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die drei Prinzen.

Ein Märchen.

(1876.)

Es war einmal ein guter, alter König; böswillige Leute behaupteten zwar, er wäre so gut wie gar keiner gewesen, das heißt, man vermerkte es in seinem Reiche nicht, daß es da überhaupt einen Herrn König gäbe; aber er selbst war ganz davon überzeugt, denn als sein hochseliger Vater verstorben war, da kamen die Großen des Landes zu ihm und sagten: Geruhen Sie jetzt allergnädigst uns zu regieren! Er hatte damals gleich eine huldvolle Antwort zur Hand, denn er hatte es ja vorausgesehen, daß es so kommen würde und war nicht unvorbereitet und so übernahm er denn die Regierung und setzte die Jahre durch unter alle Schriftstücke, die es nötig hatten, seinen leserlichen Namenszug; gab es etwas Gutes für das allgemeine Beste, oder Belohnungen und Gnadenakte, da that er einen Mundsprung und es flog ihm das »Monosogoporibius I.«, so hieß er nämlich, nur von der Hand, als ob es eine einzige Silbe wäre; betraf es aber Steuerausschreibungen, Rügen oder etwa gar Strafen, da hatte er erst lange an der Feder herumzuschnitzeln, mußte sich noch länger auf seinen Namen besinnen und der Herr Hofsekretär, der ihm die Papiere zur Unterschrift unterbreitete, hatte stets auf der Hut zu sein, daß Seine Majestät sich nicht in der Zerstreuung statt der Streusandbüchse des Tintenfasses bediente; darum liebte ihn das Volk und er liebte es wieder.

Monosogoporibius I. war kinderlos, hatte aber drei Neffen, unter welchen ihm frei stand, seinen Thronfolger zu erwählen, das machte ihm denn schwere Sorge; obwohl er sich gestehen mußte, daß er sein ganzes Leben lang immer nur unterschrieben habe, und daß ein anderer – natürlich aber wieder nur ein Prinz – dasselbe zu leisten leicht im stande sein dürfte, so konnte er sich doch nicht verhehlen, daß Falle eintreten könnten, wo man seiner, Monosogoporibius I., bedauernd und klagend sich erinnern möchte, da er nur den einen Ehrgeiz hatte, seinem Volke nie eine Thräne gekostet zu haben, so hatte er sich recht gut mit dem Gedanken abgefunden, daß nach seinem Tode niemand im Reiche seinen Abgang fühlen dürfte und die Liebe zu seinem Volke ließ ihn wünschen, daß Zeiten ferne bleiben mögen, wo man den Tag seines Hintrittes als Verlust empfinden könnte.

Als Monosogoporibius seine Kräfte merklich abnehmen fühlte, dachte er ernstlich daran, sich für einen seiner drei Neffen zu entscheiden; er dachte zuerst an den mit der hübschesten Handschrift, da er aber immer gewohnt war, den Rat der Großen seines Reiches einzuholen, so berief er sie auch diesmal vor die Stufen seines Thrones. Der alte Herr im Königsmantel, mit Krone, Scepter und Reichsapfel sah prächtig aus, wie auch die hohen Herren in ihren Galaröcken, an denen Sterne und Kreuze funkelten, einen überwältigenden Eindruck machten.

Der König stellte seine drei Neffen der Versammlung vor, obwohl sie jeder, der zugegen war, schon von früher sehr gut kannte, aber das heißt man Zeremoniell, und das muß sein; dann hielt er eine lange Rede über Regententugenden, das wegen der Handschrift behielt er aber für sich, darauf sollten sie selbst kommen, das heißt man Staatsklugheit, die muß gerade nicht sein, aber es ist gut, wenn man davon hat. Als der König mit der großen Rede fertig war, fragte er die Versammelten, was sie dazu meinten.

Die Versammlung gestand zu, daß Tugenden für einen Regenten erforderlich wären, je mehr, je besser, so viel eben zu haben wären, doch müsse man sich auch zu begnügen wissen. Einige sagten, Monosogoporibius solle ihnen nur einen Regenten geben, die Tugenden wollten sie dem Auserwählten dann schon selber glauben machen.

Aber der alte König schüttelte den Kopf.

Endlich trat ein Greis vor.

»Edler Monosogoporibius,« sagte er, »du denkst billig und gerecht, wenn du nur jenen von den drei Prinzen auf den Thron zu setzen gewillt bist, welcher der würdigste ist; aber indem du uns die Wahl zuschiebest, setzest du uns in arge Verlegenheit: schnell könnte sich für jeden Prinzen eine Partei bilden, denn gleich würdig erscheint ja ein jeder; krönt man endlich einen von ihnen, so wird er Feind aller derer sein, die früher zu seinen Brüdern gestanden, abgesehen davon, daß man solchergestalt leicht alle brüderliche Liebe in ihren Herzen austilgen und der Bruderzwist bis zum Bürgerkriege ausarten könnte.«

Da trocknete sich der gute, alte König den Schweiß von der Stirne. »Du bist ein entsetzlicher Mensch,« sagte er zu dem Sprecher, »du bringst mich um die Ruhe meiner Nächte!«

»Geruhe mich allergnädigst weiter anzuhören,« fuhr der Greis fort; »ich habe von den Gefahren einer Wahl gesprochen, weil sie nicht alle Stimmen für einen Prinzen ergeben wird, und wenn Stimmenmehrheit entscheiden soll, die beiden andern sich empfindlich zurückgesetzt fühlen dürften. Es ist somit in diesem Fall für alle Teile gut, wenn uns keine Wahl gelassen wird, und wenn derjenige Prinz dir auf dem Throne folgt, dessen Eigenschaften die Probe halten.«

»Wie meinst du das?« fragte Monosogoporibius.

»Ich vermeine, erhabenster Gebieter, du solltest, solange noch dein Auge wacht, jeden der Prinzen, einen nach dem andern, zur Probe das Reich regieren lassen. Ihre Reihenfolge mögen sie unter sich durch Abmachung oder durch das Los bestimmen. Jeder regiert so lange, bis etwa das Land sich durch seine Mißgriffe genötigt sieht, dich wieder auf den Thron zu rufen, der aber soll dein Nachfolger sein, der selbst, nach wohlverbrachter Probezeit, zum Bedauern des Volkes das Scepter in deine Hand zurücklegt.«

Monosogoporibius gestand sich, der Vorschlag habe etwas Unerhörtes und die Höflinge meinten, den Alten habe der Teufel geritten.

Aber als man die Stimmen für und wider sammelte, da blieb es bei dem Unerhörten, denn es zeigte sich eine ziemlich starke Partei dafür, der sich denn auch einige Unentschlossene zugesellten und ihr so zur Majorität verhalfen. Diese Partei, munkelt man, wäre eigentlich die der erlauchten Schwägerin des Königs, der Mutter der drei Prinzen, und von ihr sei auch auf diesen Tag der ehrwürdige Sprecher, des Teufels Reitpferd, vorgeritten worden; das heißt man Intrigue, die muß zwar auch nicht sein, es ist auch nicht gut, wenn man davon hat, aber Hörensagen nach soll sie einen nicht am Fortkommen hindern.

Monosogoporibius I. gab mit einem tiefen Seufzer seine Einwilligung und die drei Prinzen dankten ihrem königlichen Oheim so demütig, als glaubten sie wirklich, er hätte schon heute früh morgens als freien Entschluß im Herzen getragen, was man ihm jetzt abends in den Mund gelegt, und der hohen Versammlung empfahlen sie sich so huldvoll und gnädig, als wären sie schon Könige, alle drei zusammen!

Wie das heißt, braucht nicht gesagt zu werden, das ist etwas von allgemeiner Umgangssprache, die von allem, was sie nicht Sprache haben will, Umgang nimmt.

Die Prinzen hatten, wie man bemerkt haben wird, eine kluge Frau Mutter, freilich nur klug in der Weise, wie man das häufig bei Frauen findet, die, was sie sich einmal in den Kopf gesetzt haben, auch durchzuführen wissen; es ist das eine artige Kunst, an die schon mancher hat glauben müssen.

Die hohe Frau konnte es gar nicht erwarten, ihre Söhne regieren zu sehen, und sie war außer sich vor Freude, als die drei Prinzen heimkamen und ihr berichteten, daß sich in der heutigen Versammlung herausgestellt habe, wie auch das Reich, in Anerkennung ihrer – der drei Prinzen nämlich – ausgezeichneten Eigenschaften, es gar nicht erwarten könne, von ihnen regiert zu werden.

»Liebe Jungens,« dachte die hohe Frau, »ihr wißt eben nicht, was ihr ›Muttern‹ verdankt.«

Mit Feierlichkeit schritt sie zu einem Schranke und holte daraus den verrosteten Kriegshelm ihres verstorbenen Gemahls hervor.

»Kinder,« sagte sie, »jetzt müßt ihr losen, damit man weiß, in welcher Reihenfolge ihr zur probeweisen Regierung gelangt. Ich werde hier in den ehrwürdigen Hauptschmuck eures höchstseligen Vaters, den er in so mancher heißen Schlacht getragen, ein weißes, ein grünes und ein gelbes Zettelchen werfen und ihr werdet ziehen! Erlauchte Söhne, hoffnungsvolle Pflanzen in der Baumschule der Zukunft dieses Landes! Ich habe die genannten Farben erwählt, weil das Bäumchen im Frühlinge weiß, im Sommer grün und im Herbste gelb erscheint und gleichwie der Frühling vorangeht, der Sommer folgt und der Herbst den Reigen schließt, so soll auch der, welcher die jungfräuliche Farbe des Frühlings zieht, als der erste den andern vorangehen; derjenige, welchen die hoffnungsgrüne Sommerfarbe trifft, ihm folgen und den Reigen soll jener schließen, welchem die gelbe Farbe zufällt, doch hoffe ich von seiner brüderlichen Liebe, daß er sich gelben Neides entschlagen werde!«

Die Prinzen fanden diese Rede ihrer erlauchten Frau Mutter sehr sinnreich und erbaulich.

Die hohe Frau hatte ihren beiden jüngeren Sühnen dabei freundlich und verheißungsreich zugelächelt, bei dem letzten Satze ihrer Rede jedoch den ältesten ernst angeblickt.

Die hohe Frau liebte nämlich überaus die beiden jüngeren Prinzen, welche sich noch in kindlicher Liebe an die Falten ihrer reichgestickten Robe schmiegten, während der älteste ihr nicht mehr als den schuldigen Respekt bezeigte, womit bekanntlich oft ganz ordinären Müttern nicht gedient ist, geschweige denn gar einer dreifachen Königin-Mutter! Hätte sie nach ihrem Herzen handeln können, sie würde dem jüngsten als dem ersten zum Throne verholfen haben, denn er war gar so herzig; aber es ist eine alte Klage in den Palästen der Großen dieser Erde, daß die Rücksicht auf das Wohl der Kleinen der Stimme ihres Herzens Schweigen auferlege; so auch hier, der jüngste Prinz war eben auch gar so jung.

Die Prinzenmutter schüttelte den Helm mit den Losen. »Kinder,« rief sie scherzend, »wer zuerst zulangen kann, der zieht auch zuerst!«

Da stürzten die beiden jüngeren Prinzen vor, der dritte aber blieb voll Anstand und Würde auf seinem Platze stehen, auch um ein Königreich wollte er sich nicht mit seinen erlauchten Brüdern balgen.

»Du willst ein König werden,« sagte der zweitältere zu dem jüngsten, »dir wird ja die Krone bis über die Nase fallen und die Füße werden dir vom Throne herabbaumeln.« Und er stieß ihn weg, griff in den Helm und die Mutter schob ihm geschickt das weiße Zettelchen in die Hand.

Dann kam der jüngste herzu, er meinte, aber die Mutter versprach ihm ein Zuckerbrot, da griff auch er in den Helm und sie schob ihm das grüne Zettelchen zu.

Nun trat der dritte heran und holte den gelben Zettel heraus, wobei die Prinzenmutter dachte, er werde wohl nie von dieser Thronanweisung Gebrauch machen können, da doch gewiß einer von seinen Brüdern schon allen Anforderungen entsprochen haben wird.

Nun war es bestimmt, wie die Prinzen der Reihe nach zur probeweisen Regierung gelangen sollten.

Nur eines gab es zu bedenken, die Zeit drängte, wo sollten die Prinzen in aller Eile die Regierungskunst hernehmen? Sie zu einem befreundeten Könige in der Nachbarstadt in die Lehre zu schicken, dazu war es zu spät, aber der greise Sprecher, der schon einmal die Sache der königlichen Schwägerin so gut geführt hatte, glaubte hier Rat zu wissen.

»Dreifache Frau Königin-Mutter,« begann er, »nicht weit von hier haust ein weiser Einsiedler, derselbe bewahrt den Schlüssel zu einer Höhle, welche viel Wunder umschließt, sie ist, wie mir erzählt worden, von sprachkundigen Geistern bewohnt und gar mancher, der später berufen war, die Welt durch seine Thaten und Werke in Erstaunen zu setzen, hat sich vorerst bei diesen Wesen Rates erholt. Ich denke, wir ließen immer den betreffenden Prinzen nach jener Höhle reisen, versehen ihn mit einigen erfreulichen Geschenken für den alten Pförtner derselben, denn auch weise Einsiedler thun nichts umsonst, und überlassen das Weitere der Fügung des Himmels. Es gleich, ohne diese Umstände, derselben zu überlassen, wäre zwar einfacher und käme auch billiger, aber es kann nicht schaden, wenn man heutzutage der himmlischen Fügung nach der gewünschten Richtung hin den Anstoß gibt.«

Der Rat war eben so gut gemeint als einleuchtend und so wurde er denn auch befolgt. Der zweitälteste Prinz reiste mit einem großen Gefolge nach dem Wohnsitze des weisen Einsiedlers ab.

Nach wochenlanger, beschwerlicher Fahrt gelangte man in eine greuliche Wildnis, rings starrten nackte Felsen zum Himmel, kein Baum, kein Strauch, ja kaum ein Halm war in der ausgebrannten Oede zu sehen, nur hie und da stand ein Kaktus mit brennend roten Blüten; man konnte nicht sagen mitten inne, denn nach gewöhnlichen Begriffen war ja eigentlich ringsherum nichts zu sehen, aber hier in dieser trostlosen Gegend befand sich die Hütte des weisen Einsiedlers.

Der Prinz pochte ungeduldig an, er erwartete wenig von hier zu holen und gedachte dieses Wenige auch so schnell als möglich wieder fortzutragen.

Der Einsiedler war ein freundlicher alter Herr, der, wie sich von selbst versteht, einen schneeweißen Bart hatte; er erschien sofort unter der geöffneten Thüre und lud den Prinzen ein, in die Hütte zu treten; der aber bedankte sich schön, sagte, er habe große Eile und brachte sein Anliegen vor, nämlich, daß er in die bewußte Höhle eingelassen sein wolle.

»Ohne alle Vorbereitung?« fragte der Einsiedler. »Soll ich dir nicht ein oder das andere Sprüchlein mit auf den Weg geben?«

»Sind die notwendig?« fragte der Prinz.

»Notwendig nicht, nützlich vielleicht,« sagte der Alte.

»Dann danke ich,« meinte der Prinz, »und du würdest mich sehr verbinden, wenn du ohne weiteres mir mit meinem Gefolge die Höhle erschließen würdest.«

»Dir wohl, Prinz,« sagte der Einsiedler, »aber deinem Gefolge mit nichten! Die Höhle darf nur einer allein betreten!«

»Nun denn, ich bin bereit, schließe auf!«

Da führte der Einsiedler den Prinzen nach einem hohen Felsen, an welchem sich eine eiserne Pforte befand, über dieser waren in Lettern aus gleichem Metall die Worte »Höhle der Phrasen« angebracht.

Der Alte löste das Schloß, bedeutete dem Prinzen, wenn er die Höhle werde verlassen wollen, nur von innen zu pochen, die verrosteten Angeln kreischten und der Prinz trat hinein in das Dunkel, hinter ihm schloß der Einsiedler wieder sorgsam die Thüre und blieb lauschend an derselben stehen. Die Herren des prinzlichen Gefolges hätten für ihr Leben gerne mitgelauscht, aber es konnte leider niemand hinzutreten, entweder war die Pforte zu schmal, oder der würdige Einsiedler zu breit, oder wohl auch beides zugleich; so bildeten sie denn, die hohle Hand am Ohre, einen den lauschenden Weisen belauschenden Halbkreis.

Es dauerte nicht lange, so sagte der greise Horcher an der Thüre: »Aha!«

Die lauschenden Hofleute ringsum sagten mit großer Befriedigung auch: »Aha,« denn sie wähnten, jetzt würden sie eines jener prächtigen, beschreibenden Selbstgespräche zu hören bekommen, welche sich auf der Bühne so gut ausnehmen, und durch dasselbe über den Stand der inneren Angelegenheiten in der Höhle unterrichtet werden. Leider pochte es unmittelbar darauf von innen, der Einsiedler schloß auf und der Prinz trat heraus. Wohl sah man ihm an, daß ihm etwas Außergewöhnliches begegnet sei, aber er trug auch eine freudige Zuversicht zur Schau. Der alte Weise machte bei dieser Wahrnehmung gar ein ernstes Gesicht und verneigte sich stumm, als der Prinz auf das freundlichste von ihm Abschied nahm.

Auf der Rückreise sagten die Herren des Gefolges unter sich noch oft mit bedeutsamen Mienen: »Aha,« um den Prinzen aufmerksam und glauben zu machen, daß sie schon um manches wüßten und nur darauf warteten, daß er sich über ohnehin schon Bekanntes etwas näher gegen sie ausließe; aber zu ihrem großen Verdrusse verlor er über den so hochinteressanten Gegenstand nicht ein einziges Wort. Also erreichten sie wieder die Residenz Monosogoporibius' I., und wie das auch anderen Leuten manchmal geschehen soll, kamen sie von der Reise nicht klüger zurück, als sie ausgezogen waren.

Der königliche Oheim empfing sehr huldreich seinen Neffen, übertrug demselben unter großen Feierlichkeiten die Regierung und zog sich auf ein stilles entlegenes Jagdschloß zurück. Sohin führte der zweitältere Prinz probeweise das Regiment.

Gleich in dem ersten Manifeste an seine probeweisen Völker frischte der neue Herrscher das Gedächtnis der grauen, heldenhaften Vorzeit auf, versprach diese Tage der Größe und Macht des Vaterlandes wieder aufleben zu machen und gab der Erwartung Ausdruck, daß jeder Patriot begeistert Folge leisten werde, wenn das Vaterland zu großen Thaten ruft.

Und nun hatte das Volk oft und vielmals der Stimme des Vaterlandes Folge zu leisten, denn dieses ward nicht müde, zu den Waffen zu rufen; aber dieser Ruf des Vaterlandes war nicht der klagende Weckruf gegen fremde Unterdrücker, nicht der entrüstete Aufschrei über mutwillig zugefügte Schmach und Ungerechtigkeit, nicht das tiefernste Grollen des Beleidigten, es war der gellende Hetzruf des Beleidigers!

Aber dieses immerwährende Schlagen und Kriegen war von ebenso andauerndem Glücke begünstigt, so daß der junge Regent bald seinen Namen gefürchtet, die Grenzen seines Reiches erweitert und seinen Staat alle anderen an Macht und Grüße überragen sah. Mit Stolz fragte er sich, wer nunmehr den wahnwitzigen Gedanken auch nur denken könnte, dem Gründer all dieser Herrlichkeit den Thron streitig machen zu wollen! Mit Grausamkeit beugte er in widerrechtlichen Kriegen besiegte Stämme unter sein Joch und mit noch größerer Härte verfolgte er die seiner Herrschaft Angestammten, welche etwa schüchtern die Stimme für den Frieden zu erheben wagten.

Indessen saß der gute Monosogoporibius auf seinem stillen Jagdschlosse. Tags über durchpirschte er den Forst, das heißt, er durchstreifte denselben mit seinem Gefolge, denn er selbst hatte nie eine Armbrust gehandhabt; dabei geschah es immer, gewiß nicht aus Neid über die Geschicklichkeit anderer, sondern lediglich aus Mitleid mit dem armen Getier, daß der beste Schütze wenigstens für den laufenden Tag in Ungnade fiel. Abends – das war er so gewohnt – mußte ihm sein alter Hofsekretär sauber geschriebene Schriftstücke zur Unterfertigung vorlegen, da waren Belobungen und Belohnungen an die Dienerschaft, ein Dekret, das den armen Vögelchen über die harte Winterszeit genügendes Futter bewilligte, welches immer »an im betreffenden Paragraphen genau ersichtlich gemachter Stelle« hinterlegt werden würde; ein anderes, das die Herstellung von »mit genügsamem Heu versehenen Remisen« zur Aesung des Wildes im Walde anordnete; nur eines, welches auch den Raupen und Engerlingen einige Freiplätze im kleinen Schloßgarten anweisen wollte, wurde über energische Einsprache des alten Gärtners fallen gelassen. Von Zeit zu Zeit ward auch einem alten Jagdhunde, für dessen während der Dienstzeit bewiesene Pflichttreue andere einstehen konnten, allerhuldreichst ein Gnadenbrot zugewiesen, wobei der alte König sich nie enthalten mochte, zu bemerken, daß er das Institut der Jagdhunde nicht billige, sondern nur als eine Notwendigkeit beklage, übrigens aber, wie unter alle Schriftstücke, seinen reinlichen, leserlichen Namenszug darunter setzte, denn es war doch eines mehr.

Aber nun wurde ihm schon längere Zeit sein stilles Jagdschloß verleidet, die Witwen und Waisen der zahllosen Krieger, die in den Feldzügen des Regenten gefallen waren, kamen in Scharen jammernd herbeigezogen und baten ihn um Erbarmen für das Land.

Was aber wollte der gute, alte König machen? Darauf durfte er ja nichts geben, das waren ja nicht die Großen des Reiches, das waren ja nur die Kleinsten und Aermsten, die ihn zurückverlangten. Da ward er, vielleicht zum erstenmal in seinem Leben, sehr zornig, verwünschte seinen Neffen, und um von dem ganzen Jammer nichts sehen und hören zu müssen, gebot er, die Fensterläden zu schließen und stopfte sich Baumwolle in die Ohren.

Mittlerweile aber kamen noch härtere Tage über das Land, die Grausamkeit des Regenten und seine nie rastende Kriegssucht zwangen endlich alle benachbarten Staaten in. ein großes Bündnis wider ihn, der Ueberzahl mußte er erliegen, er suchte und fand in offener Feldschlacht den Tod, und nun sah das arme Reich die ganze Zeche sich aufgekreidet, so daß es fast an seinem Bestände verzweifeln mußte.

In dieser Bedrängnis eilten denn auch die Großen des Reiches nach dem stillen Jagdschlosse, um die Krone an Monosogoporibius I. zurückzustellen. Der alte König war vor Freude außer sich, als er sie kommen sah, nicht darüber, daß er nun wieder regieren sollte, sondern weil er nun dem Jammer, soviel in seinen Kräften lag, abhelfen konnte.

Er vergaß ganz auf die Baumwollpfropfen in den Ohren, und der Sprecher der Deputation der Großen des Reiches mußte seine ganze Rede noch einmal hersagen, nachdem der König die Watte entfernt hatte.

Sofort eilte Monosogoporibius I. nach der Hauptstadt, mit seinem Erscheinen kehrte Mut in die Herzen seiner Unterthanen zurück, und da die siegreichen feindlichen Fürsten es nicht auf einen Verzweiflungskampf ankommen lassen wollten und überdem mit dem alten König persönlich befreundet waren, so gelang es ihm, einen leidlichen Frieden zu schließen, der das Reich in jenen Grenzen beließ, wie er es seinem zweitältesten Neffen übergeben hatte; leider waren damit im Innern die Spuren von dessen Regentschaft nicht ausgetilgt. Der jüngste Prinz hatte unterdem gerade jenes Alter erreicht, in welchem sein verstorbener Bruder zur probeweisen Regierung gelangte. Da nunmehr die Reihe an ihm war, so entschloß er sich gleichfalls, die geheimnisvolle Höhle aufzusuchen, aber er gedachte vorsichtiger zu sein. Auf der Reise dahin forschte er jene Herren seines Gefolges, welche schon das erste Mal mit gewesen waren, genau über das Wenige aus, das sie wußten.

Wieder erreichten sie jene traurige Oede und der Prinz, dem die Reise viel Beschwerde gemacht, brannte schon vor Begierde, die Höhle zu betreten, um nach rascher Erledigung seiner Geschäfte an die Heimkehr denken zu können. Er pochte an der Hütte des weisen Einsiedlers; dieser erschien sofort unter der Thüre und lud den Prinzen ein, Rast zu halten; der aber bedankte sich schön, sagte, er habe große Eile, und brachte sein Anliegen vor, nämlich, daß er in die bewußte Höhle eingelassen werden wolle.

»Ohne alle Vorbereitung?« fragte der Einsiedler. »Soll ich dir nicht ein oder das andere Sprüchlein mit auf den Weg geben?«

Auf diese Frage war der Prinz durch seine Begleiter schon vorbereitet; er wollte es sich mit dem, wie es schien, redseligen Alten nicht verderben und so antwortete er: »Das mag wohl nicht notwendig, aber vielleicht doch nützlich sein, sage mir ein solches Sprüchelchen.«

Da wiegte der alte Einsiedler das Haupt und sagte: »Vor allem merke dir dies:

Bleib dir getreu nur,
Laß dich nicht irren.
Was auch die Tiere
Brüllen und girren!«

»Das ist barer Unsinn,« dachte der Prinz bei sich. »Wie werde ich mir denselben merken?« Er hatte nämlich ein sehr schwaches Gedächtnis.

»Das ist das erste,« sagte der Alte.

»Sind ihrer denn mehrere?« fragte der Prinz.

»Es sind mehrere,« sagte verdrießlich der Einsiedler.

»Dann verzichte ich darauf,« sagte verbindlich der Prinz. »Du würdest mich aber sehr zu Dank verpflichten, wenn du mir sagen könntest, was meinem höchstseligen Herrn Bruder in der Höhle begegnet ist.«

»Ich darf zu keinem über die Geheimnisse der Höhle sprechen, der sich nicht vorbereiten lassen will, und dazu ist nötig, daß er alle meine Sprüchlein erlernt.«

»Das ginge mir ab,« sagte der Prinz stille für sich, und dann laut: »Vielleicht aber könnte ich doch erfahren, wie ich dem Geschicke entgehen kann, das ihn betroffen hat, denn daran liegt mir vor allem.«

»Da brauchst du nur zur ersten Erscheinung, die dir entgegentritt, zu sagen:

Haß ist stets ein traurig' Erbe,
Oft der Sieg ein ungerechter,
Krieg sei nimmer ein Gewerbe
Und der Held, er sei kein Schlächter!«

»Gerechter Himmel,« klagte der Prinz, »das klingt nicht viel klüger als das erste, wie werde ich das behalten können? Ich bitte, sage mir das noch einmal!«

Und der geduldige Alte sagte den Spruch noch einmal, dann auf allerhöchstes Verlangen ein drittes Mal und nachdem er ihn so ein Dutzend Mal wiederholt hatte, gestand sich der Prinz, daß man mit ein wenig Mühe, die man anderen mache, sich derlei ganz gut merken könne.

»Nun schließe mir nur auch rasch die Höhle auf,« sagte er, »damit ich den Spruch gleich vor der ersten Erscheinung hersagen kann, ich hoffe, sie wird doch so artig sein und sich blicken lassen, bevor ich ihn vergesse.«

Der Einsiedler löste das Schloß an der eisernen Pforte, bedeutete dem Prinzen, wenn er die Höhle werde verlassen wollen, nur von innen zu pochen, und die verrosteten Angeln kreischten –

»Halt einen Augenblick,« sagte der Prinz, ehe er in das Dunkel hineintrat. »Wie geht das Silben- und Reimgetrommel, das du mich gelehrt hast? Sieg ist stets ein traurig Erbe ...«

»Haß, Haß,« verbesserte der Einsiedler.

»Ach ja, ich weiß es nun schon,

Haß ist stets ein traurig' Erbe,
Und der Sieg, er sei kein Schlächter!«

»Du lieber Himmel,« sagte der Alte und schlug die Hände über dem Kopfe zusammen.

»Nun, nun,« meinte huldreich der Prinz, als gälte es, den Einsiedler über eine von dessen eigenen Angelegenheiten zu beruhigen. Dann ließ er sich das Sprüchlein noch einmal vorsagen und dann hatte er es weg und trat hinein in die Höhle.

Hinter ihm schloß der Einsiedler wieder sorgsam die Thüre und blieb lauschend an derselben stehen. Die Herren des prinzlichen Gefolges hätten für ihr Leben gerne mitgelauscht, aber – doch das ist ja schon einmal erzählt worden und hat sich auch jetzt zum zweitenmal nicht anders zugetragen.

Es dauerte wieder nicht lange, wenngleich ein wenig länger als das erste Mal, da pochte es von innen, der Einsiedler schloß auf und der Prinz trat heraus. Er hatte den Blick andächtig gen Himmel gerichtet, dann senkte er ihn demutsvoll zur Erde, faßte die Hand des Einsiedlers und drückte sie an die Lippen, aber der alte Weise machte wieder gar ein ernstes Gesicht und verneigte sich stumm, als der Prinz beim Abschiede bat, ihn in das Gebet mit einzuschließen. Die Rückreise ging genau so von statten wie das erste Mal und wenn die Herren vom Gefolge etwas mehr wußten als damals, so war dies gewiß nicht die Schuld des Prinzen.

Der königliche Oheim empfing auch diesen seinen zweiten Neffen sehr huldreich und übertrug demselben unter großen Feierlichkeiten, aber mit ein wenig bangem Herzklopfen, die Regierung, worauf er sich wieder nach seinem stillen Jagdschlosse begab.

Nun begann unter dem jüngsten Prinzen die zweite Regentschaft. Er ließ sich jedoch anders dazu an, wie sein höchstseliger Herr Bruder. In seinem ersten Manifeste lobpries er Gott und die friedsamen, guten, alten Zeiten und versprach, unter des ersteren mächtigem Beistande deren festen Glauben und ehrsame Zucht und Sitte im Reiche wieder herzustellen: alle Patrioten waren höflichst eingeladen mitzuthun!

Der Hof des neuen Herrschers wimmelte bald von Leuten, welche alle versicherten, daß sie nur das Reich Gottes suchten, wobei sie freilich verschwiegen, daß sie auch auf eine Reichsverweserstelle in demselben rechneten, aber das war ja selbstverständlich, denn dem getreuen Knechte gebühret sein Lohn und daß ihnen derselbe, vermöge ihrer Verdienste, schon lange zugedacht war und nur die böse Welt sich weigerte, ihn herauszugeben, das fühlten sie gar wohl. Wollten sie also dazu gelangen, so durften sie keine Zeit verlieren und mit der argen Welt nicht spaßen.

Da waren im Reiche böswillige Neuerer, die schrieben in ihren Büchern nicht wie die Rechtgläubigen »GOTT«, sondern ganz unehrfürchtig »Gott«; freilich brauchten sie Ausflüchte, meinten, die Buchstaben hätten nichts mit der Ehrfurcht zu schaffen und »Gott« geschrieben, hieße nicht »GOTT« gelästert: aber man weiß, was man von so spitzfindigen Vorwänden zu halten hat, daß sich immer bei Streiten über Rechtschreiberei viel Rechthaberei breit macht und daß sich hier der ungläubige Wolf in ein orthographisches Schaffell hüllte. Was sollte man mit solchen verrotteten Gemütern beginnen, denen Gott nur für ein gewöhnliches Hauptwort galt, und welche auch dem Teufel die gleiche Ehre erwiesen?!

Um durch die Duldung dieses ketzerischen Gebarens die Rechtgläubigen nicht irre zu führen, sondern vielmehr zu überzeugen, daß sie mit ihren Anschauungen in der Mehrzahl und in der Macht, somit im Rechte seien, ließ der junge Herrscher ein Dekret ergehen, welches die »neuere Rechtschreibung in göttlichen Dingen« verdammte und den Anhängern derselben freistellte, binnen vierzehn Tagen das Reich zu verlassen oder ihrem Irrtume gänzlich zu entsagen, mit dem Bemerken jedoch, daß jeder, der im Lande verbleibe, für einen Rückfall in seine früheren verdammlichen Ansichten auf das härteste bestraft werden würde; gegen solche Rückfällige wurden auch unter einem alle ehrliebenden Patrioten zu Anzeigen, wenn auch ohne Unterschrift, höflichst eingeladen.

Zwei Dritteile der orthographischen Ketzer, welche eine flinke Hand schrieben und fürchteten, es möchte ihnen das bewußte Wort oftmal unversehens in der verpönten Schreibeweise aus der Feder fließen, zogen es vor, auszuwandern; die andern, welche bedachtsamer ihre Buchstaben malten, dachten, sie würden sich schon an die vier großen Schriftzeichen in einem Worte gewöhnen können. Aber die Gewohnheit spielte doch manchem arge Streiche und das Gericht, das der Fürst für solche Falle eingesetzt hatte, ließ nicht mit sich spaßen.

Es dauerte auch nicht lange, so wimmelte es von Anzeigen ohne Unterschriften. Scherz wurde mit gutem Vorbedacht als Ernst genommen, Mutwille als Frevel; ja, persönliche Feindschaft scheute sogar nicht davor zurück, die Schreibhefte eines verhaßten Gegners zu fälschen und das Gericht kannte nur eine Strafe, den Tod durch Feuer.

Nicht lange hatte der gute Monosogoporibius I. auf seinem stillen Jagdschlosse gehaust, so wurde sein Friede wieder gar arg getrübt; so oft er auszog, begegneten ihm Scharen von Auswanderern, Männer, Weiber und Kinder, welche der Schrecken aus dem Lande scheuchte, wehmütig grüßten sie stets ihren alten, guten König, und Tag für Tag und immer zahlreicher strebten die Züge der Grenze zu; als aber eines Tages verzweifelnde Hinterbliebene von sogenannten Ketzern vor dem Schlosse Asche und verbrannte menschliche Gebeine auf den tiefgrünen Rasen streuten, da schluchzte der alte Mann laut auf, man sieht, er war kindisch geworden, wer wird denn weinen?

Als er aber seine Thränen getrocknet hatte, da sammelte er seine wenigen Diener, bestieg ein Pferd, aber da er gar schwach war, mußten ihn zwei Leute rechts und links stützen, und so zog er der Hauptstadt zu; auf dem Wege kehrte jede Auswandererschar um und schloß sich ihm an, in Dörfern und Städten, wo er vorüberkam, ließen sie die Arbeit liegen und stehen und ein unermeßliches Menschengewoge wälzte sich brausend gegen die Residenz heran.

Ja, man wußte dort gar nicht zu deuten, was das war, als aber Monosogoporibius nach der Stadt hineinschickte und sagen ließ, er fordere seine Krone zurück, da rannte alt und jung vor das Thor hinaus zu ihm, und die Großen des Reiches, welche doch nicht ganz allein darinnen verbleiben wollten, entschlossen sich rasch mitzurennen, und da es ihnen sehr schicklich schien, die Krone zur Hand zu haben und wie aus eigenem Antriebe gleich anzubieten, so riß der letzte, der in der Eile aus dem Königssaale entlief, dieselbe etwas unsanft dem jungen Fürsten vom Haupte.

Dieser ärgerte sich nicht wenig und fand es nicht in der Ordnung, daß er mitten in seiner segensreichen Regierung also unterbrochen wurde, denn er hoffte an dem Feuer, an dem er die eine Hälfte seiner Unterthanen briet, würde auch die andere Hälfte für seine Herrschaft gar werden; da ihm nun diese Aussicht benommen war, ging er in ein Kloster.

Draußen vor der Stadt trafen die Großen des Reiches auf unabsehbare Menschenmassen, die einen hinfälligen Greis umjubelten, der mühselig, von anderen unterstützt, zu Pferde saß und auf alle Zurufe kindlich froh lächelte; aber wehe dem, der über ihn gelacht hätte! Dieser Greis, das wußten alle, trug zur gegenwärtigen Stunde in seiner Brust das Herz des Landes und für sein Fühlen und Empfinden standen Millionen Arme und Fäuste ein.

Die Großen des Reiches gaben die Krone wieder in seine Hand zurück und ihr Sprecher hielt dabei eine minder schöne Ansprache, wie das erste Mal, wo er Zeit hatte, sich gehörig darauf vorzubereiten. Dem alten König war recht bange wegen seines dritten Neffen, selbst die Prinzenmutter, seine erlauchte Schwägerin, warf sich ihm zu Füßen und bat, ihrem ältesten Sohne die Probe zu erlassen, und sollte er damit auch alle Ansprüche auf den Thron verwirken. War es gekränkte Mutterliebe, die es nicht mit ansehen wollte, daß gerade das am wenigsten geliebte Kind etwa erreichen könnte, was den beiden anderen Heißgeliebten versagt war? Oder war es wirklich besorgte Mutterliebe, die den letzten der Söhne nicht auf ein so gefährliches Spiel setzen wollte? Wer weiß es zu sagen? Vielleicht war es beides zugleich.

Aber Monosogoporibius I. sagte sich, daß nach seinem Ableben doch dieser dritte Neffe sein nächster Erbe sein würde und eben darum sollte auch er seine Probe ablegen, entweder er beruhigte ihn dadurch über die Zukunft seiner ohnehin schwer geprüften Unterthanen oder er verfehlte gleichfalls seine erhabene Aufgabe, dann sollte es die letzte Sorge des greisen Königs sein, einen würdigen Herrscher für das Reich aufzufinden.

Und so sah denn das Land mit banger Erwartung und mit wenig Hoffnung den letzten Prinzen aus seinem Fürstenhause den gleichen Weg dahinziehen, den vor ihm seine Brüder zurückgelegt hatten.

Als nun die traurige Oede wieder erreicht war und der Prinz der Hütte des weisen Einsiedlers ansichtig wurde, da erfüllte Wehmut sein Herz, denn er gedachte seiner Brüder, und ganz leise pochte er an.

Der Einsiedler erschien wie jedesmal allsogleich unter der Thüre und lud den Prinzen ein, Rast zu halten.

Dieser folgte der Einladung, ließ für sein Gefolge Zelte aufschlagen und befahl demselben, sich unterdes zu lagern.

Als nun der Prinz mit dem Einsiedler in dessen Hütte allein war, sagte er demselben, daß auch er gekommen wäre, die bewußte Höhle zu betreten, und als der Alte darauf, wie gewöhnlich, fragte: »Ohne alle Vorbereitung? Soll ich dir nicht ein oder das andere Sprüchlein mit auf den Weg geben?« Da sagte der Prinz: »Sei Gott vor, daß ich deine hilfreiche Hand von mir weise! Ich weiß nicht, worin es meine Brüder verfehlt haben, aber ich bin es dem Lande schuldig, das durch sie so schwer gelitten hat, nichts zu verabsäumen, was mich etwa in den Stand setzen könnte, demselben zu nützen.«

Darauf meinte der Einsiedler: »Ich weiß dir aber nicht zu sagen, wie lange Zeit du damit wirst verbringen müssen, um dann ohne Fahrnis die Höhle betreten zu können.«

»Weiser Vater,« entgegnete der Prinz, »wie kann mich das abschrecken, da ich doch bereit bin, die eine Hälfte der Tage, die ich noch zu leben habe, dahinzugehen, wüßte ich dafür die andere Zeit über mein Volk glücklich und zufrieden zu machen!«

Da lächelte der Einsiedler gutmütig: »Mein Sohn, ich sehe, es ist schon an der Zeit, dich in die ›Höhle der Phrasen‹ einzulassen!« Dann aber begann er ernstlich sich mit ihm zu besprechen und ihn in allem, was erforderlich war, zu unterweisen.

Zum nicht geringen Verdrusse der Herren des Gefolges, welche in dieser Wildnis alle gewohnten Annehmlichkeiten entbehren mußten, verbrachte der Prinz drei lange Tage mit seinem Lehrmeister; am Morgen des vierten Tages öffnete ihm dieser die eiserne Pforte und der Prinz trat in die Höhle.

Hinter sich hörte er wieder sorgsam schließen.

Es ist ein alter Erfahrungssatz, von dessen Richtigkeit nunmehr auch der Prinz Gelegenheit hatte, sich zu überzeugen, – daß man im Dunkeln nichts sieht.

Da stand er nun.

Muß das Auge wegen Mangel an Licht feiern, dann eilen alle anderen Sinne dem geängstigten Körper zu Hilfe und schärfen sich zu dessen Dienst, besonders Gehör und Gefühl. Der Prinz vernahm deutlich, wie rings von den Wänden der Höhle mit gleichmäßigem Geräusche schwere Tropfen niederschlugen, das war so eintönig und wirkte so verstimmend, daß er mit Ungeduld die weitere Entwicklung seines Abenteuers herbeisehnte.

Jetzt fühlte er an einer leisen Luftwelle, daß es rings in der Höhle sich zu regen und zu bewegen begann, wie ein Geflüster wehte es durch den Raum; aber wieder wurde es ganz stille und war nichts zu hören als die fallenden Tropfen.

Sein Auge, nun an die Dunkelheit gewöhnt, versuchte ganz umsonst, auch nur von den nächstliegenden Gegenständen einen ungefähren Umriß zu erraten. Er erschrak fast, als eine volltönende Stimme unmittelbar an seiner Seite begann:

»Das Leben ist schal und leer, der Mensch muß es mit eigenen oder fremden Thaten schmücken, ein Mensch muß den andern dahinreißen in das Ungemeine! Was ist das Gewaltigste, das du als Mensch vermagst? Ein Held zu sein! Furcht und Verehrung zu erwecken unter denen, die mit dir über die Erde wallen, und deinen Namen den künftigen Geschlechtern zu überliefern! Es ist der einzige Wurf, der im Gelingen wie im Fehlschlagen dir den gleichen Lorbeer bringt! Nicht nur im Siege bist du groß, auch im Untergange, wenn du im erhabenen, heroischen Wahnsinne Reich und Volk neben dich auf die Walstatt bettest! Millionen gewaltiger Geister danken dir für den hochgehenden Wellenschlag ihres Lebens, die dumpfe Menge betet dich an, weil du sie, ein Gott, der Armseligkeit ihres Daseins entrissen hast! Du lehrtest sie, das Leben für das Leben freudig einsetzen, du bietest ihnen, an deines Namens Hoheit geknüpft, ein unsterblich Sein in den Sängen der Dichter, in den Liedern des Volkes! Sie schulden dir die ganze Summe ihres Daseins, darum darfst du sie auch von ihnen fordern! Das ist der Helden heilig Vorrecht!«

Da sprach der Prinz leise:

»Bleib dir getreu nur,
Laß dich nicht irren,
Was auch die Tiere
Brüllen und girren!«

Da leuchtete ein fahler Schein auf, und dem Prinzen wurde die Gestalt sichtbar, welche obige Worte an ihn gerichtet hatte, es war ein Tiger.

Da sprach der Prinz sofort:

»Haß ist stets ein traurig' Erbe,
Oft der Sieg ein ungerechter,
Krieg sei nimmer ein Gewerbe,
Und der Held, er sei kein Schlächter!«

Da brüllte der Tiger auf und verschwand, und nachdem das Echo in der Höhle verhallt war, begannen wieder die Wasser eintönig von den Wänden zu tropfen.

Nach einer Weile hörte sich der Prinz wieder, diesmal aber von einer sanften Stimme angesprochen:

»Gott ist unser aller Vater! Auf Erden gibt es nur eine große einzige Gottesfamilie, selbst für die entarteten Söhne stehen die Wohnungen im Hause des Vaters bereit, aber – wehe – sie streifen lieber in der Irre umher und versuchen auch die anderen Gotteskinder irrezuführen. Sie suchen sie durch Hohn und Spott, durch List und Vergewaltigung abwendig zu machen von ihrem frommen Glauben, von ihrer einfältigen Sitte! Zeugt es nicht für die Wahrheit ihres Glaubens, ihrer Hoffnung, ihrer Liebe, daß die Millionen frommer Gemüter friedfertig dem Spotte von etlichen Tausenden Irregeleiteten standhalten? Gibt es etwas Erhabeneres für einen Gewaltigen, als die Schwachen zu schützen? O, werde ein Streiter für deren heilige Sache! Steht nicht geschrieben, denen, durch welche Aergernis kommt, wäre besser, mit einem Mühlsteine um den Hals zum Grunde des Meeres versenkt zu werden? Willst du Erbarmen kennen, wo das Erbarmen allein bei Gott steht? O, lasse nicht Millionen in ihrem heiligen Glauben irre, in ihrer beseligenden Hoffnung wankend machen, laß ihnen nicht ihren einzigen Trost in dieser Welt des Jammers und der Trübsal rauben, damit die Schwachen, in denen Gott mächtig ist, dir deinen Thron stützen, deinen Namen für alle Zeit lobpreisen und du selbst dereinst eingehest in Gottes Reich und Herrlichkeit! Amen!«

Da sagte der Prinz wieder leise das erste Sprüchlein, und im fahl aufzuckenden Lichte stand ein Lamm an seiner Seite, und da sprach er:

»Auch beim Spott der schärfsten Denker
Halt sich echter Glaube rein,
Und auf Erden kann der Henker
Nimmer Gottes Anwalt sein!«

Da blökte das Lamm gar kläglich und verschwand, und wieder ward es stille wie zuvor.

Nach einer Weile begannen zwei Stimmen neben ihm zu sprechen, eine scharfe, schneidige führte das Wort und die andere zischte manchmal eine Bemerkung dazwischen.

»Klug gehandelt!« sagte die erste Stimme. »Es ist viel ehrender, dem eigenen Kopfe alles zu verdanken, als fremden Fäusten! Fehlten diese, was würde wohl aus manchen Größen? Ich frage!« –

»Staub sollten sie fressen und doch nicht klug werden bei dieser Kost,« zischte lachend die andere Stimme.

»Genug Bausteine für unvergängliche Größe,« fuhr die erste Stimme fort, »findet der kluge Kopf an den schwachen Köpfen seiner Mitlebenden. Reizt dich ein Besitz, locke oder schrecke den Eigner heraus. Steht dir jemand im Wege, lehre ihn selber die Schlinge drehen, in der er sich fangen muß. Wer dir droht, den schmeichle ins Verderben. Wer dir schmeichelt, dem mißtraue. Krumme Wege, aber sicher.«

»Krumme Wege, kluge Wege,« zischte die andere Stimme.

»So wird dein Besitz sich mehren, deine Feinde sich mindern, dein Wort mehr als ein Schwertstreich wiegen, du wirst gefürchtet und bewundert sein. Allüberall in der Natur erweiset sich das Klügere dem Stärkeren überlegen und mit urew'gem Rechte gebrauchest du des Geistes Uebermacht! Von dir abhängig fühlen sich die Beschränkten und als dem Klügeren handlangern die Klugen dir, denn ohne dich steht doch nichts zu erreichen, und du wirst aller Zweck und Mittel, indem du als aller Mittel Zweck dich selber setzest!«

Da sprach der Prinz leise den ersten Spruch und sah im Aufleuchten des fahlen Scheines Fuchs und Schlange neben sich. Er sprach sofort:

»Wohl hat List auf krummen Wegen
Manchen nach dem Ziel gewiesen.
Aber seines Namens Segen
Wird von Sklaven nur gepriesen!«

Da verschwanden auch Fuchs und Schlange und kurz darauf, als hätte sie es nicht abwarten können, daß sie zu Worte komme, begann eine geschraubte, näselnde Stimme:

»Eh, langweiliges Volk da, miteinander! Was? He? – Floskeln, Phrasen, Worte, Flausen – weiter nichts! Was? He? – Bin froh, nur einmal einzig vernünftiges Wort aussprechen zu können, heißt: Genuß! Genuß, was? He? Nicht? – Wozu sonst auf der Welt, als wegen Genießen? Was sonst Zweck und Verstand im ganzen Universum, als Genießen? Was sonst göttliches, natürliches, politisches, eh, soziales Recht, als Genießen?! Alles andere Unsinn! Was? He? Leben sonst gar nicht der Mühe wert. Staat schafft Industrie, Natur schafft Kunst, beide: Komfort! Wozu sonst feuriger Wein gewachsen, wenn nicht sollte getrunken werden? Wozu sonst hübsche Frauen und Mädchen ...«

Lachend unterbrach der Prinz den Redner mit dem ersten Sprüchlein, und neben ihm stand ein Affe.

Der Prinz griff in die Tasche und gab ihm einen Apfel. »Da genieße!«

Der Affe dankte sehr artig und verschwand.

Wieder ward es stille, aber ganz stille, selbst das Geriesel der Tropfen hatte aufgehört, da schritt es durch das Dunkel auf den Prinzen zu, er fühlte seine Rechte von einer warmen Menschenhand ergriffen und er vernahm folgende Worte:

»An allem erfreu
Die offenen Sinnen,
Und bleib dir getreu
Bei jedem Beginnen!«

Der Prinz hielt die Hand des Sprechers, die sich sanft aus der seinen lösen wollte, fest, denn die Stimme klang ihm gar bekannt, und er wollte eben eine Frage stellen, als sich von der eisernen Pforte her ein ungeheurer Lärm erhob und dieselbe, von wuchtigen Axtschlägen zertrümmert, einbrach, durch die entstandene Lücke drangen gleich hinter dem zuströmenden Tageslichte die Herren vom Gefolge herein. Diesmal hatte es doch gar zu lange gedauert, sie hatten sich müde geängstigt und gehorcht, denn diesmal konnten sie lauschen, der Einsiedler hatte kurze Zeit nach des Prinzen Eintritt seinen sonstigen Posten verlassen; sie waren daher sehr erstaunt, den Alten hier mit dem Prinzen Hand in Hand zu treffen, vielleicht nicht weniger erstaunt als der Prinz selbst, der sich nun von ihm aus der Höhle leiten ließ.

Der Prinz hieß sogleich alles zur Rückreise rüsten, es war auch sehr bald alles zum Aufbruche bereit, denn die Herren des Gefolges, welche sehr froh waren, fortzukommen, hatten schon alle Vorbereitungen in dieser Hinsicht getroffen.

Bis das Pferd vorgeführt wurde, hatte der Prinz schweigend neben dem alten Weisen gestanden, jetzt, bevor er sich in den Sattel schwang, umarmte er den ihm lieb gewordenen Berater und dieser faßte ihn zum Abschiede noch einmal an der Hand und sagte:

»An allem erfreu
Die offenen Sinnen
Und bleib dir getreu
Bei jedem Beginnen!«

Lange blickte er den Dahinziehenden nach und lange noch wandte der Prinz sein Pferd.

Monosogoporibius I. empfing mit gewohnter Güte seinen dritten Neffen und nachdem er ihm gleich den andern probeweise das Regiment übertragen hatte, zog er sich wieder auf sein Jagdschloß zurück. –

Jahre vergingen, seine Ruhe wurde nicht gestört, er war uralt geworden und fühlte sein Ende nahe, da ließ er eines Tages alles zur Reise rüsten, bestieg eine Sänfte und ließ sich durch das Land nach der Hauptstadt tragen.

Sie waren eine Tagreise weit gekommen, da fragten die Leute am Wege bei den Herren des Gefolges an, wer denn da so vornehm reise.

»Nun,« sagte einer der Herren, »euer König!«

»Ei, Herr,« sagte ein alter Bauer, »Ihr wollt Euch wohl über arme Leute lustig machen! Aber unseren König kennen wir wohl, der ist noch in den besten Jahren, und so kann er doch nicht über Nacht zusammengeschnorrt sein, wie der da in der Sanfte!«

»Aber,« sagte der Herr vom Gefolge, »das ist doch euer rechter und wahrhafter König, Monosogoporibius I.«

Da zog der Bauer die Mütze und sagte: »Je der Tausend, ich hätte nicht gedacht, daß der noch lebt! Nun lebe er noch tausend Jahre, vorausgesetzt, daß das ihn selber nicht verdrießen möchte! Das war ein gar schönes Stück von ihm, wie er das Ketzerbraten im Lande eingestellt hat, da war ich selber noch als lediger Bursche dabei. Nun, Gott tröste ihn! Nichts für ungut, man kann es fast nicht glauben, daß er noch leben soll! Aber nicht wahr, den jetzigen nimmt er uns nicht weg? Das wäre hoch gefehlt. Ah, das wird er wohl nicht?«

»Nein, nein, das wird er nicht!« lächelte Monosogoporibius I. seelenvergnügt in der Sänfte.

Sein Neffe holte ihn, sobald er von seinem Nahen unterrichtet wurde, mit allen Ehren ein. Monosogoporibius I. aber merkte seine letzte Stunde gekommen, er versammelte im Königsschlosse alle Großen des Reiches um sein Sterbebette, und außen um den Palast drängte sich das Volk. Noch einmal, das letzte Mal, mußte sein alter Hofsekretär ihm ein Schriftstück unterbreiten, das Testament; das war nicht so schön geschrieben, man sah den Buchstaben an, daß manchmal die Hand des Schreibers leise gezittert hatte, der alte König warf ihm einen strengen Blick zu, aber als er ihm die Feder abnahm, drückte er ihm wieder leise die Hand. Der dritte Neffe wurde zum Erben des Reiches eingesetzt und hatte den Namen Monosogoporibius II. zu führen.

Er mußte auf den Wunsch seines erlauchten Oheims sogleich das Manifest über seinen Regierungsantritt dem alten Hofsekretär in die Feder diktieren.

Der Neffe gab erst dem Schmerze über den Verlust seines Oheims mit wenigen, aber liebevollen Worten beredten Ausdruck, dann sagte er, er erneuere nur das Versprechen, das er in seinem ersten Manifeste seinen Völkern gegeben habe, so zu regieren, daß sie es nur merken sollten an der Wohlfahrt des gemeinen Wesens.

Dann mußte er unterschreiben, der Sekretär reichte dem alten Könige, der freudig aufgehorcht hatte, das Blatt, und als Monosogoporibius I. in sicheren und schönen Zügen »Monosogoporibius II.« las, da war er ganz über die Zukunft seines Landes und Volkes beruhigt und verschied mit einem frohen Lächeln.

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