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Kalendergeschichten

Ludwig Anzengruber: Kalendergeschichten - Kapitel 15
Quellenangabe
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typenarrative
authorLudwig Anzengruber
booktitleKalendergeschichten. ? Gedichte und Aphorismen
titleKalendergeschichten
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
seriesLudwig Anzengrubers Gesammelte Werke in zehn Bänden
volumeFünfter Band
printrunDritte durchgesehene Auflage
year1897
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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's Moorhofers Traum

Ein lehrreiches Lesestück

(1884)

Der Moorhofbauer war ein rechter Streithansl; wieder einmal hatte er im Wirtshause sich die guten alten Zeiten über den grünen Klee gelobt, wogegen freilich der alte Schulmeister dies und das und eins und 's andere aufzählte – war eine lange Litanei gewesen – und zum Schlusse noch bedauerte, daß bisher immer und allzeit den Bauern Ab- und Aufhilfe nur von anderweit gekommen wäre und sie niemals was Rechtes hätten dazu thun wollen.

Das wär' auch ganz Rechtens gewesen – schrie der Moorhofer auf den Alten ein – und für einen Schulmeister hätt's gar keinen Schick, da mit dreinzureden, denn der sei nicht wie ihrer einer und verständ' 'n blauen Teuxel, was 'n Bauern anginge! Alle Ab- und Aufhilfe möcht' geblieben sein, wo sie wollte, hätt' man lieber alles gelassen, wie's vormaleinst war, hätt' keiner anders gethan wie die Urehneln, so wär' heuttags noch die gute alte Zeit im Land. Das sag' er – der Moorhofbauer – und wer es anders wüßte und meinte, der solle es nur sagen! Damit schlug er in den Tisch, daß die Gläser tanzten.

Er war bekannt dafür, daß er von seinesgleichen keinen Widerspruch ertrage, und so blieb es denn um den Tisch und in der Stube mäuschenstill, denn es wollte sich keiner der Gefahr aussetzen, sich etwa mehrere solcher Schläge, wie der Moorhofer zur Probe einen in den Tisch gethan, auf den Rücken zu laden; so sah sich denn der Bauer noch einmal im Gefühl der Rechthaberei die rings sich Duckenden und Gebenden von oben herab an, zahlte und ging.

Bald streckte er sich recht behaglich im Bette, denn er hatte nicht weit nach seinem Hofe. Als er so stille lag im Halbdusel, stritten sich in seinem Kopfe, unter dem Einflusse eines leichten Räuschchens, seine eigenen Gedanken mit der Einrede des Schulmeisters, denn etwas von derselben war doch hängen geblieben. Der Moorhofer schimpfte schließlich den Alten im Geiste zusammen, gab ihm viele Namen, nur keine guten, und erklärte alles für dummes Zeug, nur die gute alte Zeit nahm er aus und die Urehneln ... dann schnarchte er und begann zu träumen.


Der Moorhof war der Moorhof – ei ja – denn unmittelbar in der kleinen Thalmulde, an welcher er angebaut war, und wo jetzt eine saftige Wiese lag, stand Wasser und gärte der Boden und trug Sumpfpflanzen, und wieder war's der Moorhof nicht, denn das feuergefährliche plumpe Strohdach, das auf der Hausung lag, mochte ihm nicht gefallen, indes die selber auch nicht, das Ganze sah wie ein großer Schweinekoben aus, und da der Moorhofer sich just über die liederliche Wirtschaft ärgern wollte, trat ein Mann aus dem Hause, zog eine magere Mähre aus dem Stalle und spannte sie vor einen Pflug.

Auf dieses alte Bäuerlein trat der Moorhofer zu, »Gut'n Morgen, Vetter,« sagte er.

»Han? G'lobt sei Je' Christ!«

Dem Moorhofer kam vor, er höre einen Hund bellen. »Was?« fragte er und erriet dann, was der andere sagen wollte, und erwiderte: »In Ewigkeit! Warum,« forschte er, »trocknet ihr das Moor da nit aus?«

»Han koan Zeit.«

»Nun, das wär' nit schlecht. Was habt ihr denn anders zu thun, als zu arbeiten.«

»Z' rowoten. V'reh kimmt 'n Guatsherrn 's Ocka' vor d'r mein'!«

»Warum macht ihr denn 's Haus da nit wohnlich?«

»Han koan Geld, muaß zehnten.«

Ei freilich, hatte der Moorhofer von Robot und Zehent schon reden gehört, und es war ihm, als näselte jetzt der Schulmeister dazwischen von Acker-, Hand- und Fuß-, Stück-, Jagd- und Spann-Fronde, von Kirchen- und weltlichem, großem und kleinem, Sack-, Blut- und Rott-Zehent...

So war's also, daß einer vor lauter Arbeit für fremde Leute mit der eigenen gar nicht aufkommen konnte und vor lauter Abgabe an fremde Säckel nie etwas in den eigenen bekam!

»Fix h'nein,« sagte der Moorhofer, »da seid ihr ja gar keine Bauern, nur zaghafte Knecht'!«

»Bischt wuhl a grußer Herr, du?« höhnte der Alte.

»A größerer leicht wie du. Was hast denn da für ein' Pflug? Die Schar is so grad und seicht, die greift kaum in' 'n Boden ein.«

»Besser 'n.«

»Wär' kein' Kunst. Wie kommst denn mit dem Handwerkszeug da auf? Wie stehn denn eure Felder?«

»No, guat, guat schon, wenn oan' koan Wildschod'n betrifft, oder der Guatsherr nit drüber jagt, reicht's schun für Wei' und Kin'.«

»Wo hast denn dein Weib?«

»In d'r Hütt'. 's liegt 's gonz' Johr in Fieba.«

»Begreif' ich, in dem Loch und am ung'sunden Wasser. Was sagt der Bader weg'n ihr?«

»Brauch' doch koan', ollmol, wenn sa s' recht beutelt, spricht mer oan' Fiebaseg'n über sö.«

»Der wird helfen! Hast auch a Kind?«

»Freilich, a Mänsch, will heurad'n itzt, is zun Guatsherrn h'nauf, red'n, weg'n dem sein' Rächt af d'Brautnacht; 'leicht nimmt 'r fürs Dörndl a poor Sack' Körndl,« grinste der Alte.

»Sakra, so was laßt ihr euch g'fall'n? Längst hätten wir sich zusamm'g'than, a G'schrift afg'fetzt an dö Herrn ganz oben –«

»'s konn jo koana schreib'n.«

»No, so wird mer euch doch das Schriftstuck g'wiesen hab'n, das euch zu all der Untertänigkeit verpflicht't?« »'s konn jo koana läsen.«

»Himmelherrgottsakerment! Ich siech schon, ös lebts nit nur wie 's Vieh, ös seids auch so dumm wie 'sselbe!«

»Wos?« greinte der Alte. »Gäht's d'r bessa, sei fruh, oba begähr' du 'gen mi nöt af, ich bin dein Urehnl!«

Moorhofer erhielt in diesem Augenblicke eine so wuchtige Ohrfeige, daß er darüber erwachte. Nur eines schien ihm noch zu Gunsten der guten alten Zeit zu sprechen, und er glaubte, den schlagendsten Beweis dafür erhalten zu haben, daß die Menschen damals viel kräftiger waren; leider stellte es sich aber sofort heraus, daß sein Weib, das er diese Nacht schon einmal durch sein spätes Heimkommen und jetzt wieder durch sein Geschnarche aufweckte, ihm die Maultasche hinübergereicht hatte.

Er nahm sich vor, nicht mehr in den Tisch zu schlagen, wenn die Rede auf die guten alten Zeiten käme, und des Schulmeisters Ausspruch gelten zu lassen, daß jetzt, wo jeder selbst dazu sieht, wie er seine Sache fördere und vorwärts bringe, der Bauer nicht zurückbleiben dürfe.

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