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Kalendergeschichten

Ludwig Anzengruber: Kalendergeschichten - Kapitel 13
Quellenangabe
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typenarrative
authorLudwig Anzengruber
booktitleKalendergeschichten. ? Gedichte und Aphorismen
titleKalendergeschichten
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
seriesLudwig Anzengrubers Gesammelte Werke in zehn Bänden
volumeFünfter Band
printrunDritte durchgesehene Auflage
year1897
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der Hoisel-Loisel.

Eine Räubergeschichte.

(1881)


In der Amtsstube des Gemeindehauses eines kleinen Landstädtchens schritt der vielmögende Bürgermeister auf und nieder, ein noch junger Mann, er hatte die Rechte studiert, sich dann auf die Oekonomie verlegt, und war ein »recht gemeiner Herr«, wie die Bauern sagten, und damit meinten, ein leutseliger.

Im Auf- und Niederschreiten wandte er manchmal ungeduldig den Kopf nach dem Gemeindeschreiber, der mit fiebernder Hast alle Laden seines Schreibtisches aufzog und die darin befindlichen Papiere durcheinander warf, offenbar suchte er nach etwas, das sich um so weniger finden lassen wollte, je ängstlicher danach gekramt, geblättert und leise geflucht wurde.

Der Bürgermeister hielt in seinem Gange inne und nahm wirklich die Miene eines »Gestrengen« an, als er sagte:

»Grumbacher, Sie verlegen doch einmal alles. Die letzte Nummer des Evidenzblattes muß man doch zur Hand haben.«

Der Schreiber senkte den Kopf, warf aber seitwärts einen sehr mißgünstigen Blick nach der Thüre, in deren Nähe ganz gleichmütig der Mensch stand, um dessenwillen er sich alle diese Mühe geben und den Verweis gefallen lassen mußte.

Es war das ein ziemlich alter Bursche in etwas vorgeneigter, demütig-zutraulicher Haltung, die Kappe hielt er in der Rechten, er brauchte sie nur vorzustrecken, so befand er sich in jener »Fechterstellung«, in welcher er gleichzeitig der Hartherzigkeit der Menschen entgegentrat und sich der Armut zu erwehren suchte. In der Linken hielt er einen Zwangspaß, der ihm noch nicht abgenommen worden war. Ein solches Dokument verpflichtet den Besitzer, sich auf dem kürzesten Wege nach seiner Heimat zu begeben, ganz abgesehen davon, ob er sich nach derselben sehnt, und ist auch just keine Empfehlung für dort.

»Nun, haben Sie's endlich?« sagte der Bürgermeister, indem er ein bedrucktes Blatt aus der Hand des Schreibers in Empfang nahm. Er begann auf selbem nachzusuchen.

Manche freut es, ihre Namen in einer Zeitung erwähnt zu finden und sie mögen behaglich zuhören, wenn ihnen ein anderer solches daraus vorliest, das ist aber bei dem Evidenzblatte nicht der Fall; denn dieses ist so eine Art Wohnungsanzeiger für jene, welchen die Polizei oder das Gericht ein oder mehreremal auf kürzere oder längere Zeit ein freies Quartier verschaffte. So oft so ein Name im Laufe der Jahre wiederkehrt, steht auch immer gewissenhaft dabei, wievielmal der Betreffende schon früher die Wohlthat eines solchen Unterstandes genossen, auf wie lange und wodurch er sich derselben würdig gemacht, so daß zuletzt die Evidenzhaltung eines ordentlichen Spitzbuben mehr Zeilen erfordert als ein Heiratsantrag, in welchem ein alternder Junggeselle oder eine verblühte Jungfer ihre guten Eigenschaften herausstreichen, mag er noch dazu in Versen abgefaßt sein. Aus dem Gesagten dürfte zur Genüge hervorgehen, daß noch keiner, dem ein Sicherheitsbeamter aus dem genannten Blatte vorlas, dabei sich sonderlich unterhalten habe.

»Nun, Alois Hoisel,« sagte der Herr Bürgermeister, von dem Papiere aufblickend, »da steht ja eine ganz nette Reih' von Abstrafungen.«

»Lappereien, lauter Lappereien,« sagte der Demütige im Tone bescheidenen Einwandes.

»Hm,« der Bürgermeister räusperte sich und hob den Finger. »Raub!«

»Na, ja, der Raub,« wiederholte der Vagabund mit einem eigentümlichen, geringschätzigen Lächeln. »Der Raub, der steht oben an, aber nachher find't sich nix Schlechtes.« »Ei, der Teuxel! Der Hoisel-Loisel scheint ganz sonderbare Begriffe von Gutem und Schlechtem zu haben. So ein Kapitalverbrechen hat Er sich freilich nimmer zu schulden kommen lassen, davor hat Er sich gehüt', aber sonst ist Er halt doch ein unverbesserliches Individuum.«

»Nit 'm Leb'n noch 'm Eigentum gefährlich,« schaltete Loisel mit Sachverständnis ein.

»Red' Er nit. Ein Mohr laßt sich nit weiß waschen, noch weiß brennen. Da steht's: Betteln, Vagabondage, Reversion, Falschmeldung, Wachebeleidigung, thätliche Wachebeleidigung, Widersetzlichkeit ... wiederholt und wiederholte Mal!«

»All's nit gegen 's Leben oder Eigentum.«

»So?« fragte der Bürgermeister und las laut und mit Nachdruck weiter: »Boshafte Beschädigung fremden und öffentlichen Eigentums...«

»Na ja, Straßenlatern', Wachstub'n- und Zelleneinrichtung, wegen der Disziplin halt.«

»Was?«

»No mein, daß ich halt im Disziplinarweg g'straft worden bin, wenn 's Gefängnis nit ausg'reicht hat.«

»Was heißt denn das wieder?«

»Ja, sehn S', unterthänigster Herr Bürgermeister, die Geschicht ist halt so. Im Sommer bringt mer sich leicht fort, wann mer sich gleich nit die paar Groschen für ein' Nacht im Massaquartier d erbettelt, so kann mer doch bei der grün' Bettfrau – im Freien – schlafen, aber im Winter, no mein, was will mer denn da anfangen? Da hab' ich halt allweil was ang'stellt, daß ich die harte Zeit über bin eing'sperrt g'west, und hat die Straf' nit zug'reicht bis h'naus aufs Frühjahr, so hat's halt ang'stückelt werd'n müss'n'; ganz ohne böse Absicht hab' ich mir dann was ausdenkt, etwa 'n Wächter, der mich hätt' vom G'fangenhaus zur Polizei überstell'n soll'n, daß ich den g'haut hab' oder so was, nix Unehrenhafts net. Is mir auch noch allmal g'lungen, daß ich auf die Weis' zu mein' Zuschuß von 'r paar Wochen oder Monat kommen bin.«

»No, ich merk', da war Er ja gar nit ungern eing'sperrt?«

»O, du mein, wie S' nur da fragen können, Euer G'streng! Freilich, das muß eins wissen, wie's da drin is! Die Pfleg', wann ein'm was fehlt, die rechtschaffene Behandlung, die regelmäßige Kost, kurz, die Ordnung halt, die Ordnung! Die hat unsereins ja gar nit heraust in der Freiheit und wann nit die schlechte G´sellschaft wär', möcht einer niemal losgehen.«

»Nun, ich sollt' doch meinen, daß besser wär', sich durch ehrliche Arbeit fortz'bringen.«

»Gott soll mich strafen, wenn ich anfangs anders gedacht hab', aber mein ehrerbietigster Herr, es gibt auch Umstände in diesem Leben. Wie ich wegen dem Raub,« – wieder zuckte jenes eigentümliche Lächeln über das Gesicht des Vagabunden – »zehn Jahr' auf mich g'nommen hab', das war eine schwere Dummheit – ganz unbedacht« –

»Wenn Er's nur einsieht.«

»Ei, ja wohl, dös schon. No, wie die zehne abg'sessen war'n, mußt' ich meine drei Jahr' Militärzeit nachdienen. Woher ich abg'stellt word'n bin, das hat mer g'wußt, ich war beacht' und bewacht wie ein wild's Tier an der Ketten, wo einer mit 'm Karbatsch' daneben steht. ›Rühr dich, so schmier' ich dir eine übers Fell, daß dir die Mucken vergehen, wenn dir wieder ein' aufsteigen sollten!‹ No, ich hab' g'funden, daß's ein Soldat just nit viel besser hat, als ich's g'habt hab', von wo ich herkommen bin; aber ab'gangen ist mir nix, ich hab' mich g'halten, wie sich's g'hört und in meiner Militär-Konduit'listen wird ein hohes Bürgermeisteramt nix Nachteiliges finden.«

»Das ist richtig.«

»Wie ich aber vom Militär frei 'gangen bin, da waren ein dreizehn Jahrl vorbei, kein Städter bin ich net word'n und kein Bauer mehr g'west! Arbeit hab' ich mir gleichwohl rechtschaffen g'sucht, aber wann eine g'funden? Hat mer doch einer g'sagt, – sagt er: ›Was, Sie suchen ein' Arbeit, wo wir g'lernte Arbeitsleut' nur randweis' eine finden und Zwischenzeit mit Weib und Kind hungern müssen? Sie sein ein alleiniger Mann, stellen S' was an, daß S' ins Zuchthaus kommen, 'n Sträflingen schickt mer d'Arbeit zu, ehrliche Leut' heraust finden keine!‹ – Niederschlag'n hätt' ich 'n am liebsten mögen, wie er dös sagt, wär er nit ingleichen ein armer Hund g'west wie ich. Mer muß nur wissen, wie dös is, wenn der Hunger ein'm weh thut und mer niemand hat, zu dem mer hingehn kann af ein' Löffel Suppen, ziehet jeder die Schüssel verwunderig z'ruck: ›Was willst denn du da? Ich kenn' dich net!‹ – Da hab' ich mir denkt, so unchristlich werd'n die Leut' doch net sein, wann mich auch kein einzelner von sö bei sein'm Tisch leid't, so schenken mir doch vielleicht ihrer mehr was auf den Löffel Suppen und hab' mich aufs Betteln verlegt; da war'n aber gleich die Anständ' da, no und dös hab' ich g'wußt, daß's ein' in der Straf' wirklich besser geht, so hab' ich mir halt dann selber die Anständ' g'macht, wie s' mir ang'standen sind, aber wie g'sagt, nix Unehrenhaftes nit!«

»So, so,« sagte kopfnickend der Bürgermeister, »nun, da werden wir wohl nit lang warten dürfen, so wird der Hoisel-Loisel dazuschau'n, daß er wieder ein' Anstand hat?«

»Ah, nein, dös is nit. Da wär' ich ja nit erst so weit her'gangen. Ich hab' 'm Herrn Kommissär mein Wort 'geben, daß ich diesmal wirklich heimgeh' und heimbleib'. Ich will mich jetzt zur Ruh' setzen.«

»No, 's ist wirklich schon höchste Zeit, daß Er einmal g'scheit wird, alt g'nug dazu wär' Er!«

»Halt ja, halt ja, 'r G'streng!«

»Aber, was wird Er denn jetzt anfangen?«

»Ja, so gleich im vorhinein wußt' ich das wohl nit z' sagen; aber ich denk', aus alter Freundschaft nimmt mich schon eins als Einleger.«

»Ist bissel viel verlangt, Hoisel.«

»Na ja, es kommt halt drauf an, daß ich eins zur Einsicht bring' und heut kann ich noch nix sagen, aber wir können sich ja später ganz ehrfürchtig drüber reden, Herr Bürgermeister!«

»Bring er doch nit so verkehrte Redensarten vor,« lachte der Bürgermeister. »Ich denk' nit dran, daß ich mit 'm Hoisel ganz ehrfürchtig reden werd', sorg Er nur dafür, daß ich's immer im guten kann!«

»Ah ja, freilich, freilich, – wird nix vorkommen!«

»Na, und jetzt geh' Er mit Gott!«

»Oh mein, dös wär' mir eh' recht, wann der sich auf dös Kumpanieg'schäft einließ' und mit mir ging, er möcht' Wunder wirken und ich thät' mit'm Teller absammeln gehn.«

»Hoisel! Hoisel!«

»Nix für ungut! Armer Leut' G'späß nimmt der Herrgott nit für übel, nur der Reichen Uebermut möcht 'n aus 'm Himmel jag'n. Ein G'spaß, nix weiter!« Er hob beteuernd die Hand mit der Kappe in die Höhe. »Keine Lästerung, Bewahr! Wo ich mich zur Ruh' setz', nix nöt mehr, gegen kein' Paragraphen! O, nein! Küß' d'Hand!«

Die Thüre fiel hinter ihm ins Schloß.

»Ein sonderbarer Kostgänger,« sagte der Bürgermeister, »fürcht' nur, er bleibt nit lang allein des Herrgotts seiner und fällt der Gemeind' zur Last. Das scheint wirklich bei ihm ein Ehrenpunkt gewesen zu sein, nichts gegen das Leben und Eigentum anderer zu unternehmen, denn von schwerer körperlicher Verletzung, Diebstahl oder Betrügerei kommt in der langen Liste seiner Abstrafungen kein einziger Fall vor. Was war denn das aber mit dem Raub, ist der in hiesiger Gegend vorgefallen?«

»In hiesiger Gegend,« antwortete der Schreiber, »an der jetzigen Klosterhofbäuerin.«

»Ei, was Sie sagen! An der?«

»So hab' ich mir erzählen lassen, Herr Bürgermeister, denn ich hab' damals noch nicht die Ehre gehabt, der löblichen hiesigen Gemeinde zu dienen. Schier siebenundzwanzig Jahr' ist's her, die Bäu'rin hat bald darauf geheiratet, aber zur Zeit war s´ noch als ledige Dirn auf ihrer Eltern Gehöft; da ist einmal im Wald der Bursch über sie herg'fall'n und hat ihr, trotz Geschrei und Gegenwehr, ein schweres goldenes Kreuz vom Hals gerissen, aber ihre zwei Brüder und der Vater sind dazu 'kommen und haben ihn stellig g'macht. Die Bäuerin hat nit wollen, daß die Sach' vor Gericht kommt, aber der Alte hat kein' Spaß verstanden.«

»Weiß mer nit, war der Hoisel damals in Not?«

»Man sagt: nein. Aus purem Uebermut hätt' er's gethan.«

»So? Wenigstens macht's der Klosterhofbäuerin alle Ehr', daß sie von der gerichtlichen Verfolgung hat absehen wollen. Ist halt in allen Stücken ein achtbares Weib, das! – Nun also, gut'n Mittag, Grumbacher!«

»'r Diener, Herr Bürgermeister!«

Noch waren die Schritte seines Vorgesetzten nicht verhallt und schon hatte der Schreiber sämtliche Laden seines Schreibtisches versperrt, und seinen Kanzleirock gegen einen anderen vertauscht; er ging mit einer solchen Eile daran, das Amtslokal zu verlassen, daß wohl der Verdacht aufkommen konnte, er schlüge die Ehre, löblicher hiesiger Gemeinde zu dienen, nicht gar zu hoch an.


Ja, die Klosterhofbäuerin war in allen Stücken ein achtbares Weib, niemand wußte das anders zu sagen. Vor etwa sechs Jahren war sie Witwe geworden und obwohl sie da schon im vierzigsten Jahre stand, so war es nicht allein Geld und Gut, oder all der trefflichen Eigenschaften, deren man sich bei ihr versah, die eine oder die andere, was ihr kurz nach Ablauf des Trauerjahrs mehrere »gar schönthuliche« Freier zuführte, sondern auch ihre wohlerhaltene äußere Erscheinung, die hohe üppige Gestalt und das einnehmende Gesicht, das in glatter Völle und in den frischen Farben der Gesundheit blühte, wie das einer der jüngsten Dirnen. Aber sie schlug alle Bewerbungen aus, indem sie auf ihre beiden Kinder hinwies, welche damals schon ziemlich erwachsen waren und wovon der Bursche nunmehr zweiundzwanzig Jahre und die Dirne achtzehn zählte, dadurch nahm sie nur in der Achtung der Leute zu, denn die Männer, verheiratet oder ledig, hätten keinem Einheimischen, geschweige denn einem Fremden, ein solches Glück gegönnt, die Weiber sehen es gerne, wenn eine ihresgleichen »die Treue bis übers Grab hinaus« bewahrt, wenn sich auch die meisten vorbehalten, es für ihre Person anders zu machen, da leider ihr Seliger nicht danach war, und die Dirnen fanden es »groß rechtschaffen« von der Bäuerin, daß diese, die ja schon einmal an der Reih' war, es mit keinem zweiten versuchte und ihnen keinen Ledigen wegnahm, so daß sich in der Stille noch jede auf jeden, als auf ihren ersten, Hoffnung machen konnte.

So stattlich und so groß angesehen wie seine Bäuerin war auch der Klosterhof. Wie leicht zu erraten, hatte das Anwesen seinen Namen daher, daß es einst einem Kloster zugehörte; aber auch, als es nach Aufhebung des letzteren in weltlichen Besitz überging, blieb der Segen Gottes darauf haften und der jeweilige Klosterhofbauer konnte überzeugt sein, daß er die solidesten Baulichkeiten und die fettesten Gründe im ganzen Landesviertel besitze und alle Ursache habe, für die Errichtung der einen und die Aufspürung der andern den geistlichen Herren ein dankbares Angedenken zu bewahren, denn so seltsam es sich anhört, doch ist es eine ausgemachte Erfahrung, wie abgeschieden von allem weltlichen Treiben und abgezogen von allem irdischen Tand solche fromme Ordensbrüder auch dahinleben, wenn eine Angelegenheit sie zwingt, mit der argen Welt Handels und Wandels halber zu verkehren, dann überkommt sie plötzlich die Gnade der Erleuchtung, so daß sie ihres Vorteils besser als Profane walten, nur Gutes geschenkt nehmen und nur Bestes kaufen.

Ein wasserreicher Bach, der wohleingedämmt war, durchschnitt der Quere nach die weitausgebreiteten Gründe und über den festen Steg, unter welchem er dahinfloß, ging der breite Fahrweg, der ferne aus dem Walde hervorkam, eine lange Strecke inmitten von Feldern und Wiesen sanft hinanstieg und bei den Wirtschaftsgebäuden endete; diesen zur Seite auf einem kaum merklichen Hügel lag das Wohnhaus, der wohlgepflegte Garten hinter demselben rückte bis an das Wasser hinab; zwei weibliche Gestalten schritten dort zwischen den Blumen- und Gemüsebeeten dahin und ergingen sich in dem warmen Sonnenschein, der heute über dem Lande lag, die eine war groß und stattlich, die Klosterhofbäuerin, die andere um vieles kleiner und runder, ihre Tochter. Abseits in einer Laube, für sich allein, saß ein hübscher Bursche, der aus einer Pfeife qualmte, der junge Bauer.

Die beiden Frauen standen still.

»Du lost, Mutter?« fragte das Mädchen.

»Wohl,« sagte die Bäuerin, »Schon die längst' Zeit hör' ich eine Amsel pfeifen.«

»Die hör' ich eben auch und denk' nur wie dumm, ich bild' mir ein, sie thät' fast, als wollt s' ein' Ländler pfeifen.«

»'s kann ja wohl eine zahme sein, die ausgeflogen ist. Ein oder das andere Stückl kann man so einem Tier schon einwerkeln. Laß uns einmal näher hinzugehen!«

Die beiden schritten nun hinab bis an den Zaun, der an dem Bache hinlief, schlichen längs dieser Einfriedigung den Tönen nach und als sie hinter einem dichten Busch hervorlugten, da nahmen sie wohl den Vogel wahr, der so gut zu pfeifen wußte – wie eine Amsel; der Hoisel war's, der sich dort aufs Gras gestreckt hatte, als er jetzt der beiden Frauen ansichtig ward, erhob er sich flink, rückte seine Mütze und streckte sie dar. »Bitt' gar schön!«

Die Bäuerin und das Mädchen lachten laut auf, so lustig kam es ihnen vor, wie ruppig sich der Vogel in der Nähe ausnahm und daß sie nun für den Amselpfiff, der sie hergelockt hatte, bezahlen sollten. Die Bäuerin warf eine kleine Münze in die Kappe.

»Vergelt's Gott,« sagte der Vogel in der Mause.

»G'seg'n's Gott,« sagte die Bäuerin und wandte sich zum Gehen.

»Fix noch mal h'nein,« sagte der Bettler, »wie du aber schön sauber geblieben bist, Klosterhofbäuerin!«

Die Bäuerin blieb stehen und sah nicht unfreundlich dazu, wenn's auch nur ein Bettler war, der ihr das sagte.

»Dich kennt mer doch gleich wieder,« fuhr der fort, »wie lang mer dich auch nicht g'sehen haben mag. Schauet ich mir nur die Hälfte so viel gegen früher gleich, so möchtest mich wohl auch kennen.«

»So? Wie heißt denn?«

Er verzog grinsend den Mund. »Der Hoisel bin ich.«

»Jesus!« Die Bäuerin stieß einen schwachen Schrei aus. Keiner in der Gemeinde hätte ihr das verdacht, einem Menschen gegenüber, von dem sie nur zu gut wußte, daß er ein Räuber war.

»Du bist da?« hauchte sie.

»Bleib' auch da. Schön bin ich nimmer, wie d' siehst, aber g'scheit bin ich word'n und ganz g'scheit, gegen ein andersmal, will ich mich auch jetzt mit dir reden, Bäuerin.«

Diese war bleich geworden. »Lenerl,« schrie sie dem Mädchen zu und lief auf und davon.

Lenerl müßte nicht ein Kind des Klosterhofs gewesen sein, dort geboren und herangewachsen, wenn es sie nicht groß wunder genommen hätte, daß sich ihre Mutter gegen einen Bettelmann so viel vergeben konnte, sie folgte ihr daher nicht nach, dem Amselmann mußte doch erst seine Ungebühr eingetränkt werden, sie stemmte trotzig die Arme in die Seite und schrie ihn zornig an: »Du unnützer Stromer, du, wie kannst du dir herausnehmen, Leut' zu verschrecken, die weit ober dir stehn?!«

Hoisel lächelte gutmütig, »Geh, du fett's Walperl,« sagte er.

»Was – –« Der Dirne versagte die Sprache.

»Fett's Walperl,« wiederholte er mit freundlichem Blinzeln. »Was willst denn du dich einmengen? Ich und dein' Mutter reden sich schon noch ein andermal. Wenn s' weniger g'schreckt is, wird s' mer schon standhalten. Kannst ihr ja derweil sagen, der Hoisel verlangt sich nix als ein Winkerl zum Unterschliefen, ein Platzerl bei 'n Tisch und zeitweis' ein paar Gröscherln in Sack. B'hüt dich Gott, Mordsdirndl, aus der man leicht zwei macht, ohne daß eine davon schlecht z´teil kommt. Hehehe!« – Damit ging er.

Die Bäuerin war indes in der Laube, wo der Bursche saß, zitternd auf eine Bank gesunken, »No, du mein,« sagte der aufspringend, »was ist dir denn? Was gibt's denn?« Er sah nach dem Bache hinab. »Es wird dir doch nit der Landstreicher da unt' so ein' Angst eing'jagt hab'n? Ei, Himmelsakerment, jetzt begehrt er noch mit der Schwester auf. Wart, Halunk'!«

»Da bleibst, Kaspar,« rief die Bäuerin. »Laß 'n gehn! Ich will's hab'n, daß du ihn gehn laßt.«

Der Bursche zuckte die Achseln. »Meintswegen! Machst ein Wesen weg'n dem Lumpen! Soll er gehn, trifft er eher ins Zuchthaus.«

Bebend vor Zorn stürzte jetzt Lenerl herzu, erzählte, daß ihr der nixnutzige Vagabund gar einen Uebelnamen gegeben habe – welchen sagte sie nicht – und was er sonst für kecke Reden geführt.

Diesmal stieg der Bäuerin brennende Röte ins Gesicht, sie wandte sich hastig ab und ging in das Haus, dort saß sie eine geraume Weile in ihrer Stube, an dem Tische, stützte den Kopf mit der Linken und strich mit der Rechten über die Platte; plötzlich erhob sie sich, zog eine Joppe über, steckte ein frisches Tuch zu sich und bald schritt sie auf dem breiten Fahrwege hinter den Wirtschaftsgebäuden dahin.

Erst als sie den fernen Wald erreicht hatte, hielt sie etwas inne und schöpfte Atem, ehe sie in dessen Schatten trat. Der Weg wurde auch dort beschwerlicher und führte ziemlich steil hinan, sie verfolgte ihn nun bedachtsamer. Nachdem sie eine gute Strecke zurückgelegt hatte, bog sie in einen schmalen Seitenpfad ab, der nach einem Thalgrund führte und hier überkam sie ihre frühere Hast und sie eilte dahin, bis ihr eine ärmliche Hütte in Sicht kam, je mehr sie sich aber derselben näherte, verlangsamten sich wieder ihre Schritte.

Ein paar Kürbisstauden, die an der Erde fortkrochen, und ein schmales Ackerstreifchen, das mit Erdäpfelpflanzen bestellt war, bildeten die dürftige Umgebung der Hütte, der selbst das, was sie schmücken sollte, zum sicheren Verderben werden mußte, die Rankengewächse, die rings an den Mauern hinankletterten und ihre Haftstränge und Luftwurzeln in jede Ritze einbohrten.

Die Bäuerin blieb einen Augenblick horchend vor der Thüre stehen. War überhaupt wer in der Hütte, so war er allein. Sie klopfte an, innen erschallte der Zuruf einer weiblichen Stimme, da öffnete sie die Thüre und trat bei der Botengänger-Traudel ein.


Die Inwohnerin der Hütte stand mit dem Rücken gegen die Thüre, sie beugte sich über den Herd und blies das Feuer an. Entweder kochte sie sich einen Kaffee als Ersatz der Mittagskost, oder sie wärmte sich diese jetzt auf, nachdem sie wieder einmal verspätet dazukam.

In der feuchten dumpfigen Luft zwischen den nackten unfreundlichen Wänden befiel die Klosterhofbäuerin ein leichter Schauer. »Grüß Gott,« sagte sie leise.

Bei dem Klange dieser Stimme riß es die Traudel völlig herum. »Ho, Klosterhofbäuerin,« rief sie erstaunt, »du bist's? Da sollt' mer doch 'n Ofen einschlagen, aber haben müßt' mer ein': der Herd ist dazu z' fest.«

Es ist eine gang und gäbe Redensart, dort zu Lande, wo diese Geschichte spielt, wenn ein »seltsamer«, soll heißen seltener Besuch die Stube betritt, daß man sagt, man müsse oder solle den Ofen einschlagen; gewöhnlich bleibt es bei dem freundlichen Vornehmen, vorzeit wo alle aus Kacheln bestanden, hätte sich das auch verhältnismäßig ganz leicht bewerkstelligen lassen, heutzutage aber, wo der Blechofen oder gar der aus Gußeisen selbst in Bauernstuben sich vorfindet, machte diese Liebes-Ehr' oder Freudenbezeigung, es ist schwer zu entscheiden, was es vorstellen soll, wohl einige Umständlichkeiten.

Die Botengänger-Traudel war kein Jahr früher oder später auf die Welt gekommen als die Klosterhofbäuerin, jetzt aber, wo sie dieser gegenüberstand, sah sie danach aus, als hätte sie zehn Jahre länger gelebt; die Not, deren sie sich in ihrer Jugend durch harte Arbeit zu erwehren suchte, der sie später als Botengängerin in Sonnenbrand und Frost zu entlaufen trachtete, hatte sie gezeichnet.

Die Klosterhofbäuerin schöpfte tief Atem, ehe sie hastig die Frage hervorstieß: »War er schon bei dir?«

»Wer?« fragte die Traudel entgegen.

»Der Hoisel.«

»Der Hoisel? Bist g'scheit?«

»Er ist aber da und will auch bleiben.«

»So? Da ist er und bleiben will er? No wohl, da wird 'n der Kuckuck schon auch daher führen.«

Beide Weiber blickten eine Weile schweigend zur Erde. Traudel hatte sich auf eine Herdecke geschwungen, da saß sie und drehte einen hölzernen Rührlöffel spielend in den Händen, die Klosterhofbäuerin stand aufrecht und zerknüllte ihr Taschentuch, mit einmal aber beugte sie sich vor und streckte die Arme gegen die Botengängerin aus. »Sieh,« begann sie mit zitternder Stimme, »was gemacht hat, daß ich dir all die Jahr' her scheu ausgewichen bin, das führt mich jetzt zu dir. Ich konnt' mir nit helfen, ich mußt' allweil denken, dir käm' die Geschicht' mit dem Raub nit recht richtig vor.«

»Ei wohl,« die Traudel lachte heiser, »da wär' dir auch nit zu helfen gewest, wenn du anders gedacht hättest, denn ich weiß um alles.«

Die Bäuerin schrak zusammen und faltete die Hände. »Um alles, du sagst, um alles, Traudel?«

»Um alles,« lachte diese wieder. »Ich müßt' ja nit dir und dem Hoisel nachgeschlichen sein, oft genug, wie ich gemerkt hab', daß ihr beide anfangt, falsch und schlecht zu sein, falsch gegen mich – er, weil er mich um deinetwillen verlaßt, du, weil du ihn von mir abredest – und schlecht, weil doch alles zwischen euch nur in Unehr' verlaufen könnt'. Aber ihr habt nie gemerkt, wie oft ich euch nah' um die Weg' war, auch an selbem Abend, im Wald, wo's den Spektakel z'weg'n 'm Raub abg'setzt hat, und so gut wie ihr zwei hab' auch ich g'wußt, daß da von Rauberei kein' Red' war, was dir der Bursch etwa hätt' nehmen mögen, hätt' er im Einverständnis mit dir g'nommen; wie aber deine Leut', ob zufällig, oder auch aufpasserisch, dazu 'kommen sein, da war's der Hoisel, der dich selber ang'lernt hat, zu schreien und dich zur Wehr' z'setzen. Gelt ja, so is's g'wesen? Weiß ich's 'leicht nit? Ganz gehörig hab' ich dir's geneidet, daß er dir z'lieb, ohne zu mucken, die schwere Straf' auf sich nimmt, wie dumm es war, so brav ist's auch gewesen! Drum, wie ich im Gefängnis mit ihm z'samm'kommen bin, hab' ich ihm versprochen, daß ich nix verlauten lassen will, trotz ich all's Wahre aussagen könnt'. Es sollt' ihm werden, wie er's gewollt hat, denn ich hab' das Ganz' für eine Sach' ang'sehen, alleinig unter euch zweien, die niemand andern was angeht. So hab' ich gedacht und so denk' ich heut noch und hab' ich bisher das Maul gehalten, so werd' ich's auch für künftig thun –, er selber dürft' sich nit auf mich berufen, wenn er schlecht genug war', die Geschicht' unter die Leut' bringen zu wollen, aber das darfst du wohl nicht fürchten, ist er dir rechtschaffen genug all die Jahr' her fern 'blieben, wird er doch nit jetzt mit einmal sein' Sinn ändern? Wofür wollt' er's denn thun? Was hätt' er davon?«

»Füttern will er sich lassen,« fuhr es der Klosterhofbäuerin grob heraus, dann setzte sie ihre Rede in klagender Stimme fort: »Du kannst dir gar nit denken, wie ich erschrocken bin, wo er heut mit einmal vor mir steht, wie aus der Erd' g'wachsen und ich 'n erkenn' und er mir sagt, wie er gegen früher viel g'scheiter word'n war' und derweis' jetzt mit mir z'reden hätt'; grad noch, daß mich die Fuß' trag'n hab'n, wie ich vor ihm ausgerissen bin. Aber durch d'Leni hat er mir Post sagen lassen, daß wir uns schon noch reden würden und er sich Unterstand, Kost und Geld erhofft.«

»Ei du mein,« kopfschüttelte die Traudel, »da schau eins, wie sich ein Mensch mit der Zeit ändern kann! Freilich wohl auch, es kommt oft g'nug vor und b'sonders 's Elend macht kein' braver. No, aber du hast's, du kannst's thun, daß d' dich mit ihm abfind'st.«

Die Bäuerin starrte mit großen Augen vor sich in die Luft und die Hand mit dem Taschentuche hob sich vorläufig bis zum Kinn, »Das kann ich aber eben nit,« sagte sie. »Kam' ihm der Uebermut, wär' ich nie sicher, daß er nit mehr und mehr begehrte, und ich kann ihm das nit geben, was er sich jetzt verlangt, denn nach dem, was die Leut' davon halten, daß zwischen ihm und mir vorg'fallen war', glaubet doch keins, daß die christliche Nächstenlieb' so weit ging', und da mocht' ein Verwundern und ein Gered' anheb'n und ein Nachfragen und ein Lauern, daß nit einmal ein Schuldlos's davor bestund' und nit eher möchten sie nachlassen zu spüren und zu fündeln, bis offen dalag', was all die langen Jahr' her unter unsers Herrgotts gnadreichster Fürsorg' verborgen geblieben, bis mein' Ehr' verspielt war' und ich in meinen alten Tagen dastund' in Schand und Spott vor den Leuten und vor den eigenen Kindern! Das vermocht' ich aber nit zu überleben – ich vermöcht's nit!« Laut aufschluchzend drückte sie das Tuch an die Augen.

»Bist wohl auch ein arm's Weib, du!« rief die Traudel, indem sie sich von der Herdecke schwang. »Und ich, ich lass dich da stehn und stehn.« Die Botengängerin schoß nach einem Winkel, aus welchem sie einen Stuhl hervorzerrte und der Bäuerin zuschob. »Da, sitz nieder.«

Die Bäuerin stäubte den Sitz ab, das mochte geraten sein, weniger aber, das Tuch dann wieder an die Augen zu führen, was sie that, als sie jetzt saß und still vor sich hin weinte.

Die Traudel stand ihr zur Seite und schlenkerte verlegen mit beiden Armen auf und nieder. Voll und ganz überkam sie das Mitleid, das der Dürftige für den Reichen empfindet, der ihm in gleich gedrückter Lage, sei es mit gebrochenem Stolze, oder verarmt am Gute, vor Augen kommt; er, der all seine Tage Herrischthun und Besserhaben gewohnt war! »Wie bitter muß dem erst sein, mitzumachen, was unsereins, das nix gilt und nit zahlt, sein' Zeit von klein auf mitmacht? Uns gibt man keine Ehr' und wir hab'n kein Gut, kann uns die eine nit genommen werden und 's andere nit verloren gehen.« Das schoß der Botengängerin durch den Kopf und zugleich auch, daß sie nun doch wenigstens irgend etwas sagen solle. Sie legte linkisch beide Handflächen aneinander und begann sie zu reiben. »Sag einmal, Klosterhofbäuerin, weil du gesagt hast, du wärst eben dessenthalben zu mir hergekommen, was könnt' denn wohl ich für dich thun?«

Die Bäuerin faßte sie hastig an den Händen. »Das werd' ich dir sagen, Traudel! Ich bin gewiß, der Hoisel sucht dich auf; du hast's vorhin selbst gesagt, du meinst nit, daß er dir wegbleibt; wenn er kommt, so red ihn von sein'm Vorhaben ab, red ihm zu, daß er mein' Frieden nit untergrabt–«

Traudel zuckte die Achseln. »Ja, mein', wenn er wirklich ein anderer word'n is, da kehrt'n wohl niemand mehr auf die gute Seite. Was gibt er da auf ein Reden und gar auf mein's?«

»Grad auf das. Um 's Heilands willen, Traudel, sei christlich, laß's Vergangene vergessen sein und Hab' ein Erbarmnis–«

»Thu nur nit so jammerig, Bäuerin, es geht mer nah', – wer bist du und wer ich? Sag' ich denn, daß ich nit will? All's was ich kann, will ich ja gern thun, um kein Wort soll mir leid sein und so leicht lass ich auch nit ab von ihm, zureden will ich ihm wie ein'm kranken Roß. Ich sag' ja nur, ich fürcht', daß er nit auf mich hört.«

»O, auf dich wohl. Du warst ja allzeit uns zweien überlegen, auch damal warst du die Bravere und die G'scheitere. Und, Traudel, wenn du mich aus derer Drangsal erlöst, das will ich dir gedenken, laß dir sagen, ich will dir's gedenken.«

»'s braucht's nit. Ich verlang' mer nix dafür.«

»Ich weiß, Traudel, wohl weiß ich's, daß du dir nix verlangst, aber laß mir mein' Freud' und verschmäh's nit. Wo ich jetzt weiß, daß du zu mir halt'st, is mir schon leichter und ich fühl' mich getröster. B'hüt Gott, Traudel, 's ist Zeit, daß ich geh', nit bei dir, noch auf 'm Weg möcht' ich von ihm betroffen werd'n.«

»B'hüt Gott, Klosterhofbäuerin.«

Als die Botengang-Traudel allein war, rückte sie den Stuhl an den Herd und langte den Topf vom Feuer. »Was ihm nur mit einmal einfallt, dem alten Herumtreiber?« murmelte sie. »Es ist nit schön und ist nicht recht, nein, wahrlich nit. Jetzt heißt's wohl g'scheit sein! Zum Bereden g'hören allweil zwei: eins, das 's Maul braucht, und ein anders, das drauf hört, und so mitten unter find't sich wohl's rechte Wort. Schlau und fürsichtig muß mer drein gehn, nit mit der Thür ins Haus fallen, fein warten, bis's der andere selber aufthut und dann hineinschlupfen und ihm zu sein' eigenen Fenster heraus zusprechen. Es soll mir nit, gehn, wie 'm Schulmeister, was ein kleiner Freigeist is, die Weghuber-Sepherl vom Wallfahrten abreden wollt' und glaubt hat, er führt schon 's rechte Wort, worauf sich nix mehr sagen laßt, fertig in seiner Tasche mit. ›Was laufst so weit,‹ – hat er g'sagt – ›kriegst wunde Füß´ und versäumst drüber Haus und Feld? Ist der liebe Gott nit überall?‹ Dadrauf hat die Alte g'sagt: ›Ei mein, 'n Herrgotten geht's ja gar nix an, ich geh' ja zu unserer lieben Frau af 'n Sonnberg‹«


Der Mond war aufgegangen, aber noch stand er nicht hoch, just über den Aehren der Kornfelder. Büsche und Bäume am Saume des Waldes, an den Rändern der stillen Thalgründe und Wiesenplane, oder zu beiden Seiten der breiteren Wege umspielte noch Zwielicht; die schmalen Pfade aber verloren sich, je weiter sie führten, in tieferes Dunkel, bis schließlich der, welcher sie beschritt, von stockrabenfinsterer Nacht umfangen, innehalten und sich, einen Fuß vorsichtig vor den anderen gesetzt, mit vorgestreckten Händen, weiter tasten mußte. Je nach Gemütsart schickte sich der Betroffene darein und wenn es gar arg wurde und Ast um Ast ihm an den Kopf schnellte, so erleichterte er sein Herz entweder durch fromme Stoßseufzer zu Gott und all seinen lieben Heiligen oder durch mehr oder minder kräftige Flüche; das letztere that der Hoisel.

»Soll doch ein Heiligkreuzdonnerwetter darein schlagen! Was für ein Esel war ich, daß ich mir nicht, solange noch Licht war, 'n Weg gesucht hab'? War eine Zeit, wo ich ihn so oft gegangen bin, daß ich mich mit verbundenen Augen zurecht gefunden hätt'. Teuxel, 's is halt doch z'lang her. Geh ich jetzt irr, so komm' ich vielleicht z' tief h'nein, oder z'weit ab und statt'm Spaß, der Traudel ihre großen Augen und ihr verwundert' Wesen z'sehn, blüht mer was anders! Sternfixhagel, am End' kann ich nachtüber da im Busch und Tann herumsteigen, oder mich mit der Wildsau auf eine Streu legen! Hüllmentisch auch schon! No, schau, ho, da mein' ich, ich bin doch recht!«

Die Bäume lichteten sich etwas und als er zwischen den Bäumen durchlugte, da zeigte sich gerade an der Stelle, wo er es erwartete, ein erhellter Fleck, das Fenster der Hütte.

Der alte Bursche schritt auf die Hütte zu und pochte an.

»Wer ist's noch so spät?« fragte es innen.

»Mach nur auf, Traudel. Sollt'st auch schon mein' Stimm' vergessen haben; es ist einer, den d'kennst.«

Die Thüre ward aufgeriegelt, der Mann trat ein und stellte sich, so groß und breit er war, vor die Botengängerin hin.

»Ei, du mein, wen hab' ich denn da?« sagte sie und leuchtete ihm mit dem irdenen Oellämpchen ins Gesicht.

»Den Hoisel als Ganzer,« lachte er.

»Jesus!« Die Lampe zitterte in den Händen des Weibes, nicht in gespielter Ueberraschung über den unvorhergesehenen Besuch, der vorausgesagt und erwartet war, sie zitterte wirklich; der Mann sah herabgekommener aus, als Traudel erwartet hatte. Ein herbes Lächeln spielte um ihren Mund, als sie sagte: »No, schön sauber hast dich aber herausgewachsen, das muß ich schon sagen, obwohl ich weng Ursach hab', daß ich's bered', denn ich mein' schier, wir schau'n eins 'm anderen gleich.«

»Ei ja, Traudel, du bist auch z'samm'gangen, halt ja.«

»Was willst du denn aber bei mir?«

»Daß d' mich af'm Stroh im Geißstall hinter deiner Hütten übernachten laßt, wollt' ich dich bitten, für d' heut'ge Nacht, vielleicht auch für d' morgige, oder noch ein paar, dann find' ich mir schon ein' Unterstand; du mußt wissen, daß ich heim 'kommen bin, weil ich mich einmal zur Ruh' setzen will.«

»Zur Ruh' setzen heißt nix thun,« sagte Traudel und stellte die Lampe auf den Herd zurück, von wo sie selbe aufgegriffen hatte. »Ja, bist denn du so reich?«

»Kein' Gedanken. Ich komm' nach sieb'undzwanzig Jahr' grad so arm heim, wie ich 'gangen bin; aber dafür sein andre reich.«

»Die geb'n nix umsonst.«

»Umsonst verlang ich auch nix. Ich weiß so gut, wofür ich's krieg', wie die andern, wofür sie's geb'n. Uebrigens ist das eine Sach', worüber du auch lachen wirst, wenn ich dir davon sag'.«

Hoisel nahm ohne Umstände auf dem Stuhle Platz, der vor dem Herde stand. Traudel setzte sich abseits auf einen Schemel. »Na, 's neugiert mich schon,« sagte sie.

»No schau, ich denk' halt, wie's alte Sprichwort geht: Lang 'borgt ist nit g'schenkt!' Wie ich mit der Klosterhofbäuerin steh', das ist dir wohl bewußt. Was hab' ich alles auf mich g'nommen, z'weg'n der ihrer Ehr', ihr'n guten Ruf und noch obendrein ihrer Ruh' weg'n?! Na und jetzt verlang' ich dagegen und dafür halt auch was. Sie wird sich hüten, mir nein z' sagen!«

»Du wirst doch nit jetzt aussag'n woll'n, was lang vorbei ist? Wirst doch nicht so grauslich sein und sie ins Gered' bringen woll'n?«

»Ei, mein, was dös angeht, da kennst mich nit, da bin ich ein noch viel grauslicherer Kerl, wie ich ausschau'.«

»Geh zu!«

»Laß 'n Spaß beiseit', 's is mein völliger Ernst. Entweder sie laßt mir nichts abgehn, oder...«

»Wenn du so denkst, will ich nix mit dir z'schaffen hab'n. Nit einmal bei meiner Geiß lass' ich dich schlafen. Dort is d' Thür', schau daß d' weiter find'st.«

»Narrische Traudel, wie magst denn du da aufbegehr'n? Das ziemt dir doch gar nit. Wie warst du erbost gegen sie, sein'zeit.«

»Das war eben sein'zeit und ist jetzt vorbei, wie auch vorbei und lang verwunden ist, wie ihr zwei mir weh 'than habt. So viel Jahr hinterher könnt' ich an einer Bosheit 'gen d'Bäuerin kein G'fallen finden; gar eine, wie du sinnst, brächt' mich ganz auf ihr' Seit'.«

»O, jetzt kommt's Weiberz'samm'halten!« lachte Hoisel.

»Ja, ganz recht, jetzt kommt 's Weiberz'samm'halten, wie's immer kommt nach einer Zeit und Weil', wenn's dumm' jung' Blut keins mehr verblend't und mer mit klare Augen der Mannsleut' Treiben betracht' und nur mehr nach Recht und Billigkeit fragt. Kommt euch ja selber zu Gunsten. Ihr mögt falsch sein gegen die ein' und die andere von uns, noch rechnet mer euch's z' gut, wann ihr nur z'letzt einer getreu verbleibts und ihr Wort haltet. Dagegen aber wirst du kein Weibsleut finden, das den kein Schuft nennt, der hint'nach eine verunehr'n will, weil's ihm vertraut hat. Daß dein damalig' Spiel 'n Einsatz nicht wert war, das geb' ich zu, und daß's dich späterhin g'hörig g'reut haben mag, das will ich schon glauben.«

»Mein's wohl! Höll'sakra, das war aber auch ein Einsatz! Auf ein'Wurf: Ehrlichkeit, d'schönst'Lebenszeit, all's Eing'wohnte und Eing'lebte und kein Zurechtfinden mehr für später! Ja, machte man sich nur Gedanken zu derer Zeit, wo man mit allem Thun so flink bei der Hand is, mer überleget sich's wohl und ging nit blind jeden Weg, ohne z' wissen, wo er hinführt, und erst recht nit, wenn mer davon wüßt'. So dumm thät' ich heut nimmer. Wohl treff ich mit leerem Sack heim, aber dafür ist da was h'nein 'kommen.« – Er legte den Finger an die Stirne. – »Jetzt weiß ich, was ich weiß und dasselbe, was ich weiß, will ich auch ausnutzen.«

»Dann muß nix Guts sein, was du weißt, wann das erste, wozu dich 's anstift', ein' Schlechtigkeit is! So ein G'scheitheit kommt, noch so spät, doch allweil z' früh und du hast mir damal, wie du dumm drein 'gangen bist, weitaus besser g'fallen. Ist gleich all's um ein' andere her'gangen, das mußt' ich mir doch g'stehn: ›Der Hoisel hat da rechtschaffen brav 'than.‹ Und dasselbe Denken war mir nit unlieb, denn das is auch so ein Stückl Weiberz'samm'halten, daß sich keins möcht' über ein' schämen müssen, dem 's einmal gut g'wesen is; der eignen Ehr' will'n, hört mer nit gern, was ein'm ein eh'maligen Schatz verleid't und worüber einem d' Welt die Lieb' zu ihm verdenken könnt'.«

»Versteh', versteh' schon,« grinste der Hoisel. »Is doch auch nur ein Schönmachen vor euch selber. Aber mich bekümmert nit, ob's eine freut oder reut, daß s' mir nachg'rennt is.«

»Sag dös nit! So wie's war, daß's g'wesen is, war 's noch allweil so, daß du dir inwendig was hast drauf einbilden können. Mach du dir nit das einzig Fleckl, was d' weiß erhalten hast, auch noch schwarz! Wüßt' ich, daß dich nur der leidige Faulteufel dazu treibt, ich saget, laß's sein, will ich dich halt d'erhalten, nit durch meiner Händ' Arbeit, mit der richt' ich nix mehr, aber mit mein' Füßen, mit dö ich über Berg und Thal lauf'.«

»Und denkst, 's ganz' Jahr soll ich mit dir Mehlnocken fressen? Närrische Traudel! Du meinst's gut, aber ich mein' 's besser. Gegen dich hab' ich gut z' machen, nit gegen sie. Laß du mich mein jetzig' Spiel spielen; sollst auch dein' Teil davon haben.«

»Meinst du, ich möcht' von ein' Brot essen, wo ein' kein Bissen g'segnet is, sondern jeder verflucht? Meinst du, daß ich in' Sack ein' Groschen stecken möcht', an dem das bittere Aug'wasser einer geängsteten Seel' glänzt? Nie mein Lebtag! Was heißt du dein jetzig' Spiel? Im damalig'n war Herz Trumpf und ehrlich bleibt's es auch. Schlagst du aber jetzt Treffbub' auf, 's Schwarzpeter-Blatt, die Spitzbub'nkarten, is das dein jetzig' Spiel? Dann laß dir aber auch sagen, daß ich dir zutrau', du hast nit erst siebn'undzwanzig Jahr' 'braucht, um auf solche Stückeln zu verfallen und kein' Meil' Wegs her, so viel ihrer sein, um's zu überlegen, das ist dir schon ang'haft't wie Un'ziefer 'm Zigeuner; Arbeitsscheu war's, was dich fort'trieb'n hat, und Arbeitsscheu hat dich fern g'halten, und jetzt, wo d' mittlerweil' der unsaubere Bettler word'n bist, vor dem d'Kinder erschrecken und d'Leut' scheuen, jetzt kommst heim, schlechter wie einer, der Nachtherberg' bettelt und den man in d'Scheun' legen laßt, aus Furcht, er möcht' ein'm s' sonst anzünden, ja, schlechter wie ein solcher, denn als was du fälschlicherweis' 'gangen bist, als das kommst du jetzt wahrerweis' heim, als Räuber, jawohl als Räuber, der ein' 's Messer ins Herz stoßt und drein umkehrt!«

Der Hoisel erhob sich vom Stuhle. »Traudel!« schrie er zornig.

Sie war schon lang vom Schemel aufgestanden und trat jetzt auf ihn zu. »Na, was gibt's?«

Hoisel setzte sich wieder nieder, betrachtete mit blinzelnden Augen die Botengängerin, wie sie da vor ihm stand, von Kopf bis zu Fuß, dann sagte er ruhig: »Mußt doch nit in ein'mfort alleinig reden, dalkete Traudel! Hör erst, dann red. Laß dir sagen, dann sag wieder. Was weißt denn du, wie ich word'n bin? Red'st da die ganz' Zeit her zu ein'm andern, wie ich einmal einer war, aber jetzt nimmer bin. Für da am Ort bist du ein recht vernünftig' Weibsleut, wann du aber auch über Berg und Thal laufst und tagüber in hundert Stuben h'neintappst, so triffst doch überall auf dieselben Kreuzköpfeln, wo keiner mit seine Gedanken übern Kirchturm h'nausreicht; wer damit bis zum Wetterhahn langt, halt' sich schon für 'n G'scheitern, aber wie's in der Welt zugeht, das wißt ihr allz'samm' nit. Schau du aber jahr'lang mitten innen in einer großen Stadt dem Wesen und Treiben der Leut' zu, wie die sich abbalgen und untereinander auffressen wie 's Getier im Wald, da leucht' dir bald ein, leben und glücklich sein, kann eins nur auf anderer Kosten! Willst mehr Glück als einer, mußt ein' anderm das Sein' wegnehmen und zu dein'm dazuschlag'n, willst's besser haben wie hundert, mußt's Hunderten abjag'n, wie tausend, Tausenden. So thun s' auch ohne Frag'n und B´sinnen. Stuck auf Stuck, wie er's andern Leuten abzwingt, baut sich dort einer sein Haus auf, sieben Stock hoch wachsen s' oft aus der Erd' und je höher er's damit bringt, je mehr steht er in Ehr' und Ansehn, fragt keins, wie viel dadurch ins Elend 'kommen sein. Die Frommen, was unsern Herrgott bitten, daß er ihnen d'Schelmstückeln g'segnet, sein grad so brav wie die, die kein Teixel nach ihm frag'n. Warum soll denn ich grad der Narr sein und dös Zuschau'n nit nutzen und auch mein' Vorteil wahrnehmen, wann's leicht sein kann? Du wirst sagen, es wär' nit schön? Nit schön war's, wirst halt sagen?«

Traudel schüttelte den Kopf, zum Zeichen, daß sie nichts zu sagen habe.

»Ei, mein,« fuhr Hoisel fort, »was frag' aber ich nach 'm Schön'? Ich frag' nur nach 'm Nutzbar'n. Schön is's mir nit vorkommen und kommt's mir nit vor. Wenn du aber so nebenstehst, und meinst, jetzt und jetzt müßt' der Uebermut der ein'n und der Jammer der andern zum Himmel schrein', oder bis in d'Höll' dringen und doch niemal kein' Zeit was davon merkst; wann du siehst, wie bis auf den Tag, wo s' ein' h'naustrag'n auf 'n Freithof, ob in hölzerner Truhe oder im blechernen Sarg, ein jeder sich unterwind't, was er will und keiner fürcht', nit der Arme, daß ihm unter seiner Holzschachtel, noch der Reiche, daß ihm unter der blechern' Bratpfann' der Teixel ein Feuer anzünd't, da geht dir wohl ein Licht auf, daß gelebt gelebt is, daß das kleine Reichtl Zeit ganz unser is und daß wir uns um kein' Herrgott und kein' Teixel z' kümmern brauchen, wie sich kein Herrgott und kein Teixel um uns kümmert! Wann d' aber nachher betracht'st, was 's Leben heißt und was dran is, dann, mein' liebe Traudel, sagst wohl wie ich: ›Es zahlt sich nit aus, daß mer gut und brav is!‹«

Hätte sich nun Traudel recht eifrig um Gott und die Welt angenommen und ihm vom Lohne des Guten, der Strafe des Bösen und dergleichen mehr vorgeredet, er würde wahrscheinlich dazu das Maul breit gezogen haben, so aber trat sie an ihn heran und sagte: »Schau, Hoisel, dadrüber kann ich mit dir nit streiten, denn ich lang' mit meine Gedanken nit einmal bis zum Wetterhahn an der Kirchturmspitz'. Es mag sich ja all's so verhalten, wie du sagst; mag gelebt gelebt, kein Herrgott und kein Teixel und am Leben nix drum noch dran sein, warum aber stell' ich dann mein' Sinn af'n Kopf, thu' ein' anderm weh, daß mir gut g'schieht, wann 'sselbe Entg'scheh'n nit einmal vorhalt' und nach 'm klein winzig' Reichtl Zeit all's miteinander vorbei is? Da strapazier' ich mich nit erst und zahlt sich auch nit aus, daß mer bös und schlecht is!«

Der Hoisel schüttelte nachdenklich den Kopf, das war aber ein Zeichen der Zustimmung. Wie überraschend ihm auch diese Ergänzung seiner Weisheit kam, ebenso einleuchtend war sie für ihn und das Kopfschütteln besagte nichts anderes als: »Nein, 's zahlt sich auch nit aus!« Am andern Morgen war er aus der Gegend wieder verschwunden.


Monate waren ins Land gegangen, da wurde ein kleines zum Klosterhofe gehöriges Grundstückchcn eingezäunt, eine Hütte darauf erbaut und als diese unter Dach gebracht worden war, saß mit einmal die Traudel als auf ihrem Eigen darauf. Nun wollten sich die Leute erinnern, daß vor nicht gar lang die Botengängerin ein' mächtigen Papierpack auf den Hof gebracht habe, den sie nur der Bäuerin einhändigen wollte; kann wohl nichts anderes darin gewesen sein, als ein schwer' Stück Geld aus der Lotterie! Ei, die Klosterhofbäuerin kennt sich aus. Wird so ein Glück lautbar, kommen alle Bettler und Borger von fern und nah' und rennen einem die Thüre ein, so hat sie es lieber verschwiegen und die alleinige Traudel ins Vertrauen gezogen und das Verheimlichen war so pfiffig und findig, wie die offenbare Wohlthat an der Alten barmherzig und christlich. Ja, die Klosterhofbäuerin ist halt in allen Stücken ein achtbares Weib, das weiß keiner anders.

Es ist wahr, die Leute sind neugierig und wenn man ihnen über etwas nicht Rede stehen will, kommen sie darüber nicht zur Ruhe und lassen andere nicht zur Ruhe kommen, aber das muß man sagen, sobald sie sich einbilden, sie wären von selbst hinter die Sache gekommen und wüßten so gut oder gar besser um selbe, als der, den sie eigentlich angeht, dann achten sie mit lächelnder Großmut das Schweigen dessen, der ihnen ja doch nichts zu sagen hätte, als was sie ohnehin schon wissen; gelingt es, sie zu diesem lebhaften Spiele der Einbildungskraft anzuregen, so ist man auch aller Fragen ledig. Nun, der Klosterhofbäuerin war das gelungen: durch den mächtigen Papierpack, den sie sich von der Traudel unter großem Wichtiggethue zutragen ließ und der nicht wertvoller war, wie bedrucktes Papier eben ist, worüber verschiedene Ansichten herrschen; doch in der Leute Augen erklärte der Gewinst die Großmut gegen die Botengängerin und alle die Heimlichkeit bürgte für den Gewinst.

In der Hütte, die also, ganz ohne Frage, der Traudel gehört, spricht alle Sonntage ein Mann zu, den man aber auch manchmal unter der Woche mit der Kraxe auf dem Rücken dort vorbeigehen sieht; findet er die Thüre zu und die Fenster verhangen, dann zieht er weiter, trifft er aber die Botengängerin daheim, dann fragt er nach, wie es ihr gehe und ob er ihr nicht etwa einen gar schweren Pack irgend wohin tragen könne, für einen solchen Ausnahmsfall macht er sich auch in derselben Gegend zu schaffen, für gewöhnlich sucht er im benachbarten Kreise sein Brot. Der Mann ist der Hoisel, der sich auch auf die Botengängerei verlegt hat, die seinem angewohnten, unsteten Wesen am besten zusagt und da er so hübsch Vergnügen und Geschäft zu vereinen wußte, so nimmt ihm niemand die Stromerei, die er erwerbshalber treibt, übel; nur, daß er eine andere Angewöhnung nicht los werden kann, finden die Leute an ihm auszusetzen, er zieht nämlich noch immer gar zu gern vor jedem, der ihm in den Weg läuft, die Kappe, geschähe es aus Artigkeit, so möchte ihm das niemand verdenken, er aber denkt wohl, Grüßen ist Höflichkeit und Danken ist Schuldigkeit und die hatte er, weil er ein armer Mensch ist, der das Seine braucht, immer lieber gleich bar heraus.

Traudel versuchte es oftmals, ihn davon abzubringen, sie rechnete ihm die Einbuße vor, die er dadurch in der Leute Meinung erlitte und die wenigen Kreuzer nach, die er damit gewönne und meinte, daß sich auch das nicht auszahle, er aber setzte die feste Ueberzeugung dagegen, wenn sich irgend etwas auf der Welt auszahle, so wäre es eben das – Betteln!

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