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Kaleidoskop

Anna Croissant-Rust: Kaleidoskop - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
booktitleKaleidoskop
authorAnna Croissant-Rust
year1921
firstpub1921
publisherThespis-Verlag
addressMünchen
titleKaleidoskop
pages289
created20131101
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der alte Garten.

Die Mondnacht ist hell wie der Tag. Nur magischer, zauberhafter. Etwas Betörendes und Verwirrendes geht von dem silbrigen Glanz aus, der über den alten Stadtmauern und Türmen, den spitzen Dächern und Erkern liegt.

In einem der alten Gärten, die zwischen den Stadtmauern und den hochgiebeligen Häusern liegen, sitze ich unter einem mächtigen Lindenbaum, der tiefschwarze Schatten um seinen Stamm birgt und mit den vielen wischenden Fingern seiner leis bewegten Blätter über die buchsumfaßten Wege greift. Das Haus, an das er sich lehnt, ist mein Wohnhaus, das Spukhaus, ein altes Kloster; mein Garten, der in dem schmachtenden Duft der Lindenblüten und Lilien steht, der alte Klostergarten.

Vor mir sehe ich die bizarre Form der Stadtmauer, 232 von Türmen und Türmchen unterbrochen, bis sie am alten Tore endet, das seine Flanken ungefüg in die Mondnacht reckt.

Mit verschlafenen Augen blinzeln die Fensterchen der Turmwohnungen in die bläulichweiße Nacht. Mein Haus liegt dunkel, stumm, mit steilem Dach und doch breit hingelagert hinter mir. Weite hallende Gänge hat es und breite kalte Treppen, auf denen ein eigener Geruch, eine Atmosphäre früherer Zeiten liegt, stille Zimmer, die nach dem verschwiegenen Garten gehen, und düstere, stumme Winkel. Es ist das Haus der heimlichen Stimmen, der huschenden Schatten in den breiten Gängen, das Haus mit den zitternden Lichtern, die jäh erlöschen und in der Tiefe des Ganges wieder auftauchen, der ächzenden Bretter, des entschwebenden Gesanges, der verweht ist, ehe man ihn so recht hört. Nun liegt sein Dach mit dem Goldkreuz im Mondlicht, ein paar Fenster zittern im Perlmutterglanz, die Mauern stehen im tiefen Schatten der riesigen Lindenbäume, nur manchmal, wenn der Nachtwind in den Kronen rumort, tasten matte Lichter das dunkle Gemäuer ab.

Mir ist, als beginne, während ich in der Nacht im alten Garten sitze, das Haus sein eigentliches Leben, 233 das sonst scheu vor mir verstummt. Alles um mich hält den Atem an, nur die Stimme des Windes spricht zart mit dem alten Hause, bringt den Duft der Wiese, den Klagelaut eines schlafenden Vogels, geheimnisvolle Botschaft von weit her. Alles wird zeitlos um mich. Die alten Häuser, die Mauern, die Bäume, das ungefüge Tor, alles wird unwirklich in dem bläulichen Gespinst des Mondlichtes. Die rötlichen Turmfensterchen sind erloschen, nun herrscht nur die Mondnacht. Rings um mich ist es wie ein Lauschen, ein Abwarten.

Da tönen zwölf Schläge vom Turm der Martinskirche. Wie von hoch, hoch oben kommen sie durch die Nacht und hallen fort. Doch nun sind es nicht die Glocken, nun sind es Orgeltöne, die leis und immer lauter tönen. Jetzt sind sie wie gedämpfter Jubel, dann wie Trauer, und wieder ist ein Brausen in der Luft wie ein Triumph.

Vor mir sehe ich die breite Masse einer Kirche aufsteigen, ein altgotisches Tor, die Flügel weit geöffnet, mit krausem Zierat umrankt, eine hohe, feierliche, gotische Halle, alles in einem transparenten, milchweißen Nebel, der den ganzen Garten füllt und bis zum Hause geht. Auch dort ist die Pforte geöffnet. Aus 234 dem Dunkel treten Gestalten in den Nebel, ziehen die Gartenwege entlang, kommen mir immer näher, ein langer Zug ist's, über dem ein feines und hohes Tönen klingt, deutlich vernehmbar im Brausen der Orgel.

Nonnen sind es, singende Nonnen in weißen Gewändern, kaum zu unterscheiden von dem weißlichen Nebel, der sie zu tragen scheint. Doch sehe ich sie deutlich, wie sie an mir vorübergleiten. Ich höre keine Tritte auf den Gartenwegen, ihre Körper sind durchsichtig, ich sehe durch sie die alte Kirche, sie sind eins mit dem silbrigen Nebel und doch deutlich wahrnehmbar. Endlos ist der Zug der schwebenden Nonnen, von aller Erdenschwere sind sie entlastet, von allem Kummer befreit, fremd allem Irdischen. Nach oben heben sich ihre Augen, verklärte Augen in jungen blühenden Gesichtern, ihre Augen senken sich, Augen in alten friedvollen Gesichtern. Lilien tragen sie in den Händen, rote oder weiße Rosen und Zypressen. Bis zu mir kommt der süße und herbe Geruch. So schwebt der Zug der Kirche entgegen und immer ist dies selige Tönen über ihm, dieser unirdische, leise Gesang. Immer mehr dehnt sich der Garten aus, die Kirche und das Portal rücken ferner, ich sehe die vielen weißen Gestalten, wie sie über die Kirchenschwelle gleiten, 235 verlöschen, zergehen wie ein Licht erlischt, noch sehe ich eine strahlende Helle in der Halle, sie wird matter und matter, die Orgel verstummt, der Gesang ist aus, die hohen Kirchenfenster werden dunkel, Portal und Kirche versinken.

Um mich ist die stumme Mondnacht, kein Laut, auch der Wind schweigt, und die weitgeöffnete Türe meines Hauses schaut schwarz in die stumme Helle. 236

 


 

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