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Kaleidoskop

Anna Croissant-Rust: Kaleidoskop - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
booktitleKaleidoskop
authorAnna Croissant-Rust
year1921
firstpub1921
publisherThespis-Verlag
addressMünchen
titleKaleidoskop
pages289
created20131101
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Gille-Galle.

»Gille-Galle! Gille-Galle!« zeterten die Kinder, die vom Schulhaus her in hellen Haufen in die enge Gasse hineinrannten. »Gille-Galle!« und immer wieder »Gille-Galle!« bis sich die Alte, der sie nachliefen, umdrehte und den Stock drohend über ihrem grauen Zottelkopf schwang. Dazu fletschte sie die Zähne hinter den blauroten Lippen und tat ganz plötzlich, ganz unerwartet einen Sprung von der Seite her gegen die Schar, daß ihr Bettelranzen hüpfte und die verfransten, schmutzigen Röcke flogen. Dieser wilde Sprung, das gurgelnde Lachen, das aus der Kehle des Bettelweibes kam, am ersten einem Glucksen und Krähen vergleichbar, waren für die Kinder stets das Zeichen zur Flucht. Keines hielt stand. Mit Lachen zwar, doch sich fast überstürzend vor Schrecken, stoben sie nach allen Seiten auseinander, und nur die 212 Mutigsten blieben noch. Denn jetzt kam der »Rockogockeltanz«, wie ihn die Buben hießen, der Glanzpunkt der gruseligen Leistungen der Gille-Galle. Er wurde eingeleitet durch eine Reihe von unglaublichen Fratzen, die sie den Buben schnitt, die weiter und weiter zurückwichen, wenn sie mit ihrem erdfarbenen, verzerrten Gesicht immer näher kam und zuletzt krähend, mit einem grotesken Sprung, vor ihnen stand. Dann blieb sie still und wartete. An den Straßenecken und hinter den Türen drängten sich die Davongelaufenen und schauten belustigt auf die Mutigen, die sich zitternd um die Alte scharten. »Gille-Galle, danz emol!« scholl's aus der Deckung, »danz de Rockogockeldanz!«

Und, wie wenn sie betrunken wäre, mit listigem Grinsen hin- und hertaumelnd, begann die Gille-Galle ihren Tanz. Feierlich fing er an, um allmählich in ein rascheres Tempo überzugehen. In den höchsten Tönen krähend, hob sie mit gespreizten Fingern ihre Röcke, daß man die schmutzigen Waden über den großen Schuhen sah. Mit Kichern warf sie diese großen verdreckten Schuhe in die Luft. Immer schneller, immer beklemmender wurde der Tanz, und ehe sie sich's versahen, torkelte sie nach links und rechts und stieß die Buben an. Was konnte sie da für scheele Seitenblicke 213 machen, wie konnte sie die Augen rollen und den Stock bedrohlich schwingen! Nun wichen die Mutigen aber wirklich bis an die Häusermauern zurück, und auch aus der Entfernung klang es nur zag: »Gille-Galle, so danz doch fort!« Die hatten gut aus der sichern Ecke heraus zu »kreischen«, während das Häuflein Tapferer dem tollen Übermut der Streunerin ausgesetzt war. Denn plötzlich konnte es ihr einfallen, mit lautem Gewieher einen der Jungen aus der Reihe zu reißen und ihn mit bocksartigen Sprüngen im Kreise umherzuwirbeln. Dabei entstand aber nicht etwa ein lautes Hallo, die Buben schauten nur ängstlich dem verrückten Herumhopsen zu.

In den Häusern regte sich nichts; man gab sich nicht gern den Anschein, als sähe man das abscheuliche und dämonische Gebaren des Bettelweibes, das sich vor Lachen schüttelte und endlich den kleinen zitternden Partner freigab und in die Reihe zurückstieß. Das Entsetzen der Kinder sowie der Abscheu der Großen waren der Gille-Galle eine hämische Freude. Es war ihr eine Genugtuung, die ganze Sippe, die sie von lang her kannte, von Zeit zu Zeit zu entsetzen.

O, das war ein Extrapläsier, Professors Emiehl, Doktors Euschen und Apothekers Hoinerisch fürchten 214 zu machen. Für was verspotteten sie auch die Gille-Galle, wenn sie demütig vor den Häusern ihrer Eltern stand? Es war auch Rache dafür, daß man ihr ein Stück Brot hinwarf wie einem Hund, daß man ihr mit spitzen Fingern ein paar Pfennige reichte, wenn man nicht gar herausschrie: »Es is nix do heit, pack dich fort, Gille-Galle!« Das war besonders dort, wo es kleine Kinder gab, die mörderisch schrien, sobald sie nur ihr schmutziges Gesicht sahen. Wie wurden die Mütter ärgerlich! Achtlos warfen sie ein paar Münzen hin oder schlugen gar die Tür krachend vor ihr zu. Die Gille-Galle hatte fast alle diese erbosten Mütter schon im Steckkissen gekannt, hatte sie mit dem Ranzen in die Schule traben und mit dem Gesangbuch als Konfirmanden aus der Kirche treten sehen. So manche waren ihr auch auf heimlichen Gängen über den Weg gelaufen, wenn sie durchs Wäldchen ins nächste Dorf humpelte, oder sie hatte die Pärchen an heißen Tagen, wenn niemand weit und breit auf der staubigen Landstraße war, im kärglichen Schatten eines Baumes ertappt. Jaja, so allerlei konnte die alte Gille-Galle erzählen, und ihr Augenzwinkern und ihr listiges Lächeln trugen ihr so manchen Extraschweigegroschen ein. Auf Liebesleute und auf 215 Kinder verstand sie sich; Liebesleute, die nicht auf allen Straßen Hand in Hand gingen, umfaßte sie mit besonderer Rührung, das waren ihre besten Kunden, wenn sie mit ausgestreckter Hand darauf zuging.

Die ganze Chronik der Stadt wußte sie, und es gab so manches Fenster, an dem sie lange stehen und erzählen mußte. Sie tat das mit der nötigen Zurückhaltung, sagte nicht zu viel und nicht zu wenig; das waren Berufskniffe, die sie nicht hatte lernen brauchen. Oft hörte sie hinter sich rufen: »Pst! Pst! Gille-Galle!« Doch sie trabte vorbei und ließ die Rufenden sogar nachlaufen; man mußte sich sein Publikum ziehen! Da gab es Mütter, die konnten es nicht ausstehen, wenn man nichts Gutes von ihren Kindern sagte. Hatte ihr einer von den Rangen auf die Fersen getreten oder ihr wüste Schimpfworte nachgerufen, war ein »Mädche« hinter die Schule gegangen und dafür auf der »Promenade« auf- und abgestiegen, die Gille-Galle merkte sich das. Kletterte einer auf ein steiles Dach, die Gille-Galle nickte ihm Anerkennung zu; stahl er Trauben, Apfel oder Nüsse, ward ihm ein ermunterndes Nicken zuteil. Ließ sich eines der kleinen Fräuleins von einem kleinen Studentlein verstohlen kleine Zettel in die Hand drücken oder saß gar 216 mit ihm in der Konditorei und schmauste Mohreköpp oder Schillerlocke, rauchte einer der jungen Herrchen an heimlichen Orten eine heimliche Zigarre und brachte sein heimliches Opfer dar, die Gille-Galle meldete sich grinsend als Zeugin. Lag nicht sofort ein Obolus in ihrer Hand, zoppte sie mit Entrüstung zurück, ebenso, wenn ihr zu wenig zwischen die Finger geschoben wurde. Mit einem Schlag begann sie moralisch, lehrhaft oder bedrohlich zu werden. Steil und gerade hob sie den Zeigefinger, der dick und knotig war und selten gewaschen: »Schämen Ehr Eich nit? So Eier gute Eltere zu hinnergehe? Was steht in der Bibel? Du sollscht Vatter unn Mutter ehre, daß es Dir gut gehe und Du lang lebescht auf Erden.« Und fort trabte sie. Wenn sie ihr nicht sofort nachsetzten und mit einigen Münzen sänftiglich auf den Weg der Versöhnung brachten, humpelte das alte Laster spornstreichs zur Mutter, in schwereren Fällen auch zum Vater. Letzteres tat sie ungern, denn es gab nur wenig Väter, die ihr ein geneigtes Ohr liehen und was sonst noch dazu gehörte, wogegen die Mütter zugänglicher waren, wenn sie auch ebenso ärgerlich und grob werden konnten wie die Väter. Und das Minche und Binche und Sannche, das Idache und Gretche und Babettche mochten sich die 217 Äuglein rot heulen und ihre Unschuld beteuern, der Hoinerisch, der Emiehl, der Auguscht und der Rischard das Blaue vom Himmel herunterlügen, sie entgingen allesamt der irdischen Gerechtigkeit nicht. Und waren es nicht Haue, so waren es andere, ebenso schlimme Dinge, die sie infolge des »Petzens« der Gille-Galle erwarteten. Entziehung des Taschengeldes z. B., das in die abscheulichen Hände des abscheulichen Bettelweibes floß, Hausarrest, der zwar der wüsten Bettlerin nichts nützte, wofür sie aber ihren Triumph und ihre Rache hatte.

Natürlich kriegte sie noch ihr Schweigegeld obendrein, damit ja der Vater, die Tante, der Pate, die Frau, und damit der Herr Rektor nichts erführen. Selbstverständlich rächte sich die Jugend wieder auf ihre Art, und nicht nur die Buben riefen ihr ein: »Gille-Galle, danz emol,« zu, auch die jungen Dämchen, die schon ins »Töchterschülche« gingen, entblödeten sich nicht, wie kleine Fratzen zu schreien: »Gille-Galle, danz emol!« Freilich, damit war ihre Kurasche erschöpft, denn kaum begann die Alte ihren Triumphtanz, so hatten sie sich auch schon mit spitzen, kleinen Schreien hinter dem Ring der »Buwe« in Sicherheit gebracht. Dabei wußten die jungen Dämchen sich so 218 viel Geschichten von der Gille-Galle in die Ohren zu tuscheln! Saß sie etwa allein in der verrufenen Fischergasse, in dem armseligen Loche? Hatte sie nicht dort auch ihr ehemaliges Verhältnis, den »Morsch owwe runner« eingemietet? Gewiß, er wohnte nicht bei ihr, o, sie war schlau, die Gille-Galle: er war nur ihr Zimmerherr, aber zu ihm hinüber schleppte sie ihre besten Möbel, auch alles Gute, das sie von ihren Bettelgängen nach Hause brachte.

Dem Morsch gönnten's die Kinder wohl, er war ja ein alter Bekannter von früher her, als er noch in den Kurpromenaden des kleinen Badeortes die Aufsicht führte und gravitätisch den Kiesweg auf und ab ging. Geriet der eine oder der andere der Rangen in die Blumenbeete oder, was viel häufiger vorkam, auf die Maulbeer-, Nuß- oder Kirschbäume der Anlagen, schrillte gleich die Pfeife des Alten, und mit hoher Fistelstimme schrie er: »Morsch owwe runner!« Bis aber der »Morsch owwe runner« kam, war die ganze Bande längst zerstoben. Schwerfällig, bärbeißig, faul und gutmütig, war er der beliebte Narr der Kinder, und er hätte diese Würde um die Welt nicht hergegeben. Sie freuten sich, so oft er mit seinem dicken, saubern Gesicht, über dem der verblichene Freischärlerhut 219 verwegen saß, dräuend auf sie zutrabte und ihnen dabei stets noch Zeit ließ, zu entfliehen, wenn sie irgend etwas auf dem Kerbholz hatten, was sich mit der Würde oder den Statuten der Anlagen nicht vertrug. Er mochte noch so brummig tun, sie lachten ihn an, und alles war gut und in der Ordnung. So liebten sie sich gegenseitig, nur spotteten sie stets, daß sich der peinlich saubere Mensch mit der dreckigen Gille-Galle eingelassen. Und rief der eine: »Morsch owwe runner!, was macht dann die Gille-Galle? Hat se sich heit gewäsche?« so schrie der andere: »Morsch, was macht dein Fraa? Danzt se deheem aa so scheen?« worauf er mit einer leidenden Bewegung abwinkte: »Loßen mich gehe, Ehr liebe Kinner, die Sache verstehn Ehr nit.«

Mit der Gille-Galle war es wie mit dem Schnaps, man kam nicht davon los; man schimpfte, man schüttelte sich, aber man nahm ihn doch. Sehen ließ er sich allerdings nie mit der Streunerin, die immer schmutzig umherlief, während er wie aus dem Ei geschält war, immer der ehemalige »Garteninspektor«. Diesen Titel hatte ihm die Jugend zugesprochen, und er war von ihm in Gnaden angenommen worden. Er hatte stets eine Art von strenger Herablassung für sie bereit, die 220 die Jugend ernsthaft und zugleich gemütlich aufnahm. So spielten sie alle miteinander ein bißchen Komödie und lebten soweit im besten Einverständnis, wenn die Buben es auch nicht billigten, daß er seiner »Fraa«, der Gille-Galle, nicht alle Tage den Buckel voll »haute«. Es war unbegreiflich! Und doch, die Bande, die das ungleiche Gespann verknüpften, waren nicht gar so schwer zu erraten. Der Morsch owwe runner war ein Gewohnheitsmensch, außerdem genügte ihm seine Pension als »städtischer Beamter« nicht, und da er gern »standesgemäß« lebte, war er ganz zufrieden, daß ihm die Gille-Galle alle häuslichen Sorgen abnahm. Dann war er abergläubisch, und die Gille-Galle, die alle gruseligen Geschichten im ganzen Umkreis kannte, hatte ihre eigenen »diabolischen« Reize für ihn. Sie konnte auch Träume deuten, aus der Hand wahrsagen, und so manches weibliche Wesen schlich in der Dämmerung in die Fischergasse und tastete sich dort verstört in der alten Baracke zurecht, die außer der Gille-Galle und dem Morsch owwe runner nur noch in der Beletage einen alten halbtauben und halbblinden Musiker beherbergte. Das heißt: halbtaub oder halbblind war er nur von Berufs wegen; da trug er eine blaue Brille und einen leidenden 221 Ausdruck und schüttelte wehmütig den Kopf, wenn man ihn anredete. Sonst aber sah er gut und erwiderte die »Witzelcher« der Gille-Galle gern mit kernigen Reden.

Er übte die Musik gerade nicht in Konzerten aus, vielmehr auf Höfen oder in Wirtschaften, wo er gar rührend zur Orgel sang, doch fand er es schimpflich, Orgelmann geheißen zu werden, denn er hielt sich für etwas Höheres. Der Gille-Galle paßte der alte Mensch da oben sehr gut. Hatte sie irgendeine sensible Kundin bei sich, so war sie ihrer Wirkung sicher, wenn von oben her ein paar geisterhafte Klänge in ihr Orakeln hineintönten oder gar ein Lied erklang wie: »Heinrich schlief bei seiner Neuvermählten« oder:

»Leb wohl du teures Land, das mich geboren,
Die Ehre ruft mich wieder fort von dir,
Doch ach, die süße Hoffnung ist verloren,
Die ich gehegt, zu ruhen einst in dir.«

Bei diesem Lied verdarb ihr der Morsch owwe runner stets die Wirkung, da es sein Leiblied war und er sich nicht enthalten konnte, mit schallender Stimme weiterzusingen: »Ich war in Ruhm und Glück stets sein Gefährte, – Und will es auch im Unglück ferner sein.« 222 Dieses Lied der Treue riß ihn einfach fort, und er ließ es sich sogar so und so oft vom »Triebehannes« – so hieß der Leiermann – ganz separat vorspielen.

War er solchermaßen oft Spielverderber, so konnte ihn die Gille-Galle wohl brauchen, wenn sie ihre gruseligen Geschichten erzählte, denn abergläubisch, wie er war, stimmte er mit allerhand schluchzenden und angstvollen Tönen ein, und zwar machte er es so natürlich, gerade, weil er selbst mitgerissen war, daß den Besuchern die Haare zu Berg standen.

Freilich juckte es ihn auch manchmal, die Sache zu übertreiben, gerade, wenn er die Gille-Galle necken wollte, er brüllte und stöhnte und wimmerte und machte einen Spektakel auf eigene Faust, wie wenn dreißig Gespenster im Hause ihr Unwesen trieben. War schönes Wetter und der Tag für die Gille-Galle gut gewesen, so konnte sie herzlich über sein Getöse lachen. Ganz anders aber nahm sie die Scherze ihres Amanten auf, wenn es regnete, wenn man sie irgendwo fortgejagt, wenn die Kinder sie verspottet hatten und wenn sie bei heftigem Sturm oder Regenwetter nicht zu ihrem Rachetanz hatte kommen können. Dann warf sie dem verdutzten Schäker irgend etwas ins Gesicht und machte sich allsogleich, ohne Rücksicht auf den 223 jeweiligen Kunden, über die vorhandenen Teller, Schüsseln und Tassen her, die sie heftig und gründlich auf dem Boden zu Staub zertrampelte. Gab sie sich dieser Beschäftigung hin, so beeilte sich der Morsch, ihre und seine Tür zwischen sich und sie zu bringen; kam er aber nicht schnell genug über den Gang, so setzte sie ihr ersprießliches Tun nicht ungern auf seinem Gesicht fort, und das ging dem Morsch owwe runner gegen die Ehre. So und so lange verpappt herumzulaufen, weil man sich schlecht rasiert hatte, dünkte ihn eine Schmach. Er rühmte sich doch stets, daß er sich ebenso fein zu rasieren verstünde wie der Barbier, und er hielt doch etwas auf sein Äußeres! Deshalb grollte er der Gille-Galle ob ihrer Maßlosigkeit, er fand, daß sie keine Haltung und keine Lebensart habe und keine Würde in ihrem Berufe. Dann grunzte sie wohl: »Du hoscht halt widder dein Beamtedünkel, unn do wer' ich nit handelseens mit d'r.«

In solchen Stunden flüchtete sie vor seiner spießbürgerlichen Auffassung in die Sphäre des genialen Künstlertums – zum Triebehannes. Der Triebehannes hatte Künstlertemperament, ganz wie sie, und wenn ihr Weg einmal nicht ganz gerade ging, schüttelte er nicht mißbilligend den Kopf, sondern stimmte ihr 224 bei. Er schalt nie wie der Morsch owwe runner über ihre verfransten Röcke und ihr Zottelhaar, er verstand es, daß das berufshalber so sein mußte, genau wie seine Krücke und seine blaue Brille. Im Temperament, fand die Gille-Galle, stimmten sie überhaupt überein, und zuzeiten ließ sie ihren »Garteninspektor« ganz links liegen und stieg schnurstracks zum Triebehannes hinauf, wenn sie heimkam. Dort oben vollführte sie ein Wesen, daß das windschiefe Haus in allen Fugen krachte. Der Gille-Galle in ihrem Übermut genügte es aber nicht, das wacklige Häuslein durch Lärm, Geschrei und Gesang ins Zittern zu bringen, sie schrie auch noch laut hinunter: »Do herowwe is es scheen, do herowwe is es luschdig, alla Luis, heb dein Been und kumm eruff!«

Aber der Luis, eben der Morsch, hob sein »Been« nicht und kam nicht »eruff«. Er überhörte den Ruf seiner Süßen, ignorierte den Triebehannes und gab sich in seinem Stübchen »Kontemplationen« hin. Dazu mußte er im Bett liegen, was ihm überhaupt stets bekömmlich war. Dieser Hochmut ärgerte die Gille-Galle unbändig, wenn sie auf der andern Seite auch wieder stolz war auf ihren vornehmen Morsch, der nachmittagelang im Bett liegen und nachdenken mußte. 225 Zwar schalt sie: »Der alt Hochmutspinsel!« verhehlte aber ihren Respekt nicht, daß er sich besser dünkte als sie und der Triebehannes, daß er sich von ihr bedienen ließ und wüste Worte und wüste Manieren haßte. Staat konnte man mit dem Triebehannes auch nicht machen, selbst wenn er seine blaue Brille herunter und seine Krücke in die Ecke gestellt hatte; er war und blieb ein Bettelmann, während der »Morsch« immer der Beamte war, die bessere, die höhere Kaste. Und wenn er auch nicht wegen Übermaß an Fleiß seine Stelle hatte aufgeben müssen, der Nimbus blieb, er war einmal für sie der mit einem Gehalt Angestellte, der, dem sie untertan war, wenn auch mit Brummen und Schelten. All ihre Fürsorge galt ihm, nie aß sie das Beste, stets mußte er es haben, und er nahm es als Grandseigneur wie einen schuldigen Tribut, wie er ihr unermüdliches Sorgen und Arbeiten hinnahm.

Es fiel ihr nie ein zu sagen: »Du, Luis, verdien doch aach emol was nebebei,« denn das, was seine »Beamtenpension« war, genügte kaum halb für sein Leben. Von Anfang hatte er es als selbstverständlich hingenommen, daß sie bei Wind und Wetter herumstrolchte, daß sie demütig vor anderer Leute Türen stand, daß sie log und trog und den Leuten verrücktes Zeug 226 aufband, daß sie in toller Laune ihre unheimlichen Tänze losließ, die sie oft aufs äußerste erschöpften.

Ja, gewiß hatte sie trotz allem ihre hämische und gallige Freude über das Menschenpack, das sich von ihr nasführen ließ, aber es gab doch Tage, wo sie auf dieses Glück pfiff, wo sie lieber im Stroh stecken geblieben wäre und mürrisch und schlotternd aufstand, wenn sie der Morsch ans Kaffeekochen mahnte, wo sie lendenlahm wie ein abgerackerter Gaul abzog, die Pflichten ihres Berufes zu erfüllen, wie es der Morsch owwe runner von ihr wünschte. Der Triebehannes hätte das auch wieder besser verstanden, daß man sich von Zeit zu Zeit in die Streu verkriechen und von nichts mehr auf dieser dreckigen Welt wissen wollte.

Aber gerade an den Tagen, wo sie dem Morsch zürnte, war's, wie wenn sie der Böse ritt. Tönte der Ruf hinter ihr: »Gille-Galle, danz emol«, mußte sie springen und tanzen, sich drehen und winden, Fratzen schneiden und krähen, als sei eine fremde, wilde Macht in sie gefahren, die sie wie einen Kreisel herumpeitschte und in ihr brannte, bis sie vor Erschöpfung fast zusammenfiel.

Und eines Spätnachmittags, es war ein windkalter Novembertag, und die Wolken rasten förmlich dem 227 fernen Rhein zu, fiel sie wirklich um. Die Kinder, die ihrem Tanz mit besonderer Bangigkeit zugesehen hatten, stoben lautlos auseinander, als das alte Bettelweib stocksteif am Boden lag, und getrauten sich in ihrer wilden Flucht nicht einmal mehr einen Blick nach ihr zurück zu tun. Ein paar Vorübergehende brachten die Gille-Galle endlich halbwegs auf die Beine und schleppten sie nach Hause, wo sie regungslos auf ihrem Bett liegen blieb. Bestürzt kam der Morsch owwe runner herbei und rang die Hände. Wer würde ihm heute Feuer machen und sein Süpplein kochen? Wer würde mit ihm plaudern und ihn zum Lachen bringen? Daß man sich nur so teilnahmslos stellen konnte! Verstört tappte er umher, rüttelte die Gefährtin, die schwach röchelte, beschwor sie, aufzuwachen und ihm Antwort zu geben. Wo sollte er Holz, wo Essen und Trinken finden? Weinend durchsuchte er das Stüblein, das eiskalt und dunkel war und immer dunkler wurde; endlich entdeckte er den Bettelranzen der Gille-Galle, den die Männer achtlos neben das Bett geschleudert hatten. Den durchwühlte er, bis er etwas für sich fand, das er unter halblauten Vorwürfen verzehrte. Aber es schmeckte ihm nicht. Sie wußte stets etwas Besonderes für ihn herauszukramen, immer hatte sie ein 228 Töpflein auf dem Ofen stehen, in dem ein Extragericht für ihn schmorte. Was sollte er beginnen, wenn sie nicht bald gesund wurde? In seiner Not lief er zum Triebehannes, der sich auch gleich als Freund und Helfer erwies. Nur kümmerte er sich, zu des Morschs Erstaunen, viel mehr um die Gille-Galle als um ihn. Er bettete den Kopf der Alten höher, zog die Decke ordentlich herauf und strich ihr über die Hände. Dann erst sorgte er, daß ein Feuer im Ofen krachte und entdeckte auch gleich den Topf mit Kaffee; bei dem saßen nun die beiden, nachdem er warm gemacht, und schauten wortlos nach der Ecke, wo das Bett stand.

Doch siehe! Wie wenn der Duft des guten Kaffees die Gille-Galle geweckt hätte, machte sie plötzlich die Augen auf und schnitt eine ihrer freundlichen Fratzen, ganz so, als sei es in der Ordnung, daß sie im Bett liege und die beiden beieinandersäßen und Kaffee tränken. Der Morsch atmete auf. Jetzt würde sie bald wieder aufstehen, sie lachte ja, sie machte ein ganz krummes Gesicht vor lauter Vergnügen!

»Gille-Galle, wilscht uffstehe?« rief er ihr zu, aber sie bewegte nur unmerklich den Kopf, und als er zu ihr trat, sagte sie, kaum daß er's verstand: »jo könne!« Sie konnte nicht? Warum konnte sie nicht? 229 Mißbilligend sah er nach ihr; der Triebehannes aber brachte ihr eine Tasse Kaffee, hielt ihr das Gefäß an den Mund, und, o Wunder, sie trank gierig, und ihre Äuglein leuchteten lustig, als sei sie ausgesöhnt mit diesem Tage, der sie zum Schluß so still in ihrem Bett liegen ließ, wo man sie bediente wie eine Gnädige. Nichts wollte sie als so schön still weiter im Warmen liegen und die zwei um sich herum wissen. Wie freundlich sie waren und wie vergnügt. Der Morsch fragte alle Augenblicke: »Gille-Galle, willscht was?« Und der Triebehannes freute sich, daß sie so vergnügt im Bette lag, und sie nickten und lachten sich zu, alle drei, und zuletzt rief der Morsch owwe runner: »Triebehannes, jetzt holschde dei Orgel, heit owend wolle mer luschdig sein!« Und der Triebehannes brachte die heisere Orgel, stellte sich gerade vor die Gille-Galle hin, quietschend und rasselnd fing sie an:

»Leb wohl, du teures Land, das mich geboren,
Die Ehre ruft mich wieder fort von hier;
Doch ach, die süße Hoffnung ist verloren,
Die ich gehegt, zu ruhen einst in dir.«

Und dem Morsch war's, als habe Triebehannes nie so schön und so rührend gespielt; er mußte laut 230 mitsingen, und der Triebehannes erhob auch seine alte, zittrige Stimme und sang, wie er auf den Höfen und vor den Wirtshäusern sang, und es war ein Jubilieren in dem kleinen armseligen Zimmer des kleinen armseligen Hauses, daß, wer vorüberging, meinen mußte, es werde Hochzeit oder Kindtaufe gefeiert, während doch nur die Seele eines alten, hämischen Bettelweibes von dannen zog, in Glückseligkeit, daß es ihm auch einmal gut gegangen und es einmal verwöhnt worden war auf dieser Erde, von der es unter Sang und Klang hatte Abschied nehmen dürfen. 231

 


 

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