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Kaleidoskop

Anna Croissant-Rust: Kaleidoskop - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleKaleidoskop
authorAnna Croissant-Rust
year1921
firstpub1921
publisherThespis-Verlag
addressMünchen
titleKaleidoskop
pages289
created20131101
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Truppenrevue.

Da sitz' ich und lauere auf meine Gedanken und will sie fangen. Aber nicht um die Welt bring' ich's dazu. Ganz merkwürdig schlau sind sie, versteckt und flüchtig. Ich höre sie immer antraben auf leisen Sohlen: Tapp, tapp, tapp, ein seidenes Rascheln; ich seh' einen kleinen Zipfel rosenroten Saumes, lichtgrüne Falbeln, – da hab' ich mich gerührt, ein Tuscheln, und rum sind sie um die Ecke. Zum Henker, wie seht ihr aus? Daher! – Vor mir aufgepflanzt! Na, wird's bald? – Da täppelt's an, aber wie ich schaue – husch sind sie fort! Ein Kichern, ein feines Getrappel von dünnen Sohlen, nicht zu weit; schon halten sie wieder, und mäuschenstill ist die ganze Horde. Bis es wieder losgeht, das Trippeln und Trappeln und Tänzeln und Schwänzeln und Haschen und Huschen mir zu.

8 Hab' ich euch? – Was? Kehrt? – Jetzt geh' ich um die Ecke. »Haaalt!«

Rum ist der Schwarm. Mit wehenden Locken und fliegenden Bändern, mit Gekreische und Gelächter, rum. Soll ich nach? Lieber lauern.

Trippelt's nicht schon wieder an? Ganz sachte, ganz zart, ganz fürsichtig. Still! Still! Geduckt an die Ecke.

Du! Du! – Jawohl! Im Flug zerzauste Locken, ein Stumpfnäschen, lustig, schlau zwinkernde Kinderaugen – ein Schrei und davon stiebt's in wildem Durcheinander. Ich nach. Und ich seh' doch was, wenn sie auch noch so rennen, sich stoßen, drängen, hetzen, aneinander vorbeischießen. Ein lustig, lustig Volk. Die Beine tanzen und die Röckchen flattern; grün und blau und rot und golden schimmert's. Und wie die Augen glänzen vor Schadenfreude, wenn sie zurückschauen! Da wird gewinkt und gegrinst und Nasen gedreht, da schwenken sie die Bänder und wehen mit Tüchern, hurtig, hurtig. Voraus die Feinen, Leichten, Seltenen; ein Trupp Übermütiger dann, sich bei den Händen haltend; ihnen nach ein buntes Gemengsel, ohne Ordnung, Helle und Dunkle, Große und Kleine; zuletzt traben Dicke, Graue, Schwerfällige. Die wären 9 am leichtesten zu fangen, meine ich. Aber so behäbig sie auch trotteln, ich hole sie nicht ein.

Weiter und weiter geht's, Ecke um Ecke, immer rum, immer rum, ohne Rast und Ruh, der Troß voraus und dreht mir Nasen und spitzt mir Zünglein und hat noch Atem zum Lachen und Kichern und Schreien. Und ich schnaube und humple und schnappe nach Luft.

Genug! Ich mag nimmer. Rennt ihr nur zu. Ich sitze. Ich brauch' euch nicht. Ihr kommt doch gleich wieder. Wetten wir? Oder nicht? Rührt sich nichts? –

Nichts. Wie weggeblasen der ganze Spuk. Hm, hm, gar nicht gut getan hat mir das Gejage.

Schnaufen muß ich wie ein asthmatischer Speckwanst, und blaurot bin ich wie ein apoplektischer Rentier. In die Beine ist mir's auch gefahren, und der Kopf wird schwer, die Augen müde. Wie wär's mit einem kleinen Dusel? so ganz, ganz still ist's. –

Oh nein, nicht doch! Ich höre, höre –: Da klopft die alte Philisteruhr mit ihrem wichtigen Pflichtpendelschlag mir über dem Kopf. »Sooo – geht's, sooo – geht's.« »Ja freilich, sooo – geht's, aber halt's Maul, ich will schlafen, will dich nicht hören.«

Doch sie klopft unbeirrt wichtig weiter.

10 »Sooo – geht's, sooo – geht's, schau – nicht, schau – nicht, tu – du, tu – du.«

»Ja, ja, tu nur du, klopf du nur zu! Laß deine Fleißzeiger rutschen, hörst du, denn ich tu' nichts.

Denke nichts, arbeite nichts, erlebe nichts. Nichts Trauriges und nichts Freudiges.

Klopf weiter auf meinem Schädel, wenn du es mußt; klopf dies Stück Leben ab, in dem Nichts geschieht: »Schau – nicht, tu – du«, es wird schon wieder anders, dann hör' ich dich nimmer, ganz, ganz anders wird's: »Schau – nicht, tu – du, schau – nicht, tu – du.«


Es ist schon anders; ich hör' dich nimmer. Ganz, ganz was andres. Aus weiter Ferne ein taktmäßiges Anmarschieren einer großen Kolonne: Der Boden schüttert.

Sie kommen, sie kommen!

Zu mir, oder geht's vorbei?

Zu mir. Ich weiß es. Ein stolzes Bewußtsein bläht mich. Denn das ist mein Volk. Wer lacht?

Das ist mein Volk. Und ich stemme den linken Arm in die Seite auf den Säbelknauf und erwarte es. Prall sitzt die Uniform über meinem gerundeten Bäuchlein 11 und wedelt mit ihren Schößen in meinen Kniekehlen. Unbequem, aber eindrucksvoll; besonders die Tressen. Am breiten Bandelier hängt der Säbel, den ich in die Luft zu strecken bemüht bin. Es sieht doch gut aus? Mein Kinn sträubt sich im Kampf mit der Halsbinde, und mein Schiffhut verdirbt mir die Würde, denn er rutscht ins Genick, und dort gefällt es ihm, mich zu scheuern. Ich bin das wohl noch nicht gewöhnt. Oder bin ich es? Ich schaue an mir herunter, und es wird mir eigentümlich bürgergardenmäßig zu Mut, und ich kriege ein hilfloses und vages Gefühl, das Grinsen und Zähneblecken für Lächeln hält.

Doch mein Volk scheint zu nahen. Haltung, mein General!

Das Marschieren tönt näher und näher, einig und fest, ein Schritt. Ich recke mich auf, ich werde gerührt. »Braves Volk!« Wie es wohl aussieht? Nie hab' ich es gesehen. Oder nicht so nah, so greifbar. Nur ein zerflatterndes Bild zieht meinem Geiste vorüber, ich sehe wehende Röcklein und muß schnaufen, schnaufen. –

Doch während ich sinnend weile, sprengt mein Adjutant daher, den andern voraus. Hätte der Kerl nicht bei mir zu sein, immer bei mir? Werde ihn abschnauzen müssen. Wie er angesaust kommt! Elend 12 schneidig sieht er aus mit seinen dolchscharfen, klaren Augen. Wenn er nur nicht solch einen elenden abgehetzten Klepper ritte und so direkt mir auf den Leib einrückte! Ich schaue mich bänglich um, aber schon bringt er die Mähre vor mir wundervoll zum Stehen; kein Zug verzieht sich in seinem Gesicht, er senkt den Degen, salutiert: »Adjutant Gedächtnis, Exzellenz.« Ich nicke, so viel mir die hohe Binde erlaubt. Ich müßte doch wohl den Kerl kennen, wenn er mein Adjutant ist, und auf was wartet er denn? Unangenehmer Patron! »Er verdirbt mir ja die ganze Aussicht!« schnauze ich ihn an. Im Nu schwenkt er wortlos an meine Seite. Ich sitze auf meinem dicklichen Pferdchen, meine kurzen Beine baumeln, und mein Säbel strebt in die Luft. Fast hätte ich gezappelt vor Vergnügen, vor Erwartung, vor Entzücken. Es sah zu wundervoll aus, mein Volk.

In langen Linien kommen sie um die Ecke an mir vorbei in tadellosem Aufmarsch. O wie entzückend! All die Farben in der Sonne auf dem weiten Feld!

Da sind die ersten Reihen.

»Die Gedanken, Exzellenz,« murmelte leise der Adjutant.

Oh, oh! Mädels, kleine, rosige, lockige Mädels, 13 Mädels mit roten, mit blauen, mit grünen, mit gelben Kleidchen, Mädels mit duftigen, zarten, wehenden Röckchen, Mädels mit kleinen, hurtigen Füßchen.

Große Farne halten sie ernsthaft, wie Gewehre, und hohe Blumenkränze haben sie auf als Helme.

Alle schauen sie nach mir im Vorbeimarsch mit den blanken, hellen, wichtigen Augen, die herzigen Dinger.

Nach ihnen marschieren Größere, Schlankere in langen weißen Kleidern. In strengen Linien fließt der Stoff an den feinen Körpern herab, von Goldspangen unter der Brust gehalten. Ihre Haare reichen fast bis zum Saum des Kleides, Palmzweige ruhen in ihren Händen. Hinter ihnen dunkle, ernste Frauen in düsterem, schwarzen Samt, mit violetten Irisbüscheln über der Schulter. Knapp ihnen auf den Füßen ein scharlachroter Strich, lachende Dirnen in leuchtendem Rot, mit Mohnblumenkränzen; zuletzt ein buntes Durcheinander scheckiger Kerlchen, flankiert von grauem, dickem, faulem Volk.

Ich schaue den Adjutanten fragend an.

»Immer noch die Gedanken; auf dem rechten Flügel die Offiziere Grundsätze und Überzeugungen, auf dem linken die Unteroffiziere Fleiß und Geduld.«

Ich nicke. Da waren so ein paar Kerle neben dran, 14 in Schwarz mit Zylindern, und drüben eine Reihe Pickelhauben, die über den Farben funkelten; ich erinnerte mich, sie hielten mit ihren Rollaugen die junge Bande zusammen.

Und nun: »Schluß!«

»Exzellenz, die Ideale noch als letzte, von der Pflicht, der Ausdauer und der Erinnerung angeführt.«

Ich rümpfe die Nase über die Ideale. Diese klapperdürren Jungfrauen mit den hohen spitzen Schultern und den Wasseraugen! Brrr! Und nicht einmal im Takt marschiert das Gesindel.

Immer mit den Wasserblauen am Himmel und mit den Händen an der Lyra. Pflicht und Ausdauer in ihrer Polizeiuniform halten sich stramm und korrekt; alle Anerkennung.

»Schluß!« raune ich dem Adjutanten zu. Er winkt, und im Nu schwenkt der ganze Troß vor mir ein in Front, voran die kleinen feinen, duftigen Dinger mit den Farnen.

»Mein Volk,« lisple ich entzückt.

»Ihre Gedanken, Exzellenz,« verbessert der Adjutant.

Ich schau ihn von der Seite an. Verdammt steifleinerner Kerl.

15 »Befehlen Exzellenz einen Einzelvorbeimarsch oder die Chargen?«

»Das letztere.« Das Bild in seiner Buntheit ist zu schön; ich möchte es nicht missen. Ich schiele nach meinen Kleinen und seufze, halte mich aber wacker.

»Ober- und Unteroffiziere vor die Front,« kräht der Adjutant und wird kirschrot.

Da lösen sie sich ab, rechts und links; rechts die Schwarzen, Befrackten, (»Grundsätze und Überzeugungen« wispert der Adjutant; der Kerl will mich wohl zum Besten haben, die hätte ich schon gekannt!) und links die Pickelhauben (»Geduld und Fleiß« flüstert er wieder). Ich danke mit einer Handbewegung (er ist doch brauchbar!). Währenddem treten sie an, Einer nach dem andern, eingeschwenkt, die Hacken geschlossen, Mann neben Mann, dicht vor mich. Die vorne in Frack und Zylinder, einen Bücherranzen mit baumelnden Schwämmchen als Tornister, schiefgetretene Absätze, Brillen und Glatzen, wie alte Professoren. Sie kommen in Schritt und taktmäßig an, stehen aber in krummer Linie. Die hinten, in knapper Uniform, tadelloser militärischer Ausrüstung; die Pickelhauben blitzen über die Vordermänner weg.

Ich erwidere den Gruß ihrer gesenkten Degen.

16 »Die Herrn sind mir nicht ganz bekannt, waren wohl bei dem letzten Haschen nicht dabei?« wende ich mich an die Schwarzen.

»Bei dem letzten Haschen? Exzellenz belieben zu scherzen.« – Eine Reihe weißer konsternierter Professorengesichter stiert nach mir. »Ich beliebe zu scherzen!« – Die Wut steigt mir auf: »Abtreten!!« Sie bleiben unverrückt stehen. »Hinter die Front!!!« schrei ich in der höchsten Fistel. Meine Kleinen drunten fangen zu kichern an, ein paar kitzeln sich mit den Farnen an der Nase; ich lächle ihnen zu, sie lachen wieder herauf zu mir, einige zwinkern mit den Augen, recken die Zünglein, eine Hand hebt sich zur Nase – halt, ich kenn' euch! Jetzt kenn' ich euch! Und ich will herunter vom Gaul und zu den Rackern; sie stehen alle schon auf den Zehenspitzen zum Fortlaufen.

»Ideale vor!« schreit entsetzt der Adjutant.

»Ideale zurück!« brülle ich. Ich will sie nicht sehen. »Aber die Grundsätze und Überzeugungen!« »Nein, nein,« schnarre ich wütend.

»Sie haben sich anzumelden, sie waren in Urlaub während des letzten Haschens.«

»Ich will nicht.«

»Die Geduld, der Fleiß.«

17 Ich halte mir die Ohren zu.

»Die Erinnerung, die Pflicht.«

»Hinter die Front!« kreische ich.

Alles rennt bunt durcheinander, die Professoren retirieren zuerst; in Reih und Glied folgen die Pickelhauben.

»Schau – nicht, tu – du, schau – nicht, tu – du,« hämmert's bekannt von weit her.

Die Linien sind gelöst, die Farben mischen sich, mein Volk rennt, stürmt auf mich zu. Ich mache einen Purzelbaum von meinem dicken Muli herunter direkt ins Gras mitten unter sie. Sofort reißen sie mir den Schiffhut vom Kopf und schleudern ihn in die Luft, ich schmeiße die hohe Binde weg, und nun kugeln wir schon in der Sonne herum. Die Kleinen halten die Farne über mich, die Weißen die Palmzweige wie ein Zelt, und wir lachen und lachen.

»Das System, Exzellenz!« jammern die Grundsätze.

»Hinter die Front!« schreien wir.

»Die Disziplin, Exzellenz!« wimmert die Überzeugung.

»In Urlaub!«

»Die Geduld, der Fleiß!«

»Abtreten, in Urlaub, abtreten, in Urlaub!« 18 kreischen wir (von fern tickt wieder die Uhr). Ich schmeiße meine Stiefel in die Luft, und nun fangen wir an zu tanzen.

In weiter Entfernung stehen die Überzeugungen mit verschränkten Armen und schauen mit gerunzelter Stirn nach uns.

Wir tanzen weiter und singen unsere Melodie zu den Worten: »soo – geht's, schau – nicht, tu – du, tu – du.« Weiter immer weiter weg tanzen wir. Der Adjutant, die beiden Polizisten Pflicht und Ausdauer folgen uns in gemessener Entfernung. Ich winke nicht ab.

»In Hudripudri ist Jahrmarkt, tanzen wir hin?«

»Ja!« schreien sie alle.

»Spielen wir ihnen was vor?«

»Ja!« schreien sie alle.

Und Lichtes und Feines und Weißes und Schwarzes und Graues und Faules und Dickes und Dünnes, alles zieht mit. Auf der verlassenen Wiese ringen die Ideale allein die dürren Arme.

Nun bin ich in Hudripudri der alte Kasperlmann aus meiner Kindheit und schlüpfe in den kattunenen Kasten und das ganze Volk mit.

Meine drei Finger stecken in dem Kasperl mit der 19 großen, roten Nase und den kleinen Ärmchen. Und er wirft fröhlich seine Baumelbeinchen über die Rampe und haut mit seinem dicken Prügel auf die Leiste zur Begrüßung. Ich krähe drinnen – es ist mir ein unbändiges Vergnügen – genau wie der alte Kasperlmann auf der Dult:

»Buam, seid's alli da?«

»Jaah!« gröhlt's unten.

»Habt's a Göld aah?«

»Jaah!« wiehert's herauf.

»Na kann's losgeh'n.«

Also fangen wir an.

Ein paar Racker sitzen schon an der Drehorgel und nach einigen rumpelnden Seufzern quiekt und jammert sie auch wirklich los. Das alte Orgellied:

»Ford're niemand mein Schicksal zu hören,
Dem das Leben noch wonnevoll blinkt,
Ja, wohl könnte ich Ga–aister beschwören,
Die der Acheron besser verschlingt!
Aus dem Leben mit Schlachten verkettet,
Aus dem Kampfe mit Lorbeer umlaubt,
Hab ich nichts, hab ich ga–ar nichts gerettet,
Als die Ehr' und dies alternde Haupt.« 20

 


 

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