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Kaleidoskop

Anna Croissant-Rust: Kaleidoskop - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
booktitleKaleidoskop
authorAnna Croissant-Rust
year1921
firstpub1921
publisherThespis-Verlag
addressMünchen
titleKaleidoskop
pages289
created20131101
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Weppo.

Die Gnädige sah sich befriedigt von oben bis unten an: Schick von der Wiener Bluse bis zum prall sitzenden Stiefelchen, das unter dem Saum des fußfreien Rockes vorguckte. Ein Muster an Geschmack und Eleganz, so kleidete sich die Dame auf dem Lande. Wie stets und immer hatte sie ihren erlesenen Geschmack bis aufs Tüpfelchen bewährt; doch was nützte ihr das in diesem elenden Gebirgsnest, wo auch nicht der Schatten eines Menschen, geschweige denn eines Mannes da war, dies zu konstatieren! Die Gnädige ließ sich auf ihrem Stuhl nach rückwärts fallen, streckte die Beine aus und gähnte – gähnte. Längst hatte sie es satt, sich selber zu bewundern, schon am zweiten Tag nach der Abreise ihres Mannes und ihrer jungen Freunde fand sie keinen Spaß mehr daran, ihre 252 sämtlichen Toiletten durchzuprobieren und damit an den beiden andern Gasthäusern vorbeizurauschen. Wozu? Auch dort waren keine Fremden, wenigstens nicht das, was sie so nannte. Ein paar bleichsüchtige Ladenmädchen, ja, die sich neckische Schürzchen vorbanden, weil sie das ländlich fanden, sich auf jeden Hügel stellten und mit ausgebreiteten Armen sangen: »Ich bin ein deutsches Määdchen.« In einen Sack hätte sie sich stecken können, es wäre ganz egal gewesen; es lohnte sich wohl, wegen der alten Wirtin Toilette zu machen, die, ganz gleich was sie an hatte, jedesmal todsicher sagte: »Aber heut sein Sie schön, Gnädige,« oder wegen der Kellnerin, die in ihrer Gegenwart kaum zu atmen wagte und wie ein Automat um sie herumging.

Diese verbohrte Idee ihres Mannes, in diesem Nest nach malerischen Motiven zu suchen, fortzureisen und sie statt drei Tage nun schon zehn allein zu lassen! Sie blieb nicht, nein, sie reiste ab, sie verkam hier!

Jedesmal, wenn sie von ihren langweiligen Spaziergängen nach Hause ging, reckte sie schon den Hals, sobald sie der Veranda ansichtig wurde. Irgendwer mußte gekommen, irgend etwas mußte passiert sein! Aber nein! Niemand – nichts. Dreimal hatte ihr die 253 Wirtin schon die Geschichte von den wunderbaren grünen Eidechsen mit den blauen Köpfen erzählt, die wie hypnotisiert auf den Weinbergsmauern in der Sonne lagen, die seien etwas Hexenhaftes, Unheimliches: denn töte man die eine, so käme eine mit zwei Köpfen, und töte man diese, eine mit drei, dann mit vier und so weiter, so daß man es zuletzt gewiß bis zu einem netten Knäuel von Köpfen bringen könnte! Auch von »Schtorpionen« berichtete sie, die es hier gäbe, vermutlich um sie aufzumuntern. Schöne Aufmunterung! Skorpione! Und wenn sie noch so klein waren, so klein selbst wie andere, viel flüchtigere braune Tierchen, von denen es leider gerade genug gab. Drei Nächte hatte sie von »Schtorpionen« und Eidechsen geträumt, die alle das Hexengesicht der Wirtin hatten, es war wenigstens eine Sensation gewesen, wenn auch keine angenehme. Dabei gefiel es jetzt der abgefeimten Greisin, die Speisen jeden Tag höher zu berechnen und sie bei jeder Gelegenheit mit der biedersten und unterwürfigsten Miene zu prellen. Es war zum Davonlaufen!

Da kam die junge schöne Gnädige plötzlich auf einen Gedanken. Warum sollte sie ihre Abende, gepeinigt von der unglaublichsten Langeweile, allein hier 254 auf der Veranda verbringen? Wofür war denn die große Wirtsstube da? – Und festen Schrittes trat die Gnädige mit ihren schönen, braunen Bergstiefelchen in die zirbengetäfelte Stube und etablierte sich da, trotz der merkbaren Unruhe der Wirtin. Und siehe, es war wohlgetan. Schon die Sensation, die ihre Erscheinung erregte! Es war wie eine stumme Huldigung; die Männer getrauten kaum ihre Köpfe zu heben und schauten sich nur ungewiß untereinander an, während die Wirtin mit ihnen zischelte. Sie hatte Angst, die »Dame« könnte sich nicht recht benehmen! »Beruhige dich, alter Uhu,« nickte ihr die Gnädige zu, »ich habe Takt, ich mach' es schon recht!« So wirft sie leutselige, liebenswürdige und angelnde Blicke über die Tische aus. Alles ist verstummt, nur ein paar Knechtlein kichern verstohlen und stoßen sich in die Rippen. In gemessener Entfernung läßt sich die Wirtin nieder und fühlt sich verpflichtet, die Honneurs zu machen. »Das sein ein paar reiche Weinbauern,« flüstert sie, »da sitzt der Velzurer, der Kasseroller, der Matscholer, – was? In der Ecken? Ah das sein Italiener!«

Die Gnädige hebt interessiert das Lorgnon. Scharmante Leute! Vor allem der Ältere, der mit dem markanten Charakterkopf; hat der Augen, und mit 255 welchem Temperament er spricht! Was leiert ihr denn die Alte noch vor? Der Schwarze interessiert sie, der mit den prachtvollen Augen, der Lebhafte, der wie ein Kavalier aussieht. Begreift das schwerfällige Weib denn nicht? Ja der, der! Es ist nicht nötig, dies geringschätzige Gesicht zu machen. Wie? Weppo heißt er? Natürlich Beppo; der Südtiroler hat sich nur das italienische Wort in Weppo verkehrt. Was? Nur ein Südtiroler, der viele Jahre in Italien lebte? Einerlei, er muß ein köstliches Italienisch sprechen, seine Worte klingen wie Musik herüber.

Weppo wird immer feuriger, auch die jungen Italiener sprechen immer lauter, natürlich zu ihr, natürlich für sie. Wie angenehm das kitzelt, wie das aufpeitscht und alle dummen Gedanken verjagt. Es ist ja reizend, ganz reizend hier!

»Eh, eh! Beppo feiner Gerl,« schreit ein junger Italiener, »schöner Gerl, kann fein italienisch. Was Beppo? Liebt Italia, is alte 'eimat, was Beppo? Gern italienisch sprecken in Wirts'aus!«

Beppo nickt mit dem klassischen Kopfe und wirft ihn dann zurück, daß die Locken wie eine Mähne wehen.

»Oh io Austriaci, Italia amore. Tutto Italia, bella Italia! Maccaroni, risotto oh! oh!!« Er 256 schaut verzückt gen Himmel, indem er Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand küßt.

Wie schade, daß die Gnädige kein Wort italienisch versteht!

»Evviva Italia!« brüllt ein junger gelber Kerl herausfordernd.

»Evviva Italia!« bekräftigt Weppo mit vornehmem Anstand. »Bella Italia, bella Napoli! Confratelli! Vino patrona! Vino nero subito!«

Die Italiener schütteln sich vor Lachen, und das reizt die Gnädige. Wie Karikaturen Weppos sehen sie aus!

»Weppo!« Sie winkt ihn unzweideutig und befehlend an ihre Seite, und sie hat sich nicht in Weppo getäuscht. Weppo springt sofort von seinem Stuhl in die Höhe, Weppos Antlitz strahlt, Weppo lüftet den Kalabreser zuerst in Ehrfurcht vor der Dame, dann verabschiedend gegen die Tischgenossen. Wie ein vollkommener Kavalier nähert er sich und frägt: »Gnädigste gestatten?« Schon sitzt er mit der ihm eigenen vornehmen Nonchalance und doch ganz Haltung und Ergebenheit neben ihr, jeder Zoll ein Italiener, und sollte er, wie die boshafte Wirtin flüstert, wirklich in Kardaun geboren sein. Wie berechtigt ist das Beppo, das die Wirtin gern spöttisch machen möchte. Sollte 257 er etwa gar Pepi, Seppl oder Pepperl heißen? Er ist auch kein Josef, nein, ganz und gar nicht. Hager, sehnig, sprühend sitzt er neben ihr, Rasse! Rasse! Beppo, das ist der Süden, die Glut, der Rausch, Beppo, das sind die Pinien und Zypressen, der ewig blaue Himmel, die Sonne, die Trunkenheit, die Liebe! Beppo, das ist die Verneinung alles Kalten, Harten, Nordischen, aller Langweile und Unfreudigkeit, alles Nebels und Graus!

Und dieses dumme Trampeltier von Wirtin, das so plump sagt: »So, Weppo, nun unterhalt' du einmal die Gnädige!« Etwa wie man einem Grammophon eine neue Platte einschiebt. ›Unterhalt' die Gnädige!‹ Stilvoll! »Die Gnädige will alles hören; erzähl' von deiner Familie, deinen Reisen, von deiner Heimat!«

Sie duzt ihn einfach! Großartig! Und die Italiener stecken die Köpfe zusammen wie ein Rudel Schafe und prusten und meckern. Dummes Gesindel! Schlechter Abklatsch von Weppo, der euch mit Recht nun ignoriert! Endlich ziehen sie ein Spiel Karten heraus, und nur hie und da fällt noch ein Blick herüber nach dem kleinen Nebentisch. Die Wirtin natürlich bleibt in Hörweite, ganz wie wenn sie nun Weppo eine Taktlosigkeit zutraue. Weppo, der der 258 vollendetste Gentleman ist! Was er wohl von Beruf sein mag?

»Sind Sie wirklich in Kardaun geboren?«

»Gewiß, Gnädigste! Kennen gnädige Frau das Schloß des Herrn von Miller, Karneid? Ein wundervoller Adelssitz, und ein feiner Mann, dieser Herr von Miller, ein persönlicher Bekannter von mir, gnädige Frau. Wir unterhalten uns oft und sehr viel und eingehend; er interessiert sich für meine Erfindungen.«

»Was? Sind Sie Erfinder?«

»Wenn es Gnädige so nennen wollen, ja. Ich habe nun einmal das Vertrauen zu Ihnen, ich fühle, mit Ihnen kann ich sprechen, Sie sind geistesverwandt. Die andern«, er macht eine bezeichnende Bewegung nach den Italienern hin, »Notbehelf, Surrogat, wenn ich so sagen darf, in diesem elenden Nest!«

»Sie leiden auch unter diesen engen, unglaublichen, stupiden Verhältnissen?«

»Enorm, Gnädigste! Wenn man wie ich anderes gewöhnt ist! Ich habe Paris gesehen, ich bin in Warschau gewesen, ich besuchte Wien, Moskau, Genf, Venedig und Rom. Ich kenne die böhmischen Wälder zur Zeit, als der sogenannte bayerische Hiesl dort hauste, den ich persönlich gesehen habe.«

259 »Wer?« frägt die Gnädige interessiert.

»Der Räuberhauptmann, der berühmte, wissen Gnädige, der so viel Mordtaten auf dem Gewissen hatte, der Mann aus dem Volke, der von hohen Frauen gehätschelt, versteckt und geliebt wurde.«

»Gott, ist das wundervoll gruselig! Weiter, Weppo, weiter!« (Allerliebst, sie nennt ihn nurmehr Weppo, und er quittiert mit einem feurigen Blick.)

»Eine Frau ist sogar über die höchste Felswand gesprungen und hat sich als Leiche über ihn geworfen, um ihn zu retten und vor den Feinden zu schützen.«

»Weppo!« ruft die Wirtin laut.

»Sapristi, es ist pure Wahrheit, Mutter! Gnädige können es glauben. Auch den Kneisel sah ich, als ich in München war, wenn Gnädige Vorliebe für die Helden haben.«

»Der war doch ganz und gar uninteressant, meine ich, von Damen keine Spur, nicht? Aber von Ihren Erfindungen möchte ich brennend gern hören.«

Weppo lacht ein überlegenes, geniales Lachen.

»Ja, die Lokomotive habe ich erfunden, Gnädigste, ohne Spaß. Die Lokomotive mit Verbesserungen, ungelehrt wie ich war und bin; die Lokomotive, die vor- und rückwärts geht. Ich habe mit Fachmännern 260 gesprochen, mit Lokomotivführern, und alle sagten, ich sei einzig.«

»Weppo!« mahnt drüben halblaut die Wirtin.

»Meine lieben Herrn, sage ich, Sie können mir nichts Neues bringen. Alle Verbesserungen habe ich schon erfunden, meine Lokomotive geht vor- und rückwärts! Gehorcht dem leisesten Drucke, geht ohne Schienen – in ein paar Wochen werden die Augen von ganz Europa auf mich gerichtet sein!«

»Weppo!« unterbricht kopfschüttelnd, diesmal sehr ärgerlich, die Wirtin.

Immer wieder dieses dumme Frauenzimmer! Was schadet es denn, daß er ein bißchen aufschneidet? Er tut das doch mit so viel Grazie; wie er feurig wird! Reizend, reizend ist der Kerl und so schön dabei! Er weiß es gar nicht, wie schön!

»Und Ihre Verbesserungen, lieber Weppo?«

»Ach, Gnädigste! Nennen Sie es Schicksal oder Fatum wie der Italiener, bei meinen Versuchen eine Explosion – eine lange schwere Krankheit, fast der Verlust meines Augenlichtes, und alles war weg!«

»Aber, Weppo, Sie haben dennoch prachtvolle Augen!«

Weppo erwidert nichts, nur seine Augen, seine 261 gerühmten Augen, sprechen! Er legt die Hand aufs Herz, indem er eine halbe Verbeugung macht, er bringt die Blicke nicht mehr los von ihr. Ist er köstlich! Die Gnädige prickelt's bis in die Fingerspitzen. Weppo ist eine Schönheit, Weppo ist ein Original, und Weppo hat sich in sie verliebt! Er ist aufgegangen wie eine Jerichorose, auf die man Wasser träufelte. Die Gnädige rückt Weppo ein wenig näher und sieht sachlich seine Augen an. »Nein, nichts ist zu sehen an den schönen Augen!«

»Gott sei Dank! Meine Augen sind geblieben, auch sonst«, er steht auf und zeigt seine große, schlanke Gestalt, »nichts verletzt; nur die Nerven! Die Probleme konnte ich nicht mehr regieren.«

»Und«, frägt die Dame nachdenklich, »was tun Sie eigentlich hier?«

Die Wirtin sitzt mit einem unaussprechlich höhnischen Gesicht da und lauert, Weppo zögert. »Hier? – Ja – Gnädige kennen doch den Neubau neben dem Schloß?«

»Gewiß, das schöne weiße Haus, nicht? Sind Sie nun Baumeister geworden?«

»Das nicht – hm, das nicht. Ich stehe so gewissermaßen in Kondition, in Verbindung mit dem 262 Bauherrn, eine alte Bekanntschaft von Italien her;« er zeigt nach dem Nebentisch, »er hat mich hier gewünscht, ich habe große Materialkenntnisse –« Die Wirtin grinst; auch die Kellnerin erlaubt sich ein Kichern hinter der vorgehaltenen Hand.

Kaffern! In welcher Gesellschaft Weppo wohl seine Tage hier hat verbringen müssen!

»Prost Weppo!« ruft die Gnädige und stößt mit ihm an, direkt in seine Augen sehend.

Aber Weppo hat ja schon wieder leer! Weppo trinkt zu viel Wein! »Weppo! Weppo!« droht die Gnädige mit dem Finger. Doch er neigt sich unmerklich zu ihr und flüstert: »Das ist nur – Gnädige verzeihen – die innere Glut!«

»Weppo!« mahnt sie nun auch, aber in ganz anderem Tone als die Alte. So drollig ist die ganze Sache, so drollig!

»Weppo, erzähle weiter!« drängt sie. »Was war dein Vater, wie bist du zu den weiten Reisen gekommen?« (Wahrhaftig, sie sagte »du«!)

»Ihnen, gnädige Frau, kann ich alles sagen, ich habe das gleich hier gespürt.« Er legt bedeutungsvoll wieder die Hand aufs Herz. »Ich werde ja stets schmählich verkannt, man lacht über mich, aber ich 263 bin viel zu stolz, es merken zu wollen! Ich bin aus einer andern Sphäre gemacht. Mein Vater war Advokat, Gnädigste! Stöße von Büchern hat er hinterlassen, Stöße! Alles studiert, ja! Und ein Riesenvermögen hat er mir vermacht, monatelang waren viele Leute mit dem Ordnen beschäftigt, denn ich ging auf Reisen. Zerstreuung, die Welt, die Frauen –«

»Weppo!« zischt diesmal warnend die Wirtin drein.

Aber da sitzt eine kleine, feine Frau und hört das Zischen der Wirtin nicht, hört kaum, was Weppo sagt, es streift sie nur eben wie ein Schimmer; gekauert sitzt sie dort mit aufgestemmten Armen, die Finger mit den blitzenden Ringen in die berühmten kastanienbraunen Haare gewühlt; die Augen macht sie ganz schmal, und dunkelschieferfarben sehen ihre großen Sterne durch die Schlitze. So schaut sie geradewegs in Weppos Augen, und Weppo zaudert, Weppo verliert den Faden, Weppo stottert, Weppo bleibt an ihren Blicken hängen und kommt nicht mehr los.

Plötzlich greift er nach seinem Glas und schiebt es sachte, wie ein Geheimnis, zu ihr hin. »Bitte, bitte, Gnädige!« Dieser Ausdruck, dieses Zittern in der Stimme!

Trinken soll sie! Schnell räuspert sich da die Wirtin, 264 die drüben schauen herüber. Nein, sie wird nicht aus dieses fremden Mannes Glas trinken. Heute nicht, – noch nicht. Sie wirft den Kopf zurück.

»Nur nippen!« bittet er dringlich.

Doch sie schüttelt langsam ihr wundervolles kastanienbraunes Haar.

»Nur mit den Lippen berühren!« fleht er.

Übermütig wirft sie den Kopf in den Nacken: »Gute Nacht, mein Freund!« sagt sie, »heute nicht, ein andermal, a rivederci!« Ist es Zufall oder Absicht, ihre Röcke streifen ihn, ihr Körper berührt ihn, flüchtig nur, nur wie ein Hauch, als sie aufsteht und ihm die Hand bietet.

Weppos Mund zuckt, er kann sich kaum fassen und sieht aus, als habe er einen Schlag bekommen, und dennoch bleibt er Galantuomo, seine tiefe Verbeugung ist tadellos, er lüftet den Kalabreser zum Abschied. Warum hat er ihn denn eigentlich den ganzen Abend aufbehalten? denkt die Gnädige, als sie sinnend die Treppe hinaufsteigt: Eitelkeit, weil er so famos drin aussieht? oder nur, weil es allgemeine Sitte ist in diesem Bergnest?

Sie summt während des Zubettgehens einen kleinen Gassenhauer vor sich hin und schläft herrlich, nach 265 ihrem reizenden Abend, so ruhig wie schon seit langem nicht mehr. Im Einschlafen nimmt sie sich aber doch noch vor, morgen die Wirtin über all die kleinen und großen Lügen Weppos zu fragen, die so prachtvoll zu ihm passen, und ihm dann später alles vorzuhalten. Er wird sich ein bißchen schämen, wird bitten, wird die Augen niederschlagen und sie dann ansehen. Herrgott! und wie konnte er einen ansehen! Jung war er ja nicht mehr, aber diese Leidenschaft! Diese unverhohlene, naive und dennoch so zurückhaltende Begehrlichkeit; der Gnädigen jagten ein paar angenehme Schauder über den Rücken, während sie sich unter ihrer Decke lang ausstreckte.

 

»War Weppos Vater wirklich Advokat?« frägt sie am nächsten Morgen die Wirtin. Der alte Drache versucht sie sehr kurz abzufertigen, benimmt sich ungemein zurückhaltend und mißbilligt offenbar ihr Benehmen.

»Man kann vielleicht so sagen, ein Winkeladvokat, ein studierter Bauer.«

»Ah so! Und das große Vermögen?«

»Damit stimmt's ziemlich. Er ist recht reich geworden, der Alte mit seiner Handelschaft, durchtrieben war er, und mit allen Wassern gewaschen.«

266 Natürlich, wenn es sich um Geld handelt, wird die Alte sofort wärmer, aber die Temperatur sinkt, sowie die Gnädige direkt um Weppo frägt.

»Was ist denn eigentlich mit Weppo, sagen Sie mir!« – Die Wirtin fährt mit der Hand ein bißchen auf der Stirne hin und her.

Freilich, wenn einer anders ist!

»Ein bißchen überspannt, meinen Sie, ja? Verrückt, nein? Von der Explosion?«

»Ja von der Explosion!« Die Alte lächelt; ein borniertes und zugleich arrogantes Lächeln. Die Gnädige ist nahe daran, heftig zu werden, aber ihre Neugierde überwiegt, es ist ihr zudem ein prickelndes Gefühl, von Weppo sprechen zu hören.

»Wie ist das mit seinen Reisen, Frau Wirtin?«

»Er war weit fort, das ist wahr. Der alte Esel hat ihm alle Säck' voll Geld gestopft, weil er den Narren an ihm gefressen hatte, wie aber der Bub zu viel verbraucht hat, hätt' er sich schier alle Haar' ausgerissen. Bei dem sind die Hunderter ja nur so geflogen; mit vier Rossen ist er gefahren draußen im Reich, Schampus hat her müssen jeden Tag, und zuletzt ist er noch überall fest gesessen mit Schulden, hat ihn der Vater noch auslösen müssen. Wie der tot war, ist es erst 267 recht angegangen, mit die Theater, die Weiber und die Karten. Ein rechter Wildling ist er worden, hat nimmer gefragt, ist eine eine Gitsch oder eine Frau. Und die Weiber sind wie der Teufel hinter ihm her gewesen, sind es noch immer.« Dabei wirft sie einen kurzen, stechenden Seitenblick nach der Gnädigen. ›Jetzt wird sie impertinent‹, denkt sich diese, fühlt, daß sie rot wird, frägt aber immer hastiger weiter.

»Und das Gut? Er sprach auch von einem Gute.«

Die Alte hebt die Achseln. »Er ist unter Kuratel.«

»Was? – In welcher Stellung ist er denn hier? Er spricht vom Bau, unterstützt er den Architekten?«

Hat sie jetzt etwas Dummes gesagt, weil die Alte so laut lacht, ja zuletzt hinausprustet und immer toller und toller lacht? Diese bäuerliche Unverschämtheit! Die kleine Gnädige ist beleidigt, sofort dreht sie sich auf dem Absatz herum, dicht vor der sich vor Lachen Schüttelnden und geht, ohne ein Wort weiter zu verlieren.

Natürlich setzt sie sich am Abend erst recht zu Weppo, die Wirtin ist doch nicht ihre Gouvernante! Wie er sich freut! Seine Augen flackern, seine Stimme zittert. »Weppo, Weppo wie geht's?« Kommt er ihr 268 nur verändert vor, täuscht sie sich oder ist es so, – er ist ein bißchen, ja ein bißchen sehr wenig gewählt angezogen. Ah so! Gestern war Sonntag, und er ist ja unter Kuratel, der Arme! Scheußlich! Die Veranlagung, die Bedürfnisse, die Launen ein vornehmer Mensch zu sein. Blöde Bande!

»Prosit Beppo!« Sie lächelt ihm zu mit ihrem entzückendsten Lachen, sie streicht ihm über die Hand, die er blitzschnell zurückzieht, ist er so – so sensibel? Er stottert sogar und kann kaum ein paar konventionelle Worte finden. Endlich!

»Wir haben gestern von meinem Vater gesprochen, gnädige Frau, er hat die vielen Bücher hinterlassen, aus denen ich mich gebildet habe, müssen Sie wissen; Astronomie, das heißt Sternenkunde, Philosophie ist Lebensweisheit, Medizin bedeutet Heilkunde oder die Lehre von den Krankheiten, Jus ist Gesetzeskunde, Chemie, die, gnädige Frau, hat mein armer Kopf gespürt: die Explosion –«

»Weppo, du bist langweilig,« sagt die gnädige Frau ziemlich ungnädig.

Jetzt wird er eifriger. »O, ich habe auch Zeitschriften gelesen, Romane. Die ›Gartenlaube‹ und ›Über Land und Meer‹, ›Spindlers belletristisches 269 Ausland‹, und sonst noch vieles. Ich kann mich überall sehen lassen.«

»Ja, du bist ein Original, aber du solltest besser nicht so viel von deiner Weisheit erzählen,« unterbricht ihn die Gnädige spitz und wippt ungeduldig mit dem Fuß.

»Von meinen Abenteuern?«

»Das könnte amüsanter werden! Aber schnell! schnell!« ruft die Gnädige laut und klatscht in die Hände, daß die Bauern sie verwundert anglotzen und die alte Wirtin einen giftigen Blick herüberschießt.

»Vom bayerischen Hiesl?« frägt er zögernd.

»Das hast du ja gestern schon erzählt, du Schaf,« sagt sie lachend und nimmt ihn beim Ohrläppchen.

Das gibt ihm einen Ruck. »Ich habe Bismarck gesehen, ich habe mit dem König von Italien gesprochen.«

»Nein Weppo, nicht allzuviel Phantasie, das lügst du wieder.«

»Gnädigste!« schmollt er in tremolierenden Tönen, »sind Sie auch wie die andern? Ich dachte –«

»Nicht bös sein, Weppo!« flötet sie leise entgegen.

»Weppo, hörst du?« Ach! sie findet es jetzt auch reizend, Weppo zu sagen, es ist viel weicher, runder als das harte Beppo! »Erzähle, Lieber, erzähle von den Frauen.«

270 Doch Weppo ist heute erpicht, sie von seiner Bildung zu überzeugen, keuchend, wie ein Schweißhund verfolgt er die Fährte. »Meinen Sie ja nicht, Gnädigste, daß ich ungebildet bin, weil ich hier in der Einsamkeit lebe. Politik und Krieg: ich weiß von der gelben Gefahr; die Japaner, ein Volk, was? Spreu sind wir, Spreu, meine Gnädige, Sapristi, gegen diese Rasse! Denken Sie, wenn wir in hundert Jahren wiederkommen könnten!«

»Aber jetzt, jetzt sind wir da, Weppo!«

»Nein, in hundert Jahren möchte ich wiederkommen, unser gutes Land Tirol sehen, Österreich, Ihr Deutschland, das Luftschiff, den Grafen Zeppelin sprechen, denn ich, meine gnädige Frau, werde mich auch daran machen, an das Luftschiff nämlich. Ich weiß die Versuche von Illner und Blériot, und einst, meine gnädige Frau, einst wird auch Beppo in der Geschichte der Luftschiffahrt – und wenn Sie, meine Gnädige –«

Doch wo ist die Gnädige? Zuerst hat sie verstohlen gegähnt, dann etwas verwundert gedacht: ›was hat er denn auf einmal? Er redet genau so langweilig wie mein Mann. Wo ist mein Weppo?‹ Dann irrten ihre Augen hilflos in der Stube umher, die fast ganz leer 271 war. Die Wirtin war fort, die Bauern karteten, aber dort in der Ecke, wer saß denn dort? Wo hatte der sich bis jetzt verborgen gehalten? Sie ist starr vor so viel jugendlicher Schönheit und Kraft. Das ist Weppo ins Sublime gesteigert, Weppo verjüngt und in der Vollendung. Diese Augen, diese sieghafte Überlegenheit (wie er nur nach ihr blickt!), dieser selbstverständliche Adel der Schönheit und Jugend! Weppo altert zusehends neben ihr, Weppo wird zum Schemen, sie empfindet ihn als Last, jäh unterbricht sie ihn und in befehlendem Ton: »Wer ist das dort in der Ecke? Schnell!«

Weppo, jäh aufgestört – er war eben bei Wright, findet sich nicht gleich zurecht: »Wer? Der Rudl? O nur der Jäger.«

Wie er das sagt: »nur der Jäger!« Ein junger Gott ist er, der mitleidslos über dich triumphieren wird, dummer Weppo! So schau nur, was er macht! Ihr schwindelt förmlich. Er steht lächelnd auf, setzt sich lächelnd an den Tisch, nimmt einen Strauß Alpenrosen, glührote Alpenrosen, wie sie nur hoch oben wachsen, von seinem Hut und reicht sie ihr ganz selbstverständlich, ja übermütig, der geborene Eroberer.

»Wundervoll!« sagt sie leise und ganz demütig vor 272 der Gabe, die so plötzlich über sie hereinfällt. Wahrhaftig, sie hat Herzklopfen und weiß nicht recht, was sie sagen soll. »Wundervoll,« wiederholt sie.

Rudl lacht, seine prächtigen, schneeweißen Zähne blitzen. So fest, so gesund, so frisch sehen sie aus, man möchte gleich die seinen darauf pressen!

»Wenn die Gnädige Blumen liebt, bringe ich ihr immer Sträuße, sie kann auch mit mir auf die Berge steigen, Prünellen holen und Edelweiß.«

»Rudl ist Botaniker, er kennt alle Pflanzen; Botanik ist Pflanzenkunde.«

»Weppo!« schreit die Gnädige und hält sich die Ohren zu, während Rudl lachend seinen Hut schwingt und wie ein junger König durch die Stube schreitet, der Türe zu.

»Rudl ist nur Botaniker,« beginnt Weppo geringschätzig. »er versteht sonst nichts.«

»Er versteht sonst nichts? Gute Nacht, Beppo. Willst du trinken? Hier.« Die Gnädige legt eine Krone auf den Tisch, reicht Weppo flüchtig die Hand und rauscht hinaus. Weppo sieht ihr entgeistert nach, noch immer hat er das Lachen Rudls in den Ohren, ja es ist ihm, als höre er es draußen auf dem Flur, nur gedämpfter, heimlicher.

273 Als die Gnädige den nächsten Abend zum Essen erscheint, steht ein prachtvoller Strauß von Alpenblumen auf ihrem Tisch; die alte Wirtin gönnt ihr nur einen mürrischen Gruß und streicht um sie herum wie eine mißlaunige Katze, wirft scheele Blicke nach den herrlich duftenden Blumen und setzt ihr ein schlechtes Mahl vor. Weppo hat schon am Tisch der Gnädigen Posto gefaßt und wartet geduldig, bis sie das zähe »Roschtbradele« gegessen hat, Rudl fehlt. Die Gnädige schiebt unwillig den Teller zurück, sie ist nervös, lacht kurz und aufgeregt und gefällt sich darin, Weppo zu quälen. »Weppo, du riechst nach Kalk, was ist das? Du wirst doch nicht Maurer sein? Lüge nicht. Ich weiß schon sehr viel von dir. Du bist unter Kuratel! Nein, nein, das ist ja nichts Schlimmes, im Gegenteil, es gefällt mir, daß du flott warst. Nur jetzt, weißt du, so wie du jetzt bist, wie du heute bist, offen gestanden, gefällst du mir nicht mehr. Ich weiß nicht, was ich dir glauben kann.«

Weppo rafft sich noch einmal auf, es ist sein letzter Trumpf, seine Stimme grollt, er ist schwer gekränkt: »O ja, Gnädige, Prassen und Großtun, Geld hinausschmeißen und den Reichen spielen, in Saus und Braus leben ist nichts. Diese Erkenntnis habe ich. Ich bin wie 274 der Graf Tolstoi. Armselig leben, arbeiten, verzichten, Gnädige, verzichten! Ich bin Arbeiter, aber das berührt meinen Geist nicht; ich gehöre der Menschheit, ich bin arm und stolz, daß ich so viel Wissen trage. Genügsamkeit ist eine hohe Tugend, Gnädigste!«

»Jawohl, verzichten und sich genügen lassen. Übe sie nur, deine Tugenden, Weppo!«

»Ach!« schreit sie auf, denn ganz unvermutet stürmisch tritt Rudl ein. Rudl mit einem Strauß Edelweiß, Rudl erhitzt, ganz bebende Kraft und Schönheit. »Durch den Gießbach bin ich herunter über den Schrofen, wie's Donnerwetter. Schön war's, Gnädige, und eine Mondnacht ist draußen – –!«

Er hebt den Vorhang am Fenster und schaut auf die Frau. Wie eine Hypnotisierte folgt sie ihm in die Mondnacht hinaus, die sie mit zitternden bläulichen Schleiern umwebt.

Am Frühmorgen kommt die Gnädige in die zirbengetäfelte Stube; ihr schönes kastanienbraunes Haar sieht feucht aus, sie ist blaß, und die stahlblauen Augen leuchten. Das Zimmer ist leer, nur Weppo liegt mit dem halben Körper über dem Tisch; er hat den Kopf in den Händen vergraben und hebt ihn langsam. Sein 275 Gesicht ist tränenüberströmt, er wendet den Blick nicht von ihr. Einen Augenblick betrachtet ihn die Gnädige mit dem Lorgnon. Er hat kalkbespritzte Arbeiterkleider an, und sein Gesicht ist gedunsen vom Heulen. Rasch läßt sie das Lorgnon fallen, daß die Kette rasselt, ein paar böse Falten erscheinen auf ihrer Stirne, sie zittert vor Verachtung: »Pfui Teufel!« ruft sie, kehrt um und schlägt die Türe dröhnend hinter sich zu. 276

 


 

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