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Otto Julius Bierbaum: Kaktus - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Schlangendame und andere Geschichten
titleKaktus
authorOtto Julius Bierbaum
publisherGoldmann TB
year1954
pages148-172
senderhille@abc.de
created19981215
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Otto Julius Bierbaum

Kaktus

Ein Beitrag zur modernen Kunstgeschichte

Seitdem die Dampfmaschinen erfunden worden sind und dann das übrige Zeug, das alles schleunig macht, ist in die Zeit ein Entwicklungstempo gekommen, bei dem einem der Weltkapellmeister von Herzen leid tun kann. Er taktiert gewiß schon längst mit dem linken Arm, weil ihm der rechte lahm ist.

Es geschehen jetzt auf allen Gebieten, vielleicht die Liebe ausgenommen, in der sich seit Adam und Eva immer alles gleich geblieben ist, in einem Jahrzehnt Umwälzungen, für die frühere Zeiten gut ein paar Jahrhunderte brauchten. Die Leute erfinden mit einer Geschwindigkeit immer wieder neues, daß gar nichts mehr alt werden kann. Gestern saß einer noch stolz auf seinem neuen Zweirad mit dem Bewußtsein, alle Errungenschaften der Technik zwischen den Beinen und in der Hand zu haben, heute überradelt ihn schon eine neue »Marke«, gegen die sein Flitzrad ein rückständiges Möbel ist, und morgen hat er die Empfindung, in einer Postkutsche zu fahren, wenn er die allerneuesten Marken an sich vorübersausen sieht. Das ist die moderne Variante des guten, alten Liedes: »Gestern noch auf stolzen Rossen usw.« Die Fabrikanten wissen es wohl zu singen und oft recht wehmütig.

Am eiligsten aber hat's die Kunst. Auch die Musen haben heutzutage Hosen an und fahren Rad. Die Tunika und der langsame Schreitetanz um feststehende Altäre sind aus der Mode. Die Damen trainieren sich und halten die schwierigsten Parforcetouren aus. Selbst Melpomene, die Breithüftige, radelt gewaltig schnelle; vor keiner Pfütze scheut sich die Unerschrockene.

Aber ich will nicht von ihr reden oder einem ihrer Jünger.

Dies ist der Sang von Kaktus, der ein Maler war.

Kaktus war nicht sein Vatersname. Der tut hier nichts zur Sache. Er hieß Kaktus unter seinen Freunden, und fragte man warum, so hieß es: Weil er knollborstig und saftig ist.

Als er noch ganz jung war und schon Lateinisch lernen sollte, machte er sich bei seinen Mitschülern dadurch beliebt, daß er in den Freiviertelstunden den Herrn Ordinarius sowohl wie auch den Mathematikprofessor und überhaupt alles, was Lehrer hieß, mit weißer Kreide an die schwarze Wandtafel malte. Daß er dabei nicht schmeichelte, erhöhte seinen Triumph bei den entzückten Kameraden, aber das Lehrerkollegium dachte über diese Kunstleistungen anders, als es dahinter kam, und der Herr Rektor erklärte den malerischen Tertianer für »zügellos frech«.

Deshalb unterließ es Kaktus fürderhin, die Leiter seiner Studien zu porträtieren; dafür zeichnete er nun an den Rand des beredten Cicero sowohl wie des geschichtekundigen Xenophon schönlockige Mädchenköpfe und feuerflammige Herzen, die durch verschlungene Spruchbänder voll zärtlicher Redewendungen miteinander verbunden waren.

Auch das fand den Beifall der Lehrer nicht, obwohl die Kameraden voll Bewunderung erklärten: das ist die Babette, und das ist die Marie, und das ist die Bertha!

Die Lehrerschaft war und blieb den schönen Künsten barbarisch abhold und beurteilte den Wert des jungen Kaktus keineswegs nach der Porträtähnlichkeit seiner Randzeichnungen, sondern nach seiner Beschlagenheit in den tristen Wissenschaften des Gymnasiums. Daher blieb Kaktus oft sitzen und hatte früher einen Schnurrbart als die Würde eines Primaners. Hätte er sich darauf gesteift, das Reifezeugnis zu erwerben, so säße er wahrscheinlich heute noch auf der Schulbank. Aber er steifte sich gar nicht darauf, sondern ging lieber nach München zur Akademie.

Es ist nicht zu schildern, mit welchem Hochgefühl er zum ersten Male durch die langen Korridore mit den schönen gipsernen Standbildern schritt.

Zeichnen, malen dürfen, nicht heimlich, sondern mit Approbation und ausdrücklich unter dem Zeichen des Lebenszweckes – welch ein Gefühl! Seine Zuversicht war groß, und sie durfte es sein, denn der alte Professor, der seine mitgebrachten Sachen besehen hatte, hatte ihm mit einem freundlichen Grunzen erklärt: »Können tun S'no nix, aber werden kann's was, wenn S' was tun.«

Kaktus tat was. Er fraß sich durch die Gipsmauer der Anfängerklasse mit der Beharrlichkeit einer lüsternen Maus durch, die hinter der Holzwand Speck riecht. Er lernte in den verschiedenen Sälen bei den verschiedenen Professoren, was zu lernen war, und erntete viel Lob und ein gutes Schülergewissen.

Ich nenne ihn immer schon Kaktus, aber er war es eigentlich noch nicht.

Oh, er war noch gar sanft und fromm und lieb, ganz wie jener Fridolin, dem's später im Eisenhammer trotzdem so übel erging. Er war halt zufrieden, daß er lernen durfte, und wußte nichts von der Welt draußen, wo man vor allem wieder verlernen mußte, um als Kerl zu gelten.

Kaktus wurde er demnach erst, wie er zum ersten Male ausgestellt hatte und sich ein eigenes Atelier mietete.

Da pflegen die meisten Fridoline haarig zu werden, indem sie »einen Standpunkt einnehmen«, und die, die vorher ohne Standpunkt die bravsten waren, pflegen sich jetzt am standpünktlichsten und verwegensten zu benehmen. So auch recht bald Kaktus.

Bis dahin war er ganz nur Schüler gewesen, lediglich darauf bedacht, sich das Handwerk anzueignen. Er hatte auch gar nicht viel über die Kunst nachgedacht und was sie soll und was sie nicht soll, und auch nicht über sich, was persönlich er in der Kunst und mit der Kunst wolle – er hatte einfach abgeguckt, was an Technik abzugucken war, und ganz naiv gemeint: Malen ist Abgucken und noch-einmal-so-machen. Auf diese Weise hatte er dank seiner Begabung und seinem Eifer sehr viel gelernt und konnte sich nun wirklich sagen: Jetzt fang ich selber an.

Er stellte also ein Bild aus: Oberbayrische Bauernmädchen in einer Dorfkirche.

Es war ein hübsches Bild: lauter hübsche braune Dirndl mit seidenen geblümten Fürtüchern. In den Gesichtern war ein bißchen Defregger, in der Dämmerstimmung des Kircheninnern war ein bißchen Gabriel Max, in den Fürtüchern war ein bißchen Leibl, aber: Kaktus pinxit.

Das Bild wurde von der Kritik mit aufmunterndem Lobe registriert, vom Publikum sehr nett gefunden und von einem norddeutschen Gutsbesitzer, der die oberbayrische Tracht liebte, gekauft.

Mit dem Erlös des Bildes und dem monatlichen Zuschuß von einer Erbtante, die anfing, auf den Kunstmaler stolz zu werden, machte sich Kaktus selbständig.

Nicht mehr Akademiker jetzt, sondern akademischer Maler, nicht mehr Schüler der Akademie, sondern Mitglied eines großen Künstlervereins – über ein Kleines, und man wird ihn »den jungen Meister« nennen, »von dem die deutsche Kunst noch Schönes zu erwarten hat.«

Die Zuversicht war wieder groß, und wieder war es jener alte Professor von damals, der mit ein paar Worten dazu beigetragen hatte: »Können tun S' jetzt schon was, nun müssn S' was damit anfangn.«

Aber er fing nicht gleich an, was anzufangen. Er fing an, sich umzusehen. Wonach eigentlich? Natürlich nach einem Standpunkt! Aber er wußte das selber nicht. Er fühlte nur das Bedürfnis, Umschau zu halten. In die Akademie konnte er nicht mehr gut gehen. So ging er in die Ateliers der Freunde und an die Künstlertische in den Kaffees und Bierstuben.

Sonderbar, was da für ein Wind wehte, was da für Reden geführt, für Bilder gemalt wurden. Kaktus traute seinen Ohren und Augen nicht und wurde – wütend, wurde – Kaktus.

Nein, das war sein Standpunkt nicht!

»Was!?« rief er, »Das soll Kunst sein!? Das is a Schweinerei! A Gepatz! Wie? In der Sonne sitzen und spannen, was sie für Klexe auf an Heustadel macht? A nette Kunst! Saustall! Pfui Deixel!«

»No, no!« riefen da die andern, »Sie reden halt, wie Ihnen der Schnabel in der Akademie dreht worden is. Schaun Sie sich doch erst mal um, was draußen vorgegangen is, in der Welt, in Paris, und dann wolln wir weiter reden.«

»Nix is! Nix is! A Schweinerei is! Hat jemals a Meister so geklext? Gehn S' in die Pinakothek, in die alte, und sehn S' nach, ob da so a Spinat hängt. A Spinat! A ganz erbärmlicher Spinat! Mit Lichtpatzen als Setzei drauf!«

Kaktus hieb auf den Tisch, daß die Gläser hupften.

Es ist schwer, sich einen Begriff von Kaktus als Redner mit Lipp und Faust zu machen, wenn man nicht ungefähr eine Ahnung hat, von welcher Art seine Leiblichkeit war. Daher sei es versucht, ihn hier mit ein paar Strichen zu skizzieren.

Kaktus stand damals im sechsundzwanzigsten Jahre, also in einem Alter, wo dem männlichen Menschen im allgemeinen eine schlanke Elastizität des Leibes verliehen zu sein pflegt. Kaktus indessen begann schon, Fett anzusetzen.

Ich will nicht behaupten, daß er damals schon zwei Kinne hatte, aber anderthalb waren es gut. Über diesem Sechsviertelkinn kam zuerst eine blonde Fliege, die nur mühsam mit Brillantine zu zähmen war, da sie, statt in eine honette Spitze auszulaufen, die widerborstige Tendenz hatte, einen struppigen Halbkreis zu bilden. Sie wurde von einer ausgiebigen Unterlippe im eigentlichsten Sinne überschattet, denn diese Unterlippe zeigte eine seltsame Ausbiegung nach unten – im allgemeinen kommen solche Unterlippen nur bei gewissen Orchideenarten vor und botanisch wirken sie zweifellos ästhetisch; beim Menschen geht ihr Eindruck mehr auf das Charakteristische.

Die Oberlippe litt etwas unter der Prominenz ihres unteren Gegenstücks; zwar war sie breit, aber nicht fleischig und hoch genug. Es hätte eines starken Schnurrbartes bedurft, ihr ein Ansehen von Wucht und Bedeutung zu geben; aber leider fehlte es dem, was Kaktus seinen Schnauzer nannte, an der genügenden Fülle und Stärke der Haare. Dieser Schnurrbart war zu früh gekommen und nach Art von Wunderkindern in der Entwicklung zurückgeblieben. Einst, als Kaktus siebzehn Jahre alt war, hatte der Bart ihm unsägliche Freude bereitet, und eher hätte er sich einen gesunden Vorderzahn ziehen, als ein Schermesser an diese blonden Härchen gelassen, aber jetzt, da er fünfundzwanzig vorbei war, verursachte ihm das ehedem verhätschelte Bartwesen viel mehr Kummer als Vergnügen. Die Fliege wurde im Grunde nur deshalb so auffällig gepflegt, um den Haaren des obersten Stockwerks als vorleuchtendes Beispiel zu dienen.

Doch steigen wir höher hinauf! Es kam natürlich die Nase. Aber, bitte, was für eine! Hätte Sir Drake uns nicht die Kartoffeln beschert, so wäre ich verlegen um ein würdiges Bild dafür. Doch will ich damit nicht sagen, daß sie Auswüchse hatte, sie war nur einfach knollig; es fehlte ihr an scharfer Linienführung, sie war nicht abgeteilt genug, zu sehr Masse.

Insofern paßte sie vorzüglich zu den Backen. Welch ein Paar! Par nobile sororum. Es gab keinen Tapezierer, der an Kaktus vorübergehen konnte, ohne sich einen Stümper zu nennen. Wer solche Polster fertig brächte! Zwei tadellose Strophen aus einem Hohenliede auf das Runde. Darf man das Wort Hemiglobik wagen, so behaupte ich getrost, daß in den Backen des sechsundzwanzigjährigen Kaktus die Hemiglobik zur klassischen Vollendung gediehen war. Genug davon; ich gerate sonst ins Mathematische.

Sehen wir uns lieber die Augen an. Es ist nicht ganz leicht, denn es versteht sich, daß sie durch die starke Plastik der Backen ein bißchen beeinträchtigt waren. Sie hielten sich etwas im Hintergrunde auf, und es war ihnen nicht gegeben zu rollen, weil kein Platz dazu da war. Und doch hätte Augenrollen so gut zu Kaktus gepaßt. Dafür waren sie aber sehr blau, und zwar von einer Bläue, die sonst nicht in der Natur vorkommt. Aber ich entsinne mich, einmal einen Likör gesehen (nicht getrunken, gottbehüte!) zu haben, der so aussah. Wer diesen Likör nicht gesehen hat, kann sich auch keinen Begriff davon machen, von welcher Art Blau die Augen Kaktussens waren.

Von Augenbrauen war nur ein flaumiger Ansatz vorhanden. Es ging gleich und ohne weiteres die Stirne an; und das war gut so, denn, da sie oben bald zu Ende war, mußte sie unten soviel als möglich mitnehmen.

Jetzt das Haupthaar. Blond ist zu wenig, gelb zu viel. Es war eigentlich gar keine Farbe in ihnen. Aus diesem Grunde geschah es wohl, daß Kaktus zuweilen die Farben, die er gerade auf der Palette hatte, auf seine Haare übertrug. Aber es wäre frivol, deswegen zu behaupten, daß er sich die Hare zu färben pflegte. Es hing das nur mit seiner Gewohnheit zusammen, sich manchmal die Hände nicht ganz zu waschen, eine Gewohnheit, die wahrscheinlich auf koloristische Gründe zurückzuführen ist und bei Malern der verschiedensten Schulen nicht selten beobachtet wird. Im übrigen gehörten seine Haare nicht zu denen, die man Locken heißt. Sie ringelten sich nicht im geringsten und hatten überhaupt die Tendenz, einer bestimmten Form, was man so Frisur nennt, auszuweichen. Ihre Lieblingslage war ein freies Durcheinander; man kann Ähnliches sehen, wenn man nach einem starken Gewitter an einem Kornfeld vorübergeht.

Bleiben nur noch die Ohren und der Hals. Von beiden genügt es zu sagen, daß sie fleischig und gedrungen waren. Und dies reicht auch zur weiteren Charakteristik der Körperlichkeit Kaktussens hin.

Ich sehe überhaupt, daß meine Skizze zu sehr ins einzelne gegangen ist, und bei der Unmöglichkeit, einen Menschen mit Worten zu porträtieren, wird nun bloß der Eindruck erreicht sein, als wäre Kaktus ein ziemliches Scheusal gewesen. Aber ich bitte inständig: glauben Sie das ja nicht. Es wäre lieblos und täte mir leid.

Übrigens hat Kaktus ja doch eine Frau gekriegt, wie Sie bald sehen werden, und das ist schließlich die Hauptsache.

Ein paar Worte über seine Kleidung von damals muß ich aber doch noch sagen. Es ist das von Bedeutung. Kaktus trug nämlich wirklich noch eine braune, schwarz eingesäumte Samtjacke, weite graue gestreifte Hosen, einen blauen Flatterschlips und einen Kalabreser. Man wird das nicht glauben, denn diese Maleruniform scheint uns bereits der grauen Vorzeit anzugehören, und die Direktoren von Kostümmuseen müssen sich schon dazuhalten, wollen sie noch eine echte für ihre Schränke auftreiben, aber es ist eine absolute Tatsache, daß Kaktus noch in diesem Aufzuge im Affenkasten des Augustiners (ach, auch der ist dahin!) gesessen ist.

In diesem Anzug geschah es denn auch, daß Kaktus sein zorniges Diktum vom Spinat mit Setzei den malerischen Kollegen ins Gesicht warf, und es ist gar keine Frage, daß dieser Anzug und dieses Diktum in einem inneren Zusammenhange standen. Er verfocht die gute alte Tradition nicht allein mit Worten und Werken, sondern auch mit Jacke, Hosen, Schlips und Hut.

»Die Tradition! Donnerwetter, die Tradition! Himmelherrgott Kruzitürken, die Tradition! München! König Ludwig! Die alte Pinakothek! Die deutsche Kunst! Die alten Meister! Das Ideal! Der Idealismus! Herrgottsakra –sind denn die Leute verrückt geworden, daß sie auf einmal Bilder malen wollen, die man sich bloß durch eine Schneebrille mit schwarzen Gläsern anschauen kann!?«

Dem Himmel sei Dank: Kaktus hat seinen Standpunkt.

Er wütete und schwur zornige Schwüre, daß er nicht zu den Affen der Franzosen gehören wolle, er nicht! Er wolle das Banner der guten alten Kunst hochhalten trotz aller Naturalisten des Erdballs. Seinem Leibe und seiner Palette solle die Freilichtseuche fernbleiben, an seinen Bildern solle sich niemand die Augen verderben, er wolle den ausländischen Unfug nicht mitmachen!

Sein ärgstes Schimpfwort war damals: Photograph.

Kaktus zog sich zurück. Die Kollegen, die seine Wutergüsse nicht gerne entbehren wollten und ihn deshalb zuweilen in seinem Atelier aufsuchten, fanden ihn, wie sie dann im Kaffee erzählten, wütend in der Asphaltsauce sitzen. Er malte nach ihren Worten unablässig weiter Max-Defregger-Leibl-Ragouts.

Und es ging ihm gut dabei. Wenigstens anfangs.

Seine Bilder wurden von dem ältesten und darum bekanntesten Kritiker der Stadt regelmäßig als »erfreuliche Äußerungen eines besonnenen, von keiner Modenarrheit angesteckten Talentes« bezeichnet und entweder von »wahrhaft kunstsinnigen Förderern ernster Kunstübung« oder vom Kunstverein selber zu Verlosungen angekauft.

Hoch waren die Preise ja nicht, aber das ließ sich durch die Häufigkeit der Verkäufe ausgleichen.

Trotzdem war Kaktus nicht zufrieden. Im Gegenteil: er wurde immer wütender. Irgend etwas in ihm rebellierte, irgend etwas fraß ihm die Leber ab.

Vielleichtdarf man sagen: es ärgerte ihn fürchterlich, daß seine Freunde, obwohl sie viel weniger verkauften als er, ihn über die Achsel ansahen.

Sie benahmen sich auch wirklich schnöde und zwickten ihn mit Redensarten auf, wie: ob er überhaupt noch hinzusehen brauchte beim Malen? und: warum er nicht gleich eine Fabrik eröffnete? und: das Auspinseln von Schablonen sei noch leichter als das da.

Was? Leichter!? Also, sie meinten: Er male im Geiste drr guten Tradition, weil das leichter wäre? Er könne am Ende nicht modern malen?

Kaktus streifte sich die Hemdsärmel hoch und blickte wiId um sich; wäre es möglich gewesen, so hätte er die Backen aufgeblasen. Ein Glück, daß es nicht ging:sein Anblick mit aufgeblasenen Backen würde das Menschliche überschritten haben. Es genügte schon sein übriger Habitus in diesem Augenblicke. Er sah furchtbar aus und brüllte überdies, daß die Staffeleien wackelten.

»Was? . . . ! . . . Na . . . Können! . . . Das Gepatz? ... Haha! ... Hoho! ...«

Er stürzte sich auf seinen Farbentisch, schabte eine alte Palette ab, riß seinen Tubenkasten heran und quetschte die Tuben mit Weiß, Hellgrün, Hellblau, Hellgelb, Hellrot so wütend aus, daß ihr Inhalt in ganzen Bergen nebeneinander aufwuchs. Mit diesem Gebirgszug auf der Palette nahte er sich drohend einer frischen Leinwand, wählte den derbsten Pinsel, den er besaß, und strich gewaltig drauflos in massigen Lagen.

Hui, wie-das flutschte! Sakra, wie das kleckte!

Platsch: eine Lage Gelb – ein Kornfeld. –

Pitsch: darüber eine Lage Grün – ein waldiger Höhenzug.

Klatsch: eine Masse Blau darüber – der Himmel. Witschwatsch: ein paar Ladungen Weiß hinein – Wolken.

»So! Da hammers!«

Kaktus, hochrot und schwitzend vor Aufregung, trat ein paar Schritte zurück und fuhr sich mit den Fingern, die mit sämtlichen bis jetzt verwandten Farben reichlich garniert waren, durch die Haare.

»Noch 'n Patzen Rot, und das moderne Kunststück ist fertig!«

Heidi, ein Bauernmädel in rotem Rocke belebte den Vordergrund.

Jetzt zündete sich Kaktus eine Pfeife an und warf sich auf das Ledersofa im Winkel.

Das bunte Monstrum grinste ihn an, und er erwiderte das Grinsen:

»No? Kann man pleinairer sein? Is das nicht scheußlich genug: Und das soll Kunst sein?«

Sonderbar: Kaktus spürte gar nicht, daß er einen Witz gemacht hatte.

Natürlich wußte er, daß das kein Bild, sondern eine Karikatur war, aber da er alle Bilder der Hellmaler für Karikaturen hielt, so schien ihm seine Tüncherei wirklich ein Beweis dafür zu sein, daß er, wenn es ihm nur beliebte, ebensogut »hell« zu malen vermöchte, wie die andern.

Am Abend dieses Tages ging Kaktus aus und verhöhnte seine Freunde, die im Augustinerkeller saßen, gewaltig.

Bei einer sauren Kalbshaxe und der dritten Maß war er soweit, zu erklären, daß er den Pleinair-Schwindel jetzt praktisch erkannt habe, bis auf die Nieren. jetzt brauchte er bloß ein Retourbillett nach Dachau zu lösen, einen Tag lang sich dort von der Sonne schmoren zu lassen und ein paar Fetzen Wieswachs abzuklauen, und sie würden alle vor ihm auf dem Bauche liegen. Übrigens genügte es auch, einen Dienstmann mit Farbe und Leinwand hinauszuschicken; ein Pinsel sei nicht einmal nötig: so was könne jeder mit Daumen und Handballen hinsetzen. Er fühlte sich jetzt mehr als je zu gut dazu.

Die Freunde fragten ihn sehr bescheiden, ob es erlaubt sei, sein Werk zu betrachten.

Natürlich, sie sollten nur kommen, und sie möchten nur ihre eigenen Dachauereien mitbringen und daneben halten; der Unterschied sei bloß, daß er in einer halben Stunde hingehauen habe, wozu sie einen halben Tag brauchten.

Die Freunde waren, wie Freunde nun einmal sind, zumal, wenn sie mit Grobheiten regaliert werden, etwas boshaften Gemütes.

Mit Grobheiten, das wußten sie, war gegen Kaktus nicht aufzukommen; seine Saftigkeiten übertrieften jeden Versuch, aber für Ironie hatte er nicht das geringste Organ. Darum kamen die Freunde überein, den harmlosen Kaktus ironisch einzuseifen.

Sie erschienen schon in der Frühe des folgenden Tages im Atelier, als Kaktus noch unfrisierter aussah als bei höherem Sonnenstande, ließen sich als Gastgeschenk einen Atelierschnaps reichen und traten, die Gläser in der Hand, vor das entsetzliche Erzeugnis des Kaktusschen Ingrimms.

»Hm!« sagte der Eine, zog die Brauen hoch, schüttelte den Kopf und warf den Kognak in sein Inneres.

»T.. t. . t. . t!« machte der Zweite, zog die Brauen hoch, schüttelte den Kopf und warf den Kognak in sein Inneres.

»Alle Wetter!« sagte der Dritte, zog die Brauen hoch, schüttelte den Kopf und warf den Kognak in sein Inneres.

»Teufel noch mal!« rief der Vierte, zog die Brauen .hoch, schüttelte den Kopf und warf den Kognak in sein Inneres.

»Na?!!?« brüllte Kaktus und stellte die Kogakflasche weg. Da begannen die vier Freunde den Kennertanz.

Wer öfter Kunstausstellungen besucht, weiß, aus welchen Figuren dieses Ballett besteht. Gazeröckchen sind dazu nicht vonnöten; seine ausdrucksvolle Schönheit kommt vielmehr am besten in Bratenröcken zur Geltung, und wer es ganz stilgemäß exekutieren will, sollte nicht versäumen, sich eine Stielbrille zu verschaffen. Zur Not kann man es aber auch im Jackett und nacktäugig aufführen.

Es sieht – unter Weglassung aller Nuancen, deren es eine Legion gibt – so aus:

Man nähert sich scheinbar harmlos und ohne jede choreographische Absicht dem Bilde. Da, plötzlich, bleibt man wie von einer unsichtbaren Macht festgenagelt stehen [wäre Musik bei diesem Tanzvergnügen, so würde hier ein Paukenschlag erfolgen] und reißt die Augen bis zur Grenze der Möglichkeit auf [bei vorhandener Stielbrille tritt diese hier zum ersten Male in Aktion; man muß es nicht an Temperament fehlen lassen, wenn man sie emporschwingt].

Leise senkt sich der Kopf nach rechts, hebt sich ebenso leise langsam wieder und senkt sich nach links [die Stielbrille markiert die einzelnen Phasen dieser mimischen Evolution].

Zwei tastende Schritte vorwärts; das Kinn preßt sich auf die Brust; die Augen nehmen einen strengen Zug an. [Stielbrille.]

Der Kopf hebt sich, die Augenbrauen tun dasselbe, aus der Kinnbrustlage entwickelt sich die Pose der angespannten Kehle; weil der Kopf immer weiter in die Höh, immer weiter in die Höh gehoben wird, bis der hintere Rand des Hemdkragens dieser anstrengenden Übung ein Ende bereitet [die Stielbrille läßt sich nur im mittleren Teile dieser Figur verwerten].

Nun kommt ein etwas gewagter Effekt, der nur den Geübtesten gelingt, aber bei richtiger Ausführung unwiderstehlich ist, weil sich ihm an Ausdruckswucht kaum etwas vergleichen läßt, nämlich: Mit einem starken Ruck fällt der Kopf von dem hinteren Randkragen auf den vorderen [die Stielbrille fliegt nach vorn, wie der Pallasch eines attackierenden Kavalleristen], und so, den Schädel kriegerisch nach vorn geneigt, befördert man sich mit zwei, drei elastischen Schritten [Sprüngen, wenns die Beine erlauben] direkt an die Leinwand, so zwar, daß zwischen dieser und der Nasenspitze nur ein ganz unmerklicher Zwischenraum bleibt [nur ganz unberufene Dilettanten werden hier der Verirrung anheimfallen, jetzt die Stielbrille in Aktion zu bringen; sie hat in diesem Augenblicke nicht das mindeste zu tun].

Es beginnt der Tast- oder Schnüffel-Pas. Man könnte ihn auch den Auskultier-Pas nennen, denn er besteht darin, daß man, ähnlich dem Arzte, der die Brust eines Kranken abklopft und aushorcht, an der Leinwand hin- und herrückt und bald diese, bald jene Partie der Farbenschicht in aller unmittelbarster Nähe betrachtet, betastet oder beriecht [als übertriebenen Versuch, den Effekt zu steigern, muß es bezeichnet werden, wenn sich einige der Nase als Tastorgan bedienen oder gar die Farben anlecken].

Dieser sehr diffizile Pas kann je nach der Größe der Leinwand länger oder kürzer ausgedehnt werden; bei Bildern von hohem Formate erfordert er beträchtliche Übung in der Fußspitzstellung; ein allzu schnelles Hin- und Herrücken vor dem Bilde schwächt den Eindruck eher, als daß es ihn erhöht.

Der Übergang von diesem Pas zum folgenden wird verschieden ausgeführt.

Es gibt Autoritäten auf diesem Gebiet, und zwar solche, die allen Anspruch darauf haben, ernst genommen zu werden, die hier eine kleine Pantomime einschieben, einen Trick, der hauptsächlich aus Kopfschütteln, Nachschlagen im Katalog und Aufheben der Arme besteht, womit eine gewisse Unsicherheit, eine Art kritische Beklommenheit sehr gut ausgedrückt wird.

Wer aber das Ballett als die Kunstgattung begreift, die mit großen Linien, klaren Zügen operiert, ohne viel Ausbiegungen in psychologische Details, der wird sich auf die Seite der Meister stellen, die auch hier kraftvoll und wuchtig ohne Unterbrechung die Entwicklung schnell weiterführen.

Diese machen es so: Sie treten plötzlich einen Schritt zurück, bestreichen mit einem umfassenden Blicke [Stielbrille!] die ganze Leinwand und gehen sofort zu dem höchst anmutigen Retirier-Pas über.

Der Name deutet ziemlich genau an, woraus diese Figur besteht: Man entfernt sich langsam, vorsichtig rückwärts schreitend von dem Bilde und zwar, dies ist wichtig, so weit als irgend möglich. [Gelindes Auf und Ab der Stielbrille.]

Hat man den äußerst möglichen Standpunkt erreicht, d. h. macht eine Wand oder ein Wall von anderen Betrachtern weiteres Retirieren schlechterdings unmöglich, so bleibt man in einer Pose, die feldherrlich klares Begreifen der Situation ausdrückt, stehen [wo ohne Stielbrille getanzt wird, empfiehlt sich die bekannte Napoleonische Attitude, im anderen Falle geschieht die Betrachtung durch das steif und sehr ruhig angehaltene Glas].

Ein paarmal wird die Ruhe dieser immer vornehm und edel wirkenden Stellung dadurch unterbrochen, daß man mit über die Augen gehaltener, sanft gebogener Hand einzelne Partien des Bildes abblendet, wohl auch eine Hand zu einem Guckloch rundet. [Komplikation mit Stielbrille].

Es erfolgt die Schlußfigur.

Diese ist verschieden, je nachdem man Befriedigung oder Empörung oder eisige Kälte ausdrücken will.

Im ersten Falle: stummes Spiel, das mühsame Trennung von dem köstlichsten aller Genüsse ausdrückt; hochgehende Brust, entzücktes Kopfvorstoßen, wohl auch huldigendgs Winken mit der Hand.

Im zweiten Falle: plötzliche Abwendung und entsetztes fluchtartiges Davoneilen.

Im dritten Falle: Achselhochziehen, Nasenrümpfen, gelangweiltes Betrachten des Fußbodens, schleppend langsamer Abgang.

Diesen ausdrucksvollen Tanz also führten die vier Freunde vor Kaktussens himmelschreiender Leinewand auf, natürlich mit dem Schlußtrick der Befriedigung.

Wenn das Ballett schon als Solopartie unfehlbar und reizend wirkt, wie man bei Kunstaussteltungen jeder Art immer wieder beobachten kann, so läßt es sich verstehen, welchen Eindruck es hier in Gestalt einer Massenevolution machte, wo es jeder mit persönlichen Nuancen ausstattete, alle aber das Grundthema aufs genaueste einhielten. Es war eine Leistung, wie man sie selbst in sehr großen Ausstellungen nur selten genießt.

Kaktus saß hinter einem riesigen braunen Kaffeenapfe und sah erst erstaunt, dann befriedigt zu. Daß dieser Tanz schnöde Berechnung war, fühlte er nicht, weil die Verrücktheit seiner Freunde bei ihm so fest stand, wie bei einem Philosophen sein neuestes Axiom. Es wurde ihm nur immer klarer, wie durch und durch er diese Freilichter durchschaut hatte. Man mußte mitpatzen, dann hatte man sie im Sacke.

So nahm er denn auch, nach den mimischen die wörtlichen Ausbrüche ihrer Bewunderung gelassen hin und knurrte nur ein paar freundliche Invektiven. Übrigens erklärte er, gar nicht daran zu denken, nun etwa weiterhin auf so billige Manier ihren Beifall erregen zu wollen. Er bleibe fest und standhaft bei der alten Palette und wolle auch fernehin im Geiste der unverrückbaren Tradition malen.

Im Grunde genommen hatte ihm aber doch der verzückte Tanz der Freunde wohlgetan, und von nun an begann er selber, an seinen alten Idealen herumzuzausen wie ein junger Dackel an einem ausgetretenen Schuh. Er wurde immer grimmiger beim Malen seiner Bilder und fing an, auf seine Weise gegen die »alte ranzige Sauce« loszuziehen, während er seine Leinwand mit ihr bedeckte. Und als zwei seiner Bilder unverkäuflich blieben und der alte Kritiker, der einzige, der unentwegt das hochhielt, was er die Fahne der alten Meister nannte, wegen unheilbarer Periodenverschlingung in den Ruhestand versetzt wurde, da brach mit einem Male der ganze Kaktuszorn in ihm los. Er verwünschte seine teutonische Schwerfälligkeit, seine Prinzipientreue, seine Pietät, verwünschte die Professoren, die ihn so übel beraten hatten, verwünschte sich selber und alles was an ihm war.

Und er tat seine Sammetjacke ab und die graukarierten Hosen, warf den Kalabreser von sich und verschenkte die ganze Kollektion seiner Flatterschlipse an ein altes Modell, das sich als greiser Charakterkopf ernährte. Dafür steckte er sich in ein Touristenhabit nach dem System Jäger, setzte einen schmalkrempigen Filzhut auf und fuhr nach Holland.

Sein zweiter Standpunkt war erreicht, Holland mußte es sein, weil es Frankreich aus patriotischen Gründen nicht sein konnte. Kaktus verabscheute das »Land der Tanzmeister und Windbeutel«, wo ihm germanische Gradheit übel aufgehoben schien. Holland dagegen, das ließ sich hören. Er verband damit die Empfindung von Erven Lukas Bols, Varinas Canaster, dickarmigen Mädchen und ausgezeichnetem Mastochsenfleisch. Und überdies: es galt ihm als die eigentliche Heimat der Kunst, auf deren Standpunkt er sich jetzt zu stellen fest entschlossen war.

Trotzdem litt er anfangs viel in diesem Lande, denn die Holländer verstanden ihn nicht, wenn er deutsch schimpfte, und es dauerte eine ganze Weile, bis er es im Holländischen soweit gebracht hatte, gemeinverständliche Grobheiten von sich zu geben.

Über ein Jahr brauchte er dazu, und in demselben Zeitraume hatte er sich alles angeeignet, was zu einem Pleinairmaler gehörte. Gründlich, wie er war, nahm er es nicht leicht, aber seine Geschicklichkeit im Aneignen alles Technischen brachte ihn bald dahin, wohin er kommen wollte.

Es schwebten ihm jetzt als Muster die beiden deutschn Maler vor, die er in seiner Asphaltperiode am grimmigsten gehaßt hatte: Uhde und Liebermann. Knurrend wandelte er auf ihren Pfaden in Holland, und wo auch immer er war, in seinem Umkreise gab es keine armen Leute, die er nicht gemalt hätte.

Sein Lieblingssujet aber war das Kartoffelgraben, und er brachte es zu einer unerhörten Fertigkeit, gebeugte Rücken zwischen Kartoffelhaufen und aufgewühltem Erdreich zu malen, alles in eine Art von Mehlnebel, den er silbrig nannte, eingehüllt. Wäre es nach ihm gegangen, so hätte es das ganze Jahr Kartoffelernte gegeben.

Aber auch zu den anderen Jahreszeiten war er nicht müßig.

Im Frühjahr malte er mit dem ganzen Ingrimm des Dokumentensammlers Düngeszenen, und es war ihm ein lieblicher Gedanke, der ihm über manche ärgerliche Stunde weghalf, sich vorzustellen, daß man, wie er sich selber häufig wiederholte, »die Nase voll kriegen« würde in München, wenn er seinen »düngenden Bauer« ausstellte.

Im Sommer, vor der Kartoffelernte, ging er in die Vorstädte, wo es am trübseligsten war, und malte das Allertrübseligste. Er schwitzte fürchterlich dabei und hatte die schlechteste Laune, aber gerade diese Gemütsstimmung, gemischt mit körperlichem Unbehagen und wütender Langeweile, schien ihm zur Schaffung dieser ausbündig öden Bilder ungemein geeignet.

Nach der Kartoffelernte, im Herbst, hatte er einen kurzen Rückfall in satte Farben, aber er überwand die Krisis voll tapferen Zornes und variierte sein Kartoffelthema.

Im Winter tauchte er ganz in soziales Elend unter, studierte Kliniken und Armenhäuser und ging fleißig allen Äußerungen übermäßigen Alkoholgenusses nach.

So war er, nach einjährigem Aufenthalte in Holland, bei seiner Zurückkunft in München wohl versehen mit streng naturalistischen Abschilderungen des holländischen Lebens in allen Jahreszeiten und fest davon überzeugt, er werde ein kolossales Aufsehen machen. Er rieb sich die Hände vor Vergnügen bei dem Gedanken, was seine Freunde dazu sagen würden, wenn sie ihn als konsequentesten aller malerischen Naturalisten sähen, und er hatte in der Tat schon ohne Bilder bei ihnen einen außerordentlichen Erfolg.

»Was? Kaktus? Aber wie schauen Sie denn aus? Wo ist der Samt der ewig schönen Tradition? Sind Sie Berufstourist geworden? Oder Reisender für Jägersche Wollwaren?«

Kaktus sah lächelnd an seinem grauen Gürteljoppenanzug mit den kurzen Hosen und grün-rot-blaukarierten Strümpfen hinab und sprach: »In dem Kittel da hab ich was geschafft, meiner Seel; davon habt ihr in euren Kafieehäusern keine Ahnung. Wollt ihr Holland sehen? –In meinem Atelier stehts: sechzig Bilder! Alle vor der Natur gemalt, lauter Anhiebmalerei! Da seht meine Hände! Braun von der Sonne Hollands! «

»Holland?«

»Holland?? «

»Nee wirklich: Holland???«

»Himmelherrgottsdonnerwetter, was ist das für ein Gefrage!? Ist Holland etwa Monopol für eure Ölgötzen? Hä, ja, das glaub ich wohl, das paßt euch nicht, daß auch andere dorther was holen, und ich sag's euch: was Rechtschaffenes. Nicht bloß ein Stückchen, sondern mit den Wurzeln und Erdklumpen! Herausgehoben aus dem Erdreich! Wirklich echt! Ganz wahr! Könnt's ja anschaun!«

»Nee aber ausgerechnet Holland? Holland ist ja überhaupt nicht mehr wahr. Natürlich so in der gewissen mehligen Mache?«

Kaktus wurde wild und gab ein paar holländische Flüche von sich, die mit der Geruchssphäre seiner düngenden Bauern um die Palme ringen konnten. Und als dies nicht wirkte, weil man es für Namen von Likören hielt, proklamierte er in einem muskulösen Stile von hahnebüchener Deutlichkeit die allein positiven Wahrheiten des Naturalismus.

Seine Freunde, die vor einem Jahre, nur mit etwas manierlicheren Worten, dieselben Wahrheiten verfochten und ihn damit zu entsetzlichen Verwünschungen des »Dreckismus« veranlaßt hatten, setzten geringschätzige Mienen auf und schüttelten die Köpfe.

Dadurch wurde Kaktus nur noch wilder. Er rief: »So!? Saure Nasen kann jeder machen! Wer alleweil mit dem Kopf schüttelt, zeigt, daß er nix drin hat. Heraus mit der neuesten Weisheit! Munter! Blamiert euch nur! Ich bin ganz Ohr! Am Ende wird jetzt gar nimmer gemalt? Habt wohl gemerkt, daß die Sache nen Haken hat und daß es Schweiß kostet, im Freien malen! Hoho! Freilich! Die Sache durchführen, das ist die Sache! Nicht bloß hinriechen! Hineingrei fen! Schaut mich an, wie ich's angepackt habe! Erde! Atmosphäre! Linienauflösung! Bewegtes Licht! Wehende Luft! Kurz. Wirklich Pleinair!«

Kaktus beschrieb mit beiden Händen wunderliche Kreise in der Luft, als wollte er die Atmosphäre kneten.

Da sagte ein kleiner schwarzer Kerl mit einem Birnenkopfe und dürren Fingern, die wie verwelkt aussahen, sehr gelassen, doch in einem etwas spitzen Tone: »Das schaut kein Mensch mehr an.. . Schnee vom vorigen Jahr ... Schottland! Da liegt's! Schottland! «

Die übrigen nickten ernsthaft mit den Köpfen dazu.

»Schottland!?«

Kaktus war sprachlos. Das Wort gab ihm keinerlei Vorstellung.

Der Birnenkopf hätte geradesogut Timbuktu sagen können. Er hatte die letzte Jahresausstellung verpaßt.

Natürlich wurde er deshalb erst recht wütend. Es fehlte nicht viel und er hätte den kleinen Spitzkopf geohrfeigt. Aber auch ohne dies schied er im Zustande offener Feindschaft von den Renegaten des Naturalismus.

Er konnte in ihnen nur eine Rotte von böswilligen und übelberatenen Burschen sehen, die alles Ernste schnöde mißachteten und mit den schnellen Beinen der Prinzipienlosigkeit hinter jedem neu auftauchenden Unsinn herliefen, weil ihnen das feste, dauerhafte Sitzfleisch zielbewußten Fleißes fehlte. Die Männerkunst des Naturalismus konnte

sich bei ihnen nicht festsetzen, weil sie im Grunde ewig grüne Jungen waren! Das war es!

Kaktus fühlte sich, als er so in allerlei grimmigen Betrachtungen nach Hause ging, ganz als ernster Mann und Arbeiter und er schwor zu sich selber, nicht zu wanken und zu weichen, was auch kommen möge, und wenn es die ganze Landkarte wäre, von Schottland bis Buxtehude.

Es war nicht bloß die Malerei, um die es sich handelte, es war der Charakter, die Gesinnung. Er hielt sich nämlich, seitdem er im Freien malte, für einen Sozialdemokraten. Sehr viel Begriffliches verband er mit dieser Empfindung nicht, aber sie gab seiner zornigen Entschlossenheit einen Beiton von dumpfem Grollen, der ihm sehr wohl gefiel.

Als dann seine Ausstellung nur einen sehr mäßigen Eindruck machte und, was das fatalste war, gar keinen materiellen Erfolg hatte, sah er darin eine Äußerung der sozialen Mißstände unserer Zeit, unter denen auch die redliche Kunst um ihrer Wahrhaftigkeit willen litt.

So nahm er sich denn vor, ein Märtyrer der Kunst zu sein und unbekümmert um äußere Erfolge des Lebens Grau zu malen.

Da er in den Besitz seines mütterlichen Vermögens gelangt war, so legte ihm dieses Martyrium nicht gerade Entbehrungen auf. Im Gegenteil, er gedieh vortrefflich und wurde ein überaus stattlicher Dreißiger.

Nach und nach nahm er sogar das Gepräge jener münchnerischen Wohllebigkeit an, das in der Hauptsache eine Folge des hygienisch durchaus verständigen Grundsatzes ist, immer auf Ruhe bedacht zu sein.

Und doch war es im Grunde gerade mit seiner Ruhe nicht aufs beste bestellt.

Äußerlich freilich erlebte er gar nichts Ruhestörendes, zumal er von der unruhigsten aller menschlichen Krankheiten, der Liebe, durchaus verschont blieb, aber inwendig – ach, inwendig war Kaktus ein Vulkan.

Die verschiedenen Jahresausstellungen, deren jede eine neue Richtung aufbrachte, gingen keineswegs spurlos an ihm vorüber, denn jede rührte an seinen Standpunkt. Jede neue Richtung war für ihn eine persönliche Beleidigung, die er mit Verbalinjurien, ausgestoßen in Kaffeehäusern und fremden Ateliers, erwiderte. Aber das schlimmste war, daß jede neue Richtung trotzdem auf ihn abfärbte. Das geschah freilich vielen seiner Kollegen, aber bei diesen vollzog sich der Prozeß rasch, gewissermaßen pünktlich. Bei ihm dagegen, der von Natur gründlich war, dauerte es immer mindestens ein Jahr zu lange.

Das kam daher, weil er sich wie ein Bär wehrte. Ein Fatzke, der seinen Standpunkt ohne Kampf verläßt.

Der Verlauf des Kampfes war immer so: Erst war er unmäßig empört, schimpfte über Schwindel, Wahnsinn, Humbug, Unkunst; dann versuchte er mit bitterer Entschlossenheit, den Schwindel aufzudecken, indem er zeigte, wie plump, einfach und kindisch die ganze Geschichte war; dann verbiß er sich in das Technische, da es mit dem Aufdecken doch nicht gleich ganz glatt gehen wollte; dann fand er, daß die Sache einen guten Kern hatte und daß es der Mühe eines rechten Kerls verlohnte, ihn mal wirklich in ganzer Reine und Gesundheit herauszuschälen; dann grub er sich mit wütendem Eifer in das Neue hinein; dann sah und hörte er nichts als dies und ging blind und unbändig darin auf; dann tauchte er mit rabiaten Werken und Worten empor und stampfte fanatisch grob alles übrige in die Erde.

Das war aber dann immer um die Zeit, wenn schon wieder zwei neue Richtungen alt geworden waren.

So wurde er nach und nach, aber immer mindestens ein Jahr zu spät, Impressionist, Pointillist, Symbolist, Neu-Idealist und überhaupt alles auf –ist, was man heuzutage werden kann, wenn man eine Palette und Geschick hat, und er würde heute ganz gewiß Ornamentalist in Stühlen, Tapeten, Ofenkacheln, Bucheinbänden, Türklinken, Lampenschirmen sein, wenn nicht schließlich doch der Stern seines Schicksals ein Einsehen gehabt und ihn auf die richtige Bahn zurückgeführt hätte.

Kaktus war am Ende seiner Kräfte angelangt. Zwar sah er, nun ein mittlerer Dreißiger geworden, äußerlich ganz gut aus, und der etwas biedermeierisch geschnittene lange Bratenrock der Symbolisten umhüllte eine Leiblichkeit, die durchaus nicht auf eine Seele schließen ließ, die sich mit der Illustration Stefan Georgescher Gedichte abgab, aber inwendig war er so durchaus fertig, daß nur noch die stärksten dänischen Liköre imstande waren, seine Nerven zu beruhigen. Selbst seine Grobheit war lendenlahm geworden, ging in Schleiern, müdäugig und hatte hieratische Gesten.

Darunter litt Kaktus sehr. Er fühlte sich entwurzelt. Symbolisch schimpfen ist unendlich schwierig, denn der Symbolismus verabscheut alles Saftige. Und Grobheit will Saft haben, sonst kriegt sie die Auszehrung.

Sollte er Stühle machen? Schon leuchtete etwas wie der Kaktusstil in ihm empor.

Da blieb sein Stern über einem Hause stehen, in dem seine Rettung wohnte. Es war eine Witwe von fünfunddreißig Jahren und sie besaß ein Bild aus Kaktussens erster Periode: der Abschied der jungen Nonne. Dieses Bild kuppelte sie zu ihm, kuppelte ihn zur Muse seines Selbst.

Kaktus begann zu lieben und empfand gleichzeitig den Stolz des reinen Künstlers, der es weit von sich abweist, Stühle und Ofenkacheln zu machen; Kaktus schritt fort in der Liebe und sah, wie schön dieses Bild seiner ersten Periode, wie schön diese Periode überhaupt war; Kaktus wurde wiedergeliebt und kehrte, von liebenden Armen geleitet, in seine erste Periode zurück.

Und siehe: Kaktus hat die alte Kraft seiner Grobheit wiedergewonnen, trägt eine Sammetjacke und wehenden Schlips, erklärt sämtliche Kunstausstellungen für Narrenhäuser, malt bloß für sich und seine Ernestine und ist so glücklich, wie es nur ein Mensch sein kann, der die Irrungen und Wirrungen eines unsteten Lebens endgültig überwunden hat.

Friede seiner guten Stube!








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