Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Johann Karl Wezel: Kakerlak - Kapitel 6
Quellenangabe
typefairy
booktitleKakerlak
authorJohann Karl Wezel
year1985
publisherEulen Verlag
addressFreiburg i. Br.
isbn3-89102-103-8
titleKakerlak
pages3-160
created20030618
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1784
Schließen

Navigation:

Fünftes Buch

Daß Prinz Alfabeta einen unglücklichen Krieg führte, um seine Physiognomie wiederzuerobern, und sie doch nicht wiederbekam, sondern sogar in die Gefangenschaft geriet, das wissen wir; daß er noch immer in der Gefangenschaft und ohne Physiognomie war, als sein Überwinder, der König von Butam, wieder Kakerlak wurde und die Reise zum Herrn von Blunderbuß antrat, das wissen wir auch; daß er sich aber mit der Königin Ypsilon vermählte und darauf in ihrer Gesellschaft einen Ritt um die Welt tat, das weiß niemand als ich, und darum will ich's itzt erzählen.

Die Verwunderung auf dem Schlosse zu Butam war nicht klein, als man so plötzlich den König, die Prinzessin Friß-mich-nicht und den Prinzen Lamdaminiro vermißte; tot waren sie nicht, denn ihre Leichname hätten doch dasein müssen; ausgefahren auch nicht, denn alle Pferde standen richtig im Stalle und alle Kutschen richtig im Wagenschuppen. Sollten sie ausgegangen sein? – Ein König, eine Prinzessin und ein Prinz werden wohl so weit zu Fuße gehn? Man spekulierte gewaltig über den Vorfall, und nachdem die meisten am Hofe sich durch vieles Nachdenken Kopfweh gemacht hatten, errieten sie wirklich die wahre Ursache. Man sagte allgemein: »Das geht nicht mit rechten Dingen zu.« Die Königin ließ an allen Orten suchen, wo ein Mensch Platz hatte; da war kein König von Butam, keine Prinzessin und kein Prinz. Als sie merkte, daß sie sich schlechterdings nicht wollten finden lassen, faßte sie sich in Geduld und befahl, Hoftrauer anzusagen.

Der Prinz Alfabeta hörte kaum in seiner Gefangenschaft, daß der König für tot erklärt wäre, als er schon auf Mittel zu seiner Befreiung dachte, die ihm nunmehr sehr leicht zu bewirken schien, weil die Damen gemeiniglich mitleidig gegen die Mannspersonen sind. Wie er hoffte, so geschah es; er ließ der Regentin nur melden, daß es ihm außer der Gefangenschaft besser gefiele, so erhielt er die Erlaubnis, vor ihr zu erscheinen. Er wußte seine traurigen Schicksale mit so rührender Beredsamkeit vorzutragen und vorzüglich den Verlust der Physiognomie in ein solches Licht zu setzen, daß der Dame das Herz brach und die Augen in Tränen zerflossen.

Der Prinz wurde jeden Tag interessanter, und da er einsah, wie tief er ins Herz der Königin eingedrungen war, wagte er den kühnen Streich, um ihre Hand anzuhalten. – »Sehr viel Vergnügen, aber ein Prinz ohne Physiognomie . . .« Wie zog sich mein Prinz in eine demütige Ferne zurück, als er das hörte! Er nahm sich es zwar sehr zu Herzen, und obgleich die Betrübnis seine Seele daniederdrückte, so verließ ihn doch sein Talent zu gefallen nicht ganz. Er besaß die unnachahmliche Kunst, den Ton eines ungeschmierten Wagenrads so natürlich nachzumachen, daß alle Menschen, die ihn bloß hörten und nicht sahen, auf ihre Seele schworen: »Das ist kein Prinz, sondern ein Wagenrad.« Der Königin ging es nicht besser; er machte sein Kunststück im Nebenzimmer, und sie fragte gleich, ob die Leute toll wären, daß sie mit Schubkarren und Wagen in den Zimmern herumführen; der Prinz kam zu ihr herein, und ob er ihr gleich beteuerte, daß er es wäre, so wollte sie ihm doch nicht glauben; desto mehr lachte sie, als er sie aus ihrem Irrtum riß, und seitdem ließ sie ihn allemal rufen, wenn sie Langeweile hatte, und bat ihn: »Prinz, machen Sie einmal das Wagenrad.«

Diese Gunst munterte ihn auf, sein Ansuchen um ihre Hand zu wiederholen; sie fühlte ihre Schwäche und den Eindruck, den seine Talente auf ihr Herz gemacht hatten; sie gab also nach und gewährte seine Bitte. Sobald er König von Butam und ihr Gemahl war, tat er einen fürchterlichen Eid, daß er die ganze Welt durchreisen und nicht eher in seinem Schlosse wieder schlafen wollte, als bis er seine Physiognomie gefunden hätte. Seine Gemahlin, die erst seit einem Tage mit ihm vermählt war und ihn daher außerordentlich liebte, willigte unter keiner andern Bedingung in seine Abreise, als wenn er sie zur Begleiterin annähme; wollte er nicht umsonst geschworen haben, so mußte er die Bedingung wohl eingehn.

Da sie die ganze Welt durchreisten, so mußten sie notwendig auch einmal an den Ort kommen, wo Kakerlak mit den beiden andern vom Himmel in den Schnee gefallen war, und es ist daher nichts weniger als unwahrscheinlich, daß sie gerade zu der Zeit hinkamen, als die drei Gefallnen im Schnee lagen und noch nicht wieder heraus waren; dergleichen wunderbare Zufälle geschehn alle Tage in der Welt. Etwas unwahrscheinlicher ist es, daß sie auch an diesem Orte hielten, abstiegen und aßen; aber was kann ich dafür? Genug, es geschah; sie waren hungrig und stiegen also ab.

Bei solchen abenteuerlichen Reisen, die man in seinem Leben nur einmal tut, schleppt man kein Zelt mit sich; der Prinz und der Reitknecht müssen sich, einer sowohl als der andre, unter den blauen Himmel hinsetzen und ihr Stückchen Essen von der Faust verzehren. So ging es auch hier: Sie setzten sich in den Schnee und aßen, was sie hatten. Der ehmalige Prinz Alfabeta, itzt Gemahl der Königin Ypsilon und dermalen König von Butam, hatte sich auf seiner großen Reise das Beobachten sehr angewöhnt und wurde daher augenblicklich das Loch gewahr, das Kakerlak in den Schnee machte, als er vom Himmel hineinfiel. Wer die Natur aufmerksam studiert hat, dem wird es nicht schwer sein zu begreifen, daß ein Mensch, der aus den Wolken, die Beine voran, in den Schnee fällt, nicht bloß ein Loch, sondern auch in dem Loche bei dem Durchbrechen den Abdruck seines Gesichts zurücklassen muß; tausend Leute können vielleicht vom Himmel in den Schnee fallen, ohne ihr Gesicht darinnen abzudrücken; Kakerlaks Fall war aber unter tausenden der einzige, wo es geschah.

»Was in aller Welt?« fing der Prinz an. »Das ist ja meine Physiognomie, so natürlich, als ich sie sonst alle Tage im Spiegel erblickte. Hier in diesem Loche muß mein Dieb stecken.« – Man wird sich wundern, wie er das so genau wissen konnte, allein für ihn war es eine Kleinigkeit, so etwas zu erraten. Er schloß so: Wenn an dem Abdrucke, den ein Mensch von seiner Physiognomie im Schnee macht, die Nase unterwärts steht, so muß er nicht aus dem Schnee, sondern in den Schnee gefallen sein; nun finde ich hier die Nase unterwärts gekehrt, folglich muß der Dieb meiner Physiognomie hineingefallen sein und noch darinne stecken. Mit dieser ungemeinen Gabe zu schließen konnte er zuweilen Dinge ausfindig machen, die im Mittelpunkte der Erde verborgen waren.

Ohne sich lange zu bedenken, machte er Anstalt, den Dieb auszugraben, und es glückte ihm auch, wiewohl mit vieler Mühe. Kaum hatte er den halberfrornen Kakerlak aus dem Schnee ans Tageslicht gezogen, so fiel er über ihn her wie ein Wütender und wollte sich sein gestohlnes Eigentum mit Gewalttätigkeit wiederverschaffen. Das ganze Gesicht konnte dabei zugrunde gehn, wenn nicht Hexe Tausendschön dazwischenkam. Der Prinz hatte den falschen Grundsatz, daß er die Haut und die Physiognomie für einerlei Ding hielt und daß man daher nur die eine vom Gesicht abzuziehn brauchte, um die andre zu bekommen. Wegen dieser höchst irrigen Voraussetzung machte er schon einen merklichen Anfang, Kakerlaks Gesicht zu schälen, als ihm das Vögelchen plötzlich mit solcher Heftigkeit in die Ohren pfiff, daß ihm alle Sinne stillstanden; das Blut in den Adern gerann, und aus dem Herrn Prinzen, der die Leute schälen wollte, wurde eine Bildsäule. Die Königin Ypsilon schlang ihre Arme um den kalten Stein und wollte ihn an ihrer Brust zum Leben erwärmen; sie weinte die heißesten Tränen, daß die herabrollenden Tropfen den Schnee schmelzten. Aber welch ein Jammer! Der Schnee konnte den steinernen Gemahl nicht tragen, und mitten in ihrer Umarmung sank der Verwandelte hinab. Sie wandte sich zu Kakerlak, den sie für nichts weniger als einen Zauberer hielt, und bat ihn mit einem Fußfalle, aus dem versunknen Steine wieder einen hübschen Prinzen zu machen, allein sie bekam keine Antwort, denn der arme Zauberer wußte selbst nicht, ob Tag oder Nacht war.

Unterdessen wurde der Aufenthalt in einem kalten Schneehaufen für das unruhige Temperament der Prinzessin Friß-mich-nicht beschwerlich; sie arbeitete mit Händen und Füßen und warf den Schnee über sich auf wie ein Maulwurf das Erdreich. Nach langer Arbeit kam sie glücklich heraus und wurde neben sich ihren Bruder gewahr, der vermöge seines ungemein philosophischen Charakters sich in seinem Loche nicht rührte, sondern gelassen wartete, bis ihn jemand herausziehen wollte; weil die Prinzessin wohl raten konnte, worauf er hoffte, so bot sie ihm die Hände und half ihm an die freie Luft. Welch Erstaunen, als beide ihre Mutter erblickten! Die Königin geriet außer sich, so plötzlich ihre Kinder hier zu finden, flog mit offnen Armen auf sie zu und bat sie, sich mit ihr diesem grausamen Zauberer, der ihr den Trost ihres Lebens geraubt hätte, zu Füßen zu werfen. Prinzessin Friß-mich-nicht hatte die löbliche Gewohnheit, bei jeder zweideutigen Rede immer das schlimmste zu verstehn, und da das Weinen den Ton ihrer Mutter undeutlich machte, so verstand sie, daß sie diesen Zauberer erdrosseln sollte. Im Grunde war wohl Hexe Schabernack an dem bösen Mißverständnisse schuld, weil sie aus ihrem Brunnen der Prinzessin in die Ohren rief: »Erdrossele ihn!« So etwas ließ sie sich nur einmal sagen und fuhr deswegen dem vermeinten Zauberer voll Wut nach der Kehle; schnell pfiff ihr das Vögelchen in die Ohren, und sie wurde zu Stein, indem sie zudrücken wollte.

Der Prinz sah mit unbeschreiblicher Kaltblütigkeit zu und gähnte; Hexe Schabernack, die den Liebling ihrer Feindin durchaus tot haben wollte, hauchte dem Prinzen etwas von ihrem feurigen Odem ein, um ihn ein wenig tätiger zu machen. Das Mittel wirkte unmittelbar auf sein Blut: Alles an ihm wurde so behend, so lebhaft, daß er kein Glied stillhalten konnte; aber da sein gutmütiges Herz keines Argen fähig war, so verwandelte sich die eingeatmete Lebhaftigkeit in Vergnügen: Er tanzte im Schnee herum, als wenn er von Sinnen wäre, und wollte sich fast zu Tode lachen. Tausendschön schlug ein höhnendes Gelächter auf, daß die Absichten ihrer Widersacherin so fehlschlugen; diese blies unaufhörlich wie ein Blasebalg, und je mehr sie blies, desto mehr tanzte und lachte der Prinz. Vor Ärger, daß er nimmermehr grausam werden wollte, gab sie ihm eine Ohrfeige; es ist bekannt, daß man bei einer Hexenohrfeige niemals mit dem Leben davonkommt, und wer es etwa nicht weiß, kann es hier bewiesen sehn, denn der Prinz wurde augenblicklich zu Stein.

Nun war große Not: Denn eben erkannte die Königin ihren vorigen Gemahl, und eben erkannte der vorige König von Butam seine vorige Gemahlin. Beide hatten schon die Arme ausgestreckt, sich um den Hals zu fallen; plötzlich schlug Schabernack die Königin ins Gesicht, daß sie sich im Augenblicke mit ausgestreckten Händen zu Stein verhärtete, und schon holte die erbitterte Hexe aus, um dem armen Kakerlak ein gleiches Schicksal zuzubereiten, aber Tausendschön war geschwinder als sie; der Schlag war noch einen Strohhalm breit von seinem Backen, so fuhr sie wie ein Wind mit ihm zu den Wolken hinauf.

Hexe Schabernack schrie und stampfte vor Ärger, knirschte mit den Zähnen, raufte sich die Haare aus und wußte nicht, an wem sie sich zuerst rächen sollte; wie ein ungezognes Mädchen, das seinen Zorn an leblosen Dingen ausläßt, wenn nichts Lebendiges bei der Hand ist, raffte sie Hände voll Schnee auf und schleuderte sie tobend nach allen vier Winden hin. Als sie ihre Galle ein wenig ausgerast hatte, setzte sie den beiden Entflohenen nach, die ihren Zorn erregten; aber wie weit waren die schon! Sie verdoppelte ihren Schritt, und nach langem Herumschweifen in den Lüften sah sie die Gegenstände ihres Hasses auf einem Baume ausruhn. Wie der Habicht, wenn er eine Taube erblickt, schoß sie herab; Hexe Tausendschön war nicht so einfältig, daß sie die Ankunft ruhig abwartete; nein, wie die Zornige herabfuhr, fuhr sie mit ihrem Kakerlak hinauf in eine Schneewolke, und jene, die sich nicht gleich aufhalten konnte, rennte in den hohlen Baum hinein, wo ihre entflohene Schwester gesessen hatte.

»O so versinke, verwünschter Baum«, rief sie voll Zorn, »versinke mit mir bis zum Mittelpunkte der Erde, daß ich nimmermehr die Verhaßte wieder erblicke, die mir alle meine Anschläge vereitelt!« – Eine Hexe wünscht nichts, das nicht gleich geschieht. Der Baum versank mit ihr, und sie bereute ihren übereilten tollen Wunsch nicht wenig, als sie im Mittelpunkte der Erde steckte, so eine ungeheure Last Steine, Kot, Kies, Leimen und Sand auf sich liegen hatte und bis über die Ohren mit ihrem Baume im Wasser schwamm.

Hexe Tausendschön wußte zwar den Aufenthalt ihrer Schwester nicht und hielt sich daher ganz inkognito in der Schneewolke auf, bis der Frühling kam, wo es keine Schneewolken vor Hitze am Himmel mehr aushalten konnten. Da auf diese Weise auch auf der Erde der Schnee wegschmolz, so kam die versteinerte Königin Ypsilon mit ihrer übrigen versteinerten Gesellschaft an einem Orte zum Vorschein, wo vorher keine steinerne Figuren standen. Der Ruf dieser sonderbaren Erscheinung breitete sich aus; die Einwohner, die Türken waren, taten Wallfahrten hin, weil sie sehr richtig schlossen, daß vier steinerne Figuren, die niemand an diesen Ort getragen hätte, entweder vom Himmel oder aus der Erde gekommen sein müßten und in beiden Fällen Wunderwerke wären, die wohl einen Gang verdienten. Zwei englische Altertumsforscher, die sich eben in der dortigen Gegend aufhielten, um griechische Schuhsohlen zu graben, liefen gleich, so geschwind als möglich, um vier Figuren zu sehn, die aus den Zeiten des Lysimachus waren, wie sie schon gewiß wußten, ohne sie gesehn zu haben; wie gewiß mußte nun vollends die Gewißheit an Ort und Stelle werden! Sie überlegten unterwegs, ob sie einen Apoll, eine Minerva, einen Satyr oder Priap finden wollten; kaum warfen sie einen Blick darauf, so waren sie so fest überzeugt als durch eine Offenbarung, daß alle vier Figuren den Lysimachus zum Meister hatten: Der echte griechische Stil! Lauter schöne griechische Umrisse! Eine herrliche Gruppe! Niemand kann das sein als Niobe, wozu sie die Königin Ypsilon machten. Welcher erhabene Ausdruck des Schmerzes und der mütterlichen Betrübnis! Prinz Alfabeta wurde zum Apoll mit dem niefehlenden Bogen, weil er zu einer Zeit versteinerte, wo er speiste, und also den Bratenknochen, wovon er eben frühstückte, noch in der Hand hielt. Wie niedlich das Stück Bogen, wofür sie den Knochen ansahn, gearbeitet ist! Schade, daß ihn der Zahn der Zeit so grausam zernagt hat! Schade, daß von einem so trefflichen Kunstwerke nur zwei Kinder übrig sind!

Sie reisten mit dem ersten Schiffe nach Hause und machten einen Lärm von der Entdeckung, als wenn der große Prophet in Asien zu sehen wäre. Lord Antick, ein großer Liebhaber und Sammler der Altertümer, reiste sogleich in eigener Person dahin, um die neuentdeckte Niobe und den niefehlendenDer nie mit dem Pfeile sein Ziel verfehlt – sein gewöhnliches Beiwort bei den griechischen Dichtern. Apoll in seine Gewalt zu bekommen, wenn er sie auch stehlen sollte. »Vortrefflich!« rief Hexe Tausendschön, als sie ihn aus dem Schiffe steigen sah. »Bald soll mein lieber Kakerlak ein neues Vergnügen finden, dessen er gewiß nicht überdrüssig wird. Wen sollte die Schönheit ermüden? Triumph! Diesmal wird er mich erlösen.«

In der ersten Nacht, nachdem Mylord auf dem festen Lande angelangt war, zog ihn Hexe Tausendschön vom Kopf bis zu den Füßen aus und versetzte ihn an den Ort der Antike, die ihn nach Asien lockte, schlug ihn dreimal mit ihren Flügeln, und er wurde zu Stein. Kakerlak wurde in des Lords Bette gelegt, stand des Morgens als Lord Antick auf, zog sich an und setzte sich als Lord Antick in die Kutsche, nicht wenig erfreut, daß er einmal aus den hohen schwindligen Luftgegenden wieder auf festem Grund und Boden war.

Der neue Lord saß nicht lange in der Kutsche, so pfiff etwas vorbei wie ein Vogel, der geschwind fliegt, über eine kleine Weile wieder und kurz darauf zum dritten Male. Er ließ halten, um die Ursache einer so sonderbaren Erscheinung zu erfahren; indem er sich umsah, erblickte er einen Menschen, der mit ungläublicher Geschwindigkeit lief. »Halt!« rief der Lord. Der Mensch stand. – »Warum läufst du so?« – »Zu meinem Vergnügen.« – »Wohin?« – »So weit es festes Land gibt. Ich habe mir angewöhnt, alle Jahr einmal quer durch die halbe Welt zu laufen; ich setze in Spanien an und höre in Japan auf. Ich bin gut zu Fuße, wie Sie daraus abnehmen können, und liebe die Bewegung; also tu ich aus bloßer Liebhaberei jährlich so einen kleinen Spaziergang. Wo treffen wir uns?« – Der Lord nennte ihm den Ort, den ihm Hexe Tausendschön eingab und wo er in drei oder vier Tagen sein wollte. – »Gut!« antwortete der gewaltige Laufer, »so tu ich indessen einen kleinen Gang zum Kaiser von China und bin zur bestimmten Zeit wieder da. Gott befohlen.« – Dort flog mein Laufer hin, daß er dem Lord in einer Sekunde schon wie eine Mücke aussah, so weit war er.

Den Tag darauf, als er an einem Gebirge hin fuhr, sah er eine Menge starke Eichbäume den Berg herabgehn. »Bin ich denn im Lande der Wunder?« rief er und ließ halten. Er hatte wohl Ursache, sich zu wundern, denn er sah den Menschen nicht, der die Eichbäume trug. »Nun begreif ich wohl, wie zwölf so starke Eichen sich bewegen können«, sagte er, als er den Kopf des Mannes erblickte, auf dessen Schultern sie lagen. »Guter Freund! He da! Du trägst ja einen ganzen Wald. Du willst dir wohl ein recht warmes Stübchen machen, daß du so vieles Holz zusammenschleppst?« – »Ach nein, lieber Herr«, antwortete der starke Mann, »ich tue das nur zum Vergnügen. Ich vertreibe mir die Zeit damit, daß ich Zahnstocher mache; das ist nun einmal meine Liebhaberei, und um nicht zu oft zu gehn, hol ich mir immer ein Dutzend Bäume auf einmal, damit ich das Kernholz zu meinen Zahnstochern aussuchen kann.« – »Willst du mit mir?« fragte Kakerlak auf seiner Beschützerin Eingeben. – »Das tu ich wohl; ich bin ohnehin müßig. Ich will mein Holzbündelchen hier abwerfen; es wird mir's wohl niemand wegtragen, bis ich wiederkomme.« – Er setzte sich hinter die Kutsche.

»God damn me!« rief der Lord am folgenden Tage des Morgens früh zwischen neun und zehn Uhr. »Postknecht, halt! Welch neues Wunder ist das? Hierzulande geht ja alles wider die Gesetze der Natur.« – Auf einem Berge stand eine große Windmühle, deren Flügel sich itzt rechts und den Augenblick darauf links bewegten. »Das ist kein Wind aus dieser Welt, der einen so wunderlichen Gang hat«, sprach er voll Erstaunen und sah sich nach Leuten um, die er fragen könnte, woher die Windmüller hierzulande ihren Wind bekämen; indem er seine Augen überall herumwandte, wurde er bei dem Fuße des Bergs einen Mann gewahr, der an einem Weidenbaume lehnte und sich ein Nasenloch um das andre zuhielt. Er fuhr vollends zu ihm hin und fragte ihn, woher es käme, daß sich hierzulande die Windmühlen so sonderbar drehten. »Ha, ha«, antwortete der Mann, »das mach ich.« – »Du? Wieso?« – »Sieht Er? Da halt ich mir das linke Nasenloch zu und blase mit dem rechten, und die Windflügel gehn so herum; drauf halte ich das rechte Nasenloch zu und blase mit dem linken, und die Flügel drehn sich anders um. Es ist sehr leicht, wer es kann.« – »Aber warum das?« – »Zu meinem Vergnügen; der liebe Gott hat mir gute Tage gegeben, und so ist das mein Zeitvertreib.« – »Komm mit mir.« – »Von Herzen gern; ich habe ohnehin Langeweile zu Hause.« – Er setzte sich neben den starken Mann, und Kakerlak freute sich schon, das schönste Raritätenkabinett in England zu besitzen, wenn er als Lord Antick dahin käme und drei so sonderbare Leute mitbrächte, als ihm diese drei Tage begegnet waren.

Er kam an den bestimmten Ort und fand den starken Fußgänger, der schon seit einigen Stunden aus China wieder zurück war und ungeduldig auf ihn wartete. Kakerlak war zwar kein Liebhaber von steinernen Schönheiten, aber weil ihm seine Beschützerin dies Vergnügen bestimmt hatte, so lenkte sie seinen Blick vor allen auf die Königin Ypsilon, als er bei der Antike anlangte. Ein Rest von alter Liebe erwachte in ihm, ohne daß er selbst es wußte, und die Hexe Tausendschön nützte diese aufwallende Empfindung so geschickt, daß er ein außerordentliches Verlangen nach dieser antiken Gruppe bekam; er konnte nicht bleiben, wenn er sie nicht mit nach England nehmen durfte; gleichwohl lief er große Gefahr, vom Volke in Stücken zerrissen zu werden, wenn er sie anrührte. Er ging mit seinen drei Wundermenschen zu Rate, wie er sie des Nachts heimlich fortbringen sollte. »Nichts leichter als das!« riefen sie alle.

»Ich laufe gegen Abend ans Meer und bestelle ein Schiff«, sprach der gewaltige Laufer. »Es wird drei oder vier Tagreisen weit sein; das ist mir ein Spaziergang.«

»Und in der Dämmerung nehm ich die steinernen Männer und Weiber auf die Schulter und trage sie zum Schiffe«, sagte der starke Mann. »Es ist zwar ein wenig weit, aber ich geh einen guten Schritt, daß ich gegen Mitternacht wieder da bin, und dann hol ich den Herrn mit seiner Kutsche und seinen Leuten nach.«

»Herrlich!« rief Kakerlak voll Freuden. »Aber wenn sie uns nachsetzten und unser Schiff einholten?« – »Dafür bin ich gut«, antwortete der Windmacher. »Laßt sie nur kommen; das Nachsetzen soll ihnen schon vergehn.«

Wie es abgeredet war, so geschah es. Der Laufer lief und bestellte das Schiff; der starke Mann nahm die Königin Ypsilon und den Prinzen Alfabeta auf die Schultern, den versteinerten Lord Antick auf den Kopf, Prinzessin Friß-mich-nicht und den Prinzen Lamdaminiro unter die Arme und holte bei guter Zeit den Herrn Kakerlak nebst Kutsch und Leuten nach. Alles ging gut, wenn nicht ein schadenfroher Geist ein altes andächtiges Mütterchen an diesen Ort führte, wo sie bei den vermeinten Heiligenbildern die bösen Träume wegbeten wollte, wovon sie alle Nächte geplagt wurde. Sie kam eben an, als der starke Mann die Gruppe auflud, und verriet den Diebstahl; es wurde Lärm im ganzen Lande, und der Bassa gab sogleich Befehl, dem Diebe zu Wasser und zu Lande nachzusetzen. Es liefen Schiffe aus dem Hafen und verfolgten mit allen möglichen Kräften das Kakerlakische; aber ihr guten Schiffe, wie ging's euch? Da stand mein Windmacher am Ufer und blies mit dem rechten Nasenloche des Lords Schiff in die See hinaus und mit dem linken die türkische Flotte in den Hafen zurück. Da beide weit genug auseinander waren, ging er wieder zu seiner Windmühle; der starke Mann war schon auf dem Wege zu seinem Zahnstocherholze und der gewaltige Laufer eine gute Strecke über die türkische Grenze hinaus.

Kakerlaks Liebe zu den Altertümern wuchs unterwegs mit jeder Minute; das Wachstum ging nicht mit rechten Dingen zu; Hexe Tausendschön war schuld daran. Sie hatte ihn schon unterrichtet, was für eine Rolle er spielen sollte, als sie ihm Lord Anticks Kleider anzog, und er fuhr daher bei seiner Ankunft in London gerade vor die Wohnung dieses Herrn. Mylady machte sehr große Augen, da sie einen ganz andern Mann bekam, als sie vor einiger Zeit aus ihren Armen reisen ließ; denn ihr wirklicher Herr Gemahl hatte viel Ähnliches mit einem Kürbis, und der falsche glich eher einer welken Rübe, so wenig konnte er sich noch immer von dem langen Aufenthalt in der Schneewolke erholen. Ebensosehr waren die beiden Altertumsforscher erstaunt, als sie eine Gruppe, die bei ihrer Anwesenheit in Asien aus vier Figuren bestand, itzt mit einer vermehrt fanden; alles schrie über Wunder.

Welch Entzücken, als Kakerlak in die Galerie trat, wovon er nun Herr war.

Mit ernstem Lächeln stand
Der Liebe mächt'ge Königin
Vor allen oben an und war Beherrscherin
Im Saal wie in der Welt. Sie deckt mit keuscher Hand
(Da ihr der lose Künstler kein Gewand
Um Hüft' und Beine warf), was keine Venus gern
Vor einer Galerie voll Männeraugen zeigt.
Der sittsam edle Blick hält die Verwegnen fern
Und sagt, was jede spricht, sosehr sie schweigt:
»Ich schreck euch ab, damit ihr in mich dringt;
Ich widersteh, damit ihr mich bezwingt;
Ich decke zu, damit ihr suchen sollt.
Bewundrung wird mir sehr, doch Liebe mehr behagen;
Erratet das, ihr Herren, wenn ihr wollt;
Ich schäme mich, es euch zu sagen.«

An ihrer Seite steht mit lockenreichem Haupt
In Jünglingsschönheit der Apoll,
An welchen Winckelmann, von Fanatismus voll,
Wie an den einz'gen Gott der Künstler glaubt.
Der Gladiator hebt mit wilder Siegesmiene
Den nervenstarken Arm und horcht erwartungsvoll,
Daß von dem Marmorsitz der blut'gen Todesbühne
Des Volks Befehl ertönt, die dargebotne Brust
Des hingestreckten Gegners zu durchbohren.
So weibisch zart, als wär er nicht zum Mann geboren,
Schlägt hier, ein Gegenstand der wunderbarsten Lust,
Ein lächelnder Kinäd die Augen nieder,
Beschämt durch den Kontrast der Fechterglieder,
In männlicher Gestalt nur halb ein Mann zu sein.

Kakerlak wendet sich verachtend von ihm und erblickt

Den edlen Priester, den, zum Lohn
Für patriot'schen Rat, zwei giftgefüllte Schlangen
Auf einer Göttin Ruf mit grauser Wut umfangen –
Den leidenden Laokoon.
Wie krümmt sich der zurückgeworfne Nacken,
Der langgestreckten Zunge zu entfliehn!
Wie stöhnt mit wild verzerrtem Aug und Backen
Aus aufgerißnem Mund der Schmerz, der ihn
In der durchgrabnen Brust ergreift, indem sein Blut
Die Ungeheuer ihm mit durst'ger Wut
Aus den geschwollnen Adern ziehn!

Allenthalben im ganzen Saale nichts als Schönheit, männliche und weibliche! Jeder Reiz unverhüllt! Alle Götter und Göttinnen des Olymps, alle Reste der griechischen und römischen Kunst! Ein wahrer Tempel der Schönheit! Wer ist glücklicher als Kakerlak, dem dieser Tempel gehört?

Er ging in die Gemäldegalerie; wie entzückte ihn ihr Anblick!, denn

Ihm fiel beim Eintritt ins Gesichte
Der Keuschheit Monument, die rührende Geschichte,
Wie ein verwegner Mann in Strauch und Busch sich steckt,
Dianens Reize zu belauschen,
Wenn sie, nebst einem Chor von Nymphen, unbedeckt,
Mit sorgenlosem Scherz sich in dem Bade neckt,
Und wie der Herr durch unbedachtsam Rauschen
Sich in der Trunkenheit der Neubegier verrät.
Wie hier mit keuschem Grimm der Wälder Göttin fleht!
Sie bringt sogleich mit einer Hand ihr Bestes
Vor dem profanen Aug in Sicherheit.
Da! spricht ihr Blick, da! sieh ein andermal,
Was du nicht sehen sollst!, indem der Wasserstrahl
Aus ihrer Rechten fährt, der in so kurzer Zeit
Geweihe schafft, daß man das Lauschen schön bereut.
Indessen fliehn mit zugewandtem Rücken,
Mit scheu zurückgeworfnen Blicken
Die zücht'gen Nymphen zitternd fort,
Um auf den Schreck und auf das viele Schämen
Ein niederschlagend Pulver einzunehmen.

»Ah!« ruft Lord Kakerlak und eilt zu einem Gemälde.

Gewandlos schlummert dort
Auf einem Rasenbette
Der Liebe Göttin, und ihr Sohn
Knüpft tändelnd eine Blumenkette
Ihr um den Arm. Vor ihres Vaters Thron
Stand nie die Mutter aller Reize
So schön wie hier. Mit nimmersattem Geize
Hängt an Gesicht, an Brust, an Schoß und Hand
Des Lords entzückter Blick, und seufzend reißt
Er sich wie jeder los, der vor dem Bilde stand,
Und spricht, wie jeder sprach, mit traur'gem Geist:
»Ach, wenn ein Kuß die Frau beleben könnte
Und sie der Himmel mir alsdann statt meiner gönnte!«

In stiller Demut hängt
Die Mutter Gottes ihr zur Seite;
Mit mütterlicher Lust sieht die Gebenedeite,
Wie sich ihr einz'ger Sohn am vollen Busen tränkt.
Der Zufall paarte hier, was man zu paaren scheut –
Der Wollust höchsten Reiz, den Reiz der Frömmigkeit.

Kakerlak ging in ein andres Zimmer.

Hier strömt in Schlachten aus ehernen Schlünden
Das Feuer, hier regnen Kugeln, hier winden,
Zerstückt, zertreten im blut'gen Gewühl,
Sich sterbende Rosse, sich sterbende Krieger.
Mit rasender Mordsucht und ohne Gefühl
Zerfleischen sich Menschen wie grimmige Tiger.
Hier lodern, in Dampf und Flammen gehüllt,
Belagerte Städte; dort schwimmt auf den Wellen
Die kriegende Flotte. Das Aug erfüllt,
Wohin es sieht, des Mords und der Verwüstung Bild.

Kakerlak hatte noch zuviel friedliebendes philosophisches Blut in den Adern, um hier lange zu verweilen; er ging von der Zerstörung

Zur schönen lächelnden Natur,
Die in der Felsenkluft und fruchtbeladnen Flur,
Im düstern Fichtenwald und lichten Hain entzückt.
Wie ruhig lehnst du dort am Baume, wie beglückt,
Du froher Schweizerhirt, und bläst dein Abendlied,
Indessen daß durchs Tal die Herde langsam zieht
Und über dir vom Strahl der Abendsonne
Gebüsch und Fels in rotem Feuer glüht.

»Ich durste!« ruft beim Baurenschmaus
Der Trinker dort und streckt das Glas halbtaumelnd aus;
Ein andrer klopft bedächtig an die Tonne,
Zu hören, ob ihr Klang dem Gaum noch viel verspricht;
Am Seitentische dampft, daß man das matte Licht
Kaum flimmern sieht, des Dorfes Magistrat
Mit ernster Gravität und wohlgenährten Bäuchen.
Voll Ehrfurcht nimmt, indem er sich den Herren naht,
Um mit dem langen Span ins trübe Licht zu reichen,
Der Bauer dort das pelzne Mützchen ab.
Wie streicht der Musikant die kreischenden Saiten herab!
Wie dreht an ihres Korydons Arme
Mit schwankendem Rocke das glühende Mädchen sich um!
Selbst weise Mütter entsagen dem Harme
Und tanzen verjüngt die Nahrungssorgen stumm.

Wer ist glücklicher als Kakerlak, der so viele Schönheiten der Kunst besitzt? Der sich mit ihrem Anblicke laben kann, sooft es ihm gefällt?

In den ersten Tagen fühlte er sein Glück kaum: Er war hingerissen, überrascht, überfüllt. Mylady wollte immer viel von seiner Reise wissen, aber sie erfuhr nichts; denn der Glückliche wußte nicht mehr, daß er eine getan hatte. Er war von dem Vergnügen, das ihm seine Gönnerin verschafft hatte, berauscht wie ein Trunkener, und Hexe Tausendschön sang schon in Gedanken das Triumphlied ihrer Befreiung; denn wie könnte eine edle Seele, die Gefühl für die Schönheit besitzt, des Vergnügens an der Kunst jemals überdrüssig werden?

Die mitgebrachte antike Gruppe war bei weitem nicht so schön als die schlechteste im Saale; gleichwohl zog sie Kakerlaks Blicke mehr an sich als die übrigen; wenn er alle seine Kytheren nach der Reihe angesehn hatte, kam er allemal zur Königin Ypsilon zurück. Mylady war sonst keine Liebhaberin von den Schönheiten der Kunst, aber sie wußte sich selbst es nicht zu erklären, warum sie itzt einen so gewaltigen Trieb nach dem Antikensaale empfand; und wenn sie alle Apollo, Antinous und Faune angesehn hatte, kam sie jedesmal zur Figur des versteinerten Lords Antick zurück. Es ließ sich nichts anders vermuten, als daß es Hexerei wäre, und das war es wirklich; denn unterdessen hatte sich die schadenfrohe Schabernack durch die vielen Erdlagen, durch Kies, Steine, Ton und Wasser aus dem Mittelpunkte der Erde wieder heraufgearbeitet und flog überall herum, ihre Feindin aufzujagen. Sie spürte ihren Aufenthalt aus, und nun ist das Rätsel auf einmal aufgelöst, warum Kakerlak immer zur Königin Ypsilon und Mylady immer zum Lord Antick geht; die verwünschte Hexe schuf den beiden Steinfiguren so unwiderstehliche Reize, daß wirkliche Liebe daraus wurde.

Wie bei dergleichen Vorfällen die Weiber immer sinnreicher sind als die Männer, so geriet auch hier Mylady zuerst auf den Einfall, die geliebte Figur in ihr Schlafzimmer zu stellen; sie tat ihrem Gemahl den Vorschlag, weil ihm als einem Liebhaber der Antike eine solche Verzierung des Betts sehr angenehm sein müßte. »Ich bin es wohl zufrieden«, antwortete der Lord, »aber da sich solche Verzierungen ohne Symmetrie nicht gut ausnehmen, so will ich diese weibliche Figur (wobei er auf die Königin Ypsilon wies) daneben stellen.« – So war beiden geholfen.

Was nützten dem armen Kakerlak alle die herrlichen Kunstwerke, was alle Pracht, aller Geschmack in seinen Zimmern? Er konnte sich an nichts ergötzen, keine Schönheit bewundern noch fühlen; denn in seinem Herze wütete eine Leidenschaft, die ihn lebendig aufzehrte, weil sie sich nicht befriedigen ließ. Wie oft wollt' er alle Antiken hingeben, wenn er damit das Talent der Dichtkunst erkaufen könnte! »Wie beneid ich die Leute«, rief er, »die weder Antiken noch Gemälde haben, aber Verse machen können! Ohne Verse ist die Liebe nur halb; wenn das Herz überfließen will, gießt man seine Empfindung in Verse aus; jeder Seufzer, jedes Ächzen, jeder Atemzug ist noch einmal so viel wert, wenn er versifiziert wird; dann muß es Lust sein, sich zu verlieben, wenn man Verse macht. O ihr glücklichen Leute, die ihr keine Antiken habt, aber Verse machen könnt!«

So quälte er sich den ganzen Tag vom Morgen bis zum Abend, und des Nachts quälte ihn Hexe Schabernack. Sobald er in Myladys Armen und sie in den seinigen Schutz suchte, fing der steinerne Antick an zu fluchen wie ein Bootsknecht, und die Königin Ypsilon weinte, daß es ein Jammer war; dies unglückliche Konzert ließ keins von den beiden Verliebten Trost finden.

Wer die Saiten zu hoch spannt, zersprengt sie; da es der tückischen Hexe so gut gelang, das Vergnügen des Geschmacks durch eine beigebrachte Leidenschaft zu verleiden, so glaubte sie, ihm das Leben ganz zu verbittern, wenn sie die beiden Figuren am Bette lebendig machte, aber das war falsch geschlossen. Als Mylady des Morgens voll Sehnsucht und Bekümmernis nach der geliebten Figur hinsah, öffnete das steinerne Bild plötzlich die Augen, es bewegte die Lippen, bewegte die Schultern, sah sich verwundert um, fing an zu gehen, und kaum hatte der Neubelebte sich in seinem nackten Zustande erblickt, so rennte er beschämt in die Garderobe, um sich und andern nicht länger anstößig zu sein. Mylady sprang auf, schlug voll Freuden in die Hände, warf sich auf die Knie und rief: »Gedankt sei dir, unsichtbare Wohltäterin, die du ihn belebtest! Gedankt, daß du mir den liebsten Wunsch meiner Seele gewährtest! Er lebt! Wer kann mein Entzücken aussprechen? Er lebt!« – Im Taumel der Wonne vergaß sie Anständigkeit und Klugheit, und ohne zu bedenken, daß sie nur im Nachtkleide war und daß ihr Mann diese freudigen Aufwallungen sah und hörte, eilte sie der angebeteten Figur nach.

Mylord war schon mit der nötigsten Bedeckung zustande und warf eben den grünen Jagdrock über, als Mylady nach langem Suchen in allen Zimmern hereintrat. »Gott!« rief sie und bebte vor Schrecken zurück, als sie sah, daß es ihr voriger Gemahl war. Das ist ja mein Mann! dachte sie. Wußt ich das, so erspart ich mir meine Liebe. Mylord wollte ihr ein Kompliment über ihr unvermutetes Wiedersehn machen, aber sie ließ ihn nicht ausreden, sondern lief wie rasend im Hause herum und schrie: »Diebe! Diebe!« Die Bedienten eilten herbei und ergriffen die Waffen, die sich ihnen zuerst darboten, um den vermeinten Dieb zu vertreiben. Mylord widersetzte sich zwar mit allen Kräften, allein da er merkte, daß seine Gegner keinen Spaß verstanden, so gab er sich mit so plumpen Leuten, die unhöflich dreinschlugen, nicht weiter ab, sondern ging zur Türe hinaus, so weh es ihm tat, daß er sich aus seinem eignen Hause vertreiben lassen mußte.

Unterdessen hatte Kakerlak kein schlechteres Abenteuer: Mit dem Blick unbeweglich auf den geliebten Marmor geheftet, wurde er kaum gewahr, daß Mylady aus dem Bette sprang und einem lebendig gewordenen Steine nachlief; denn in dem Augenblicke, da dies geschah, öffnete seine marmorne Dame die Augen, lächelte zu ihm hin und breitete die Arme aus; er mußte sich lange besinnen, ob er wachte oder träumte. Kaum war er mit sich einig, daß er wirklich wachte, so erblickte die Dame ihren nackten Zustand und fiel vor Entsetzen über eine so himmelschreiende Unanständigkeit in Ohnmacht. Kakerlak wollte in der Schamhaftigkeit auch nicht zurückbleiben und warf erst seine Decke über sie her, eh er ihr zu Hülfe kam. Die Ohnmacht war so hartnäckig, daß sie sich durch die stärksten stinkenden und wohlriechenden Sachen nicht vertreiben ließ; ich wundre mich, daß die Dame jemals wieder aufwachte; denn ihre Situation war so schrecklich für eine empfindsame Seele, daß unter Hunderten kaum eine in so einem Falle ohne Sterben davonkäme; aber so weit trieb sie es glücklicherweise nicht, sondern gab wirklich schon Zeichen des Lebens von sich, als Mylady zurückkam und ihrem Gemahl berichten wollte, wie glücklich sie gewesen wäre, Diebstahl, Mord und Blutvergießen im Hause zu verhüten. Das Wort starb ihr auf der Zunge, da ihr die ohnmächtige Dame mit ihrer sonderbaren Bekleidung in die Augen fiel; in dem Augenblicke, da sie losbrechen wollte, erkannte Kakerlak die Königin Ypsilon. Bist du es, die ich so feurig liebte? dachte er bei sich und verstummte. Wußt ich das, so erspart ich mir mein Härmen, Seufzen und Klagen; denn wir waren ja lange genug Mann und Frau, um uns von Liebesschmerzen zu heilen. Indem öffnete die Ohnmächtige die Lippen, um wegen ihrer schlechten Bekleidung um Vergebung zu bitten; aber Kakerlak kam ihr mit Höflichkeit zuvor und versicherte mit einer tiefen Verbeugung, daß es gar nichts zu bedeuten hätte, daß eine Dame von ihrem Stande tun könnte, als wenn sie zu Hause wäre. Darauf wandte er sich zu seiner Gemahlin. »Das ist«, sprach er, »die Dame aus Butam, von der . . . Nein, itzt besinn ich mich, ich habe Mylady noch nichts davon gesagt; es ist eine Dame vom höchsten Stande aus Butam, von gutem Hause. Ihre Gnaden machen sich zuweilen einen kleinen Zeitvertreib und hexen: Dieselben tun alle Dero Reisen durch die Luft und ersparen dadurch ein ansehnliches an ihrem Nadelgelde. Sie kommen freilich allemal in einem beschämenden Zustande an, weil es das Hexenzeremoniell so mit sich bringt; aber dagegen werfen Dieselben auch niemals mit dem Wagen um, bleiben in keinem Moraste stecken und brauchen die Langsamkeit des Postknechts mit keinem großen Trinkgelde zu bestechen. Es ist ungemein bequem.«

Die Königin freute sich sehr, daß ihr der Lord so gut aus der Verlegenheit half, und hielt das strengste Inkognito; sie wickelte die Bettdecke etwas fester um sich und ließ sich als eine Dame von gutem Hause aus Butam an Mylady Antick präsentieren. Beide küßten sich mit vieler Wärme und waren über eine so angenehme Bekanntschaft entzückt; beide hatten schon lange davon geträumt, daß ihnen ein so großes Vergnügen widerfahren sollte, und beide versicherten sich, daß sie Freundinnen bis in den Tod bleiben wollten. Der Lord merkte, daß sich die fremde Dame in seiner Gegenwart wegen ihrer Bedeckung Zwang antat, und war daher so galant und begab sich auf sein Zimmer; Mylady beurlaubte sich gleichfalls, schickte ihr Kleider, und in drei Stunden sah es niemand der Königin Ypsilon an, daß sie so lange ein Stück Marmor gewesen war. Hexe Tausendschön lachte dreimal auf der Feueresse vor Freuden, daß die Bosheit ihrer Schwester so sehr das Gegenteil bewirkte, und diese weinte vor Ärger Tränen, so groß als ein Taubenei, viel größere als Patroklus' Pferde im Homer; sie schwor sich selbst das Verderben, wenn sie nicht von nun an dem verhaßten Kakerlak jede Freude in die bitterste Qual verwandelte.

Sobald sich alle Personen ohne Schamröte voreinander sehen lassen konnten, führte der Lord die Fremde in seinen Antikensaal, seine Gemäldegalerie und sein Porzellänkabinett; die Königin fand alles sehr schön, nur die vielen nackten Leute mißfielen ihr. »Allen den Leuten ließ ich Kleider malen«, sprach sie, »wenn die Bilder mir gehörten, und den steinernen Männern und Weibern hielt ich eine Garderobe; sie gehn ja so bloß und armselig einher, als wenn sie kein Hemd anzuziehen hätten. Es ist eine Schande für unsre erleuchteten Zeiten, daß man den Malern und Bildhauern keine Kleiderordnung macht; eine ehrbare Dame von guter Erziehung kann heutigestags keine Bildergalerie ohne Ärgernis ansehn.« Aus diesem moralischen Grunde war ihr das Porzellänkabinett das liebste. »Da sieht man doch, daß in China noch gute Sitten sind«, sagte sie, »alle diese porzellänen Damen sind von Kopf bis zu Fuße bedeckt, daß man kaum das Gesicht erkennt. Die Mandarine tragen lange Röcke; das heiß ich Anständigkeit; so etwas kann eine Dame von Stande ohne Verletzung ihrer Ehre ansehen.« Sie verliebte sich in dies porzelläne Kabinett voll chinesischer Wohlanständigkeit und chinesischer Ungereimtheiten so sehr, daß sie meistens den Morgen darinne zubrachte und jede Büchse hundertmal ansah.

Um ihrem Vergnügen nichts fehlen zu lassen, tat Kakerlak einige Lustreisen mit ihr; sie besuchten alle merkwürdige Gärten, diese herrlichen Nachahmungen der Natur, die Berge, Täler, Flüsse und Wasserstürze hinsetzen, wo die Natur keine schuf. Die Königin war sehr zufrieden damit und fand bloß das auszusetzen, daß man immer auf und nieder steigen müßte und daß die Wege nicht in gerader Linie gingen. Desto mißvergnügter wurde Kakerlak; bei jeder neuen Schönheit, die ihm entgegenkam, dachte er: Ach, der Glückliche, der einen Park hat! Ach, ich Unglücklicher, daß ich keinen Park habe! Wie wenig ist doch das herrlichste Antikenkabinett gegen einen Park! Hexe Schabernack brachte in seinem Herze die Unzufriedenheit und seinen Wunsch zur Flamme, und er war noch nicht durch die Hälfte des Gartens, so schwur er schon, daß er lieber nichts als Salz und Brot essen wollte, um einen Park zu haben. Sehnsucht, Ungeduld und Gram sprachen aus seiner Miene; Mylady konnte kein Wort aus ihm bringen; Tag und Nacht quälte ihn der verdammte Park. Seine Gemahlin nahm ihn ernstlich vor, als sie einmal des Abends allein waren, und bat ihn mit Flehen, ihr seinen Kummer zu entdecken; er wollte lange nicht; endlich warf er sich schluchzend an ihre Brust. »Mylady«, rief er, »schaffen Sie mir einen Park, oder ich sterbe.« – »Aber Mylord hat ja ein Antikenkabinett, eine Gemäldesammlung und einen Porzellänsaal.« – »Ach, was Antikenkabinett«, fuhr er entrüstet auf, »was Gemäldesammlung? Einen Park will ich, oder ich kann nicht leben. Einen Park! Oder ich erhänge mich wie ein rechtschaffner Engländer. Betteln will ich lieber, als keinen Park haben.« – Sie riet ihm, seine Sammlungen zu verkaufen und für das Geld einen anzulegen; er gehorchte dem Rate, wollte gern um den dritten Teil des Werts losschlagen und fand viele Käufer, die aber desto langsamer kauften, je geschwinder er verkaufen wollte.

Schabernack konnte einen Mann, den sie haßte, nicht so leicht zu seinem Wunsche gelangen lassen und spielte ihm einen Streich, dergleichen noch nicht unter der Sonne geschah. Sie machte in einer Nacht alle Antiken lebendig; Prinz Alfabeta lief augenblicklich, wie er sein Leben wieder hatte, im ganzen Hause herum und kommandierte, als wenn es sein eigenes wäre, weckte Bediente und Stallknechte mit Prügeln und Ohrfeigen auf, ließ des Lords beste Kutsche anspannen und entführte auf Eingeben der Hexe die Königin Ypsilon aus dem Bette. Das war ein Lärm! Das war ein Aufruhr im Hause! Die beiden Maschinen der Unglücksstifterin, Prinz Lamdaminiro und Prinzessin Friß-mich-nicht, fingen gleich nach ihrem Aufleben Zank an; so gutmütig der Prinz sonst war, so fand er sich doch unendlich beleidigt, daß ein so schlechter Mensch wie ein römischer Gladiator neben ihm stand, und stieß ihn mit dem Ellenbogen voll Unwillen von sich. Dieser Herr war ziemlich handfest und in einer Republik entstanden, wo man von der heutigen Politesse nichts wußte; er faßte also ohne alle Zeremonie den Prinzen bei dem Leibe und schleuderte ihn längs im Saale hin. Die Prinzessin wollte die Beschimpfung ihres Bruders rächen und biß den baumstarken Gladiator in den Arm, daß er zusammenfuhr; dies Untier hatte nicht mehr Respekt gegen die Damen als gegen die Herren und scherzte nicht sehr fein, denn er faßte die Prinzessin und schleuderte sie im Saale hin wie einen Knaul. Unterdessen verursachte der Fall des Prinzen einen neuen Streit: Er stürzte wider seinen Willen auf die schöne Venus und warf sie um, daß der Boden schütterte. Die übrigen Götter und Göttinnen erzürnten sich über die Verwegenheit eines Sterblichen gegen eine Dame von göttlichem Blute, hoben die Gefallne in aller Eile auf, und Minerva trat à la Shakespeare mit ihrer Ferse dem Prinzen zwei Augen und einen Kopf entzwei. Die Prinzessin richtete nicht weniger Unglück an: Sie rollte an Apollens Fuß; das nahm der Musengott übel, spannte den Bogen und schoß sie so ohne Gewissen ins Herz, wie wir Sterbliche eine Fliege totschlagen, wenn sie uns sticht.

Was für ein stolzes Volk die Götter des Olymps sind, das sah man hier; ihre Majestät schien ihnen schon dadurch entheiligt, daß Sterbliche in einem Saale mit ihnen atmeten, und sie beredeten sich deswegen, sie zu vertreiben. Wer mag Göttern widerstehn? Die Sterblichen mußten weichen und irrten im Hause herum; der eine rettete sich in dieses, der andere in jenes Zimmer.

Kakerlak hörte zwar nichts von dem Getöse, aber wie erschrak er, als er den Tag darauf die Nachricht erhielt, daß die Hälfte der Antiken aus dem Saale gewandert und in alle Zimmer des Hauses zerstreut wäre, daß zwei blutig auf der Erde lägen und daß die göttliche Venus ein Loch im Backen hätte, als wenn sie in einem Scharmützel gewesen wäre! Der Lord fand alles dem Berichte gemäß, ließ die Ausgetretnen wieder an ihren Ort schaffen und wußte keine Möglichkeit auszusinnen, wie ein Klumpen unbeseelter Marmor – denn das waren sie wieder – sich so weit bewegen konnte. Die folgende Nacht geschah das nämliche. Hatte Kakerlak vorher geeilt, sein Kabinett zu verkaufen, so tat er es itzt desto mehr; aber hatte vorher jedermann gezaudert, es ihm abzukaufen, so wollte es itzt niemand umsonst, da sich das Gerücht ausbreitete, daß es mit den Antiken nicht richtig wäre. Wenn man sein schweres Geld daran wandte und sie kaufte, so konnten sie ja in einer Nacht alle entlaufen; wer gab denn dem armen Kaufmanne sein Geld wieder? Ein einziger, der von der Freigeisterei Profession machte und darum keine Wunderwerke glaubte, hoffte, sie um jenes Gerüchts willen desto wohlfeiler zu bekommen, und bat um Erlaubnis, sie zu besehn. Er besah die himmlische Venus; Venus drehte sich um und wies ihm statt des Gesichts den Rücken; er besah den immer jugendlichen Apoll; Apoll kehrte sich um und wies ihm den Rücken; die nämliche Unhöflichkeit begegnete ihm bei allen, denen er ins Gesicht sah. Dem Manne verging beinahe die Freigeisterei, so übel ward ihm zumute; weil aber seine Gewinnsucht größer war als die Furcht, bot er eine kleine Summe, und der Lord schloß den Handel, um nur nicht länger mit behexten Antiken in einem Hause zu wohnen.

Die Gemäldegalerie wurde auf ebendieselbe Art verkauft; alles zusammen brachte nicht so viel Geld ein, als nötig war, einen Gang im Garten anzulegen; gleichwohl war schon ein Riß dazu gemacht, ein ganzes Gut dazu bestimmt, die Arbeit angefangen, und um nicht mit Schande aufzuhören, mußte Geld aufgenommen werden. Kakerlak verkaufte und verpfändete alles und war schon in Gedanken Herr vom schönsten Garten im ganzen Lande.

Nach langer Arbeit und langer Hoffnung stand endlich das Wunderwerk der Gartenkunst fertig da.

Zwischen jungen Fichten dreht
Sich der Schlangenpfad dahin,
Wo die schönste Charitin
In dem schönsten Haine steht.

Wie labt der Duft der frischbelaubten Birken!
Wie zittert sanft, gleich der verschämten Unschuld,
Am weißen Ast das zarte lichte Blatt!
Mit jedem Wehn des lauen Lüftchens kommen
Dem süßgelabten Sinn Gerüch entgegen
Von Blumen, Kräutern, Blüten. Jeder steht,
Berauscht sich, rühmt und sucht den Garten,
Der ihn mit solcher Schwelgerei bewirtet.
Umsonst! Er tut wie edle Seelen Gutes,
Erquickt und läßt nicht wissen, wer es tat.
Welch Leben! Welche Stimmen, die hier tönen!
Kein Zweig, wo nicht ein froher Sänger hüpft!
Was in der Schöpfung lebt, scheint hier versammelt,
Den Grazien sein fröhlich Lied zu weihn.
Euch, Schmuck der Menschheit! Euch, Wohltäterinnen,
Die ihr die Sterblichen aus Barbarei
Und Wildheit zogt, dem Leben Anmut schenktet,
Die Schönheit selbst mit Zauberkraft belebtet,
Euch, die ihr unsers Wunsches wert es machtet,
Ein Mensch zu sein, gebührt der schönste Hain,
Der lieblichste Geruch, der lieblichste Gesang.

Zwischen Tannenbüschen dreht
Aus dem schönsten Birkenhain
Sich der Schlangenpfad dahin,
Wo ein dunkelgrüner Wald
Düster auf dem Berge steht.

Ihn weihte sich die Spekulation.
Sie wandelt hier am Arm des Tiefsinns ernsthaft
Im finstern Schatten tiefgesenkter Äste.
Bald leitet sie den Treuen, der ihr folgt,
Zum lichten Gang, wo durch die hohen, glatten Stämme
Der Himmel lächelnd blinkt; bald führt sie ihn
In Finsternis, wo der Erschrockne steht
Und sinnt, sich mit Entschlossenheit zu rüsten,
Eh er den Schritt ins heil'ge Dunkel wagt.
Wie schweigt der Wald in tiefster Einsamkeit,
Als wäre Leben, Regsamkeit und Ton
Aus der Natur auf einmal weggenommen!
Die Schöpfung ganz in Todesschlaf versenkt!
Wie spannst du, heil'ger Ort, des Geistes Flügel
Zu hohem Flug! Wer hier nicht denkt, denkt nie.

Zwischen Strauch und Dornen weht
Sich der Schlangenpfad herab.
Über Stein und Wurzeln muß
Mühsam sich der matte Fuß,
Wie der Denkende durch Zweifel, leiten,
Bis nach Strampeln, Taumeln, Gleiten
Vor dem See der Müde steht.
So staunt, wie hier, wenn von dem Ozean
Der Reisende die Küsten übersieht,
Die Griechenland mit Marmortempeln schmückte,
So hängt der Blick an den erhabnen Trümmern.
Im Sonnenglanz, umwebt von grünen Sträuchen,
Steigt dort vom Hügel auf ein Säulengang,
Zu dem hinan Apolls geweihte Priester
Auf breiten Stufen einst voll Andacht schritten.
Bald kahl, bald mit Gebüsch bekrönt, erheben
Am Ufer hin sich Hügel über Hügel
Und bilden uns den Sitz der Musen ab.

Trag uns, Gondel, durch den See
Von dem reizenden Prospekt
Zu dem Ufer, wo das Reh
Sich, bald sichtbar, bald versteckt,
Unter hohen Pappeln neckt.

Ha! welche Kluft empfängt uns am Gestade!
Ein langes Tal, das durch zwei Reihen Berge
Sich krümmt und drängt; ein kleiner Bach rauscht mitten,
Von Gras und Blumen halb verdeckt, dahin
Und bringt dem See sein Strömchen zum Tribut.
Schon braust durch Bäum und Strauch der Wasserfall
Mit näherndem Geräusch; der schmale Weg
Schleicht, tausendfach gewunden, durch die Wildnis,
Und oh! – wer zauberte den grünen Grund
Mit Schafen, Hirten, Bächen schnell daher? –
Willkommen uns! geliebte Hirtenszene,
Von Felsen rings umfaßt, worein mit Mühe
Der krumme Baum die durst'ge Wurzel gräbt,
Wo Strom auf Strom, wie straff gespannte Segel,
Vom höchsten Gipfel stürzt, von Fels zu Fels
Emporgeschleudert tanzt, sich schäumend bricht,
Bald wie geballter Schnee durch Stein und Wurzeln
Mit Zischen wälzt und bald wie Perlen rollt,
Dann mit vereinter Macht hinab zur Tiefe
Wie in Verzweiflung schießt, wo ein gekräuselter Wirbel
Mit hohlem Brausen die fliehende Nymphe verschlingt.
So flohen oft des Nereus keusche Töchter,
Verfolgt von den Bewohnern des Olymps,
Verzweiflungsvoll in des Vaters Arme herab.
Das Wasser braust, die Herde blökt,
Die Hirten flöten, Bäum und Felsen horchen;
O glücklich, wer mit offnen Sinnen hier
Im Schatten liegt und hört und sieht und fühlt!

Glücklicher Kakerlak, wer kann dein Entzücken beschreiben, als du zum ersten Male den Wassersturz rauschen hörtest, den du der Natur zum Trotze an einem Orte schufst, wo sonst kein Wasser war? »Glücklicher Kakerlak«, rief Hexe Tausendschön, »wie kannst du eines Vergnügens satt werden, das dich dem Schöpfer der Natur gleichsetzt? Du riefst Berge, Täler, Wasserfälle, Seen und Wälder aus dem Nichts, pflanztest Schatten, wo die Sonne den Kopf verwundete, und bahntest Wege, wo die Wildheit keinen Fuß wandeln ließ. Glücklicher Kakerlak! Du wirst deine Beschützerin erlösen.«

Schabernack hatte durch ihre Kunst die Wunden des Prinzen und der Prinzessin unschädlich gemacht und stahl sie aus dem Antikenkabinett, um sie im Garten zu ihren Tücken zu gebrauchen. Stand der Lord vor einer langgedehnten Wildbahn und bewunderte mit Entzücken den sanften, feinen Rasen, der wie ein grüner Teppich ausgebreitet dalag, so mußte die Prinzessin mitten auf den Platz als ein alter verdorrter Baum hintreten. Kakerlak entrüstete sich, daß eine so häßliche Mißgeburt die schöne Grasebne schändete, und befahl dem Gärtner, den abscheulichen Baum augenblicklich zu vertilgen; der Gärtner frage immer: »Wo? wo?«, und strengte seine Sehnerven an, daß sie beinahe zerrissen, und wenn er so viele Augen hatte wie Argus, so sah er nirgends einen Baum. Der Lord erzürnte sich noch mehr, führte den Gärtner auf den Platz, wo er den Baum sah, und waren sie dort, so war der Baum hier, gingen sie hieher, so war der Baum dort. So wurde der elende Glückliche unaufhörlich gequält: Wo er ging und stand, ließ die Hexe Grashalme aus den glatten geschlängelten Gängen hervorwachsen; er befahl dem Gärtner, sie auszurotten, aber der arme Mann sah itzt so wenig Grashalme als vorhin einen Baum. Sollte der Wasserfall rauschen, so steckte Schabernack den Prinzen in die Röhre, und das Wasser lief so schwach, daß man's kaum rauschen hörte; die Röhren wurden gesäubert, aufgerissen, neue hineingelegt; es blieb wie zuvor.

So viele widrige Zufälle verbitterten das Vergnügen schon sehr; nun fanden sich noch dazu täglich mehr Gläubiger ein, für deren Geld der Garten angelegt war, mahnten und drohten, da sie nicht befriedigt wurden. Kakerlak war ohnehin schon eines Gartens überdrüssig, wo unaufhörlich Bäume und Grashalme am unrechten Orte wuchsen, und beschloß, ihn seinen Gläubigern preiszugeben. Damit waren aber die unhöflichen Herren nicht zufrieden, sondern baten sich auch Häuser, Möbeln und die übrigen sämtlichen Habseligkeiten aus. Voll Verzweiflung flüchtete Mylord und Mylady in ein Dorf, entsagte auf immer allem Vergnügen und vergaß, daß seine Beschützerin eine Hexe war, die durch ihn befreit sein wollte. Die Gemahlin hatte heimlich ihre Ringe mit sich fortgebracht; sie wurden verkauft, und von dem gelösten Gelde beschlossen die beiden Unglücklichen, in stiller Einsamkeit, der Welt und ihren Freuden abgestorben, ohne übernatürlichen Beistand zu leben. Tausendschön weinte; Schabernack lachte.

Um ihm sogar diese kleine Ruhe zu verbittern, holte die Schadenfrohe seine Bücher nebst der ganzen Stube herbei, wie er sie vor seiner Auswanderung nach dem Vergnügen verließ; er sollte nicht ohne Vergnügen sein, um eins überdrüssig werden zu können. Wie wenn man nach vielen, vielen Jahren einen Freund wiederfindet, den man schon so lange für tot hielt, daß sein Andenken fast erloschen war, so lief itzt Kakerlak zu seinen Büchern hin. »Willkommen, Freunde!« rief er entzückt. »Willkommen, ihr teuern Gefährten meines Lebens, eh ich undankbar euch verließ! Ich durstete nach Vergnügen und fand keins; ich irrte von einem täuschenden Schimmer zum andern, hielt es für ein Vergnügen und betrog mich; ein leuchtender Dunst war es, der aus einem Moraste aufstieg. Weg mit den Puppen! Ich bin kein Kind mehr. Ihr seid zwar auch nur Puppen, aber doch männliche Puppen; ihr seid zwar auch nur Spiele mit Gedanken, wie andere mit Würfeln oder gemalten Blättern spielen, aber doch edlere Spiele des Geistes. Willkommen! Nie will ich an euch die zweite Undankbarkeit begehn.«

Hexe Schabernack, was wird das werden? Du hast dich vermutlich in deiner eigenen Schlinge gefangen, denn der Mann scheint Wort halten zu wollen.

Der Heimtückischen fing an bange zu werden, weil nichts in der Welt ihn von seiner Philosophie abzubringen vermochte. Sie spielte ihm mit des Prinzen und der Prinzessin Hülfe tausend possierliche Streiche; sie verwandelte die Buchstaben vor seinen Augen und füllte seine Bücher mit Irrtümern, Zweifeln, Paradoxien, Widersprüchen, Ungereimtheiten, närrischen Hypothesen und wunderlichen Meinungen an; nichts konnte ihn in seinem Vergnügen stören. »Der Mensch soll nicht wissen, sondern nur vermuten, nicht genießen, sondern nur Genuß hoffen und träumen, nicht glücklich sein, sondern sich glücklich dünken« – das blieb seine Philosophie, womit er alle Gaukeleien entschuldigte, die sein Vergnügen stören sollten.

Stimmen riefen ihm von allen Seiten zu: »Kakerlak, so ein weiser Mann bist du und spielst? Spielst mit Büchern und Gedanken?« – »Das ganze Leben ist ein Spiel«, antwortete Kakerlak. »Das Kind spielt mit Puppen oder Trommeln, der Jüngling mit Hunden und Pferden, das Mädchen mit der Liebe, mit Stoffen und Bändern, die Großen mit Soldaten, Sternen, Stammbäumen, Ordensbändern, die Kleinen mit Titeln, Männer und Weiber mit Karten, Würfeln und Kegeln, der Weise mit Gedanken und Empfindungen. Wenn alles spielt, warum sollt ich allein es nicht tun?«

Er wurde krank und kämpfte mit tausend Schmerzen. »Unglücklicher Kakerlak!« riefen ihm Prinz und Prinzessin zu. »So ein verdienstvoller Mann und mußt so leiden!« – »Ich leide, aber ich bin nicht unglücklich«, war Kakerlaks Antwort, »denn noch ist mein Herz nicht zur Fröhlichkeit stumpf.«

»So ein weiser Mann«, riefen sie zu einer andern Zeit, »und freut sich! Freut sich wie gemeine Sterbliche über ein Blümchen, einen Baum, einen romantischen Felsen, über Wasserstürze, Sonnenschein und Regen! Wie erniedrigst du deine erhabne Seele.« – »Weit gefehlt!« sprach Kakerlak lachend. »Die Freuden der Natur sind mein Beruf; alles, was Menschen ersannen und Vergnügen nannten, ist nur eine Krankenspeise; die gesunde Seele will nichts, was nicht von den Händen der Natur kommt.«

»Armer Kakerlak! Lebst so einsam und still ohne alles Vergnügen.«

»Mein Vergnügen ist niemals um, sondern in mir; andere suchen es, ich trag es beständig mit mir herum.«

»Armer Mann! Der Hagel hat dir dein kleines Blumenbeet zerschlagen, deinen einzigen Reichtum.«

»Auch gut! So pflanz ich neue Blumen und gewinne durch meine Arbeit neue Hoffnungen.«

»Armer Weiser! Bald wirst du im Grabe liegen und ein Häufchen Knochen und Staub sein.«

»Auch gut! So quält mich die elende Maschine mit keinem Bedürfnisse mehr.«

Da Schabernack sah, daß mit dem hartnäckigen Weisen nichts auszurichten war, machte sie einen Versuch, ihn auf einer andern Seite anzugreifen. Der Prinz Alfabeta reiste mit der entführten Königin Ypsilon noch immer in der Welt umher, um die verlorne Physiognomie zu finden; die Hexe leitete diese beiden Abenteurer zu Kakerlaks Wohnung und freute sich über den Krieg, den die Physiognomie veranlassen würde. Sie mutmaßte richtig; denn kaum erblickte der Prinz sein Eigentum auf einem fremden Gesichte, so griff er ebenso derb zu, als da er den unrechtmäßigen Besitzer desselben aus dem Schnee zog. »Au weh!« schrie der Prinz und fuhr zurück; das Vögelchen, worein Hexe Tausendschön gebannt war, saß auf ihres Lieblings Gesichte, deckte es mit seinen Flügeln und pickte den Herrn Prinzen, als er seine Physiognomie abreißen wollte, höchst schmerzlich auf die Finger. »Vor einem Vogel fürcht ich mich nicht«, sagte der Prinz und griff zum zweiten Male zu. Das Vögelchen pickte. »Au weh!« schrie der Prinz. Er versuchte es zum dritten Male; zum dritten Male pickte das Vögelchen, und zum dritten Male schrie mein Herr Prinz: »Au weh!« Nun ließ er's wohl bleiben, nach seiner Physiognomie zu greifen.

»Wohl mir! Ich bin befreit«, fing das Vögelchen an. »Dank dir, Kakerlak, Dank dem Weisen! Ich bin erlöst.« – Hexe Schabernack fuhr knirschend, polternd und schreiend zur Feueresse hinaus auf den Brocken, um die Versammlung ihrer Schwestern zusammenzurufen und durch Kabale die Erlösung ihrer Feindin zu hindern. Prinz und Prinzessin, die bisher in zwei Folianten wohnten, fielen tot aus den Büchern heraus zur Erde, weil die Zauberin, die sie unsichtbar machte, von ihnen wich und in der Bestürzung vergaß, für sie zu sorgen.

»Meine Kinder!« rief die Königin Ypsilon mit erhabenen Händen aus. »So find ich euch wieder, um euern Tod zu beklagen!«

»Klage nicht, schöne Königin Ypsilon!« unterbrach das Vögelchen ihren Schmerz. »Eine böse Zauberin ließ sie sterben, eine gute macht sie wieder lebendig.« – Sogleich flog es dem Prinzen auf den Kopf und pickte darauf, alsdann auf den Kopf der Prinzessin und pickte darauf, und beide standen so frisch und gesund auf, als wenn sie eben erst aus [dem] Mutterleibe kämen.

Das war ein Jubilieren und ein Küssen zwischen Mutter und Kindern! Die Königin konnte zuletzt keinen Arm mehr rühren, so müde waren sie von den vielen Umarmungen; die Prinzessin verrenkte sich ein Bein mit ihren hohen Freudenspringen, und der Prinz Lamdaminiro war der einzige, der bei diesem Auftritte des unvermuteten Wiedersehens mit gesunden Gliedmaßen durchkam; das hatte er seiner unnachahmlichen Gelassenheit zu verdanken, die ihm bei dieser Gelegenheit so große Dienste tat, daß er bloß Küsse und Umarmungen annahm, ohne eine Falte im Gesichte vor Freude zu ändern.

»Kehrt«, sprach das Vögelchen, »nach Butam zurück; die Physiognomie soll nachkommen.« Der König wollte zwar nicht abziehn, aber das Vögelchen nahm einen gebietrischen Ton an und drohte. »Zwei Tage nach deiner Ankunft«, setzte es hinzu, »besieh dich im Spiegel, und dann danke mir's, wenn du wieder besitzest, was du in der ganzen Welt vergebens suchtest.« Wollte er ganz Alfabeta sein, so mußte er sich wohl zur Abreise bequemen, und damit die Reise nicht zu langsam ging, riß Tausendschön aus ihren Flügeln Federn und steckte jedem Pferde eine zwischen die Ohren. Gleich huben sich die schnaubenden Hengste in die Höhe und flogen mit der Kutsche durch die Luft, als wenn das Fliegen zeitlebens ihr Handwerk gewesen wäre; dadurch ersparte sie der königlichen Kammer zu Butam ein Ansehnliches, was auf der Erde unterwegs aufgegangen wäre.

Der große und kleine Rat hatte sich indessen auf dem Brocken versammelt, und Hexe Schabernack hielt schon ihre Rede in wohlgesetzten Hexametern, als ein paar Bettelmönche, die dermaligen Ratsboten, die Ankunft der Hexe Tausendschön meldeten. Man hieß sie warten und befahl ihrer Gegnerin abzutreten; nach einer zweistündigen Überlegung, wobei man sich eine Menge Haare ausraufte, mußte Klägerin und Beklagte erscheinen, und es wurde ihnen folgender Bescheid bekanntgemacht:

              Kund und zu wissen sei allen, die Ohren haben und hören,
Welchergestalten des zaubernden Reichs versammelte Glieder
Nach der Sachen reifer Erwägung in völliger Eintracht
Also beschlossen, wie lautet:

                                              »Nachdem ein Sterblicher standhaft
Im Vergnügen des Geistes beharrte, den Freuden sich weihte,
Die geöffneten Sinnen und einer schuldlosen Seele
Die Natur mit ökonomischer Sparsamkeit darbeut,
Alle Hoheit für Traum, den Stolz für Torheit erkannte,
Fest entschlossen, in fröhlichen Sprüngen zum Grabe zu tanzen;
Als erkennen wir dann, daß unsre verurteilte Schwester
Ihr Gefängnis verlaß und in unser hohen Versammlung
Wieder mit vorigem Recht und Gestalt von nun an erscheine,
Doch mit ernstem Bedeuten, des Alfabeta von Butam
Edles Gesicht zu restituieren in integrum oder
Unser Mißvergnügen und unsern Zorn zu gewarten.«
So gegeben am uns geweihten Tage Walpurgis,
Auf dem schneevollen Gipfel des Brockens.

Conclusum in pleno.

Beide Vorbeschiedene neigten sich tief, Schabernack ging mit verbissenem Ärger in ihre Statthalterschaft zu ihrem gewöhnlichen Posten ab, und Tausendschön vollstreckte sogleich in schuldigem Gehorsam den Befehl des Senats. Als der König Alfabeta zwei Tage nach seiner Ankunft in den Spiegel sah, um seine Frisur zu mustern, warf er plötzlich vor Freuden den Spiegel hin und rief: »Ich habe sie wieder! Ich habe sie wieder!«, und sogleich wurde auf denselben Tag Gala angesagt.

Indem sich Kakerlak von ungefähr umsah, erblickte er einen goldnen Käfig an der Decke seiner Stube; er enthielt das Vögelchen, aus dem eben itzt seine Beschützerin gezogen war und das ihn bisher von Vergnügen zu Vergnügen und durch so manche Gefahr trug. Es blieb sein Gesellschafter und Freund, und wenn dem Herrn Weisen zuweilen eine kleine Schwachheit, etwas Stolz, Unzufriedenheit oder Sehnsucht nach einem andern Zustande überfiel, so sang es gleich:

Mann, du willst dich einen Weisen nennen
Und kannst unzufrieden sein?
Kannst das Nichts, wonach du strebst, verkennen?
Kannst von Stolz und Leidenschaften brennen?
Ach, wie ist der weise Mann so klein!

Hatte er sich hingegen aufgeführt, wie es einem Weisen geziemt, dann erschallte sein Lob durch die goldnen Stäbe:

O das ist ein weiser Mann!
Sieht das Glück der Welt mit Lächeln an,
Findet auf des Lebens rauher Bahn
Überall Ergötzen, wo er kann,
Unterdrückt des Stolzes falschen Wahn,
O das ist ein weiser Mann!

Ende

 << Kapitel 5 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.