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Johann Karl Wezel: Kakerlak - Kapitel 5
Quellenangabe
typefairy
booktitleKakerlak
authorJohann Karl Wezel
year1985
publisherEulen Verlag
addressFreiburg i. Br.
isbn3-89102-103-8
titleKakerlak
pages3-160
created20030618
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1784
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Viertes Buch

Für Hexen ist ein Trab von Teutschland nach Konstantinopel so wenig als für ein paar Beine, die keiner Hexe gehören, der Weg aus der Stube in die Schlafkammer; sie hatten kaum dreimal nach der Ausfahrt Atem geschöpft, so lag schon Kakerlak in einem Spargelbeet im Garten des Serails zu Konstantinopel.

Der Großsultan ging eben mit tiefem Nachdenken im mittelsten Gange spazieren und überlegte, bei welcher Gemahlin er die künftige Nacht schlafen wollte; da er ein sehr spekulativer Herr war und zur Auflösung des vorhabenden Problems alle seine Gedanken versammelt hatte, so merkte er nicht einmal, daß ihm Hexe Tausendschön das Kleid vom Leibe, den Turban vom Kopfe und die Stiefeln von den Füßen wegblies und ihm dafür Kakerlaks Kleidung anzauberte. Itzt hatte er glücklich seine Beratschlagung geendigt, einen Entschluß gefaßt und wollte seinem Maître des plaisirs die nötigen Befehle erteilen: Ach, du armer Großsultan! Wie schlimm wurde dir zumute, als du dich in einem andern Kleide erblicktest! In dem Kleide eines Ungläubigen! Da du nur in einem einzigen Artikel, den die Hexe aus Schamhaftigkeit ungekränkt ließ, ein Muselmann warst!

Er sagte sich zwar gleich, daß es nicht mit rechten Dingen zuginge, allein die Hexerei war ihm eben zu so höchst ungelegner Zeit geschehn, daß er alles daran wagte, um in den Palast zu dringen: Es half ihm nichts, dem armen Großsultan. Die Wache ließ ihn zurück und führte ihn gar ins Gefängnis, daß er sich unterstanden hatte, in den geheiligten Garten des Serails zu kommen; er beteuerte und schwor bei dem Barte des großen Propheten, daß er der Herr des Palasts wäre: Es half ihm nichts, dem armen Großsultan; es erkannte ihn niemand dafür, weil ihm des Großsultans Kleid fehlte. Kakerlak, dem seine Beschützerin des Sultans Kleid angezogen hatte, kam vom Spargelbeete majestätisch dahergeschritten und wurde um seines Kleides willen mit der tiefsten Ehrfurcht eingelassen. Er ging auf den Wink seiner Beschützerin die Treppe hinan, die hohe Flügeltüre des Zimmers öffnete sich.

Nachlässig warf er sich auf einen Sofa hin,
Elastisch nahm in eine tiefe Höhle
Der seidne Sitz ihn auf. Mit Augen voller Seele,
In Gang und Miene Reiz, tritt eine Sängerin,
Mit vorteilhafter Kunst in leichten Flor gehüllt,
Durch den ein Busen schielt, mit Reichtum überfüllt,
Wie eine Grazie daher.
Mit Absicht und doch stets als durch ein Ungefähr
Läßt ihm Gebärd und Schritt verborgne Reiz' entdecken,
Um einen Wunsch zum Trotz der Weisheit zu erwecken,
Bei dem auch Catos Wangen glühn;
Bescheiden gnug, um anzuziehn,
Und frei genug, nicht abzuschrecken,
Erwartungsvoll, daß man sie zwingt zu fliehn,
Um dann, erhascht nach langem Sträuben,
Mit Widerwillen gern gezwungen dazubleiben.

Der neue Sultan rieb sich die Stirne, seufzte und winkte; sie nahm seinen Wink für einen Befehl an und sang. Ihre sultanische Hoheit hatten nur Augen, aber keine Ohren! Er konnte seinen Blick an der niedlichen Figur nicht sättigen.

Das Vaterland der Schönen war Kaschmir,
Von der Natur gewählt zum Sitz der Liebe.
Von schweren Wolken niemals trübe,
Mit ew'gem Grün geschmückt, deckt ein Gebirge hier
Aufs wollustreiche Land den langgedehnten Schatten,
Daß nicht der Sonne Strahl der Schönheit Blüte sengt,
Die Lebensgeister nie in schwüler Glut ermatten
Und träge Düsterheit auf keiner Stirne hängt;
Dort atmet stets vom nahen Meergestade
Ein kühlend Lüftchen her, belebt des Jünglings Mut,
Gießt in des Mädchens feurig Blut
Die milde Zärtlichkeit, weht von des Lebens Pfade
Die Sorgen weg und macht
Den feingewebten Sinn den Freuden immer offen.
Wo die Natur so freundlich lacht,
Da läßt sich mit Gewißheit hoffen,
Daß sie nur Grazien, nur Götterbilder schafft;
Doch hier hat ihre Schöpferkraft
Durch Niedlichkeit sich selber übertroffen.
Zwei Arme, kugelrund, vom feinsten Wachs bossiert,
Mit einer Haut so zart wie Eierweiß glasiert;
Zwei Augen, die so viel, was man nicht sagt, verlangen,
Zwei rote hochgewölbte Wangen,
Die jedem Mund befehlen: »Küsse mich!«
Zwei Lippen . . . Doch was quäl ich mich, sie zu beschreiben?
So viel ist nun schon klar, es fehlte nichts, um sich
Mit bloßem Sehn die Zeit vortrefflich zu vertreiben.

Auch setzte Herr Kakerlak seine Philosophie ganz beiseite und wurde so sehr Sultan, daß er aufstand, um die niedliche Sängerin bei der Hand zu fassen, als eine neue Schönheit hereintrat.

Aus China brachte sie ein schlauer Handelsmann,
Der tausend nur Prozent an ihr gewann,
Ins kaiserliche Lustgehege,
Doch bloß als eine Seltenheit,
Wie mancher von den reichen Erdensöhnen,
Die keine Sultan' sind, mit porzellänen Schönen
Aus China und Japan und solcher Kostbarkeit
Kamin und Tische schmückt; es ist nicht zum Gefallen,
Zum Nutzen noch zur Lust, nur einzig – zum Besehn.
Das Wundertier blieb an der Türe stehn
Und ließ nicht einen Blick auf unsern Sultan fallen.
Ein lebend Ebenbild der strengsten Sittsamkeit,
Die Augen stets gesenkt, die Hände, Busen, Nacken
In seidnen Stoff versteckt und immer auf den Backen
Das sanfte Rot verschämter Schüchternheit,
So stand sie leblos da, wie Albrecht Dürers Damen,
Mit klösterlicher Blödigkeit.
Der Sultan sah erstaunt die ausgerißnen Augenbramen,
Die bleiche Totenfarb im ernsten Angesicht.
Er fragte sie und wußte nicht,
Wie ihm geschah, denn ihrer Antwort Töne
Erschallten durch zwei Reihn pechschwarz gefärbter Zähne.
Er drehte sie herum und fand
Ein neues Wunderwerk: Ein Schritt entdeckte,
Was ihm bisher das lange Kleid versteckte –
Ein Füßchen, klein wie eine Kinderhand.
»Bei Mahomet«, begann der Sultan laut zu fluchen,
»Hier mag ich nicht nach Wundern weiter suchen;
Es könnte mich vielleicht gereun.«

»Du bist kein Hausrat in ein Serail; geh!« – und mit diesen Worten wies der erzürnte Sultan der ehrbaren Chineserin mit den pechschwarzen Zähnen und den kleinen Füßchen die Türe. Er wollte sich eben zur Kaschmirin hinwenden:

Schnell flog im wilden Tanz der Wollust und der Freude
Zirkassiens schönstes Mädchen herein.
Die vollen Brüste schwollen beide
Durchs weichende Gewand, das, leicht geschürzt, allein
Die Hüften deckt' und alles unverhüllet
Dem Auge ließ, was unterm Feigenblatt
Die Mutter Eva nicht verbarg. Ihr Lied erfüllet
Des Sultans Herz, das nie so hoch geschlagen hat,
Mit einem süßen Weh, den Kopf mit süßem Schwindel.

Dergleichen überaus angenehmer Fall kam unserm Herrn Sultan nicht vor, solang er auf der Welt war, um soviel weniger darf man es ihm verdenken, wenn er ihn etwas angriff. Die Göttin der Wollust schien den schönsten Körper zu ihrer Wohnung gewählt zu haben, um in eigener Person die Standhaftigkeit des armen Kakerlaks zu bestürmen. Das verzweifelte Sultanskleid mußte schuld daran sein, denn sie hatte kaum zwei Minuten getanzt und gesungen, so griff er schon nach dem Schnupftuche, und zu Anfange der dritten lag er schon in ihren Armen, so groß war seine Not.

Nun wird ein schönes Leben angehn, lieber Leser; da wir beide auf Ehrbarkeit halten, so kann ich unmöglich etwas erzählen, das du lieber denkst als liest. So viel kann man aber doch ohne Schamröte sagen, daß der Hexe Schabernack bei der Sache angst wurde: Sie verzweifelte selbst, daß sie dem Herrn Kakerlak diese Schüssel jemals verekeln könnte. Weiber sollen nie erfinderischer sein, als wenn sie einen Fehler begangen haben; ist auch dieser Grundsatz nicht richtig, so handelte doch die Hexe so, als wenn er's wäre. Sie sah ein, daß sie dem Übel hätte zuvorkommen und statt der Zirkasserin nur die verlegendsten Schönheiten des Serails zum Sultan führen sollen; um also die Befreiung ihrer Schwester, des Fehlers ungeachtet, zu hindern, steckte sie die Prinzessin Friß-mich-nicht unter sein Kopfküssen. Kaum näherte er sich dem Vergnügen, so erhob der Unhold unter dem Kopfküssen ein Zetergeschrei, als wenn das größte Unglück von der Welt geschähe, der Sultan hörte nicht. In der nächsten Nacht gesellte sich die Hexe selbst dazu, und alle drei brüllten so gräßlich, wie bei Menschengedenken in der Welt nicht gebrüllt wurde, der Sultan hörte nicht.

Die Hexe war des Spaßes desto überdrüssiger, je weniger der Sultan es werden wollte. Zum Glücke hatte sie in ihren jüngern Jahren einmal gelesen, daß man am leichtesten satt wird, wenn man sich überißt, und ließ wegen dieser scharfsinnigen Bemerkung der Natur freie Wirkung, und was geschah? Der Herr Sultan überaß sich und wurde so satt, daß ich es nicht erzählen kann.

»Warte!« rief Hexe Tausendschön und erzürnte sich zum ersten Male in ihrem Leben, weil sie sich einbildete, daß ihm ihre tückische Schwester den Überdruß beigebracht hätte. »Warte! Der Sultan soll mich doch, dir zum Trotze, erlösen; auf dies Vergnügen setzte ich meine ganze Hoffnung; ich dachte, daß es ihm nur der Tod unschmackhaft machen sollte, und doch hast du mir meine Hoffnung vereitelt! Warte, du schadenfrohe Schwester! Was die Wollust bei einem Philosophen nicht vermag, wird die Liebe tun.«

Sogleich führte sie die reizende Kaschmirin zum Sultan, der matt und verdrüßlich auf der Ottomane lag, halb schlummerte und halb wachte und von den genoßnen Freuden nicht einmal gern träumte. Er blinzte das Mädchen an, als sie vor ihm hintrat, wie eine Sache, wobei man denkt, wenn es nur etwas anders wäre! Gleichwohl sah er nicht weg; sie wurde ihm gar im kurzen so interessant, daß er nicht mehr blinzte, sondern die Augen so weit aufmachte, als es sich natürlicherweise tun ließ. Je weniger sie buhlte, je weniger sie ihm ihre Liebe anbot, desto begieriger verlangte er nach ihr; die Leidenschaft fraß so schnell um sich in seinem Herze, daß er schmachtete. Ganz natürlich ging es mit dieser Geschwindigkeit nicht zu, sonst wäre sie unwahrscheinlich; die Hexe hatte die Hand im Spiele.

Nun tat unser Herr Sultan den ganzen Tag nichts als girren, seufzen und ächzen; er verschrieb mehr Papier zu Sonetten, Oden und Liedern als seine Justizräte zu Akten. Sieben Nächte tat er kein Auge zu, und erst in der achten glückte ihm ein halbstündiger Schlummer; er sprach in lauter Ausrufungen und sagte in einer halben Viertelstunde mehr »Ach! Oh! Ah!« als andere Leute in ihrem ganzen Leben. Solche heftige Gemütsbewegungen sind kein Spaß: Man kann daran sterben, wenn die Sache lange währt. Auch nahm sein Bauch täglich ab, und die innerliche Liebesglut zehrte ihn so gewaltig aus, daß er der magerste Sultan wurde, der jemals auf dem ottomanischen Throne saß.

Die Hexe Schabernack hoffte zwar, daß er es mit seiner Empfindsamkeit nicht immer so treiben könnte, aber es war ihr schon zuwider, daß ihre Schwester sich nur mit der Einbildung, durch ihn befreit zu werden, vergnügen sollte. Prinzessin Friß-mich-nicht, ihre gewöhnliche Unglücksstifterin, erhielt von ihr eine männliche Stimme, die eine gute Quinte tiefer stand als die bisherige, ob sie gleich an sich nicht die sanfteste war und sich dem Brüllen ein wenig näherte; sie mußte sich in den einen Winkel des Zimmers stellen, ihr Bruder in den andern – versteht sich, beide unsichtbar, wie es bei Hexengeschichten gebräuchlich ist. Der Sultan lag auf dem Sofa, vor Liebe krank; die reizende Kaschmirin stand vor ihm, und mit hochklopfendem Herze, schmachtender Miene, abgebrochnen Seufzern und tiefgerührtem Schmerze sah er unverwandt in die schönen blauen Augen, die ihn so tödlich verwundet hatten; dabei schoß seine bekümmerte Seele mitten durch die Betrübnis so brennende Liebesstrahlen um sich herum, daß der Göttin seines Herzens die Augen übergingen, als wenn sie in die Sonne sähe.

»Anbetenswürdige Schönheit«, fing die Prinzessin mit der Mannsstimme in ihrem Winkel an. »Himmlische Tochter der Liebe! Lange hat dein Knecht im stillen nach dir geschmachtet, lange den Sternen, Tälern und Bergen sein Leid geklagt. Länger kann ich meine Neigung in der Brust nicht verschließen, wenn sie nicht bersten soll: Schönster Engel des Paradieses – ich liebe dich.«

So pathetisch sie dies sprach, so sanft und schmelzend hub der Prinz Lamdaminiro in seinem Winkel an:

Schönstes Blümchen auf der Weide!
Mein Entzücken, meine Freude!
Richt auf mich die Äuglein beide;
Siehe, was ich Armer leide;
Eh ich tot von hinnen scheide,
Rette, Täubchen, rette mich!
Schönstes Blümchen auf der Weide,
Himmelskind, ich liebe dich.

»Bei dem Barte des großen Propheten«, rief der Sultan und sprang wütend auf. »Wer sind die Bösewichter, die mir unter der Nase dem geliebten Gegenstande meines Herzens ihre Liebeserklärungen tun? – Verschnittene! He! gleich stranguliert mir die Schurken!«

Es läßt sich übel strangulieren, wenn die Leute unsichtbar sind; die Verschnittenen suchten in allen Zimmern die Hälse, die von ihnen stranguliert werden sollten, und statteten den untertänigsten Bericht ab, daß nirgends etwas zu finden wäre, das man strangulieren könnte, und daß Seiner sultanischen Hoheit, mit Respekt zu sagen, die Ohren geklungen haben müßten.

Kaum waren sie aus dem Zimmer, so fing die Prinzessin wieder an: »Erhabne Tochter des Himmels, mein Herz ist ein Feuerofen, meine Seele ein Volkan; lösche mit deinen paradiesischen Blicken die Flammen, die mich verzehren. Der brennende Schlund meines Herzens wirft Seufzer und Klagen aus; die Klagen strömen aus meinem Munde wie eine Lava. Holdeste Huri des Paradieses, ich liebe dich.«

Der Prinz nahm das Wort:

        Schönstes Schäfchen auf der Aue!
Süßes Herzenslämmchen, schaue,
Wie bewegt von Tränentaue
Ich hier schmachte kümmerlich!
Schönstes Schäfchen auf der Aue.
Herzenslämmchen, liebe mich!

Der Sultan kannte sich nicht vor Zorn und ließ augenblicklich Großwesir und Mufti holen; sie kamen, und er befahl, im ganzen Serail alle Mannspersonen zu spießen, die verliebt aussähen. Sie gingen beide und sahen allen Mannspersonen scharf in die Augen, brachten aber die Nachricht zurück, daß kein einziger im Serail verliebt aussähe, denn es wären lauter Verschnittene. Es ließe sich daher nach reiflicher Überlegung nichts anders mutmaßen, als daß es nicht mit rechten Dingen zuginge oder daß Seiner sultanischen Hoheit, mit Respekt zu melden, die Ohren geklungen haben müßten.

Sie waren noch nicht aus dem Palaste, so gingen die herzbrechenden Liebesklagen von neuem an; wie jedes vorhin allein jammerte, so machten sie itzt ein Duett zusammen, so rührend, daß die Fensterscheiben hätten schmelzen mögen. Der Sultan ergriff einen Dolch, mit Diamanten besetzt, und raste im Zimmer herum, stach in alle Winkel, fluchte und tobte so fürchterlich, daß die reizende Kaschmirin, die von dem verliebten Winseln nichts hörte, ihm mit Tränen zu Fuße fiel und flehentlich bat, er möchte doch ja nicht verrückt werden. Lief er nach dem Prinzen hin, um ihn zu ermorden, so klatschte die Prinzessin hinter seinem Rücken mit dem Munde, als wenn sie die schöne Kaschmirin küßte; wandte er sich mit dem Dolche nach der Prinzessin, so tat der Prinz das nämliche; wohin er sich nur kehrte, hörte er hinter sich küssen und mit Entzücken rufen: »Ach, schönster Engel des Paradieses, wie labt mich dein Kuß! – Ach, du schönstes Lämmchen auf der Weide, wie labt mich dein Kuß!«

Der schönen Kaschmirin wurde bei dem Wüten des Sultans bange, und sie lief mit lautem Geschrei zur Türe hinaus, mein Herr Sultan mit dem Dolche hinter ihr drein und hinter dem Herrn Sultan her Prinz und Prinzessin mit lautem Hohngelächter. »Betrogen, Herr Sultan!« riefen sie mit Händeklatschen. »Betrogen! Sie ist ihm untreu. Ich entführe sie. Lauf ihr nach, Herr Sultan! Ich entführe sie doch.«

Dergleichen verwünschtes Gewäsch erhitzt die Ohren, um soviel mehr die Leber, besonders bei einem Eifersüchtigen, der ohnehin alles glaubt; schlug nicht die schöne Kaschmirin zu rechter Zeit die Türe zu, so wurde aus der Posse ein Trauerspiel, wobei ein Mensch ums Leben kam, denn um sie nicht entführen zu lassen, wollte er sie ermorden, und um sie zu ermorden, stieß er mit weitausgeholtem Dolche nach ihr, aber das mörderische Eisen fuhr in die Tür und brach entzwei, daß der diamantne Heft in der Hand blieb; wer sich gut auf das Räsonieren versteht, kann daraus schließen, wie heftig der Stoß sein mußte und wie leicht jemand das Leben einbüßen konnte, wenn er nicht die Türe traf.

»Ungetreue!« rief der Sultan schäumend. »Mach auf, daß ich dein treuloses Herz durchbohre!« – Sie war keine Närrin, daß sie ihm gehorchte; die Leute, die durchbohren wollen, darf man sich nicht zu nahe kommen lassen. Poche du, Herr Sultan, soviel du willst! die schöne Kaschmirin macht dir nicht auf.

Es half nichts, als daß er in Gelassenheit abzog und seinen Gram im stillen ausweinte, ausseufzte, ausfluchte oder was ihm sonst beliebte; erschöpft, keuchend, atemlos warf er sich auf den Sofa. Plötzlich klirrten tausend Säbel in seinen Ohren, als wenn seine ganze Wache im Palast niedergehauen würde; das Zimmer zitterte vor dem Tumult; eine Kutsche mit brausenden Hengsten rollte durch den Hof, und eine triumphierende Stimme rief zum Fenster herein: »Betrogen, Herr Sultan! Betrogen! Ich entführe sie: Mich liebt sie, nicht Ihn. Wünsche wohl zu leben, Herr Sultan.«

Der Unglückliche erlag unter dem Schmerze. »Verdammtes Geschlecht!« rief er mit knirschenden Zähnen. »Treulose Brut! Ewig will ich dich hassen. Ach, warum war ich Sultan und liebte? – Unsichtbare Beherrscherin meines Schicksals, nimm mir diese verhaßte Würde wieder, die du zu meinem Unglück mir gabst. Führe mich aus diesem Palast, wo überall unter meinen Füßen die Dornen der Eifersucht und gekränkter Liebe emporwachsen, und mache mich wieder zu Kak . . .«

Bei dem ersten Hauche, womit er seinen Namen aussprechen wollte, schwebte schon der betrübte Herr Sultan auf dem Rücken des Vögelchens in der Luft.

»Ha, ha, ha«, lachte Hexe Schabernack und fuhr übermütig vor ihrer Schwester vorbei, daß der arme Kakerlak auf dem Rücken seiner Gönnerin schwankte, so heftig stießen die beiden Hexen zusammen. »Bist du nun befreit, Schwesterchen? ha, ha, ha.«

So gutmütig Tausendschön war, so hatte sie doch auch eine Galle; der bittre Spott ihrer Gegnerin erregte sie so gewaltig, daß die Erzürnte vergaß, wen sie auf dem Rücken trug, und der Spötterin ins Gesicht flog, um ihr mit dem Schnabel wenigstens ein Auge auszuhacken, wenn sie mit allen beiden nicht fertig werden könnte. Das Auge wurde glücklich geblendet, aber Schabernack hielt nicht so geduldig still, sondern griff zornig nach dem Vögelchen, um ihm die Kehle zuzudrücken; Kakerlak hielt sich zwar so fest an als möglich, Prinz und Prinzessin nicht weniger, aber die Bewegungen der Streitenden wurden so heftig, daß alles Anhalten nichts half, und in kurzer Zeit fielen alle drei mit ihrer ganzen Schwerkraft vom Himmel senkrecht auf den Erdboden herab. Der Fall war ziemlich hoch, wie man wohl rechnen kann, und ging gewiß nicht ohne Halsbrechen ab, wenn es Sommer oder schlaffes Wetter war; aber zum Glücke trug sich die gefährliche Begebenheit in einem der kältesten Januare zu, wo so hoher Schnee lag, als selbst die ältesten Leute nicht wollten gesehn haben. Auf diese Weise kamen die Fallenden mit einem kleinen Nasenbluten durch, das in der großen Kälte, wo alles gleich gefror, nicht lange anhielt.

Unterdessen daß diese drei bis über den Kopf im Schnee begraben lagen, wurde das Gefecht in der Luft mit verdoppelter Wut fortgesetzt. Es macht schon Lärm genug, wenn zwei gewöhnliche Weiber sich zanken; nun denke man, was für einen es geben muß, wenn es gar Hexen sind. Schabernack befand sich am schlimmsten dabei: Das Vögelchen hackte ihr Wunden an den Kopf, an die Brust, ins Gesicht, und griff sie zu, um sich zu rächen, so flog mein Vögelchen davon, hackte auf einen andern Ort und flog wieder davon. Die Verwundete wollte sich vor Ärger zerreißen, weil sie sich für ihre Schmerzen nicht rächen konnte, und warf sich im größten Zorn in einen Brunnen herab, um dem Kratzen und Hacken zu entgehn; die Siegerin setzte sich auf einen Baum, putzte ihre Federn und kühlte sich ab.

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