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Johann Karl Wezel: Kakerlak - Kapitel 4
Quellenangabe
typefairy
booktitleKakerlak
authorJohann Karl Wezel
year1985
publisherEulen Verlag
addressFreiburg i. Br.
isbn3-89102-103-8
titleKakerlak
pages3-160
created20030618
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1784
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Drittes Buch

Der Herr von Blunderbuß lag im tiefsten Schlafe, als sie vor seiner Residenz anlangten, schnarchte und träumte von den Späßen, die ihn des Nachts vorher bei dem Weinglase belustigten. Die Hexe setzte indessen ihren Freund Kakerlak in einem leeren Weinfasse ab, das auf dem Hofe stand, schläferte ihn ein und sann auf Mittel, ihn zu einem noch ungenoßnen Vergnügen geschickt zu machen.

Was sie mit ihm im Sinne hat, läßt sich ohne das mindeste Nachdenken erraten: Er soll den Wein austrinken, den der Herr von Blunderbuß in seinem Keller liegen hat. Die größte Schwierigkeit war nur, wie ihm seine Beschützerin einen so großen Durst beibringen sollte, als zu einem solchen Unternehmen gehörte, da er zeitlebens in allen tierischen Bedürfnissen so mäßig gewesen war, wie es sich von einem Philosophen verlangen läßt, und da er selbst als König von Butam diese Mäßigkeit beibehalten hatte; denn ob er gleich die köstlichsten Weine auf die Tafel setzen ließ, so liebte er sie doch nur als eine Art von Pracht, ohne jemals davon zu trinken.

Das Vögelchen saß vor dem Schlafzimmer des Herrn von Blunderbuß, ernsthaft nachdenkend, und fand kein besseres Mittel zur Ausführung ihres Plans, als daß sie die Seelen der beiden Leute vertauschte. Kakerlaks Seele und Körper, sagte es sich, sind beide so mäßig, daß sie in diesem Schlosse Jahrhunderte wohnen könnten, ohne sich das Vergnügen zunutze zu machen, das hier zu haben ist; aber wenn ich dem mäßigen Körper eine durstige Seele zur Aufsicht gebe, so muß er wohl trinken, er mag wollen oder nicht.

Dies tiefgedachte Urteil beweist, daß die Hexe stark in der Logik sein mußte und daß sie einen scharfen Blick in die Ökonomie des menschlichen Wesens getan hatte. So schnell, als man denkt, hatten die beiden Seelen ihre Wohnhäuser verwechselt, und damit der Blunderbußische Körper nicht etwa Händel anfinge, wenn ihm seine neue Herrschaft nicht anstände, so mußte er mit ihr im Weinfasse sein Quartier nehmen; das Vögelchen begab sich hinweg, sobald die Zauberoperation geschehn war.

Noch nie sah man so deutlich, wie schlimm es in einem Hause hergeht, wenn Herr und Diener nicht zusammenpassen, als da die Blunderbußische Seele und der Kakerlakische Körper aus dem Bette aufstehn wollten. Sie war von den Dünsten des gestrigen Rausches noch umnebelt; sie merkte wohl, daß im Gehirn um ihr her alles anders war wie sonst, aber ans Nachdenken nicht sonderlich gewohnt, ließ sie sich nichts anfechten, sondern fing an, ihre Maschine in Bewegung zu setzen. Welche Unordnung! Wenn sie ein Bein aufheben wollte, zog sie am Arme; anstatt den Arm zu bewegen, zog sie am Munde; es ging ihr wie einem Puppenspieler, wenn er die Faden verfehlt, womit er seine agierenden Personen regiert. Da sie schlechterdings nicht mit ihm zurechtkommen konnte, ergriff sie die kürzeste Partie und gab ihm einen Stoß, daß er zum Bette herausrollte. Der Bediente des Herrn von Blunderbuß, der diese Art aufzustehn bei seinem Herrn gewohnt war, argwohnte nichts Außerordentliches, sondern kam auf das Geräusch des Falles sehr gelassen herbeigeschritten, seinem Herrn auf die Beine und in einen Stuhl zu verhelfen. Desto größer war sein Erstaunen, da er den gefallnen Körper aufrichtete und eine ganz andere Nase, andere Augen, Hände und Füße und sogar eine kleinere Statur an ihm erblickte, als sein Herr bisher hatte; er konnte mit allem seinen Nachsinnen keine natürliche hinreichende Ursache zu einer solchen Veränderung finden und vermutete daher sehr richtig, daß es nicht mit rechten Dingen zuginge. Die Blunderbußische Seele wollte zu trinken fodern, aber die Kakerlakische Zunge, die der teutschen Sprache nicht mächtig war, brachte nach vielen Verzerrungen des Gesichts ein kauderwälsches Gemisch hervor, das halb aus Teutsch und halb aus der Sprache von Butam zusammengesetzt war. Der Bediente, der keine Silbe verstand, fragte voll Verlegenheit einmal über das andere, und je mehr er fragte, desto mehr übereilte sich die Seele in ihrem Unwillen, desto mehr grimassierte das Gesicht, desto verwirrter sprach die Zunge. »Mein Herr muß besessen sein«, sagte der erschrockene Mensch und eilte mit allen Kräften, den Pater herbeizuholen, der ihn exorzisieren sollte; die arme Seele mußte indessen schmachten und plagte die Maschine ganz jämmerlich, die unter ihrem Befehle stand, wie ein schlechter Reuter ein stätiges Pferd, ohne sie vom Stuhle bewegen zu können.

Der Pater kam an und war gleichfalls über die Veränderung nicht wenig erstaunt, da er den Tag vorher mit einem ganz andern Herrn von Blunderbuß gegessen und getrunken hatte; um nicht zu übereilt zu verfahren, versammelte er seine Brüderschaft aus dem ganzen Umkreise. Ihre Überlegung ging ohne allen Streit und ohne alle Verschiedenheit der Meinungen vonstatten, denn der ganze Synodus traf gleich die Wahrheit und entschied einmütig, daß es nicht mit rechten Dingen zuginge und daß hier nichts als ein recht starker Exorzismus helfen könnte. Sie fingen ihre Beschwörungen an, und je mehr sie dem vermeinten Teufel zusetzten, desto erzürnter tobte die Blunderbußische Seele in ihrer Wohnung herum. Die Beschwörer fuhren unablässig fort und winkten sich mit freudigem Lächeln zu, daß sie nach ihrer Meinung dem bösen Feinde so viel Angst machten; sie beschworen so lange, bis sie müde und hungrig wurden, und beschlossen daher, sich zu Tische zu setzen und sich zum Kriege wider den Teufel neue Kräfte zu sammeln.

Der vermeinte Besessene wurde wie rasend, als man ihn in seinem eigenen Hause vom Tische ausschloß und einer Diät unterwarf, die ihm nicht wohl behagte; die Paters aßen und tranken mit gutem Appetit zur Ehre des Sieges, den sie bald über den Satan zu erlangen hofften.

Die Hexe Schabernack, die auf jeden Schritt ihrer verwiesenen Schwester genau achtgab, machte indessen Gegenanstalten. Sie schloß so: Der Körper eines mäßigen Philosophen und die Seele eines Trunkenbolds sind zwei Dinge, aus deren Zusammensetzung der vollkommenste Mensch entstehen kann; der Körper hält die Seele zurück, wenn sie mit ihren Begierden die Grenzen überschreiten will, und die Seele treibt den Körper an, wenn er in der Mäßigkeit zu weit geht. Ein solcher Mensch wird sich also beständig im glücklichsten Gleichgewichte befinden, nie zu viel und nie zu wenig begehren und folglich von keinem Vergnügen so viel kosten, daß er Überladung, Sättigung und Überdruß befürchten darf.

Sie bewunderte die große Menschenkenntnis, die ihre Schwester auf ein so sinnreiches Mittel gebracht hatte, wodurch sie ihre Erlösung unfehlbar bewirken könnte; sie stahl daher die Prinzessin Friß-mich-nicht und ihren Bruder aus dem Bette und kam mit ihnen eben an, als die Teufelsbeschwörer bei Tische saßen. Augenblicklich verwandelte die tückische Hexe die Prinzessin in ein großes Deckelglas, mit schönen Figuren und sinnreichen Versen geziert.

Die Geisterbeschwörer wurden durch den Wein so munter, daß sie endlich gar eine Gesundheit wider den bösen Feind ausbrachten; sie suchten das größte Deckelglas aus, das im Hause zu finden war, und ihre Wahl mußte vor allen das bezauberte treffen, weil es sich selbst durch seine Größe empfahl. Es wurde mit vieler Freude angefüllt, und der Oberste in der Gesellschaft setzte es an den Mund. »Au!« schrie er, wollte das Deckelglas auf den Tisch stellen und konnte nicht, denn die Prinzessin Friß-mich-nicht biß ihn so heftig in die Lippen, daß sie sich nicht losmachen ließen. »Au, au, au«, rief der gebißne Pater unaufhörlich und rennte in der Stube herum, das Deckelglas an den Lippen. Um ihren Mitbruder aus des Teufels Gewalt zu befreien, fingen sie mit lauter Stimme an, das Deckelglas zu exorzisieren, und um sie desto mehr zu plagen, ließ die Prinzessin nach. Sobald es von den Lippen war, wurde es auf den Tisch gestellt, von neuem angefüllt, exorzisiert; aber es blieb dabei: Wer es an den Mund setzte, wurde gebissen und schrie »Au«.

Da sich dieser böse Geist durchaus nicht zum Gehorsam bringen lassen wollte, so wählte man das kleinste Glas auf dem Schenktische, weil ein so enges Behältnis nur einen kleinen Satan enthalten könnte. Schön getroffen! Als sie danach griffen, steckte die Hexe Schabernack den Prinzen Lamdaminiro hinein. Kaum war es gefüllt und kaum hatte es der erste den Lippen genähert, so sprang ihm das Glas auf den Rücken; der Prinz bildete sich ein, auf einem Pferde zu sitzen, gab dem schreienden Pater die Sporen und trabte auf ihm im Zimmer herum, setzte über Stühle und Tische und ruhte nicht eher, als bis sein vermeinter Gaul atemlos und entkräftet zur Erde sank. Die übrigen, die für eine solche Reuterei dankten, wollten der Ehre entfliehn und stürzten sich mit schrecklichem Getöse zur Türe hinaus.

Hier schwenkt, daß Glas und Teller zerbricht,
Sich über den Tisch ein flüchtiger Pater;
Dort kriecht ein schwerbeleibter Herr Konfrater
Mit Ächzen unterm Tisch dahin; ein andrer ficht
Mit Händen und Füßen, sich Raum zur Flucht zu verschaffen;
Hier dieser schützt sich mit geistlichen Waffen,
Dort jener ergreift in der Angst den Braten zum Schild.
Man drängt sich, man stößt sich, man bittet, man schilt;
Hier betet man »Jesus Maria«, dort schreit man »Au wehe«,
Der eine beklagt die Schulter, der andre die Zehe;
Man winselt, man weint, man blökt, man schwitzt;
Denn jeder glaubt, daß der Satan mit blutigen Sporen ihn ritzt.

Sie entkamen diesem Abenteuer, um einem andern zu begegnen. Kakerlaks Seele und der Blunderbußische Körper waren indessen im Weinfasse aufgewacht. Sosehr sich die Seele über das sonderbare enge Wohnhaus verwunderte, so verwunderte sie sich doch noch mehr über die Veränderung zunächst um sich herum. Sie bekam von ihrem neuen Gefährten ganz andere Empfindungen als sonst; solange sie in einem sichtbaren Körper wohnte, war aus ihm kein so brennender Durst zu ihr aufgestiegen wie itzt; alle Triebe, die durch die sterbliche Maschine in ihr erregt wurden, waren Triebe der Unmäßigkeit, alle Gefühle widersprachen ihren Grundsätzen und Begriffen. Wollte sie nicht vom Drange ihrer Empfindungen überwältigt sein, so mußte sie sich beizeiten in Autorität setzen, und sie hielt daher dem durstigen Körper eine sehr nachdrückliche Ermahnungsrede. »Liebes Körperchen«, sagte sie ihm, »du wirst ein wenig zudringlich; du willst mich mit aller Gewalt zwingen, wider meine Grundsätze und Einsichten zu handeln und mich durch tierische Vergnügungen zu entehren. Ich sage dir ernstlich, dahin bringst du's nicht bei mir; gib dir weiter keine Mühe. Ich habe deine Schwachheiten bisher geduldet wie die Fehler eines Freunds; du bist eine Masse von Luft, Erde, Feuer und Wasser, weiter nichts; du bist mir als mein Diener zugegeben, als mein Sklave, der mir auf den Wink gehorchen und nicht den Herrn über mich spielen soll; weißt du das wohl? Wenn du deine Unverschämtheit zu weit treibst, so zieh ich von dir aus; ich habe so lange ohne dich gelebt, als ich seit Jahrtausenden in der Luft herumschwebte und die Zeit erwartete, wo ich eine solche Fleischmasse wie dich beleben sollte; ich kann dich wohl entbehren, aber was willst du ohne mich anfangen? Verlaß ich dich, so fällst du zusammen und mußt dich begraben lassen. Ich rate dir also wohlmeinend, sei mäßig! Fodre nicht mehr, als zu deiner Erhaltung nötig ist; die Natur bedarf wenig, und es ist eine Übertretung ihres ersten Gesetzes, wenn man ihr mehr aufdringt, als sie braucht.«

In diesem Tone predigte sie lange und sehr gründlich über das Laster der Unmäßigkeit, handelte im ersten Teile von seinen schädlichen Folgen, im zweiten von den Mitteln, ihr zu widerstehn, und war eben bei der Nutzanwendung, als die fliehenden Paters im Hofe anlangten. Da der Strafeifer sie bei ihrer Predigt sehr übernahm, so blieb es nicht bei einem innern Herzensgespräche zwischen einer Seele und ihrem Körper, sondern sie zwang ihn, sich die Lektion vernehmlich und laut selbst zu halten.

»Was?« riefen die Flüchtlinge voll Schrecken, als die Ermahnung aus dem Spundloche in ihre Ohren schallte, »nun predigen uns gar die Weinfässer die Mäßigkeit? Das ist ein rechter Satansstreich. Noch ist es gut, daß er seine Kanzel in einem leeren aufgeschlagen hat; Brüder, laßt uns beizeiten zuvorkommen, eh er auch in die vollen fährt.« Der Rat war so gut ausgedacht, daß ihm alle ohne Anstand folgten; sie eilten in den Keller, exorzisierten und tranken so lange, bis keine Zunge mehr exorzisieren konnte.

Das Zimmer war also leer, wo die Blunderbußische Seele in ihrem philosophischen Körper schmachtete, und alles so still, daß es ohne Selbstgespräch nicht abgehn konnte; die durstige Monade war zwar sonst an Selbstbetrachtungen nicht gewöhnt, aber das Außerordentliche ihres gegenwärtigen Zustandes nötigte sie wider ihren Willen dazu. Jeder Ton, jede Farbe, jeder Gegenstand kam ihr anders vor als sonst, weil sie durch ein Paar andre Augen sah und durch ein Paar andre Ohren hörte; die bekanntesten Dinge schienen ihr fremd, und es kostete ihr sogar Mühe, ihr ehmaliges Leibglas unter den übrigen wiederzuerkennen; der Weingeruch, der sie sonst so labte, kam ihr widrig und der Weingeschmack ekelhaft vor. Sie härmte sich über die Abnahme ihres Vergnügens und ward von der Traurigkeit so sehr überwältigt, daß dem Körper die Tränen in die Augen traten; vor Verdruß wünschte sie, sich von einem Leibe zu trennen, der ihr nur matte Empfindungen zuschickte und ihre liebsten Vergnügungen in Bitterkeit verwandelte.

Während daß sie sich so ängstigte und den Tod um Hülfe flehte, kam die Seele im Weinfasse mit ihrer Predigt über die Mäßigkeit zu Ende, und weil sie damit bei dem unmäßigen Körper hinlänglichen Gehorsam bewirkt zu haben vermeinte, um sich ohne Schaden mit ihm unter die Menschen zu wagen, so machte sie Anstalt, aus dem Fasse herauszukommen; sie gab dem Körper einen Stoß, der Körper gab ihn der Tonne, und die Tonne fiel auf die natürlichste Weise von der Welt um, rollte auf den Steinen hin, eine steinerne Treppe hinunter, die Reifen sprangen ab, das Faß fiel auseinander, und die eingesperrte Seele kam nebst ihrem Körper auf die natürlichste Weise von der Welt aus dem Fasse.

Ebenso natürlich ging es zu, daß der Körper, ohne die Seele weiter darum zu fragen, seinen Weg gerade nach der Stube nahm, wo er so oft gezecht hatte: Es geschah aus Instinkt. Wenn sich doch das Erstaunen mit Worten beschreiben ließ, das die beiden Seelen überfiel, als jede ihren bisherigen treuen Gefährten erblickte, ohne mit ihm in der vorigen Verbindung zu stehen! Sie wußten sich's nicht anders zu erklären, als daß es nicht mit rechten Dingen zuginge, und um hinter das Geheimnis zu kommen, ließen sie sich in ein Gespräch ein.

»Welcher Sappermenter hat mir meinen lieben Körper genommen«, fing die Blunderbußische Seele an, »und mich in eine solche verdammte Maschine gesteckt, der Geschmack, Geruch und alle andre Sinne fehlen?«

»O hättest du ihn noch, diesen lieben Körper!« antwortete die andere, »er wird mich noch um alle meine Philosophie bringen.«

»Welches Hundeleben, wenn der Körper nichts taugt!« klagte die erste.

»Welche Qual, wenn der Körper beständig den Herrn spielen will!« jammerte die andere.

»Schaff mir einen Dolch oder eine Pistole!« rief die durstige Seele. »Ich will die verwünschte Maschine ins Herz stoßen, damit ich von ihr loskomme; was soll ich in so einem baufälligen Leimenhaufen sitzen, dem weder Essen noch Trinken schmeckt?«

»Hätt ich einen Dolch, so würd ich ihn gewiß zu meiner eigenen Errettung anwenden«, unterbrach ihn die philosophische Seele. »Ich werde durch eine solche Wohnung erniedrigt. Ach, wenn ich mich von den Fesseln der Materie losmachen und frei, von der Sinnlichkeit gereinigt, in meinen vorigen Zustand zurückkehren könnte!«

»Gütiger Tod, erlöse mich!« riefen beide, aber aus entgegengesetzten Bewegungsgründen. Ihre Klagen waren so herzbrechend, daß sogar die Hexe Schabernack Tränen darüber vergoß; aber man will behaupten, daß sie die Tränen mehr aus Ärger als aus Mitleid vergoß. Sie besorgte, daß die beiden verzweiflungsvollen Seelen Ernst machen und sich wirklich entleiben würden, alsdann hätte sie keine Bosheit mehr an ihnen ausüben können, wozu sie einen starken Hang besaß.

Eine Hexe kann die Wirkungen der andern nicht aufheben, und sie suchte daher ihre Schwester Tausendschön mit verstelltem Mitleid zu bewegen, daß sie Unglück verhüten und jede Seele wieder an Ort und Stelle zurückbringen sollte. Das gute Herz ließ sich durch die Listige einnehmen und eilte voll Schrecken herbei, die Bezauberung zu endigen; sie versetzte die beiden Körper in einen tiefen Schlaf, damit die Operation desto ungehinderter vor sich gehen konnte, und unterdessen brachte sie jede Seele wieder in ihr voriges Wohnhaus.

Hexe Schabernack lachte dreimal laut in der Luft, als ihre List so gut gelungen war, und spottete der gutherzigen Schwester, daß sie sich hatte betrügen lassen; sie konnte vor Begierde die Zeit nicht erwarten, wo die Schlafenden von selbst erwacht wären, sondern jagte in des Herrn von Blunderbuß' Nase eine Fliege, die ihn so empfindlich kitzelte, daß er unaufhörlich im schönsten Trompetenklange nieste.

So stark das Geräusch war und so sehr Blunderbuß es durch sein ungeduldiges Fluchen über das ewige Niesen noch vermehrte, so weckte es doch den schnarchenden Kakerlak nicht, und die Hexe sah sich genötigt, stärkere Mittel zu gebrauchen, um seinen tiefen Zauberschlaf zu vertreiben. Sie führte eine Wespe durch die Öffnung einer Fensterscheibe herein, die von den Patern in ihrer übereilten Flucht zerbrochen wurde; das summende Tier grub ihm seinen Stachel in die Schläfe; er fuhr auf, schlug es tot und schlief wieder ein, obgleich das Blut aus der Wunde quoll. Da an diesem philosophischen Körper mit keinem Sinne etwas auszurichten war, so näherte sich die Hexe seinem linken Ohre und rief mit schmeichelnder Stimme hinein: »Größter aller Philosophen, großer Kakerlak, steh auf!« Sogleich öffneten sich seine Augenlider; er sprang auf und wollte mit lächelnder zufriedner Miene sich für einen so süßen Titel bedanken; aber zu seiner Verwunderung erblickte er kein menschliches Wesen um sich als den dicken aufgeschwellten Blunderbuß, der viel zu materiell aussah, als daß eine solche Schmeichelei von ihm herrühren konnte; er vermutete also, daß es nur ein Traum gewesen wäre.

Beide Teile befanden sich noch einmal so wohl, da der eine wieder ganz Herr von Blunderbuß und der andere wieder ganz Herr Kakerlak war. Es ist, wie schon jemand gesagt hat, mit Leib und Seele wie mit Futter und Oberzeug an einem Kleide: Beides muß nach einem Maße und nach einem Muster zugeschnitten sein, sonst passen sie nicht zusammen. Blunderbuß stellte vor allen Dingen eine Untersuchung im Keller an, ob die Bezauberung sich etwa auch auf seinen Wein erstreckt hätte, zählte seine Fässer zweimal, dreimal durch und glaubte, das Zählen verlernt zu haben, da er seinen Vorrat zweimal so groß fand als vor der Bezauberung; alle Paters, die sich über dem Exorzisieren im heiligen Eifer zu Boden tranken, hatte die schadenfrohe Schabernack in Weinfässer verwandelt und eines jeden Kopf so ähnlich, als wenn er lebte, in seinen Zapfen en haut relief geschnitten. Blunderbuß geriet außer sich vor Entzücken und ließ sogleich den Bruder Hieronymus anzapfen, um seinen Gast zu bewirten.

Es wurde aufgetragen; der Wirt fand den Wein überaus köstlich und konnte sich nicht sättigen. Kein Wunder! denn die Hexe hatte ihm die Prinzessin Friß-mich-nicht ins Glas gespielt, die bei jedem Zuge die äußerst reizbaren Organe des Trinkers mit ihren kleinen Fingern so lieblich streichelte, daß er vor Vergnügen selbst nicht wußte, wie ihm geschah. Er nötigte seinen Gast bei jedem Glase, einem so guten Beispiele zu folgen, allein Kakerlak, der ganz wieder zum Philosophen geworden war, seitdem er die königliche Würde verloren hatte, wehrte das Glas weit von sich ab und war schon im Begriffe, einen sinnlichen Menschen zu verlassen, durch dessen Gesellschaft er sich zu entehren glaubte, doch die Hexe Schabernack wußte ein unfehlbares Mittel, ihn zurückzuhalten. Indem ihm der Herr von Blunderbuß mit gewaltsamen Zunötigungen ein volles Glas an den Mund hielt, spielte sie mit ihrer fertigen Taschenspielerkunst den Prinzen Lamdaminiro hinein, der dem Philosophen leise zuflisterte: »Weisester unter allen Weisen, großer Kakerlak, trink mich aus! Erhabenster unter allen Sterblichen, würdige mich, daß ich von dir getrunken werde! Mich bestimmte das Schicksal dem größten Philosophen der Erde. Trink mich aus, großer Kakerlak!«

Wie geschmeidig gab seine Philosophie nach! Er schluckte begierig das Glas hinunter, das dem größten Sterblichen bestimmt war, und foderte ein zweites, um die schmeichelnde Auffoderung zum Trinken noch einmal zu hören; er hörte sie und schenkte sich ein, um sie wieder zu hören; er trank fast noch unersättlicher als sein Wirt und berauschte sich in Schmeichelei und Wein so sehr, daß er Sinn und Sprache verlor.

Die Hexe wußte nach ihrer feinen Menschenkenntnis sehr wohl, daß eine solche Überladung den Überdruß am schnellsten herbeiführen mußte, und darum hatte sie ihn so listig zur Unmäßigkeit zu bringen gesucht. Wie sie wollte, so geschah es: Als der Weiseste unter den Weisen von dem Schlaf erwachte, worein ihn die Trunkenheit versetzte, fühlte er sich so matt, so zerschlagen! Seine Philosophie war so schwach wie sein Kopf, der nicht einmal Gedanken genug zusammenbringen konnte, um sich an die Lobsprüche zu erinnern, die ihm des Tags vorher aus dem Weinglase entgegentönten. Kraftlos schleppte sich der große Kakerlak in einen Stuhl, seufzte und klagte in lauten Jammertönen über die Erniedrigung seines denkenden Wesens, über die Schande, daß sich seine geistige Substanz so von den Sinnen hintergehn und so mildtätig berauschen ließ. »Wie bin ich gesunken!« rief er. »Nimmermehr werd ich wieder der weise Kak . . .«

Husch! war das Vögelchen da und flog mit ihm davon.

Hexe Schabernack war nicht fauler als ihre Schwester. Husch! gab sie dem betrunkenen Blunderbuß eine Ohrfeige, packte Prinzessin und Prinzen auf und jagte mit ihnen so geschwind, als eine Hexe durch die Lüfte fahren kann, den beiden Abgereisten nach. Die Ohrfeige, die der Betrunkene zum Abschied empfing, hatte eine eigne Kraft: Sie verwandelte ihn in ein großes Paßglas, woran sein Wappen und Porträt geschnitten war und seine Ohren die Henkel ausmachten; es wird noch itzt als ein Familienstück aufbewahrt und hat großen heraldischen Nutzen.

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