Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Johann Karl Wezel: Kakerlak - Kapitel 3
Quellenangabe
typefairy
booktitleKakerlak
authorJohann Karl Wezel
year1985
publisherEulen Verlag
addressFreiburg i. Br.
isbn3-89102-103-8
titleKakerlak
pages3-160
created20030618
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1784
Schließen

Navigation:

Zweites Buch

Der König von Butam war zu glücklich, um es lange zu bleiben; bei so vielen und großen Freuden dachte er an keinen Überdruß, und der Zeitpunkt, wo er seine Beschützerin von der Strafe befreien sollte, nahte sehr heran. Ihre heimtückischen Schwestern sahen es mit Unwillen und hielten deswegen einen Reichstag auf dem Brocken, um zu beratschlagen, wie sie die Befreiung einer Schwester hindern sollten, die ihnen wegen ihres guten Herzens verhaßt war. Die Hexe Schabernack, die gefährlichste und schlauste unter allen, blies zuerst Lärm; sie war Statthalterin des Weltteils, worinne das Königreich Butam lag.

Sie setzt ihr Horn wie rasend an den Mund,
Und in dem ganzen Erdenrund
Erschallt der fürchterlichste Ton:
Der Walfisch horcht im Nord mit aufgesperrtem Rachen;
Des Südpols Eisgebirge krachen;
Der Wolkenraum erbebt vor diesem Schreckenston.
Kaum dringt er in der Schwestern Ohren,
So fodert jede gleich die Stiefeln, Peitsch und Sporen;
Und ohne weitres Aufgebot
Sitzt wie auf einem Zug in jedem Teil der Erde
Im Augenblick der Hexen Schar zu Pferde.
Der Erdbewohner sieht mit Angst den Himmel rot
Von langgestreiftem Feuer glühen;
Der Landmann ruft: »Die Hexen ziehen.«
Leichtsinnig glaubt der Philosoph ihm nicht,
Will klüger sein und nennt's ein nördlich Licht;
Doch wer durchs Denken sich nicht Schaden tat am Glauben,
Der hört wohl in der Luft genau die Rosse schnauben.

Zuerst erreicht den tiefbeschneiten Berg
Ein Schwarm von Nordens Zauberinnen,
Sibiriens und Grönlands Herrscherinnen,
Geführt von einem braunen Zwerg,
Den ein genäschig Weib – so lehret Grönlands Sage –
Von einem Walfisch einst gebar.
Von Trane glänzend, fliegt wie ein Komet sein Haar;
Ein Fischbein schwingt sein Arm, und unter seinem Schlage
Schießt schneller als ein Pfeil der Seehund, der ihn trägt,
Daß um ihn her wie Staub die Wolken stieben.
Ihm folgt, in jeder Reihe sieben,
Der Zaubertrupp; hier zieht, nie angeregt,
Ein Rentier flügelschnell, ein Meerschwein dort den Schlitten.
Mit Tran zum Labetrunk gefüllt, umgürtet mitten
Ein dicker Schlauch den Pelz, der die Matronen ganz
Vom Kopf zu Fuße deckt, Erkältung zu verhüten;
Den Scheitel ziert ein ungeheurer Kranz
Von Gräten schön gewebt. Zwei Chöre wüten
In wildem Tanze nebenher;
Die rauhe Trommel schallt, die Muschelschalen schmettern,
Als brüllte Löw, als brummte Bär,
Als zitterte die Luft von zwanzig Donnerwettern,
Tönt fürchterlich, aus hohler Brust geheult,
Das Zauberlied.

                            Zunächst nach ihnen eilt
Das große Heer herbei, das unter allen Zonen
Die kupferfarbnen Nationen
Der Neuen Welt beherrscht. Pizarros Seele ritt
Mit blutendem zerrißnen Beine
Als Postillion voran auf einem Stachelschweine,
Für alles, was von ihm der Peruaner litt,
Verdammt zu dieser Pflicht. O welcher wüste Haufen,
Welch scheckiges Gemisch ohn Ordnung folgt ihm nach!
Die einen tummeln sich auf Schlangen, andre laufen,
Der eine Kopf ist rund, der andre flach,
Der dritte spitz und ein Quadrat der vierte;
Die eine schwingt die Streitaxt mit Geschrei,
Als wenn sie in die Schlacht Huronen führte;
Die andre ritzt die blut'ge Wang entzwei
Und dreht in engem Kreis die schweißbenetzten Glieder;
Hier blökt ein wilder Schwarm aus vollem Halse Lieder,
Bis das gepreßte Blut die Backen kirschbraun färbt;
Dort spritzt in Stern und Mond, die sich mit Abscheu wenden,
Ein andrer dampfend Blut mit vollgeschöpften Händen;
Hier schleicht ein nackter Trupp, an Hüft und Brust gekerbt,
Mit tiefgesenktem Kopf und fürchterlichem Brummen;
Dort tanzen Mütterchen mit rotgemaltem Steiß.
Wohin ihr Zug sich lenkt, stürzt vom Gebirg das Eis
Zerberstend in das Tal; die Winde selbst verstummen;
Mit Todesangst verkriecht sich Mensch und Wurm.

Des Brockens tiefbeschneiter Gipfel
Bebt unter ihnen kaum, so schüttelt schon ein Sturm
Auf dem Gebirg umher der Eichen alte Wipfel
Und meldet sausend schon den dritten Haufen an.
Er kam vom warmen Morgenlande,
Wo der Chineser Tee aus buntem Porzellan
Mit stillem Ernste schlurft, von dem erhitzten Sande
Des weiten Afrikas, wo dem geglänzten Mohr
Der Sonne nahe Glut die breite Nase senget
Und wo vor einen Ort – man sag ihn sich ins Ohr –
Der Hottentottin die Natur ein Schürzchen hänget.Der Verfasser folgt hier einem Irrtume, der in der Naturgeschichte des Menschen schon längst verschrien ist; allein er hat sich selbst dafür strafen müssen, denn er machte unvermeidlicherweise einen Vers, der den Artikel (die Natur) zur Zäsur hat.
Ein toller Heiliger, der durch des Betens Kraft
Den Weibern Fruchtbarkeit, den Männern Stärke schafftDergleichen es im Orient und besonders in Ägypten viele gibt. Man sehe Nordens »Reise nach Ägypten.«,
Lief vor dem Trupp als Laufer her und schwenkte
Um den entblößten Leib die Geißel, daß sein Blut
Die Wolken, wo er ging, mit roten Strömen tränkte.
Was Schwärmerei, was finstre heil'ge Wut
Ersinnen kann, sein eignes Fleisch zu quälen,
Das sieht man hier. Ein tolles Weib
Ließ voll Begeistrung sich den Leib
So rein, wie einen Apfel, schälen
Und trägt an einer Stang ihr eignes totes Fell.
Man folgt mit Toben der flatternden Fahne,
Man drängt sich, man beißt sich mit gierigem Zahne,
Man ritzet und dreht in taumelnden Sprüngen sich schnell.

»Platz!« schallt es plötzlich durch die Lüfte;
Gleich wird der Berg wie Tag von tausend Fackeln hell;
Es füllen ihn des Weihrauchs süße Düfte,
Und leise tönt der lieblichste Gesang.
Da kommt mit feierlichem Gang,
Mit Kränzen auf dem Haupt und in den Händen Kerzen
Im schwarzen Totenkleid die ungezählte Schar,
Die unter Millionen Schmerzen
In Gallien auf dem Altar
Des rohen Aberglaubens brannte,
Die Teutschland zum Schafott als Zauberinnen sandte,
Die sich in Spanien zur Zauberei bekannte,
Der Folter durch die Flammen zu entgehn.
Zum Lohn des Märtyrtods genießen sie die Ehre,
Sich über alle zu erhöhn.
Sie sind umringt von einem großen Heere
Trabanten in Kalott und Skapulier;
Die heil'gen Väter sind's, durch deren Rachbegier
Der Pater GrandierGrandier, ein Geistlicher, der den Nonnen eines Klosters in Frankreich schuld gab, daß sie die Wunder, die eigentlich Betrügereien waren, mit Hülfe des Teufels täten, und da man eine solche Beschuldigung nicht gern auf sich sitzen läßt, so wurde er zu ewiger Widerlegung verbrannt. im Scheiterhaufen flammte,
Weil er die Wunder frech verdammte,
Die doch ein Kloster tat. Wie haun
Ins Zaubervolk hinein die schwarzen Pfaffen,
Dem langen Zuge Platz zu schaffen,
Den alle still in tiefer Ehrfurcht schaun!

Die ehrwürdige Schar nimmt mit den Obersten jedes Weltteils ihre Sitze ein; das Volk lagert sich im Schnee; die schwarzen Trabanten gebieten Stillschweigen, und die Hexe Schabernack tritt auf, um ihren Vortrag an die Versammlung zu tun; sie hustet dreimal und beginnt in Hexametern, die der Kanzleistil auf dem Brocken bei allen öffentlichen Reden erfodert:

Schwestern, die ihr durch Kunst die Herzen der Menschen regieret,
Sie zu Wünschen entflammt, sie von Leidenschaften hinweglenkt,
Hört mich mit willigem Ohr! Gerecht beschlossen wir letzthin
Mit einmütigem Spruch, die Verwegne von uns zu stoßen,
Die des Schicksals ew'ges Gesetz aus weichlichem Mitleid
Störte; sie büßet in Qual; doch bald wird die Strafe sich enden,
Wenn ihr der Listigen nicht mit schneller Entschließung zuvorkommt.
Soll ein Sterblicher sich im Arm des Vergnügens ergötzen
Und der Ekel ihn nie mit leisem Schritte beschleichen? –
In das flammende Herz des Verliebten gießen wir plötzlich
Einen löschenden Strom; mit gesättigter Liebe verschmähen
Männer die Weiber; des Ehrbegierigen Seele, den Abgrund,
Überfüllen wir oft; wir verwandeln die köstlichsten Speisen
In ein ekelndes Gift dem genäschigen Gaume, die Reize
Jedes Sinnes in Wollust, in Langeweile das Denken
Und nicht selten in Last den Odem des Lebens, und Butams
Glücklicher König allein soll nicht dem Gesetze gehorchen? –
Nein, ich dulde das nicht; ich will in geborgten Gestalten
Seinem Palaste mich nahn und durch mannigfaltige Listen
Seiner Freude den Tod bereiten. Wofern ihr des Ordens
Ansehn nicht hasset, so gebt mir unbeschränkende Vollmacht.

Das letzte Wort war noch nicht völlig ausgesprochen, so schallte ihr schon ein vollstimmiges »Ja« in allen Sprachen des Erdbodens entgegen; sie begab sich an ihren Platz, und die Versammlung entschied noch einige wichtige Angelegenheiten. Der größte Teil des gemeinen Haufens murrte, daß unter den Menschen Orthodoxie und Ketzerei bald aus der Mode kommen sollten und daß bald keiner dem andern um seines Glaubens willen einen Ritz in den Finger schneiden würde, denn sie sahen die Veränderungen unsers Jahrhunderts voraus. Die Hexen aus gewissen Gegenden Teutschlands, wo es itzt noch Hexen gibt, brüsteten sich bei dieser Gelegenheit nicht wenig, daß bei ihnen die naseweise Freiheit im Denken und Schreiben noch lange unter die geistliche Konterbande gehören würde, und eine portugiesische Nonne verlas ein lateinisches Lobgedicht auf die Inquisition, allein es fand keinen Beifall, weil man schon damals auf dem Brocken vom Geschmack an geistlichen Inquisitionen zurückgekommen war.

Der Tag brach an, und die Versammlung trennte sich; die Hexe Schabernack eilte vermöge ihrer Vollmacht zum Palaste des Königs von Butam und fuhr in die Leibkatze der Prinzessin Friß-mich-nicht. Das Tier kam seiner Gebieterin ganz anders vor, seitdem die Hexe darinne steckte; es schnurrte nicht mehr, verlor ganz seinen vorigen guten Charakter, kratzte und biß, wenn man es anrührte, und fing endlich gar an zu reden. So etwas hätte selbst einen Philosophen in Verwirrung bringen können, und die Prinzessin, ob sie gleich keine Philosophin war, urteilte doch sehr scharfsinnig, daß dieser Vorfall nicht ganz nach dem Laufe der Natur geschähe, und schloß daher sehr richtig, daß Hexerei dabei vorgehn müßte.

»Große Prinzessin«, sprach die Katze, »der König liebt dich nicht, und du bist ihm gram. Ich will dir helfen, ihm einen Possen spielen. Sooft du willst, daß ihm etwas Unangenehmes begegnen soll, so sage ›Kak‹, und du wirst deine Freude an seiner Unruhe sehn.«

Von da begab sie sich zum Bruder, dem Prinzen, und sagte ihm: »Erhabner Prinz, du liebst den König, und der König ist dir gewogen; du wünschest täglich, daß es ihm wohlgehn mag; ich will deine Freude vermehren. Sooft du einen solchen Wunsch für den König tust, so sage ›Kak‹, und er soll sogleich erfüllt werden.«

Zuletzt ging sie auch zur Königin. »Huldreichste Monarchin«, fing sie an, »du liebst deinen Gemahl zuweilen, und er ist dir mannichmal auch nicht ungeneigt; du hast oft Langeweile bei ihm und er nicht selten bei dir. Sooft du ihm und dir ein Vergnügen wünschest, so sage ›Kak‹, und er muß dir's schaffen.«

Die listige Hexe verließ ihre Wohnung und setzte sich auf die Feueresse, um die Wirkung ihrer Bosheit zu sehn. – Die arme Katze kam am schlimmsten dabei weg, denn zum großen Leidwesen der Prinzessin starb sie auf der Stelle von der Einquartierung.

Die Prinzessin, die sich's nicht zweimal sagen ließ, wenn sie einen Possen spielen sollte, begab sich sogleich ins Vorgemach des Königs; der Prinz eilte aus gutem Herze eben dahin, um geschwind dem Könige etwas Gutes zu wünschen. »Kak«, rief die Prinzessin, »Kak«, rief der Prinz, und in der Minute legte jedes ein Ei; sie sahen sich voll Verwundrung an. »Kak, kak, kak«, schrie die Prinzessin. »Wird denn das verwünschte Eierlegen bald aufhören? Da sind schon wieder drei Stück.« Sie rief voll Zorn: »Kak, kak, kak«, und je mehr sie rief, desto mehr legte sie Eier, desto mehr verwünschte sie die Eier, stampfte, schimpfte auf die Hexe, die ihr den Streich spielte, und mußte von neuem rufen und von neuem Eier legen. Der Prinz, der von einem viel sanftern Temperamente war, verrichtete sein Geschäfte mit vieler Gelassenheit, sprach sehr gutmütig: »Kak«, und sagte mit ebenso gutmütigem Tone, wenn er sich umsah: »Schon wieder ein Ei?«

Die Prinzessin wurde immer heftiger und warf endlich vor Grimm alle ihre Eier an die Wand; sie rollten unter die Produkte des Prinzen, eins stieß an das andere, alle brachen entzwei. Und welches Wunder! aus jedem Dotter wurde ein Mensch, und jeder dieser Menschen war einer von dem Heere, das ehmals die Vorgemächer bevölkerte, da die Großen noch der Etikette frönten und die Fesseln des Zeremoniells noch nicht zerbrochen hatten wie itzt. Großtürsteher, Großschlüsselbewahrer, Großkleiderkammermeister und wie sie weiter hießen, und

Alle standen chapeau bas
Frisch gepudert, scharf geschultert da.

Jeder ging an seinen Posten, der Prinz und die Prinzessin in ihre Zimmer und begriffen nicht, was aus dem Wunderwerke werden sollte.

Der König wollte auf die Jagd gehn und glaubte noch wie sonst Herr seines Willens zu sein; er gab Befehl; der Befehl wurde dem obersten Stallmeister überbracht und brauchte eine ganze Stunde, eh er von diesem durch alle mittlere Instanzen zu dem Reitknechte hindurchkam, der das Pferd vorführen sollte; ebenso viele Zeit brauchte er, um sich von dem ersten Oberjägermeister bis zu dem niedrigsten Jagdburschen durchzuschlagen, der mitreiten mußte, und zwei ganze Stunden wurden erfodert, ehe die Verordnung des ersten Marschalls zu allen gelangte, in welcher Uniform jeder sich einfinden sollte, der zur Begleitung bestimmt war. Der König verging beinahe vor Verdruß; er sah mit Verwundrung vom Fenster, daß sich eine Menge Pferde versammelten, als wenn er in den Krieg ziehen wollte. Die Begleitung wartete im ersten Vorgemache, aber niemand konnte zum König und der König nicht heraus; alle Türen waren verschlossen und der Großtürbewahrer noch nicht da, der den Schlüssel dazu hatte. Er kam endlich, und vier Stunden, nachdem der Befehl aus dem Munde des Königs gegangen war, brach der Zug auf.Diese sonderbare Etikette war noch zu Anfange dieses Jahrhunderts in Spanien gewöhnlich: Le Roi, voulant aller à la chasse, avait donné l'ordre à son porte-arquebuse pour deux heures. Les personnes de sa suite se rendirent au palais: elles croyaient entrer dans l'appartement: mais celui qui avait droit d'en fermer les portes, ne parut qu'à trois heures. Il fallut que le roi attendit comme les autres. Les grands jouissaient de privilèges que maintenait la sévérité de l'étiquette: on tenait par-là le Monarque en quelque sorte reclus, excepté pour eux. »Mémoires politiques«, T. 2, p. 28.

Es ließen sich Fremde vorstellen, und der König sprach mit ihnen, wie ein Mensch von Verstande mit einem Menschen von Verstande, offen, lebhaft, ohne Zwang. Als er sie von sich gelassen hatte, tat ihm der Großfremdenvorsteller einen Vortrag, worin er ihm die Erinnerung gab, daß Ihre Majestät bei der Audienz wider die Regel der Etikette verstoßen und mehr gesprochen hätten, als einem Monarchen anständig wäre. Der König fragte lachend, was einem Monarchen nach seiner Etikette anständiger wäre zu sprechen? »Nichts«, antwortete jener, »als zwei Fragen, eine über den Weg, die andre über die Gesundheit.« – »Ich will reden wie ein Mensch, der zu reden weiß und bei Leuten, mit denen er spricht, Unterricht oder Vergnügen sucht«, sagte der König unwillig. »Hat denn ein Klotz mehr Würde als ein Mensch?« – Durch diese unbedachtsame Rede tat er sich vielen Schaden bei den Großen des Reichs; denn sie waren nicht unzufrieden, daß er redte, sondern daß er mit jemand außer ihnen sprach; es entstand allgemeines Murren.

Der König wollte eine von seinen vorigen Freigebigkeiten ausüben und griff nach seinem grünen Sacke; wo war er? Der Großsackbewahrer hatte ihn unter seine Aufsicht genommen. Umsonst befahl der König, ihn auszuliefern; der Verwahrer desselben behauptete, daß allein ihm das Recht zukäme, die Auszahlungen aus dem Sacke zu tun; auch dies ließ sich der König gefallen, aber sooft er Befehl zu einer gab, so machte der Sackbewahrer so viele Gegenvorstellungen und Einwendungen, wenn er keine Lust dazu hatte, daß eigentlich nicht mehr der König, sondern sein Sackbewahrer Gnaden austeilte und daß sie daher nicht der Verdienstvolle bekam, sondern wer vor diesem Herrn am besten kriechen konnte.

Nicht besser ging es mit dem roten Nachtstuhl und der goldnen Büchse; der König wollte täglich, befahl täglich, und niemals wurde sein Wille, niemals sein Befehl erfüllt; er war nichts als eine Puppe, die den König vorstellte, die Ehre des Monarchen genoß und den Willen der Großen unterzeichnete.

Er klagte seiner Gemahlin seine Not, wie sehr er in Vormundschaft geraten wäre und wie wenig er sich davon befreien könnte; sie erinnerte sich an den Rat der Katze und antwortete ihm nichts als »Kak«. Sie vermutete, daß sich auf dieses Wort alle Vergnügen der Erde um sie her versammeln würden; aber es geschah nichts. Sie wiederholte den Ausruf zum zweiten, zum dritten Male: Es geschah nichts. Verdrießlich schmähte sie schon bei sich auf die betrügerische Hexe, als sie von ungefähr ihren Gemahl anblickte und in seinem Gesicht eine ungewöhnliche Munterkeit wahrnahm, die immer mehr wuchs, je länger sie ihn ansah, und sich endlich so sehr vergrößerte, daß er sich des Tanzens nicht enthalten konnte; er faßte sie bei der Hand, sang eine Bourrée und sprang mit ihr herum, daß sie beide zuletzt atemlos auf die Ottomane sanken. Er machte noch denselben Tag Anstalt, Opern, Seiltänzer, Virtuosen auf allen Instrumenten, Schauspieler, Kastraten, Sängerinnen, Taschenspieler und tausend andere edle und unedle Künstler in Dienste zu nehmen, und der Sackbewahrer, der wohl wußte, was es bedeutet, wenn der Monarch sich ganz auf die Seite des Vergnügens lenkt, machte diesmal nicht eine einzige Einwendung. Er schrieb mit eigener Hand an alle Orte, um das Vortreffliche in jeder Art des Vergnügens am Hofe des Königs zu versammeln; Operntheater wurden gebaut, worauf ein ganzes Regiment manövrieren konnte, Redoutensäle von ungeheurer Größe, Amphitheater zu Tiergefechten, alles so groß und prächtig, als es die Imagination des Baumeisters zu ersinnen vermochte. Vom Morgen bis zum Abend tat man nichts, als daß man von Vergnügen zu Vergnügen eilte.

Kaum öffnete der Tag die Augenlider,
So hallte schon der Wald vom Jägerrufe wider.
Mit wildem Schreien treibt aus dem Gebüsch ins Feld,
Von hohen Wänden weit umstellt,
Ein Bauernchor das scheue Wild. Dort schreitet
Mit schwankendem Geweih der sichre Hirsch hervor
Und bleibt mit Staunen stehn; er reckt den Hals empor
Und ahndet keinen Tod. Ihm folgt, von ihm geleitet,
Ein endenreicher Trupp in langen Reihen nach.
Der Büchse Donner schallt, der dreiste Führer sinkt.
Die bange Schar, zum Fliehn vor Schrecken schwach,
Sieht bebend, wie sein Blut der durst'ge Rasen trinkt.
Der zweite Schuß pfeift durch die Luft und streckt
Den zweiten hin. Wie springt der geängstete Haufen,
Dem drohenden Tod zu entlaufen!
Und findet ihn, wo er am wenigsten schreckt.
Hier hebt sich, über die Schranken zu hüpfen,
Ein Mut'ger empor und stürzt verwundet herab;
Ein andrer gräbt, darunter wegzuschlüpfen,
Sich listig einen Weg und gräbt sich sein Grab.
Ihr Toren flieht umsonst; was kann euch Schutz gewähren?
Der Mensch ist euer Feind, aufs Rauben nur bedacht,
Den nicht wie den empfindungsvollern Bären
Der Mangel bloß, den selbst die Lust zum Mörder macht.

Das blut'ge Schauspiel ist vollbracht;
Man übersieht mit Stolz die totenvolle Szene.
Mit schallendem Triumphgetöne
Verläßt man sie und eilt, bei einem reichen Mahl
Die Heldentaten zu erzählen.
Man kehret zum Palast, ein andres Kleid zu wählen,
Und neugeschmückt erscheint man festlich in dem Saal,
Wo auf dem vollen Tisch aus Meere, Luft und Garten,
Aus Süd und Ost die schönsten Leckerein
In tiefstudierter Ordnung warten,
Mit gleichem Reize Gaum und Auge zu erfreun.
Hier brüstet sich, aus buntem Teig geschaffen,
Ein spiegelreicher Pfau, den niemand essen mag;
Gleich uneßbar und gleich bewundert, gaffen
Auf einem Berg von Moos mit ausgeholtem Schlag,
Der niemals treffen wird, zwei Äffchen wild sich an.
Ein Entenvölkchen schwimmt auf einem See von Brühe;
An steilen Alpen klettern Kühe
Zum Gipfel, voller Schnee von Eierweiß, hinan;
Ein Eber lauscht mit scharfgewetztem Zahn
In einem Eichenwald von Petersil und Mandeln.
Kein Essen, das die Kunst in fremde Form nicht zwang!
Die Kunst, mit der Natur in ew'gem Zank,
Ließ Fisch' in Vögel sich verwandeln,
Schuf aus des Hasen Fleisch des Löwen furchtbar Bild.
Bewundert ist die Pracht, der Appetit gestillt,
Die ganze Jagd erzählt, die Unterhaltung trocken.
»Was?« ruft der König aus und hält die Uhr
Mit Schrecken in der Hand, »beim zweiten Gange nur
Und doch so spät? Die Hunde locken
Den Fuchs zum schweren Kampf.« Er sagt's und springt empor,
Die edle Zeit mit Klugheit einzuteilen
Und nicht bei einer Lust zu lange zu verweilen,
Wenn eine neue ruft. Ihm folgt der ganze Chor
Der satten Esser nach. Trompet' und Pauken schallen;
Die Schranken öffnen sich, und unaufhaltsam fallen
Den langgeschwänzten Fuchs die Hunde bellend an.
Sie bellen, und er beißt, sie beißen, und er schreit;
Er wehrt sich, flieht und – stirbt, sobald er keins mehr kann.
Doch, Muse, tut dir's nicht um deine Verse leid?
Verschwende sie an keine Grausamkeit!
Die Lust, die eines Tiers gequälter Tod gewährt,
Ist keines einz'gen Verses wert.

Schon lange laurt im Opernsaal die Menge,
Bricht Bänk' und Arm' entzwei in drückendem Gedränge
Und wünscht mit Ungeduld den Füchsen schnellen Tod,
In Hoffnung länger nicht zu schmachten.
Itzt rollt der Pauke Lärm daher, und tobend droht
Der Sinfonie Geräusch mit Krieg und blut'gen Schlachten.
Der Vorhang rauscht, und schnell wird alles Ohr.
Vom Schauplatz tönt ein stimmenvoller Chor
Mit feierlicher Pracht durch den gewölbten Saal
Und drückt dem Herz mit tiefen Zügen
Erstaunen ein. Ein Held, gekrönt mit Siegen,
Kehrt mit dem Heer zurück; er legt den blut'gen Stahl
In der Geliebten Schoß und weiht sich Amors Kriegen.
Kühn, wie ein leichter Gems durch Schweizerklippen hüpft,
Springt eine Meisterhand in labyrinthschen Gängen
Die Silbersaiten durch; gewälzt wie Wellen drängen
Die Töne bald sich rauschend fort, bald schlüpft
Der schleichende Gesang hernieder – und erlischt,
Wie ein verliebter West um eine Tulpe wirbt,
Sie sanft berührt und dann mit leisem Seufzer stirbt.
Wie von des Frühlings Hauch zum Leben angefrischt,
Die Lerche wirbelnd steigt und in den Wolken schlägt,
So steigt und sinket durch der Töne Leiter
Ein tönender Sopran in leichten Trillern weiter
Empor, als selbst Apollens Lyra trägt.
Durch ungetreue Lieb in Raserei versenkt,
Tobt die Prinzessin dort, daß Schlepp und Kleid sich schwenkt;
Zorn brauset im Gesang, daß jede Nerve bebt,
Wenn die Beleidigte den Dolch zur Brust erhebt.
Die Heere ziehn, die Schilde klirren,
Der Donner rollt, am Himmel irren
Die Blitze kreuzend hin; im Augenblick
Wird der Palast zum Hain, der Hain zur öden Wüste,
Die Wildnis eine Flur und durch ein Zauberstück
Ein Tempel aus der Flur. Ein schwebendes Gerüste,
Mit Wolken reich behängt, mit Lampen schön erhellt,
Trägt einen Gott herab, der seine Majestät
Mit banger Furcht vergißt, sich nach den Stricken dreht
Und ängstlich sorgt, daß nicht die Wolkenkutsche fällt
Und er den Götterhals auf seiner Reise bricht;
Doch langt er glücklich an, dann kommt in sein Gesicht
Die Gottheit gleich zurück, und furchtbar ist's zu sehn,
Wie er die Welt mit Blick und Trillern itzt erschüttert,
Daß sie vor ihm, wie er vor seiner Reise, zittert.
Das Opfer flammt, die Priester flehn,
Parterr, nebst Logen, sehnt sich nach dem Abendessen;
Man läßt den Gott, so gut er kann, nach Hause gehn
Und findet, wohl gespeist, die Oper doppelt schön.

Wie? wären bei dem Plan zwölf Stunden Nacht vergessen?
Zu Freuden ungenützt, verschliefe man die Nacht? –
Nein, weislich ward schon längst auf sie gedacht.
Ist nicht im Tanzsaal schon ein buntes Volk versammelt,
Das sein Gesicht mit Wachs und Leinwand deckt,
Mit roten Wangen prahlt, mit Riesennasen schreckt,
Oft durch die schwarze Mask ein schönes Auge steckt,
Bald stumm durch Zeichen spricht, bald lispelt oder stammelt?
Rauscht die Musik nicht schon mit wilder Fröhlichkeit?
Wie schwebt die Perserin dort mit beflügeltem Schritte,
Leichtfliegend und sanft wie ihr flatterndes Kleid!
Wie schielt sie bei jedem gemessenen Tritte
Nach lächelndem Beifall herum!
Ein krummgebückter Greis wirft seines Alters Bürde
Gleich einer Feder ab und dreht wie ein Jüngling sich um;
Ein Pfarr' vergißt auf einmal Ernst und Würde
Und schwenkt sich profan wie ein Weltkind herum;
Der eine hat Witz, der andre Biskuit zu verschenken,
Mit Spott ergötzt sich der eine, der andre mit Schwänken.
Kein einz'ger, der sich nicht in der falschen Rolle gefällt,
Nicht seine wahre mit Freuden vergißt!
Das bunte Volk ist ganz das Bild der Welt;
Ein jeder scheint, was er nicht ist.

So ging es Tag für Tag; aber je mehr die Vergnügen sich drängten, desto geschwinder wurde der König sie überdrüssig. Er gähnte bei der Jagd, er gähnte bei Tische, er gähnte bei der Fuchshetze, er gähnte bei der Oper, er gähnte bei der Redoute, und um das beschwerliche Gähnen nicht zu einer Krankheit werden zu lassen, sann man auf Neuheit.

Das Possenspiel trat auf die Bühne,
An schönen Arien und Albernheiten reich.
In Locken wie ein Schlauch und mit verzerrter Miene
Spielt einem Narren hier ein Närrchen einen Streich.
Der Primadonna Spiel ersetzet an Grimassen,
Was an Verstand den Worten fehlt;
Sie liebt, sie wird betrübt und dann vermählt
Und weiß sich im Final vor Freuden nicht zu fassen.
Man geht heraus; hat viel gehört und nichts gedacht,
Hat alles toll genannt und doch gelacht.

Sobald die Neuheit dieser Possen vorbei war, so fing der König an gewaltiger zu gähnen als jemals; man riet also, sein abgenütztes Vergnügen mit etwas recht Starkem anzufrischen.

Mit Gift und Dolch, mit Tränen und mit Schrecken
Rauscht unter grausem Pomp das Trauerspiel daher,
Das weiche Herz zu Furcht und Mitleid zu erwecken.
Von Ehrgeiz angespornt, ermordet auf Begehr
Der Gattin ein Vasall den Herrn im sichern Schlafe,
Steigt auf den Thron und wird ein gräßlicher Tyrann,
Würgt wie ein Wolf die waffenlosen Schafe,
Minister, General, Freund, Kinder, Weib und Mann.
Doch bald verfolgt den Bösewicht die Strafe;
Die Geister der Erwürgten stehn
Vor ihm im Bett, vor ihm beim Freudenmahle,
Und die erschrocknen Augen sehn
Geronnen Blut im blinkenden Pokale.
Die Hexen kochen das schwarze Gemisch
Der Zaubersuppe, die Luft zu vergiften;
Die Winde sausen mit wildem Gezisch,
Und blasse Tote steigen aus Grüften,
Zu prophezein, daß schon den Dolch die Rache zückt;
Und was geschieht? – Der Wütrich wird zerstückt
Und seine böse Frau verrückt.

»Ach!« rief der König. »Wollt ihr mich denn mit euren schrecklichen Lustbarkeiten ums Leben bringen? Solche abscheuliche Dinge machen schwere Träume. Daß mir in Zukunft kein Mensch mehr auf dem Theater verrückt wird, oder ich laß ihn gleich ins Tollhaus bringen und den Poeten dazu. Können die Leute nichts Lustiges spielen?« – Man gehorchte dem Verlangen.

Ein komisch Spiel durchgaukelte die Szene,
Mit Scherz und Laune Hand in Hand.
Mit Selbstgefallen buhlt die abgelebte Schöne
Und findet jeden dumm, der sie nicht reizend fand;
Der Alte predigt Sittenlehren,
Nennt's Torheit, wenn man liebt, und liebt, wenn's niemand merkt;
Der Geiz'ge läßt vom List'gen sich betören,
Und den Verschwender will der schlechte Wirt bekehren.
Bald gibt, durch muntern Witz gestärkt,
Dem Hohn die beißende Satire
Das Lächerliche preis; zu andrer Zeit
Erweckt das Drollige den Geist zur Heiterkeit;
Bald malt ein zärtlich Herz in süßer Trunkenheit
Der Liebe Schmerz, der Liebe Seligkeit,
Ein andres die Verlegenheit,
Wenn man vor Liebe brennt und das Geständnis scheut.
Vom Hofmann bis zum Musketiere
Sieht jeder seines Stands Philosophie,
Manieren, Sitten, Sprach in richtiger Kopie.

»Das ist mir recht«, sprach der König, »dabei wollen wir bleiben; das Lächeln macht aufgeräumt, das Lachen guten Schlaf und guten Appetit.«

Als acht Tage vorbei waren, beschwerte er sich, daß ihm etwas fehlte; jedermann war schon bereit, es herbeizuschaffen, sobald er es nennen würde. »So etwas, das Augen und Ohren beschäftigt«, antwortete er, als ihn seine Gemahlin darum befragte. »Der Witz und die Laune sind wohl gute Dinge, aber sie werden's nicht übelnehmen, wenn man sie endlich auch überdrüssig wird.«

Man brachte ein Ringelrennen, ein Feuerwerk, einen Wettlauf in Vorschlag. »Recht so!« war des Königs Antwort. »Das ist gerade meine Sache.«

Laut wiehernd stampft der Hengst im Karussell,
Mit langgestrecktem Galopp durch die staubende Laufbahn zu jagen,
Zum Siege den glänzenden Ritter zu tragen.
Dicht, wie ein Wald vom Strahl der Morgensonne hell,
Geordnet in zwei Reihen, blitzen
Der Lanzen aufgepflanzte Spitzen.
Begierig wartet schon, dem das gezogne Los
Den ersten Lauf bestimmt', aufs langverschobne Zeichen.
Die Pauke schallt, schnell fliegt, wie vom Bogen ein leichtes Geschoß,
Mit wankendem Federbusch Ritter und Roß,
Die Mitte des schwebenden Rings zu erreichen.
Ach! welch ein neidisches Geschick
Lenkt neben ihm vorbei die schwere Lanze?
Ein unglückselig Roß bei allem seinen Glanze,
Kehrt ohne Paukenschall der traur'ge Gaul zurück,
Und seufzend senkt die leere Lanze
Der Ritter mit verschämtem Blick.
Um soviel mutiger durchrennt der zweite
Die Bahn auf einem Roß, durch langen Ruhm bekannt;
Mit ausgestrecktem Arm fliegt ihm das Glück zur Seite
Und lenkt ihm hülfreich Lanz und Hand.
Wie braust der stolze Wallach, da das Eisen
Des abgestochnen Rings am glatten Stahle klirrt
Und im gespitzten Ohr die Siegstrompete schwirrt!
Wie hebt der Sieger sich, wenn alle rings ihn preisen,
Und klatscht den edeln Hals des Pferdes mit Triumph!

Bald wurde für die überfüllten Sinne
Des Königs diese Lust, gleich jeder andern, stumpf.
»Wie säte die Natur die Freuden dünne!«
So seufzt' er oft. »Mit geiler Fruchtbarkeit
Gedeihn Verdruß und Langeweile.«
Der ganze Hof studiert mit Emsigkeit,
Ein Mittel auszuspähn, das diesen Trübsinn heile.
Indessen wird in größter Eile
Ein Feuerwerk hervorgebracht,
Wie seit der Schöpfung keins auf unserm Erdball brannte.
In Gnaden schuf dazu der Himmel eine Nacht
So pechschwarz, daß kein Mensch sich selbst erkannte.

Wald, Ufer, Tal, Gebirge kracht
Von fünfzig donnernden Kanonen.
Am Berge steigt ein feuriger Palast –
Selbst Feen würden gern darinne wohnen –
Wie hergezaubert auf. Dort wälzt sich eine Last
Von Feuer in die Luft mit prasselndem Getümmel;
Raketen speit der flammende Volkan
Zu Tausenden empor; sie bilden einen Himmel,
So sternenreich, daß Venus, Wassermann
Und Großer Bär erlischt. Es prasselt, platzt und kracht –
Weg ist der sternenreiche Himmel,
Geld, Pracht und Lust verdampft und alles finstre Nacht.

Der König geriet außer sich vor Entzücken und verlangte nunmehr zu seiner Glückseligkeit nichts als Feuerwerke; an allen Orten wurden Pulvermühlen angelegt; man ging auf nichts aus, als Schwefel und Salpeter zu entdecken, und die Feuerwerker wünschten sich doppelt so viele Hände, um ihre Arbeit desto geschwinder fodern zu können. Schon bei dem fünften Feuerwerke beschwerte sich der König über Einförmigkeit in den Erfindungen, und das sechste sah er gar nicht.

Da er mit seinem Vergnügen und die Hofleute mit ihrer Erfindsamkeit ganz erschöpft waren, so wandte er sich an seine Akademie und gab ihr den Auftrag, die Erfindung eines neuen Vergnügens zur Preisaufgabe dieses Jahrs zu machen. Es liefen eine Menge Abhandlungen ein: Ein Astronom empfahl die Betrachtung des gestirnten Himmels und die Berechnung der Kometenbahnen; ein Antiquar riet die Entzifferung und Aufsuchung alter Denkmäler an; ein Philosoph behauptete, daß ein Mensch gar keinen Kopf haben müßte, wenn er Langeweile in einer Welt hätte, wo es Metaphysik gäbe; so erteilte jeder seinem Vergnügen den Vorzug und glaubte, daß alle Menschen mit ihm auf einem Wege zur Glückseligkeit gelangen müßten und nur darum nicht dazu gelangten, weil sie einen andern gewählt hätten. »Lauter bekannte Dinge!« rief der König voll Zorn, als man ihm von den eingelaufnen Vorschlägen Bericht erstattete. »Etwas Neues will ich.« – Jeder gestand in Untertänigkeit, daß es ihm unmöglich wäre, dies Verlangen zu erfüllen, weil . . . »Ach«, unterbrach sie der König, »beweist mir nur nicht, was ich deutlich genug sehe. Es ist kein Wunder, daß ihr niemals Zeit übrig habt, wenn ihr alles beweist, woran niemand zweifelt. Halt ich mir nicht eine Akademie, die mir so vieles Geld kostet, und doch kann sie mir nicht einmal das Leben erträglich machen.«

Er warf sich verzweiflungsvoll in seinen Armstuhl und beschloß den Genuß des Vergnügens damit, daß er gar keins glaubte. »Wie wohl war mir«, sagte er, »da ich noch in meinem stillen, einsamen Häuschen den Stein der Weisen und die Naturkräfte suchte; ich fand zwar keins von beiden, aber ich war doch durch die eingebildete Hoffnung glücklich, daß ich sie finden würde. Wie ist der Weg des Genusses in diesem Leben so kurz! Er führt in einem kleinen Zirkel herum, und mit sechs Schritten ist man wieder an dem Orte, wo der Weg anfing. Ach wär ich noch der weise Kak . . .«

Ohne seinen Willen hatte er in seinem Verdrusse den Ton ausgesprochen, der ihn daraus erretten sollte; das Vögelchen kam auf diesen Ruf herbei, lud ihn auf seine Flügel und führte ihn weit von Butam hinweg zum Schlosse eines teutschen Edelmanns, der nach den damaligen Sitten soviel trinken konnte als zwanzig Sterbliche in unserm gegenwärtigen entkräfteten Menschenalter.

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.